Abschnitt 3: ajapā-gāyatrī, kuṇḍalinī
Die Ajapā-Gāyatrī und die Erweckung der Kuṇḍalinī (Verse 32–44)
Der Atem selbst murmelt 21.600-mal in Tag und Nacht das Mantra haṃsa – die „ungemurmelte“ (ajapā) Gāyatrī, das höchste Wissen. Sie entspringt der Kuṇḍalinī, die in acht Windungen über der Knolle (kanda) liegt und mit ihrem Mund den Eingang zur Suṣumnā, das „Brahma-Tor“, verschließt. Erweckt durch Feuer, Geist und Wind, richtet sie sich auf wie eine Nadel und steigt empor; der Yogin öffnet mit ihr wie mit einem Schlüssel das Tor der Erlösung. Vers 40 beschreibt die dazugehörige Technik (Lotossitz, Kinnverschluss, wiederholtes Hochtreiben des Apāna), die Verse 41–43 die Lebensordnung: Einreiben des Körpers mit Schweiß, Verzicht auf Scharfes, Saures und Salziges, Milchkost, Keuschheit und das maßvolle Essen (mitāhāra).
„haṃsa, haṃsa“ – dieses Mantra murmelt die Seele unaufhörlich: einundzwanzigtausendsechshundert[mal] in Tag und Nacht.
Wort für Wort
haṃsa haṃsa iti
„haṃsa, haṃsa“ – so
amum mantram
dieses Mantra (Akk.Sg.)
jīvaḥ
die Seele (Nom.Sg.)
japati sarvadā
murmelt immer (3.Sg.Präs.)
ṣaṭ-śatāni
sechshundert (Nom.Pl.)
divā-rātrau
bei Tag und Nacht (Lok.Sg.)
sahasrāṇi eka-viṃśatiḥ
einundzwanzig Tausende (Nom.)
In der Vorlage irrtümlich als zweiter Vers 31 gezählt; hier als 32 gezählt, so dass die Zählung bis 121 durchläuft. Vorlage: matraṃ; zu mantraṃ berichtigt.
Dieses Mantra in dieser Zahl murmelt die Seele beständig. Es ist die Gāyatrī namens Ajapā („die Ungemurmelte“), die den Yogins stets die Erlösung verleiht.
Das Wissen vom Lebensatem (prāṇa-vidyā) ist das große Wissen; wer es kennt, ist ein Kenner des Veda. Oberhalb der Knolle (kanda) liegt die Kuṇḍalī-Śakti, in acht Windungen zusammengerollt.
mukhenācchādya tad dvāraṃ prasuptā parameśvarī | prabuddhā vahni-yogena manasā marutā saha ||38||
Mit dem Mund jenes Tor verdeckend, schläft die höchste Herrin (parameśvarī). Erweckt durch die Verbindung mit dem Feuer, [zusammen] mit dem Geist (manas) und dem Wind (marut),
nimmt sie ihren Leib zusammen wie eine Nadel und steigt durch die Suṣumnā empor. Wie man mit einem Schlüssel die Tür eines Hauses aufschließt, so soll der Yogin mittels der Kuṇḍalinī das Tor der Erlösung aufbrechen.
Wort für Wort
sūci-vat
wie eine Nadel
gātram ādāya
den Leib zusammennehmend (Absol.)
vrajati ūrdhvam
geht nach oben (3.Sg.Präs.)
suṣumnayā
durch die Suṣumnā (Instr.Sg.)
udghāṭayet
man öffne (3.Sg.Opt.Kaus.)
kavāṭam tu
die Tür aber (Akk.Sg.)
yathā kuñcikayā gṛham
wie mit einem Schlüssel das Haus
kuṇḍalinyām
mittels/in der Kuṇḍalinī (Lok.Sg.)
tathā yogī
so der Yogin (Nom.Sg.)
mokṣa-dvāram
das Tor der Erlösung (Akk.Sg.)
prabhedayet
soll aufbrechen (3.Sg.Opt.Kaus.)
Dreizeiliger Vers (drei Halbverse) in der Vorlage.
Man lege die Hände schalenförmig ineinander, nehme sehr fest den Lotossitz ein, drücke das Kinn fest an die Brust, richte die Meditation auf jenes Wirken [der Śakti] und treibe wieder und wieder den Apāna-Wind nach oben; indem er den eingesogenen Atem [dann] entlässt, gelangt der Mensch durch die Macht der Śakti zu unvergleichlichem Erwachen.
Wort für Wort
kṛtvā sampuṭitau karau
die Hände schalenförmig zusammengelegt habend (Absol.; Akk.Du.)
dṛḍhataram
sehr fest
baddhvā tu padmāsanam
den Lotossitz gebunden habend (Absol.)
gāḍham
fest
vakṣasi saṃnidhāya cubukam
das Kinn an die Brust gelegt habend (Absol.)
dhyānam ca tat ceṣṭitam
und die Meditation [auf] jenes Wirken (Akk.Sg.)
vāram vāram
wieder und wieder
apānam ūrdhvam anilam
den Apāna-Wind nach oben (Akk.Sg.)
procchārayet
treibe hinauf (3.Sg.Opt.Kaus.)
pūritam prāṇam muñcan
den eingefüllten Atem entlassend (Nom.Sg. Part.)
upaiti bodham atulam
gelangt zu unvergleichlichem Erwachen (3.Sg.Präs.)
śakti-prabhāvāt
durch die Macht der Śakti (Abl.Sg.)
naraḥ
der Mensch (Nom.Sg.)
Vers im Śārdūlavikrīḍita-Metrum; entspricht inhaltlich Haṭhapradīpikā 3,10–11 (Śakticālana) und Gorakṣaśataka.
Ein Yogin, der keusch lebt, maßvoll isst und ganz dem Yoga hingegeben ist, wird nach Ablauf eines Jahres vollendet (siddha) – darüber ist kein Zweifel angebracht.
su-snigdha-madhurāhāraś caturthāṃśa-vivarjitaḥ | bhuñjate śiva-samprītyā mitāhārī sa ucyate ||43||
Wer sehr fetthaltige und süße Nahrung isst, dabei ein Viertel [des Magens] frei lässt und zur Freude Śivas isst – der wird ein Maßvoll-Essender (mitāhārin) genannt.
Wort für Wort
su-snigdha-madhura-āhāraḥ
dessen Nahrung sehr ölig/fett und süß ist (Nom.Sg.)
Oberhalb der Knolle liegt die Kuṇḍalī-Śakti, in acht Windungen zusammengerollt; den Toren [gereicht sie] zur Fesselung, den Yogins verleiht sie stets die Erlösung.
Wort für Wort
kanda-ūrdhve
oberhalb der Knolle (Lok.Sg.)
kuṇḍalī-śaktiḥ
die Kuṇḍalī-Śakti (Nom.Sg.)
aṣṭadhā kuṇḍala-ākṛtiḥ
achtfach ringförmig (Nom.Sg.)
bandhanāya ca
und zur Fesselung (Dat.Sg.)
mūḍhānām
der Toren (Gen.Pl.)
yoginām
der Yogins (Gen.Pl.)
mokṣa-dā sadā
stets Erlösung gebend (Nom.Sg.f.)
Erster Halbvers wortgleich mit Vers 36; Vorlage: kuṇḍalīkṛtiḥ, angeglichen zu kuṇḍalākṛtiḥ.