Adhyāya 4
Der Sterbende, das unvergängliche Selbst und die Lehrerreihen: Yājñavalkyas letzte Unterweisungen
Das vierte Adhyāya führt den in Adhyāya 3 begonnenen Wettstreit fort und lässt Yājñavalkya, den unangefochtenen Sieger, nun in vertraulicherem Rahmen weiterlehren. Im ersten Brāhmaṇa prüft König Janaka ihn ein zweites Mal, diesmal in acht kurzen Runden: Sechsmal beruft sich Yājñavalkya auf verschiedene, ihm von seinen Lehrern überlieferte Antworten auf die Frage nach dem 'Licht des Menschen' (brahman als Sonne, Mond, Feuer, Rede, Atem und schließlich Ātman selbst) – wobei ihm jedes Mal der Vorwurf droht, die entgegengenommene Belohnung (dakṣiṇā) nicht verdient zu haben, ohne den Schüler zuvor vollständig unterwiesen zu haben; erst mit der letzten, tiefsten Antwort – dem Ātman als dem einzig wahren Licht des Menschen – ist Janaka zufriedengestellt (1–2). Das zweite Brāhmaṇa entfaltet die berühmte 'Nicht so, nicht so'-Lehre (neti neti) vom unfassbaren, unzerstörbaren, unangehafteten und ungebundenen Ātman, den Yājñavalkya Janaka offenbart, worauf dieser sich selbst samt seinem Reich zum Dienst anbietet (3). Das dritte, umfangreichste Brāhmaṇa – das nächtliche Gespräch zwischen Yājñavalkya und Janaka – behandelt das eigene Licht des Menschen im Traum- und Tiefschlafzustand, die drei Zustände des Selbst (Wachen, Träumen, traumloser Schlaf) und ihre Übergänge, das Bild vom großen Fisch, der zwischen zwei Ufern hin- und herschwimmt, sowie das Sterben selbst: das Herz beginnt zu leuchten, der Ātman verlässt den Körper, von Atem, Wissen und Werk begleitet, um – wie eine Raupe, die sich von einem Grashalm zum nächsten hinüberzieht, oder wie ein Goldschmied, der aus altem Gold eine neue, schönere Form schafft – gemäß seinen Taten (karman) eine neue Gestalt anzunehmen. Es folgt die große Eschatologie vom Unterschied zwischen dem noch Begehrenden, der zu neuem Werk in diese Welt zurückkehrt, und dem Begierdelosen, dessen Selbst schon Brahman ist und der bei seinem Tod ohne Umweg in Brahman eingeht; das Kapitel gipfelt im Bekenntnis, dass dieser Ātman 'nicht so, nicht so' ist – unfassbar, unzerstörbar, unangehaftet, ungebunden – und in Yājñavalkyas Mahnung, nach der Erkenntnis des Selbst als Bettelmönch, jenseits von Sohn, Reichtum und Welten, zu leben (4–33). Das vierte Brāhmaṇa – eines der philosophisch dichtesten der gesamten Upaniṣad – handelt vom sterbenden Menschen, dessen Selbst gemäß seinem Wissen und Werk in eine neue Form eingeht, entfaltet die Kette 'Wille (kratu) – Tat (karman) – Werk' als Grundgesetz der Wiedergeburt und mündet in die berühmte Lehre vom Unvergänglichen (akṣara), das durch Erkenntnis von Furcht, Tod und Wiedergeburt befreit; Yājñavalkya beschließt seine Rede mit dem eindringlichen Rat, nach Erkenntnis des Selbst allein zu streben, und verzichtet – nachdem Janaka ihm sein ganzes Reich zum Geschenk anbietet – demonstrativ auf jeden weltlichen Lohn (1–25). Ein knapper Abschnitt über die Vergänglichkeit äußeren Ruhms gegenüber der bleibenden 'Größe des Brahmanen' rundet das Brāhmaṇa ab (26–29). Das kurze fünfte Brāhmaṇa nimmt noch einmal – nahezu wortgleich mit dem bereits in Adhyāya 2 (2.4) berichteten Dialog – Yājñavalkyas Abschied von seiner Frau Maitreyī auf, mit derselben Lehre, dass nichts um seiner selbst willen, sondern alles nur um des Selbst willen lieb ist, und derselben Reihe vom Verlassenwerden durch Brahman, Kṣatriyatum, Welten, Götter, Veden und Wesen, sobald man sie anderswo als im Selbst sucht (1–15). Den Abschluss bildet das sechste Brāhmaṇa mit den beiden parallelen Lehrerreihen (vaṃśa) – zunächst in der Mādhyandina-, dann in der Kāṇva-Fassung –, die die gesamte vorangegangene Überlieferung dieses Adhyāya bis zum Selbstentstandenen (Svayambhū) und zum Brahman selbst zurückführen und mit der Verehrungsformel 'Verehrung dem Brahman!' schließen (1–3).
janako ha vaideha āsāṃ cakre atha ha yājñavalkya āvavrāja sa hovāca janako vaideho yājñavalkya kimarthamacārīḥ paśūnicChanaṇvantānīti ubhayameva saṃrāḍ iti hovāca
Janaka von Videha hielt [ein Opfer ab, bei dem reiche Gaben verteilt wurden] (āsāṃ cakre). [Anm.: Die Wendung āsāṃ cakre hat im Sanskrit kein ausdrückliches Objekt; die Übersetzung folgt der in der Forschung vorherrschenden Deutung (Śaṅkara u. a.), wonach Janaka ein Opfer mit reichen Priestergaben veranstaltete – worauf sich Yājñavalkyas anschließende Frage nach der „Suche nach Rindern“ unmittelbar bezieht; vereinzelt wird auch an eine Gelehrtenversammlung gedacht.] Da kam Yājñavalkya herbei; da sprach Janaka von Videha: „Yājñavalkya, wozu bist du hergekommen – auf der Suche nach Rindern oder nach subtilen [Fragen] (aṇvantān)?“ – „Beides zugleich, o Herrscher (samrāṭ)“, sprach er.
abravīnma ūdaṅkaḥ haulvāyanaḥ prāṇo vai brahmeti yathā mātṛmānpitṛmānācāryavānbrūyāt tathā tacChaulvāyano abravīt prāṇo vai brahmeti aprāṇato hi kiṃ syāditi abravīttu te tasyāyatanaṃ pratiṣṭhām na me'bravīditi ekapādvā etat samrāḍ iti
Udaṅka Śaulvāyana sagte mir: „Der Atem (prāṇa) fürwahr ist das Brahman.“ Wie einer sprechen würde, der eine Mutter, einen Vater, einen Lehrer hat [d. h. wie es einem ordentlich Unterwiesenen geziemt], so sprach der Śaulvāyana: „Der Atem fürwahr ist das Brahman, denn was könnte einer sein, der ohne Atem ist?“ – „Hat er dir aber dessen Sitz (āyatana) und Grundlage (pratiṣṭhā) genannt?“ – „Er hat es mir nicht gesagt.“ – „Das ist nur ein Viertel (pāda, wörtl. ‚ein Fuß‘) davon, o Herrscher.“ [Anm.: Die Mādhyandina-Rezension überliefert diese Lehrernamen durchweg mit anlautendem h- statt ś- (haulvāyanaḥ, hailinaḥ, hākalyaḥ u. a.) – eine rezensionsspezifische Orthographie; sie sind hier wie auch in den folgenden Kaṇḍikās zu den geläufigen Formen (Śaulvāyana, Śailini, Vārṣṇa, Bhāradvāja, Jābāla, Śākalya) normalisiert.]
sa vai no brūhi yājñavalkya sa evāyatanam ākāśaḥ pratiṣṭhā priyamityenadupāsīta kā priyatā yājñavalkya prāṇa eva samrāḍ iti hovāca prāṇasya vai samrāṭ kāmāyāyājyaṃ yājayati apratigṛhyasya pratigṛhṇāti api tatra vadhāśaṅgā bhavati yāṃ diśameti prāṇasyaiva samrāṭ kāmāya prāṇo vai samrāṭ paramaṃ brahma nainaṃ prāṇo jahāti sarvāṇyenaṃ bhūtānyabhikṣaranti
„So sag du es uns denn, Yājñavalkya!“ – „Er [der Atem] selbst ist sein Sitz (āyatana), der Raum (ākāśa) seine Grundlage (pratiṣṭhā); als ‚das Liebe‘ (priya) soll man ihn verehren.“ – „Worin besteht seine Lieblichkeit (priyatā), Yājñavalkya?“ – „Der Atem selbst, o Herrscher“, sprach er. „Um des Atems (prāṇa) willen, o Herrscher, lässt man nämlich sogar einen opfern, für den man nicht opfern sollte; man nimmt Gaben von einem an, von dem man sie nicht annehmen sollte; ja, es entsteht sogar Furcht vor Gewalt (vadhāśaṅkā), in welche Gegend man auch geht – all dies um des Atems willen, o Herrscher, aus Verlangen [nach Leben]. Der Atem, o Herrscher, ist fürwahr das höchste Brahman. Der Atem verlässt ihn nicht; alle Wesen strömen ihm zu.“
devo bhūtvā devānapyeti ya evaṃ vidvānetadupāste hastyṣabhaṃ sahasraṃ dadāmīti hovāca janako vaidehaḥ sa hovāca yājñavalkyaḥ pitā me'manyata nānanuśiṣya hareteti ka eva te kimabravīditi
„Zum Gott geworden geht er zu den Göttern ein, wer, dies wissend, dies verehrt.“ – „Tausend [Kühe] samt einem [mächtigen,] elefantengleichen Bullen (hastyṛṣabham) gebe ich dir“, sprach Janaka von Videha. [Anm.: hastyṛṣabham ist doppeldeutig – „ein elefantengleicher [gewaltiger] Bulle“ oder, als getrennte Gaben verstanden, „ein Elefant und ein Bulle“; dieser Refrain kehrt wortgleich in 4.1.7, 4.1.10, 4.1.13, 4.1.16 und 4.1.19 wieder.] Yājñavalkya sprach: „Mein Vater war der Meinung, man dürfe [eine Gabe/einen Lohn] nicht annehmen, ohne zuvor vollständig unterwiesen zu haben.“ – „Wer nun hat dir was [Weiteres] gesagt?“
abravīnme jitvā hailino vāgvai brahmeti yathā mātṛmānpitṛmānācāryavānbrūyāt tathā tacChailino abravīd vāgvai brahmeti avadato hi kiṃ syāditi abravīttu te tasyāyatanaṃ pratiṣṭhām na me'bravīditi ekapādvā etat samrāḍ iti
Jitvan Śailini sagte mir: „Die Rede (vāc) fürwahr ist das Brahman.“ Wie einer sprechen würde, der eine Mutter, einen Vater, einen Lehrer hat, so sprach der Śailini: „Die Rede fürwahr ist das Brahman, denn was könnte einer sein, der nicht spricht?“ – „Hat er dir aber deren Sitz und Grundlage genannt?“ – „Er hat es mir nicht gesagt.“ – „Das ist nur ein Viertel davon, o Herrscher.“
sa vai no brūhi yājñavalkya vāgevāyatanam ākāśaḥ pratiṣṭhā prajñetyenadupāsīta kā prajñatā yājñavalkya vāgeva samrāḍ iti hovāca vācā vai samrāḍ bandhuḥ prajñāyata ṛgvedo yajurvedaḥ sāmavedo'tharvāṅgirasa itihāsaḥ purāṇaṃ vidyā upaniṣadaḥ ślokāḥ sūtrāṇyanuvyākhyānāni vyākhyānāni hutamāśitaṃ pāyitamayaṃ ca lokaḥ paraśca lokaḥ sarvāṇi ca bhūtāni vācaiva saṃrāṭ prajñāyante vāgvai samrāṭ paramaṃ brahma nainaṃ vāgjahāti sarvāṇyenaṃ bhūtānyabhikṣaranti
„So sag du es uns denn, Yājñavalkya!“ – „Die Rede selbst ist ihr Sitz, der Raum ihre Grundlage; als ‚Erkenntnis‘ (prajñā) soll man sie verehren.“ – „Worin besteht diese Erkenntnishaftigkeit (prajñatā), Yājñavalkya?“ – „Die Rede selbst, o Herrscher“, sprach er. „Durch die Rede, o Herrscher, wird ein Verwandter (bandhu) erkannt; [durch sie werden erkannt] der Ṛgveda, der Yajurveda, der Sāmaveda, der Atharvāṅgirasa[-Veda], die Geschichtsüberlieferung (itihāsa), die alte Sagenkunde (purāṇa), die Wissenschaften (vidyā), die Geheimlehren (upaniṣad), die Verse (śloka), die Leitfäden (sūtra), die Erläuterungen (anuvyākhyāna) und Kommentare (vyākhyāna); das Geopferte, das zu Essende, das zu Trinkende, diese Welt und die jenseitige Welt und alle Wesen – all dies, o Herrscher, wird durch die Rede allein erkannt. Die Rede, o Herrscher, ist fürwahr das höchste Brahman. Die Rede verlässt ihn nicht; alle Wesen strömen ihm zu.“
devo bhūtvā devānapyeti ya evaṃ vidvānetadupāste hastyṣabhaṃ sahasraṃ dadāmīti hovāca janako vaidehaḥ sa hovāca yājñavalkyaḥ pitā me'manyata nānanuśiṣya hareteti ka eva te kimabravīditi
„Zum Gott geworden geht er zu den Göttern ein, wer, dies wissend, dies verehrt.“ – „Tausend [Kühe] samt einem elefantengleichen Bullen gebe ich dir“, sprach Janaka von Videha. Yājñavalkya sprach: „Mein Vater war der Meinung, man dürfe [eine Gabe/einen Lohn] nicht annehmen, ohne zuvor vollständig unterwiesen zu haben.“ – „Wer nun hat dir was [Weiteres] gesagt?“
abravīnme barkurvārṣṇaś cakṣurvai brahmeti yathā mātṛmānpitṛmānācāryavānbrūyāt tathā tadvārṣṇo'bravīc cakṣurvai brahmeti apaśyato hi kiṃ syāditi abravīttu te tasyāyatanaṃ pratiṣṭhām na me'bravīditi ekapādvā etat samrāḍ iti
Barku Vārṣṇa sagte mir: „Das Auge (cakṣus) fürwahr ist das Brahman.“ Wie einer sprechen würde, der eine Mutter, einen Vater, einen Lehrer hat, so sprach der Vārṣṇa: „Das Auge fürwahr ist das Brahman, denn was könnte einer sein, der nicht sieht?“ – „Hat er dir aber dessen Sitz und Grundlage genannt?“ – „Er hat es mir nicht gesagt.“ – „Das ist nur ein Viertel davon, o Herrscher.“
sa vai no brūhi yājñavalkya cakṣurevāyatanam ākāśaḥ pratiṣṭhā satyamityetadupāsīta kā satyatā yājñavalkya cakṣureva samrāḍ iti hovāca cakṣuṣā vai samrāṭ paśyantamāhuradrākṣīriti sa āhādrākṣamiti tatsatyaṃ bhavati cakṣurvai samrāṭ paramaṃ brahma nainañcakṣurjahāti sarvāṇyenaṃ bhūtānyabhikṣaranti
„So sag du es uns denn, Yājñavalkya!“ – „Das Auge selbst ist sein Sitz, der Raum seine Grundlage; als ‚Wahrheit‘ (satya) soll man es verehren.“ – „Worin besteht diese Wahrhaftigkeit (satyatā), Yājñavalkya?“ – „Das Auge selbst, o Herrscher“, sprach er. „Denn, o Herrscher, zu einem, der mit dem Auge sieht, sagt man: ‚Hast du [es] gesehen (adrākṣīḥ)?‘, und er sagt: ‚Ich habe [es] gesehen (adrākṣam).‘ Das wird dann Wahrheit. Das Auge, o Herrscher, ist fürwahr das höchste Brahman. Das Auge verlässt ihn nicht; alle Wesen strömen ihm zu.“
devo bhūtvā devānapyeti ya evaṃ vidvānetadupāste hastyṣabhaṃ sahasraṃ dadāmīti hovāca janako vaidehaḥ sa hovāca yājñavalkyaḥ pitā me'manyata nānanuśiṣya hareteti ka eva te kimabravīditi
„Zum Gott geworden geht er zu den Göttern ein, wer, dies wissend, dies verehrt.“ – „Tausend [Kühe] samt einem elefantengleichen Bullen gebe ich dir“, sprach Janaka von Videha. Yājñavalkya sprach: „Mein Vater war der Meinung, man dürfe [eine Gabe/einen Lohn] nicht annehmen, ohne zuvor vollständig unterwiesen zu haben.“ – „Wer nun hat dir was [Weiteres] gesagt?“
abravīnme gardabhīvipīto bhāradvājaḥ śrotraṃ vai brahmeti yathā mātṛmānpitṛmānācāryavānbrūyāt tathā tadbhāradvājo'bravīc Chrotraṃ vai brahmeti aśṛṇvato hi kiṃ syāditi abravīttu te tasyāyatanaṃ pratiṣṭhām na me'bravīditi ekapādvā etat samrāḍ iti
Gardabhīvipīta Bhāradvāja sagte mir: „Das Gehör (śrotra) fürwahr ist das Brahman.“ Wie einer sprechen würde, der eine Mutter, einen Vater, einen Lehrer hat, so sprach der Bhāradvāja: „Das Gehör fürwahr ist das Brahman, denn was könnte einer sein, der nicht hört?“ – „Hat er dir aber dessen Sitz und Grundlage genannt?“ – „Er hat es mir nicht gesagt.“ – „Das ist nur ein Viertel davon, o Herrscher.“
sa vai no brūhi yājñavalkya śrotramevāyatanam ākāśaḥ pratiṣṭhānantamityenadupāsīta kānantatā yājñavalkya diśa eva samrāḍ iti hovāca tasmādvai samrāḍ yāṃ kāṅca diśaṃ gacChati naivāsyā antaṃ gacChati anantā hi diśaḥ śrotraṃ hi diśaḥ samrāṭ śrotraṃ vai samrāṭ paramaṃ brahma nainaṃ śrotraṃ jahāti sarvāṇyenaṃ bhūtānyabhikṣaranti
„So sag du es uns denn, Yājñavalkya!“ – „Das Gehör selbst ist sein Sitz, der Raum seine Grundlage; als ‚das Unendliche‘ (ananta) soll man es verehren.“ – „Worin besteht diese Unendlichkeit (anantatā), Yājñavalkya?“ – „Die Himmelsrichtungen selbst, o Herrscher“, sprach er. „Denn, o Herrscher, in welche Himmelsrichtung man auch geht, nie gelangt man an ihr Ende – unendlich sind ja die Himmelsrichtungen; die Himmelsrichtungen aber, o Herrscher, sind das Gehör. Das Gehör, o Herrscher, ist fürwahr das höchste Brahman. Das Gehör verlässt ihn nicht; alle Wesen strömen ihm zu.“
devo bhūtvā devānapyeti ya evaṃ vidvānetadupāste hastyṣabhaṃ sahasraṃ dadāmīti hovāca janako vaidehaḥ sa hovāca yājñavalkyaḥ pitā me'manyata nānanuśiṣya hareteti ka eva te kimabravīditi
„Zum Gott geworden geht er zu den Göttern ein, wer, dies wissend, dies verehrt.“ – „Tausend [Kühe] samt einem elefantengleichen Bullen gebe ich dir“, sprach Janaka von Videha. Yājñavalkya sprach: „Mein Vater war der Meinung, man dürfe [eine Gabe/einen Lohn] nicht annehmen, ohne zuvor vollständig unterwiesen zu haben.“ – „Wer nun hat dir was [Weiteres] gesagt?“
tacChṛṇavāmetyabravīnme ṣatyakāmo jābāloḥ mano vai brahmeti yathā mātṛmānpitṛmānācāryavānbrūyāt tathā tatṣatyakāmo abravīd mano vai brahmeti amanaso hi kiṃ syāditi abravīttu te tasyāyatanaṃ pratiṣṭhām na me'bravīditi ekapādvā etat samrāḍ iti
„Das lasst uns hören!“ [Anm.: Die Formel „das lasst uns hören“ (tacChṛṇavāma iti) lässt offen, ob Yājñavalkya sie an Janaka richtet oder ob Janaka selbst sie ausspricht, bevor er den nächsten Lehrer nennt; sie kehrt in 4.1.17 wieder.] – Satyakāma Jābāla sagte mir: „Der Geist (manas) fürwahr ist das Brahman.“ Wie einer sprechen würde, der eine Mutter, einen Vater, einen Lehrer hat, so sprach der Jābāla: „Der Geist fürwahr ist das Brahman, denn was könnte einer sein, der ohne Geist ist?“ – „Hat er dir aber dessen Sitz und Grundlage genannt?“ – „Er hat es mir nicht gesagt.“ – „Das ist nur ein Viertel davon, o Herrscher.“
sa vai no brūhi yājñāvalkya mana evāyatanam ākāśaḥ pratiṣṭhānanda ityenadupāsīta kānandatā yājñavalkya mana eva samrāḍ iti hovāca manasā vai samrāṭ striyamabhiharyati tasyāṃ pratirūpaḥ putro jāyate sa ānando mano vai samrāṭ paramaṃ brahma nainaṃ mano jahāti sarvāṇyenaṃ bhūtānyabhikṣaranti
„So sag du es uns denn, Yājñavalkya!“ – „Der Geist selbst ist sein Sitz, der Raum seine Grundlage; als ‚Wonne‘ (ānanda) soll man ihn verehren.“ – „Worin besteht diese Wonnehaftigkeit (ānandatā), Yājñavalkya?“ – „Der Geist selbst, o Herrscher“, sprach er. „Denn, o Herrscher, mit dem Geist begehrt man eine Frau; ihr wird ein ihm ähnlicher (ihm gleichender) Sohn geboren – das ist die Wonne. Der Geist, o Herrscher, ist fürwahr das höchste Brahman. Der Geist verlässt ihn nicht; alle Wesen strömen ihm zu.“
devo bhūtvā devānapyeti ya evaṃ vidvānetadupāste hastyṣabhaṃ sahasraṃ dadāmīti hovāca janako vaidehaḥ sa hovāca yājñavalkyaḥ pitā me'manyata nānanuśiṣya hareteti ka eva te kimabravīditi
„Zum Gott geworden geht er zu den Göttern ein, wer, dies wissend, dies verehrt.“ – „Tausend [Kühe] samt einem elefantengleichen Bullen gebe ich dir“, sprach Janaka von Videha. Yājñavalkya sprach: „Mein Vater war der Meinung, man dürfe [eine Gabe/einen Lohn] nicht annehmen, ohne zuvor vollständig unterwiesen zu haben.“ – „Wer nun hat dir was [Weiteres] gesagt?“
tacChṛṇavāmety abravīnme vidagdhaḥ hākalyoḥ hṛdayaṃ vai brahmeti yathā mātṛmānpitṛmānācāryavānbrūyāt tathā tacChākalyo'bravīd dhṛdayaṃ vai brahmeti ahṛdayasya hi kiṃ syāditi abravīttu te tasyāyatanaṃ pratiṣṭhāṃ na me'bravīditi ekapādvā etat samrāḍ iti
„Das lasst uns hören!“ [Anm.: vgl. Anm. zu 4.1.14 zur Formel „das lasst uns hören“.] – Vidagdha Śākalya sagte mir: „Das Herz (hṛdaya) fürwahr ist das Brahman.“ Wie einer sprechen würde, der eine Mutter, einen Vater, einen Lehrer hat, so sprach der Śākalya: „Das Herz fürwahr ist das Brahman, denn was könnte einer sein, der ohne Herz ist?“ – „Hat er dir aber dessen Sitz und Grundlage genannt?“ – „Er hat es mir nicht gesagt.“ – „Das ist nur ein Viertel davon, o Herrscher.“
sa vai no brūhi yājñavalkya hṛdayamevāyatanam ākāśaḥ pratiṣṭhā sthitirityenadupāsīta kā sthititā yājñavalkya hṛdayameva samrāḍ iti hovāca hṛdayaṃ vai samrāṭ sarveṣāṃ bhūtānāmāyatanaṃ hṛdayaṃ vai samrāṭ sarveṣāṃ bhūtānāṃ pratiṣṭhā hṛdaye hyeva samrāṭ sarvāṇi bhūtāni pratiṣṭhitāni bhavanti hṛdayaṃ vai samrāṭ paramaṃ brahma nainaṃ hṛdayaṃ jahāti sarvāṇy enaṃ bhūtānyabhikṣaranti
„So sag du es uns denn, Yājñavalkya!“ – „Das Herz selbst ist sein Sitz, der Raum seine Grundlage; als ‚Beständigkeit‘ (sthiti) soll man es verehren.“ – „Worin besteht diese Beständigkeit (sthititā), Yājñavalkya?“ – „Das Herz selbst, o Herrscher“, sprach er. „Das Herz, o Herrscher, ist der Sitz aller Wesen; das Herz, o Herrscher, ist die Grundlage aller Wesen; im Herzen nämlich, o Herrscher, sind alle Wesen gegründet. Das Herz, o Herrscher, ist fürwahr das höchste Brahman. Das Herz verlässt ihn nicht; alle Wesen strömen ihm zu.“
devo bhūtvā devānapyeti ya evaṃ vidvānetadupāste hastyṣabhaṃ sahasraṃ dadāmīti hovāca janako vaidehaḥ sa hovāca yājñavalkyaḥ pitā me'manyata nānanuśiṣya hareteti ka eva te kimabravīditi
„Zum Gott geworden geht er zu den Göttern ein, wer, dies wissend, dies verehrt.“ – „Tausend [Kühe] samt einem elefantengleichen Bullen gebe ich dir“, sprach Janaka von Videha. Yājñavalkya sprach: „Mein Vater war der Meinung, man dürfe [eine Gabe/einen Lohn] nicht annehmen, ohne zuvor vollständig unterwiesen zu haben.“ – „Wer nun hat dir was [Weiteres] gesagt?“
atha ha janako vaidehaḥ kūrcādupāvasarpannuvācaḥ namaste yājñavalkyānu mā śādhīti sa hovācaḥ yathā vai samrāḍ mahāntamadhvānameṣyanrathaṃ vā nāvaṃ vā samādadītaivamevaitābhirupaniṣadbhiḥ samāhitātmāsi evaṃ vṛndāraka āḍhyaḥ sannadhītaveda uktopaniṣatka ito vimucyamānaḥ kva gamiṣyasīti nāhaṃ tad bhagavan veda yatra gamiṣyāmīti atha vai te'haṃ tadvakṣyāmi yatra gamiṣyasīti bravītu bhagavāniti
Da stieg Janaka von Videha von seinem [Opfer-]Sitz (kūrca) herab und trat heran; er sprach: „Verehrung sei dir, Yājñavalkya! Belehre mich!“ Er sprach: „Wie, o Herrscher, jemand, der eine weite Reise antreten will, sich einen Wagen oder ein Schiff bereitstellt, ebenso bist du durch diese Geheimlehren (upaniṣad) in deinem Selbst gesammelt (samāhitātman). Bist du, ein so bedeutender (vṛndāraka) [Fürst], reich, im Veda bewandert, und sind dir die Geheimlehren [nun] verkündet worden [Anm.: vṛndāraka („bedeutend, erhaben“, später auch als Bezeichnung für „Gott“ gebraucht) ist ein seltenes Wort; seine genaue Nuance als Epitheton Janakas bleibt unsicher.] – wohin wirst du gehen, wenn du von hier [einst] befreit wirst [scheidest]?“ – „Ich weiß nicht, Herr, wohin ich gehen werde.“ – „Nun, ich werde dir sagen, wohin du gehen wirst.“ – „So möge der Verehrte es sagen.“
sa hovāca indho ha vai nāmaiṣa yo'yaṃ dakṣiṇe'kṣanpuruṣas taṃ vā etamindhaṃ santamindra ityācakṣate parokṣeṇaiva parokṣapriyā iva hi devāḥ pratyakṣadviṣaḥ
Er sprach: „Indha [‚der Leuchtende‘] fürwahr heißt jene Person (puruṣa), die im rechten Auge ist. Ihn nun, der Indha ist, nennt man verhüllt (parokṣa) ‚Indra‘; denn die Götter lieben gleichsam das Verhüllte und verabscheuen das Offenkundige (pratyakṣa).“
Nun, diese personengestaltige [Erscheinung] (puruṣarūpa) im linken Auge – das ist seine Gattin, die Virāj. Ihrer beider Vereinigungsstätte (saṃstāva) ist jener Raum (ākāśa), der im Innern des Herzens ist. Ihrer beider Speise ist jener Klumpen von rötlicher [Substanz] (lohitapiṇḍa), der im Innern des Herzens ist. Ihrer beider Hülle ist jenes netzartige [Gebilde] (jālaka), das im Innern des Herzens ist. Ihrer beider Weg, auf dem sie wandeln, ist jene Ader (nāḍī), die vom Herzen nach oben aufsteigt.
Dies nun sind seine sogenannten hitā-Adern: wie ein Haar tausendfach gespalten ist, ja tausendfach gespalten, ebenso sind diese seine sogenannten hitā-Adern im Innern des Herzens gegründet. Durch sie fließt ihm beständig [Nahrung] zu (āsravad āsravati). Deshalb ist er gleichsam von feinerer, reinerer Nahrung (praviviktāhāratara) als dieses leibliche Selbst (śārīra ātman). [Anm.: Die genaue Funktionsweise der hitā-Adern und der Wendung āsravad āsravati („es fließt beständig zu“) ist im Einzelnen unsicher; der Grundsinn – feinere Nahrung der im Auge waltenden Person – ist jedoch klar.]
Für diese Person (puruṣa) nun [gilt]: die östliche Himmelsrichtung [entspricht] den nach Osten gerichteten Atemkräften (prāṇa), die südliche Richtung den nach Süden gerichteten Atemkräften, die westliche Richtung den nach Westen gerichteten Atemkräften, die nördliche Richtung den nach Norden gerichteten Atemkräften, die obere Richtung den nach oben gerichteten Atemkräften, die untere Richtung den nach unten gerichteten Atemkräften – alle Himmelsrichtungen sind [nichts als] alle Atemkräfte.
sa eṣa neti netyātmāgṛhyo na hi gṛhyate'śīryo na hi śīryate'saṅgo'sito na sajyate na vyathate janaka prāpto'sīti hovāca yājñavalkyaḥ sa hovāca janako vaidehoḥ namaste yājñavalkyābhayaṃ tvāgacChatādyo no bhagavan abhayaṃ vedayasa sa hovāca janako vaideho'bhayaṃ tvāgacChatād yājñavalkya yo no bhagavan abhayaṃ vedayase namaste'stu ime videhā ayamahamasmīti
Dieser [Ātman] nun [ist es, von dem gilt]: „Nicht so, nicht so“ (neti neti) – er ist unfassbar (agṛhya), denn er wird nicht gefasst; unvergänglich (aśīrya), denn er vergeht nicht; unangehaftet (asaṅga), er haftet nicht an (na sajyate); ungebunden (asita); er wird nicht erschüttert (na vyathate). Du bist [ans Ziel] gelangt, Janaka, sprach Yājñavalkya. Da sprach Janaka von Videha: „Verehrung sei dir, Yājñavalkya! Möge Furchtlosigkeit zu dir kommen, zu dir, der du uns Furchtlosigkeit lehrst, o Verehrter!“ Da sprach Janaka von Videha [noch einmal]: „Möge Furchtlosigkeit zu dir kommen, Yājñavalkya, o Verehrter, der du uns Furchtlosigkeit lehrst! Verehrung sei dir! Diese Videhas [seien dein], und dieser [Mann] – ich selbst – bin [dein].“ [Anm.: Die fast wortgleiche Doppelung von Janakas Rede (sa hovāca janako vaidehaḥ … zweimal) dürfte auf eine Textverdopplung (Dittographie) in der Überlieferung zurückgehen. Der Schlusssatz ime videhā ayam ahamasmi wird als Selbstübereignung Janakas gedeutet; die Kāṇva-Rezension formuliert dies ausdrücklicher als Angebot der Sklavenschaft (dāsya).]
janakaṃ ha vaidehaṃ yājñavalkyo jagāmaḥ samenena vadiṣya ity'tha atha ha yaj janakaśca vaideho yājñavalkyaścāgnihotre samūdatus tasmai ha yājñavalkyo varaṃ dadau sa ha kāmapraśnameva vavre taṃ hāsmai dadau taṃ ha samrāḍ eva pūrvaḥ papracCha
Yājñavalkya begab sich zu Janaka von Videha, [im Sinn]: „Ich will nicht [von mir aus] reden.“ Als aber Janaka von Videha und Yājñavalkya einst beim Agnihotra [gemeinsam] disputierten, da gewährte ihm Yājñavalkya einen Wunsch. Der [Janaka] erbat sich [das Recht auf] eine beliebige Frage (kāmapraśna). Diesen [Wunsch] gewährte er ihm. Von diesem [Vorrecht] Gebrauch machend, fragte der Herrscher [Janaka] als Erster. [Anm.: Die überlieferte Lesart samenena vadiṣya iti ist verderbt; nach der Kāṇva-Parallele (BĀU 4.3.1) rekonstruiert als sa mene ‚na vadiṣye‘ iti („er dachte: ‚Ich will nicht reden‘“) – passend zu Yājñavalkyas Zurückhaltung nach der harten Vidagdha-Śākalya-Episode am Ende von Adhyāya 3. Die Übersetzung folgt dieser Rekonstruktion.]
„Yājñavalkya, welches Licht (jyotis) hat dieser Mensch (puruṣa)?“ – „Das Licht der Sonne (āditya), o Herrscher“, sprach er. „Durch das Licht der Sonne allein sitzt er, geht umher (palyayate), verrichtet [seine] Werke (karma) und kehrt zurück (viparyeti).“ – „So ist es fürwahr, Yājñavalkya.“
„Wenn die Sonne untergegangen ist, Yājñavalkya, welches Licht hat dieser Mensch dann?“ – „Das Licht des Mondes (candra), o Herrscher“, sprach er. „Durch das Licht des Mondes allein sitzt er, geht umher, verrichtet [seine] Werke und kehrt zurück.“ – „So ist es fürwahr, Yājñavalkya.“
„Wenn die Sonne untergegangen ist, Yājñavalkya, und der Mond untergegangen ist, welches Licht hat dieser Mensch dann?“ – „Das Licht des Feuers (agni), o Herrscher“, sprach er. „Durch das Licht des Feuers allein sitzt er, geht umher, verrichtet [seine] Werke und kehrt zurück.“ – „So ist es fürwahr, Yājñavalkya.“
„Wenn die Sonne untergegangen ist, Yājñavalkya, der Mond untergegangen und das Feuer erloschen ist, welches Licht hat dieser Mensch dann?“ – „Das Licht der Rede (vāc), o Herrscher“, sprach er. „Durch das Licht der Rede allein sitzt er, geht umher, verrichtet [seine] Werke und kehrt zurück. Deshalb, o Herrscher, geht man sogar dort, wo man die eigene Hand nicht mehr erkennt, dorthin, von wo eine Stimme (vāc) ertönt.“ – „So ist es fürwahr, Yājñavalkya.“
„Wenn die Sonne untergegangen ist, Yājñavalkya, der Mond untergegangen, das Feuer erloschen und die Rede verstummt ist, welches Licht hat dieser Mensch dann?“ – „Das Licht des Selbst (ātman), o Herrscher“, sprach er. „Durch das Licht des Selbst allein sitzt er, geht umher, verrichtet [seine] Werke und kehrt zurück.“
„Welcher ist [dieser] Ātman?“ – „Der, welcher aus Erkenntnis besteht (vijñānamaya), inmitten der Atemkräfte (prāṇa), das Licht im Innern des Herzens. Er, sich selbst gleichbleibend (samāna), wandert durch beide Welten – er scheint gleichsam nachzudenken (dhyāyati iva), scheint gleichsam zu erzittern (lelāyati iva); zum Traum geworden, mit [seinem] Denkvermögen (sadhīḥ), überschreitet er diese Welt.“ [Anm.: sadhīḥ („mit Denkvermögen“) lässt sich sowohl auf den träumenden puruṣa insgesamt als auch enger auf svapno bhūtvā beziehen; die syntaktische Zuordnung bleibt offen. Diese Kaṇḍikā eröffnet die zentrale Lehre vom selbstleuchtenden (svayaṃjyotis) Traum-Selbst.]
sa vā ayaṃ puruṣo jāyamānaḥ śarīramabhisampadyamānaḥ pāpmabhiḥ saṃsṛjyate sa utkrāmanmriyamāṇaḥ pāpmano vijahāti mṛtyo rūpāṇi
Diese Person (puruṣa) nun, wenn sie geboren wird [und] einen Körper (śarīra) annimmt, wird mit Übeln (pāpman) verbunden; wenn sie aber [im Tod] auszieht, im Sterben, verlässt sie die Übel, die Gestalten des Todes (mṛtyu).
tasya vā etasya puruṣasya dve eva sthāne bhavataḥ idaṃ ca paralokasthānaṃ ca sandhyaṃ tṛtīyaṃ svapnasthānaṃ tasmintsandhye sthāne tiṣṭhanubhe sthāne paśyatīdaṃ ca paralokasthānaṃ ca
Für diese Person nun gibt es genau zwei Zustände (sthāna): diesen [Zustand] hier und den Zustand der jenseitigen Welt (paraloka); als dritten, einen Übergangszustand (sandhya), den Zustand des Traumes (svapnasthāna). In diesem Übergangszustand stehend, sieht sie beide Zustände: diesen [Zustand] und den Zustand der jenseitigen Welt.
Nun, welcher Zugang (ākrama) zum Zustand der jenseitigen Welt besteht – diesen Zugang betretend, sieht sie sowohl Übel als auch Freuden (ānanda). Wenn sie einschläft (prasvapiti), entnimmt sie sich einen Anteil (mātrā) aus dieser ganzen Welt, zerlegt [ihn] selbst, baut [ihn] selbst wieder auf und schläft [dann] mit ihrem eigenen Glanz (bhās), mit ihrem eigenen Licht (jyotis). Hierbei wird diese Person selbstleuchtend (svayaṃjyotis).
na tatra rathā na rathayogā na panthāno bhavanti atha rathānrathayogānpathaḥ sṛjate na tatrānandā mudaḥ pramudo bhavanti athānandānmudaḥ pramudaḥ sṛjate na tatra veśāntāḥ sravantyaḥ puṣkariṇyo bhavanti atha veśāntānsravantīḥ puṣkariṇīḥ sṛjate sa hi kartā
Dort gibt es keine Wagen, keine Wagengespanne, keine Wege – doch erschafft sie [selbst] Wagen, Wagengespanne, Wege. Dort gibt es keine Freuden, keine Wonnen, keine Entzückungen (ānanda, mud, pramud) – doch erschafft sie Freuden, Wonnen, Entzückungen. Dort gibt es keine Teiche (veśānta), keine fließenden Gewässer, keine Lotusteiche – doch erschafft sie Teiche, fließende Gewässer, Lotusteiche. Denn sie ist die Schöpferin (kartṛ). [Anm.: veśānta ist ein seltenes Wort unsicherer Bedeutung, etwa „Becken, Tümpel“; es steht hier neben sravantī „fließendes Gewässer“ und puṣkariṇī „Lotusteich“ als ein weiterer Typus stehenden Gewässers.]
Dazu auch diese Verse (śloka): „Nachdem er mittels des Schlafes den Körper niedergestreckt hat, wacht der Unschlafende (asupta) über die Schlafenden; nachdem er die lichte Essenz (śukra) an sich genommen hat, kehrt er wieder an [seinen eigenen] Ort zurück – der goldene, männliche (pauruṣa), einzige Gänserich (ekahaṃsa).“ [Anm.: Die Teilung von abhiprahatyāsuptaḥ im Quelltext (abhiprahatyā-/-suptaḥ) ist ein bloßes Zeilenumbruch-Artefakt der Vorlage, kein inhaltlicher Bruch.]
„Mit dem Atem (prāṇa) das niedere Nest (kulāya, d. h. den Körper) bewachend, [doch] außerhalb des Nestes als der Unsterbliche (amṛta) wandelnd, geht er, der Unsterbliche, wohin er will – der goldene, männliche, einzige Gänserich.“
Im Traumzustand (svapnānta), sich bald hierhin, bald dorthin bewegend, erschafft der Gott (deva) viele Gestalten – bald mit Frauen zusammen sich vergnügend, bald gleichsam essend, bald auch Schreckliches schauend.
ārāmamasya paśyanti na taṃ kaścana paśyatīti taṃ nāyataṃ bodhayedityāhuḥ durbhiṣajyaṃ hāsmai bhavati yameṣa na pratipadyate
Seinen Lustgarten (ārāma) sehen [andere], ihn selbst aber sieht niemand – so heißt es. Deshalb, sagt man, soll man ihn nicht abrupt wecken; denn schwer heilbar (durbhiṣajya) wird es für ihn, wenn er [zu dem, von wo er ausgegangen ist,] nicht zurückfindet (na pratipadyate). [Anm.: Diese Stelle zählt zu den schwierigsten des Textes; taṃ nāyataṃ bodhayet ist unsicher überliefert, doch der Grundsinn – man solle einen Schlafenden nicht abrupt wecken, da sein [Traum-]Selbst sonst nicht rechtzeitig zurückfindet – gilt als gesichert.]
Auch sagt man ferner: „[Der Traum] ist eben nur der Bereich des Wachens (jāgaritadeśa) für ihn – denn was er im Wachen sieht, eben das [sieht er auch] im Schlaf.“ Hierbei wird diese Person selbstleuchtend. – „So ist es fürwahr, Yājñavalkya. Ich gebe dem Verehrten [dafür] tausend [Kühe]. Sprich weiter, [nun] eigens zur [endgültigen] Befreiung (vimokṣa)!“
sa vā eṣa etasmintsvapnānte ratvā caritvā dṛṣṭvaiva puṇyaṃ ca pāpaṃ ca punaḥ pratinyāyaṃ pratiyonyādravati buddhāntāyaiva sa yadatra kiṅcitpaśyatyananvāgatastena bhavati asaṅgo hyayaṃ puruṣa iti evamevaitad yājñavalkya so'haṃ bhagavate sahasraṃ dadāmi ata ūrdhvaṃ vimokṣāyaiva brūhīti
Er nun, nachdem er sich in diesem Traumzustand vergnügt, sich bewegt und Gutes wie Böses (puṇya, pāpa) geschaut hat, eilt wieder zurück, dem [Weg, auf dem er kam,] gemäß, zu dem [Ort, aus dem er kam,] zurück – eben zum Wachzustand (buddhānta). Was er dort auch sieht, er wird davon nicht erreicht (ananvāgata); denn diese Person ist unanhaftend (asaṅga). – „So ist es fürwahr, Yājñavalkya. Ich gebe dem Verehrten tausend [Kühe]. Sprich weiter, eigens zur Befreiung!“
tadyathā mahāmatsya ubhe kūle anusañcarati pūrvaṃ cāparaṃ caivamevāyaṃ puruṣa etā ubhāvantāvanusañcarati svapnāntaṃ ca buddhāntaṃ ca
So wie ein großer Fisch (mahāmatsya) an beiden Ufern entlangschwimmt, dem vorderen wie dem hinteren, ebenso durchwandert diese Person diese beiden Zustände: den Traumzustand und den Wachzustand.
So wie ein Falke (śyena) oder ein Adler (suparṇa), nachdem er in diesem Luftraum [hin und her] geflogen und ermüdet ist, seine Flügel zusammenlegt und sich eben zum Ruhen niederlässt, ebenso eilt diese Person zu jenem Zustand, in dem sie, schlafend, kein Verlangen mehr begehrt und keinen Traum mehr sieht [d. h. dem traumlosen Tiefschlaf]. [Anm.: Die Form rāntaḥ ist grammatisch auffällig, vermutlich zu śrānta „ermüdet“ oder reme „hat sich vergnügt/ist umhergeflogen“ zu stellen; die genaue Ableitung bleibt unsicher.]
tā vā asyaitā hitā nāma nāḍyo yathā keśaḥ sahasradhā bhinnastāvatāṇimnā tiṣṭhanti śuklasya nīlasya piṅgalasya haritasya lohitasya pūrṇā atha yatrainaṃ ghnantīva jinantīva hastīva vicChāyayati gartamiva patati yadeva jāgradbhayaṃ paśyati tadatrāvidyayā bhayaṃ manyate atha yatra rājeva deva ivāham eva idaṃ sarvaṃ asmīti manyate so'sya paramo loko atha supto na kaṃ cana kāmaṃ kāmayate na kaṃ cana svapnaṃ paśyati
Diese seine sogenannten hitā-Adern nun, [so fein] wie ein Haar tausendfach gespalten, bestehen in solcher Feinheit (aṇiman) [und] sind angefüllt mit Weißem, Dunklem, Rötlichgelbem, Grünem und Rotem. Wenn man ihn nun [im Traum] gleichsam erschlägt, gleichsam überwältigt, [wenn] ein Elefant ihn gleichsam [mit seinem Schatten] verdunkelt, [wenn] er gleichsam in eine Grube fällt – was er da als Furcht im Wachen sieht, das hält er dort aus Unwissenheit (avidyā) für Furcht. Wo er sich aber [im Traum] gleichsam für einen König, gleichsam für einen Gott hält [und denkt]: „Ich selbst bin dies alles“ – das ist seine höchste Welt (paramo lokaḥ). Wenn er aber [im Tiefschlaf] schläft, begehrt er kein Verlangen mehr und sieht keinen Traum mehr.
tadvā asyaitadātmakāmamāptakāmamakāmaṃ rūpam tadyathā priyayā striyā sampariṣvakto na bāhyaṃ kiṃ cana veda nāntaramevamevāyaṃ puruṣaḥ śārira ātmā prājñanātmanā sampariṣvakto na bāhyaṃ kiṃ cana veda nāntaram
Dies nun ist seine [den Tiefschlaf kennzeichnende] Gestalt (rūpa): von Selbst-Verlangen erfüllt (ātmakāma), von erlangtem Verlangen erfüllt (āptakāma), ohne [weiteres] Verlangen (akāma). Wie einer, der von einer geliebten Frau umarmt wird, nichts mehr weiß, weder was außen noch was innen ist, ebenso weiß diese Person, das leibliche Selbst (śārira ātman), umarmt vom Selbst der Erkenntnis (prājña ātman), nichts mehr, weder was außen noch was innen ist.
Dies nun ist fürwahr seine Gestalt, die alles Verlangen übersteigt (aticChandas), frei von Übel (apahatapāpman), furchtlos – ein Zustand ohne Kummer im Innern (aśokāntara).
Da ist ein Vater kein Vater [mehr], eine Mutter keine Mutter, Welten keine Welten, Götter keine Götter, Veden keine Veden, ein Opfer kein Opfer; da ist ein Dieb (stena) kein Dieb, ein Fruchtabtreiber (bhrūṇaha) kein Fruchtabtreiber, ein Ausgestoßener (paulkasa) kein Ausgestoßener, ein Caṇḍāla kein Caṇḍāla, ein Bettelmönch (śramaṇa) kein Bettelmönch, ein Asket (tāpasa) kein Asket – er ist unberührt von Verdienst (puṇya), unberührt von Übel (pāpa); denn dann hat er alle Leiden (śoka) des Herzens überwunden. [Anm.: Die Nennung des śramaṇa unter den transzendierten Kategorien – ein Begriff sonst vor allem für außerbrahmanische, etwa buddhistische oder jinistische Asketen – gilt in der Forschung als möglicher Hinweis auf eine spätere Textschicht.]
yadvai tanna paśyati paśyanvai taddraṣṭavyaṃ na paśyatiḥ na hi draṣṭurdṛṣṭerviparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yatpaśyet
Denn wenn er dort [im Tiefschlaf] nicht sieht, [so ist er doch] sehend; er sieht [nur] das zu Sehende (draṣṭavya) nicht. Denn für den Sehenden gibt es keinen Verlust des Sehens (dṛṣṭi), weil [dieses] unzerstörbar (avināśitva) ist. Es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes [Ding] außer ihm, das er [als Getrenntes] sehen könnte.
yadvai tanna jighrati jighranvai tadghrātavyaṃ na jighrati na hi ghrāturghrāterviparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yaj jighret
Denn wenn er dort nicht riecht, [so ist er doch] riechend; er riecht [nur] das zu Riechende (ghrātavya) nicht. Denn für den Riechenden gibt es keinen Verlust des Riechens, weil [dieses] unzerstörbar ist. Es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes [Ding] außer ihm, das er [als Getrenntes] riechen könnte.
yadvai tanna rasayati vijānanvai tadrasaṃ na rasayati na hi rasayitū rasād viparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yadrasayet
Denn wenn er dort den Geschmack (rasa) nicht schmeckt, [so ist er doch] wahrnehmend; er schmeckt [nur] den zu schmeckenden Geschmack nicht. Denn für den Schmeckenden gibt es keinen Verlust des Schmeckens, weil [dieses] unzerstörbar ist. Es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes [Ding] außer ihm, das er [als Getrenntes] schmecken könnte.
yadvai tanna vadati vadanvai tadvaktavyaṃ na vadati na hi vakturvaco viparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yadvadet
Denn wenn er dort nicht spricht, [so ist er doch] sprechend; er spricht [nur] das zu Sprechende (vaktavya) nicht. Denn für den Sprechenden gibt es keinen Verlust der Rede (vac), weil [diese] unzerstörbar ist. Es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes [Ding] außer ihm, das er [als Getrenntes] sprechen könnte.
yadvai tanna śṛṇoti śṛṇvanvai tacChrotavyaṃ na śṛṇoti na hi śrotuḥ śruterviparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yacChṛṇuyāt
Denn wenn er dort nicht hört, [so ist er doch] hörend; er hört [nur] das zu Hörende (śrotavya) nicht. Denn für den Hörenden gibt es keinen Verlust des Hörens, weil [dieses] unzerstörbar ist. Es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes [Ding] außer ihm, das er [als Getrenntes] hören könnte.
yadvai tanna manute manvāno vai tanmantavyaṃ na manute na hi manturmaterviparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yanmanvīta
Denn wenn er dort nicht denkt, [so ist er doch] denkend; er denkt [nur] das zu Denkende (mantavya) nicht. Denn für den Denkenden gibt es keinen Verlust des Denkens, weil [dieses] unzerstörbar ist. Es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes [Ding] außer ihm, das er [als Getrenntes] denken könnte.
yadvai tanna spṛśati spṛśanvai tatspraṣṭavyaṃ na spṛśati na hi spraṣṭuḥ spṛṣṭerviparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yatspṛśet
Denn wenn er dort nicht berührt, [so ist er doch] berührend; er berührt [nur] das zu Berührende (spraṣṭavya) nicht. Denn für den Berührenden gibt es keinen Verlust der Berührung, weil [diese] unzerstörbar ist. Es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes [Ding] außer ihm, das er [als Getrenntes] berühren könnte.
yadvai tanna vijānāti vijānanvai tadvijñeyaṃ na vijānāti na hi vijñāturvijñānād viparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yadvijānīyāt
Denn wenn er dort nicht erkennt, [so ist er doch] erkennend; er erkennt [nur] das zu Erkennende (vijñeya) nicht. Denn für den Erkennenden gibt es keinen Verlust des Erkennens (vijñāna), weil [dieses] unzerstörbar ist. Es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes [Ding] außer ihm, das er [als Getrenntes] erkennen könnte.
[Dort, wo er] wie ein einziges [Meer von] Wasser (salila), einzig, der Seher (draṣṭṛ) ohne einen Zweiten (advaita) wird – das ist die Welt Brahmans (brahmaloka), o Herrscher, so sprach er zu ihm. Das ist sein höchstes Ziel (gati), das ist sein höchster Gewinn (sampad), das ist seine höchste Welt (loka), das ist seine höchste Wonne (ānanda); von eben dieser Wonne leben alle anderen Wesen [nur] von einem [kleinen] Anteil (mātrā).
sa yo manūṣyāṇāṃ rāddhaḥ samṛddho bhavatyanyeṣāmadhipatiḥ sarvairmānuṣyakaiḥ kāmaiḥ sampannatamaḥ sa manuṣyāṇāṃ parama ānandaḥ
Wer unter den Menschen erfolgreich (rāddha) und wohlhabend (samṛddha) ist, Herrscher (adhipati) über andere, mit allen menschlichen Wünschen reichlich ausgestattet – das ist die höchste Wonne der Menschen.
atha ye śataṃ pitRṇāṃ jitalokānāmānandāḥ sa ekaḥ karmadevānāmānando ye karmaṇā devatvamabhisampadyante
Was aber die hundertfache Wonne der Väter ist, die ihre Welt gewonnen haben, das ist eine [einzige] Wonne der ‚Werk-Götter‘ (karmadeva), derer, die durch [rituelles] Werk (karman) zur Gottheit gelangen.
atha ye śataṃ karmadevānāmānandāḥ sa eka ājānadevānāmānando yaśca [LUECKE] śrotriyo'vṛjino'kāmahataḥ
Was aber die hundertfache Wonne der Werk-Götter ist, das ist eine [einzige] Wonne der ‚Geburts-Götter‘ (ājānadeva, d. h. der von Geburt an Götter sind) – und ebenso die Wonne dessen, der [Lücke im Text], schriftgelehrt (śrotriya), frei von Falschheit (avṛjina), nicht von Begierde überwältigt (akāmahata) [ist]. [Anm.: An dieser Stelle weist der überlieferte Text eine Lücke auf (im Quelltext als [LUECKE] markiert); vermutlich stand hier ursprünglich eine nähere Bestimmung wie „wer unter den Menschen [ein solcher Wissender ist]“, doch der genaue Wortlaut ist nicht zu rekonstruieren. Dieselbe Lücke kehrt formelhaft in den Kaṇḍikās 4.3.37–4.3.40 wieder.]
atha ye śatamājānadevānāmānandāḥ sa eko devaloka ānando yaśca [LUECKE] śrotriyo'vṛjino'kāmahataḥ
Was aber die hundertfache Wonne der Geburts-Götter ist, das ist eine [einzige] Wonne der Götterwelt (devaloka) – und ebenso die Wonne dessen, der [Lücke im Text], schriftgelehrt, frei von Falschheit, nicht von Begierde überwältigt [ist]. [Anm.: vgl. Anm. zu 4.3.36 (Textlücke).]
atha ye śataṃ devaloka ānandāḥ sa eko gandharvaloka ānando yaśca [LUECKE] śrotriyo'vṛjino'kāmahataḥ
Was aber die hundertfache Wonne der Götterwelt ist, das ist eine [einzige] Wonne der Gandharva-Welt – und ebenso die Wonne dessen, der [Lücke im Text], schriftgelehrt, frei von Falschheit, nicht von Begierde überwältigt [ist]. [Anm.: vgl. Anm. zu 4.3.36 (Textlücke).]
atha ye śataṃ gandharvaloka ānandāḥ sa ekaḥ prajāpatiloka ānando yaśca [LUECKE] śrotriyo'vṛjino'kāmahataḥ
Was aber die hundertfache Wonne der Gandharva-Welt ist, das ist eine [einzige] Wonne der Welt Prajāpatis – und ebenso die Wonne dessen, der [Lücke im Text], schriftgelehrt, frei von Falschheit, nicht von Begierde überwältigt [ist]. [Anm.: vgl. Anm. zu 4.3.36 (Textlücke).]
atha ye śataṃ prajāpatiloka ānandāḥ sa eko brahmaloka ānando yaśca [LUECKE] śrotriyo'vṛjino'kāmahata eṣa brahmalokaḥ samrāḍ iti hainaṃ anuśaśāsaitadamṛtaṃ so'haṃ bhagavate sahasraṃ dadāmi ata ūrdhvaṃ vimokṣāyaiva brūhīti
Was aber die hundertfache Wonne der Welt Prajāpatis ist, das ist eine [einzige] Wonne der Brahman-Welt (brahmaloka) – und ebenso die Wonne dessen, der [Lücke im Text], schriftgelehrt, frei von Falschheit, nicht von Begierde überwältigt [ist]. Das ist die Brahman-Welt, o Herrscher – so unterwies er ihn. Dies ist die Unsterblichkeit (amṛta). „Ich gebe dem Verehrten [dafür] tausend [Kühe]. Sprich weiter, [nun] eigens zur Befreiung!“ [Anm.: vgl. Anm. zu 4.3.36 (Textlücke).]
sa vā eṣa etasmintsamprasāde ratvā caritvā dṛṣṭvaiva puṇyaṃ ca pāpaṃ ca punaḥ pratinyāyaṃ pratiyonyādravati buddhāntāyaiva sa yadatra kiṅcitpaśyatyananvāgatastena bhavati asaṅgo hyayaṃ puruṣa iti evamevaitad yājñavalkya so'haṃ bhagavate sahasraṃ dadāmi ata ūrdhvaṃ vimokṣāyaiva brūhīti
Er nun, nachdem er sich in diesem Zustand der [tiefen] Ruhe (samprasāda) vergnügt, sich bewegt und Gutes wie Böses geschaut hat, eilt wieder zurück, dem [Weg gemäß, auf dem er kam,] zu dem [Ort, aus dem er kam,] zurück – eben zum Wachzustand. Was er dort auch sieht, er wird davon nicht erreicht; denn diese Person ist unanhaftend. – „So ist es fürwahr, Yājñavalkya. Ich gebe dem Verehrten tausend [Kühe]. Sprich weiter, eigens zur Befreiung!“
Da geriet Yājñavalkya in Furcht: „Dieser kluge (medhāvin) König könnte mich mit all [seinen weiteren Fragen] noch völlig in die Enge treiben!“ [Anm.: Die Wendung sarvebhyo māntebhya udarautsīt ist textlich unsicher; wiedergegeben ist der vermutete Sinn – Yājñavalkyas Furcht, vom scharfsinnigen König durch weiteres Fragen erschöpft bzw. in Bedrängnis gebracht zu werden.] [Er fuhr fort:] Wenn diese [Person] zur Hinfälligkeit (aṇiman) hingeht, sei es durch Alter oder durch Krankheit (upatapta) zur Hinfälligkeit gelangt, so wie eine Mango-, eine Feigen- (udumbara) oder eine Pippala-Frucht sich von ihrer Bindung (bandhana) löst, ebenso löst sich dieses leibliche Selbst von diesen Gliedern (aṅga) und eilt wieder, dem [Weg gemäß, auf dem es kam,] zu dem [Ort, aus dem es kam,] zurück – eben zum Atem (prāṇa) hin.
So wie ein wohlbeladener Wagen (anas, susamāhita) unter Knarren (utsarjat) dahinfährt, ebenso fährt dieses leibliche Selbst, bestiegen vom Selbst der Erkenntnis (prājña ātman), unter Ächzen dahin. [Anm.: utsarjat trägt Doppelsinn – das Knarren des schwerbeladenen Wagens und zugleich, übertragen, das mühsame Ausatmen bzw. „Loslassen“ des sterbenden Körpers; beide Bedeutungen schwingen in diesem berühmten Sterbe-Gleichnis mit.]
So wie einen ankommenden König (rājānam āyantam) hohe Würdenträger (ugra), Vollstrecker (pratyenas), Wagenlenker (sūta) und Dorfvorsteher (grāmaṇī) mit Speisen, Getränken und Unterkünften (avasatha) erwarten [mit den Worten]: „Dieser kommt, dieser naht!“ – ebenso erwarten alle Wesen einen, der solches weiß (evaṃvid) [mit den Worten]: „Dies ist Brahman, das kommt; dies naht!“ [Anm.: ugrāḥ pratyenasaḥ bezeichnet eine Gruppe hoher königlicher Amtsträger, vermutlich mit Straf- bzw. Ordnungsvollzug befasst (enas „Vergehen“); die genaue Funktion ist nicht restlos gesichert.]
So wie sich um einen König, der aufzubrechen im Begriff ist (prayiyāsant), hohe Würdenträger, Vollstrecker, Wagenlenker und Dorfvorsteher versammeln, ebenso versammeln sich um einen, der solches weiß, alle Atemkräfte (prāṇa), wenn er [im Sterben] den letzten Atemzug nach oben aushaucht (ūrdhvocChvāsin).
sa yatrāyamśāriraṃ ātmābalyaṃ nītya sammohamiva nyeti athainamete prāṇā abhisamāyanti sa etāstejomātrāḥ samabhyādadāno hṛdayamevānvavakrāmati
Wenn dieser leibliche Ātman (śārīra ātman), geschwächt (balyaṃ nītvā), gleichsam in Umnachtung hinsinkt (sammoham iva nyeti), dann kommen ihm alle Lebenshauche (prāṇāḥ) entgegen (abhisamāyanti). Er nimmt diese Lichtelemente (tejomātrāḥ), die Glanzanteile der Sinne, in sich auf und zieht sich in das Herz zurück (hṛdayam evānvavakrāmati).
sa yatraiṣa cākṣuṣaḥ puruṣaḥ parāṅ paryāvartate athārūpajño bhavati
Wenn sich dieser im Auge weilende Puruṣa (cākṣuṣaḥ puruṣaḥ, die „Sehperson“) abwendet (parāṅ paryāvartate), erkennt er keine Formen mehr (arūpajño bhavati).
ekībhavati na paśyatītyāhuḥ ekībhavati na jighratītyāhuḥ ekībhavati na rasayatītyāhuḥ ekībhavati na vadatītyāhuḥ ekībhavati na śṛṇotītyāhuḥ ekībhavati na manuta ityāhuḥ ekībhavati na spṛśatītyāhuḥ ekībhavati na vijānātītyāhuḥ
„Er wird eins [mit sich selbst] – er sieht nicht mehr“, sagt man. „Er wird eins – er riecht nicht mehr“, sagt man. „Er wird eins – er schmeckt nicht mehr“, sagt man. „Er wird eins – er spricht nicht mehr“, sagt man. „Er wird eins – er hört nicht mehr“, sagt man. „Er wird eins – er denkt nicht mehr“, sagt man. „Er wird eins – er berührt nicht mehr“, sagt man. „Er wird eins – er erkennt nicht mehr“, sagt man.
Die Spitze seines Herzens beginnt zu leuchten (pradyotate); in diesem Leuchten geht der Ātman hinaus (niṣkrāmati) – sei es durch das Auge, durch den Scheitel (mūrdhan) oder durch andere Körperstellen. Ihm, der so hinausgeht, folgt der Atem (prāṇa) nach, und dem Atem folgen alle übrigen Lebenshauche. Mit dem Bewusstsein (sañjñāna) zieht er sich zurück (anvavakrāmati); er, dieser Kenner (jñaḥ), wird mit Erkenntnis versehen (savijñānaḥ). Wissen und Werk (vidyākarmaṇī) ergreifen ihn (samanvārabhete), ebenso die frühere Erfahrung (pūrvaprajñā).
Wie eine Raupe (tṛṇajalāyukā, wörtlich „Gras-Blutegel“), wenn sie das Ende eines Grashalms erreicht hat, sich selbst auf einen neuen Halt hinüberzieht (ātmānam upasaṃharati) [Anm.: Der vorliegende Text hat hier eine kürzere Fassung ohne die andernorts belegte Zwischenphrase „anyam ākramam ākramya“ („nachdem sie einen anderen Halt gefasst hat“); „upasaṃharati“ wird im traditionellen Sinn von „sich zu einem neuen Halt hinüberziehen“ wiedergegeben], so zieht auch dieser Puruṣa sich selbst hinüber, nachdem er diesen Körper niedergeworfen (nihatya) und ihn der Bewusstlosigkeit überantwortet hat (avidyāṃ gamayitvā). [Anm.: „avidyāṃ gamayitvā“ ist eine notorisch schwierige Wendung – wörtlich „ihn (den Körper) zum Nicht-Wissen gebracht habend“. Übersetzt nach der gängigen Deutung, wonach der Körper empfindungslos zurückgelassen wird; andere lesen hier eine Aussage über das Ablegen der Unwissenheit durch den Ātman selbst.]
Wie ein Goldschmied (peśaskārī, wörtlich „Schmuckbildner“) von einem Stück Gold (peśas) ein Teilchen (mātrā) abnimmt und daraus eine andere, neuere, schönere Form bildet (tanute), so bildet auch dieser Puruṣa, nachdem er diesen Körper niedergeworfen und ihn der Bewusstlosigkeit überantwortet hat, eine andere, neuere, schönere Form: sei es eine der Väter (pitryam), sei es eine der Gandharven, sei es eine des Brahman, sei es eine der Prajāpati, sei es eine göttliche (daivam), sei es eine von anderen Wesen.
Dieser Ātman fürwahr ist Brahman: er besteht aus Erkenntnis (vijñānamaya), aus Denken (manomaya), aus Sprache (vāṅmaya), aus Atem (prāṇamaya), aus dem Auge, aus dem Gehör, aus dem Raum (ākāśamaya), aus Wind (vāyumaya), aus Glanz (tejomaya), aus Wasser (āpomaya), aus Erde (pṛthivīmaya), aus Zorn (krodhamaya), aus Nicht-Zorn, aus Freude (harṣamaya), aus Nicht-Freude, aus Raum, aus Glanz, aus Nicht-Glanz, aus Begierde (kāmamaya), aus Nicht-Begierde, aus Zorn, aus Nicht-Zorn, aus Recht (dharmamaya), aus Unrecht (adharmamaya), aus allem (sarvamaya). Und dass er „aus diesem“ (idammaya) und „aus jenem“ (adomaya) besteht, heißt: So wie einer handelt, so wie einer sich verhält, so wird er; wer Gutes tut, wird gut, wer Böses tut, wird böse; durch verdienstvolles Handeln wird man verdienstvoll (puṇya), durch böses Handeln böse (pāpa). [Anm.: Die Liste der „besteht aus …“-Prädikate weist im überlieferten Mādhyandina-Text Wiederholungen auf – ākāśamayaḥ und krodhamayo'krodhamayaḥ erscheinen je zweimal –, während der Kāṇva-Paralleltext (4.4.5) eine kürzere, nicht-redundante Liste bietet. Hier wird der Text wie überliefert wiedergegeben, ohne die Dopplung stillschweigend zu tilgen.]
Und ferner sagt man: Aus Begierde (kāma) allein besteht dieser Puruṣa. Wie seine Begierde ist, so ist sein Wille (kratu); wie sein Wille ist, so handelt er (karma kurute); und welche Tat er tut, deren [Frucht] wird ihm auch zuteil (yatkarma kurute tadabhisampadyate).
tadeṣa śloko bhavatiḥ tadeva sattat saha karmaṇaiti liṅgaṃ mano yatra niṣaktamasya prāpyāntaṃ karmaṇastasya yatkiṅceha karotyayaṃ tasmāl lokātpunaraiti asmai lokāya karmaṇa iti nu kāmayamāno athākāmayamāno yo'kāmo niṣkāma ātmakāma āptakāmo bhavati na tasmād prāṇā utkrāmanti atraiva samavanīyante brahmaiva sanbrahmāpyeti
Dazu gibt es diesen Vers: „Eben jenes Seiende (sat) geht zusammen mit dem Werk (karman) dahin, dorthin, woran das Merkmal (liṅga), das Denkorgan (manas), haftet (niṣakta).“ Hat er das Ende seines Werkes erreicht, so kehrt er – was auch immer er hier getan hat – von jener Welt wieder zurück, zu neuem Werk für diese Welt: so der noch Begehrende. Wer aber begierdelos ist, frei von Begierde, dessen Begierde der Ātman selbst ist (ātmakāma), dessen Begierden erfüllt sind (āptakāma), von dem gehen die Lebenshauche nicht [zu neuer Geburt] fort; eben hier werden sie zur Ruhe gebracht (samavanīyante), und er, der schon Brahman ist, geht in Brahman ein. [Anm.: Dieser Vers gehört zu den syntaktisch dunkelsten Stellen der Upaniṣad; die stark verdichtete Konstruktion (liṅgaṃ mano yatra niṣaktam …) lässt mehrere Lesarten zu. Übersetzt nach der gängigen Deutung: das an seine letzte Willensregung gebundene „Merkmal“ bzw. der Feinkörper wandert mit dem Werk weiter.]
Dazu gibt es diesen Vers: „Wenn alle Begierden entweichen (pramucyante), die in seinem Herzen wohnten, dann wird der Sterbliche unsterblich, dann erlangt er hier das Brahman.“
Wie eine abgestreifte Schlangenhaut (ahinirvlayanī) tot auf dem Ameisenhügel (valmīka) liegt, hingeworfen (pratyastā), so liegt auch dieser Körper da; dieser aber – der knochenlose, körperlose, weise (prājña) Ātman – ist eben Brahman, eben die [himmlische] Welt, der Alleinherrscher (samrāṭ)“, so sprach Yājñavalkya. „Ich gebe dir, Erhabener, tausend [Kühe]“, sprach da Janaka von Videha.
Dazu gibt es auch diese Verse: „Schmal ist der Pfad, weithin sich erstreckend, uralt, von mir berührt, von mir eben aufgefunden; auf ihm gehen die Weisen (dhīrāḥ), die Brahman-Kenner, davon, nachdem sie [von hier] emporgestiegen sind (utkramya), zur Himmelswelt, von hier befreit.“
Dort spricht man von Weiß und Dunkelblau, von Braun (piṅgala), Grün (harita) und Rot (lohita); dies ist der vom Brahman gefundene Pfad; auf ihm geht, wer Brahman kennt, der Leuchtende (taijasa) und wer Gutes wirkt (puṇyakṛt). [Anm.: Die Aufzählung dieser Farben auf dem Jenseitspfad ist inhaltlich unklar und gehört zu den bekannten Crux-Stellen der Upaniṣad; eine sichere Deutung – Lichterscheinungen? Stationen des Weges? – ist bislang nicht gefunden.]
andhaṃ tamaḥ praviśanti ye'sambhūtim upāsate tato bhūya iva te tamo ya u sambhūtyāṃ ratāḥ
In blinde Finsternis (andhaṃ tamas) gehen ein, die das Nicht-Gewordene (asambhūti) verehren; in eine noch größere Finsternis aber, die am Gewordenen (sambhūti) Gefallen finden.
tadeva santastadu bhavāmo na cedavedī mahatī vinaṣṭirye tadviduramṛtāste bhavantyathetare duḥkhamevopayanti
„Ebendieses Seiende (sat) sind wir schon, ebendieses werden wir [erst wahrhaft].“ Wer dies nicht weiß, für den ist das ein großer Verlust (vinaṣṭi); wer es weiß, wird unsterblich, die anderen aber gehen nur ins Leid ein. [Anm.: Der Satz „tadeva santastadu bhavāmaḥ“ ist grammatisch und inhaltlich schwer zu fassen (etwa: „eben das Seiende sind wir schon an sich, eben das werden wir erst durch Erkenntnis wirklich“); die Übersetzung gibt den wahrscheinlichsten Sinn wieder, ohne dass die genaue Satzstruktur gesichert wäre.]
yasyānuvittaḥ pratibuddha ātmā- -smintsandehye gahane praviṣṭaḥ sa viśvakṛt sa hi sarvasya kartā tasya lokaḥ sa u loka eva
Wer, in dieses trügerische, undurchdringliche Dickicht (sandehye gahane) eingegangen, den Ātman gefunden hat und erwacht ist (pratibuddha), der ist der Allschöpfer (viśvakṛt); denn er ist der Schöpfer von allem; sein ist die Welt – ja, er selbst ist die Welt. [Anm.: Die Wendung „sandehye gahane“ (etwa „im zweifelhaften Dickicht“, wohl auf den Leib bezogen) ist lexikalisch und syntaktisch unsicher; manche Ausgaben lesen andere Formen. Übersetzt nach der üblichen Deutung auf den Körper als „trügerisches Dickicht“.]
Den, in dem die fünf Fünfheiten (pañca pañcajanāḥ) und der Raum (ākāśa) gegründet sind, eben den halte für den Ātman, o Wissender – er ist Brahman, der Unsterbliche, das Unsterbliche. [Anm.: Der Ausdruck „pañca pañcajanāḥ“ („die fünf Fünfheiten“) ist eine der berühmtesten Crux-Stellen der gesamten vedischen Literatur; die Deutungen reichen von den vier Ständen (varṇas) plus Niṣādas bis zu Göttern, Menschen, Gandharven, Schlangen/Vätern und Asuras. Eine sichere Auflösung ist bis heute nicht gefunden.]
Das, unterhalb dessen (yasmād arvāk) das Jahr mit seinen Tagen umläuft (parivartate) – das verehren die Götter als das Licht der Lichter (jyotiṣāṃ jyotis), als Lebenszeit (āyus), als das Unsterbliche.
prāṇasya prāṇamuta cakṣuṣaścakṣuruta śrotrasya śrotramannasyānnaṃ manaso ye mano viduḥ te nicikyurbrahma purāṇamagryaṃ manasaivāptavyaṃ neha nānāsti kiṃ cana
Den Atem des Atems, das Auge des Auges, das Ohr des Ohres, die Speise der Speise, das Denken des Denkens – wer dies erkennt, die haben das uralte, erste Brahman erkannt; nur mit dem Denken ist es zu erfassen (manasaivāptavyam); hier gibt es keine Vielheit (nānā), gar nichts.
mṛtyoḥ sa mṛtyumāpnoti ya iha nāneva paśyati manasaivānudraṣṭavyaṃ etadapramayaṃ dhruvam
Vom Tod zum Tod gelangt, wer hier Vielheit erblickt (nāneva paśyati). Nur mit dem Denken ist dies zu erschauen, dieses Unermessliche (apramaya), Beständige (dhruva).
virajaḥ para ākāśādaja ātmā mahāndhruvas tameva dhīro vijñāya prajñāṃ kurvīta brāhmaṇo nānudhyāyādbahūñcabdān vāco viglāpanaṃ hi taditi
Makellos (viraja), jenseits des Raumes (para ākāśāt), ungeboren (aja), groß, beständig ist der Ātman; wer ihn erkennt, der weise Brahmane, übe seine Einsicht (prajñāṃ kurvīta); er sinne nicht über viele Worte nach, denn das ist nur Ermüdung der Sprache (vāco viglāpana).
sa vā ayamātmā ya eṣo'ntarhṛdaya ākāśaḥ tasmiñcete sarvasya vaśī sarvasyeśānaḥ sarvasyādhipatiḥ sarvamidaṃ praśāsti yadidaṃ kiṅca sa na sādhunā karmaṇā bhūyānno evāsādhunā kanīyān eṣa bhūtādhipatir eṣa lokeśvara eśa lokapāla sa seturvidharaṇa eṣāṃ lokānāmasambhedāya
Dieser Ātman fürwahr, der in dem Raum (ākāśa) im Innern des Herzens ist – darin liegt er (cete): der Beherrscher von allem, der Herrscher über alles, der Oberherr über alles; er regiert alles, was hier ist, was auch immer es sei. Durch gutes Handeln wird er nicht größer, noch wird er durch schlechtes Handeln kleiner. Er ist der Herr der Geschöpfe, der Herrscher der Welten, der Hüter der Welten (lokapāla); er ist der Damm (setu), die Scheidewand (vidharaṇa), auf dass diese Welten sich nicht vermischen (asambhedāya).
Ihn eben möchte man erkennen (vividiṣanti) durch Rezitation der Veden (vedānuvacana), durch Keuschheit (brahmacarya), durch Askese (tapas), durch Glauben (śraddhā), durch Opfer, durch Fasten (anāśaka); eben ihn erkennend wird man ein Schweiger (muni). Eben diese Welt erlangen wollend, wandern die Wandermönche (pravrājinaḥ) fort.
etaddha sma vai tatpūrve brahmaṇā anucānā vidvāṃsaḥ prajāṃ na kāmayanteḥ kiṃ prajayā kariṣyāmo yeṣāṃ no'yamātmāyamloka iti te ha sma putraiṣaṇāyāśca vittaiṣaṇāyāśca lokaiṣaṇāyāśca vyutthāyātha bhikṣācaryaṃ caranti yā hyeva putraiṣaṇā sā vittaiṣaṇā yā vittaiṣaṇā sā lokaiṣaṇobhe hyete eṣaṇe eva bhavataḥ
Eben dies fürwahr taten einst die im Brahman-Wissen gebildeten (brahmaṇā anucānāḥ), wissenden Männer der Vorzeit: sie begehrten keine Nachkommenschaft und sprachen: „Was sollen wir mit Nachkommenschaft anfangen, wir, deren Ātman eben diese ganze Welt ist?“ Sie standen ab vom Verlangen nach Söhnen, vom Verlangen nach Reichtum und vom Verlangen nach [jenseitigen] Welten und wandelten dann als Bettler (bhikṣācaryam caranti). Denn das Verlangen nach Söhnen ist eben das Verlangen nach Reichtum, und das Verlangen nach Reichtum ist das Verlangen nach [jenseitigen] Welten – beide sind ja nur Verlangen (eṣaṇā).
sa eṣa neti netyātmāgṛhyo na hi gṛhyate aśīryo na hi śīryate asaṅgo'sito na sajyate na vyathate ataḥ [LUECKE] pāpamakaravamityataḥ kalyāṇamakaravamityubhe-ubhe hyeṣa ete tarati amṛtaḥ sādhvasādhunī nainaṃ kṛtākṛte tapataḥ
Dieser [Ātman wird beschrieben als]: „Nicht so, nicht so“ (neti neti); er ist unfassbar (agṛhya), denn er wird nicht erfasst; unzerstörbar (aśīrya), denn er zerfällt nicht; unangehaftet (asaṅga), er haftet nicht an (na sajyate); ungebunden (asita); er wird nicht erschüttert (na vyathate). [Anm.: Der Quelltext markiert an dieser Stelle ausdrücklich eine Lücke ([LUECKE]); der Sinn des fehlenden Abschnitts lässt sich aus dem Parallelabschnitt Kāṇva 4.4.22 erschließen, wird hier aber nicht rekonstruiert, sondern die Lücke bleibt als solche kenntlich gemacht.] – „Habe ich hierdurch Böses getan?“, „Habe ich hierdurch Gutes getan?“ – über beides erhebt sich dieser [Ātman] hinweg; unsterblich, von Gutem wie Bösem gleichermaßen unberührt, quälen ihn weder das Getane noch das Ungetane (kṛtākṛte).
tadetadṛcābhyuktam eṣa nityo mahimā brāhmaṇasya na karmaṇā vardhate no kanīyān tasyaiva syātpadavittaṃ viditvā na karmaṇā lipyate pāpakeneti tasmādevaṃvicChānto dānta uparatastitikṣuḥ śraddhāvitto bhūtvātmanyevātmānaṃ paśyet sarvamātmānaṃ paśyati sarvoāsyātmā bhavati sarvasyātmā bhavati sarvaṃ pāpmānaṃ tarati nainaṃ pāpmā tapati sarvaṃ pāpmānaṃ tapati vipāpo virajo vijighatso'pipaso brāhmaṇo bhavati ya evaṃ veda samrāḍ enaṃ prāpto'sīti hovāca yājñavalkyaḥ so'haṃ bhagavate videhāndadāmi māñcāpi saha dāsyāyeti
Dies ist mit einem Vers ausgesagt: „Dies ist die ewige (nitya) Größe (mahiman) des Brahmanen: sie wächst nicht durch [rituelles] Werk, noch wird sie geringer; man erkenne allein ihre Spur (padavittam) [Anm.: „padavittam“, wörtlich „das Wissen von der Spur/dem Ort des Brahman“, ist lexikalisch ungewöhnlich und wird in der Tradition unterschiedlich gedeutet; die Übersetzung folgt der geläufigsten Auffassung.] – hat man sie erkannt, wird man nicht durch böses Tun befleckt.“ Deshalb soll, wer dies weiß, ruhig (śānta), gebändigt (dānta), zurückgezogen (uparata), geduldig (titikṣu) und voll Vertrauen (śraddhāvant) geworden, den Ātman im Ātman selbst erschauen; er sieht alles als den Ātman, alles wird ihm zum eigenen Selbst, er wird zum Ātman von allem. Er überwindet alles Böse (pāpman); nicht quält ihn das Böse, sondern er verbrennt alles Böse; frei von Bösem, frei von Makel, frei von Hunger, frei von Durst wird der Brahmane, der dies weiß. – „Du, o Herrscher (samrāṭ), hast dies erlangt“, sprach da Yājñavalkya. Da sprach Janaka von Videha: „Ich gebe dir, Erhabener, die Videhas und auch mich selbst zum Dienst (dāsya).“
sa vā eṣa mahānaja ātmānnādo vasudānaḥ sa yo haivametaṃ mahāntamajamātmānamannādaṃ vasudānaṃ veda vindate vasu vindate vasu ya evaṃ veda
Dieser große, ungeborene Ātman fürwahr ist der Speiseesser (annāda), der Güterspender (vasudāna). Wer diesen großen, ungeborenen Ātman als Speiseesser und Güterspender kennt, der erlangt Güter (vasu) – er erlangt Güter, wer dies weiß.
sa vā eṣa mahānaja ātmājaro'maro'bhayo'mṛto brahmābhayaṃ vai janaka prāpto'sīti hovāca yājñavalkyaḥ so'haṃ bhagavate videhāndadāmi māñcāpi saha dāsyāyeti
Dieser große, ungeborene Ātman fürwahr ist alterlos (ajara), unsterblich (amara), furchtlos (abhaya), unvergänglich (amṛta), Brahman. – „Furchtlosigkeit, o Janaka, hast du fürwahr erlangt“, sprach da Yājñavalkya. Da sprach Janaka von Videha: „Ich gebe dir, Erhabener, die Videhas und auch mich selbst zum Dienst.“
atha ha yājñavalkyasya dve bhārye babhūvaturmaitreyī ca kātyāyanī ca tayorha maitreyī brahmavādinī babhūva strīprajñaiva tarhi kātyāyanī so'nyadvṛttamupākariṣyamāṇa
Nun hatte Yājñavalkya zwei Frauen, Maitreyī und Kātyāyanī. Von diesen war Maitreyī eine Kennerin der Brahman-Lehre (brahmavādinī), Kātyāyanī dagegen besaß nur die Einsicht einer gewöhnlichen Frau (strīprajñā). Als er nun im Begriff war, eine andere Lebensweise (vṛtta) zu ergreifen, das heißt in die Weltentsagung zu ziehen …
… sprach Yājñavalkya: „Maitreyī, ich werde nun von diesem Stand fortziehen (pravrajiṣyan). Wohlan, lass mich zwischen dir und Kātyāyanī eine Teilung vornehmen (antaṃ karavāṇi).“ [Anm.: „antaṃ karavāṇi“, wörtlich „ich will ein Ende/eine Grenze setzen“, wird herkömmlich als Ankündigung einer Vermögensteilung zwischen den beiden Frauen verstanden; die genaue Bedeutung des Ausdrucks bleibt jedoch unsicher.]
sā hovāca maitreyīḥ yannu ma iyaṃ bhagoḥ sarvā pṛthivī vittena pūrṇā syāt syāṃ nvahaṃ tenāmṛtāho3 neti neti hovāca yājñavalkyo yathaivopakaraṇavatāṃ jīvitaṃ tathaiva te jīvitaṃ syādamṛtatvasya tu nāśāsti vitteneti
Da sprach Maitreyī: „Wenn mir, o Herr, diese ganze Erde voll von Reichtum gehörte, würde ich dadurch unsterblich sein?“ „Nein“, sprach Yājñavalkya, „wie das Leben derer ist, die nur äußeren Besitz haben, ebenso würde dein Leben sein; Unsterblichkeit aber ist durch Reichtum nicht zu erhoffen.“
sa hovāca yājñavalkyaḥ priyā khalu no bhavatī satī priyamavṛtad dhanta khalu bhavati te'haṃ tadvakṣyāmi vyākhyāmi te vācaṃ tu me nididhyāsasveti etadvyākhyāsyāmi te vyācakṣāṇasya tu me nididhyāsasveti bravitu bhagavāniti
Da sprach Yājñavalkya: „Fürwahr, du bist uns lieb, und Liebes hast du eben gesagt (priyam avṛta). Wohlan, ich will es dir erklären; sinne dabei über meine Worte nach (vācaṃ nididhyāsasva).“ – „Erkläre mir dies, und während du es erklärst, will ich darüber nachsinnen“, [erwiderte Maitreyī]. „So möge denn der Erhabene sprechen.“ [Anm.: Der Dialog wirkt im überlieferten Text redundant, gleichsam doppelt gesetzt (zweimal „ich werde es erklären“ – „sinne nach“), vermutlich infolge einer Dittographie; die Übersetzung gibt den vermutlichen Sinn des Wechselgesprächs wieder, wie er überliefert ist, ohne ihn zu glätten.]
sa hovāca yājñavalkyo na vā are patyuḥ kāmāya patiḥ priyo bhavati ātmanastu kāmāya patiḥ priyo bhavati na vā are jāyāyai kāmāya jāyā priyā bhavati ātmanastu kāmāya jāyā priyā bhavati na vā are putrāṇāṃ kāmāya putrāḥ priyā bhavanti ātmanastu kāmāya putrāḥ priyā bhavanti na vā are vittasya kāmāya vittaṃ priyaṃ bhavati ātmanastu kāmāya vittaṃ priyaṃ bhavati na vā are brahmaṇaḥ kāmāya brahma priyaṃ bhavati ātmanastu kāmāya brahma priyaṃ bhavati na vā are kṣatrasya kāmāya kṣatraṃ priyaṃ bhavati ātmanastu kāmāya kṣatraṃ priyaṃ bhavati na vā are lokānāṃ kāmāya lokāḥ priyā bhavanti ātmanastu kāmāya lokāḥ priyā bhavanti na vā are devānāṃ kāmāya devāḥ priyā bhavanti ātmanastu kāmāya devāḥ priyā bhavanti na vā are bhūtānāṃ kāmāya bhūtāni priyāṇi bhavanti ātmanastu kāmāya bhūtāni priyāṇi bhavanti na vā are sarvasya kāmāya sarvaṃ priyaṃ bhavati ātmanastu kāmāya sarvaṃ priyaṃ bhavati ātmā vā are draṣṭavyaḥ śrotavyo mantavyo nididhyāsitavyo maitreyi ātmano vā are darśanena śravaṇena matyā vijñānenedaṃ sarvaṃ viditam
Da sprach Yājñavalkya: „Wahrlich, nicht um des Gatten willen ist der Gatte lieb, sondern um des Selbst (ātman) willen ist der Gatte lieb. Nicht um der Gattin willen ist die Gattin lieb, sondern um des Selbst willen ist die Gattin lieb. Nicht um der Söhne willen sind die Söhne lieb, sondern um des Selbst willen sind die Söhne lieb. Nicht um des Reichtums willen ist der Reichtum lieb, sondern um des Selbst willen ist der Reichtum lieb. Nicht um des Brahmanentums willen ist das Brahmanentum lieb, sondern um des Selbst willen ist das Brahmanentum lieb. Nicht um des Kṣatriyatums willen ist das Kṣatriyatum lieb, sondern um des Selbst willen ist das Kṣatriyatum lieb. Nicht um der Welten willen sind die Welten lieb, sondern um des Selbst willen sind die Welten lieb. Nicht um der Götter willen sind die Götter lieb, sondern um des Selbst willen sind die Götter lieb. Nicht um der Wesen willen sind die Wesen lieb, sondern um des Selbst willen sind die Wesen lieb. Nicht um von allem willen ist alles lieb, sondern um des Selbst willen ist alles lieb. Den Ātman, o Teure, soll man schauen, hören, bedenken, betrachten (nididhyāsitavya); durch das Schauen, Hören, Denken und Erkennen des Ātman, o Teure, ist dies alles erkannt.“ [Anm.: Diese Kaṇḍikā ist das nahe Gegenstück zur Belehrung in 2.4.5, aber nicht wortidentisch – hier fehlt ein eigenes Glied für die „Veden“, und es steht „brahmaṇaḥ“ statt „brāhmaṇasya“. Die Übersetzung folgt daher der dort etablierten Terminologie (Ātman als „Selbst“) und der Formel „nicht um X willen ist X lieb, sondern um des Selbst willen ist X lieb“, gibt aber die hier leicht abweichende Auswahl der Glieder wieder.]
brahma taṃ parādād yo'nyatrātmano vedānveda vedāstaṃ parāduḥ yo'nyatrātmano vedānveda yajñāstaṃ parāduḥ yo'nyatrātmano yajñānveda yo'nyatrātmano brahma veda kṣatraṃ taṃ parādād yo'nyatrātmanaḥ kṣatraṃ veda lokāstaṃ parāduḥ yo'nyatrātmano lokānveda devāstaṃ parāduḥ yo'nyatrātmano devānveda vedāstaṃ parāduḥ yo'nyatrātmano vedānveda bhūtāni taṃ parāduḥ yo'nyatrātmano bhūtāni veda sarvaṃ taṃ parādād yo'nyatrātmanaḥ sarvaṃ veda idaṃ brahmedaṃ kṣatramime lokā ime devā ime vedā imāni bhūtānīdaṃ sarvaṃ yadayamātmā
Das Brahman verlässt den, der die Veden anderswo als im Selbst zu erkennen glaubt. Die Veden verlassen den, der die Veden anderswo als im Selbst kennt. Die Opfer verlassen den, der die Opfer anderswo als im Selbst kennt. Das Brahman verlässt den, der das Brahmanentum anderswo als im Selbst kennt. Das Kṣatriyatum verlässt den, der das Kṣatriyatum anderswo als im Selbst kennt. Die Welten verlassen den, der die Welten anderswo als im Selbst kennt. Die Götter verlassen den, der die Götter anderswo als im Selbst kennt. Die Veden verlassen den, der die Veden anderswo als im Selbst kennt. Die Wesen verlassen den, der die Wesen anderswo als im Selbst kennt. Alles verlässt den, der alles anderswo als im Selbst kennt. Dieses alles – das Brahmanentum, das Kṣatriyatum, diese Welten, diese Götter, diese Veden, diese Wesen, dies alles – ist nichts anderes als eben dieser Ātman. [Anm.: Die Wendung „yo'nyatrātmano brahma veda“ steht im Text ohne eigenes, ausdrückliches „brahma taṃ parādāt“ – das Verb wird offenbar aus dem vorangehenden Satz elliptisch mitverstanden; ergänzt nach dem Muster der übrigen Glieder dieser Reihe. Diese Kaṇḍikā ist zudem das nahe Gegenstück zu 2.4.6; die Formulierung folgt hier bewusst der dort etablierten Wendung „X verlässt den, der X anderswo als im Selbst kennt“.]
sa yathā dundubherhanyamānasya na bāhyāñcabdāñcaknuyādgrahaṇāya dundubhes tu grahaṇena dundubhyāghātasya vā śabdo gṛhītaḥ
Wie man bei einer geschlagenen Pauke (dundubhi) die nach außen dringenden Töne einzeln nicht erfassen könnte, wohl aber durch das Erfassen der Pauke selbst oder des Paukenschlags der Ton mit-erfasst ist –
sa yathā vīṇāyai vādyamānāyai na bāhyāñcabdāñcaknuyādgrahaṇāya vīṇāyai tu grahaṇena vīṇāvādasya vā śabdo grhītaḥ
wie man bei einer gespielten Laute (vīṇā) die nach außen dringenden Töne einzeln nicht erfassen könnte, wohl aber durch das Erfassen der Laute selbst oder des Lautenspiels der Ton mit-erfasst ist –
sa yathā śaṅkhasya dhmāyamānasya na bāhyāñcabdāñcaknuyādgrahaṇāya śaṅkhasya tu grahaṇena śaṅkhadhmasya vā śabdo gṛhītaḥ
wie man bei einer geblasenen Muschel (śaṅkha) die nach außen dringenden Töne einzeln nicht erfassen könnte, wohl aber durch das Erfassen der Muschel selbst oder des Muschelblasens der Ton mit-erfasst ist –
wie aus einem mit feuchtem Brennholz (ārdra-edhas) entzündeten Feuer die Rauchwolken einzeln (pṛthak) hervorquellen (viniścaranti), ebenso ist, o Teure, das Ausgeatmete (niśvasita) dieses großen Wesens: der Ṛgveda, der Yajurveda, der Sāmaveda, die Lieder der Atharvāṅgiras, die Geschichtsüberlieferung (itihāsa), die alte Sage (purāṇa), die Wissenschaften (vidyā), die Upaniṣaden, die Verse (ślokāḥ), die Leitfäden (sūtrāṇi), die Erläuterungen und Kommentare (anuvyākhyānāni, vyākhyānāni); alles Gespendete, Geopferte, Gegessene, Getrunkene, diese Welt und die jenseitige Welt und alle Wesen – dies alles ist eben sein Ausgeatmetes.
Wie aller Gewässer Vereinigungsort (ekāyana) das Meer ist, so ist aller Berührungen (sparśānām) Vereinigungsort die Haut; so ist aller Gerüche Vereinigungsort die Nase; so ist aller Geschmäcke Vereinigungsort die Zunge; so ist aller Formen Vereinigungsort das Auge; so ist aller Töne Vereinigungsort das Ohr; so ist aller Willensregungen (saṅkalpānām) Vereinigungsort das Denken (manas); so ist aller Wissenstexte (vedānām) Vereinigungsort das Herz; so ist aller Werke Vereinigungsort die beiden Hände; so ist aller Wege Vereinigungsort die beiden Füße; so ist aller Wonnen (ānandānām) Vereinigungsort das Geschlechtsorgan (upastha); so ist aller Ausscheidungen (visargāṇām) Vereinigungsort der After (pāyu); so ist aller Lehren (vidyānām) Vereinigungsort die Sprache (vāc).
sa yathā saindhavaghano'nantaro'bāhyaḥ kṛtsno rasaghana eva syād evaṃ vā are idaṃ mahadbhūtamanantamaparaṃ kṛtsnaḥ prajñānaghana evaitebhyo bhūtebhyaḥ samutthāya tāni evānuvinayati na pretya sañjñāstītyare bravimīti hovāca yājñavalkyaḥ
Wie ein Salzklumpen (saindhavaghana) innen und außen (anantaro'bāhyaḥ), ganz und gar (kṛtsnaḥ), nichts als ein Geschmacksklumpen (rasaghana) ist, so ist auch, o Teure, dieses große Wesen, [der Ātman], ohne Innen und Außen, ganz und gar nichts als ein Erkenntnisklumpen (prajñānaghana); aus diesen Elementen hervortretend (samutthāya), vergeht er wieder mit ihnen (anuvinayati). Nach dem Tod gibt es kein Bewusstsein (saṃjñā) mehr – so sage ich, o Teure“, sprach Yājñavalkya. [Anm.: Der Text liest hier „anuvinayati“; der Parallelabschnitt (Kāṇva 4.5.13/2.4.12) hat an dieser Stelle „anuvinaśyati“ („vergeht danach“). Übersetzt im wahrscheinlichen Sinn „vergeht“; ob „anuvinayati“ eine bewusste Variante (etwa zu √nī, „führt danach fort“) oder ein Schreibfehler ist, bleibt unsicher.]
sā hovāca maitreyi atraiva mā bhagavānmohāntamāpīpadan na vā ahamimaṃ vijānāmītiḥ na pretya sañjñāstīti
Da sprach Maitreyī: „Hier fürwahr hast du mich, Erhabener, in Verwirrung gestürzt (mohāntam āpīpadat), indem du sagst: Es gibt nach dem Tod kein Bewusstsein mehr. Das verstehe ich wahrlich nicht.“
sa hovāca yājñavalkyo na vā are'haṃ mohaṃ bravīmi avināśī vā are'yamātmānucChittidharmā mātrāsaṃsargastvasya bhavati
Da sprach Yājñavalkya: „Wahrlich, o Teure, ich sage nichts Verwirrendes; unvergänglich (avināśin) fürwahr ist dieser Ātman, von unzerstörbarer Wesensart (anucchittidharma); nur seine Verbindung mit den Sinneselementen (mātrāsaṃsarga) löst sich auf.“
yadvai tanna paśyati paśyanvai taddraṣṭavyaṃ na paśyati na hi draṣṭurdṛṣṭerviparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yatpaśyet
Denn wenn er dann nicht sieht, so sieht er doch, sehend, nur eben nichts Sichtbares mehr – denn ein Verlust des Sehens für den Sehenden gibt es nicht, weil er unvergänglich ist; es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes, getrenntes Ding, das er sehen könnte.
yadvai tanna jighrati jighranvai tadghratavyaṃ na jighrati na hi ghrāturghrāterviparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yaj jighret
Denn wenn er dann nicht riecht, so riecht er doch, riechend, nur eben nichts Riechbares mehr – denn ein Verlust des Riechens für den Riechenden gibt es nicht, weil er unvergänglich ist; es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes Ding, das er riechen könnte.
yadvai tanna rasayati vijānanvai tadrasaṃ na rasayati na hi rasayitū rasādviparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yadrasayet
Denn wenn er dann nicht schmeckt, so schmeckt er doch, schmeckend, nur eben nichts Schmeckbares mehr – denn ein Verlust des Schmeckens für den Schmeckenden gibt es nicht, weil er unvergänglich ist; es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes Ding, das er schmecken könnte.
yadvai tanna vadati vadanvai tadvaktavyaṃ na vadati na hi vakturvaco viparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yadvadet
Denn wenn er dann nicht spricht, so spricht er doch, sprechend, nur eben nichts Sagbares mehr – denn ein Verlust des Sprechens für den Sprechenden gibt es nicht, weil er unvergänglich ist; es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes Ding, das er sagen könnte.
yadvai tanna śṛṇoti śṛṇvanvai tacChrotavyaṃ na śṛṇoti na hi śrotuḥ śruterviparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yacChṛṇuyāt
Denn wenn er dann nicht hört, so hört er doch, hörend, nur eben nichts Hörbares mehr – denn ein Verlust des Hörens für den Hörenden gibt es nicht, weil er unvergänglich ist; es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes Ding, das er hören könnte.
yadvai tanna manute manvāno vai tanmantavyaṃ na manute na hi manturmaterviparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yanmanvīta
Denn wenn er dann nicht denkt, so denkt er doch, denkend, nur eben nichts Denkbares mehr – denn ein Verlust des Denkens für den Denkenden gibt es nicht, weil er unvergänglich ist; es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes Ding, das er denken könnte.
yadvai tanna spṛśati spṛśanvai tatspraṣṭavyaṃ na spṛśati na hi spraṣṭuḥ spṛṣṭerviparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yatspṛśet
Denn wenn er dann nicht berührt, so berührt er doch, berührend, nur eben nichts Berührbares mehr – denn ein Verlust des Berührens für den Berührenden gibt es nicht, weil er unvergänglich ist; es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes Ding, das er berühren könnte.
yadvai tanna vijānāti vijānanvai tadvijñeyaṃ na vijānāti na hi vijñāturvijñānādviparilopo vidyate'vināśitvān na tu taddvitīyamasti tato'nyadvibhaktaṃ yadvijānīyāt
Denn wenn er dann nicht erkennt, so erkennt er doch, erkennend, nur eben nichts Erkennbares mehr – denn ein Verlust des Erkennens für den Erkennenden gibt es nicht, weil er unvergänglich ist; es gibt aber kein zweites, von ihm verschiedenes Ding, das er erkennen könnte.
Wo es nämlich gleichsam ein Anderes gäbe, dort könnte der eine den anderen sehen, dort könnte der eine den anderen riechen, dort könnte der eine den anderen schmecken, dort könnte der eine zum anderen sprechen, dort könnte der eine den anderen hören, dort könnte der eine an den anderen denken, dort könnte der eine den anderen berühren, dort könnte der eine den anderen erkennen.
Wo ihm aber alles zum eigenen Selbst (Ātman) geworden ist, womit und wen sollte er da sehen? Womit und wen sollte er da riechen? Womit und wen sollte er da schmecken? Womit und zu wem sollte er da sprechen? Womit und wen sollte er da hören? Woran und an wen sollte er da denken? Womit und wen sollte er da berühren? Womit und wen sollte er da erkennen? Wodurch sollte man den erkennen, durch den man dies alles erkennt? Wodurch, o Teure, sollte man den Erkennenden (vijñātṛ) erkennen?“ – „Du bist nun in dieser Lehre vollständig unterwiesen (uktānuśāsanā), Maitreyī; soviel eben, o Teure, ist Unsterblichkeit (amṛtatvam).“ Nachdem er dies gesprochen hatte, zog Yājñavalkya fort in die Weltentsagung.
Nun die Lehrer-Reihe (vaṃśa): Wir erhielten dies von Śaurpaṇāyya; Śaurpaṇāyya von Gautama; Gautama von Vātsya; Vātsya von Vātsya und von Pārāśarya; Pārāśarya von Śāṅkṛtya und von Bhāradvāja; Bhāradvāja von Audāvahi und von Śāṇḍilya; Śāṇḍilya von Vaijavāpa und von Gautama; Gautama von Vaijavāpāyana und von Vaiṣṭapureya; Vaiṣṭapureya von Śāṇḍilya und von Rauhiṇāyana; Rauhiṇāyana von Śaunaka, von Jaivantāyana und von Raibhya; Raibhya von Pautimāṣyāyaṇa und von Kauṇḍinyāyana; Kauṇḍinyāyana von den beiden Kauṇḍinyas; die Kauṇḍinyas von den Aurṇavābhas; die Aurṇavābhas von Kauṇḍinya; Kauṇḍinya von Kauṇḍinya und von Āgniveśya. [Anm.: Diese Lehrer-Reihe (vaṃśa) ist im überlieferten Text an mehreren Stellen unsicher zu segmentieren – sie enthält scheinbare Dopplungen (z. B. „Vātsya von Vātsya“) und eine über den ganzen Abschnitt (4.5.26–28) schwankende Schreibung von Namen (ś/ṣ/h-Wechsel, z. B. Śāṇḍilya/Hāṇḍilya, Śāṅkṛtya/Ṣāṅkṛtya). Die Übersetzung folgt dem Standardmuster verzweigter vaṃśa-Listen der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad, ohne dass jede Zuordnung als gesichert gelten kann.]
Āgniveśya von Śautava; Śautava von Pārāśarya; Pārāśarya von Jātukarṇya; Jātukarṇya von Bhāradvāja; Bhāradvāja von Bhāradvāja, von Āsurāyaṇa und von Gautama; Gautama von Bhāradvāja; Bhāradvāja von Valākā-Kauśita; Valākā-Kauśita von Kāṣāyaṇa; Kāṣāyaṇa von Śaukarāyana; Śaukarāyana von Traivaṇi; Traivaṇi von Aupajandhani; Aupajandhani von Śāyakāyana; Śāyakāyana von Kauśikāyani; Kauśikāyani von Ghṛtakauśika; Ghṛtakauśika von Pārāśarya; Pārāśarya von Pārāśarya; dieser von Jātukarṇya; Jātukarṇya von Bhāradvāja; Bhāradvāja von Bhāradvāja, von Āsurāyaṇa und von Yāska; Āsurāyaṇa von Traivaṇi; Traivaṇi von Aupajandhani; Aupajandhani von Āsuri; Āsuri von Bhāradvāja; Bhāradvāja von Ātreya. [Anm.: Segmentierung und Schreibung dieser Fortsetzung der Lehrer-Reihe folgen derselben, in 4.5.26 erläuterten Unsicherheit – mehrfache Namensgleichheit (mehrere „Bhāradvāja“, „Pārāśarya“) und schwankendes ś/ṣ.]
Ātreya von Māṇṭi; Māṇṭi von Gautama; Gautama von Gautama; Gautama von Vātsya; Vātsya von Śāṇḍilya; Śāṇḍilya von Kaiśorya-Kāpya; Kaiśorya-Kāpya von Kumāraharita; Kumāraharita von Gālava; Gālava von Vidarbhī-Kauṇḍinya; Vidarbhī-Kauṇḍinya von Vatsanapād-Bābhrava; Vatsanapād-Bābhrava von Pathin-Śaubhara; Pathin-Śaubhara von Āyāsya-Āṅgirasa; Āyāsya-Āṅgirasa von Ābhūti-Tvāṣṭra; Ābhūti-Tvāṣṭra von Viśvarūpa-Tvāṣṭra; Viśvarūpa-Tvāṣṭra von den beiden Aśvins; die Aśvins von Dadhyañc Ātharvaṇa; Dadhyañc Ātharvaṇa von Atharvan-Daiva; Atharvan-Daiva von Mṛtyu-Prādhvaṃsana; Mṛtyu-Prādhvaṃsana von Prādhvaṃsana; Prādhvaṃsana von Ekarṣi; Ekarṣi von Viprajitti; Viprajitti von Vyaṣṭi; Vyaṣṭi von Śanāru; Śanāru von Śanātana; Śanātana von Śanaga; Śanaga von Parameṣṭhin; Parameṣṭhin von Brahman; Brahman ist der Selbstentstandene (Svayambhū). Verehrung dem Brahman (brahmaṇe namaḥ)! [Anm.: Wie in 4.5.26 bleibt die genaue Namenssegmentierung dieser abschließenden Reihe unsicher (u. a. dreifache Wiederholung des Namens Gautama ab „Gautama von Gautama“); die Liste führt die Lehrerfolge bis zu Parameṣṭhin, Brahman und dem Selbstentstandenen zurück.]
Nun die Lehrer-Reihe (vaṃśa): Paśutimāṣya erhielt dies von Gaupavana; Gaupavana von Paśutimāṣya; Paśutimāṣya von Gaupavana; Gaupavana von Kauśika; Kauśika von Kauṇḍinya; Kauṇḍinya von Śāṇḍilya; Śāṇḍilya von Kauśika und von Gautama; Gautama von … [Anm.: Die Aufzählung bricht am Ende dieser Kaṇḍikā mitten im Satz ab („Gautama von …“) und wird erst in 4.6.2 mit „von Āgniveśya“ fortgesetzt – die Kaṇḍikā-Grenze fällt hier, wie in der parallelen Kāṇva-Rezension (4.4.22), nicht mit einer syntaktischen Einheit zusammen.]
[Gautama erhielt dies] von Āgniveśya; Āgniveśya von Gārgya; Gārgya von Gārgya; Gārgya von Gautama; Gautama von Śaitava; Śaitava von Pārāśaryāyaṇa; Pārāśaryāyaṇa von Gārgyāyaṇa; Gārgyāyaṇa von Uddālakāyana; Uddālakāyana von Jābālāyana; Jābālāyana von Mādhyandināyana; Mādhyandināyana von Śaukarāyaṇa; Śaukarāyaṇa von Kāṣāyaṇa; Kāṣāyaṇa von Śāyakāyana; Śāyakāyana von Kauśikāyani. [Anm.: Fortsetzung der in 4.6.1 abgebrochenen Aufzählung. Wie im ganzen Abschnitt schwankt die Schreibung einzelner Namen zwischen ś, ṣ und h (z. B. „ṣaitavāt“ für „śaitavāt“); dies wurde unverändert aus dem Quelltext übernommen.]
[Kauśikāyani erhielt dies] von Ghṛtakauśika; Ghṛtakauśika von Pārāśaryāyaṇa; Pārāśaryāyaṇa von Pārāśarya; Pārāśarya von Jātūkarṇya; Jātūkarṇya von Āsurāyaṇa und von Yāska; Āsurāyaṇa von Traivaṇi; Traivaṇi von Aupajandhani; Aupajandhani von Āsuri; Āsuri von Bhāradvāja; Bhāradvāja von Ātreya; Ātreya von Māṇṭi; Māṇṭi von Gautama; Gautama von Gautama; Gautama von Vātsya; Vātsya von Śāṇḍilya; Śāṇḍilya von Kaiśorya-Kāpya; Kaiśorya-Kāpya von Kumārahārita; Kumārahārita von Gālava; Gālava von Vidarbhī-Kauṇḍinya; Vidarbhī-Kauṇḍinya von Vatsanapād-Bābhrava; Vatsanapād-Bābhrava von Pathin-Śaubhara; Pathin-Śaubhara von Āyāsya-Āṅgirasa; Āyāsya-Āṅgirasa von Abhūti-Tvāṣṭra; Abhūti-Tvāṣṭra von Viśvarūpa-Tvāṣṭra; Viśvarūpa-Tvāṣṭra von den beiden Aśvins; die Aśvins von Dadhyañc Ātharvaṇa; Dadhyañc Ātharvaṇa von Atharvan-Daiva; Atharvan-Daiva von Mṛtyu-Prādhvaṃsana; Mṛtyu-Prādhvaṃsana von Prādhvaṃsana; Prādhvaṃsana von Ekarṣi; Ekarṣi von Vipracitti; Vipracitti von Vyaṣṭi; Vyaṣṭi von Śanāru; Śanāru von Śanātana; Śanātana von Śanaga; Śanaga von Parameṣṭhin; Parameṣṭhin von Brahman; Brahman ist der Selbstentstandene (Svayambhū). Verehrung dem Brahman! [Anm.: Diese Fortsetzung und der Abschluss der Lehrer-Reihe der Kāṇva-Rezension stimmen inhaltlich weitgehend mit der zuvor gegebenen Mādhyandina-Liste (4.5.27–28) überein und bestätigen im Wesentlichen deren Segmentierung; kleinere Namensvarianten (z. B. Vipracitti/Viprajitti, Kumārahārita/Kumāraharita) wurden wie im Quelltext belassen.]