Quellen der Menschheit

Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad

Abschnitt 5: praṇavaḥ, haṃsaḥ Der Praṇava (Oṃ), die drei Leiber und der Haṃsa (Verse 71–88)

Der Abschnitt ist vedāntisch geprägt: Auf die Anweisung zur Rezitation des Oṃ folgt ein langer Prosaabschnitt (72) über das höchste Brahman, die Entstehung der Elemente, die fünf Elementherren, die drei Guṇa-Götter, die drei Leiber (grob, fein, ursächlich) und die vier Bewusstseinszustände mit ihren „Personen“ Viśva, Taijasa, Prājña und Ātman – mit wörtlichen Anklängen an die Māṇḍūkya-Kārikā. Die drei Laute a, u, m werden den Veden, Welten, Guṇas, Zuständen und den Göttern Brahmā, Viṣṇu, Rudra zugeordnet; der Praṇava selbst ist ihnen übergeordnet und klingt als unangeschlagener (anāhata) Ton „wie ein Ölstrahl, wie eine Glocke“. Der Atemklang haṃsa wird als „Das bist du“ gedeutet: sa ist die Seele (tvam), ha der Herr (tat).

padmāsanaṃ samāruhya sama-kāya-śiro-dharaḥ | nāsāgra-dṛṣṭir ekānte japed oṅkāram avyayam ||71||

Man nehme den Lotossitz ein, halte Rumpf, Kopf und Hals gerade, richte den Blick auf die Nasenspitze und murmle in der Einsamkeit die unvergängliche Silbe Oṃ.

Wort für Wort
padmāsanam samāruhya
den Lotossitz eingenommen habend (Absol.)
sama-kāya-śiraḥ-dharaḥ
mit geradem Rumpf, Kopf und Hals (Nom.Sg.)
nāsā-agra-dṛṣṭiḥ
mit dem Blick auf die Nasenspitze (Nom.Sg.)
ekānte
in der Einsamkeit (Lok.Sg.)
japet
murmle (3.Sg.Opt.)
oṅkāram avyayam
die unvergängliche Silbe Oṃ (Akk.Sg.)

oṃ nityaṃ śuddhaṃ buddhaṃ nirvikalpaṃ nirañjanaṃ nirākhyātam anādi-nidhanam ekaṃ turīyaṃ yad bhūtaṃ bhavad bhaviṣyat parivartamānaṃ sarvadā 'navacchinnaṃ paraṃ brahma tasmāj jātā parā śaktiḥ svayaṃ jyotir-ātmikā | ātmana ākāśaḥ saṃbhūtaḥ | ākāśād vāyuḥ | vāyor agniḥ | agner āpaḥ | adbhyaḥ pṛthivī | eteṣāṃ pañca-bhūtānāṃ patayaḥ pañca sadāśiveśvara-rudra-viṣṇu-brahmāṇaś ceti | teṣāṃ brahma-viṣṇu-rudrāś cotpatti-sthiti-laya-kartāraḥ | rājaso brahmā sāttviko viṣṇus tāmaso rudra iti ete trayo guṇa-yuktāḥ | brahmā devānāṃ prathamaḥ saṃbabhūva | dhātā ca sṛṣṭau viṣṇuś ca sthitau rudraś ca nāśe bhogāya candra iti prathama-jā babhūvuḥ | eteṣāṃ brahmaṇo lokā deva-tiryaṅ-nara-sthāvarāś ca jāyante | teṣāṃ manuṣyādīnāṃ pañca-bhūta-samavāyaḥ śarīram | jñāna-karmendriyair jñāna-viṣayaiḥ prāṇādi-pañca-vāyu-mano-buddhi-cittāhaṅkāraiḥ sthūla-kalpitaiḥ so 'pi sthūla-prakṛtir ity ucyate | jñāna-karmendriyair jñāna-viṣayaiḥ prāṇādi-pañca-vāyu-mano-buddhibhiś ca sūkṣma-stho 'pi liṅgam evety ucyate | guṇa-traya-yuktaṃ kāraṇam | sarveṣām evaṃ trīṇi śarīrāṇi vartante | jāgrat-svapna-suṣupti-turīyāś cety avasthāś catasraḥ | tāsām avasthānām adhipatayaś catvāraḥ puruṣā viśva-taijasa-prājñātmānaś ceti | viśvo hi sthūla-bhuṅ nityaṃ taijasaḥ pravivikta-bhuk | ānanda-bhuk tathā prājñaḥ sarva-sākṣīty ataḥ paraḥ ||72||

Oṃ. Ewig, rein, erwacht, frei von Vorstellungen (nirvikalpa), makellos, unbeschreiblich, ohne Anfang und Ende, eines, das Vierte (turīya) – das, was war, ist und sein wird, das [scheinbar] sich Wandelnde und doch immer Ungeteilte – ist das höchste Brahman. Aus ihm ist die höchste Śakti geboren, die ihrem Wesen nach selbstleuchtend ist. Aus dem Selbst (ātman) ist der Raum (ākāśa) entstanden, aus dem Raum der Wind, aus dem Wind das Feuer, aus dem Feuer das Wasser, aus dem Wasser die Erde. Die Herren dieser fünf Elemente sind die fünf: Sadāśiva, Īśvara, Rudra, Viṣṇu und Brahmā. Von ihnen sind Brahmā, Viṣṇu und Rudra die Urheber von Entstehung, Bestand und Auflösung. Brahmā ist von Rajas, Viṣṇu von Sattva, Rudra von Tamas bestimmt – so sind diese drei mit den Guṇas verbunden. Brahmā entstand als erster der Götter. Als Erstgeborene entstanden: der Ordner (Dhātṛ) für die Schöpfung, Viṣṇu für den Bestand, Rudra für die Vernichtung und der Mond (Candra) für den Genuss. Aus diesen – aus Brahmā – entstehen die Welten: Götter, Tiere, Menschen und unbewegliche Wesen. Der Leib dieser Menschen und der übrigen Wesen ist eine Verbindung der fünf Elemente. Mit den Erkenntnis- und Tatorganen, den Erkenntnisobjekten, den fünf Winden (Prāṇa usw.), Manas, Buddhi, Citta und Ahaṃkāra – alle als grob gedacht – wird er die grobe Natur (sthūla-prakṛti) genannt. Mit den Erkenntnis- und Tatorganen, den Erkenntnisobjekten, den fünf Winden, Manas und Buddhi, sofern er im Feinen steht, wird er der Feinleib (liṅga) genannt. Der mit den drei Guṇas verbundene [Leib] ist der Ursachenleib (kāraṇa). So haben alle [Wesen] drei Leiber. Wachen, Traum, Tiefschlaf und das Vierte (turīya) sind die vier Zustände; die Herren dieser Zustände sind die vier Personen (puruṣa): Viśva, Taijasa, Prājña und das Selbst (ātman). Der Viśva genießt stets das Grobe, der Taijasa das Abgesonderte (Feine), der Prājña die Wonne; der Höhere (das Selbst) aber ist demgegenüber der Zeuge von allem.

Wort für Wort
nityam śuddham buddham
ewig, rein, erwacht
nirvikalpam
ohne Vorstellungen/Unterscheidungen
nirañjanam
makellos
nirākhyātam
unbeschreiblich
anādi-nidhanam
ohne Anfang und Ende
ekam turīyam
eines, das Vierte
yat bhūtam bhavat bhaviṣyat
was war, ist und sein wird
parivartamānam
sich wandelnd (Part.Präs.Med.)
sarvadā anavacchinnam
immer ungeteilt
param brahma
das höchste Brahman (Nom.Sg.)
tasmāt jātā parā śaktiḥ
aus ihm geboren die höchste Śakti (Nom.Sg.f.)
svayam jyotiḥ-ātmikā
ihrem Wesen nach selbstleuchtend (Nom.Sg.f.)
ātmanaḥ ākāśaḥ saṃbhūtaḥ
aus dem Selbst ist der Raum entstanden
ākāśāt vāyuḥ, vāyoḥ agniḥ, agneḥ āpaḥ, adbhyaḥ pṛthivī
aus dem Raum der Wind, aus dem Wind das Feuer, aus dem Feuer das Wasser, aus dem Wasser die Erde (Abl.)
eteṣām pañca-bhūtānām patayaḥ pañca
die fünf Herren dieser fünf Elemente (Nom.Pl.)
sadāśiva-īśvara-rudra-viṣṇu-brahmāṇaḥ ca iti
Sadāśiva, Īśvara, Rudra, Viṣṇu und Brahmā (Nom.Pl.)
utpatti-sthiti-laya-kartāraḥ
Urheber von Entstehung, Bestand und Auflösung (Nom.Pl.)
rājasaḥ brahmā sāttvikaḥ viṣṇuḥ tāmasaḥ rudraḥ
Brahmā rajas-haft, Viṣṇu sattva-haft, Rudra tamas-haft
guṇa-yuktāḥ
mit den Guṇas verbunden (Nom.Pl.)
brahmā devānām prathamaḥ saṃbabhūva
Brahmā entstand als erster der Götter (3.Sg.Perf.)
dhātā ca sṛṣṭau
und der Ordner für die Schöpfung (Lok.Sg.)
viṣṇuḥ ca sthitau
Viṣṇu für den Bestand (Lok.Sg.)
rudraḥ ca nāśe
Rudra für die Vernichtung (Lok.Sg.)
bhogāya candraḥ
der Mond für den Genuss (Dat.Sg.)
prathama-jāḥ babhūvuḥ
als Erstgeborene entstanden sie (3.Pl.Perf.)
eteṣām brahmaṇaḥ lokāḥ
aus diesen, aus Brahmā, die Welten (Nom.Pl.)
deva-tiryak-nara-sthāvarāḥ ca jāyante
Götter, Tiere, Menschen und Unbewegliche entstehen (3.Pl.Präs.)
pañca-bhūta-samavāyaḥ śarīram
der Leib ist eine Verbindung der fünf Elemente
jñāna-karma-indriyaiḥ
mit den Erkenntnis- und Tatorganen (Instr.Pl.)
jñāna-viṣayaiḥ
mit den Erkenntnisobjekten (Instr.Pl.)
prāṇa-ādi-pañca-vāyu-manaḥ-buddhi-citta-ahaṅkāraiḥ
mit den fünf Winden (Prāṇa usw.), Manas, Buddhi, Citta und Ahaṃkāra (Instr.Pl.)
sthūla-kalpitaiḥ
als grob gedacht (Instr.Pl.)
sthūla-prakṛtiḥ iti ucyate
wird grobe Natur genannt
sūkṣma-sthaḥ api
auch im Feinen befindlich (Nom.Sg.)
liṅgam eva iti ucyate
wird eben Liṅga [Feinleib] genannt
guṇa-traya-yuktam kāraṇam
das mit den drei Guṇas verbundene ist der Ursachen[leib]
trīṇi śarīrāṇi vartante
drei Leiber bestehen (3.Pl.Präs.)
jāgrat-svapna-suṣupti-turīyāḥ
Wachen, Traum, Tiefschlaf, das Vierte (Nom.Pl.)
avasthāḥ catasraḥ
vier Zustände (Nom.Pl.f.)
adhipatayaḥ catvāraḥ puruṣāḥ
die vier Personen als Herren (Nom.Pl.)
viśva-taijasa-prājña-ātmānaḥ
Viśva, Taijasa, Prājña und Ātman (Nom.Pl.)
viśvaḥ hi sthūla-bhuk nityam
der Viśva genießt stets das Grobe
taijasaḥ pravivikta-bhuk
der Taijasa genießt das Abgesonderte
ānanda-bhuk tathā prājñaḥ
und der Prājña genießt die Wonne
sarva-sākṣī iti ataḥ paraḥ
„Allzeuge“ – so der darüber Hinausgehende

Prosaabschnitt (in der Vorlage als Vers 72 gezählt). Der Schluss zitiert wörtlich Māṇḍūkya-Kārikā 1,3–4; Vorlage: ānandabhuktayā, nach der Parallele zu ānanda-bhuk tathā berichtigt; devatiryaṅga-rasthāvarāś zu deva-tiryaṅ-nara-sthāvarāś berichtigt; sātviko zu sāttviko normalisiert.

praṇataḥ sarvadā tiṣṭhet sarva-jīveṣu bhogataḥ | abhirāmas tu sarvāsu hy avasthāsu hy adho-mukhaḥ ||73||

Zum Genuss hingeneigt verweilt er beständig in allen Lebewesen; in allen Zuständen wohlgefällig (abhirāma), ist er doch [in ihnen] nach unten gewandt.

Wort für Wort
praṇataḥ
hingeneigt, gebeugt (Nom.Sg.)
sarvadā tiṣṭhet
verweilt beständig (3.Sg.Opt.)
sarva-jīveṣu
in allen Lebewesen (Lok.Pl.)
bhogataḥ
des Genusses wegen (Adv.)
abhirāmaḥ tu
wohlgefällig aber (Nom.Sg.)
sarvāsu hi avasthāsu
in allen Zuständen (Lok.Pl.)
hi adhaḥ-mukhaḥ
fürwahr nach unten gewandt (Nom.Sg.)

[Anm.: Subjekt ist nach dem Zusammenhang das Selbst bzw. der Praṇava (vgl. Vers 78: „bei den Wissenden aufwärts, in der Unwissenheit nach unten gewandt“); der Vers ist syntaktisch lose.]

a-kāra u-kāro ma-kāraś ceti vedās trayo lokās trayo guṇās trīṇy akṣarāṇi trayaḥ svarā evaṃ praṇavaḥ prakāśate | a-kāro jāgrati netre vartate sarva-jantuṣu | u-kāraḥ kaṇṭhataḥ svapne ma-kāro hṛdi suptitaḥ ||74||

Der Laut a, der Laut u und der Laut m – [das sind] die drei Veden, die drei Welten, die drei Guṇas, die drei Silben, die drei Töne: so leuchtet der Praṇava auf. Der Laut a weilt bei allen Wesen im Wachen im Auge, der Laut u im Traum in der Kehle, der Laut m im Tiefschlaf im Herzen.

Wort für Wort
a-kāraḥ u-kāraḥ ma-kāraḥ ca iti
der Laut a, der Laut u und der Laut m
vedāḥ trayaḥ
die drei Veden (Nom.Pl.)
lokāḥ trayaḥ
die drei Welten
guṇāḥ trayaḥ
die drei Guṇas
trīṇi akṣarāṇi
die drei Silben (Nom.Pl.n.)
trayaḥ svarāḥ
die drei Töne/Akzente
evam praṇavaḥ prakāśate
so leuchtet der Praṇava auf (3.Sg.Präs.)
a-kāraḥ jāgrati netre vartate
der Laut a weilt im Wachen im Auge (Lok.)
sarva-jantuṣu
bei allen Wesen (Lok.Pl.)
u-kāraḥ kaṇṭhataḥ svapne
der Laut u in der Kehle im Traum
ma-kāraḥ hṛdi suptitaḥ
der Laut m im Herzen im Tiefschlaf

virāḍ viśvaḥ sthūlaś cā-kāraḥ | hiraṇyagarbhas taijasaḥ sūkṣmaś ca u-kāraḥ | kāraṇāvyākṛta-prājñaś ca ma-kāraḥ | a-kāro rājaso rakto brahma cetana ucyate | u-kāraḥ sāttvikaḥ śuklo viṣṇur ity abhidhīyate ||75||

Virāj, Viśva, das Grobe – das ist der Laut a. Hiraṇyagarbha, Taijasa, das Feine – das ist der Laut u. Das Ursächliche, das Unentfaltete (avyākṛta), Prājña – das ist der Laut m. Der Laut a ist von Rajas, rot, und wird Brahmā, das Bewusste (cetana), genannt. Der Laut u ist von Sattva, weiß, und wird Viṣṇu genannt.

Wort für Wort
virāṭ viśvaḥ sthūlaḥ ca a-kāraḥ
Virāj, Viśva und das Grobe [sind] der Laut a
hiraṇyagarbhaḥ taijasaḥ sūkṣmaḥ ca u-kāraḥ
Hiraṇyagarbha, Taijasa und das Feine [sind] der Laut u
kāraṇa-avyākṛta-prājñaḥ ca ma-kāraḥ
Ursache, Unentfaltetes und Prājña [sind] der Laut m
a-kāraḥ rājasaḥ raktaḥ
der Laut a ist rajas-haft, rot
brahma cetanaḥ ucyate
wird Brahmā, der Bewusste, genannt
u-kāraḥ sāttvikaḥ śuklaḥ
der Laut u ist sattva-haft, weiß
viṣṇuḥ iti abhidhīyate
wird Viṣṇu genannt (3.Sg.Pass.)

ma-kāras tāmasaḥ kṛṣṇo rudraś ceti tathocyate | praṇavāt prabhavo brahmā praṇavāt prabhavo hariḥ ||76||

Der Laut m ist von Tamas, schwarz, und wird ebenso Rudra genannt. Aus dem Praṇava entspringt Brahmā, aus dem Praṇava entspringt Hari (Viṣṇu),

Wort für Wort
ma-kāraḥ tāmasaḥ kṛṣṇaḥ
der Laut m ist tamas-haft, schwarz
rudraḥ ca iti tathā ucyate
und wird ebenso Rudra genannt
praṇavāt prabhavaḥ brahmā
aus dem Praṇava hat Brahmā seinen Ursprung
praṇavāt prabhavaḥ hariḥ
aus dem Praṇava hat Hari seinen Ursprung

praṇavāt prabhavo rudraḥ praṇavo hi paro bhavet | a-kāre līyate brahmā hy u-kāre līyate hariḥ ||77||

aus dem Praṇava entspringt Rudra; der Praṇava aber ist das Höchste. Im Laut a löst sich Brahmā auf, im Laut u löst sich Hari auf,

Wort für Wort
praṇavāt prabhavaḥ rudraḥ
aus dem Praṇava hat Rudra seinen Ursprung
praṇavaḥ hi paraḥ bhavet
der Praṇava ist das Höchste (3.Sg.Opt.)
a-kāre līyate brahmā
im Laut a löst sich Brahmā auf (3.Sg.Pass.)
u-kāre līyate hariḥ
im Laut u löst sich Hari auf

ma-kāre līyate rudraḥ praṇavo hi prakāśate | jñāninām ūrdhva-go bhūyād ajñāne syād adho-mukhaḥ ||78||

im Laut m löst sich Rudra auf; der Praṇava aber leuchtet [weiter]. Bei den Wissenden geht er aufwärts, in der Unwissenheit ist er nach unten gewandt.

Wort für Wort
ma-kāre līyate rudraḥ
im Laut m löst sich Rudra auf
praṇavaḥ hi prakāśate
der Praṇava leuchtet (3.Sg.Präs.)
jñāninām
bei den Wissenden (Gen.Pl.)
ūrdhva-gaḥ bhūyāt
geht aufwärts (3.Sg.Prek.)
ajñāne
in der Unwissenheit (Lok.Sg.)
syāt adhaḥ-mukhaḥ
ist nach unten gewandt (3.Sg.Opt.)

evaṃ vai praṇavas tiṣṭhed yas taṃ veda sa veda-vit | anāhata-svarūpeṇa jñāninām ūrdhva-go bhavet ||79||

So fürwahr besteht der Praṇava; wer ihn kennt, ist ein Kenner des Veda. In der Gestalt des unangeschlagenen [Klangs] (anāhata) geht er bei den Wissenden aufwärts.

Wort für Wort
evam vai
so fürwahr
praṇavaḥ tiṣṭhet
der Praṇava besteht (3.Sg.Opt.)
yaḥ tam veda
wer ihn kennt (3.Sg.Perf.)
saḥ veda-vit
der ist Veda-Kenner
anāhata-svarūpeṇa
in Gestalt des unangeschlagenen [Klangs] (Instr.Sg.)
jñāninām ūrdhva-gaḥ bhavet
bei den Wissenden geht er aufwärts

taila-dhārām ivācchinnaṃ dīrgha-ghaṇṭā-ninādavat | praṇavasya dhvanis tadvat tad-agraṃ brahma cocyate ||80||

Ununterbrochen wie ein Ölstrahl, wie der lang nachhallende Klang einer Glocke – so ist der Ton des Praṇava; und dessen Spitze wird Brahman genannt.

Wort für Wort
taila-dhārām iva
wie ein Ölstrahl (Akk.Sg.)
acchinnam
ununterbrochen
dīrgha-ghaṇṭā-nināda-vat
wie der lange Klang einer Glocke
praṇavasya dhvaniḥ
der Ton des Praṇava (Nom.Sg.)
tadvat
so
tat-agram
dessen Spitze/Ende (Nom.Sg.)
brahma ca ucyate
wird Brahman genannt

jyotir-mayaṃ tad-agraṃ syād avācyaṃ buddhi-sūkṣmataḥ | dadṛśur ye mahātmāno yas taṃ veda sa veda-vit ||81||

Aus Licht besteht diese Spitze, unaussprechlich, feiner als der Verstand (buddhi). Die großen Seelen haben sie geschaut; wer sie kennt, ist ein Kenner des Veda.

Wort für Wort
jyotiḥ-mayam
aus Licht bestehend (Nom.Sg.)
tat-agram syāt
diese Spitze ist
avācyam
unaussprechlich
buddhi-sūkṣmataḥ
feiner als der Verstand (Abl.)
dadṛśuḥ
haben geschaut (3.Pl.Perf.)
ye mahātmānaḥ
welche großen Seelen (Nom.Pl.)
yaḥ tam veda saḥ veda-vit
wer ihn kennt, ist Veda-Kenner

jāgran-netra-dvayor madhye haṃsa eva prakāśate | sa-kāraḥ khecarī proktas tvaṃ-padaṃ ceti niścitam ||82||

Im Wachen leuchtet zwischen den beiden Augen der Haṃsa auf. Der Laut sa wird Khecarī genannt und ist – so steht fest – das Wort „Du“ (tvam).

Wort für Wort
jāgrat
im Wachen
netra-dvayoḥ madhye
zwischen den beiden Augen (Gen.Du./Lok.)
haṃsaḥ eva prakāśate
der Haṃsa leuchtet auf (3.Sg.Präs.)
sa-kāraḥ
der Laut sa (Nom.Sg.)
khecarī proktaḥ
wird Khecarī genannt
tvam-padam ca iti niścitam
und ist das Wort „du“ – so feststehend

Anspielung auf den Großen Spruch tat tvam asi („Das bist du“): sa = tvam (die Seele), ha = tat (der Herr, Vers 83).

ha-kāraḥ parameśaḥ syāt tat-padaṃ ceti niścitam | sa-kāro dhyāyate jantur ha-kāro hi bhaved dhruvam ||83||

Der Laut ha ist der höchste Herr und – so steht fest – das Wort „Das“ (tat). Meditiert das Lebewesen (jantu) auf den Laut sa, so wird es gewiss zum Laut ha.

Wort für Wort
ha-kāraḥ parama-īśaḥ syāt
der Laut ha ist der höchste Herr
tat-padam ca iti niścitam
und ist das Wort „das“ – so feststehend
sa-kāraḥ dhyāyate
der Laut sa wird meditiert (3.Sg.Pass./Med.)
jantuḥ
das Lebewesen (Nom.Sg.)
ha-kāraḥ hi bhavet dhruvam
wird gewiss der Laut ha (3.Sg.Opt.)

Vorlage: bhaveddhṛvam; zu bhaved dhruvam berichtigt.

indriyair badhyate jīva ātmā caiva na badhyate | mamatvena bhavej jīvo nirmamatvena kevalaḥ ||84||

Durch die Sinne wird die Seele (jīva) gebunden, das Selbst (ātman) aber wird nicht gebunden. Durch das „Mein“-Denken wird [das Selbst] zum Jīva, durch Freiheit vom „Mein“ ist es das Alleine (kevala).

Wort für Wort
indriyaiḥ badhyate jīvaḥ
durch die Sinne wird die Seele gebunden (3.Sg.Pass.)
ātmā ca eva na badhyate
das Selbst aber wird nicht gebunden
mamatvena
durch das „Mein“-Sein (Instr.Sg.)
bhavet jīvaḥ
wird zur Seele/zum Jīva
nirmamatvena
durch Freiheit vom „Mein“ (Instr.Sg.)
kevalaḥ
allein, absolut (Nom.Sg.)

bhūr bhuvaḥ svar ime lokāḥ soma-sūryāgni-devatāḥ | yasya mātrāsu tiṣṭhanti tat paraṃ jyotir om iti ||85||

Bhūr, Bhuvaḥ, Svar – diese Welten, [und] die Gottheiten Mond, Sonne und Feuer, weilen in den Moren (mātrā) dessen, was das höchste Licht ist: Oṃ.

Wort für Wort
bhūḥ bhuvaḥ svaḥ
Erde, Luftraum, Himmel
ime lokāḥ
diese Welten (Nom.Pl.)
soma-sūrya-agni-devatāḥ
die Gottheiten Mond, Sonne, Feuer (Nom.Pl.)
yasya mātrāsu tiṣṭhanti
in dessen Moren sie weilen (3.Pl.Präs.)
tat param jyotiḥ
das ist das höchste Licht
om iti
Oṃ

kriyā icchā tathā jñānaṃ brāhmī raudrī ca vaiṣṇavī | tridhā mātrā-sthitir yatra tat paraṃ jyotir om iti ||86||

Handlung, Wille und Erkenntnis – [die Kräfte] des Brahmā, des Rudra und des Viṣṇu: worin dieser dreifache Stand der Moren ruht, das ist das höchste Licht: Oṃ.

Wort für Wort
kriyā icchā tathā jñānam
Handlung, Wille und Erkenntnis (Nom.)
brāhmī raudrī ca vaiṣṇavī
die [Śakti] des Brahmā, des Rudra und des Viṣṇu (Nom.Sg.f.)
tridhā mātrā-sthitiḥ
der dreifache Stand der Moren (Nom.Sg.)
yatra
worin
tat param jyotiḥ om iti
das ist das höchste Licht: Oṃ

vacasā taj japen nityaṃ vapuṣā tat samabhyaset | manasā taj japen nityaṃ tat paraṃ jyotir om iti ||87||

Mit der Stimme murmle man es beständig, mit dem Leib übe man es, mit dem Geist murmle man es beständig – das höchste Licht: Oṃ.

Wort für Wort
vacasā
mit der Stimme (Instr.Sg.)
tat japet nityam
das murmle man beständig (3.Sg.Opt.)
vapuṣā
mit dem Leib (Instr.Sg.)
tat samabhyaset
das übe man (3.Sg.Opt.)
manasā
mit dem Geist (Instr.Sg.)
tat param jyotiḥ om iti
das ist das höchste Licht: Oṃ

śucir vāpy aśucir vāpi yo japet praṇavaṃ sadā | na sa lipyati pāpena padma-patram ivāmbhasā ||88||

Ob rein oder unrein – wer den Praṇava stets murmelt, den befleckt keine Sünde, wie das Lotosblatt nicht vom Wasser.

Wort für Wort
śuciḥ vā api aśuciḥ vā api
ob rein oder auch unrein
yaḥ japet praṇavam sadā
wer den Praṇava stets murmelt
na saḥ lipyati pāpena
der wird nicht von Sünde befleckt (3.Sg.Präs.)
padma-patram iva
wie ein Lotosblatt
ambhasā
vom Wasser (Instr.Sg.)

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