Abschnitt 6: prāṇāyāmaḥ, pratyāhārādi
Prāṇāyāma und die übrigen Glieder; Schluss (Verse 89–121)
Weil der Bindu dem Wind folgt und das Leben am Atem hängt, ist der Prāṇāyāma das Herzstück der Praxis: Reinigung der Kanäle durch Wechselatmung (Iḍā/Piṅgalā, zwei Monate), Meditation über Mond- und Sonnenscheibe, die Maße von Ein-, Anhalte- und Ausatmung (12–16–10 Moren), die drei Stufen (Schweiß, Zittern, Stillstand), Warnungen vor falscher Praxis (Schluckauf, Husten, Atemnot; „wie man Löwe, Elefant und Tiger nur allmählich zähmt“) und die Verheißung des inneren Klangs (nāda). Die Verse 109–113 ordnen die Glieder als Stufenfolge: zwölf Prāṇāyāmas ergeben einen Pratyāhāra, zwölf Pratyāhāras eine Dhāraṇā, zwölf Dhāraṇās ein Dhyāna, zwölf Dhyānas den Samādhi, in dem das höchste Licht geschaut wird. Der Text schließt mit der Definition des Pratyāhāra und der Friedensformel.
cale vāte calo bindur niścale niścalo bhavet | yogī sthāṇutvam āpnoti tato vāyuṃ nirundhayet ||89||
Bewegt sich der Wind, so bewegt sich der Bindu; steht er still, so steht auch er still. [So] erlangt der Yogin die Unbeweglichkeit eines Pfahls; darum halte man den Wind an.
Wort für Wort
cale vāte
wenn der Wind sich bewegt (Lok.abs.)
calaḥ binduḥ
bewegt der Bindu (Nom.Sg.)
niścale
wenn er stillsteht (Lok.abs.)
niścalaḥ bhavet
wird er still (3.Sg.Opt.)
yogī sthāṇutvam āpnoti
der Yogin erlangt Pfahl-Sein, Unbeweglichkeit (3.Sg.Präs.)
Im Lotossitz fülle der Yogin den Atem durch den Mond (das linke Nasenloch) ein, halte ihn nach Vermögen an und lasse ihn dann durch die Sonne (das rechte Nasenloch) ausströmen.
Wort für Wort
baddha-padmāsanaḥ yogī
der Yogin im gebundenen Lotossitz (Nom.Sg.)
prāṇam candreṇa pūrayet
fülle den Atem durch den Mond ein (3.Sg.Opt.Kaus.)
Trinkt man den Atem durch die Iḍā, so halte man ihn an und lasse ihn dann durch die andere [Nāḍī] ausströmen; hat man den Wind durch die Piṅgalā getrunken, halte man ihn an und entlasse ihn durch die linke. Wer nach dieser Vorschrift über die beiden Bindus von Sonne und Mond meditiert – dem Gezügelten (yamin) werden nach zwei Monaten die Scharen der Kanäle rein.
Wort für Wort
prāṇam cet iḍayā pibet
wenn man den Atem durch die Iḍā trinkt (3.Sg.Opt.)
niyamitam
angehalten (Akk.Sg.)
bhūyaḥ anyathā recayet
dann durch die andere lasse man aus
pītvā piṅgalayā samīraṇam
den Wind durch die Piṅgalā getrunken habend (Absol.)
atho baddhvā
dann angehalten habend (Absol.)
tyajet vāmayā
entlasse durch die linke (3.Sg.Opt.)
sūryā-candramasoḥ
von Sonne und Mond (Gen.Du.)
anena vidhinā
nach dieser Vorschrift (Instr.Sg.)
bindu-dvayam dhyāyataḥ
des über die beiden Bindus Meditierenden (Gen.Sg.)
Das Anhalten des Windes nach Belieben, das Entfachen des [Verdauungs-]Feuers, das Hervortreten des inneren Klangs (nāda) und Gesundheit entstehen aus der Reinigung der Kanäle.
Solange der Prāṇa im Körper weilt, halte man den Apāna zurück. Eine More (mātrā) besteht aus einem Atemzug; [seine] Bewegung im Raum [geht] aufwärts und abwärts.
Wort für Wort
prāṇaḥ deha-sthitaḥ yāvat
solange der Prāṇa im Körper ist
apānam tu nirundhayet
den Apāna aber halte man an (3.Sg.Opt.)
eka-śvāsa-mayī mātrā
eine More, aus einem Atemzug bestehend (Nom.Sg.f.)
dvārāṇāṃ nava saṃnirudhya marutaṃ baddhvā dṛḍhāṃ dhāraṇāṃ nītvā kālam apāna-vahni-sahitaṃ śaktyā samaṃ cālitam | ātma-dhyāna-yutas tv anena vidhinā ghrinyasya [?] mūrdhni sthiraṃ yāvat tiṣṭhati tāvad eva mahatāṃ saṅgo na saṃstūyate ||107||
Die neun Tore verschließend, den Wind anhaltend, eine feste Sammlung (dhāraṇā) herbeiführend, den [Wind] mitsamt Apāna und Feuer kraft der Śakti gleichmäßig in Bewegung gesetzt – wer, der Meditation über das Selbst hingegeben, nach dieser Vorschrift [ihn] fest im Scheitel festsetzt [Anm.: ghrinyasya der Vorlage ist verderbt; wohl vinyasya „festsetzend“ zu lesen]: solange er [so] verharrt, so lange wird [selbst] die Gemeinschaft der Großen nicht [höher] gepriesen.
Wort für Wort
dvārāṇām nava saṃnirudhya
die neun der Tore verschließend (Absol.)
marutam baddhvā
den Wind anhaltend (Absol.)
dṛḍhām dhāraṇām nītvā
eine feste Sammlung herbeiführend (Absol.)
kālam
die Zeit [hindurch] (Akk.Sg.)
apāna-vahni-sahitam
mitsamt Apāna und Feuer (Akk.Sg.)
śaktyā samam cālitam
kraft der Śakti gleichmäßig bewegt (Akk.Sg.)
ātma-dhyāna-yutaḥ tu
der Meditation über das Selbst hingegeben (Nom.Sg.)
anena vidhinā
nach dieser Vorschrift (Instr.Sg.)
ghrinyasya [?]
verderbt; wohl vinyasya „festsetzend“
mūrdhni sthiram
fest im Scheitel (Lok.Sg.)
yāvat tiṣṭhati
solange er verharrt (3.Sg.Präs.)
tāvat eva
so lange eben
mahatām saṅgaḥ
die Gemeinschaft der Großen (Nom.Sg.)
na saṃstūyate
wird nicht gepriesen (3.Sg.Pass.)
Śārdūlavikrīḍita-Metrum; vgl. Haṭhapradīpikā 3,25–26. Die letzte Zeile ist so zu verstehen, dass in diesem Zustand nichts – auch nicht der Umgang mit den Großen – mehr als erstrebenswert gilt.
Durch die Sammlungen (dhāraṇā) gelangt er zu Festigkeit des Geistes [und] zu wunderbarem Bewusstsein; im Samādhi erlangt er die Erlösung, nachdem er gute und schlechte Taten abgelegt hat.
Das höchste Licht im Samādhi, unendlich, nach allen Seiten gewandt – ist es geschaut, so gibt es kein Ritual- und Tatwerk (kriyā-karman) und kein Kommen und Gehen mehr.
Beide Füße im Sitz fest gegen das Glied gedrückt, die Tore – Ohren, Augen, Nasenlöcher und die übrigen – mit den Fingern verschließend, den durch den Mund eingefüllten Wind in der Brust bindend [Anm.: bahvayāna-sahitaṃ der Vorlage ist verderbt, vielleicht bahv-āyāsa-sahitaṃ „mit großer Anstrengung“] und [ihn] fest im Scheitel haltend: so gelangen die Herren der Yogins, den Geist [darauf gerichtet], zur Gleichheit mit der besonderen Wirklichkeit (tattva).
Wort für Wort
saṃbaddha-āsana-meḍhram
mit im Sitz gegen das Glied gebundenem (Akk.Sg.)
aṅghri-yugalam
Fußpaar (Akk.Sg.)
karṇa-akṣi-nāsā-puṭa-dvāra-ādi
Ohren, Augen, Nasenlöcher und andere Tore
aṅgulibhiḥ niyamya
mit den Fingern verschließend (Absol.)
pavanam vaktreṇa vā pūritam
den durch den Mund eingefüllten Wind (Akk.Sg.)
baddhvā vakṣasi
in der Brust bindend (Absol.)
bahvayāna-sahitam [?]
verderbt (etwa: mit großer Anstrengung)
mūrdhni sthiram dhārayet
halte fest im Scheitel (3.Sg.Opt.Kaus.)
evam yānti
so gelangen (3.Pl.Präs.)
viśeṣa-tattva-samatām
zur Gleichheit mit der besonderen Wirklichkeit (Akk.Sg.)
yogi-īśvarāḥ
die Herren der Yogins (Nom.Pl.)
tat-manaḥ
der Geist darauf [gerichtet] (Nom.Sg.)
Śārdūlavikrīḍita-Metrum; die Übung entspricht der Ṣaṇmukhī-Mudrā (Verschließen der Sinnesöffnungen) der Haṭhapradīpikā 4,68.
Hat der Wind den Raum [des Scheitels] erreicht, entsteht ein großer Klang wie von Glocken und anderen Instrumenten – das wird die Vollendung im Klang (nāda-siddhi) genannt.
Wie die Sonne zur dritten Tageszeit (am Abend) ihr Licht zurückzieht, so soll der Yogin, der im dritten Glied [Pratyāhāra] steht, die Unruhe des Geistes beseitigen. – So [lautet] die Upaniṣad.
Wort für Wort
yathā tṛtīya-kāle tu
wie zur dritten Tageszeit (Lok.Sg.)
raviḥ pratyāharet prabhām
die Sonne ihr Licht zurückzieht (3.Sg.Opt.)
tṛtīya-aṅga-sthitaḥ yogī
der im dritten Glied stehende Yogin (Nom.Sg.)
vikāram mānasam haret
beseitige die geistige Unruhe (3.Sg.Opt.)
iti upaniṣat
so die Upaniṣad
In der Vorlage ohne Versnummer; als Vers 121 gezählt. Vorlage: tṛtīyaṅgasthito, manasaṃ; zu tṛtīyāṅga-sthito, mānasaṃ berichtigt.
oṃ āpyāyantu mamāṅgāni vāk prāṇaś cakṣuḥ śrotram atho balam indriyāṇi ca sarvāṇi | sarvaṃ brahmaupaniṣadam | māhaṃ brahma nirākuryāṃ mā mā brahma nirākarod anirākaraṇam astv anirākaraṇaṃ me 'stu | tad ātmani nirate ya upaniṣatsu dharmās te mayi santu te mayi santu || oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ || iti yogacūḍāmaṇy-upaniṣat samāptā ||
Oṃ. Mögen meine Glieder gedeihen – Rede, Atem, Auge, Ohr, und auch die Kraft und alle Sinne. Alles ist das Brahman der Upaniṣaden. Möge ich das Brahman nicht verleugnen, möge das Brahman mich nicht verleugnen; Nicht-Verleugnung sei, Nicht-Verleugnung sei mir zuteil. Die Tugenden, die in den Upaniṣaden [gelehrt werden], mögen in mir sein, der ich dem Selbst hingegeben bin – mögen sie in mir sein. Oṃ, Friede, Friede, Friede. – So ist die Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad vollendet.