Abschnitt 5: praṇavaḥ, haṃsaḥ
Der Praṇava (Oṃ), die drei Leiber und der Haṃsa (Verse 71–88)
Der Abschnitt ist vedāntisch geprägt: Auf die Anweisung zur Rezitation des Oṃ folgt ein langer Prosaabschnitt (72) über das höchste Brahman, die Entstehung der Elemente, die fünf Elementherren, die drei Guṇa-Götter, die drei Leiber (grob, fein, ursächlich) und die vier Bewusstseinszustände mit ihren „Personen“ Viśva, Taijasa, Prājña und Ātman – mit wörtlichen Anklängen an die Māṇḍūkya-Kārikā. Die drei Laute a, u, m werden den Veden, Welten, Guṇas, Zuständen und den Göttern Brahmā, Viṣṇu, Rudra zugeordnet; der Praṇava selbst ist ihnen übergeordnet und klingt als unangeschlagener (anāhata) Ton „wie ein Ölstrahl, wie eine Glocke“. Der Atemklang haṃsa wird als „Das bist du“ gedeutet: sa ist die Seele (tvam), ha der Herr (tat).
Man nehme den Lotossitz ein, halte Rumpf, Kopf und Hals gerade, richte den Blick auf die Nasenspitze und murmle in der Einsamkeit die unvergängliche Silbe Oṃ.
Oṃ. Ewig, rein, erwacht, frei von Vorstellungen (nirvikalpa), makellos, unbeschreiblich, ohne Anfang und Ende, eines, das Vierte (turīya) – das, was war, ist und sein wird, das [scheinbar] sich Wandelnde und doch immer Ungeteilte – ist das höchste Brahman. Aus ihm ist die höchste Śakti geboren, die ihrem Wesen nach selbstleuchtend ist. Aus dem Selbst (ātman) ist der Raum (ākāśa) entstanden, aus dem Raum der Wind, aus dem Wind das Feuer, aus dem Feuer das Wasser, aus dem Wasser die Erde. Die Herren dieser fünf Elemente sind die fünf: Sadāśiva, Īśvara, Rudra, Viṣṇu und Brahmā. Von ihnen sind Brahmā, Viṣṇu und Rudra die Urheber von Entstehung, Bestand und Auflösung. Brahmā ist von Rajas, Viṣṇu von Sattva, Rudra von Tamas bestimmt – so sind diese drei mit den Guṇas verbunden. Brahmā entstand als erster der Götter. Als Erstgeborene entstanden: der Ordner (Dhātṛ) für die Schöpfung, Viṣṇu für den Bestand, Rudra für die Vernichtung und der Mond (Candra) für den Genuss. Aus diesen – aus Brahmā – entstehen die Welten: Götter, Tiere, Menschen und unbewegliche Wesen. Der Leib dieser Menschen und der übrigen Wesen ist eine Verbindung der fünf Elemente. Mit den Erkenntnis- und Tatorganen, den Erkenntnisobjekten, den fünf Winden (Prāṇa usw.), Manas, Buddhi, Citta und Ahaṃkāra – alle als grob gedacht – wird er die grobe Natur (sthūla-prakṛti) genannt. Mit den Erkenntnis- und Tatorganen, den Erkenntnisobjekten, den fünf Winden, Manas und Buddhi, sofern er im Feinen steht, wird er der Feinleib (liṅga) genannt. Der mit den drei Guṇas verbundene [Leib] ist der Ursachenleib (kāraṇa). So haben alle [Wesen] drei Leiber. Wachen, Traum, Tiefschlaf und das Vierte (turīya) sind die vier Zustände; die Herren dieser Zustände sind die vier Personen (puruṣa): Viśva, Taijasa, Prājña und das Selbst (ātman). Der Viśva genießt stets das Grobe, der Taijasa das Abgesonderte (Feine), der Prājña die Wonne; der Höhere (das Selbst) aber ist demgegenüber der Zeuge von allem.
mit den fünf Winden (Prāṇa usw.), Manas, Buddhi, Citta und Ahaṃkāra (Instr.Pl.)
sthūla-kalpitaiḥ
als grob gedacht (Instr.Pl.)
sthūla-prakṛtiḥ iti ucyate
wird grobe Natur genannt
sūkṣma-sthaḥ api
auch im Feinen befindlich (Nom.Sg.)
liṅgam eva iti ucyate
wird eben Liṅga [Feinleib] genannt
guṇa-traya-yuktam kāraṇam
das mit den drei Guṇas verbundene ist der Ursachen[leib]
trīṇi śarīrāṇi vartante
drei Leiber bestehen (3.Pl.Präs.)
jāgrat-svapna-suṣupti-turīyāḥ
Wachen, Traum, Tiefschlaf, das Vierte (Nom.Pl.)
avasthāḥ catasraḥ
vier Zustände (Nom.Pl.f.)
adhipatayaḥ catvāraḥ puruṣāḥ
die vier Personen als Herren (Nom.Pl.)
viśva-taijasa-prājña-ātmānaḥ
Viśva, Taijasa, Prājña und Ātman (Nom.Pl.)
viśvaḥ hi sthūla-bhuk nityam
der Viśva genießt stets das Grobe
taijasaḥ pravivikta-bhuk
der Taijasa genießt das Abgesonderte
ānanda-bhuk tathā prājñaḥ
und der Prājña genießt die Wonne
sarva-sākṣī iti ataḥ paraḥ
„Allzeuge“ – so der darüber Hinausgehende
Prosaabschnitt (in der Vorlage als Vers 72 gezählt). Der Schluss zitiert wörtlich Māṇḍūkya-Kārikā 1,3–4; Vorlage: ānandabhuktayā, nach der Parallele zu ānanda-bhuk tathā berichtigt; devatiryaṅga-rasthāvarāś zu deva-tiryaṅ-nara-sthāvarāś berichtigt; sātviko zu sāttviko normalisiert.
praṇataḥ sarvadā tiṣṭhet sarva-jīveṣu bhogataḥ | abhirāmas tu sarvāsu hy avasthāsu hy adho-mukhaḥ ||73||
Zum Genuss hingeneigt verweilt er beständig in allen Lebewesen; in allen Zuständen wohlgefällig (abhirāma), ist er doch [in ihnen] nach unten gewandt.
Wort für Wort
praṇataḥ
hingeneigt, gebeugt (Nom.Sg.)
sarvadā tiṣṭhet
verweilt beständig (3.Sg.Opt.)
sarva-jīveṣu
in allen Lebewesen (Lok.Pl.)
bhogataḥ
des Genusses wegen (Adv.)
abhirāmaḥ tu
wohlgefällig aber (Nom.Sg.)
sarvāsu hi avasthāsu
in allen Zuständen (Lok.Pl.)
hi adhaḥ-mukhaḥ
fürwahr nach unten gewandt (Nom.Sg.)
[Anm.: Subjekt ist nach dem Zusammenhang das Selbst bzw. der Praṇava (vgl. Vers 78: „bei den Wissenden aufwärts, in der Unwissenheit nach unten gewandt“); der Vers ist syntaktisch lose.]
Der Laut a, der Laut u und der Laut m – [das sind] die drei Veden, die drei Welten, die drei Guṇas, die drei Silben, die drei Töne: so leuchtet der Praṇava auf. Der Laut a weilt bei allen Wesen im Wachen im Auge, der Laut u im Traum in der Kehle, der Laut m im Tiefschlaf im Herzen.
Virāj, Viśva, das Grobe – das ist der Laut a. Hiraṇyagarbha, Taijasa, das Feine – das ist der Laut u. Das Ursächliche, das Unentfaltete (avyākṛta), Prājña – das ist der Laut m. Der Laut a ist von Rajas, rot, und wird Brahmā, das Bewusste (cetana), genannt. Der Laut u ist von Sattva, weiß, und wird Viṣṇu genannt.
Wort für Wort
virāṭ viśvaḥ sthūlaḥ ca a-kāraḥ
Virāj, Viśva und das Grobe [sind] der Laut a
hiraṇyagarbhaḥ taijasaḥ sūkṣmaḥ ca u-kāraḥ
Hiraṇyagarbha, Taijasa und das Feine [sind] der Laut u
kāraṇa-avyākṛta-prājñaḥ ca ma-kāraḥ
Ursache, Unentfaltetes und Prājña [sind] der Laut m
evaṃ vai praṇavas tiṣṭhed yas taṃ veda sa veda-vit | anāhata-svarūpeṇa jñāninām ūrdhva-go bhavet ||79||
So fürwahr besteht der Praṇava; wer ihn kennt, ist ein Kenner des Veda. In der Gestalt des unangeschlagenen [Klangs] (anāhata) geht er bei den Wissenden aufwärts.
Wort für Wort
evam vai
so fürwahr
praṇavaḥ tiṣṭhet
der Praṇava besteht (3.Sg.Opt.)
yaḥ tam veda
wer ihn kennt (3.Sg.Perf.)
saḥ veda-vit
der ist Veda-Kenner
anāhata-svarūpeṇa
in Gestalt des unangeschlagenen [Klangs] (Instr.Sg.)
jyotir-mayaṃ tad-agraṃ syād avācyaṃ buddhi-sūkṣmataḥ | dadṛśur ye mahātmāno yas taṃ veda sa veda-vit ||81||
Aus Licht besteht diese Spitze, unaussprechlich, feiner als der Verstand (buddhi). Die großen Seelen haben sie geschaut; wer sie kennt, ist ein Kenner des Veda.
Der Laut ha ist der höchste Herr und – so steht fest – das Wort „Das“ (tat). Meditiert das Lebewesen (jantu) auf den Laut sa, so wird es gewiss zum Laut ha.
Wort für Wort
ha-kāraḥ parama-īśaḥ syāt
der Laut ha ist der höchste Herr
tat-padam ca iti niścitam
und ist das Wort „das“ – so feststehend
sa-kāraḥ dhyāyate
der Laut sa wird meditiert (3.Sg.Pass./Med.)
jantuḥ
das Lebewesen (Nom.Sg.)
ha-kāraḥ hi bhavet dhruvam
wird gewiss der Laut ha (3.Sg.Opt.)
Vorlage: bhaveddhṛvam; zu bhaved dhruvam berichtigt.
Durch die Sinne wird die Seele (jīva) gebunden, das Selbst (ātman) aber wird nicht gebunden. Durch das „Mein“-Denken wird [das Selbst] zum Jīva, durch Freiheit vom „Mein“ ist es das Alleine (kevala).
Wort für Wort
indriyaiḥ badhyate jīvaḥ
durch die Sinne wird die Seele gebunden (3.Sg.Pass.)
kriyā icchā tathā jñānaṃ brāhmī raudrī ca vaiṣṇavī | tridhā mātrā-sthitir yatra tat paraṃ jyotir om iti ||86||
Handlung, Wille und Erkenntnis – [die Kräfte] des Brahmā, des Rudra und des Viṣṇu: worin dieser dreifache Stand der Moren ruht, das ist das höchste Licht: Oṃ.
Wort für Wort
kriyā icchā tathā jñānam
Handlung, Wille und Erkenntnis (Nom.)
brāhmī raudrī ca vaiṣṇavī
die [Śakti] des Brahmā, des Rudra und des Viṣṇu (Nom.Sg.f.)