Abschnitt 1: ṣaḍaṅga-yogaḥ, ṣaṭ-cakrāṇi
Eingang; die sechs Glieder des Yoga; die sechs Cakras (Verse 1–14)
Nach Segensvers und Friedensformel eröffnet der Text mit dem Versprechen, das „Kronjuwel des Yoga“ zu lehren, und nennt sechs Glieder des Yoga (ṣaḍaṅga): Āsana, Prāṇasaṃrodha, Pratyāhāra, Dhāraṇā, Dhyāna und Samādhi – also das Schema Patañjalis ohne Yama und Niyama. Es folgt die Cakra-Lehre in der Form der Nātha-Tradition: sechs Lotosse vom vierblättrigen Ādhāra am Beckenboden bis zum zweiblättrigen zwischen den Brauen, darüber der Tausendblättrige im Brahmarandhra; die Yoni (Kāmarūpa/Kāmākhyā) mit dem nach hinten gewandten Liṅga, die goldglänzende Scheibe im Nabel, das dreieckige Feuer und das „höchste Licht“ des Samādhi, dessen Schau das Kommen und Gehen der Wiedergeburt beendet. Die Verse 1–14 entsprechen weitgehend dem Beginn des Gorakṣaśataka.
Ich verehre die Stätte (pada) Rāmacandras, die oberhalb der sechs Cakras – vom Mūlādhāra an – über dem Sahasrāra weilt und die einzige Frucht des Yoga-Wissens ist.
Wort für Wort
mūlādhārādi-ṣaṭ-cakram
die sechs Cakras, beginnend mit dem Mūlādhāra (Akk.Sg.)
sahasrāra-upari
oberhalb des Sahasrāra (Adv.)
sthitam
weilend, befindlich (Akk.Sg.)
yoga-jñāna-eka-phalakam
dessen einzige Frucht das Yoga-Wissen ist (Akk.Sg.)
rāmacandra-padam
die Stätte/den Fußstand Rāmacandras (Akk.Sg.)
bhaje
ich verehre (1.Sg.Präs.)
Vorangestellter Segensvers (maṅgala) der Textüberlieferung, nicht Teil der eigentlichen Verszählung der Upaniṣad. Die Verehrung Rāmacandras weist auf einen vaiṣṇavischen Überlieferungsträger hin; der Vers selbst deutet die Cakra-Lehre des Textes bereits als Weg zum „Fußstand“ des Höchsten.
oṃ āpyāyantu mamāṅgāni vāk prāṇaś cakṣuḥ śrotram atho balam indriyāṇi ca sarvāṇi | sarvaṃ brahmaupaniṣadam | māhaṃ brahma nirākuryāṃ mā mā brahma nirākarod anirākaraṇam astv anirākaraṇaṃ me 'stu | tad ātmani nirate ya upaniṣatsu dharmās te mayi santu te mayi santu || oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||
Oṃ. Mögen meine Glieder gedeihen – Rede, Atem, Auge, Ohr, und auch die Kraft und alle Sinne. Alles ist das Brahman der Upaniṣaden. Möge ich das Brahman nicht verleugnen, möge das Brahman mich nicht verleugnen; Nicht-Verleugnung sei, Nicht-Verleugnung sei mir zuteil. Die Tugenden (dharma), die in den Upaniṣaden [gelehrt werden], mögen in mir sein, der ich dem Selbst hingegeben bin – mögen sie in mir sein. Oṃ, Friede, Friede, Friede.
Wort für Wort
āpyāyantu
mögen gedeihen/anschwellen (3.Pl.Imp.)
mama aṅgāni
meine Glieder (Nom.Pl.)
vāk
Rede (Nom.Sg.)
prāṇaḥ
Atem/Lebenshauch (Nom.Sg.)
cakṣuḥ
Auge (Nom.Sg.)
śrotram
Ohr/Gehör (Nom.Sg.)
atho
und auch
balam
Kraft (Nom.Sg.)
indriyāṇi ca sarvāṇi
und alle Sinne (Nom.Pl.)
sarvaṃ brahma aupaniṣadam
alles ist das upaniṣadische Brahman
mā aham brahma nirākuryām
möge ich das Brahman nicht zurückweisen (1.Sg.Opt.)
mā mā brahma nirākarot
möge das Brahman mich nicht zurückweisen (Injunktiv)
anirākaraṇam astu
Nicht-Zurückweisung sei
anirākaraṇaṃ me 'stu
Nicht-Zurückweisung sei mir
tad-ātmani nirate
(in mir,) der in jenem Selbst aufgeht (Lok.Sg.)
ye upaniṣatsu dharmāḥ
welche Tugenden in den Upaniṣaden [sind] (Nom.Pl.)
te mayi santu
die seien in mir (3.Pl.Imp.)
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ
Oṃ, Friede, Friede, Friede
Die Friedensformel der Sāmaveda-Upaniṣaden (vgl. Kena- und Chāndogya-Upaniṣad); sie kennzeichnet die Zugehörigkeit des Textes zum Sāmaveda.
Oṃ. Ich will das Kronjuwel des Yoga (yoga-cūḍāmaṇi) verkünden, aus dem Wunsch, den Yogins zu nützen – es verleiht die Vollendung im Alleinsein (kaivalya-siddhi), ist verborgen und wird von den besten Kennern des Yoga gepflegt.
Wort für Wort
yoga-cūḍāmaṇim
das Kronjuwel (cūḍāmaṇi: Scheiteljuwel) des Yoga (Akk.Sg.)
vakṣye
ich will verkünden (1.Sg.Fut.)
yoginām
der Yogins (Gen.Pl.)
hita-kāmyayā
aus dem Wunsch nach Wohl/Nutzen (Instr.Sg.)
kaivalya-siddhi-dam
die Vollendung des Alleinseins verleihend (Akk.Sg.)
Sitzhaltung (āsana), Zügelung des Atems (prāṇa-saṃrodha), Zurückziehen der Sinne (pratyāhāra), Sammlung (dhāraṇā), Meditation (dhyāna) und Versenkung (samādhi) – dies sind die sechs Glieder des Yoga.
Als erstes [Āsana] wird das Siddhāsana genannt, als zweites der Lotossitz (kamalāsana). [Zu kennen sind ferner:] die sechs Cakras, die sechzehn Stützpunkte (ādhāra), die drei Zielpunkte (lakṣya) und die fünf Räume (vyoman).
sva-dehe yo na jānāti tasya siddhiḥ kathaṃ bhavet | catur-dalaṃ syād ādhāraṃ svādhiṣṭhānaṃ ca ṣaḍ-dalam ||4||
Wer diese im eigenen Leib nicht kennt – wie sollte dem die Vollendung (siddhi) zuteilwerden? Das Ādhāra[-Cakra] hat vier Blütenblätter, das Svādhiṣṭhāna sechs.
Im Nabel ist der zehnblättrige Lotos, im Herzen der mit zwölf Speichen; der mit sechzehn Speichen heißt Viśuddha, und zwischen den Brauen ist der zweiblättrige.
Der mit tausend Blütenblättern gezählte [Lotos] liegt in der Brahma-Öffnung (brahma-randhra), auf dem großen Pfad. Das Ādhāra ist das erste Cakra, das Svādhiṣṭhāna das zweite.
In dessen Mitte, so heißt es, befindet sich die Yoni namens Kāmākhyā, von den Siddhas verehrt; und in deren Mitte steht das große Liṅga, nach Westen (nach hinten) gewandt.
nābhau tu maṇivad bimbaṃ yo jānāti sa yoga-vit | tapta-cāmīkarābhāsaṃ taḍil-lekheva visphurat ||9||
Wer im Nabel die Scheibe kennt, die wie ein Juwel [glänzt], von der Farbe geschmolzenen Goldes und aufblitzend wie ein Blitzstrahl – der ist ein Kenner des Yoga.
Dreieckig ist jene Stadt des Feuers, unterhalb des Gliedes gelegen. In der Versenkung (samādhi) [erscheint] das höchste Licht, unendlich, nach allen Seiten gewandt.
Ist es im großen Yoga geschaut, gibt es kein Kommen und Gehen (yātāyāta, keine Wiedergeburt) mehr. Mit dem Wort sva ist der Lebensatem (prāṇa) gemeint; das Svādhiṣṭhāna ist dessen Stütze (adhiṣṭhāna).
Wort für Wort
tasmin dṛṣṭe
wenn jenes geschaut ist (Lok.abs.)
mahā-yoge
im großen Yoga (Lok.Sg.)
yāta-āyātaḥ
Gehen und Kommen, Wiedergeburt (Nom.Sg.)
na vidyate
existiert nicht (3.Sg.Pass.)
sva-śabdena
mit dem Wort „sva“ (Instr.Sg.)
bhavet prāṇaḥ
ist [gemeint] der Prāṇa (3.Sg.Opt.)
svādhiṣṭhānam
das Svādhiṣṭhāna (Nom.Sg.)
tat-āśrayaḥ
dessen Stütze/Sitz (Nom.Sg.)
Der Text erklärt den Namen Svādhiṣṭhāna etymologisch als „Stütze (adhiṣṭhāna) des sva“, wobei sva als Deckwort für den Prāṇa gedeutet wird.
svādhiṣṭhāśrayād asmān meḍhram evābhidhīyate | tantunā maṇivat proto yo 'tra kandaḥ suṣumnayā ||12||
Weil es die Stütze des Eigenen (sva-adhiṣṭhā) ist, wird damit eben das Glied (meḍhra) bezeichnet. Dort ist die Knolle (kanda), die von der Suṣumnā durchzogen wird wie ein Juwel von einem Faden.
Wort für Wort
sva-adhiṣṭhā-āśrayāt
weil es Stütze des Eigenen ist (Abl.Sg.)
asmāt
deshalb (Abl.Sg.)
meḍhram eva
eben das Glied (Nom.Sg.)
abhidhīyate
wird bezeichnet (3.Sg.Pass.)
tantunā
von einem Faden (Instr.Sg.)
maṇi-vat
wie ein Juwel
protaḥ
durchzogen, aufgefädelt (Nom.Sg.)
yaḥ atra kandaḥ
welche Knolle hier (Nom.Sg.)
suṣumnayā
von der Suṣumnā (Instr.Sg.)
Vorlage: evabhidhīyate; zu evābhidhīyate berichtigt.
– so lange irrt die Seele (jīva) umher, wie sie die Wahrheit (tattva) nicht findet. Oberhalb des Gliedes und unterhalb des Nabels, in der Knolle (kanda), liegt die Yoni, [geformt] wie ein Vogelei.