Adhyāya 3
Janakas Opferpreis-Wettstreit: Yājñavalkya im Streitgespräch mit acht Brahmanen und die Vision des unvergänglichen Selbst
Das dritte Adhyāya bildet den philosophischen Höhepunkt der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad: König Janaka von Videha veranstaltet ein Opfer mit reichem Preis und lädt die versammelten Brahmanen von Kuru und Pañcāla zu einem Wettstreit der Beredsamkeit ein. Yājñavalkya lässt, seiner Sache gewiss, die tausend mit Gold beschlagenen Kühe schon vor der Entscheidung zu sich treiben – eine Provokation, die acht Herausforderer nacheinander auf den Plan ruft. Zunächst befragt Aśvala, der Hotṛ-Priester, ihn nach den verborgenen Entsprechungen (sampad) der Opferpriester und ihrer Erlösung (atimokṣa) vom wiederholten Tod (2.1–14); es folgt Ārtabhāga mit Fragen zu den Erfassungsorganen (graha) und ihren Übergreifern (atigraha) sowie zum Schicksal des Menschen nach dem Tod, worauf sich beide zur Fortsetzung des Gesprächs unter vier Augen zurückziehen (3.1–14). Bhujyu Lāhyāyani erkundigt sich nach dem Verbleib der sagenhaften Pārikṣitas, die – so Yājñavalkyas kosmologische Antwort – von Indra in Adlergestalt dem Windgott übergeben wurden und so den wiederholten Tod überwanden (3); Uṣasta Cākrāyaṇa und Kahoḍa Kauṣītakeya fragen beide nach dem unmittelbaren, unverhüllten Brahman, dem Selbst, das allem inwendig ist – Yājñavalkya antwortet mit der berühmten Formel vom Seher, der nicht gesehen werden, aber sieht, und mündet in die Lehre vom Bettelmönchtum jenseits allen Verlangens nach Söhnen, Besitz und Welten (4–6). Gārgī Vācaknavī eröffnet mit der Frage nach dem, worin Wasser, Wind, Äther und die aufsteigende Kette der Welten bis hin zu den Brahman-Welten gewoben und durchwoben sind; als sie noch weiter fragen will, warnt Yājñavalkya sie eindringlich, keine Gottheit zu befragen, über die hinausfragen nicht zulässig ist (7). Uddālaka Āruṇi entlockt ihm daraufhin die berühmte Antaryāmin-Lehre vom 'inneren Lenker' (antaryāmin): fünfundzwanzigfach durchdeklinierte Erde, Wasser, Feuer, Windraum, Himmel, Sonne, Himmelsrichtungen, Mond und Sterne sowie Atem, Rede, Auge, Ohr, Geist, Haut, Erkenntnis, Same – all dies bewohnt, von innen gelenkt und dabei selbst unerkannt vom unsterblichen Selbst, das der wahre Seher, Hörer, Denker und Erkennende ist (8). In ihrer zweiten Frage treibt Gārgī die Reihe noch weiter und lässt Yājñavalkya das Unvergängliche (akṣara) selbst beschreiben – jenseits von grob und fein, kurz und lang, Farbe und Schatten, ohne Namen und Geschlecht, unter dessen Gebot Himmel und Erde, Sonne und Mond, ja die Zeit selbst auseinandergehalten werden; wer es nicht kennt und dennoch opfert, dessen Verdienst bleibt endlich, wer es erkennend aus der Welt scheidet, ist ein wahrer Brahmane (9). Den Abschluss und Höhepunkt bildet die große Prüfung durch Vidagdha Śākalya: Auf die Frage nach der Zahl der Götter reduziert Yājñavalkya sie souverän von dreitausenddreihundertdrei über dreiunddreißig, sechs, drei, zwei, anderthalb bis auf den einen Gott, das Brahman; es folgen einunddreißig Kettenglieder aus Weltrichtung, Element und Sitz, bis Śākalya schließlich nach dem Grund alles Gegründeten – nach dem im Herzen wohnenden Selbst – fragt und die vernichtende Antwort erhält: Dieses Selbst ist 'nicht so, nicht so' (neti neti) – unfassbar, unzerstörbar, unhaftend, ungebunden; wer es dennoch zu fassen sucht, dem 'fällt der Kopf ab'. Śākalya kennt die Antwort nicht und stirbt tatsächlich; sein Ende leitet über zum abschließenden, viel diskutierten Gleichnis vom Baum, der nach dem Fällen wieder ausschlägt, während der vom Tod gefällte Mensch – ohne die Erkenntnis von Wonne und Brahman als letztem Ziel – nicht wiederkehrt.
janako ha vaideho bahudakṣiṇena yajñeneje tatra ha kurupaṅcālānāṃ brāhmaṇā abhisametā babhūvuḥ tasya ha janakasya vaidehasya vijijñāsā babhūvaḥ kaḥ svideṣāṃ brāhmaṇānāmanūcānatama iti
Janaka von Videha opferte mit einem Opfer, das reichliche Opfergaben (dakṣiṇā) enthielt. Dabei versammelten sich die Brahmanen der Kuru und Pañcāla. Da entstand in Janaka von Videha der Wunsch zu erfahren: Wer von diesen Brahmanen ist wohl der gelehrteste (anūcānatama)?
tānhovācaḥ brāhmaṇā bhagavanto yo vo brahmiṣṭhaḥ sa etā gā udajatāmiti te ha brāhmaṇā na dadhṛṣuḥ
Er sprach zu ihnen: 'Ehrwürdige Brahmanen! Wer von euch der Brahman-Kundigste (brahmiṣṭha) ist, der treibe diese Kühe fort.' Da wagten es die Brahmanen nicht.
atha ha yājñavalkyaḥ svameva brahmacāriṇamuvācaitāḥ saumyodaja ṣāmaśravā3 iti tā hodācakāra te ha brāhmaṇāścukrudhuḥ kathaṃ nu no brahmiṣṭho bruvīteti
Da sprach Yājñavalkya zu seinem eigenen Brahmacārin (Vedaschüler): 'Lieber, treibe sie fort, Sāmaśravas!' Da trieb jener sie fort. Da wurden die Brahmanen zornig: 'Wie kann er sich unseren Brahman-Kundigsten nennen?'
atha ha janakasya vaidehasya hotāśvalo babhūva sa hainaṃ papracChaḥ tvaṃ nu khalu no yājñavalkya brahmiṣṭho'sī3 iti sa hovācaḥ namo vayaṃ brahmiṣṭhāya kurmo gokāmā eva vayaṃ sma iti taṃ ha tata eva praṣṭuṃ dadhre hotāśvalaḥ
Da war Aśvala der Hotṛ-Priester des Janaka von Videha. Er fragte ihn: 'Bist du denn wirklich, Yājñavalkya, unser Brahman-Kundigster?' Er sprach: 'Vor dem Brahman-Kundigsten verneigen wir uns; wir wollten nur die Kühe haben.' Daraufhin beschloss der Hotṛ Aśvala, ihn eben deswegen zu befragen.
'Yājñavalkya', sprach er, 'da dies alles vom Tod ergriffen, dies alles vom Tod befallen ist – wodurch entrinnt der Opferherr der Ergriffenheit durch den Tod?' 'Durch den Hotṛ-Priester, durch das Feuer, durch die Rede (vāc). Die Rede nämlich ist der Hotṛ des Opfers. Diese Rede hier – das ist dieses Feuer hier; das ist der Hotṛ. Das ist die Befreiung (mukti), das ist die völlige Befreiung (atimukti).'
'Yājñavalkya', sprach er, 'da dies alles durch Tag und Nacht ergriffen, dies alles von Tag und Nacht befallen ist – wodurch entrinnt der Opferherr der Ergriffenheit durch Tag und Nacht?' 'Durch den Adhvaryu-Priester, durch das Auge, durch die Sonne (Āditya). Das Auge nämlich ist der Adhvaryu des Opfers. Dieses Auge hier – das ist jene Sonne dort; das ist der Adhvaryu. Das ist die Befreiung, das ist die völlige Befreiung.'
yājñavalkyeti hovāca yadidaṃ sarvaṃ pūrvapakṣāparapakṣābhyāmāptaṃ sarvaṃ pūrvapakṣāparapakṣābhyāmabhipannaṃ kena yajamānaḥ pūrvapakṣāparapakṣayorāptimatimucyata iti brahmaṇartvijā manasā candreṇa mano vai yajñasya brahmā tadyadidaṃ manaḥ so'sau candraḥ sa brahmā sā muktiḥ sātimuktiḥ
'Yājñavalkya', sprach er, 'da dies alles durch die erste und die zweite Monatshälfte ergriffen, dies alles davon befallen ist – wodurch entrinnt der Opferherr der Ergriffenheit durch die erste und zweite Monatshälfte?' 'Durch den Brahman-Priester, durch das Denken (manas), durch den Mond. Das Denken nämlich ist der Brahman-Priester des Opfers. Dieses Denken hier – das ist jener Mond dort; das ist der Brahman-Priester. Das ist die Befreiung, das ist die völlige Befreiung.'
yājñavalkyeti hovāca yadidamantarikṣamanārambaṇamiva kenākrameṇa yajamānaḥ svargaṃ lokamākramata iti udgātrartvijā vayunā prāṇena prāṇo vai yajñasyodgātā tadyo'yaṃ prāṇaḥ sa vāyuḥ sa udgātā sā muktiḥ sātimuktiḥ ityatimokṣā atha sampadaḥ
'Yājñavalkya', sprach er, 'da dieser Luftraum gleichsam ohne Halt ist – auf welchem Weg (ākrama) besteigt der Opferherr die Himmelswelt?' 'Durch den Udgātṛ-Priester, durch die Kunde (vayunā), durch den Atem (prāṇa). Der Atem nämlich ist der Udgātṛ des Opfers. [Anm.: Die Bedeutung von 'vayunā' ist unsicher – möglich sind auch 'Kennzeichen' oder 'Weisung'; hier, in Analogie zu den übrigen Gliedern der Reihe (Priester – Sinnesvermögen – Gottheit), als 'Kunde/Erkenntnis' übersetzt.] Dieser Atem hier – das ist jener Wind (Vāyu) dort; das ist der Udgātṛ. Das ist die Befreiung, das ist die völlige Befreiung.' – Soweit die Befreiungen (atimokṣāḥ); nun die Entsprechungen (sampadaḥ).
'Yājñavalkya', sprach er, 'mit wie vielen Ṛc-Versen wird heute der Hotṛ bei diesem Opfer amtieren?' 'Mit dreien.' 'Welches sind diese drei?' 'Der Puronuvākyā-Spruch, der Yājyā-Spruch, und als dritter der Śasyā-Spruch (Lobspruch).' 'Was gewinnt er damit?' 'Die Erdwelt gewinnt er durch die Puronuvākyā, die Luftraumwelt durch die Yājyā, die Himmelswelt durch die Śasyā.'
yājñavalkyeti hovāca katyayamadyādhvaryurasminyajña āhutīrhoṣyatīti tisra iti katamāstāstisra iti yā hutā ujjvalanti yā hutā atinedanti yā hutā adhiśerate kiṃ tābhirjayatīti yā hutā ujjvalanti devalokameva tābhirjayatiḥ dīpyata iva hi devaloko yā hutā atinedanti manuṣyalokam eva tābhirjayati atīva hi manuṣyaloko yā hutā adhiśerate pitṛlokam eva tābhirjayati adha iva hi pitṛlokaḥ
'Yājñavalkya', sprach er, 'mit wie vielen Opferspenden wird heute dieser Adhvaryu bei diesem Opfer opfern?' 'Mit dreien.' 'Welches sind diese drei?' 'Diejenigen, die, geopfert, aufflammen; diejenigen, die, geopfert, laut knistern; diejenigen, die, geopfert, sich niederlegen (verlöschen).' 'Was gewinnt er damit?' 'Diejenigen, die, geopfert, aufflammen – mit ihnen gewinnt er eben die Götterwelt; denn gleichsam leuchtend ist die Götterwelt. Diejenigen, die, geopfert, laut knistern – mit ihnen gewinnt er die Menschenwelt; denn gleichsam laut ist die Menschenwelt. Diejenigen, die, geopfert, sich niederlegen – mit ihnen gewinnt er die Väterwelt; denn gleichsam unten (drunten) ist die Väterwelt.'
yājñavalkyeti hovāca katibhirayamadya brahmā yajñaṃ dakṣiṇato devatābhirgopāyiṣyatītyekayeti katamā saiketi mana eveti anantaṃ vai mano anantā viśve devā anantameva sa tena lokaṃ jayati
'Yājñavalkya', sprach er, 'mit wie vielen Gottheiten wird heute dieser Brahman-Priester das Opfer von der Südseite her behüten?' 'Mit einer.' 'Welche ist diese eine?' 'Eben das Denken (manas). Denn unendlich ist das Denken, unendlich sind die Allgötter (Viśve Devāḥ); eben eine unendliche Welt gewinnt er dadurch.'
yājñavalkyeti hovāca katyayamadyodgātāsminyajñe stotriyāḥ stoṣyatīti tisra iti katamāstāstisra iti puronuvākyā ca yājyā ca śasyaiva tṛtīyādhidevatam athādhyatmaṃ katamāstā yā adhyātmamiti prāṇa eva puronuvākyāpāno yājyā vyānaḥ śasyā kiṃ tābhirjayatīti yatkiṅcedaṃ prāṇabhṛditi tato ha hotāśvala upararāma
'Yājñavalkya', sprach er, 'wie viele Stotriya-Verse wird heute dieser Udgātṛ bei diesem Opfer besingen?' 'Drei.' 'Welches sind diese drei?' 'Der Puronuvākyā-, der Yājyā- und als dritter der Śasyā-Vers – dies in Bezug auf die Gottheiten (adhidevatam). Nun, in Bezug auf das Selbst (adhyātmam), welches sind diese?' 'Der Atem (prāṇa) eben ist der Puronuvākyā, der Abwärtsatem (apāna) die Yājyā, der Zwischenatem (vyāna) die Śasyā.' 'Was gewinnt er damit?' 'Was immer hier lebt (prāṇabhṛt, wörtl. "Atem trägt").' Da hielt der Hotṛ Aśvala inne.
atha hainaṃ jāratkārava ārtabhāgaḥ papracCha yājñavalkyeti hovāca kati grahāḥ katyatigrahā iti aṣṭau grahā aṣṭāvatigrahā iti ye te'ṣṭau grahā aṣṭāvatigrahāḥ katame ta iti
Da befragte ihn Ārtabhāga, der Sohn des Jaratkāru. 'Yājñavalkya', sprach er, 'wie viele Ergreifer (graha) gibt es, wie viele Übergreifer (atigraha)?' 'Acht Ergreifer, acht Übergreifer.' 'Diese acht Ergreifer und acht Übergreifer – welche sind sie?'
tvagvai grahaḥ sa sparśenātigraheṇa gṛhītas tvacā hi sparśānvedayata ityaṣṭau grahā aṣṭāvatigrahāḥ
Die Haut (tvac) ist ein Ergreifer; sie ist von der Berührung (sparśa) als Übergreifer ergriffen; denn mit der Haut empfindet man die Berührungen. – Dies sind die acht Ergreifer und die acht Übergreifer.
yājñavalkyeti hovāca yadidaṃ sarvaṃ mṛtyorannaṃ kā svitsā devatā yasyā mṛtyurannamiti agnirvai mṛtyuḥ so'pāmannam apa punarmṛtyuṃ jayati
'Yājñavalkya', sprach er, 'da dies alles Speise des Todes ist – welches ist wohl jene Gottheit, deren Speise der Tod ist?' 'Das Feuer (Agni) ist der Tod; er ist die Speise der Wasser. Wer dies weiß, überwindet den wiederholten Tod (punarmṛtyu).' [Anm.: Die Antwort ist verkürzt: Agni gilt hier als der Tod, der seinerseits vom Wasser gelöscht bzw. 'verzehrt' wird; wer dies erkennt, kennt damit das den Tod bezwingende Element und entgeht dem wiederholten Tod.]
yājñavalkyeti hovāca yatrāyaṃ puruṣo mriyate kimenaṃ na jahātīti nāmeti anantaṃ vai nāmānantā viśve devā anantameva sa tena lokaṃ jayati
'Yājñavalkya', sprach er, 'wenn dieser Mensch stirbt, was verlässt ihn nicht?' 'Der Name (nāman). Denn unendlich ist der Name, unendlich sind die Allgötter; eben eine unendliche Welt gewinnt er dadurch.'
'Yājñavalkya', sprach er, 'wenn dieser Mensch stirbt, entweichen dann die Lebensgeister (prāṇāḥ) aus ihm, oder nicht?' 'Nein', sprach Yājñavalkya, 'sie sammeln sich eben in ihm selbst. Er schwillt an, bläht sich auf; aufgebläht liegt der Tote da.'
'Yājñavalkya', sprach er, 'wenn bei diesem toten Menschen die Rede ins Feuer eingeht, der Atem in den Wind, das Auge in die Sonne, das Denken in den Mond, das Gehör in die Himmelsrichtungen, der Leib in die Erde, das Selbst (ātman) in den Raum (ākāśa), die Körperhaare in die Pflanzen, das Haupthaar in die Bäume, und Blut und Same im Wasser niedergelegt werden – wo ist dann dieser Mensch?' 'Reiche mir die Hand, Lieber (saumya).'
ārtabhāgeti hovācāvām evaitad vediṣyāvo na nāvetatsajana iti tau hotkramya mantrayāṃ cakratus tau ha yadūcatuḥ karma haiva tadūcaturatha ha yatpraśaṃsatuḥ karma haiva tatpraśaṃsatuḥ puṇyo vai puṇyena karmaṇā bhavati pāpaḥ pāpeneti tato ha jāratkārava ārtabhāga upararāma
'Ārtabhāga', sprach er, 'wir beide allein werden dies erkennen; das ist nichts für uns in der Öffentlichkeit.' Da gingen sie beide beiseite und besprachen es. Und was sie beide da sprachen, das war eben das Handeln (karman); und was sie beide da priesen, das war eben das Handeln. Wahrlich, durch gutes Handeln wird man gut, durch schlechtes Handeln schlecht. Da hielt Ārtabhāga, der Sohn des Jaratkāru, inne.
atha hainaṃ bhujyurlāhyāyaniḥ papracCha yājñavalkyeti hovāca madreṣu carakāḥ paryavrajāma te pataṅcalasya kāpyasya gṛhānaima tasyāsīdduhitā gandharvagṛhītā tamapṛcChāmaḥ ko'sīti so'bravīt ṣudhanvāṅgirasa iti taṃ yadā lokānāmantānapṛcChāmāthaitad abrūmaḥ kva pārikṣitā abhavanniti kva pārikṣitā abhavanniti tat tvā pṛcChāmi yājñavalkyaḥ kva pārikṣitā abhavanniti
Da befragte ihn Bhujyu Lāhyāyani. 'Yājñavalkya', sprach er, 'wir wanderten als Caraka-Schüler im Land der Madra umher. Wir kamen zum Haus des Pataṅcala Kāpya. Der hatte eine Tochter, die von einem Gandharva besessen war. Wir fragten ihn: "Wer bist du?" Er antwortete: "Sudhanvan, der Āṅgirase." Als wir ihn nach den Grenzen der Welten fragten, sprachen wir zu ihm dies: "Wohin sind die Pārikṣitas gegangen? Wohin sind die Pārikṣitas gegangen?" Das frage ich dich, Yājñavalkya: Wohin sind die Pārikṣitas gegangen?'
sa hovācovāca vai sa tadagacChanvai te tatra yatrāśvamedhayājino gacChantīti kva nvaśvamedhayājino gacChantīti dvātriṃśata vai devarathāhnyānyayaṃ lokas taṃ samantaṃ lokaṃ dvistāvatpṛthivī paryeti tāṃ pṛthivīṃ dvistāvatsamudraḥ paryeti tadyāvatī kṣurasya dhārā yāvadvā makṣikāyāḥ pattraṃ tāvānantareṇākāśaḥ tān indraḥ suparṇo bhūtvā vāyave prāyacChat tānvāyurātmani dhitvā tatrāgamayadyatra parikṣitā abhavanniti evamiva vai sa vāyumeva praśaśaṃsa tasmādvāyureva vyaṣṭiḥ vāyuḥ samaṣṭiḥ apa punarmṛtyuṃ jayati sarvamāyureti ya evaṃ veda tato ha bhujyurlāhyāyanirupararāma
Er sprach: 'Er sagte: Sie gingen dahin, wohin die Roßopfer-Opferer (aśvamedhayājin) gehen.' 'Wohin aber gehen die Roßopfer-Opferer?' 'Zweiunddreißig Tagesreisen eines Götterwagens (misst) diese Welt; um diese Welt herum reicht die Erde zweimal so weit; um diese Erde herum reicht das Meer zweimal so weit. Und so schmal wie die Schneide eines Rasiermessers oder der Flügel einer Fliege, so schmal ist der Zwischenraum dazwischen – der Luftraum (ākāśa). [Anm.: Diese Maßangaben (32 Tagesreisen eines Götterwagens usw.) gelten als besonders dunkel; ihr genaues Verhältnis zueinander ist textkritisch umstritten.] Diese (Pārikṣitas) nahm Indra, zu einem Adler (Suparṇa) geworden, und übergab sie dem Wind (Vāyu); der Wind nahm sie in sich auf und brachte sie dorthin, wo die Pārikṣitas waren.' [Anm.: Der überlieferte Text zeigt an dieser Stelle eine Ziffer als Störung im Wortbestand ('tān9ndraḥ'); rekonstruiert als 'tān indraḥ' ('diese nahm Indra').] So pries er eben auf diese Weise nur den Wind. Deshalb ist der Wind für sich genommen Einzelheit (vyaṣṭi), der Wind ist Gesamtheit (samaṣṭi). Wer dies weiß, überwindet den wiederholten Tod, erlangt die volle Lebensspanne. Da hielt Bhujyu Lāhyāyani inne.
atha hainaṃ kahoḍaḥ kauṣītakeyaḥ papracChaḥ yājñavalkyeti hovāca yad sākṣādaparokṣādbrahma ya ātmā sarvāntaraḥ taṃ me vyācakṣveti eṣa ta ātmā sarvāntaraḥ katamo yājñavalkya sarvāntaro yo'śanāyāpipāse śokaṃ mohaṃ jarāṃ mṛtyumatyeti etaṃ vai tamātmānaṃ viditvā brāhmaṇāḥ putraiṣaṇāyāśca vittaiṣaṇāyāśca lokaiṣaṇāyāśca vyutthāyātha bhikṣācaryaṃ caranti yā hyeva putraiṣaṇā sā vittaiṣaṇā yā vittaiṣaṇā sā lokaiṣaṇobhe hyete eṣaṇe eva bhavataḥ tasmādpaṇḍitaḥ pāṇḍityaṃ nirvidya bālyena tiṣṭhāsed bālyaṃ ca pāṇḍityaṃ ca nirvidyātha muniramaunaṃ ca maunaṃ ca nirvidyātha brāhmaṇaḥ sa brāhmaṇaḥ kena syād yena syāt tenedṛśa eva bhavati ya evaṃ veda tato ha kahoḍaḥ kauṣītakeya upararāma
Da befragte ihn Kahoḍa Kauṣītakeya. 'Yājñavalkya', sprach er, 'erkläre mir das Brahman, das unmittelbar und unverhüllt (sākṣād aparokṣāt) ist, das Selbst (ātman), das in allem inwendig ist (sarvāntara).' 'Das ist dein Selbst, das in allem inwendig ist.' 'Welches, Yājñavalkya, ist das in allem Inwendige?' 'Das, welches über Hunger und Durst, Kummer, Verblendung, Alter und Tod hinausgeht. Eben dieses Selbst erkennend, entsagen die Brahmanen dem Verlangen nach Söhnen, dem Verlangen nach Besitz und dem Verlangen nach (himmlischen) Welten und wandeln als Bettelmönche (bhikṣācarya). Denn das Verlangen nach Söhnen ist eben das Verlangen nach Besitz, und das Verlangen nach Besitz ist das Verlangen nach Welten – beide sind eben nur Verlangen (eṣaṇā). Deshalb soll der Gelehrte, nachdem er der Gelehrsamkeit (pāṇḍitya) überdrüssig geworden ist, im Zustand kindlicher Einfalt (bālya) verharren wollen; und nachdem er sowohl des Kindseins als auch der Gelehrsamkeit überdrüssig geworden ist, wird er ein Schweiger (muni); und nachdem er sowohl des Nicht-Schweigens als auch des Schweigens überdrüssig geworden ist, wird er ein (wahrer) Brahmane. Wodurch sollte dieser Brahmane sein? Wodurch er auch sei – ebendadurch ist er, wie er ist. Wer dies weiß …' [Anm.: Der Schlusssatz ist im überlieferten Sanskrit sprachlich stark verdichtet und elliptisch (die Kāṇva-Rezension bricht an dieser Stelle sogar ab); auch der Relativsatz 'wer dies weiß' bleibt ohne eigenes Hauptverb und ist sinngemäß als Abschluss der Aussage zu verstehen ('… wird ein solcher Brahmane').] Da hielt Kahoḍa Kauṣītakeya inne.
atha hainamūṣastaścākrāyaṇaḥ papracCha yājñavalkyeti hovāca yatsākṣādaparokṣādbrahma ya ātmā sarvāntaraḥ taṃ me vyācakṣveti eṣa ta ātmā sarvāntaraḥ katamo yājñavalkya sarvāntaro yaḥ prāṇena prāṇiti sa ta ātmā sarvāntaro yo'pānenāpāniti sa ta ātmā sarvāntaro yo vyānena vyaniti sa ta ātmā sarvāntaro ya udānenodaniti sa ta ātmā sarvāntaro yaḥ samānena samaniti sa ta ātmā sarvantara eṣa ta ātmā sarvāntaraḥ
Da befragte ihn Uṣasta Cākrāyaṇa. 'Yājñavalkya', sprach er, 'erkläre mir das Brahman, das unmittelbar und unverhüllt ist, das Selbst, das in allem inwendig ist.' 'Das ist dein Selbst, das in allem inwendig ist.' 'Welches, Yājñavalkya, ist das in allem Inwendige?' 'Das, was durch den Einatem (prāṇa) einatmet – das ist dein Selbst, das in allem inwendig ist. Das, was durch den Abwärtsatem (apāna) ausatmet – das ist dein Selbst, das in allem inwendig ist. Das, was durch den Zwischenatem (vyāna) durchatmet – das ist dein Selbst, das in allem inwendig ist. Das, was durch den Aufwärtsatem (udāna) aufwärts atmet – das ist dein Selbst, das in allem inwendig ist. Das, was durch den Gleichatem (samāna) gleichmäßig atmet – das ist dein Selbst, das in allem inwendig ist. Das ist dein Selbst, das in allem inwendig ist.'
sa hovācoṣastaścākrāyaṇoḥ yathā vai brūyādasau gaurasāvaśva iti evamevaitadvyapadiṣṭaṃ bhavati yadeva sākṣādaparokṣādbrahma ya ātmā sarvāntaraḥ taṃ me vyācakṣveti eṣa ta ātmā sarvāntaraḥ katamo yājñavalkya sarvāntaro na dṛṣṭerdraṣṭāraṃ paśyeḥ na śruteḥ śrotāraṃ śṛṇuyā na matermantāraṃ manvīthā na vijñātervijñātāraṃ vijānīyā eṣa ta ātmā sarvāntaro ato'nyadārtam tato hoṣastaścākrāyaṇa upararāma
Da sprach Uṣasta Cākrāyaṇa: 'Wie wenn man sagen würde: "Dies ist eine Kuh, dies ist ein Pferd" – ebenso ist auch dies (deine Antwort) nur eine (äußere) Kennzeichnung. Erkläre mir eben das Brahman, das unmittelbar und unverhüllt ist, das Selbst, das in allem inwendig ist.' 'Das ist dein Selbst, das in allem inwendig ist.' 'Welches, Yājñavalkya, ist das in allem Inwendige?' 'Du kannst nicht den Seher des Sehens sehen; du kannst nicht den Hörer des Hörens hören; du kannst nicht den Denker des Denkens denken; du kannst nicht den Erkenner des Erkennens erkennen. Das ist dein Selbst, das in allem inwendig ist. Alles andere außer diesem ist leidbehaftet (ārta).' Da hielt Uṣasta Cākrāyaṇa inne.
Da befragte ihn Gārgī Vācaknavī. 'Yājñavalkya', sprach sie, 'da dies alles im Wasser gewoben und durchwoben ist – worin nun sind die Wasser gewoben und durchwoben?' 'Im Wind, Gārgī.' 'Und worin ist der Wind gewoben und durchwoben?' 'Im Äther (ākāśa), Gārgī.' 'Und worin ist der Äther gewoben und durchwoben?' 'In den Luftraumwelten, Gārgī.' 'Und worin sind die Luftraumwelten gewoben und durchwoben?' 'In den Himmelswelten, Gārgī.' 'Und worin sind die Himmelswelten gewoben und durchwoben?' 'In den Sonnenwelten (Āditya-Welten), Gārgī.' 'Und worin sind die Sonnenwelten gewoben und durchwoben?' 'In den Mondwelten, Gārgī.' 'Und worin sind die Mondwelten gewoben und durchwoben?' 'In den Sternwelten, Gārgī.' 'Und worin sind die Sternwelten gewoben und durchwoben?' 'In den Götterwelten, Gārgī.' 'Und worin sind die Götterwelten gewoben und durchwoben?' 'In den Gandharva-Welten, Gārgī.' 'Und worin sind die Gandharva-Welten gewoben und durchwoben?' 'In den Prajāpati-Welten, Gārgī.' 'Und worin sind die Prajāpati-Welten gewoben und durchwoben?' 'In den Brahman-Welten, Gārgī.' 'Und worin sind die Brahman-Welten gewoben und durchwoben?' Da sprach er: 'Gārgī, frage nicht zu weit, damit dir nicht der Kopf abfalle! Du befragst zu weit über eine Gottheit, über die man nicht zu weit fragen darf. Gārgī, frage nicht zu weit!' Da hielt Gārgī Vācaknavī inne.
Da befragte ihn Uddālaka Āruṇi. 'Yājñavalkya', sprach er, 'wir wohnten im Land der Madra im Hause des Pataṅcala Kāpya und studierten das Opferwissen. Der hatte eine Frau, die von einem Gandharva besessen war. Wir fragten ihn: "Wer bist du?" Er antwortete: "Kabandha, der Sohn des Atharvan (Ātharvaṇa)."'
so'bravītpataṅcalaṃ kāpyaṃ yājñikāṃścaḥ vettha nu tvaṃ kāpya tatsūtraṃ yasminnayaṃ ca lokaḥ paraśca lokaḥ sarvāṇi ca bhūtāni sandṛbdhāni bhavantīti so'bravītpataṅcalaḥ kāpyoḥ nāhaṃ tad bhagavan vedeti
Er sprach zu Pataṅcala Kāpya und den Opferpriestern: 'Kennst du, Kāpya, jenen Faden (sūtra), an dem diese Welt und die andere Welt und alle Wesen aufgereiht sind?' Da sprach Pataṅcala Kāpya: 'Ich kenne ihn nicht, Ehrwürdiger.'
so'bravītpataṅcalaṃ kāpyaṃ yājñikāṃścaḥ vettha nu tvaṃ kāpya tamantaryāmiṇaṃ ya imaṃ ca lokaṃ paraṃ ca lokaṃ sarvāṇi ca bhūtānyantaro yamayatīti so'bravītpataṅcalaḥ kāpyoḥ nāhaṃ taṃ bhagavan vedeti
Er sprach zu Pataṅcala Kāpya und den Opferpriestern: 'Kennst du, Kāpya, jenen inneren Lenker (antaryāmin), der diese Welt und die andere Welt und alle Wesen von innen her lenkt?' Da sprach Pataṅcala Kāpya: 'Ich kenne ihn nicht, Ehrwürdiger.'
so'bravītpataṅcalaṃ kāpyaṃ yājñikāṃścaḥ yo vai tat kāpya sūtraṃ vidyāttaṃ cāntaryāmiṇaṃ sa brahmavit sa lokavit sa devavit sa vedavit sa yajñavit sa bhūtavit sa ātmavit sa sarvaviditi tebhyo'bravīt tadahaṃ veda taccettvaṃ yājñavalkya sūtramavidvāṃstaṃ cāntaryāmiṇaṃ brahmagavīrudajase mūrdhā te vipatiṣyatīti
Er sprach zu Pataṅcala Kāpya und den Opferpriestern: 'Wer wahrlich, Kāpya, jenen Faden kennt und jenen inneren Lenker, der ist ein Brahman-Kenner, der ist ein Welten-Kenner, der ist ein Götter-Kenner, der ist ein Veden-Kenner, der ist ein Opfer-Kenner, der ist ein Wesen-Kenner, der ist ein Selbst-Kenner, der ist ein Alles-Kenner.' Zu ihnen sprach er weiter: 'Das kenne ich. Wenn du aber, Yājñavalkya, ohne den Faden und den inneren Lenker zu kennen, die Brahmanen-Kühe forttreibst, wird dir der Kopf abfallen!'
vāyurvai gautama tatsūtraṃ vāyunā vai gautama sūtreṇāyaṃ ca lokaḥ paraśca lokaḥ sarvāṇi ca bhūtāni sandṛbdhāni bhavanti tasmādvai gautama puruṣaṃ pretamāhuḥ vyasraṃsiṣatāsyāṅgānīti vāyunā hi gautama sūtreṇa samdṛbdhāni bhavantīti evamevaitad yājñavalkyāntaryāmiṇaṃ brūhīti
'Der Wind (vāyu), Gautama, ist jener Faden. Durch den Wind als Faden, Gautama, sind diese Welt und die andere Welt und alle Wesen miteinander verknüpft. Deshalb, Gautama, sagt man von einem verstorbenen Menschen: "Seine Glieder haben sich gelöst." Denn durch den Wind als Faden, Gautama, sind sie verknüpft.' 'So ist es, Yājñavalkya. Nun sprich vom inneren Lenker!'
yaḥ pṛthivyāṃ tiṣṭhanpṛthivyā antaro yaṃ pṛthivī na veda yasya pṛthivī śarīraṃ yaḥ pṛthivīmantaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer in der Erde wohnt, doch von der Erde verschieden ist, den die Erde nicht kennt, dessen Leib die Erde ist, der die Erde von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yo'psu tiṣṭhannadbhyo'ntaro yamāpo na viduḥ yasyāpaḥ śarīraṃ yo'po'ntaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer im Wasser wohnt, doch vom Wasser verschieden ist, den die Wasser nicht kennen, dessen Leib das Wasser ist, der das Wasser von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yo'gnau tiṣṭhannagnerantaro yamagnirna veda yasyāgniḥ śarīraṃ yo'gnimantaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer im Feuer wohnt, doch vom Feuer verschieden ist, den das Feuer nicht kennt, dessen Leib das Feuer ist, der das Feuer von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yo'ntarikṣe tiṣṭhannantarikṣādantaro yamantarikṣaṃ na veda yasyāntarikṣaṃ śarīraṃ yo'ntarikṣamantaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer im Luftraum wohnt, doch vom Luftraum verschieden ist, den der Luftraum nicht kennt, dessen Leib der Luftraum ist, der den Luftraum von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yo vāyau tiṣṭhanvāyorantaro yaṃ vāyurna veda yasya vāyuḥ śarīraṃ yo vāyumantaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer im Wind wohnt, doch vom Wind verschieden ist, den der Wind nicht kennt, dessen Leib der Wind ist, der den Wind von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
ya āditye tiṣṭhannādityādantaro yamādityo na veda yasyādityaḥ śarīraṃ ya ādityamantaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer in der Sonne wohnt, doch von der Sonne verschieden ist, den die Sonne nicht kennt, dessen Leib die Sonne ist, der die Sonne von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yaścandratārake tiṣṭhaṅcandratārakādantaro yaṃ candratārakaṃ na veda yasya candratārakaṃ śarīraṃ yaścandratārakamantaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer in Mond und Gestirn wohnt, doch von Mond und Gestirn verschieden ist, den Mond und Gestirn nicht kennen, dessen Leib Mond und Gestirn sind, der Mond und Gestirn von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yo dikṣu tiṣṭhandigbhyo'ntaro yaṃ diśo na viduḥ yasya diśaḥ śarīraṃ yo diśo'ntaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer in den Himmelsrichtungen wohnt, doch von den Himmelsrichtungen verschieden ist, den die Himmelsrichtungen nicht kennen, dessen Leib die Himmelsrichtungen sind, der die Himmelsrichtungen von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yo vidyuti tiṣṭhanvidyuto'ntaro yaṃ vidyunna veda yasya vidyucCharīraṃ yo vidyuto'ntaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer im Blitz wohnt, doch vom Blitz verschieden ist, den der Blitz nicht kennt, dessen Leib der Blitz ist, der den Blitz von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yo stanayitnau tiṣṭhanstanayitnorantaro yaṃ stanayitnurna veda yasya stanayitnuḥ śarīraṃ yo stanayitnorantaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer im Donner wohnt, doch vom Donner verschieden ist, den der Donner nicht kennt, dessen Leib der Donner ist, der den Donner von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yo sarveṣu lokeṣu tiṣṭhansarvebhyo lokebhyo'ntaro yaṃ sarve lokā na viduḥ yasya sarve lokāḥ śarīraṃ yo sarvebhyo lokebhyo'ntaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer in allen Welten wohnt, doch von allen Welten verschieden ist, den alle Welten nicht kennen, dessen Leib alle Welten sind, der alle Welten von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yo sarveṣu vedeṣu tiṣṭhansarvebhyo vedeṣvantaro yaṃ sarve vedā na viduḥ yasya sarve vedāḥ śarīraṃ yo sarvebhyo vedebhyo'ntaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer in allen Veden wohnt, doch von allen Veden verschieden ist, den alle Veden nicht kennen, dessen Leib alle Veden sind, der alle Veden von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yo sarveṣu yajñeṣu tiṣṭhansarvebhyo yajñebhyo'ntaro yaṃ sarve yajñā na viduḥ yasya sarve yajñāḥ śarīraṃ yo sarvebhyo yajñebhyo'ntaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer in allen Opfern wohnt, doch von allen Opfern verschieden ist, den alle Opfer nicht kennen, dessen Leib alle Opfer sind, der alle Opfer von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yaḥ sarveṣu bhūteṣu tiṣṭhantsarvebhyo bhūtebhyo'ntaro yaṃ sarvāṇi bhūtāni na viduḥ yasya sarvāṇi bhutāni śarīraṃ yaḥ sarvāṇi bhūtānyantaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛta ityu evādhibhūtam athādhyātmam
Wer in allen Wesen wohnt, doch von allen Wesen verschieden ist, den alle Wesen nicht kennen, dessen Leib alle Wesen sind, der alle Wesen von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche. – Soweit (die Darlegung) in Bezug auf die Wesen (adhibhūtam); nun in Bezug auf das Selbst (adhyātmam).
yaḥ prāṇe tiṣṭhanprāṇādantaro yaṃ prāṇo na veda yasya prāṇaḥ śarīraṃ yaḥ prāṇamantaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer im Atem (prāṇa) wohnt, doch vom Atem verschieden ist, den der Atem nicht kennt, dessen Leib der Atem ist, der den Atem von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yo vāci tiṣṭhanvāco'ntaro yaṃ vāṅ na veda yasya vākṣarīraṃ yo vācamantaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer in der Rede wohnt, doch von der Rede verschieden ist, den die Rede nicht kennt, dessen Leib die Rede ist, der die Rede von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yaścakṣuṣi tiṣṭhaṅcakṣuṣo'ntaro yaṃ cakṣurna veda yasya cakṣuḥ śarīraṃ yaścakṣurantaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer im Auge wohnt, doch vom Auge verschieden ist, den das Auge nicht kennt, dessen Leib das Auge ist, der das Auge von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yaḥ śrotre tiṣṭhañcrotrādantaro yaṃ śrotraṃ na veda yasya śrotraṃ śarīraṃ yaḥ śrotramantaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer im Gehör wohnt, doch vom Gehör verschieden ist, den das Gehör nicht kennt, dessen Leib das Gehör ist, der das Gehör von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yo manasi tiṣṭhanmanaso'ntaro yaṃ mano na veda yasya manaḥ śarīraṃ yo mano'ntaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer im Denken wohnt, doch vom Denken verschieden ist, den das Denken nicht kennt, dessen Leib das Denken ist, der das Denken von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yastvaci tiṣṭhaṃstvaco'ntaro yaṃ tvaṅ na veda yasya tvakṣarīraṃ yastvacamantaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer in der Haut wohnt, doch von der Haut verschieden ist, den die Haut nicht kennt, dessen Leib die Haut ist, der die Haut von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yastejasi tiṣṭhaṃstejaso'ntaro yaṃ tejo na veda yasya tejaḥ śarīraṃ yastejo'ntaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer im Glanz (tejas) wohnt, doch vom Glanz verschieden ist, den der Glanz nicht kennt, dessen Leib der Glanz ist, der den Glanz von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yastamasi tiṣṭhaṃstamaso'ntaro yaṃ tamo na veda yasya tamaḥ śarīraṃ yastamo'ntaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer in der Finsternis (tamas) wohnt, doch von der Finsternis verschieden ist, den die Finsternis nicht kennt, dessen Leib die Finsternis ist, der die Finsternis von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
yo retasi tiṣṭhaṃ retaso'ntaro yaṃ reto na veda yasya retaḥ śarīraṃ yo reto'ntaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer im Samen (retas) wohnt, doch vom Samen verschieden ist, den der Same nicht kennt, dessen Leib der Same ist, der den Samen von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
ya ātmani tiṣṭhannātmano'ntaro yamātmā na veda yasyātmā śarīraṃ ya ātmāntaro yamayati sa ta ātmāntaryāmyamṛtaḥ
Wer im Selbst (ātman) wohnt, doch vom Selbst verschieden ist, den das Selbst nicht kennt, dessen Leib das Selbst ist, der das Selbst von innen lenkt – das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche.
adṛṣṭo draṣṭāśrutaḥ śrotāmato mantāvijñato vijñātā nānyo'to'sti draṣṭā nānyo'to'sti śrotā nānyo'to'sti mantā nānyo'to'sti vijñātaiṣa ta ātmāntaryāmyamṛto ato'nyadārtam tato hoddālaka āruṇirupararāma
Ungesehen ist er der Seher, ungehört der Hörer, ungedacht der Denker, unerkannt der Erkenner. Es gibt keinen anderen Seher außer ihm, es gibt keinen anderen Hörer außer ihm, es gibt keinen anderen Denker außer ihm, es gibt keinen anderen Erkenner außer ihm. Das ist dein Selbst, der innere Lenker, der Unsterbliche. Alles andere außer diesem ist leidbehaftet. Da hielt Uddālaka Āruṇi inne.
atha ha vācaknavyuvācaḥ brāhmaṇā bhagavanto hantāhamimaṃ yājñavalkyaṃ dvau praśnau prakṣyāmi tau cenme vivakṣyati na vai jātu yuṣmākamimaṃ kaścidbrahmodyaṃ jeteti tau cedme na vivakṣyati murdhāsya vipatiṣyatīti pṛcCha gārgīti
Da sprach Vācaknavī: „Ehrwürdige Brahmanen! Wohlan, ich will diesem Yājñavalkya zwei Fragen stellen. Beantwortet er sie mir, so wird euch gewiss keiner in einem theologischen Streitgespräch (brahmodya) je besiegen. Beantwortet er sie mir aber nicht, so wird ihm der Kopf abfallen.“ – „Frage, Gārgī!“ [Anm.: Die abschließende Aufforderung „Frage, Gārgī!“ ist im Sanskrit ohne eigene Redeeinleitung an Vācaknavīs Rede angehängt; sie kann kaum von ihr selbst stammen und wird hier als (implizite) Aufforderung der Brahmanen bzw. Yājñavalkyas verstanden – eine für die vedische Dialogprosa typische Verkürzung.]
sā hovācāhaṃ vai tvā yājñavalkya yathā kāśyo vā vaideho vograputra ujjyaṃ dhanuradhijyaṃ kṛtvā dvau bāṇavantau sapatnātivyādhinau haste kṛtvopottiṣṭhedevamevāhaṃ tvā dvābhyāṃ praśnābhyāmupodasthām tau me brūhīti pṛcCha gārgīti
Sie sprach: „Ich bin gegen dich aufgestanden, Yājñavalkya – so wie ein Krieger aus Kāśi oder Videha, der Sohn eines gewaltigen (ugra) Mannes, seinen entspannten Bogen spannt und, zwei feindtötende Pfeile in der Hand, sich zum Kampf erhebt: ebenso bin ich mit zwei Fragen gegen dich aufgestanden. Beantworte sie mir!“ – „Frage, Gārgī!“
sā hovācaḥ yadūrdhvaṃ yājñavalkya divo yadavākpṛthivyā yadantarā dyāvāpṛthivī ime yadbhūtaṃ ca bhavacca bhaviṣyaccetyācakṣate kasmiṃstadotaṃ ca protaṃ ceti
Sie sprach: „Was oberhalb des Himmels ist, Yājñavalkya, was unterhalb der Erde, was zwischen Himmel und Erde liegt, was man als Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges bezeichnet – worin ist das, der Kette und dem Einschlag nach (otaṃ ca protaṃ ca), verwoben?“
sa hovācaḥ yadūrdhvaṃ gārgi divo yadavākpṛthivyā yadantarā dyāvāpṛthivī ime yadbhūtaṃ ca bhavacca bhaviṣyaccetyācakṣata ākāśe tadotaṃ ca protaṃ ceti
Er sprach: „Was oberhalb des Himmels ist, Gārgī, was unterhalb der Erde, was zwischen Himmel und Erde liegt, was man als Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges bezeichnet – das ist im Raum (ākāśa), der Kette und dem Einschlag nach, verwoben.“
sā hovācaḥ yadūrdhvaṃ yājñavalkya divo yadavākpṛthivyā yadantarā dyāvāpṛthivī ime yadbhūtaṃ ca bhavacca bhaviṣyaccetyācakṣate kasmiṃstadotaṃ ca protaṃ ceti
Sie sprach: „Was oberhalb des Himmels ist, Yājñavalkya, was unterhalb der Erde, was zwischen Himmel und Erde liegt, was man als Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges bezeichnet – worin ist das, der Kette und dem Einschlag nach, verwoben?“ [Anm.: Dieser Vers wiederholt fast wörtlich die erste Frage aus 3.8.3, obwohl Gārgī in 3.8.5 eine „andere“ Frage angekündigt hatte. Die eigentliche zweite Frage folgt erst als Nachtrag zu Yājñavalkyas Antwort in 3.8.7 („Worin nun ist der Raum selbst verwoben?“) – vermutlich eine Dublette bzw. formelhafte Wiederholung der Überlieferung.]
sa hovācaḥ yadūrdhvaṃ gārgi divo yadavākpṛthivyā yadantarā dyāvāpṛthivī ime yadbhūtaṃ ca bhavacca bhaviṣyaccetyācakṣata ākāśa eva tadotaṃ ca protaṃ ceti kasminnu khalvākāśa otaśca protaśceti
Er sprach: „Was oberhalb des Himmels ist, Gārgī, was unterhalb der Erde, was zwischen Himmel und Erde liegt, was man als Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges bezeichnet – eben im Raum ist das, der Kette und dem Einschlag nach, verwoben.“ Da fragte sie weiter: „Und worin nun ist der Raum selbst, der Kette und dem Einschlag nach, verwoben?“ [Anm.: Diese Nachfrage steht im Sanskrit ohne eigene Redeeinleitung unmittelbar an Yājñavalkyas Antwort angehängt; sie ist der Sache nach wieder Gārgī zuzuschreiben und bildet ihre eigentliche, in 3.8.6 nur scheinbar schon gestellte zweite Frage.]
Er sprach: „Dies eben, Gārgī, ist jenes Unvergängliche (akṣara), das die Brahmanen so beschreiben: nicht grob, nicht fein, nicht kurz, nicht lang, nicht rotglühend, nicht ölig, nicht beschattet, nicht dunkel, nicht luftig, nicht räumlich, nicht anhaftend, nicht berührbar, ohne Geruch, ohne Geschmack, ohne Auge, ohne Ohr, ohne Sprache, ohne Denkorgan (manas), ohne Glanzkraft, ohne Atem, ohne Mund, ohne Namen und ohne Sippe (gotra), alterlos, todlos, furchtlos, unsterblich (amṛta), leidenschaftslos (arajas), lautlos, unenthüllt, unverhüllt, ohne Früheres, ohne Späteres, ohne Inneres, ohne Äußeres. Es verzehrt nichts, und nichts verzehrt es.“ [Anm.: „na tadaśnoti kaṃ cana, na tadaśnoti kaścana“ lässt sich auch als „es erreicht nichts, und nichts erreicht es“ verstehen (aśnoti: „essen“ oder „erreichen“). „anāmāgotram“ ist hier als „ohne Namen und ohne Gotra (Sippe)“ aufgelöst; eine andere Worttrennung ist nicht auszuschließen.]
Unter dem Gebot (praśāsana) dieses Unvergänglichen, Gārgī, stehen Himmel und Erde auseinandergehalten. Unter dem Gebot dieses Unvergänglichen, Gārgī, stehen Sonne und Mond auseinandergehalten. Unter dem Gebot dieses Unvergänglichen, Gārgī, stehen Tage und Nächte, Monate, Jahreszeiten und Jahre fest gehalten. Unter dem Gebot dieses Unvergänglichen, Gārgī, fließen die einen Flüsse ostwärts von den weißen Bergen, die anderen westwärts, ein jeder in seine Richtung. Unter dem Gebot dieses Unvergänglichen, Gārgī, preisen die Menschen die Gebenden, sind die Götter vom Opferherrn (yajamāna) abhängig, die Ahnen von der Löffelspende (darvi-Opfer) abhängig. [Anm.: Der Satz über Tage, Monate, Jahreszeiten und Jahre erscheint im überlieferten Text zweifach, mit geringfügig variierender Flexion – vermutlich eine Dublette der handschriftlichen Überlieferung; hier zu einem Satz zusammengezogen.]
yo vā etadakṣaramaviditvā gārgi asmiṃl loke juhoti dadāti tapasyati api bahūni varṣasahasrāṇi antavan eva asya sa lokas bhavati yo vā etadakṣaramaviditvā gārgy asmāl lokātpraiti sa kṛpaṇo atha ya etadakṣaraṃ gārgi viditvāsmāl lokātpraiti sa brāhmaṇaḥ
Wer nun, ohne dieses Unvergängliche zu kennen, Gārgī, in dieser Welt opfert, spendet und Askese übt – und wäre es auch viele tausend Jahre lang –, dessen Welt bleibt doch nur endlich. Wer aber, ohne dieses Unvergängliche zu kennen, Gārgī, aus dieser Welt scheidet, der ist ein Erbärmlicher (kṛpaṇa); wer hingegen, dieses Unvergängliche kennend, Gārgī, aus dieser Welt scheidet, der ist ein Brahmane.
tadvā etadakṣaraṃ gārgi adṛṣṭaṃ draṣṭraśrutaṃ śrotramataṃ mantravijñātaṃ vijñātṛ nānyad asti draṣṭṛ nānyad asti śrotṛ nānyad asti mantṛ nānyad asti vijñātretadvai akṣaraṃ gārgi yasmin ākāśa otaśca protaśca
Dieses Unvergängliche nun, Gārgī, ist der ungesehene Seher, der ungehörte Hörer, der ungedachte Denker, der unerkannte Erkenner. Es gibt keinen anderen Seher außer ihm, keinen anderen Hörer außer ihm, keinen anderen Denker außer ihm, keinen anderen Erkenner außer ihm. Dies eben, Gārgī, ist das Unvergängliche, in dem der Raum (ākāśa), der Kette und dem Einschlag nach, verwoben ist. [Anm.: Der überlieferte Wortlaut ist durch Sandhi verunklart und wurde – parallel zur Antaryāmin-Formel (BĀU 3.7.23) – als „adṛṣṭaṃ draṣṭā, aśrutaṃ śrotā, amataṃ mantā, avijñātaṃ vijñātā“ aufgelöst.]
sā hovācaḥ brāhmaṇā bhagavantaḥ tadeva bahu manyadhvam yadasmānnamaskāreṇa mucyādhvam na vai jātu yuṣmākamimam kaścidbrahmodyam jetā iti tato ha vācaknavyupararāma
Sie sprach: „Ehrwürdige Brahmanen, ihr dürft euch schon glücklich schätzen, wenn ihr euch von diesem hier mit einer bloßen Verneigung loskauft; keiner von euch wird ihn je in einem theologischen Streitgespräch besiegen.“ Daraufhin verstummte Vācaknavī.
atha hainaṃ vidagdhaḥ hākalyaḥ papracChaḥ kati devā yājñavalkyeti sa haitayaiva nividā pratipede yāvantas vaiśvadevasya nividi ucyante trayaśca trī ca śatā trayas ca trī ca sahasrā iti om iti hovāca
Da fragte ihn Vidagdha Śākalya: „Wie viele Götter gibt es, Yājñavalkya?“ Er antwortete ihm mit eben jener liturgischen Aufzählung (nivid): „So viele, wie in der Nivid der Viśvedevas (Allgötter) genannt werden: drei und dreihundert, drei und dreitausend.“ – „Ja (om)“, sprach er. [Anm.: Wem die Bestätigung „om“ zuzuschreiben ist, bleibt unklar – vermutlich Śākalya, der die Antwort als korrekt bestätigt, bevor er fortfährt; der Text kennzeichnet den Sprecherwechsel nicht eigens.]
„Wie viele Götter gibt es aber wirklich, Yājñavalkya?“ – „Dreiunddreißig.“ – „Ja.“ – „Wie viele Götter gibt es aber wirklich, Yājñavalkya?“ – „Sechs.“ – „Ja.“ – „Wie viele Götter gibt es aber wirklich, Yājñavalkya?“ – „Drei.“ – „Ja.“ – „Wie viele Götter gibt es aber wirklich, Yājñavalkya?“ – „Zwei.“ – „Ja.“ – „Wie viele Götter gibt es aber wirklich, Yājñavalkya?“ – „Anderthalb (adhyardha).“ – „Ja.“ – „Wie viele Götter gibt es aber wirklich, Yājñavalkya?“ – „Einer.“ – „Ja.“ – „Welches sind nun jene drei und dreihundert, drei und dreitausend?“
sa hovācaḥ mahimāna evaiṣāmete trayastriṃśattveva devā iti katame te trayastriṃśaditi aṣṭau vasava ekādaśa Rudrā dvādaśādityāḥ ta ekatriṃśad 9ndraścaiva prajāpatiśca trayastriṃśāviti
Er sprach: „Das sind nur ihre Machterweisungen (mahiman); in Wirklichkeit aber gibt es nur dreiunddreißig Götter.“ – „Welches sind jene Dreiunddreißig?“ – „Acht Vasus, elf Rudras, zwölf Ādityas – das sind einunddreißig; Indra und Prajāpati machen die Dreiunddreißig voll.“
„Welches sind die Vasus?“ – „Feuer, Erde, Wind, Luftraum (antarikṣa), Sonne, Himmel, Mond und die Gestirne (nakṣatra) – das sind die Vasus; denn in ihnen ist all dieses Gut (vasu) niedergelegt (hita); daher heißen sie Vasus.“
„Welches sind die Rudras?“ – „Diese zehn Atemkräfte (prāṇa) im Menschen, das Selbst (ātman) als elftes; wenn sie aus diesem sterblichen Leib ausziehen, bringen sie die Zurückbleibenden zum Weinen (rodayanti) – weil sie zum Weinen bringen, heißen sie Rudras.“
„Welches sind die Ādityas?“ – „Die zwölf Monate des Jahres – das sind die Ādityas; denn sie ziehen dahin, indem sie all dieses hier an sich nehmen (ādadānāḥ); weil sie so, alles aufnehmend, dahinziehen, heißen sie Ādityas.“
„Welches ist Indra, welches Prajāpati?“ – „Die Gewitterwolke (stanayitnu) eben ist Indra, das Opfer ist Prajāpati.“ – „Welches ist die Gewitterwolke?“ – „Der Blitzstrahl (aśani).“ – „Welches ist das Opfer?“ – „Die Opfertiere (paśu).“
„Welches sind jene drei Götter?“ – „Eben diese drei Welten; denn in ihnen sind all diese Götter.“ – „Welches sind die zwei Götter?“ – „Speise und Atem.“ – „Welches ist der Anderthalbte?“ – „Dieser hier, der weht (der Atem, prāṇa).“ [Anm.: Der überlieferte Text „itī- -ma eva“ zeigt an dieser Stelle eine Zeilentrennung der Vorlage; sinngemäß ist „iti ime eva“ (durch Sandhi aus „iti“ + „ime“) zu „eben diese“ zu rekonstruieren.]
tadāhuḥ yadayameka eva pavate atha kathamadhyardha iti yadasminnidaṃ sarvamadhyārdhnot tenādhyardha iti katama eko deva iti sa brahma tyadityācakṣate
Dazu sagt man: „Wenn dieser doch nur einer ist, der weht, wie kann er dann ‚anderthalb‘ sein?“ – „Weil in ihm all dieses hier sich um die Hälfte vermehrt hat (adhyardhnot), darum ist er ‚anderthalb‘.“ – „Welches ist der eine Gott?“ – „Der Atem (prāṇa); er ist Brahman, man nennt ihn ‚Jenes‘ (tyad).“ [Anm.: Das archaische Pronomen „tyad“ („jenes“) bezeichnet distanzierend das Absolute; ob damit nur der zuvor genannte Atem gemeint oder ein eigenständiger, unpersönlicher Brahman-Begriff bezeichnet wird, ist umstritten.]
pṛthivyeva yasyāyatanaṃ cakṣur loko mano jyotiḥ yo vai taṃ puruṣaṃ vidyātsarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ sa vai veditā syād yājñavalkya veda vā ahaṃ taṃ puruṣaṃ sarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ yamāttha ya evāyaṃ śārīraḥ puruṣaḥ sa eṣa vadaiva hākalya tasya kā devateti striya iti hovāca
„Die Erde allein ist sein Sitz (āyatana), das Auge seine Welt, der Geist (manas) sein Licht. Wer jene Person (puruṣa) als die letzte Zuflucht (parāyaṇa) des Selbst aller Wesen kennte, der wäre wahrlich ein Wissender, Yājñavalkya!“ – „Ich kenne jene Person, die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen, von der du sprichst: eben diese Person, die im Leib ist (śārīra puruṣa) – das ist sie. Sprich du selbst, Śākalya: welches ist ihre Gottheit?“ – „Die Frauen“, sprach er. [Anm.: Die Redeeinleitungen wechseln in dieser ganzen Reihe (3.9.11–18) ohne eigene Kennzeichnung; hier und im Folgenden wird der einleitende Vers als Śākalyas Frage, „Ich kenne jene Person…“ als Yājñavalkyas Antwort samt Gegenfrage und die abschließend genannte Gottheit als Śākalyas Antwort verstanden.]
kāma eva yasyāyatanaṃ cakṣur loko mano jyotiḥ yo vai taṃ puruṣaṃ vidyātsarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ sa vai veditā syād yājñavalkya veda vā ahaṃ taṃ puruṣaṃ sarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ yamāttha ya evāsau candre puruṣaḥ sa eṣa vadaiva hākalya tasya kā devateti mana iti hovāca
„Das Verlangen (kāma) allein ist sein Sitz, das Auge seine Welt, der Geist sein Licht. Wer jene Person als die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen kennte, der wäre wahrlich ein Wissender, Yājñavalkya!“ – „Ich kenne jene Person, die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen, von der du sprichst: eben diese Person, die im Mond ist – das ist sie. Sprich du selbst, Śākalya: welches ist ihre Gottheit?“ – „Der Geist (manas)“, sprach er.
rūpāṇyeva yasyāyatanaṃ cakṣurloko mano jyotiḥ yo vai taṃ puruṣaṃ vidyātsarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ sa vai veditā syād yājñavalkya veda vā ahaṃ taṃ puruṣaṃ sarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ yamāttha ya evāsāvāditye puruṣaḥ sa eṣa vadaiva hākalya tasya kā devateti cakṣur iti hovāca
„Die Gestalten (rūpa) allein sind sein Sitz, das Auge seine Welt, der Geist sein Licht. Wer jene Person als die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen kennte, der wäre wahrlich ein Wissender, Yājñavalkya!“ – „Ich kenne jene Person, die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen, von der du sprichst: eben diese Person, die in der Sonne ist – das ist sie. Sprich du selbst, Śākalya: welches ist ihre Gottheit?“ – „Das Auge“, sprach er.
ākaśa eva yasyāyatanaṃ cakṣur loko mano jyotiḥ yo vai taṃ puruṣaṃ vidyātsarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ sa vai veditā syād yājñavalkya veda vā ahaṃ taṃ puruṣaṃ sarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ yamāttha ya evāyamvāyau puruṣaḥ sa eṣa vadaiva hākalya tasya kā devateti prāṇa iti hovaca
„Der Raum (ākāśa) allein ist sein Sitz, das Auge seine Welt, der Geist sein Licht. Wer jene Person als die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen kennte, der wäre wahrlich ein Wissender, Yājñavalkya!“ – „Ich kenne jene Person, die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen, von der du sprichst: eben diese Person, die im Wind ist – das ist sie. Sprich du selbst, Śākalya: welches ist ihre Gottheit?“ – „Der Atem (prāṇa)“, sprach er.
teja eva yasyāyatanaṃ cakṣurloko mano jyotiḥ yo vai taṃ puruṣaṃ vidyātsarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ sa vai veditā syād yājñavalkya veda vā ahaṃ taṃ puruṣaṃ sarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ yamāttha ya evāyamagnau puruṣaḥ sa eṣa vadaiva hākalya tasya kā devateti vāgiti hovāca
„Die Glut (tejas) allein ist sein Sitz, das Auge seine Welt, der Geist sein Licht. Wer jene Person als die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen kennte, der wäre wahrlich ein Wissender, Yājñavalkya!“ – „Ich kenne jene Person, die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen, von der du sprichst: eben diese Person, die im Feuer ist – das ist sie. Sprich du selbst, Śākalya: welches ist ihre Gottheit?“ – „Die Sprache (vāc)“, sprach er.
tama eva yasyāyatanaṃ cakṣur loko mano jyotiḥ yo vai taṃ puruṣaṃ vidyātsarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ sa vai veditā syād yājñavalkya veda vā ahaṃ taṃ puruṣaṃ sarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ yamāttha ya evāyaṃ Chāyāmayaḥ puruṣaḥ sa eṣa vadaiva hākalya tasya kā devateti mṛtyu iti hovāca
„Die Finsternis (tamas) allein ist sein Sitz, das Auge seine Welt, der Geist sein Licht. Wer jene Person als die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen kennte, der wäre wahrlich ein Wissender, Yājñavalkya!“ – „Ich kenne jene Person, die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen, von der du sprichst: eben diese schattenhafte Person – das ist sie. Sprich du selbst, Śākalya: welches ist ihre Gottheit?“ – „Der Tod (mṛtyu)“, sprach er.
āpa eva yasyāyatanaṃ cakṣur loko mano jyotiḥ yo vai taṃ puruṣaṃ vidyātsarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ sa vai veditā syād yājñavalkya veda vā ahaṃ taṃ puruṣaṃ sarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ yamāttha ya evāyaṃ apsu puruṣaḥ sa eṣa vadaiva hākalya tasya kā devateti varuṇa iti hovāca
„Die Gewässer (āpas) allein sind sein Sitz, das Auge seine Welt, der Geist sein Licht. Wer jene Person als die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen kennte, der wäre wahrlich ein Wissender, Yājñavalkya!“ – „Ich kenne jene Person, die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen, von der du sprichst: eben diese Person, die im Wasser ist – das ist sie. Sprich du selbst, Śākalya: welches ist ihre Gottheit?“ – „Varuṇa“, sprach er.
reta eva yasyāyatanaṃ cakṣur loko mano jyotiḥ yo vai taṃ puruṣaṃ vidyātsarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ sa vai veditā syād yājñavalkya veda vā ahaṃ taṃ puruṣaṃ sarvasyātmanaḥ parāyaṇaṃ yamāttha ya evāyaṃ putramayaḥ puruṣaḥ sa eṣa vadaiva hākalya tasya kā devateti prajāpatiriti hovāca
„Der Same (retas) allein ist sein Sitz, das Auge seine Welt, der Geist sein Licht. Wer jene Person als die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen kennte, der wäre wahrlich ein Wissender, Yājñavalkya!“ – „Ich kenne jene Person, die letzte Zuflucht des Selbst aller Wesen, von der du sprichst: eben diese aus dem Sohn bestehende Person – das ist sie. Sprich du selbst, Śākalya: welches ist ihre Gottheit?“ – „Prajāpati“, sprach er.
Da sprach Yājñavalkya: „Śākalya, haben dich diese Brahmanen wohl zu einem bloßen Kohlenschürer (aṅgārāvakṣayaṇa) gemacht?“ [Anm.: Der Ausdruck ist lexikalisch unsicher und offenbar ein seltenes Spottwort – gemeint ist wohl, Śākalya sei zum bloßen Werkzeug oder „ausgebrannten“ Prügelknaben der Brahmanen degradiert worden; die genaue Nuance bleibt unklar. (Die im Sanskrit-Text angehängte Ziffer bei „akratāḥ“ markiert nur einen pluta-Vokal und gehört nicht zum Wort selbst.)]
Śākalya sprach: „Yājñavalkya, weil du da die Brahmanen der Kuru-Pañcālas so überboten hast, als kenntest du das Brahman – kennst du auch die Himmelsrichtungen samt ihren Göttern und ihren Grundlagen (pratiṣṭhā)?“ – „Da du die Himmelsrichtungen samt ihren Göttern und ihren Grundlagen kennst –“ [Anm.: Der Satz ist syntaktisch elliptisch überliefert und wiederholt sich fast wörtlich; vermutlich eine formelhafte Übergangswendung zur folgenden Prüfungsreihe in 3.9.21, ohne dass Satzgrenze und Sprecherfolge ganz eindeutig sind.]
„Welcher Gottheit gehörst du in dieser östlichen Himmelsrichtung an?“ – „Die Sonne (Āditya) ist meine Gottheit.“ – „Worin ist diese Sonne gegründet?“ – „In den Augen.“ – „Worin nun sind die Augen gegründet?“ – „In den Gestalten (rūpa); denn mit den Augen sieht man die Gestalten.“ – „Worin nun sind die Gestalten gegründet?“ – „Im Herzen“, sprach er, „denn mit dem Herzen erkennt man die Gestalten; im Herzen eben sind die Gestalten gegründet.“ – „So ist es eben, Yājñavalkya.“
„Welcher Gottheit gehörst du in dieser südlichen Himmelsrichtung an?“ – „Yama ist meine Gottheit.“ – „Worin ist dieser Yama gegründet?“ – „In der Opfergabe (dakṣiṇā).“ – „Worin nun ist die Opfergabe gegründet?“ – „Im Glauben (śraddhā); denn erst wenn man glaubt, gibt man die Opfergabe; im Glauben eben ist die Opfergabe gegründet.“ – „Worin nun ist der Glaube gegründet?“ – „Im Herzen“, sprach er, „denn mit dem Herzen glaubt man; im Herzen eben ist der Glaube gegründet.“ – „So ist es eben, Yājñavalkya.“
„Welcher Gottheit gehörst du in dieser westlichen Himmelsrichtung an?“ – „Varuṇa ist meine Gottheit.“ – „Worin ist dieser Varuṇa gegründet?“ – „In den Gewässern.“ – „Worin nun sind die Gewässer gegründet?“ – „Im Samen (retas).“ – „Worin nun ist der Same gegründet?“ – „Im Herzen“ – daher sagt man auch von einem [dem Vater] ähnlich Geborenen: ‚Wie aus dem Herzen entsprungen, wie aus dem Herzen gebildet‘ – im Herzen eben ist der Same gegründet. – „So ist es eben, Yājñavalkya.“
„Welcher Gottheit gehörst du in dieser nördlichen Himmelsrichtung an?“ – „Soma ist meine Gottheit.“ – „Worin ist dieser Soma gegründet?“ – „In der Weihe (dīkṣā).“ – „Worin nun ist die Weihe gegründet?“ – „In der Wahrheit (satya)“ – daher sagt man auch zu einem Geweihten: ‚Sprich die Wahrheit‘ – in der Wahrheit eben ist die Weihe gegründet. – „Worin nun ist die Wahrheit gegründet?“ – „Im Herzen“, sprach er, „denn mit dem Herzen erkennt man die Wahrheit; im Herzen eben ist die Wahrheit gegründet.“ – „So ist es eben, Yājñavalkya.“
„Welcher Gottheit gehörst du in dieser feststehenden (dhruvā) Himmelsrichtung an?“ – „Das Feuer (Agni) ist meine Gottheit.“ – „Worin ist dieses Feuer gegründet?“ – „In der Sprache (vāc).“ – „Worin nun ist die Sprache gegründet?“ – „Im Geist (manas).“ – „Worin nun ist der Geist gegründet?“ – [Anm.: Der Satz bricht hier unbeantwortet ab; statt des erwarteten weiteren Kettenglieds folgt in 3.9.26 eine scharfe Zurechtweisung Yājñavalkyas – möglicherweise ein Hinweis darauf, dass die Rückführungskette beim Geist bzw. beim Herzen/Selbst an eine Grenze stößt, die keine weitere „Gründung“ mehr zulässt.]
Yājñavalkya sprach: „Ach, du Törichter (ahallika)! Meinst du, dieses sei anderswo als in uns? Wäre es anderswo als in uns, so würden es die Hunde auffressen oder die Vögel zerreißen.“ [Anm.: „ahallika“ ist ein seltenes Schelt-/Spottwort (etwa „Dummkopf“), und der genaue Bezug von „asmat“ („bei/in uns“) ist unsicher. Sinngemäß weist Yājñavalkya zurück, die Grundlage des Geistes sei außerhalb des Selbst zu suchen – eine Vorstellung, die er als absurd hinstellt, als läge das Gesuchte offen zutage und würde von Tieren gefressen.]
„Worin nun seid ihr, du und das Selbst (ātman), gegründet?“ – „Im Einatem (prāṇa).“ – „Worin nun ist der Einatem gegründet?“ – „Im Ausatem (apāna).“ – „Worin nun ist der Ausatem gegründet?“ – „Im Durchatem (vyāna).“ – „Worin nun ist der Durchatem gegründet?“ – „Im Aufatem (udāna).“ – „Worin nun ist der Aufatem gegründet?“ – „Im Mittelatem (samāna).“
sa eṣaḥ neti netyātmāgṛhyo na hi gṛhyate aśīryo na hi śīryate asaṅgo'sito na sajyate na vyathata ityasito na vyathate etānyaṣṭāvāyatanāni aṣṭau lokā aṣṭau puruṣāḥ sa yastānpuruṣānvyuduhya pratyuhyātyakrāmīt taṃ tvaupaniṣadaṃ puruṣaṃ pṛcChāmi taṃ cenme na vivakṣyasi mūrdhā te vipatiṣyatīti taṃ ha hākalyasna mene tasya ha mūrdhā vipapāta tasya hāpyanyanmanyamānāḥ parimoṣiṇo'sthinyapajahruḥ
Dieses Selbst (ātman) eben ist „nicht so, nicht so“ (neti neti) – unfassbar, denn es wird nicht gefasst; unzerstörbar, denn es wird nicht zerstört; unhaftend, es haftet sich nicht an; ungebunden, es zittert nicht, wird nicht erschüttert. Dies sind die acht Sitze (āyatana), die acht Welten, die acht Personen (puruṣa). Wer diese Personen geordnet, zurückgeführt und überschritten hat – nach jener in der Geheimlehre (upaniṣad) gelehrten Person frage ich dich. Wenn du sie mir nicht nennst, wird dir der Kopf abfallen.“ Śākalya kannte sie nicht; ihm fiel der Kopf ab. Räuber, die seine Gebeine für etwas anderes hielten, trugen sie fort. [Anm.: Die Wiederholung von „asito“ im Sanskrit-Text und die knappe Schlussnotiz, Diebe hätten die Gebeine fortgetragen, sind beide echte Merkmale der Überlieferung, keine Verschreibungen.]
atha yājñavalkyo hovāca brāhmaṇā bhagavanto yo vaḥ kāmayate sa mā pṛcChatu sarve vā mā pṛcChata yo vaḥ kāmayate taṃ vaḥ pṛcChāmi sarvānvā vaḥ pṛcChāmīti te ha brāhmaṇā na dadhṛṣuḥ
Da sprach Yājñavalkya: „Ehrwürdige Brahmanen, wer von euch mag, der befrage mich; oder ihr befragt mich alle. Oder wen von euch ich mag, den befrage ich; oder ich befrage euch alle.“ Da wagten es die Brahmanen nicht mehr.
Er befragte sie mit diesen Versen: „Wie ein Baum, der Herr des Waldes, so wahrhaftig ist der Mensch (puruṣa) – das ist nicht falsch (amṛṣā). Seine Blätter sind die Haare, seine Haut ist die äußere Rinde.
Aus seiner Haut eben rinnt das Blut hervor, wie aus der Rinde der Saft; darum tritt es hervor, wenn er verwundet ist, so wie Saft aus einem geschlagenen Baum.
Sein Fleisch ist wie das Splintholz, die feste Sehne wie der zähe Bast; die Knochen sind darin wie das Holz, das Mark ist dem [Baum-]Mark nachgebildet. [Anm.: „śakarāṇi“ („Splitter, faseriges Holz“) und „kināṭam“ („zäher Bast“) sind selten belegte, in ihrer genauen Bedeutung unsichere Begriffe; die Übersetzung folgt der traditionellen sinngemäßen Deutung im Baum-Mensch-Vergleich.]
Wenn ein gefällter Baum aus der Wurzel wieder nachwächst, frischer noch als zuvor – aus welcher Wurzel wächst dann ein Sterblicher wieder hervor, der vom Tod gefällt wurde?
retasa iti mā vocataḥ jīvatastatprajāyate jāta eva na jāyate ko nvenaṃ janayetpunaḥ dhānāruha vai vṛkṣo anyataḥ pretya sambhavo yatsamūlamudvṛheyur vṛkṣaṃ na punarābhaved martyaḥ svinmṛtyunā vṛkṇaḥ kasmānmūlātprarohati vijñānamānandaṃ brahma rāter dātuḥ parāyaṇaṃ tiṣṭhamānasya tadvida iti
„Sagt nicht ‚aus dem Samen‘ – denn der wird erst von einem Lebenden erzeugt. Ist er einmal geboren – wird er dann noch einmal geboren? Wer sollte ihn denn von neuem zeugen? Ein Baum wächst wahrlich aus dem Samenkorn (dhānā); ist er einmal gestorben, entsteht er von neuem aus anderem Ursprung. Zöge man aber einen Baum samt der Wurzel ganz heraus, so würde er nicht wieder entstehen. Aus welcher Wurzel wächst denn ein Sterblicher wieder hervor, der vom Tod gefällt wurde? Erkenntnis (vijñāna), Wonne (ānanda), Brahman – das ist das letzte Ziel (parāyaṇa) dessen, der die Gabe schenkt, für den, der darin feststeht, für den Kenner davon.“ [Anm.: Dieser Schlussvers zählt zu den textlich und interpretatorisch schwierigsten Stellen der Upaniṣad und wird seit Böhtlingk und Deussen kontrovers diskutiert; unsicher bleiben besonders die syntaktische Anbindung von „vijñānam ānandaṃ brahma“ an das Vorhergehende und die Bezugsmöglichkeiten der verdichteten Genitivkette „rāter dātuḥ parāyaṇaṃ tiṣṭhamānasya tadvidaḥ“. Die Übersetzung folgt der naheliegendsten, aber nicht unbestrittenen Deutung.]