Abschnitt 4: pañca-mudrāḥ
Die fünf Mudrās: Mūla-Bandha, Uḍḍiyāna, Jālandhara, Khecarī, Mahāmudrā (Verse 45–70)
Fünf Techniken werden gelehrt: der Mūla-Bandha (Fersendruck auf den Damm, Hochziehen des Apāna), der Oḍyāṇa-/Uḍḍiyāna-Bandha (Zurückziehen des Bauches, „Löwe gegen den Elefanten Tod“), der Jālandhara-Bandha (Kehlverschluss, der den herabtropfenden Nektar vor dem Verdauungsfeuer bewahrt), die Khecarī-Mudrā (Zurückwenden der Zunge in die Schädelhöhle mit Blick zwischen die Brauen) und die Mahāmudrā (Fersendruck, gehaltener gestreckter Fuß, Atemanhalten). Verbunden damit ist die Bindu-Lehre: Der Bindu ist der Sitz des Lebens, weiß (śukla, Mond, Brahmā) und rot (rajas, Sonne, Śakti); die Vereinigung beider im samarasa gilt als das Ziel. Zahlreiche Verse dieses Abschnitts kehren in der Haṭhapradīpikā wörtlich wieder.
Das Zurückziehen (tāṇa) des Bauches nach hinten, unterhalb des Nabels, wird [Oḍyāṇa] genannt; der Oḍyāṇa ist der Verschluss im Bauch – dort wird der Bandha angelegt.
badhnāti hi śiro-jātam adho-gāmi nabho-jalam | tato jālandharo bandhaḥ kaṣṭa-duḥkhaugha-nāśanaḥ ||50||
Er bindet das im Kopf entstehende, nach unten fließende Wasser des Himmelsraums (den Nektar); daher [heißt er] Jālandhara-Bandha, der die Flut von Beschwerden und Leiden vernichtet.
Wort für Wort
badhnāti hi
bindet fürwahr (3.Sg.Präs.)
śiraḥ-jātam
im Kopf entstanden (Akk.Sg.)
adhaḥ-gāmi
nach unten gehend (Akk.Sg.)
nabhaḥ-jalam
das Wasser des Himmelsraums, den Nektar (Akk.Sg.)
tataḥ
daher
jālandharaḥ bandhaḥ
der Jālandhara-Bandha (Nom.Sg.)
kaṣṭa-duḥkha-ogha-nāśanaḥ
die Flut von Beschwerden und Leiden vernichtend (Nom.Sg.)
jālandhare kṛte bandhe kaṇṭha-saṅkoca-lakṣaṇe | na pīyūṣaṃ pataty agnau na ca vāyuḥ pradhāvati ||51||
Ist der Jālandhara-Bandha, dessen Kennzeichen das Zusammenziehen der Kehle ist, ausgeführt, so fällt der Nektar nicht ins Feuer, und der Wind schweift nicht umher.
Wort für Wort
jālandhare kṛte bandhe
wenn der Jālandhara-Bandha ausgeführt ist (Lok.abs.)
kaṇṭha-saṅkoca-lakṣaṇe
gekennzeichnet durch das Zusammenziehen der Kehle (Lok.Sg.)
Wenn die Zunge, nach hinten gewendet, in die Höhle des Schädels eingeführt ist und der Blick zwischen die Brauen gerichtet ist, so ist dies die Khecarī-Mudrā.
Wort für Wort
kapāla-kuhare
in der Schädelhöhle (Lok.Sg.)
jihvā praviṣṭā
die Zunge eingetreten (Nom.Sg.f.)
viparīta-gā
umgekehrt gehend, nach hinten gewendet (Nom.Sg.f.)
Weil der Geist (citta) im Raum (kha) wandert und weil die Zunge im Raum [der Schädelhöhle] wandert, darum heißt diese Mudrā Khecarī („die im Raum Wandelnde“), von allen Siddhas verehrt.
bindu-mūla-śarīrāṇi śirās tatra pratiṣṭhitāḥ | bhāvayantī śarīrāṇi ā-pāda-tala-mastakam ||56||
Die Körper haben den Bindu (Samen) als Wurzel; die Adern (śirā) sind darin gegründet und durchdringen die Körper von der Fußsohle bis zum Scheitel.
Wort für Wort
bindu-mūla-śarīrāṇi
die Körper, deren Wurzel der Bindu ist (Nom.Pl.)
śirāḥ
die Adern (Nom.Pl.)
tatra pratiṣṭhitāḥ
darin gegründet (Nom.Pl.)
bhāvayantī
hervorbringend, durchdringend (Nom.Sg.f.)
śarīrāṇi
die Körper (Akk.Pl.)
ā-pāda-tala-mastakam
von der Fußsohle bis zum Scheitel (Adv.)
Vorlage: bindumūlaśarīraṇi; zu -śarīrāṇi berichtigt. Der Halbvers ist grammatisch uneben (bhāvayantī Sg. f. neben śirāḥ Pl.); [Anm.: Übersetzung sinngemäß].
khecaryā mudritaṃ yena vivaraṃ lambikordhvataḥ | na tasya kṣīyate binduḥ kāminy-āliṅgitasya ca ||57||
Wem durch die Khecarī die Öffnung oberhalb des Gaumenzäpfchens (lambikā) versiegelt ist, dessen Bindu schwindet nicht, selbst wenn er von einer verlangenden Frau umarmt wird.
Wort für Wort
khecaryā
durch die Khecarī (Instr.Sg.)
mudritam
versiegelt (Nom.Sg.)
yena
von wem (Instr.Sg.)
vivaram
die Öffnung (Nom.Sg.)
lambikā-ūrdhvataḥ
oberhalb des Zäpfchens (Adv.)
na tasya kṣīyate binduḥ
dessen Bindu schwindet nicht (3.Sg.Pass.)
kāminī-āliṅgitasya ca
auch des von einer liebenden Frau Umarmten (Gen.Sg.)
Selbst wenn der Bindu entflammt ist und bereits das Feuer [des Verlangens] erreicht hat, steigt er, durch die Yoni-Mudrā zurückgehalten, kraft der Śakti nach oben.
Das Rajas, einer Menge Zinnober gleichend, hat seinen Sitz am Ort der Sonne; das Śukla sitzt am Ort des Mondes. Die Vereinigung der beiden ist sehr schwer zu erlangen.
Der Bindu ist Brahmā, das Rajas ist die Śakti; der Bindu ist der Mond, das Rajas die Sonne. Allein aus der Vereinigung beider wird die höchste Stätte erlangt.
Wenn das Rajas, durch den Wind mittels der Śakti-Bewegung (śakti-cālana) angetrieben, mit dem Bindu zur beständigen Einheit gelangt, dann entsteht ein göttlicher Leib.
śuklaṃ candreṇa saṃyuktaṃ rajaḥ sūryeṇa saṅgatam | tayoḥ samarasaikatvaṃ yo jānāti sa yoga-vit ||64||
Das Śukla ist mit dem Mond verbunden, das Rajas mit der Sonne vereint. Wer die gleichgestimmte Einheit (samarasa) der beiden kennt, ist ein Kenner des Yoga.
Die Reinigung des Netzes der Kanäle, das Bewegen von Mond und Sonne und das Austrocknen der [schädlichen] Säfte – [das bewirkt, was] Mahāmudrā genannt wird.
Das Kinn auf die Brust gelegt, den Damm (yoni) mit der linken Ferse lange fest pressend, den ausgestreckten rechten Fuß mit beiden Händen haltend, fülle man beide Flanken mit Atem, halte [ihn] an und lasse ihn langsam ausströmen – dies ist die sehr große Mudrā, die den Menschen die Krankheiten vernichtet, so heißt es.
Wort für Wort
vakṣaḥ-nyasta-hanuḥ
mit auf die Brust gelegtem Kinn (Nom.Sg.)
prapīḍya su-ciram
lange pressend (Absol.)
yonim ca
und den Damm (Akk.Sg.)
vāma-aṅghriṇā
mit dem linken Fuß (Instr.Sg.)
hastābhyām anudhārayan
mit beiden Händen haltend (Nom.Sg. Part.)
prasaritam pādam tathā dakṣiṇam
den ausgestreckten rechten Fuß (Akk.Sg.)
āpūrya śvasanena
mit Atem füllend (Absol.)
kukṣi-yugalam
beide Flanken (Akk.Sg.)
baddhvā
haltend/bindend (Absol.)
śanaiḥ recayet
langsam lasse man ausströmen (3.Sg.Opt.Kaus.)
sā iyam
diese hier
vyādhi-vināśinī
Krankheiten vernichtend (Nom.Sg.f.)
su-mahatī mudrā
die sehr große Mudrā (Nom.Sg.)
nṛṇām kathyate
wird den Menschen verkündet (3.Sg.Pass.)
Vorlage: vāmāṅgiṇā; nach der Parallele Haṭhapradīpikā 3,10 zu vāmāṅghriṇā („mit dem linken Fuß“) berichtigt. Śārdūlavikrīḍita-Metrum.
candrāṃśena samabhyasya sūryāṃśenābhyaset punaḥ | yā tulyā tu bhavet saṅkhyā tato mudrāṃ visarjayet ||67||
Nachdem man mit der Mondseite (links) geübt hat, übe man wieder mit der Sonnenseite (rechts); wenn die Zahl gleich geworden ist, lasse man die Mudrā los.
na hi pathyam apathyaṃ vā rasāḥ sarve 'pi nīrasāḥ | ati-bhuktaṃ viṣaṃ ghoraṃ pīyūṣam iva jīryate ||68||
[Für ihn] gibt es nichts Bekömmliches oder Unbekömmliches mehr; alle Geschmäcker werden geschmacklos (unschädlich). Selbst übermäßig Gegessenes und furchtbares Gift wird verdaut wie Nektar.