Quellen der Menschheit

Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad

Abschnitt 6: prāṇāyāmaḥ, pratyāhārādi Prāṇāyāma und die übrigen Glieder; Schluss (Verse 89–121)

Weil der Bindu dem Wind folgt und das Leben am Atem hängt, ist der Prāṇāyāma das Herzstück der Praxis: Reinigung der Kanäle durch Wechselatmung (Iḍā/Piṅgalā, zwei Monate), Meditation über Mond- und Sonnenscheibe, die Maße von Ein-, Anhalte- und Ausatmung (12–16–10 Moren), die drei Stufen (Schweiß, Zittern, Stillstand), Warnungen vor falscher Praxis (Schluckauf, Husten, Atemnot; „wie man Löwe, Elefant und Tiger nur allmählich zähmt“) und die Verheißung des inneren Klangs (nāda). Die Verse 109–113 ordnen die Glieder als Stufenfolge: zwölf Prāṇāyāmas ergeben einen Pratyāhāra, zwölf Pratyāhāras eine Dhāraṇā, zwölf Dhāraṇās ein Dhyāna, zwölf Dhyānas den Samādhi, in dem das höchste Licht geschaut wird. Der Text schließt mit der Definition des Pratyāhāra und der Friedensformel.

cale vāte calo bindur niścale niścalo bhavet | yogī sthāṇutvam āpnoti tato vāyuṃ nirundhayet ||89||

Bewegt sich der Wind, so bewegt sich der Bindu; steht er still, so steht auch er still. [So] erlangt der Yogin die Unbeweglichkeit eines Pfahls; darum halte man den Wind an.

Wort für Wort
cale vāte
wenn der Wind sich bewegt (Lok.abs.)
calaḥ binduḥ
bewegt der Bindu (Nom.Sg.)
niścale
wenn er stillsteht (Lok.abs.)
niścalaḥ bhavet
wird er still (3.Sg.Opt.)
yogī sthāṇutvam āpnoti
der Yogin erlangt Pfahl-Sein, Unbeweglichkeit (3.Sg.Präs.)
tataḥ vāyum nirundhayet
darum halte man den Wind an (3.Sg.Opt.)

yāvad vāyuḥ sthito dehe tāvaj jīvo na muñcati | maraṇaṃ tasya niṣkrāntis tato vāyuṃ nirundhayet ||90||

Solange der Wind im Körper weilt, geht das Leben (jīva) nicht fort; sein Entweichen ist der Tod. Darum halte man den Wind an.

Wort für Wort
yāvat vāyuḥ sthitaḥ dehe
solange der Wind im Körper weilt
tāvat jīvaḥ na muñcati
so lange geht die Seele nicht fort (3.Sg.Präs.)
maraṇam
der Tod (Nom.Sg.)
tasya niṣkrāntiḥ
dessen Entweichen (Nom.Sg.)
tataḥ vāyum nirundhayet
darum halte man den Wind an

yāvad vāyuḥ sthito dehe tāvaj jīvo na muñcati | yāvad dṛṣṭir bhruvor madhye tāvat kālaṃ bhayaṃ kutaḥ ||91||

Solange der Wind im Körper weilt, geht das Leben nicht fort; solange der Blick zwischen den Brauen ruht – woher sollte in dieser Zeit Furcht kommen?

Wort für Wort
yāvat vāyuḥ sthitaḥ dehe
solange der Wind im Körper weilt
tāvat jīvaḥ na muñcati
so lange geht die Seele nicht fort
yāvat dṛṣṭiḥ bhruvoḥ madhye
solange der Blick zwischen den Brauen [ist]
tāvat kālam
so lange (Akk. der Zeit)
bhayam kutaḥ
woher Furcht?

alpa-kāla-bhayād brahman prāṇāyāma-paro bhavet | yogino munayaś caiva tataḥ prāṇān nirodhayet ||92||

Aus Furcht vor der Kürze der Zeit, o Brahmane, sei man dem Prāṇāyāma hingegeben; [so tun] Yogins und Weise (muni); darum halte man die Lebenswinde an.

Wort für Wort
alpa-kāla-bhayāt
aus Furcht vor der kurzen Zeit (Abl.Sg.)
brahman
o Brahmane (Vok.Sg.)
prāṇāyāma-paraḥ bhavet
sei dem Prāṇāyāma hingegeben (3.Sg.Opt.)
yoginaḥ munayaḥ ca eva
Yogins und Weise (Nom.Pl.)
tataḥ prāṇān nirodhayet
darum halte man die Lebenswinde an (3.Sg.Opt.Kaus.)

Vorlage: munaścaiva; zu munayaś caiva berichtigt.

ṣaḍ-viṃśad-aṅgulir haṃsaḥ prayāṇaṃ kurute bahiḥ | vāma-dakṣiṇa-mārgeṇa prāṇāyāmo vidhīyate ||93||

Sechsundzwanzig Fingerbreit weit geht der Haṃsa (der Atem) nach außen. Durch den linken und den rechten Weg wird der Prāṇāyāma ausgeführt.

Wort für Wort
ṣaḍ-viṃśat-aṅguliḥ
sechsundzwanzig Fingerbreit (Nom.Sg.)
haṃsaḥ
der Haṃsa, Atem (Nom.Sg.)
prayāṇam kurute bahiḥ
macht seinen Ausgang nach außen (3.Sg.Präs.Med.)
vāma-dakṣiṇa-mārgeṇa
durch den linken und rechten Weg (Instr.Sg.)
prāṇāyāmaḥ vidhīyate
der Prāṇāyāma wird ausgeführt (3.Sg.Pass.)

Die Parallelen (Gorakṣaśataka, Haṭhapradīpikā) geben meist zwölf bzw. sechsunddreißig Fingerbreit an.

śuddhim eti yadā sarvaṃ nāḍī-cakraṃ malākulam | tadaiva jāyate yogī prāṇa-saṃgrahaṇa-kṣamaḥ ||94||

Wenn das ganze von Unreinheiten erfüllte Rad der Kanäle zur Reinheit gelangt, dann erst wird der Yogin fähig, den Lebensatem zu halten.

Wort für Wort
śuddhim eti
gelangt zur Reinheit (3.Sg.Präs.)
yadā
wenn
sarvam nāḍī-cakram
das ganze Kanal-Rad (Nom.Sg.)
mala-ākulam
von Unreinheit erfüllt (Nom.Sg.)
tadā eva
dann erst
jāyate yogī
wird der Yogin (3.Sg.Präs.Med.)
prāṇa-saṃgrahaṇa-kṣamaḥ
fähig, den Atem zu halten (Nom.Sg.)

baddha-padmāsano yogī prāṇaṃ candreṇa pūrayet | dhārayed vā yathā-śaktyā bhūyaḥ sūryeṇa recayet ||95||

Im Lotossitz fülle der Yogin den Atem durch den Mond (das linke Nasenloch) ein, halte ihn nach Vermögen an und lasse ihn dann durch die Sonne (das rechte Nasenloch) ausströmen.

Wort für Wort
baddha-padmāsanaḥ yogī
der Yogin im gebundenen Lotossitz (Nom.Sg.)
prāṇam candreṇa pūrayet
fülle den Atem durch den Mond ein (3.Sg.Opt.Kaus.)
dhārayet vā
und halte (3.Sg.Opt.Kaus.)
yathā-śaktyā
nach Vermögen (Instr.Sg.)
bhūyaḥ sūryeṇa recayet
dann lasse er durch die Sonne ausströmen

amṛtodadhi-saṃkāśaṃ go-kṣīra-dhavalopamam | dhyātvā candramasaṃ bimbaṃ prāṇāyāme sukhī bhavet ||96||

Meditiert man beim Prāṇāyāma über die Mondscheibe, die dem Nektarozean gleicht und weiß ist wie Kuhmilch, so wird man glücklich.

Wort für Wort
amṛta-udadhi-saṃkāśam
dem Nektarozean gleichend (Akk.Sg.)
go-kṣīra-dhavala-upamam
weiß wie Kuhmilch (Akk.Sg.)
dhyātvā
meditiert habend (Absol.)
candramasam bimbam
die Mondscheibe (Akk.Sg.)
prāṇāyāme
beim Prāṇāyāma (Lok.Sg.)
sukhī bhavet
wird glücklich (3.Sg.Opt.)

sphurat-prajvala-saṃjvālā-pūjyam āditya-maṇḍalam | dhyātvā hṛdi sthitaṃ yogī prāṇāyāme sukhī bhavet ||97||

Meditiert der Yogin beim Prāṇāyāma über die im Herzen weilende Sonnenscheibe, ehrwürdig durch ihre zuckenden, lodernden Flammen, so wird er glücklich.

Wort für Wort
sphurat-prajvala-saṃjvālā-pūjyam
verehrungswürdig durch zuckende, lodernde Flammen (Akk.Sg.)
āditya-maṇḍalam
die Sonnenscheibe (Akk.Sg.)
dhyātvā
meditiert habend (Absol.)
hṛdi sthitam
im Herzen befindlich (Akk.Sg.)
yogī prāṇāyāme sukhī bhavet
der Yogin wird beim Prāṇāyāma glücklich

prāṇaṃ ced iḍayā pibet niyamitaṃ bhūyo 'nyathā recayet pītvā piṅgalayā samīraṇam atho baddhvā tyajed vāmayā | sūryā-candramasor anena vidhinā bindu-dvayaṃ dhyāyataḥ śuddhā nāḍi-gaṇā bhavanti yamino māsa-dvayād ūrdhvataḥ ||98||

Trinkt man den Atem durch die Iḍā, so halte man ihn an und lasse ihn dann durch die andere [Nāḍī] ausströmen; hat man den Wind durch die Piṅgalā getrunken, halte man ihn an und entlasse ihn durch die linke. Wer nach dieser Vorschrift über die beiden Bindus von Sonne und Mond meditiert – dem Gezügelten (yamin) werden nach zwei Monaten die Scharen der Kanäle rein.

Wort für Wort
prāṇam cet iḍayā pibet
wenn man den Atem durch die Iḍā trinkt (3.Sg.Opt.)
niyamitam
angehalten (Akk.Sg.)
bhūyaḥ anyathā recayet
dann durch die andere lasse man aus
pītvā piṅgalayā samīraṇam
den Wind durch die Piṅgalā getrunken habend (Absol.)
atho baddhvā
dann angehalten habend (Absol.)
tyajet vāmayā
entlasse durch die linke (3.Sg.Opt.)
sūryā-candramasoḥ
von Sonne und Mond (Gen.Du.)
anena vidhinā
nach dieser Vorschrift (Instr.Sg.)
bindu-dvayam dhyāyataḥ
des über die beiden Bindus Meditierenden (Gen.Sg.)
śuddhāḥ nāḍi-gaṇāḥ bhavanti
die Kanal-Scharen werden rein (3.Pl.Präs.)
yaminaḥ
des Gezügelten (Gen.Sg.)
māsa-dvayāt ūrdhvataḥ
nach zwei Monaten (Abl.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 2,7–10. Śārdūlavikrīḍita-Metrum.

yatheṣṭa-dhāraṇaṃ vāyor analasya pradīpanam | nādābhivyaktir ārogyaṃ jāyate nāḍi-śodhanāt ||99||

Das Anhalten des Windes nach Belieben, das Entfachen des [Verdauungs-]Feuers, das Hervortreten des inneren Klangs (nāda) und Gesundheit entstehen aus der Reinigung der Kanäle.

Wort für Wort
yathā-iṣṭa-dhāraṇam
Anhalten nach Belieben (Nom.Sg.)
vāyoḥ
des Windes (Gen.Sg.)
analasya pradīpanam
Entfachen des Feuers (Nom.Sg.)
nāda-abhivyaktiḥ
Offenbarwerden des Klangs (Nom.Sg.)
ārogyam
Gesundheit (Nom.Sg.)
jāyate
entsteht (3.Sg.Präs.)
nāḍi-śodhanāt
aus der Kanalreinigung (Abl.Sg.)

prāṇo deha-sthito yāvad apānaṃ tu nirundhayet | eka-śvāsa-mayī mātrā ūrdhvādho gagane gatiḥ ||100||

Solange der Prāṇa im Körper weilt, halte man den Apāna zurück. Eine More (mātrā) besteht aus einem Atemzug; [seine] Bewegung im Raum [geht] aufwärts und abwärts.

Wort für Wort
prāṇaḥ deha-sthitaḥ yāvat
solange der Prāṇa im Körper ist
apānam tu nirundhayet
den Apāna aber halte man an (3.Sg.Opt.)
eka-śvāsa-mayī mātrā
eine More, aus einem Atemzug bestehend (Nom.Sg.f.)
ūrdhva-adhaḥ
aufwärts und abwärts
gagane gatiḥ
die Bewegung im Raum (Nom.Sg.)

recakaḥ pūrakaś caiva kumbhakaḥ praṇavātmakaḥ | prāṇāyāmo bhaved evaṃ mātrā-dvādaśa-saṃyutaḥ ||101||

Ausatmung (recaka), Einatmung (pūraka) und Anhalten (kumbhaka), dem Praṇava entsprechend (a, u, m) – so ist der Prāṇāyāma, verbunden mit zwölf Moren.

Wort für Wort
recakaḥ
Ausatmung (Nom.Sg.)
pūrakaḥ ca eva
und Einatmung (Nom.Sg.)
kumbhakaḥ
Anhalten, „Topf“ (Nom.Sg.)
praṇava-ātmakaḥ
vom Wesen des Praṇava (Nom.Sg.)
prāṇāyāmaḥ bhavet evam
so ist der Prāṇāyāma
mātrā-dvādaśa-saṃyutaḥ
mit zwölf Moren verbunden (Nom.Sg.)

mātrā-dvādaśa-saṃyuktau divākara-niśākarau | doṣa-jālam abadhnantau jñātavyau yogibhiḥ sadā ||102||

Sonne und Mond, mit zwölf Moren verbunden, die kein Netz von Fehlern (doṣa) knüpfen, müssen die Yogins stets kennen.

Wort für Wort
mātrā-dvādaśa-saṃyuktau
mit zwölf Moren verbunden (Nom.Du.)
divākara-niśākarau
Tagmacher und Nachtmacher, Sonne und Mond (Nom.Du.)
doṣa-jālam abadhnantau
kein Fehlernetz knüpfend (Nom.Du.)
jñātavyau
müssen gekannt werden (Gerundiv Du.)
yogibhiḥ sadā
von den Yogins stets

pūrakaṃ dvādaśaṃ kuryāt kumbhakaṃ ṣoḍaśaṃ bhavet | recakaṃ daśa coṅkāraḥ prāṇāyāmaḥ sa ucyate ||103||

Die Einatmung führe man in zwölf [Moren] aus, das Anhalten in sechzehn, die Ausatmung in zehn – das ist der Prāṇāyāma, der Oṃkāra genannt wird.

Wort für Wort
pūrakam dvādaśam kuryāt
die Einatmung mache man zu zwölf (3.Sg.Opt.)
kumbhakam ṣoḍaśam bhavet
das Anhalten sei sechzehn
recakam daśa ca
und die Ausatmung zehn
oṅkāraḥ prāṇāyāmaḥ
der Oṃkāra-Prāṇāyāma (Nom.Sg.)
saḥ ucyate
der wird genannt (3.Sg.Pass.)

adhame dvādaśa-mātrā madhyame dvi-guṇā matā | uttame tri-guṇā proktā prāṇāyāmasya nirṇayaḥ ||104||

Beim niedrigsten [Prāṇāyāma] gelten zwölf Moren, beim mittleren das Doppelte, beim höchsten das Dreifache – so lautet die Bestimmung des Prāṇāyāma.

Wort für Wort
adhame
beim niedrigsten (Lok.Sg.)
dvādaśa-mātrā
zwölf Moren (Nom.Sg.f.)
madhyame dvi-guṇā matā
beim mittleren das Doppelte gilt (Nom.Sg.f.)
uttame tri-guṇā proktā
beim höchsten das Dreifache genannt
prāṇāyāmasya nirṇayaḥ
die Bestimmung des Prāṇāyāma (Nom.Sg.)

adhame sveda-jananaṃ kampo bhavati madhyame | uttame sthānam āpnoti tato vāyuṃ nirundhayet ||105||

Beim niedrigsten entsteht Schweiß, beim mittleren Zittern, beim höchsten erreicht [der Wind seinen] Ort (Stillstand). Darum halte man den Wind an.

Wort für Wort
adhame sveda-jananam
beim niedrigsten Schweißbildung (Nom.Sg.)
kampaḥ bhavati madhyame
Zittern entsteht beim mittleren (3.Sg.Präs.)
uttame sthānam āpnoti
beim höchsten erlangt er den Ort/Stand (3.Sg.Präs.)
tataḥ vāyum nirundhayet
darum halte man den Wind an

baddha-padmāsano yogī namaskṛtya guruṃ śivam | nāsāgra-dṛṣṭir ekākī prāṇāyāmaṃ samabhyaset ||106||

Im Lotossitz, nachdem er den Guru und Śiva verehrt hat, übe der Yogin allein, den Blick auf die Nasenspitze gerichtet, den Prāṇāyāma.

Wort für Wort
baddha-padmāsanaḥ yogī
der Yogin im Lotossitz (Nom.Sg.)
namaskṛtya
verehrt habend (Absol.)
gurum śivam
den Guru [und] Śiva (Akk.Sg.)
nāsā-agra-dṛṣṭiḥ
mit dem Blick auf die Nasenspitze (Nom.Sg.)
ekākī
allein (Nom.Sg.)
prāṇāyāmam samabhyaset
übe den Prāṇāyāma (3.Sg.Opt.)

dvārāṇāṃ nava saṃnirudhya marutaṃ baddhvā dṛḍhāṃ dhāraṇāṃ nītvā kālam apāna-vahni-sahitaṃ śaktyā samaṃ cālitam | ātma-dhyāna-yutas tv anena vidhinā ghrinyasya [?] mūrdhni sthiraṃ yāvat tiṣṭhati tāvad eva mahatāṃ saṅgo na saṃstūyate ||107||

Die neun Tore verschließend, den Wind anhaltend, eine feste Sammlung (dhāraṇā) herbeiführend, den [Wind] mitsamt Apāna und Feuer kraft der Śakti gleichmäßig in Bewegung gesetzt – wer, der Meditation über das Selbst hingegeben, nach dieser Vorschrift [ihn] fest im Scheitel festsetzt [Anm.: ghrinyasya der Vorlage ist verderbt; wohl vinyasya „festsetzend“ zu lesen]: solange er [so] verharrt, so lange wird [selbst] die Gemeinschaft der Großen nicht [höher] gepriesen.

Wort für Wort
dvārāṇām nava saṃnirudhya
die neun der Tore verschließend (Absol.)
marutam baddhvā
den Wind anhaltend (Absol.)
dṛḍhām dhāraṇām nītvā
eine feste Sammlung herbeiführend (Absol.)
kālam
die Zeit [hindurch] (Akk.Sg.)
apāna-vahni-sahitam
mitsamt Apāna und Feuer (Akk.Sg.)
śaktyā samam cālitam
kraft der Śakti gleichmäßig bewegt (Akk.Sg.)
ātma-dhyāna-yutaḥ tu
der Meditation über das Selbst hingegeben (Nom.Sg.)
anena vidhinā
nach dieser Vorschrift (Instr.Sg.)
ghrinyasya [?]
verderbt; wohl vinyasya „festsetzend“
mūrdhni sthiram
fest im Scheitel (Lok.Sg.)
yāvat tiṣṭhati
solange er verharrt (3.Sg.Präs.)
tāvat eva
so lange eben
mahatām saṅgaḥ
die Gemeinschaft der Großen (Nom.Sg.)
na saṃstūyate
wird nicht gepriesen (3.Sg.Pass.)

Śārdūlavikrīḍita-Metrum; vgl. Haṭhapradīpikā 3,25–26. Die letzte Zeile ist so zu verstehen, dass in diesem Zustand nichts – auch nicht der Umgang mit den Großen – mehr als erstrebenswert gilt.

prāṇāyāmo bhaved evaṃ pātakendhana-pāvakaḥ | bhavodadhi-mahā-setuḥ procyate yogibhiḥ sadā ||108||

So ist der Prāṇāyāma ein Feuer für das Brennholz der Sünden; er wird von den Yogins stets die große Brücke über den Ozean des Daseins genannt.

Wort für Wort
prāṇāyāmaḥ bhavet evam
so ist der Prāṇāyāma
pātaka-indhana-pāvakaḥ
Feuer für das Brennholz der Sünden (Nom.Sg.)
bhava-udadhi-mahā-setuḥ
große Brücke über den Daseinsozean (Nom.Sg.)
procyate yogibhiḥ sadā
wird von den Yogins stets genannt (3.Sg.Pass.)

āsanena rujaṃ hanti prāṇāyāmena pātakam | vikāraṃ mānasaṃ yogī pratyāhāreṇa muñcati ||109||

Durch Āsana vertreibt der Yogin die Krankheit, durch Prāṇāyāma die Sünde; die Unruhe des Geistes lässt er durch Pratyāhāra los.

Wort für Wort
āsanena rujam hanti
durch Āsana schlägt er die Krankheit (3.Sg.Präs.)
prāṇāyāmena pātakam
durch Prāṇāyāma die Sünde (Akk.Sg.)
vikāram mānasam
die Veränderung/Unruhe des Geistes (Akk.Sg.)
yogī pratyāhāreṇa muñcati
der Yogin lässt durch Pratyāhāra los (3.Sg.Präs.)

dhāraṇābhir mano-dhairyaṃ yāti caitanyam adbhutam | samādhau mokṣam āpnoti tyaktvā karma śubhāśubham ||110||

Durch die Sammlungen (dhāraṇā) gelangt er zu Festigkeit des Geistes [und] zu wunderbarem Bewusstsein; im Samādhi erlangt er die Erlösung, nachdem er gute und schlechte Taten abgelegt hat.

Wort für Wort
dhāraṇābhiḥ
durch die Dhāraṇās (Instr.Pl.)
manaḥ-dhairyam yāti
gelangt zu Geistesfestigkeit (3.Sg.Präs.)
caitanyam adbhutam
wunderbares Bewusstsein (Akk.Sg.)
samādhau mokṣam āpnoti
im Samādhi erlangt er Erlösung
tyaktvā karma śubha-aśubham
gute und schlechte Tat abgelegt habend (Absol.)

prāṇāyāma-dvi-ṣaṭkena pratyāhāraḥ prakīrtitaḥ | pratyāhāra-dvi-ṣaṭkena jāyate dhāraṇā śubhā ||111||

Durch zweimal sechs (zwölf) Prāṇāyāmas entsteht, so heißt es, der Pratyāhāra; durch zwölf Pratyāhāras entsteht die heilsame Dhāraṇā.

Wort für Wort
prāṇāyāma-dvi-ṣaṭkena
durch zweimal sechs Prāṇāyāmas (Instr.Sg.)
pratyāhāraḥ prakīrtitaḥ
wird der Pratyāhāra verkündet (Nom.Sg.)
pratyāhāra-dvi-ṣaṭkena
durch zwölf Pratyāhāras (Instr.Sg.)
jāyate dhāraṇā śubhā
entsteht die heilsame Dhāraṇā (3.Sg.Präs.)

dhāraṇā-dvādaśa proktaṃ dhyānaṃ yoga-viśāradaiḥ | dhyāna-dvādaśakenaiva samādhir abhidhīyate ||112||

Zwölf Dhāraṇās nennen die Yoga-Kundigen Dhyāna; und eben durch zwölf Dhyānas wird der Samādhi bezeichnet.

Wort für Wort
dhāraṇā-dvādaśa
zwölf Dhāraṇās (Nom.Sg.)
proktam dhyānam
wird Dhyāna genannt (Nom.Sg.)
yoga-viśāradaiḥ
von den Yoga-Kundigen (Instr.Pl.)
dhyāna-dvādaśakena eva
eben durch ein Zwölferset an Dhyānas (Instr.Sg.)
samādhiḥ abhidhīyate
wird Samādhi bezeichnet (3.Sg.Pass.)

yat samādhau paraṃ jyotir anantaṃ viśvato-mukham | tasmin dṛṣṭe kriyā-karma yātāyāto na vidyate ||113||

Das höchste Licht im Samādhi, unendlich, nach allen Seiten gewandt – ist es geschaut, so gibt es kein Ritual- und Tatwerk (kriyā-karman) und kein Kommen und Gehen mehr.

Wort für Wort
yat samādhau param jyotiḥ
das höchste Licht, das im Samādhi [ist]
anantam viśvataḥ-mukham
unendlich, nach allen Seiten gewandt
tasmin dṛṣṭe
wenn es geschaut ist (Lok.abs.)
kriyā-karma
Ritual- und Tatwerk (Nom.Sg.)
yāta-āyātaḥ na vidyate
Gehen und Kommen gibt es nicht

saṃbaddhāsana-meḍhram aṅghri-yugalaṃ karṇākṣi-nāsā-puṭa-dvārādy-aṅgulibhir niyamya pavanaṃ vaktreṇa vā pūritam | baddhvā vakṣasi bahvayāna-sahitaṃ [?] mūrdhni sthiraṃ dhārayed evaṃ yānti viśeṣa-tattva-samatāṃ yogīśvarās tan-manaḥ ||114||

Beide Füße im Sitz fest gegen das Glied gedrückt, die Tore – Ohren, Augen, Nasenlöcher und die übrigen – mit den Fingern verschließend, den durch den Mund eingefüllten Wind in der Brust bindend [Anm.: bahvayāna-sahitaṃ der Vorlage ist verderbt, vielleicht bahv-āyāsa-sahitaṃ „mit großer Anstrengung“] und [ihn] fest im Scheitel haltend: so gelangen die Herren der Yogins, den Geist [darauf gerichtet], zur Gleichheit mit der besonderen Wirklichkeit (tattva).

Wort für Wort
saṃbaddha-āsana-meḍhram
mit im Sitz gegen das Glied gebundenem (Akk.Sg.)
aṅghri-yugalam
Fußpaar (Akk.Sg.)
karṇa-akṣi-nāsā-puṭa-dvāra-ādi
Ohren, Augen, Nasenlöcher und andere Tore
aṅgulibhiḥ niyamya
mit den Fingern verschließend (Absol.)
pavanam vaktreṇa vā pūritam
den durch den Mund eingefüllten Wind (Akk.Sg.)
baddhvā vakṣasi
in der Brust bindend (Absol.)
bahvayāna-sahitam [?]
verderbt (etwa: mit großer Anstrengung)
mūrdhni sthiram dhārayet
halte fest im Scheitel (3.Sg.Opt.Kaus.)
evam yānti
so gelangen (3.Pl.Präs.)
viśeṣa-tattva-samatām
zur Gleichheit mit der besonderen Wirklichkeit (Akk.Sg.)
yogi-īśvarāḥ
die Herren der Yogins (Nom.Pl.)
tat-manaḥ
der Geist darauf [gerichtet] (Nom.Sg.)

Śārdūlavikrīḍita-Metrum; die Übung entspricht der Ṣaṇmukhī-Mudrā (Verschließen der Sinnesöffnungen) der Haṭhapradīpikā 4,68.

gaganaṃ pavane prāpte dhvanir utpadyate mahān | ghaṇṭādīnāṃ pravādyānāṃ nāda-siddhir udīritā ||115||

Hat der Wind den Raum [des Scheitels] erreicht, entsteht ein großer Klang wie von Glocken und anderen Instrumenten – das wird die Vollendung im Klang (nāda-siddhi) genannt.

Wort für Wort
gaganam pavane prāpte
wenn der Wind den Raum erreicht hat (Lok.abs.)
dhvaniḥ utpadyate mahān
ein großer Klang entsteht (3.Sg.Präs.)
ghaṇṭā-ādīnām pravādyānām
von Glocken und anderen Instrumenten (Gen.Pl.)
nāda-siddhiḥ udīritā
Klang-Vollendung wird genannt (Nom.Sg.f.)

prāṇāyāmena yuktena sarva-roga-kṣayo bhavet | prāṇāyāma-viyuktebhyaḥ sarva-roga-samudbhavaḥ ||116||

Durch richtig ausgeführten Prāṇāyāma schwinden alle Krankheiten; aus falsch ausgeführten Prāṇāyāmas entstehen alle Krankheiten.

Wort für Wort
prāṇāyāmena yuktena
durch rechten Prāṇāyāma (Instr.Sg.)
sarva-roga-kṣayaḥ bhavet
Schwund aller Krankheiten tritt ein
prāṇāyāma-viyuktebhyaḥ
aus unrechten Prāṇāyāmas (Abl.Pl.)
sarva-roga-samudbhavaḥ
Entstehung aller Krankheiten (Nom.Sg.)

hikkā kāsas tathā śvāsaḥ śiraḥ-karṇākṣi-vedanāḥ | bhavanti vividhā rogāḥ pavana-vyatyaya-kramāt ||117||

Schluckauf, Husten, Atemnot, Schmerzen in Kopf, Ohren und Augen – vielerlei Krankheiten entstehen durch fehlerhaften Umgang mit dem Wind.

Wort für Wort
hikkā
Schluckauf (Nom.Sg.)
kāsaḥ
Husten (Nom.Sg.)
tathā śvāsaḥ
und Atemnot (Nom.Sg.)
śiraḥ-karṇa-akṣi-vedanāḥ
Schmerzen in Kopf, Ohren, Augen (Nom.Pl.)
bhavanti vividhāḥ rogāḥ
vielerlei Krankheiten entstehen (3.Pl.Präs.)
pavana-vyatyaya-kramāt
durch verkehrten Umgang mit dem Wind (Abl.Sg.)

yathā siṃho gajo vyāghro bhaved vaśyaḥ śanaiḥ śanaiḥ | tathaiva sevito vāyur anyathā hanti sādhakam ||118||

Wie Löwe, Elefant und Tiger nur ganz allmählich gezähmt werden, so muss auch der Wind gepflegt werden – sonst tötet er den Übenden.

Wort für Wort
yathā siṃhaḥ gajaḥ vyāghraḥ
wie Löwe, Elefant, Tiger (Nom.Sg.)
bhavet vaśyaḥ
wird gefügig (3.Sg.Opt.)
śanaiḥ śanaiḥ
ganz allmählich
tathā eva sevitaḥ vāyuḥ
ebenso der gepflegte Wind (Nom.Sg.)
anyathā hanti sādhakam
sonst tötet er den Übenden (3.Sg.Präs.)

yuktaṃ yuktaṃ tyajed vāyuṃ yuktaṃ yuktaṃ prapūrayet | yuktaṃ yuktaṃ prabadhnīyād evaṃ siddhim avāpnuyāt ||119||

Auf rechte Weise lasse man den Wind aus, auf rechte Weise fülle man ihn ein, auf rechte Weise halte man ihn an – so erlangt man die Vollendung.

Wort für Wort
yuktam yuktam
jeweils auf rechte Weise (Adv.)
tyajet vāyum
lasse man den Wind aus (3.Sg.Opt.)
prapūrayet
fülle man ein (3.Sg.Opt.Kaus.)
prabadhnīyāt
binde/halte man an (3.Sg.Opt.)
evam siddhim avāpnuyāt
so erlange man Vollendung (3.Sg.Opt.)

caratāṃ cakṣur-ādīnāṃ viṣayeṣu yathā-kramam | yat pratyāharaṇaṃ teṣāṃ pratyāhāraḥ sa ucyate ||120||

Das Zurückziehen der Sinne – des Auges und der übrigen –, die der Reihe nach unter ihren Objekten umherschweifen, wird Pratyāhāra genannt.

Wort für Wort
caratām
der umherschweifenden (Gen.Pl.)
cakṣuḥ-ādīnām
des Auges und der übrigen [Sinne] (Gen.Pl.)
viṣayeṣu
unter den Objekten (Lok.Pl.)
yathā-kramam
der Reihe nach
yat pratyāharaṇam teṣām
welches Zurückziehen derselben (Nom.Sg.)
pratyāhāraḥ saḥ ucyate
das wird Pratyāhāra genannt

yathā tṛtīya-kāle tu raviḥ pratyāharet prabhām | tṛtīyāṅga-sthito yogī vikāraṃ mānasaṃ haret | ity upaniṣat ||121||

Wie die Sonne zur dritten Tageszeit (am Abend) ihr Licht zurückzieht, so soll der Yogin, der im dritten Glied [Pratyāhāra] steht, die Unruhe des Geistes beseitigen. – So [lautet] die Upaniṣad.

Wort für Wort
yathā tṛtīya-kāle tu
wie zur dritten Tageszeit (Lok.Sg.)
raviḥ pratyāharet prabhām
die Sonne ihr Licht zurückzieht (3.Sg.Opt.)
tṛtīya-aṅga-sthitaḥ yogī
der im dritten Glied stehende Yogin (Nom.Sg.)
vikāram mānasam haret
beseitige die geistige Unruhe (3.Sg.Opt.)
iti upaniṣat
so die Upaniṣad

In der Vorlage ohne Versnummer; als Vers 121 gezählt. Vorlage: tṛtīyaṅgasthito, manasaṃ; zu tṛtīyāṅga-sthito, mānasaṃ berichtigt.

Vers Śānti Schluss-Friedensformel und Kolophon

oṃ āpyāyantu mamāṅgāni vāk prāṇaś cakṣuḥ śrotram atho balam indriyāṇi ca sarvāṇi | sarvaṃ brahmaupaniṣadam | māhaṃ brahma nirākuryāṃ mā mā brahma nirākarod anirākaraṇam astv anirākaraṇaṃ me 'stu | tad ātmani nirate ya upaniṣatsu dharmās te mayi santu te mayi santu || oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ || iti yogacūḍāmaṇy-upaniṣat samāptā ||

Oṃ. Mögen meine Glieder gedeihen – Rede, Atem, Auge, Ohr, und auch die Kraft und alle Sinne. Alles ist das Brahman der Upaniṣaden. Möge ich das Brahman nicht verleugnen, möge das Brahman mich nicht verleugnen; Nicht-Verleugnung sei, Nicht-Verleugnung sei mir zuteil. Die Tugenden, die in den Upaniṣaden [gelehrt werden], mögen in mir sein, der ich dem Selbst hingegeben bin – mögen sie in mir sein. Oṃ, Friede, Friede, Friede. – So ist die Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad vollendet.

Wort für Wort
iti
so
yogacūḍāmaṇi-upaniṣat
die Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad (Nom.Sg.)
samāptā
vollendet, beendet (Nom.Sg.f.)

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