Adhyāya 5
Das Volle und das Leere: Vom Da-Da-Da des Donners bis zur Verehrung der Gāyatrī
Das fünfte Adhyāya besteht aus sechzehn meist knappen Brāhmaṇas, die – anders als die ausführlichen Lehrgespräche der Adhyāyas 3 und 4 – eine Reihe eigenständiger, oft aphoristischer Meditationen (upāsanā) und Deutungen versammeln. Es eröffnet mit dem berühmten, bis heute in vielen Ritualkontexten rezitierten Invokationsvers 'Pūrṇam adaḥ, pūrṇam idam' – 'Voll ist jenes, voll ist dieses' –, der den Raum (kham) als Brahman besingt (1). Es folgt die ebenso berühmte Parabel von den drei Söhnen Prajāpatis – Götter, Menschen und Dämonen –, die nacheinander bei ihrem Vater um Unterweisung bitten und je nur die eine Silbe 'Da' zur Antwort erhalten, die sie auf je eigene Weise verstehen: die Götter als dāmyata ('seid beherrscht'), die Menschen als datta ('gebt'), die Dämonen als dayadhvam ('seid barmherzig') – eine Deutung, die der Donner der Regenwolke bis heute wiederholt, wenn er 'da da da' ruft (2). Diese Stelle ist der ferne Ursprung der Verse, mit denen T. S. Eliot sein Gedicht 'The Waste Land' beschließt. Die folgenden kurzen Brāhmaṇas entfalten weitere Gleichsetzungen (upāsanā) mit dem Brahman: der Tod und die Bitte um gutes Geleit (3), das Herz (hṛdaya) mit seinem dreisilbigen Wortspiel hṛ-da-yam (4), das Wort 'satyam' (Wahrheit) mit seiner Dreisilbigkeit, in deren Mitte die Unwahrheit von der Wahrheit umschlossen wird (5–6), der Blitz (vidyut) als das, was vom Bösen löst (7), der aus Geist bestehende, lichthafte Menschen im Herzen (8), die Sprache (vāc) als Milchkuh mit vier Rufen als Eutern (9), die vier Weltrichtungen und Vasu-Rudra-Āditya-Gruppen (10–11), der Weg des Sterbenden durch Wind, Sonne und Mond in eine leidfreie, ewige Welt (12), das Gespräch zwischen Prātṛda und seinem Vater Pāṇina über die Einheit von Atem und Rede (13) sowie das Uktha, der Yajus, das Sāman und die Kṣatra-Macht als Gleichsetzungen mit dem Atem (14). Den Abschluss bilden zwei eng verwandte Brāhmaṇas: das mit einem Sonnenvers aus der Bṛhadāraṇyaka-Tradition beschlossene Kapitel über die Gāyatrī, ihre vier Versfüße und ihre kosmische Entsprechung sowie ihre rituelle Verehrung (upasthāna) mit der Bitte, dass dem Betenden kein Übel widerfahre (15), und der berühmte, dem Pūṣan zugesprochene Sonnenvers 'Hiraṇmayena pātreṇa satyasyāpihitaṃ mukham' – 'Mit einer goldenen Schale ist das Antlitz der Wahrheit verdeckt' –, mit dem der Sterbende sich mit dem Sonnenwesen identifiziert und in einem beinahe wortgleichen Echo des dritten Brāhmaṇas seinen Atem dem Windhauch anheimgibt (16).
Voll ist jenes, voll ist dieses – aus dem Vollen entspringt das Volle. Nimmt man dem Vollen das Volle, so bleibt das Volle doch zurück. Der Raum (kham) ist Brahman, uralter Raum, windgefüllter Raum – so pflegte der Sohn der Kauravyāyaṇī zu sagen [Anm.: Die Wortfügung „vāyuraṃ kham“ ist in der Vedaphilologie umstritten; manche lesen darin einen eigenen, windgefüllten Raum, andere ziehen eine andere Wortabtrennung vor – die genaue Konstruktion bleibt eine offene, gut bezeugte Streitfrage]. Dies ist das Wissen (veda), das die Brahmanen kennen; mit ihm erkennt man, was zu erkennen ist.
Drei Arten von Nachkommen Prajāpatis, des „Herrn der Geschöpfe“, lebten einst bei ihrem Vater als Schüler in Enthaltsamkeit (brahmacarya): die Götter, die Menschen und die Asuras (Dämonen).
uṣitvā brahmacaryaṃ devā ūcuḥ bravītu no bhavāniti tebhyo haitadakṣaramuvācaḥ da iti vyajñāsiṣṭā3 iti vyajñāsiṣmeti hocuḥ dāmyateti na āttheti omiti hovāca vyajñāsiṣṭeti
Nachdem sie ihre Zeit der Enthaltsamkeit (brahmacarya) vollendet hatten, baten die Götter: „Sprich zu uns, Verehrter!“ Da sprach er zu ihnen die eine Silbe: „Da“ – und fragte: „Habt ihr verstanden?“ „Wir haben verstanden“, antworteten sie, „du hast zu uns gesagt: ‘Seid beherrscht (dāmyata)!’“ „Om“, sprach er, „ihr habt in der Tat verstanden.“
atha hainaṃ manuṣyā ūcuḥ bravītu no bhavāniti tebhyo haitadevākṣaramuvācaḥ da iti vyajñāsiṣṭā3 iti vyajñāsiṣmeti hocuḥ datteti na āttheti omiti hovāca vyajñāsiṣṭeti
Da baten auch die Menschen ihn: „Sprich zu uns, Verehrter!“ Da sprach er zu ihnen dieselbe eine Silbe: „Da“ – und fragte: „Habt ihr verstanden?“ „Wir haben verstanden“, antworteten sie, „du hast zu uns gesagt: ‘Gebt (datta)!’“ „Om“, sprach er, „ihr habt in der Tat verstanden.“
Da baten schließlich die Asuras ihn: „Sprich zu uns, Verehrter!“ Da sprach er zu ihnen dieselbe eine Silbe: „Da“ – und fragte: „Habt ihr verstanden?“ „Wir haben verstanden“, antworteten sie, „du hast zu uns gesagt: ‘Seid barmherzig (dayadhvam)!’“ „Om“, sprach er, „ihr habt in der Tat verstanden.“ Eben dies wiederholt jene göttliche Stimme, der Donner, wenn er „da da da“ ruft: „Seid beherrscht (dāmyata), gebt (datta), seid barmherzig (dayadhvam).“ Diese drei Tugenden soll man üben: Selbstbeherrschung (dama), Geben (dāna) und Barmherzigkeit (dayā).
Der Atem (vāyu) gehe ein in den unsterblichen Windhauch (anila), dieser Leib ende dann in Asche. Om! Gedenke, o Wille (krato)! Gedenke [auch] in der Schwäche (klībe)! Gedenke der Tat (kṛtam)! [Anm.: Diese dreigliedrige Formel „krato smara, klibe smara, kṛtaṃ smara“ ist die eigene, so bezeugte Lesart der Mādhyandina-Rezension; sie unterscheidet sich von der zweifach wiederholten Formel „krato smara kṛtaṃ smara“ der Parallelstelle in der Īśā-Upaniṣad 17f. Ein nahezu identischer Schlussvers findet sich zudem in Adhyāya 5, Brāhmaṇa 16 dieses Textes selbst – die Wiederholung ist demnach ein bekanntes Merkmal der Überlieferung, keine Textverderbnis. Zusätzlich ist die genaue Bedeutung von „klībe“ hier lexikalisch unsicher: Das Wort bezeichnet im Sanskrit gewöhnlich Schwäche, Unmännlichkeit oder Mutlosigkeit – hier wohl im Sinne von „auch im Moment des Erlahmens“ gedeutet, keinesfalls im Sinne von Unbezwingbarkeit.] O Agni, führe uns auf gutem Weg zum Reichtum, du Gott, der du alle Werke kennst; nimm von uns die verschlagene Sünde; dir wollen wir reichste Verehrung erweisen.
eṣa prajāpatiryaddhṛdayam etadbrahmaitatsarvam tadetattryakṣaraṃ hṛdayamiti hṛ ityekamakṣaram abhiharantyasmai svāścānye ca ya evaṃ veda da ityekamakṣaram dadanty asmai svāścānye ca ya evaṃ veda yamityekamakṣaram eti svargaṃ lokaṃ ya evaṃ veda
Dies ist Prajāpati: das Herz (hṛdaya). Dies ist Brahman, dies ist alles. Das Wort „hṛdaya“ hat drei Silben: „hṛ“ ist eine Silbe – ihm bringen die Eigenen wie auch Fremde Gaben dar (abhiharanti), wer dies so weiß. „Da“ ist eine Silbe – ihm geben die Eigenen wie auch Fremde, wer dies so weiß. „Yam“ ist eine Silbe – wer dies so weiß, geht (eti) in die himmlische Welt (svarga) ein. [Anm.: Der Text spielt hier mit einer eigenen Etymologie von „hṛdaya“ (Herz), indem er es in die Silben hṛ–da–yam zerlegt und mit den Verben abhi-hṛ („darbringen“), dā („geben“) und – weniger direkt – i („gehen“, vgl. eti) verknüpft; dies ist eine im Text selbst angelegte Wortspiel-Etymologie (paronomasia).]
tadvai tadetadeva tadāsa satyameva sa yo ha evam etanmahadyakṣaṃ prathamajaṃ vedaḥ satyaṃ brahmeti jayatīmāṃl lokān jita innvasāvasad ya evametanmahadyakṣaṃ prathamajaṃ vedaḥ satyaṃ brahmeti satyaṃ hyeva brahma
Dieses (Brahman) war eben dies: am Anfang war es nur die Wahrheit (satya). Wer dieses große Wunderwesen (yakṣa), das Erstgeborene, so als „Wahrheit ist Brahman“ erkennt, so gewinnt er diese Welten. Könnte er, der so erkennt, denn je unterliegen? [Gewiss nicht] – wer dieses große Wunderwesen, das Erstgeborene, so als „Wahrheit ist Brahman“ erkennt, [dem widerfährt das nicht]; denn die Wahrheit eben ist Brahman. [Anm.: Die Wendung „jayatīmāṃl lokān jita innvasāvasad“ ist eine verdichtete rhetorische Frageformel (jitaḥ in nu asāv asat, etwa „könnte er denn je unterliegen?“), erschlossen durch Vergleich mit ähnlichen upaniṣadischen Sprachmustern; die genaue Sandhi-Auflösung bleibt im Detail unsicher, der rhetorische Sinn gilt jedoch als gut gesichert.]
Wasser allein war dies am Anfang. Die Wasser schufen die Wahrheit (satya), die Wahrheit schuf Brahman, Brahman schuf Prajāpati, und Prajāpati schuf die Götter.
te devāḥ satyamity upāsate tadetattryakṣaraṃ satyam iti sa ityekamakṣaraṃ tītyekamakṣaraṃ am ityekamakṣaram prathamottame akṣare satyaṃ madhyato'nṛtam tadetadanṛtam satyena parigṛhītaṃ satyabhūyameva bhavati naivaṃvidvāṃsamanṛtaṃ hinasti
Diese Götter verehren das Wort „satyam“ (Wahrheit). Es hat drei Silben: „sa“ ist eine Silbe, „tī“ ist eine Silbe, „am“ ist eine Silbe. Die erste und die letzte Silbe sind Wahrheit, in der Mitte steht die Unwahrheit (anṛta). Doch diese Unwahrheit wird von der Wahrheit auf beiden Seiten umschlossen und wird so überwiegend zur Wahrheit. Wer dies so weiß, dem schadet die Unwahrheit nicht.
tadyattatsatyamasau sa ādityo ya eṣa etasminmaṇḍale puruṣo yaścāyaṃ dakṣiṇe'kṣanpuruṣaḥ tāvetāvanyo'nyasminpratiṣṭhitau raśmibhireṣo'sminpratiṣṭhitaḥ prāṇairayamamuṣmin sa yadotkramiṣyanbhavati śuddhamevaitanmaṇḍalaṃ paśyatiḥ nainamete raśmayaḥ pratyāyanti
Diese Wahrheit nun ist jene Sonne (āditya) – der Mensch (puruṣa), der in ihrer Scheibe wohnt, ebenso wie der Mensch, der hier im rechten Auge wohnt. Diese beiden ruhen einer im anderen: durch die Strahlen ruht jener, die Sonne, in diesem, dem Auge; durch die Lebenskräfte (prāṇa) ruht dieser in jenem. Wenn der Mensch im Begriff ist zu scheiden, sieht er diese Scheibe nur noch rein; ihre Strahlen kommen ihm dann nicht mehr entgegen.
ya eṣa etasminmaṇḍale puruṣaḥ tasya bhūriti śiraḥ ekaṃ śira ekametadakṣaraṃ bhuva iti bāhūḥ dvau bāhū dve ete akṣare svariti pratiṣṭhāḥ dve pratiṣṭhe dve ete akṣare tasyopaniṣadahariti hanti pāpmānaṃ jahāti ca ya evaṃ veda
Der Mensch, der in jener Sonnenscheibe wohnt – sein Kopf ist die Silbe „bhūḥ“: ein Kopf, eine Silbe. Seine Arme sind „bhuvaḥ“: zwei Arme, zwei Silben. Sein Stand (pratiṣṭhā) ist „svaḥ“: zwei Standorte, zwei Silben. Sein Geheimname (upaniṣad) ist „ahar“ („Tag“) – wer dies so weiß, überwindet das Böse (pāpman) und entrinnt ihm.
atha yo'yaṃ dakṣiṇe'kṣanpuruṣaḥ tasya bhūriti śiraḥ ekaṃ śira ekametadakṣaraṃ bhuva iti bāhūḥ dvau bāhū dve ete akṣare svariti pratiṣṭhāḥ dve pratiṣṭhe dve ete akṣare tasyopaniṣadahamiti hanti pāpmānaṃ jahāti ca ya evaṃ veda
Und der Mensch, der hier im rechten Auge wohnt – sein Kopf ist die Silbe „bhūḥ“: ein Kopf, eine Silbe. Seine Arme sind „bhuvaḥ“: zwei Arme, zwei Silben. Sein Stand ist „svaḥ“: zwei Standorte, zwei Silben. Sein Geheimname ist „aham“ („Ich“) – wer dies so weiß, überwindet das Böse und entrinnt ihm.
vidyudbrahmetyāhuḥ vidānādvidyud vidyatyenaṃ pāpmano ya evaṃ vedaḥ vidyudbrahmeti vidyuddhyeva brahma
„Der Blitz (vidyut) ist Brahman“, sagt man – benannt nach dem Sich-Lösen, dem Trennen (vidāna); der Blitz trennt (vidyati) den, der dies so weiß, vom Bösen (pāpman) los. „Der Blitz ist Brahman“ – der Blitz eben ist ja Brahman. [Anm.: Volksetymologische Verknüpfung von „vidyut“ mit der Wurzel vid im Sinn von „trennen, spalten“ (vgl. vyad) – eine im Text selbst angelegte Deutung.]
manomayo'yaṃ puruṣo bhāḥsatyaḥ tasminnantarhṛdaye yathā vrīhirvā yavo vaivamayamantarātmanpuruṣaḥ sa eṣa sarvasya vaśī sarvasyeśānaḥ sarvasyādhipatiḥ sarvamidaṃ praśāsti yadidaṃ kiṅca ya evaṃ veda
Dieser aus Geist bestehende (manomaya) Mensch ist lichthaft und wahrhaftig (bhāḥ satyaḥ). Im Innern des Herzens ist dieser Mensch, das innerste Selbst (antarātman), so groß wie ein Reiskorn oder ein Gerstenkorn. Er ist der Gebieter über alles, der Herrscher über alles, der Oberherr über alles; er beherrscht alles, was immer hier ist – wer dies so weiß.
vācaṃ dhenumupāsīta tasyāścatvāraḥ stanāḥ svāhākāro vaṣaṭkāro hantakāraḥ svadhākāraḥ tasyai dvau stanau devā upajīvanti svāhākāraṃ ca vaṣaṭkāraṃ ca hantakāraṃ manuṣyāḥ svadhākāraṃ pitaraḥ tasyāḥ prāṇa ṛṣabho mano vatsaḥ
Man verehre die Sprache (vāc) als Milchkuh (dhenu). Sie hat vier Euter: den Svāhā-Ruf, den Vaṣaṭ-Ruf, den Hanta-Ruf und den Svadhā-Ruf. Von zwei ihrer Euter leben die Götter, nämlich vom Svāhā- und vom Vaṣaṭ-Ruf; vom Hanta-Ruf leben die Menschen, vom Svadhā-Ruf die Ahnen (pitaraḥ). [Anm.: „Hanta“ ist ein Ausruf bzw. ritueller Zuruf – hier den Menschen zugeordnet, während Svāhā und Vaṣaṭ den Göttern und Svadhā den Ahnen dienen; die Sprache erscheint so als Kuh mit vier Eutern.] Ihr Atem (prāṇa) ist der Stier, ihr Denken (manas) das Kalb.
Dies ist das Feuer Vaiśvānara („das allen Menschen gemeinsame Feuer“), das im Innern des Menschen brennt und durch das die Speise, die man isst, verdaut wird. Von ihm rührt jenes Geräusch her, das man hört, wenn man sich die Ohren zuhält. Wenn der Mensch im Begriff ist zu scheiden, hört er dieses Geräusch nicht mehr.
etadvai paramaṃ tapo yadvyāhitastapyate paramaṃ haiva lokaṃ jayati ya evaṃ vedaitadvai paramaṃ tapo yaṃ pretamaraṇyaṃ haranti paramaṃ haiva lokaṃ jayati ya evaṃ vedaitadvai paramaṃ tapo yaṃ pretamagnāvabhyādadhati paramaṃ haiva lokaṃ jayati ya evaṃ veda
Dies fürwahr ist die höchste Askese (tapas): dass ein Kranker leidet. Wer dies so weiß, gewinnt die höchste Welt. Dies fürwahr ist die höchste Askese: dass man den Verstorbenen in den Wald trägt. Wer dies so weiß, gewinnt die höchste Welt. Dies fürwahr ist die höchste Askese: dass man den Verstorbenen ins Feuer legt. Wer dies so weiß, gewinnt die höchste Welt.
yadā vai puruṣo'smāl lokātpraiti sa vāyumāgacChati tasmai sa tatra vijihīte yathā rathacakrasya khaṃ tena sa ūrdhva ākramate sa ādityamāgacChati tasmai sa tatra vijihīte yathāḍambarasya khaṃ tena sa ūrdhva ākramate sa candramasamāgacChati tasmai sa tatra vijihīte yathā dundubheḥ khaṃ tena sa ūrdhva ākramate sa lokamāgacChatyaśokamahimaṃ tasminvasati śāśvatīḥ samāḥ
Wenn ein Mensch von dieser Welt scheidet, gelangt er zum Wind (vāyu). Dieser öffnet sich ihm dort wie die Nabe eines Wagenrades, und durch sie steigt er aufwärts. Er gelangt zur Sonne. Diese öffnet sich ihm wie die Öffnung einer Kesseltrommel, und durch sie steigt er aufwärts. Er gelangt zum Mond. Dieser öffnet sich ihm wie die Öffnung einer großen Kriegstrommel (dundubhi), und durch sie steigt er aufwärts. So gelangt er zu einer leidfreien, frostfreien Welt (aśokam ahimam); dort wohnt er ewige Jahre.
„Speise (anna) ist Brahman“, sagen die einen. Das stimmt so nicht, denn ohne den Atem (prāṇa) verwest die Speise. „Der Atem ist Brahman“, sagen die anderen. Auch das stimmt so nicht, denn ohne Speise vertrocknet der Atem. Vielmehr werden diese beiden Gottheiten (devate) eins und erlangen so gemeinsam den höchsten Zustand.
taddha smāha prātṛdaḥ pitaram kiṃ svidevaivaṃviduṣe sādhu kuryāṃ kimevāsmā asādhu kuryāmiti sa ha smāha pāṇināḥ mā prātṛda kas tvenayorekadhābhūyaṃ bhūtvā paramatāṃ gacChatīti
Da sprach Prātṛda einst zu seinem Vater: „Was könnte ich wohl einem, der dies so weiß, Gutes tun – was könnte ich ihm Schlechtes tun?“ Da sprach Pāṇina: „Nicht so, Prātṛda! Wer gelangt wohl, indem diese beiden eins werden, zum höchsten Zustand?“ [Anm.: Die genaue rhetorische Stoßrichtung von Pāṇinas Gegenfrage ist unter Interpreten umstritten; sie scheint jedoch die im Folgenden (5.13.3) entfaltete Lehre von der Einheit des Atems (prāṇa) mit Rede und Denken vorzubereiten.]
tasmā u haitaduvācaḥ vīti annaṃ vai vi anne hīmāni sarvāṇi bhūtāni viṣṭāni ramiti prāṇo vai raṃ prāṇe hīmāni sarvāṇi bhūtāni ratāni sarvāṇi ha vā asminbhūtāni viśanti sarvāṇi bhūtāni ramante ya evaṃ veda
Da sagte er ihm dies: Die Silbe „vi“ steht für die Speise (anna), denn in der Speise sind alle Wesen eingegangen (viṣṭāni). Die Silbe „ram“ steht für den Atem (prāṇa), denn im Atem finden alle Wesen Freude (ratāni). So gehen alle Wesen in den ein, der dies weiß, und alle Wesen erfreuen sich an ihm.
ukthaṃ prāṇo vā ukthaṃ prāṇo hīdaṃ sarvamutthāpayati uddhāsmā ukthavidvīrastiṣṭhati ukthasya sāyujyaṃ salokatāṃ jayati ya evaṃ veda
Der Atem (prāṇa) ist fürwahr das Uktha, der Lobgesang; denn der Atem lässt alles aufstehen (utthāpayati). Wer dies so weiß, dem steht ein heldenhafter, das Uktha kennender Mann (vīra) zur Seite [Anm.: „vīra“ wird im vedischen Ritualkontext oft im engeren Sinne von „tüchtiger Sohn“ gedeutet, bezeichnet wörtlich aber allgemeiner einen „Helden, tapferen Mann“.]. Er gewinnt die Vereinigung (sāyujya) mit dem Uktha und die Gleichweltlichkeit (salokatā) mit ihm.
yajuḥ prāṇo vai yajuḥ prāṇe hīmāni sarvāṇi bhūtāni yujyante yujyante hāsmai sarvāṇi bhūtāni śraiṣṭhyāya yajuṣaḥ sāyujyaṃ salokatāṃ jayati ya evaṃ veda
Der Atem ist fürwahr das Yajus, der Opferspruch; denn im Atem sind alle Wesen verbunden (yujyante). Alle Wesen fügen sich ihm zum Vorrang (śraiṣṭhya). Wer dies so weiß, gewinnt die Vereinigung mit dem Yajus und die Gleichweltlichkeit.
sāma prāṇo vai sāma prāṇe hīmāni sarvāṇi bhūtāni samyaṅci samyaṅci hāsmai sarvāṇi bhūtāni śraiṣṭhyāya kalpante sāmnaḥ sāyujyaṃ salokatāṃ jayati ya evaṃ veda
Der Atem ist fürwahr das Sāman, der Gesang; denn im Atem sind alle Wesen gleichgerichtet (samyañc). Alle Wesen fügen sich ihm zum Vorrang. Wer dies so weiß, gewinnt die Vereinigung mit dem Sāman und die Gleichweltlichkeit.
kṣatraṃ prāṇo vai kṣatraṃ prāṇo hi vai kṣatram trāyate hainaṃ prāṇaḥ kṣaṇitoḥ pra kṣatramātram āpnoti kṣatrasya sāyujyaṃ salokatāṃ jayati ya evaṃ veda
Der Atem ist fürwahr die Kṣatra, die Herrschermacht; denn der Atem schützt (trāyate) ihn vor Verletzung. So erlangt er das volle Maß der Herrschermacht. Wer dies so weiß, gewinnt die Vereinigung mit der Kṣatra und die Gleichweltlichkeit. [Anm.: Dem liegt die Volksetymologie kṣatra < kṣata („verwundet“) + trā („schützen“) zugrunde – die Herrschermacht als das, was vor Verletzung schützt.]
bhūmirantarikṣaṃ dyaurityaṣṭāv akṣarāṇi aṣṭākṣaraṃ ha vā ekaṃ gāyatryai padam etadu haivāsyā etat sa yāvadeṣu triṣu lokeṣu tāvaddha jayati yo'syā etadevaṃ padaṃ veda
„Erde (bhūmi), Luftraum (antarikṣa), Himmel (dyaus)“ – das sind acht Silben. Achtsilbig ist ein Versfuß (pada) der Gāyatrī. Genau das ist dieser ihr Versfuß. Wer ihn so kennt, gewinnt so viel, wie in diesen drei Welten ist.
ṛco yajūṣi sāmānītyaṣṭāvakṣarāṇi aṣṭākṣaraṃ ha vā ekaṃ gāyatryai padam etadu haivāsyā etat sa yāvatīyaṃ trayī vidyā tāvaddha jayati yo'syā etadevaṃ padaṃ veda
„Ṛc-Verse, Yajus-Sprüche, Sāman-Gesänge“ – das sind acht Silben. Achtsilbig ist ein Versfuß der Gāyatrī. Genau das ist dieser ihr Versfuß. Wer ihn so kennt, gewinnt so viel, wie das dreifache Wissen (trayī vidyā) umfasst.
prāṇo'pāno vyāna ityaṣṭāvakṣarāṇi aṣṭākṣaraṃ ha vā ekaṃ gāyatryai padam etadu haivāsyā etat sa yāvadidaṃ prāṇi tāvaddha jayati yo'syā etadevaṃ padaṃ veda
„Einatem (prāṇa), Ausatem (apāna), Zwischenatem (vyāna)“ – das sind acht Silben. Achtsilbig ist ein Versfuß der Gāyatrī. Genau das ist dieser ihr Versfuß. Wer ihn so kennt, gewinnt so viel, wie es hier Lebendiges (prāṇin) gibt.
Ihr vierter, sichtbarer (darśata) Versfuß aber, der jenseits des Staubes (parorajas) ist, ist jene Sonne, die dort scheint. Er heißt der vierte, „sichtbare“ Versfuß, weil er gleichsam sichtbar ist; „jenseits des Staubes“ heißt er, weil er über allem Staub, immer höher und höher, scheint. Ebenso erstrahlt auch, wer diesen ihren Versfuß so kennt, in Glanz (śrī) und Ruhm (yaśas).
saiṣā gāyatryetasmiṃsturīye darśate pade parorajasi pratiṣṭhitā tadvai tatsatye pratiṣṭhitā cakṣurvai satyaṃ cakṣurhi vai satyam tasmādyadidānīṃ dvau vivadamānāveyātam ahamadrākṣam ahamaśrauṣamiti ya eva brūyādahamadrākṣam iti tasmā eva śraddadhyāt
Diese Gāyatrī nun ruht in diesem vierten, sichtbaren, jenseits des Staubes befindlichen Versfuß. Sie ruht also in der Wahrheit (satya) – denn das Auge (cakṣus) ist fürwahr die Wahrheit, das Auge ist ja die Wahrheit. Deshalb sollte man, wenn zwei streitend kämen, der eine sagend „Ich habe es gesehen“, der andere „Ich habe es gehört“, eben dem glauben, der sagt: „Ich habe es gesehen.“
Diese Wahrheit nun ruht in der Kraft (bala); der Atem (prāṇa) ist fürwahr die Kraft, also ruht sie im Atem. Deshalb sagt man: „Kraft ist stärker als Wahrheit.“ So ruht diese Gāyatrī, auf das Selbst (ātman) bezogen (adhyātmam).
sā haiṣā gayāṃstatre prāṇā vai gayās tatprāṇāstatre tadyadgayāṃs tatre tasmādgāyatrī nāma sa yāmevāmūṃ anvāhaiṣaiva sā sa yasmā anvāha tasya prāṇāstrāyate
Diese Gāyatrī nun schützte (tatre) die Lebenskräfte (gayāḥ) – die Lebenskräfte sind fürwahr die Atemkräfte (prāṇāḥ), und eben diese schützte sie. Weil sie die Gayas schützte (tatre), trägt sie den Namen Gāyatrī. Und was auch immer sie fortführend rezitiert (anvāha) – eben das ist wiederum sie selbst. Wem sie vorgesprochen wird (anvāha), dessen Lebenskräfte schützt sie.
tāṃ ha eke sāvitrīmanuṣṭubhamanvāhuḥ vāganuṣṭub etadvācamanubrūma iti na tathā kuryād gāyatrīmevānubrūyād yadi ha vā api bahviva pratigṛhṇāti na haiva tadgāyatryā ekaṃ cana padaṃ prati
Diese Gāyatrī, als Sāvitrī, rezitieren manche im Anuṣṭubh-Versmaß, mit der Begründung: „Die Sprache (vāc) ist der Anuṣṭubh, wir rezitieren damit eben die Sprache.“ So sollte man jedoch nicht verfahren; man sollte vielmehr eben die Gāyatrī rezitieren. Und selbst wenn einer noch so reichen Lohn dafür empfängt, so reicht das nicht einmal an einen einzigen Versfuß der Gāyatrī heran.
sa ya imāṃstrīṃl lokānpūrṇānpratigṛhṇīyāt so'syā etatprathamaṃ padamāpnuyād atha yāvatīyaṃ trayī vidyā yastāvatpratigṛhṇīyāt so'syā etaddvitīyaṃ padamāpnuyād atha yāvadidaṃ prāṇi yastāvatpratigṛhṇīyāt so'syā etattṛtīyaṃ padamāpnuyād athāsyā etadeva turīyaṃ darśataṃ padaṃ parorajā ya eṣa tapati naiva kena canāpyam kuta u etāvatpratigṛhṇīyāt
Wer diese drei Welten voll an Gaben empfinge, erlangte damit nur ihren ersten Versfuß. Wer so viel empfinge, wie das dreifache Wissen umfasst, erlangte nur ihren zweiten Versfuß. Wer so viel empfinge, wie es hier Lebendiges gibt, erlangte nur ihren dritten Versfuß. Ihr vierter, sichtbarer Versfuß aber, jenseits des Staubes, nämlich jene Sonne, die dort scheint, ist durch nichts erlangbar – woher könnte man auch so viel empfangen, dass man ihn erlangte?
tasyā upasthānam gāyatri asyekapadī dvipadī tripadī catuṣpadi apadasi na hi padyase namaste turīyāya darśatāya padāya parorajaserasāvado mā prāpaditi yaṃ dviṣyād asāvasmai kāmo mā samardhīti vā na haivāsmai sa kāmaḥ samṛdhyate yasmā evamupatiṣṭhate ahamadaḥ prāpamiti vā
Ihre Verehrung (upasthāna) lautet: „Gāyatrī, du Einfüßige, Zweifüßige, Dreifüßige, Vierfüßige – du bist fußlos (apadā), denn du schreitest nicht (na hi padyase). Verehrung sei dir, dem vierten, sichtbaren, jenseits des Staubes befindlichen Versfuß! Möge dies jenen nicht erreichen, den ich hasse; möge jenem Wunsch nicht in Erfüllung gehen!“ – so geht, wenn man auf diese Weise verehrt, dem Gehassten sein Wunsch nicht in Erfüllung. Oder man spricht: „Möge ich jenes Ziel dort erreichen!“ [Anm.: Ob diese Formel als Fluch gegen einen Rivalen oder als aspirativer Wunsch des Übenden selbst zu verstehen ist, wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt; der Text selbst lässt beide Lesarten zu.]
etaddha vai taj janako vaideho buḍhilamāśvatarāśvimuvācaḥ yannu ho tadgāyatrīvidabrūthā atha kathaṃ hastī bhūto vahasīti mukhaṃ hyasyāḥ samrāḍ na vidāṃ cakareti hovāca
Dies nun sprach Janaka von Videha zu Buḍhila Āśvatarāśvi: „Da du doch behauptest, ein Kenner der Gāyatrī zu sein – wie kommt es dann, dass du wie ein Elefant [Lasten] trägst?“ [Anm.: Die Redewendung „hastī bhūto vahasi“ („zum Elefanten geworden trägst du“) gilt vermutlich als spöttische Anspielung darauf, dass Buḍhila trotz seines Wissens noch wie ein Lasttier oder Diener dienen muss; die genaue idiomatische Nuance ist nicht völlig gesichert.] Da antwortete er: „Weil ich, o Herrscher (samrāj), ihr Antlitz nicht kannte.“
Ihr Antlitz ist eben das Feuer (Agni). Legt man noch so viel ins Feuer, es verbrennt alles vollständig. Ebenso verzehrt ein solcher Kenner (evaṃvid), begeht er auch noch so viel Böses (pāpa), das alles vollständig und wird rein, lauter, alterslos, unsterblich.
Mit einer goldenen Schale ist das Antlitz der Wahrheit (satya) verdeckt. Das, o Pūṣan, enthülle, damit ich, dem Wahrheits-Gesetz gemäß, es schauen kann! O Pūṣan, du Einzelseher (ekarṣi), Yama, Sūrya, Sohn Prajāpatis – breite deine Strahlen aus, sammle deinen Glanz, damit ich deine Gestalt sehe, die allerschönste! Jener Mensch (puruṣa) dort – der bin ich. Der Atem (vāyu) gehe ein in den unsterblichen Windhauch, dieser Leib ende dann in Asche. Gedenke, o Wille (krato), gedenke der Tat! Gedenke, o Wille, gedenke der Tat! O Agni, führe uns auf gutem Weg zum Reichtum, du Gott, der du alle Werke kennst; nimm von uns die verschlagene Sünde; dir wollen wir reichste Verehrung erweisen.