Quellen der Menschheit

Yogaśikhā-Upaniṣad

Adhyāya 1: prathamo 'dhyāyaḥ – jñāna-yoga-samuccayaḥ, kumbhaka-bandha-siddhi-pīṭha-nirūpaṇam Erster Adhyāya: Erkenntnis und Yoga, der Leib des Yogin, Kumbhakas, Bandhas, Siddhis und die heiligen Sitze im Körper (178 Verse)

Der erste und mit Abstand längste Adhyāya bildet fast die Hälfte des Textes. Er ist als Lehrgespräch gestaltet: Hiraṇyagarbha (Brahmā) fragt Śiva nach dem Weg, der die Wesen aus dem Netz der Māyā befreit. Śivas Antwort setzt mit einer Grundsatzentscheidung ein, die den ganzen Text prägt: Erkenntnis (jñāna) ohne Yoga führt nicht zur Erlösung, Yoga ohne Erkenntnis ebenso wenig; erst der „reife“, im Feuer des Yoga gebrannte Leib macht den Wissenden unverwundbar gegen Krankheit, Schmerz und Tod (Verse 12–67). Daran schließt die Definition des Yoga als Vereinigung der Gegensatzpaare – Prāṇa und Apāna, Rajas und Retas, Sonne und Mond, Einzelseele und höchstes Selbst – und die Ankündigung der „Krone des Yoga“ (Vers 68–69). Der praktische Teil lehrt die Kuṇḍalinī-Erweckung mit dem Wickeltuch (śakti-cālana), die vier Kumbhakas Sūryabheda, Ujjāyī, Śītalī und Bhastrā, die drei Bandhas Mūla, Uḍḍiyāna und Jālandhara, das Durchbrechen der drei Knoten (granthi) und die Stufenfolge Mantra-, Laya-, Haṭha- und Rāja-Yoga als vier Gestalten des einen „großen Yoga“ (Verse 70–140). Es folgen der langsame „Weg des Affen“ und der rasche „Weg der Krähe“, die Lehre von den künstlich hervorgebrachten und den natürlichen Siddhis und die Bestimmung des Jīvanmukta, dessen Leib nicht fällt (Verse 140–164). Den Abschluss bildet die Beschreibung des Leibes als Śiva-Tempel mit zehn Toren, sechs Cakras, vier heiligen Sitzen (Kāmarūpa, Pūrṇagiri, Jālandhara, Uḍyāṇa) und den fünf Elementkreisen mit ihren Gottheiten (Verse 165–178). Zahlreiche Verse haben wörtliche Parallelen in Yogabīja, Gorakṣaśataka und Haṭhapradīpikā.

Vers 0 Eingangsvers (maṅgala)

yoga-jñāne yat-padāpti-sādhanatvena viśrute | tat traipadaṃ brahma-tattvaṃ sva-mātram avaśiṣyate ||

Jene Brahman-Wirklichkeit (brahma-tattva), zu deren Stätte (pada) zu gelangen das Yoga-Wissen bekanntermaßen das Mittel ist – sie, die dreifüßige (traipada), bleibt allein als das Eigene übrig.

Wort für Wort
yoga-jñāne
im/beim Yoga-Wissen (Lok.Sg.)
yat-pada-āpti-sādhanatvena
als Mittel zur Erlangung von dessen Stätte (Instr.Sg.)
viśrute
das bekannt/berühmt ist (Lok.Sg.)
tat
jenes (Nom.Sg.n.)
traipadam
dreifüßig, aus drei Vierteln bestehend (Nom.Sg.n.)
brahma-tattvam
die Brahman-Wirklichkeit (Nom.Sg.)
sva-mātram
als das Eigene allein (Nom.Sg.n.)
avaśiṣyate
bleibt übrig (3.Sg.Pass.)

Vorangestellter Segensvers der Textüberlieferung, ohne Nummer. Vorlage: tatraipadaṃ; als tat traipadaṃ gelesen (traipada „aus drei Vierteln bestehend“ nach dem vedischen Bild vom dreifüßigen, unsterblichen Brahman, Ṛgveda 10,90,3; vgl. Chāndogya-Upaniṣad 3,12,6). Die Lesung bleibt unsicher.

Vers Śānti Friedensformel (śānti-mantra)

oṃ saha nāv avatu | saha nau bhunaktu | saha vīryaṃ karavāvahai | tejasvi nāv adhītam astu | mā vidviṣāvahai || oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Oṃ. Er möge uns beide behüten. Er möge uns beide nähren. Gemeinsam wollen wir Kraft wirken. Kraftvoll sei, was wir beide gelernt haben. Nicht wollen wir einander hassen. Oṃ, Friede, Friede, Friede.

Wort für Wort
saha
zusammen, gemeinsam
nau
uns beide (Akk.Du.)
avatu
er möge behüten (3.Sg.Imp.)
bhunaktu
er möge nähren, erfreuen (3.Sg.Imp.)
vīryam
Kraft, Heldenkraft (Akk.Sg.)
karavāvahai
wir beide wollen wirken (1.Du.Imp.Med.)
tejasvi
kraftvoll, glanzvoll (Nom.Sg.n.)
nau adhītam
das von uns beiden Gelernte (Nom.Sg.n.)
astu
es sei (3.Sg.Imp.)
mā vidviṣāvahai
nicht wollen wir beide einander hassen (1.Du.Inj.Med.)
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ
Oṃ, Friede, Friede, Friede

Die Friedensformel der Upaniṣaden des Kṛṣṇa-Yajurveda (Taittirīya-Upaniṣad 2,1 und 3,1; Kaṭha-Upaniṣad); sie kennzeichnet die Zugehörigkeit der Yogaśikhā-Upaniṣad zum Schwarzen Yajurveda. Vorlage: tejasvināvadhītamastu; getrennt tejasvi nāv adhītam astu.

sarve jīvāḥ sukhair duḥkhair māyā-jālena veṣṭitāḥ | teṣāṃ muktiḥ kathaṃ deva kṛpayā vada śaṅkara ||1||

Alle Lebewesen (jīva) sind durch Freuden und Leiden, durch das Netz der Täuschung (māyā), umstrickt. Wie [kommt] ihnen Befreiung (mukti) zu, o Gott? Aus Gnade sprich, Śaṅkara!

Wort für Wort
sarve jīvāḥ
alle Lebewesen/Seelen (Nom.Pl.)
sukhaiḥ duḥkhaiḥ
durch Freuden und Leiden (Instr.Pl.)
māyā-jālena
durch das Netz der Māyā (Instr.Sg.)
veṣṭitāḥ
umwickelt, umstrickt (Nom.Pl.)
teṣām
ihnen, deren (Gen.Pl.)
muktiḥ katham
wie [gibt es] Befreiung (Nom.Sg.)
deva
o Gott (Vok.)
kṛpayā
aus Gnade (Instr.Sg.)
vada
sprich (2.Sg.Imp.)
śaṅkara
o Śaṅkara (Vok.)

Die Upaniṣad ist als Lehrgespräch zwischen Hiraṇyagarbha (Brahmā, „der aus dem Lotos Geborene“) und Śiva (Maheśvara, Śaṅkara) gestaltet; die Anreden padma-saṃbhava, kamala-saṃbhava, vidhe, brahman, sureśvara gelten dem fragenden Brahmā.

sarva-siddhi-karaṃ mārgaṃ māyā-jāla-nikṛntanam | janma-mṛtyu-jarā-vyādhi-nāśanaṃ sukha-daṃ vada ||2||

Nenne den Weg, der alle Vollendung (siddhi) bewirkt, der das Netz der Täuschung zerschneidet, der Geburt, Tod, Alter und Krankheit vernichtet und Glück verleiht!

Wort für Wort
sarva-siddhi-karam
alle Vollendung bewirkend (Akk.Sg.)
mārgam
den Weg (Akk.Sg.)
māyā-jāla-nikṛntanam
das Netz der Māyā zerschneidend (Akk.Sg.)
janma-mṛtyu-jarā-vyādhi-nāśanam
Geburt, Tod, Alter und Krankheit vernichtend (Akk.Sg.)
sukha-dam
Glück gebend (Akk.Sg.)
vada
sprich, nenne (2.Sg.Imp.)

iti hiraṇyagarbhaḥ papraccha sa hovāca maheśvaraḥ | nānā-mārgais tu duṣprāpaṃ kaivalyaṃ paramaṃ padam ||3||

So fragte Hiraṇyagarbha. Der große Herr (maheśvara) sprach: Durch die vielerlei Wege ist das Alleinsein (kaivalya), die höchste Stätte, schwer zu erreichen.

Wort für Wort
iti
so
hiraṇyagarbhaḥ
Hiraṇyagarbha, „Goldkeim“ = Brahmā (Nom.Sg.)
papraccha
fragte (3.Sg.Perf.)
saḥ ha uvāca
er sprach (3.Sg.Perf.)
maheśvaraḥ
der große Herr, Śiva (Nom.Sg.)
nānā-mārgaiḥ tu
durch die vielerlei Wege aber (Instr.Pl.)
duṣprāpam
schwer erreichbar (Nom.Sg.n.)
kaivalyam
das Alleinsein, die Absolutheit (Nom.Sg.)
paramam padam
die höchste Stätte (Nom.Sg.)

siddhi-mārgeṇa labhate nānyathā padma-saṃbhava | patitāḥ śāstra-jāleṣu prajñayā tena mohitāḥ ||4||

Durch den Weg der Vollendung (siddhi-mārga) erlangt man es, nicht anders, o Lotosgeborener. [Die Menschen] sind in die Netze der Lehrschriften (śāstra) gefallen und durch ihren Verstand eben dadurch verblendet.

Wort für Wort
siddhi-mārgeṇa
durch den Weg der Vollendung (Instr.Sg.)
labhate
man erlangt (3.Sg.Präs.Med.)
na anyathā
nicht anders
padma-saṃbhava
o Lotosgeborener [Brahmā] (Vok.)
patitāḥ
gefallen (Nom.Pl.)
śāstra-jāleṣu
in die Netze der Lehrschriften (Lok.Pl.)
prajñayā
durch die Einsicht/den Verstand (Instr.Sg.)
tena
dadurch (Instr.Sg.)
mohitāḥ
verblendet (Nom.Pl.)

svātma-prakāśa-rūpaṃ tat kiṃ śāstreṇa prakāśyate | niṣkalaṃ nirmalaṃ śāntaṃ sarvātītaṃ nirāmayam ||5||

Jenes, dessen Wesen es ist, als eigenes Selbst von sich aus zu leuchten – wie sollte es durch eine Lehrschrift erhellt werden? Es ist ohne Teile (niṣkala), makellos, still, jenseits von allem, leidlos.

Wort für Wort
sva-ātma-prakāśa-rūpam
dessen Wesen das Leuchten des eigenen Selbst ist (Nom.Sg.n.)
tat
jenes (Nom.Sg.n.)
kim
wie, etwa?
śāstreṇa
durch eine Lehrschrift (Instr.Sg.)
prakāśyate
wird erhellt (3.Sg.Pass.)
niṣkalam
ohne Teile (Nom.Sg.n.)
nirmalam
makellos (Nom.Sg.n.)
śāntam
still, friedvoll (Nom.Sg.n.)
sarva-atītam
über alles hinausgehend (Nom.Sg.n.)
nirāmayam
ohne Leid/Krankheit (Nom.Sg.n.)

tad eva jīva-rūpeṇa puṇya-pāpa-phalair vṛtam | paramātma-padaṃ nityaṃ tat kathaṃ jīvatāṃ gatam ||6||

Eben dieses ist in Gestalt des Lebewesens (jīva) von den Früchten von Verdienst und Schuld umhüllt. Wie ist die ewige Stätte des höchsten Selbst (paramātman) zum Zustand des Jīva gelangt?

Wort für Wort
tat eva
eben dieses (Nom.Sg.n.)
jīva-rūpeṇa
in Gestalt des Jīva (Instr.Sg.)
puṇya-pāpa-phalaiḥ
von den Früchten von Verdienst und Sünde (Instr.Pl.)
vṛtam
umhüllt (Nom.Sg.n.)
paramātma-padam
die Stätte des höchsten Selbst (Nom.Sg.)
nityam
ewig (Nom.Sg.n.)
tat katham
wie ist es (Nom.Sg.n.)
jīvatām
zum Jīva-Sein (Akk.Sg.)
gatam
gelangt (Nom.Sg.n.)

tattvātītaṃ mahādeva prasādāt kathayeśvara | sarva-bhāva-padātītaṃ jñāna-rūpaṃ nirañjanam ||7||

O großer Gott, aus Gnade erkläre [dies], o Herr: [das Selbst,] das über die Wirklichkeitsprinzipien (tattva) hinausgeht, über die Stätte aller Seinszustände hinaus, dessen Wesen Erkenntnis ist, das fleckenlos ist.

Wort für Wort
tattva-atītam
über die Tattvas hinausgehend (Akk.Sg.n.)
mahā-deva
o großer Gott (Vok.)
prasādāt
aus Gnade (Abl.Sg.)
kathaya
erkläre (2.Sg.Imp.)
īśvara
o Herr (Vok.)
sarva-bhāva-pada-atītam
über die Stätte aller Seinsweisen hinaus (Akk.Sg.n.)
jñāna-rūpam
dessen Wesen Erkenntnis ist (Akk.Sg.n.)
nirañjanam
fleckenlos (Akk.Sg.n.)

vāyuvat sphuritaṃ svasmiṃs tatrāhaṃkṛtir utthitā | pañcātmakam abhūt piṇḍaṃ dhātu-baddhaṃ guṇātmakam ||8||

[Śiva sprach:] Wie ein Wind regte sich [etwas] in ihm selbst; dort erhob sich das Ich-Machen (ahaṃkṛti). [Daraus] entstand der aus den fünf [Elementen] bestehende Leib (piṇḍa), gefügt aus den Körpersubstanzen (dhātu), gebildet aus den Grundqualitäten (guṇa).

Wort für Wort
vāyu-vat
wie Wind
sphuritam
aufgezuckt, sich geregt (Nom.Sg.n.)
svasmin
in sich selbst (Lok.Sg.)
tatra
dort
ahaṃkṛtiḥ
das Ich-Machen, Ich-Bewusstsein (Nom.Sg.)
utthitā
erhob sich (Nom.Sg.f.)
pañca-ātmakam
aus fünf bestehend (Nom.Sg.n.)
abhūt
entstand (3.Sg.Aor.)
piṇḍam
der Leib, „Klumpen“ (Nom.Sg.)
dhātu-baddham
aus Körpersubstanzen gefügt (Nom.Sg.n.)
guṇa-ātmakam
aus den Guṇas bestehend (Nom.Sg.n.)

sukha-duḥkhaiḥ samāyuktaṃ jīva-bhāvanayā kuru | tena jīvābhidhā proktā viśuddhe paramātmani ||9||

[Dieser Leib] ist mit Freuden und Leiden verbunden – nimm dies als Wirkung der Vorstellung, ein Einzelwesen (jīva) zu sein. Deshalb wird dem ganz reinen höchsten Selbst die Bezeichnung „Jīva“ beigelegt.

Wort für Wort
sukha-duḥkhaiḥ
mit Freuden und Leiden (Instr.Pl.)
samāyuktam
verbunden (Akk.Sg.n.)
jīva-bhāvanayā
durch die Vorstellung des Jīva-Seins (Instr.Sg.)
kuru
mache [es dir klar], nimm an (2.Sg.Imp.)
tena
deshalb (Instr.Sg.)
jīva-abhidhā
die Bezeichnung „Jīva“ (Nom.Sg.)
proktā
ausgesprochen, beigelegt (Nom.Sg.f.)
viśuddhe
beim ganz reinen (Lok.Sg.)
parama-ātmani
beim höchsten Selbst (Lok.Sg.)

Vorlage: jīvāmidhā; zu jīvābhidhā berichtigt. Der Imperativ kuru („mache, nimm an“) ist syntaktisch hart; gemeint ist: verstehe die Verbindung mit Freude und Leid als Folge der Jīva-Vorstellung.

kāma-krodha-bhayaṃ cāpi moha-lobham atho rajaḥ | janma mṛtyuś ca kārpaṇyaṃ śokas tandrā kṣudhā tṛṣā ||10||

Begierde, Zorn und Furcht, Verblendung und Gier, sodann Leidenschaft (rajas), Geburt und Tod, Kleinmut, Kummer, Trägheit, Hunger, Durst,

Wort für Wort
kāma-krodha-bhayam
Begierde, Zorn und Furcht (Nom.Sg.n.)
ca api
und auch
moha-lobham
Verblendung und Gier (Nom.Sg.n.)
atho
sodann
rajaḥ
Leidenschaft, Staub (Nom.Sg.)
janma
Geburt (Nom.Sg.)
mṛtyuḥ ca
und Tod (Nom.Sg.)
kārpaṇyam
Kleinmut, Elend (Nom.Sg.)
śokaḥ
Kummer (Nom.Sg.)
tandrā
Trägheit, Mattigkeit (Nom.Sg.)
kṣudhā
Hunger (Nom.Sg.)
tṛṣā
Durst (Nom.Sg.)

tṛṣṇā lajjā bhayaṃ duḥkhaṃ viṣādo harṣa eva ca | ebhir doṣair vinirmuktaḥ sa jīvaḥ śiva ucyate ||11||

Verlangen, Scham, Angst, Leid, Verzagtheit und auch Freude – von diesen Fehlern (doṣa) befreit, wird der Jīva „Śiva“ genannt.

Wort für Wort
tṛṣṇā
Verlangen, Durst [nach Dingen] (Nom.Sg.)
lajjā
Scham (Nom.Sg.)
bhayam
Angst (Nom.Sg.)
duḥkham
Leid (Nom.Sg.)
viṣādaḥ
Verzagtheit (Nom.Sg.)
harṣaḥ eva ca
und auch Freude (Nom.Sg.)
ebhiḥ doṣaiḥ
von diesen Fehlern (Instr.Pl.)
vinirmuktaḥ
völlig befreit (Nom.Sg.)
saḥ jīvaḥ
dieser Jīva (Nom.Sg.)
śivaḥ ucyate
wird Śiva genannt (3.Sg.Pass.)

tasmād doṣa-vināśārtham upāyaṃ kathayāmi te | jñānaṃ kecid vadanty atra kevalaṃ tan na siddhaye ||12||

Darum nenne ich dir das Mittel zur Vernichtung der Fehler. Manche nennen hier die Erkenntnis (jñāna) allein – doch die führt nicht zur Vollendung.

Wort für Wort
tasmāt
darum (Abl.Sg.)
doṣa-vināśa-artham
zum Zweck der Vernichtung der Fehler (Akk.Sg., adv.)
upāyam
das Mittel (Akk.Sg.)
kathayāmi te
ich nenne dir (1.Sg.Präs.)
jñānam
Erkenntnis (Akk.Sg.)
kecit vadanti
manche nennen (3.Pl.Präs.)
atra
hier
kevalam
allein (Akk.Sg.n.)
tat na siddhaye
das [dient] nicht der Vollendung (Dat.Sg.)

yoga-hīnaṃ kathaṃ jñānaṃ mokṣa-daṃ bhavatīha bhoḥ | yogo 'pi jñāna-hīnas tu na kṣamo mokṣa-karmaṇi ||13||

Wie sollte eine Erkenntnis ohne Yoga hier Erlösung (mokṣa) geben, o Herr? Aber auch der Yoga ohne Erkenntnis ist zum Werk der Erlösung nicht imstande.

Wort für Wort
yoga-hīnam
des Yoga ermangelnd (Nom.Sg.n.)
katham
wie
jñānam
Erkenntnis (Nom.Sg.)
mokṣa-dam
Erlösung gebend (Nom.Sg.n.)
bhavati iha
ist hier (3.Sg.Präs.)
bhoḥ
o Herr! (Interj.)
yogaḥ api
auch der Yoga (Nom.Sg.)
jñāna-hīnaḥ tu
der Erkenntnis ermangelnd aber (Nom.Sg.)
na kṣamaḥ
nicht imstande (Nom.Sg.)
mokṣa-karmaṇi
beim Werk der Erlösung (Lok.Sg.)

tasmāj jñānaṃ ca yogaṃ ca mumukṣur dṛḍham abhyaset | jñāna-svarūpam evādau jñeyaṃ jñānaika-sādhanam ||14||

Darum soll der nach Erlösung Strebende (mumukṣu) Erkenntnis und Yoga beharrlich üben. Zuerst ist das Wesen der Erkenntnis selbst zu erkennen, das einzige Mittel der Erkenntnis.

Wort für Wort
tasmāt
darum
jñānam ca yogam ca
Erkenntnis und Yoga (Akk.Sg.)
mumukṣuḥ
der nach Erlösung Strebende (Nom.Sg.)
dṛḍham
fest, beharrlich (Adv.)
abhyaset
soll üben (3.Sg.Opt.)
jñāna-svarūpam eva
das Wesen der Erkenntnis selbst (Nom.Sg.n.)
ādau
zuerst (Lok.Sg.)
jñeyam
ist zu erkennen (Gerundiv)
jñāna-eka-sādhanam
das einzige Mittel der Erkenntnis (Nom.Sg.n.)

ajñānaṃ kīdṛśaṃ ceti pravicāryaṃ mumukṣuṇā | jñātaṃ yena nijaṃ rūpaṃ kaivalyaṃ paramaṃ padam ||15||

„Und wie beschaffen ist das Nichtwissen (ajñāna)?“ – das hat der nach Erlösung Strebende zu untersuchen. Wer die eigene Wesensgestalt erkannt hat – das Alleinsein, die höchste Stätte –,

Wort für Wort
ajñānam
Nichtwissen (Nom.Sg.)
kīdṛśam ca
und wie beschaffen (Nom.Sg.n.)
iti
so [lautet die Frage]
pravicāryam
ist zu untersuchen (Gerundiv)
mumukṣuṇā
vom Erlösungssuchenden (Instr.Sg.)
jñātam
erkannt (Nom.Sg.n.)
yena
von wem (Instr.Sg.)
nijam rūpam
die eigene Gestalt (Nom.Sg.)
kaivalyam
das Alleinsein (Nom.Sg.)
paramam padam
die höchste Stätte (Nom.Sg.)

asau doṣair vinirmuktaḥ kāma-krodha-bhayādibhiḥ | sarva-doṣair vṛto jīvaḥ kathaṃ jñānena mucyate ||16||

der ist von den Fehlern wie Begierde, Zorn und Furcht befreit. [Doch] wie wird der Jīva, der von allen Fehlern umhüllt ist, durch Erkenntnis [allein] befreit?

Wort für Wort
asau
jener (Nom.Sg.)
doṣaiḥ vinirmuktaḥ
von den Fehlern befreit (Instr.Pl.)
kāma-krodha-bhaya-ādibhiḥ
Begierde, Zorn, Furcht usw. (Instr.Pl.)
sarva-doṣaiḥ
von allen Fehlern (Instr.Pl.)
vṛtaḥ
umhüllt (Nom.Sg.)
jīvaḥ
der Jīva (Nom.Sg.)
katham
wie
jñānena
durch Erkenntnis (Instr.Sg.)
mucyate
wird befreit (3.Sg.Pass.)

svātma-rūpaṃ yathā jñānaṃ pūrṇaṃ tad vyāpakaṃ tathā | kāma-krodhādi-doṣāṇāṃ svarūpān nāsti bhinnatā ||17||

Wie die Erkenntnis die Gestalt des eigenen Selbst ist, voll und alles durchdringend, so gibt es [auch] für die Fehler wie Begierde und Zorn keine Verschiedenheit von der eigenen Wesensgestalt.

Wort für Wort
sva-ātma-rūpam
die Gestalt des eigenen Selbst (Nom.Sg.n.)
yathā
wie
jñānam
die Erkenntnis (Nom.Sg.)
pūrṇam
voll, vollkommen (Nom.Sg.n.)
tat vyāpakam
es [ist] alldurchdringend (Nom.Sg.n.)
tathā
so
kāma-krodha-ādi-doṣāṇām
der Fehler Begierde, Zorn usw. (Gen.Pl.)
sva-rūpāt
von der eigenen Wesensgestalt (Abl.Sg.)
na asti
gibt es nicht
bhinnatā
Verschiedenheit (Nom.Sg.)

Der Einwand des Fragenden: Wenn alles Selbst ist, sind auch die Fehler nicht vom Selbst verschieden – wie kann dann Erkenntnis sie „beseitigen“?

paścāt tasya vidhiḥ kiṃ nu niṣedho 'pi kathaṃ bhavet | vivekī sarvadā muktaḥ saṃsāra-bhrama-varjitaḥ ||18||

Wozu dann noch ein Gebot für ihn, und wie sollte es ein Verbot geben? Der Unterscheidende (vivekin) ist stets befreit und frei vom Irrgang des Daseinskreislaufs (saṃsāra).

Wort für Wort
paścāt
danach, dann
tasya
für ihn (Gen.Sg.)
vidhiḥ
Gebot, Vorschrift (Nom.Sg.)
kim nu
wozu denn?
niṣedhaḥ api
auch ein Verbot (Nom.Sg.)
katham bhavet
wie sollte es sein (3.Sg.Opt.)
vivekī
der Unterscheidende (Nom.Sg.)
sarvadā muktaḥ
stets befreit (Nom.Sg.)
saṃsāra-bhrama-varjitaḥ
frei vom Irren im Saṃsāra (Nom.Sg.)

paripūrṇaṃ svarūpaṃ tat satyaṃ kamala-saṃbhava | sakalaṃ niṣkalaṃ caiva pūrṇatvāc ca tad eva hi ||19||

Jene Wesensgestalt ist ganz voll und wahrhaftig, o Lotosgeborener. Mit Teilen (sakala) und ohne Teile (niṣkala) – aufgrund ihrer Fülle ist sie eben beides.

Wort für Wort
paripūrṇam
ganz voll (Nom.Sg.n.)
sva-rūpam tat
jene Wesensgestalt (Nom.Sg.)
satyam
wahr, wirklich (Nom.Sg.n.)
kamala-saṃbhava
o Lotosgeborener (Vok.)
sakalam
mit Teilen (Nom.Sg.n.)
niṣkalam ca eva
und auch ohne Teile (Nom.Sg.n.)
pūrṇatvāt ca
und wegen der Fülle (Abl.Sg.)
tat eva hi
eben dieses fürwahr

kalinā sphūrti-rūpeṇa saṃsāra-bhramatāṃ gatam | niṣkalaṃ nirmalaṃ sākṣāt sakalaṃ gaganopamam ||20||

Durch den Teil (kalā) in Gestalt eines Aufzuckens ist es in das Umherirren im Saṃsāra geraten. Ohne Teile, makellos, unmittelbar gegenwärtig – [und doch] mit Teilen, dem Himmelsraum gleich.

Wort für Wort
kalinā
durch den Teil/Strahl (Instr.Sg.)
sphūrti-rūpeṇa
in Gestalt eines Aufzuckens/Aufblitzens (Instr.Sg.)
saṃsāra-bhramatām
zum Umherirren im Saṃsāra (Akk.Sg.)
gatam
gelangt (Nom.Sg.n.)
niṣkalam
ohne Teile (Nom.Sg.n.)
nirmalam
makellos (Nom.Sg.n.)
sākṣāt
unmittelbar, vor Augen
sakalam
mit Teilen (Nom.Sg.n.)
gagana-upamam
dem Himmelsraum gleich (Nom.Sg.n.)

kalinā ist als Instrumental von kalā (Teil, Strahl) zu verstehen; die Vorlage bietet die unregelmäßige Form kalinā (statt kalayā), wohl metri causa oder aus einem Maskulinum kali.

utpatti-sthiti-saṃhāra-sphūrti-jñāna-vivarjitam | etad rūpaṃ samāyātaḥ sa kathaṃ moha-sāgare ||21||

Frei von Entstehen, Bestehen und Vergehen, von Aufzucken und [gegenständlichem] Wissen – wer zu dieser Gestalt gelangt ist, wie sollte der im Meer der Verblendung

Wort für Wort
utpatti-sthiti-saṃhāra-sphūrti-jñāna-vivarjitam
frei von Entstehen, Bestehen, Vergehen, Aufzucken und Wissen (Akk.Sg.n.)
etat rūpam
zu dieser Gestalt (Akk.Sg.)
samāyātaḥ
gelangt (Nom.Sg.)
saḥ katham
wie [sollte] der (Nom.Sg.)
moha-sāgare
im Meer der Verblendung (Lok.Sg.)

nimajjati mahā-bāho tyaktvā vidyāṃ punaḥ punaḥ | sukha-duḥkhādi-moheṣu yathā saṃsāriṇāṃ sthitiḥ ||22||

versinken, o Starkarmiger, und das Wissen immer wieder verlieren? Wie der Zustand der im Saṃsāra Befangenen inmitten der Verblendungen durch Freude, Leid und dergleichen ist,

Wort für Wort
nimajjati
versinkt (3.Sg.Präs.)
mahā-bāho
o Starkarmiger (Vok.)
tyaktvā
verlassend, aufgebend (Absol.)
vidyām
das Wissen (Akk.Sg.)
punaḥ punaḥ
immer wieder
sukha-duḥkha-ādi-moheṣu
in den Verblendungen durch Freude, Leid usw. (Lok.Pl.)
yathā
wie
saṃsāriṇām
der im Saṃsāra Befangenen (Gen.Pl.)
sthitiḥ
der Zustand (Nom.Sg.)

tathā jñānī yadā tiṣṭhed vāsanā-vāsitas tadā | tayor nāsti viśeṣo 'tra samā saṃsāra-bhāvanā ||23||

so ist es, wenn auch der Wissende, von latenten Prägungen (vāsanā) durchtränkt, verharrt: Dann gibt es zwischen den beiden keinen Unterschied; gleich ist [bei beiden] die Vorstellung des Saṃsāra.

Wort für Wort
tathā
so
jñānī
der Wissende (Nom.Sg.)
yadā tiṣṭhet
wenn er verharrt (3.Sg.Opt.)
vāsanā-vāsitaḥ
von Vāsanās durchtränkt (Nom.Sg.)
tadā
dann
tayoḥ
zwischen den beiden (Gen.Du.)
na asti viśeṣaḥ
gibt es keinen Unterschied (Nom.Sg.)
atra
hier
samā
gleich (Nom.Sg.f.)
saṃsāra-bhāvanā
die Vorstellung des Saṃsāra (Nom.Sg.)

jñānaṃ ced īdṛśaṃ jñātam ajñānaṃ kīdṛśaṃ punaḥ | jñāna-niṣṭho virakto 'pi dharma-jño vijitendriyaḥ ||24||

Wenn die Erkenntnis als so beschaffen erkannt ist – wie beschaffen ist dann erst das Nichtwissen? Selbst wer in der Erkenntnis gegründet, leidenschaftslos, pflichtkundig und Herr seiner Sinne ist,

Wort für Wort
jñānam
die Erkenntnis (Nom.Sg.)
cet
wenn
īdṛśam
so beschaffen (Nom.Sg.n.)
jñātam
erkannt (Nom.Sg.n.)
ajñānam
das Nichtwissen (Nom.Sg.)
kīdṛśam punaḥ
wie beschaffen dann (Nom.Sg.n.)
jñāna-niṣṭhaḥ
in der Erkenntnis gegründet (Nom.Sg.)
viraktaḥ api
auch wenn leidenschaftslos (Nom.Sg.)
dharma-jñaḥ
den Dharma kennend (Nom.Sg.)
vijita-indriyaḥ
mit besiegten Sinnen (Nom.Sg.)

vinā dehena yogena na mokṣaṃ labhate vidhe | apakvāḥ paripakvāś ca dehino dvividhāḥ smṛtāḥ ||25||

erlangt ohne den Leib [und] ohne Yoga die Erlösung nicht, o Vidhi. Zweierlei Verkörperte werden überliefert: unreife (apakva) und ganz gereifte (paripakva).

Wort für Wort
vinā
ohne (mit Instr.)
dehena
dem Leib (Instr.Sg.)
yogena
dem Yoga (Instr.Sg.)
na mokṣam labhate
erlangt die Erlösung nicht (3.Sg.Präs.Med.)
vidhe
o Vidhi [Brahmā, der Ordner] (Vok.)
apakvāḥ
unreif, ungekocht (Nom.Pl.)
paripakvāḥ ca
und ganz gereift (Nom.Pl.)
dehinaḥ
die Verkörperten (Nom.Pl.)
dvividhāḥ smṛtāḥ
werden als zweierlei überliefert (Nom.Pl.)

vinā dehena yogena: „ohne den durch Yoga [gereiften] Leib“ ist ebenfalls möglich; die folgenden Verse erklären das Bild vom Reifen des Leibes im Feuer des Yoga.

apakvā yoga-hīnās tu pakvā yogena dehinaḥ | sarvo yogāgninā deho hy ajaḍaḥ śoka-varjitaḥ ||26||

Unreif sind die Verkörperten ohne Yoga, gereift durch den Yoga. Jeder Leib wird durch das Feuer des Yoga unträge (ajaḍa) und frei von Kummer.

Wort für Wort
apakvāḥ
unreif (Nom.Pl.)
yoga-hīnāḥ tu
die des Yoga Entbehrenden aber (Nom.Pl.)
pakvāḥ
gereift (Nom.Pl.)
yogena
durch Yoga (Instr.Sg.)
dehinaḥ
die Verkörperten (Nom.Pl.)
sarvaḥ dehaḥ
jeder Leib (Nom.Sg.)
yoga-agninā
durch das Feuer des Yoga (Instr.Sg.)
hi
fürwahr
ajaḍaḥ
nicht träge/stumpf (Nom.Sg.)
śoka-varjitaḥ
frei von Kummer (Nom.Sg.)

jaḍas tu pārthivo jñeyo hy apakvo duḥkha-do bhavet | dhyāna-stho 'sau tathāpy evam indriyair vivaśo bhavet ||27||

Der träge [Leib] aber ist als erdhaft zu erkennen; unreif bringt er Leid. Selbst wenn jener [Mensch] in der Meditation (dhyāna) weilt, gerät er gleichwohl so in die Gewalt der Sinne.

Wort für Wort
jaḍaḥ tu
der träge aber (Nom.Sg.)
pārthivaḥ
erdhaft, irdisch (Nom.Sg.)
jñeyaḥ
ist zu erkennen (Gerundiv)
hi
fürwahr
apakvaḥ
unreif (Nom.Sg.)
duḥkha-daḥ bhavet
ist Leid bringend (3.Sg.Opt.)
dhyāna-sthaḥ asau
jener in der Meditation weilend (Nom.Sg.)
tathā api
gleichwohl
evam
so
indriyaiḥ
durch die Sinne (Instr.Pl.)
vivaśaḥ bhavet
wird willenlos, überwältigt (3.Sg.Opt.)

tāni gāḍhaṃ niyamyāpi tathāpy anyaiḥ prabādhyate | śītoṣṇa-sukha-duḥkhādyair vyādhibhir mānasais tathā ||28||

Selbst wenn er diese [Sinne] fest gezügelt hat, wird er dennoch von anderem bedrängt: von Kälte und Hitze, Freude und Leid und dergleichen, von Krankheiten und ebenso von seelischen [Leiden].

Wort für Wort
tāni
diese [Sinne] (Akk.Pl.n.)
gāḍham niyamya api
auch wenn fest zügelnd (Absol.)
tathā api
dennoch
anyaiḥ
von anderen [Dingen] (Instr.Pl.)
prabādhyate
wird bedrängt (3.Sg.Pass.)
śīta-uṣṇa-sukha-duḥkha-ādyaiḥ
von Kälte, Hitze, Freude, Leid usw. (Instr.Pl.)
vyādhibhiḥ
von Krankheiten (Instr.Pl.)
mānasaiḥ tathā
und von seelischen (Instr.Pl.)

anyair nānā-vidhair jīvaiḥ śastrāgni-jala-mārutaiḥ | śarīraṃ pīḍyate tais taiś cittaṃ saṃkṣubhyate tataḥ ||29||

Von anderen Lebewesen vielerlei Art, von Waffen, Feuer, Wasser und Wind wird der Körper geplagt; durch all dies wird dann das Denken (citta) erschüttert.

Wort für Wort
anyaiḥ
von anderen (Instr.Pl.)
nānā-vidhaiḥ jīvaiḥ
von Lebewesen vielerlei Art (Instr.Pl.)
śastra-agni-jala-mārutaiḥ
von Waffen, Feuer, Wasser, Wind (Instr.Pl.)
śarīram
der Körper (Nom.Sg.)
pīḍyate
wird geplagt (3.Sg.Pass.)
taiḥ taiḥ
durch all diese (Instr.Pl.)
cittam
das Denken (Nom.Sg.)
saṃkṣubhyate
wird erschüttert (3.Sg.Pass.)
tataḥ
dann, daraufhin

tathā prāṇa-vipattau tu kṣobham āyāti mārutaḥ | tato duḥkha-śatair vyāptaṃ cittaṃ kṣubdhaṃ bhaven nṛṇām ||30||

Ebenso gerät bei einer Störung des Lebensatems (prāṇa) der Wind [im Körper] in Aufruhr; dadurch wird das Denken der Menschen von hundert Leiden erfüllt und verwirrt.

Wort für Wort
tathā
ebenso
prāṇa-vipattau tu
bei Störung des Lebensatems aber (Lok.Sg.)
kṣobham āyāti
gerät in Aufruhr (3.Sg.Präs.)
mārutaḥ
der Wind (Nom.Sg.)
tataḥ
dadurch
duḥkha-śataiḥ
von hundert Leiden (Instr.Pl.)
vyāptam
erfüllt, durchdrungen (Nom.Sg.n.)
cittam
das Denken (Nom.Sg.)
kṣubdham bhavet
wird verwirrt (3.Sg.Opt.)
nṛṇām
der Menschen (Gen.Pl.)

Vorlage: vyāpatṃ; zu vyāptaṃ berichtigt.

dehāvasāna-samaye citte yad yad vibhāvayet | tat tad eva bhavej jīva ity evaṃ janma-kāraṇam ||31||

Was immer einer zur Zeit des Endes des Leibes im Denken vergegenwärtigt, eben das wird der Jīva – so ist dies die Ursache der [Wieder-]Geburt.

Wort für Wort
deha-avasāna-samaye
zur Zeit des Endes des Leibes (Lok.Sg.)
citte
im Denken (Lok.Sg.)
yat yat
was auch immer (Akk.Sg.n.)
vibhāvayet
er vergegenwärtigt (3.Sg.Opt.Kaus.)
tat tat eva
eben das (Nom.Sg.n.)
bhavet jīvaḥ
wird der Jīva (3.Sg.Opt.)
iti evam
so, auf diese Weise
janma-kāraṇam
die Ursache der Geburt (Nom.Sg.)

Vgl. Bhagavadgītā 8,6: Woran man in der Todesstunde denkt, dazu gelangt man.

dehānte kiṃ bhavej janma tan na jānanti mānavāḥ | tasmāj jñānaṃ ca vairāgyaṃ jīvasya kevalaṃ śramaḥ ||32||

Was für eine Geburt nach dem Ende des Leibes eintreten wird, das wissen die Menschen nicht. Darum sind Erkenntnis und Leidenschaftslosigkeit (vairāgya) [allein] für den Jīva bloße Mühe.

Wort für Wort
deha-ante
am Ende des Leibes (Lok.Sg.)
kim bhavet janma
welche Geburt sein wird (3.Sg.Opt.)
tat na jānanti
das wissen nicht (3.Pl.Präs.)
mānavāḥ
die Menschen (Nom.Pl.)
tasmāt
darum
jñānam ca vairāgyam
Erkenntnis und Leidenschaftslosigkeit (Nom.Sg.)
jīvasya
für den Jīva (Gen.Sg.)
kevalam śramaḥ
bloße Mühe (Nom.Sg.)

pipīlikā yathā lagnā dehe dhyānād vimucyate | asau kiṃ vṛścikair daṣṭo dehānte vā kathaṃ sukhī ||33||

Wie eine Ameise, die am Leib haftet, durch Meditation abgeschüttelt wird – wird jener [Meditierende] etwa auch [so] von Skorpionen gestochen, oder wie sollte er beim Ende des Leibes glücklich sein?

Wort für Wort
pipīlikā
eine Ameise (Nom.Sg.)
yathā
wie
lagnā
haftend (Nom.Sg.f.)
dehe
am Leib (Lok.Sg.)
dhyānāt
durch Meditation (Abl.Sg.)
vimucyate
wird losgelassen, abgeschüttelt (3.Sg.Pass.)
asau
jener (Nom.Sg.)
kim
etwa?
vṛścikaiḥ daṣṭaḥ
von Skorpionen gestochen (Nom.Sg.)
deha-ante vā
oder beim Ende des Leibes (Lok.Sg.)
katham sukhī
wie glücklich (Nom.Sg.)

Vorlage: draṣṭo; zu daṣṭo („gestochen, gebissen“) berichtigt. Sinn: Durch Meditation allein lässt sich vielleicht das Kribbeln einer Ameise ignorieren, nicht aber ein Skorpionstich oder die Todesnot – daher bedarf es des Yoga.

tasmān mūḍhā na jānanti mithyā-tarkeṇa veṣṭitāḥ | ahaṃkṛtir yadā yasya naṣṭā bhavati tasya vai ||34||

Darum erkennen die Toren, von falschem Räsonieren umstrickt, [dies] nicht. Wenn bei einem das Ich-Machen (ahaṃkṛti) zunichte geworden ist, dann wahrlich

Wort für Wort
tasmāt
darum
mūḍhāḥ
die Toren (Nom.Pl.)
na jānanti
erkennen nicht (3.Pl.Präs.)
mithyā-tarkeṇa
durch falsches Räsonieren (Instr.Sg.)
veṣṭitāḥ
umstrickt (Nom.Pl.)
ahaṃkṛtiḥ
das Ich-Machen (Nom.Sg.)
yadā
wenn
yasya
bei wem (Gen.Sg.)
naṣṭā bhavati
zunichte wird (3.Sg.Präs.)
tasya vai
bei dem wahrlich (Gen.Sg.)

dehas tv api bhaven naṣṭo vyādhayaś cāsya kiṃ punaḥ | jalāgni-śastra-khātādi-bādhā kasya bhaviṣyati ||35||

ist auch der Leib [als solcher] zunichte – und wie viel mehr seine Krankheiten! Wen sollte dann noch Bedrängnis durch Wasser, Feuer, Waffen, Gruben und dergleichen treffen?

Wort für Wort
dehaḥ tu api
auch der Leib (Nom.Sg.)
bhavet naṣṭaḥ
ist zunichte (3.Sg.Opt.)
vyādhayaḥ ca asya
und seine Krankheiten (Nom.Pl.)
kim punaḥ
wie viel mehr
jala-agni-śastra-khāta-ādi-bādhā
Bedrängnis durch Wasser, Feuer, Waffen, Gruben usw. (Nom.Sg.)
kasya bhaviṣyati
wem wird sie sein (3.Sg.Fut.)

yadā yadā parikṣīṇā puṣṭā cāhaṃkṛtir bhavet | tam anenāsya naśyanti pravartante rugādayaḥ ||36||

Je nachdem, ob das Ich-Machen geschwunden oder genährt ist, verschwinden bei ihm dadurch die Krankheiten und dergleichen oder treten hervor.

Wort für Wort
yadā yadā
wann immer, je nachdem
parikṣīṇā
geschwunden (Nom.Sg.f.)
puṣṭā ca
oder genährt (Nom.Sg.f.)
ahaṃkṛtiḥ bhavet
das Ich-Machen ist (3.Sg.Opt.)
tam anena
dadurch, eben dadurch
asya
bei ihm (Gen.Sg.)
naśyanti
verschwinden (3.Pl.Präs.)
pravartante
treten hervor (3.Pl.Präs.Med.)
ruk-ādayaḥ
Krankheiten usw. (Nom.Pl.)

tam anena: syntaktisch unklar; wohl für tena (tam) anena, „eben dadurch“. Der Sinn ist durch die Gegenüberstellung parikṣīṇā/puṣṭā – naśyanti/pravartante gesichert.

kāraṇena vinā kāryaṃ na kadācana vidyate | ahaṃkāraṃ vinā tadvad dehe duḥkhaṃ kathaṃ bhavet ||37||

Ohne Ursache gibt es niemals eine Wirkung; ebenso – wie sollte ohne das Ich-Bewusstsein (ahaṃkāra) im Leib Leid entstehen?

Wort für Wort
kāraṇena vinā
ohne Ursache (Instr.Sg.)
kāryam
Wirkung (Nom.Sg.)
na kadācana vidyate
gibt es niemals (3.Sg.Pass.)
ahaṃkāram vinā
ohne das Ich-Bewusstsein (Akk.Sg.)
tadvat
ebenso
dehe
im Leib (Lok.Sg.)
duḥkham
Leid (Nom.Sg.)
katham bhavet
wie sollte entstehen (3.Sg.Opt.)

śarīreṇa jitāḥ sarve śarīraṃ yogibhir jitam | tat kathaṃ kurute teṣāṃ sukha-duḥkhādikaṃ phalam ||38||

Alle sind vom Körper besiegt; der Körper aber ist von den Yogins besiegt. Wie sollte er ihnen dann noch die Frucht von Freude, Leid und dergleichen bereiten?

Wort für Wort
śarīreṇa
vom Körper (Instr.Sg.)
jitāḥ sarve
alle besiegt (Nom.Pl.)
śarīram
der Körper (Nom.Sg.)
yogibhiḥ jitam
von den Yogins besiegt (Instr.Pl.)
tat
der, es (Nom.Sg.n.)
katham kurute
wie sollte er bereiten (3.Sg.Präs.Med.)
teṣām
ihnen (Gen.Pl.)
sukha-duḥkha-ādikam phalam
die Frucht Freude, Leid usw. (Akk.Sg.)

indriyāṇi mano buddhiḥ kāma-krodhādikaṃ jitam | tenaiva vijitaṃ sarvaṃ nāsau kenāpi bādhyate ||39||

Die Sinne, das Denkorgan (manas), der Intellekt (buddhi), Begierde, Zorn und dergleichen sind [von ihm] besiegt; eben dadurch ist alles besiegt, und er wird von nichts mehr bedrängt.

Wort für Wort
indriyāṇi
die Sinne (Nom.Pl.)
manaḥ
das Denkorgan (Nom.Sg.)
buddhiḥ
der Intellekt (Nom.Sg.)
kāma-krodha-ādikam
Begierde, Zorn usw. (Nom.Sg.n.)
jitam
besiegt (Nom.Sg.n.)
tena eva
eben dadurch (Instr.Sg.)
vijitam sarvam
alles besiegt (Nom.Sg.n.)
na asau
nicht er (Nom.Sg.)
kena api
von irgendetwas (Instr.Sg.)
bādhyate
wird bedrängt (3.Sg.Pass.)

mahā-bhūtāni tattvāni saṃhṛtāni krameṇa ca | sapta-dhātu-mayo deho dagdho yogāgninā śanaiḥ ||40||

Die großen Elemente und die Wirklichkeitsprinzipien (tattva) werden der Reihe nach [in ihre Ursache] zurückgezogen, und der aus den sieben Körpersubstanzen bestehende Leib wird allmählich im Feuer des Yoga verbrannt.

Wort für Wort
mahā-bhūtāni
die großen Elemente (Nom.Pl.)
tattvāni
die Tattvas (Nom.Pl.)
saṃhṛtāni
zurückgezogen, aufgelöst (Nom.Pl.)
krameṇa ca
und der Reihe nach (Instr.Sg.)
sapta-dhātu-mayaḥ
aus sieben Dhātus bestehend (Nom.Sg.)
dehaḥ
der Leib (Nom.Sg.)
dagdhaḥ
verbrannt (Nom.Sg.)
yoga-agninā
durch das Feuer des Yoga (Instr.Sg.)
śanaiḥ
allmählich

Vorlage: dagdhā (fem.) zu deho; zu dagdho berichtigt. Die sieben Dhātus: Chylus, Blut, Fleisch, Fett, Knochen, Mark, Samen.

devair api na lakṣyeta yogi-deho mahā-balaḥ | bheda-bandha-vinirmukto nānā-śakti-dharaḥ paraḥ ||41||

Selbst von den Göttern wird der Leib des Yogin nicht wahrgenommen: von großer Kraft, befreit von der Fessel der Trennung, Träger vielfältiger Kräfte (śakti), erhaben.

Wort für Wort
devaiḥ api
selbst von den Göttern (Instr.Pl.)
na lakṣyeta
würde nicht wahrgenommen (3.Sg.Opt.Pass.)
yogi-dehaḥ
der Leib des Yogin (Nom.Sg.)
mahā-balaḥ
von großer Kraft (Nom.Sg.)
bheda-bandha-vinirmuktaḥ
befreit von der Fessel der Trennung (Nom.Sg.)
nānā-śakti-dharaḥ
Träger vielerlei Kräfte (Nom.Sg.)
paraḥ
erhaben, höchst (Nom.Sg.)

yathākāśas tathā deha ākāśād api nirmalaḥ | sūkṣmāt sūkṣmataro dṛśyaḥ sthūlāt sthūlo jaḍāj jaḍaḥ ||42||

Wie der Raum, so ist [sein] Leib – reiner noch als der Raum; feiner als das Feine und [doch] sichtbar, gröber als das Grobe, dichter als das Dichte.

Wort für Wort
yathā ākāśaḥ
wie der Raum (Nom.Sg.)
tathā dehaḥ
so der Leib (Nom.Sg.)
ākāśāt api
selbst als der Raum (Abl.Sg.)
nirmalaḥ
reiner, makellos (Nom.Sg.)
sūkṣmāt sūkṣmataraḥ
feiner als das Feine (Abl.Sg./Komp.)
dṛśyaḥ
sichtbar (Nom.Sg.)
sthūlāt sthūlaḥ
gröber als das Grobe (Abl.Sg.)
jaḍāt jaḍaḥ
dichter/träger als das Träge (Abl.Sg.)

icchā-rūpo hi yogīndraḥ svatantras tv ajarāmaraḥ | krīḍate triṣu lokeṣu līlayā yatra-kutracit ||43||

Der Fürst der Yogins nimmt Gestalt nach Belieben an, ist unabhängig, frei von Alter und Tod; er spielt in den drei Welten, wo immer er will, aus bloßer Lust.

Wort für Wort
icchā-rūpaḥ
mit Gestalt nach Wunsch (Nom.Sg.)
hi
fürwahr
yogi-indraḥ
der Fürst der Yogins (Nom.Sg.)
svatantraḥ tu
unabhängig (Nom.Sg.)
ajara-amaraḥ
ohne Alter und Tod (Nom.Sg.)
krīḍate
spielt (3.Sg.Präs.Med.)
triṣu lokeṣu
in den drei Welten (Lok.Pl.)
līlayā
spielend, aus Lust (Instr.Sg.)
yatra-kutracit
wo auch immer

acintya-śaktimān yogī nānā-rūpāṇi dhārayet | saṃharec ca punas tāni svecchayā vijitendriyaḥ ||44||

Mit unausdenkbarer Kraft begabt, kann der Yogin vielerlei Gestalten annehmen und sie nach eigenem Willen wieder einziehen, er, der seine Sinne besiegt hat.

Wort für Wort
acintya-śaktimān
mit undenkbarer Kraft begabt (Nom.Sg.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
nānā-rūpāṇi
vielerlei Gestalten (Akk.Pl.)
dhārayet
kann annehmen (3.Sg.Opt.Kaus.)
saṃharet ca
und kann einziehen (3.Sg.Opt.)
punaḥ tāni
sie wieder (Akk.Pl.)
sva-icchayā
nach eigenem Willen (Instr.Sg.)
vijita-indriyaḥ
mit besiegten Sinnen (Nom.Sg.)

nāsau maraṇam āpnoti punar yoga-balena tu | haṭhena mṛta evāsau mṛtasya maraṇaṃ kutaḥ ||45||

Kraft des Yoga erleidet jener den Tod nicht mehr. Durch den Haṭha[-Yoga] ist er ja bereits gestorben – woher sollte einem Gestorbenen der Tod kommen?

Wort für Wort
na asau
nicht jener (Nom.Sg.)
maraṇam āpnoti
erlangt den Tod (3.Sg.Präs.)
punaḥ
wieder
yoga-balena tu
kraft des Yoga aber (Instr.Sg.)
haṭhena
durch Haṭha (Instr.Sg.)
mṛtaḥ eva asau
jener ist ja gestorben (Nom.Sg.)
mṛtasya
eines Gestorbenen (Gen.Sg.)
maraṇam kutaḥ
woher der Tod (Nom.Sg.)

maraṇaṃ yatra sarveṣāṃ tatrāsau parijīvati | yatra jīvanti mūḍhās tu tatrāsau mṛta eva vai ||46||

Wo für alle der Tod ist, dort lebt jener weiter; wo aber die Toren leben, dort ist jener wahrlich tot.

Wort für Wort
maraṇam yatra
wo der Tod (Nom.Sg.)
sarveṣām
aller (Gen.Pl.)
tatra asau
dort jener
parijīvati
lebt weiter (3.Sg.Präs.)
yatra jīvanti
wo leben (3.Pl.Präs.)
mūḍhāḥ tu
die Toren aber (Nom.Pl.)
tatra asau
dort jener
mṛtaḥ eva vai
ist wahrlich tot (Nom.Sg.)

kartavyaṃ naiva tasyāsti kṛtenāsau na lipyate | jīvan-muktaḥ sadā svacchaḥ sarva-doṣa-vivarjitaḥ ||47||

Es gibt für ihn nichts mehr zu tun, und durch Getanes wird er nicht befleckt: zu Lebzeiten befreit (jīvan-mukta), stets lauter, frei von allen Fehlern.

Wort für Wort
kartavyam
zu Tuendes (Nom.Sg.n., Gerundiv)
na eva tasya asti
gibt es für ihn nicht
kṛtena
durch Getanes (Instr.Sg.)
asau na lipyate
jener wird nicht befleckt (3.Sg.Pass.)
jīvan-muktaḥ
lebend befreit (Nom.Sg.)
sadā svacchaḥ
stets lauter, klar (Nom.Sg.)
sarva-doṣa-vivarjitaḥ
frei von allen Fehlern (Nom.Sg.)

viraktā jñāninaś cānye dehena vijitāḥ sadā | te kathaṃ yogibhis tulyā māṃsa-piṇḍāḥ ku-dehinaḥ ||48||

Die anderen aber, die Leidenschaftslosen und die Wissenden, sind immerzu vom Leib besiegt. Wie sollten sie den Yogins gleichkommen – Fleischklumpen, Träger eines elenden Leibes?

Wort für Wort
viraktāḥ
die Leidenschaftslosen (Nom.Pl.)
jñāninaḥ ca
und die Wissenden (Nom.Pl.)
anye
die anderen (Nom.Pl.)
dehena vijitāḥ
vom Leib besiegt (Instr.Sg.)
sadā
immer
te katham
wie [sollten] sie (Nom.Pl.)
yogibhiḥ tulyāḥ
den Yogins gleich (Instr.Pl.)
māṃsa-piṇḍāḥ
Fleischklumpen (Nom.Pl.)
ku-dehinaḥ
mit schlechtem Leib versehen (Nom.Pl.)

dehānte jñānibhiḥ puṇyāt pāpāc ca phalam āpyate | īdṛśaṃ tu bhavet tat tad bhuktvā jñānī punar bhavet ||49||

Nach dem Ende des Leibes empfangen die Wissenden die Frucht aus Verdienst und Schuld. Ist sie von solcher Art, so wird der Wissende, nachdem er sie jeweils genossen hat, wieder [geboren].

Wort für Wort
deha-ante
nach dem Ende des Leibes (Lok.Sg.)
jñānibhiḥ
von den Wissenden (Instr.Pl.)
puṇyāt pāpāt ca
aus Verdienst und aus Schuld (Abl.Sg.)
phalam āpyate
die Frucht wird erlangt (3.Sg.Pass.)
īdṛśam tu bhavet
ist sie aber von solcher Art (3.Sg.Opt.)
tat tat bhuktvā
das jeweilige genossen habend (Absol.)
jñānī
der Wissende (Nom.Sg.)
punaḥ bhavet
wird wieder [geboren] (3.Sg.Opt.)

paścāt puṇyena labhate siddhena saha saṅgatim | tataḥ siddhasya kṛpayā yogī bhavati nānyathā ||50||

Danach erlangt er durch Verdienst die Gemeinschaft mit einem Vollendeten (siddha); dann wird er durch die Gnade des Vollendeten ein Yogin – nicht anders.

Wort für Wort
paścāt
danach
puṇyena
durch Verdienst (Instr.Sg.)
labhate
erlangt (3.Sg.Präs.Med.)
siddhena saha
mit einem Siddha (Instr.Sg.)
saṅgatim
Gemeinschaft, Begegnung (Akk.Sg.)
tataḥ
dann
siddhasya kṛpayā
durch die Gnade des Siddha (Instr.Sg.)
yogī bhavati
wird ein Yogin (3.Sg.Präs.)
na anyathā
nicht anders

tato naśyati saṃsāro nānyathā śiva-bhāṣitam | yogena rahitaṃ jñānaṃ na mokṣāya bhaved vidhe ||51||

Dann vergeht der Daseinskreislauf – nicht anders; [das ist] Śivas Wort. Erkenntnis ohne Yoga führt nicht zur Erlösung, o Vidhi.

Wort für Wort
tataḥ
dann
naśyati saṃsāraḥ
der Saṃsāra vergeht (3.Sg.Präs.)
na anyathā
nicht anders
śiva-bhāṣitam
von Śiva gesprochen (Nom.Sg.n.)
yogena rahitam
des Yoga entbehrend (Nom.Sg.n.)
jñānam
Erkenntnis (Nom.Sg.)
na mokṣāya bhavet
dient nicht der Erlösung (Dat.Sg.; 3.Sg.Opt.)
vidhe
o Vidhi (Vok.)

jñānenaiva vinā yogo na siddhyati kadācana | janmāntaraiś ca bahubhir yogo jñānena labhyate ||52||

Ohne Erkenntnis aber gelingt der Yoga niemals; und erst durch viele weitere Geburten wird der Yoga mittels der Erkenntnis erlangt.

Wort für Wort
jñānena eva vinā
ohne Erkenntnis eben (Instr.Sg.)
yogaḥ
der Yoga (Nom.Sg.)
na siddhyati kadācana
gelingt niemals (3.Sg.Präs.)
janma-antaraiḥ ca bahubhiḥ
und durch viele weitere Geburten (Instr.Pl.)
yogaḥ
der Yoga (Nom.Sg.)
jñānena labhyate
wird durch Erkenntnis erlangt (3.Sg.Pass.)

jñānaṃ tu janmanaikena yogād eva prajāyate | tasmād yogāt parataro nāsti mārgas tu mokṣa-daḥ ||53||

Die Erkenntnis aber entsteht in einer einzigen Geburt allein aus dem Yoga. Darum gibt es keinen Weg, der Erlösung schenkt, der höher wäre als der Yoga.

Wort für Wort
jñānam tu
die Erkenntnis aber (Nom.Sg.)
janmanā ekena
in einer einzigen Geburt (Instr.Sg.)
yogāt eva
allein aus dem Yoga (Abl.Sg.)
prajāyate
entsteht (3.Sg.Präs.Med.)
tasmāt
darum
yogāt parataraḥ
höher als der Yoga (Abl.Sg./Komp.)
na asti mārgaḥ
gibt es keinen Weg (Nom.Sg.)
tu
aber
mokṣa-daḥ
Erlösung gebend (Nom.Sg.)

Vorlage: tasmāyogāt; zu tasmād yogāt berichtigt.

pravicārya ciraṃ jñānaṃ mukto 'ham iti manyate | kim asau mananād eva mukto bhavati tat-kṣaṇāt ||54||

Wer lange über die Erkenntnis nachgedacht hat, meint: „Ich bin befreit.“ Wird jener etwa allein durch das Nachdenken im selben Augenblick befreit?

Wort für Wort
pravicārya
nachgedacht habend (Absol.)
ciram
lange
jñānam
über die Erkenntnis (Akk.Sg.)
muktaḥ aham iti
„ich bin befreit“ – so
manyate
meint er (3.Sg.Präs.Med.)
kim asau
etwa jener?
mananāt eva
allein durch Nachdenken (Abl.Sg.)
muktaḥ bhavati
wird befreit (3.Sg.Präs.)
tat-kṣaṇāt
in diesem Augenblick (Abl.Sg.)

paścāj janma-śatāntarair yogād eva vimucyate | na tathā bhavato yogāj janma-mṛtyū punaḥ punaḥ ||55||

Erst später, nach hundert weiteren Geburten, wird er allein durch den Yoga erlöst. Nicht so [verhält es sich] mit dem Yoga: Aus ihm [folgen] nicht immer wieder Geburt und Tod.

Wort für Wort
paścāt
später
janma-śata-antaraiḥ
nach hundert weiteren Geburten (Instr.Pl.)
yogāt eva
allein durch den Yoga (Abl.Sg.)
vimucyate
wird erlöst (3.Sg.Pass.)
na tathā
nicht so
bhavataḥ
sind, entstehen (3.Du.Präs.)
yogāt
aus dem Yoga (Abl.Sg.)
janma-mṛtyū
Geburt und Tod (Nom.Du.)
punaḥ punaḥ
immer wieder

Vorlage: janmaśantāntarair; zu janma-śatāntarair berichtigt. Der zweite Halbvers ist elliptisch: Vom Yoga her (yogāt) wiederholen sich (bhavataḥ) Geburt und Tod nicht mehr.

prāṇāpāna-samāyogāc candra-sūryaikatā bhavet | sapta-dhātu-mayaṃ deham agninā rañjayed dhruvam ||56||

Durch die Vereinigung von Prāṇa und Apāna entsteht die Einheit von Mond und Sonne. [Der Yogin] soll den aus sieben Substanzen bestehenden Leib gewiss mit Feuer durchglühen.

Wort für Wort
prāṇa-apāna-samāyogāt
durch die Vereinigung von Prāṇa und Apāna (Abl.Sg.)
candra-sūrya-ekatā
die Einheit von Mond und Sonne (Nom.Sg.)
bhavet
entsteht (3.Sg.Opt.)
sapta-dhātu-mayam deham
den aus sieben Dhātus bestehenden Leib (Akk.Sg.)
agninā
mit Feuer (Instr.Sg.)
rañjayet
soll färben, durchglühen (3.Sg.Opt.Kaus.)
dhruvam
gewiss

vyādhayas tasya naśyanti cheda-khātādikās tathā | tadāsau paramākāśa-rūpo dehy avatiṣṭhati ||57||

Seine Krankheiten vergehen, ebenso [Verletzungen durch] Schnitte, Gruben und dergleichen. Dann verharrt jener Verkörperte in der Gestalt des höchsten Raumes.

Wort für Wort
vyādhayaḥ tasya
seine Krankheiten (Nom.Pl.)
naśyanti
vergehen (3.Pl.Präs.)
cheda-khāta-ādikāḥ tathā
und ebenso Schnitte, Gruben usw. (Nom.Pl.)
tadā asau
dann jener
parama-ākāśa-rūpaḥ
in Gestalt des höchsten Raumes (Nom.Sg.)
dehī
der Verkörperte (Nom.Sg.)
avatiṣṭhati
verharrt (3.Sg.Präs.)

Vorlage: cchedakhātādikāstathā mit Komma statt Daṇḍa; als cheda-khātādikās tathā gelesen.

kiṃ punar bahunoktena maraṇaṃ nāsti tasya vai | dehīva dṛśyate loke dagdha-karpūravat svayam ||58||

Wozu noch viele Worte: Für ihn gibt es wahrlich keinen Tod. Er erscheint in der Welt nur wie ein Verkörperter – von sich aus [ist er] wie verbrannter Kampfer.

Wort für Wort
kim punaḥ
wozu noch
bahunā uktena
mit vielem Gesagten (Instr.Sg.)
maraṇam na asti
Tod gibt es nicht
tasya vai
für ihn wahrlich (Gen.Sg.)
dehī iva
wie ein Verkörperter (Nom.Sg.)
dṛśyate loke
erscheint in der Welt (3.Sg.Pass.)
dagdha-karpūra-vat
wie verbrannter Kampfer
svayam
von sich aus

cittaṃ prāṇena saṃbaddhaṃ sarva-jīveṣu saṃsthitam | rajjvā yadvat susaṃbaddhaḥ pakṣī tadvad idaṃ manaḥ ||59||

Das Denken (citta), das in allen Lebewesen wohnt, ist an den Lebensatem gebunden. Wie ein Vogel, der fest an eine Schnur gebunden ist, so ist dieses Denkorgan (manas).

Wort für Wort
cittam
das Denken (Nom.Sg.)
prāṇena saṃbaddham
an den Prāṇa gebunden (Nom.Sg.n.)
sarva-jīveṣu
in allen Lebewesen (Lok.Pl.)
saṃsthitam
befindlich (Nom.Sg.n.)
rajjvā
an eine Schnur (Instr.Sg.)
yadvat
wie
susaṃbaddhaḥ pakṣī
ein fest gebundener Vogel (Nom.Sg.)
tadvat
so
idam manaḥ
dieses Denkorgan (Nom.Sg.)

Vgl. Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 29 und Haṭhapradīpikā 4,21–24 (Bindung des Geistes an den Atem).

nānā-vidhair vicārais tu na bādhyaṃ jāyate manaḥ | tasmāt tasya jayopāyaḥ prāṇa eva hi nānyathā ||60||

Durch Erwägungen vielerlei Art lässt sich das Denkorgan nicht bezwingen. Darum ist das Mittel, es zu besiegen, allein der Lebensatem (prāṇa) – nicht anders.

Wort für Wort
nānā-vidhaiḥ vicāraiḥ tu
durch Erwägungen vielerlei Art aber (Instr.Pl.)
na bādhyam jāyate
wird nicht bezwingbar (Gerundiv; 3.Sg.Präs.Med.)
manaḥ
das Denkorgan (Nom.Sg.)
tasmāt
darum
tasya jaya-upāyaḥ
das Mittel zu seiner Besiegung (Nom.Sg.)
prāṇaḥ eva hi
allein der Prāṇa fürwahr (Nom.Sg.)
na anyathā
nicht anders

tarkair jalpaiḥ śāstra-jālair yuktibhir mantra-bheṣajaiḥ | na vaśo jāyate prāṇaḥ siddhopāyaṃ vinā vidhe ||61||

Durch Argumente, Wortgefechte, Netze von Lehrschriften, Kunstgriffe, Mantras und Heilmittel wird der Lebensatem nicht gefügig – nur durch das Mittel der Vollendeten (siddha), o Vidhi.

Wort für Wort
tarkaiḥ
durch Argumente (Instr.Pl.)
jalpaiḥ
durch Wortgefechte (Instr.Pl.)
śāstra-jālaiḥ
durch Netze von Lehrschriften (Instr.Pl.)
yuktibhiḥ
durch Kunstgriffe (Instr.Pl.)
mantra-bheṣajaiḥ
durch Mantras und Heilmittel (Instr.Pl.)
na vaśaḥ jāyate
wird nicht gefügig (3.Sg.Präs.Med.)
prāṇaḥ
der Prāṇa (Nom.Sg.)
siddha-upāyam vinā
ohne das Mittel der Siddhas (Akk.Sg.)
vidhe
o Vidhi (Vok.)

upāyaṃ tam avijñāya yoga-mārge pravartate | khaṇḍa-jñānena sahasā jāyate kleśavattaraḥ ||62||

Wer, ohne dieses Mittel zu kennen, den Weg des Yoga betritt, gerät durch sein Stückwerk-Wissen alsbald in noch größere Bedrängnis.

Wort für Wort
upāyam tam
dieses Mittel (Akk.Sg.)
avijñāya
nicht kennend (Absol.)
yoga-mārge
auf dem Yoga-Weg (Lok.Sg.)
pravartate
schreitet voran (3.Sg.Präs.Med.)
khaṇḍa-jñānena
durch Stückwerk-Wissen (Instr.Sg.)
sahasā
plötzlich, alsbald
jāyate
wird (3.Sg.Präs.Med.)
kleśavattaraḥ
noch mehr von Plagen behaftet (Nom.Sg., Komp.)

yo jitvā pavanaṃ mohād yogam icchati yoginām | so 'pakvaṃ kumbham āruhya sāgaraṃ tartum icchati ||63||

Wer aus Verblendung den Yoga der Yogins begehrt, ohne den Wind besiegt zu haben, der will auf einem ungebrannten Krug das Meer überqueren.

Wort für Wort
yaḥ
wer (Nom.Sg.)
jitvā pavanam
den Wind besiegt habend [gemeint: nicht besiegt] (Absol.)
mohāt
aus Verblendung (Abl.Sg.)
yogam icchati
begehrt den Yoga (3.Sg.Präs.)
yoginām
der Yogins (Gen.Pl.)
saḥ
der (Nom.Sg.)
apakvam kumbham
einen ungebrannten Krug (Akk.Sg.)
āruhya
besteigend (Absol.)
sāgaram tartum icchati
will das Meer überqueren (Inf.; 3.Sg.Präs.)

Der Vers verlangt dem Sinn nach ajitvā („ohne besiegt zu haben“); die Vorlage bietet jitvā, was wohl auf Verlust des Negationspräfixes beruht. Vgl. Śivasaṃhitā 3,1.

yasya prāṇo vilīno 'ntaḥ sādhake jīvite sati | piṇḍo na patitas tasya cittaṃ doṣaiḥ prabādhate ||64||

Bei wem der Lebensatem im Innern aufgelöst ist, während der Übende noch lebt, dessen Leib fällt nicht; [sonst aber] bedrängt das Denken [ihn] mit Fehlern.

Wort für Wort
yasya prāṇaḥ
wessen Prāṇa (Gen.Sg.)
vilīnaḥ antaḥ
im Innern aufgelöst (Nom.Sg.)
sādhake jīvite sati
während der Übende lebt (Lok.abs.)
piṇḍaḥ
der Leib (Nom.Sg.)
na patitaḥ tasya
fällt bei dem nicht (Nom.Sg.)
cittam
das Denken (Nom.Sg.)
doṣaiḥ
mit Fehlern (Instr.Pl.)
prabādhate
bedrängt (3.Sg.Präs.Med.)

Der zweite Halbvers ist gedrängt: Solange der Prāṇa nicht im Innern aufgelöst ist, bleibt das Denken den Fehlern ausgesetzt (vgl. Vers 65).

śuddhe cetasi tasyaiva svātma-jñānaṃ prakāśate | tasmāj jñānaṃ bhaved yogāj janmanaikena padma-ja ||65||

Erst wenn sein Denken rein ist, leuchtet ihm die Erkenntnis des eigenen Selbst auf. Darum entsteht die Erkenntnis aus dem Yoga in einer einzigen Geburt, o Lotosgeborener.

Wort für Wort
śuddhe cetasi
bei reinem Denken (Lok.abs.)
tasya eva
eben ihm (Gen.Sg.)
sva-ātma-jñānam
die Erkenntnis des eigenen Selbst (Nom.Sg.)
prakāśate
leuchtet auf (3.Sg.Präs.Med.)
tasmāt
darum
jñānam bhavet
entsteht Erkenntnis (3.Sg.Opt.)
yogāt
aus dem Yoga (Abl.Sg.)
janmanā ekena
in einer einzigen Geburt (Instr.Sg.)
padma-ja
o Lotosgeborener (Vok.)

tasmād yogaṃ tam evādau sādhako nityam abhyaset | mumukṣubhiḥ prāṇa-jayaḥ kartavyo mokṣa-hetave ||66||

Darum soll der Übende zuerst eben diesen Yoga beständig praktizieren. Die nach Erlösung Strebenden müssen um der Erlösung willen die Bezwingung des Lebensatems vollbringen.

Wort für Wort
tasmāt
darum
yogam tam eva
eben diesen Yoga (Akk.Sg.)
ādau
zuerst (Lok.Sg.)
sādhakaḥ
der Übende (Nom.Sg.)
nityam abhyaset
soll beständig üben (3.Sg.Opt.)
mumukṣubhiḥ
von den Erlösungssuchenden (Instr.Pl.)
prāṇa-jayaḥ
die Bezwingung des Prāṇa (Nom.Sg.)
kartavyaḥ
ist zu vollbringen (Gerundiv)
mokṣa-hetave
um der Erlösung willen (Dat.Sg.)

yogāt parataraṃ puṇyaṃ yogāt parataraṃ śivam | yogāt parataraṃ sūkṣmaṃ yogāt parataraṃ na hi ||67||

Nichts ist verdienstvoller als der Yoga, nichts heilvoller als der Yoga, nichts feiner als der Yoga – nichts steht über dem Yoga.

Wort für Wort
yogāt parataram
höher als der Yoga (Abl.Sg./Komp.n.)
puṇyam
Verdienst, Heiliges (Nom.Sg.)
śivam
Heilvolles (Nom.Sg.)
sūkṣmam
Feines (Nom.Sg.)
na hi
gibt es fürwahr nicht

yo 'pāna-prāṇayor aikyaṃ sva-rajo-retasos tathā | sūryā-candramasor yogo jīvātma-paramātmanoḥ ||68||

Die Einheit von Apāna und Prāṇa, ebenso von eigenem Rajas und Samen (retas), die Vereinigung von Sonne und Mond, von Einzelseele (jīvātman) und höchstem Selbst (paramātman) –

Wort für Wort
yaḥ
welche (Nom.Sg.m., bezogen auf yogaḥ)
apāna-prāṇayoḥ aikyam
die Einheit von Apāna und Prāṇa (Nom.Sg.)
sva-rajaḥ-retasoḥ tathā
ebenso von eigenem Rajas und Samen (Gen.Du.)
sūryā-candramasoḥ
von Sonne und Mond (Gen.Du.)
yogaḥ
die Vereinigung (Nom.Sg.)
jīva-ātma-parama-ātmanoḥ
von Einzelseele und höchstem Selbst (Gen.Du.)

Nahezu wörtlich Gorakṣaśataka (Gorakṣapaddhati) 1,64 (Definition des Yoga als Vereinigung der Gegensatzpaare) und Yogabīja 89–90.

evaṃ tu dvandva-jālasya saṃyogo yoga ucyate | atha yoga-śikhāṃ vakṣye sarva-jñāneṣu cottamām ||69||

– so wird die Zusammenführung des Netzes der Gegensatzpaare „Yoga“ genannt. Nun will ich die Krone des Yoga (yoga-śikhā) verkünden, die höchste unter allen Erkenntnissen.

Wort für Wort
evam tu
so aber
dvandva-jālasya
des Netzes der Gegensatzpaare (Gen.Sg.)
saṃyogaḥ
die Zusammenführung (Nom.Sg.)
yogaḥ ucyate
wird Yoga genannt (3.Sg.Pass.)
atha
nun
yoga-śikhām
die Krone/Spitze des Yoga (Akk.Sg.)
vakṣye
ich will verkünden (1.Sg.Fut.)
sarva-jñāneṣu ca
und unter allen Erkenntnissen (Lok.Pl.)
uttamām
die höchste (Akk.Sg.f.)

yadānudhyāyate mantraṃ gātra-kampo 'tha jāyate | āsanaṃ padmakaṃ baddhvā yac cānyad api rocate ||70||

Wenn man das Mantra nachsinnend wiederholt, entsteht ein Zittern der Glieder. Man nehme den Lotossitz (padmaka-āsana) ein oder auch einen anderen, der einem zusagt,

Wort für Wort
yadā
wenn
anudhyāyate
man sinnt nach, meditiert (3.Sg.Präs.Med.)
mantram
das Mantra (Akk.Sg.)
gātra-kampaḥ
Zittern der Glieder (Nom.Sg.)
atha jāyate
dann entsteht (3.Sg.Präs.Med.)
āsanam padmakam
den Lotossitz (Akk.Sg.)
baddhvā
eingenommen habend (Absol.)
yat ca anyat api
oder auch einen anderen (Nom.Sg.n.)
rocate
gefällt (3.Sg.Präs.Med.)

nāsāgre dṛṣṭim āropya hasta-pādau ca saṃyatau | manaḥ sarvatra saṃgṛhya oṃkāraṃ tatra cintayet ||71||

richte den Blick auf die Nasenspitze, halte Hände und Füße gezügelt, sammle das Denkorgan von überall her ein und sinne dort über die Silbe Oṃ (oṃkāra).

Wort für Wort
nāsā-agre
auf die Nasenspitze (Lok.Sg.)
dṛṣṭim āropya
den Blick richtend (Absol.)
hasta-pādau ca
und Hände und Füße (Akk.Du.)
saṃyatau
gezügelt (Akk.Du.)
manaḥ
das Denkorgan (Akk.Sg.)
sarvatra saṃgṛhya
von überall einsammelnd (Absol.)
oṃkāram
die Silbe Oṃ (Akk.Sg.)
tatra cintayet
dort soll man bedenken (3.Sg.Opt.)

dhyāyate satataṃ prājño hṛt kṛtvā parameśvaram | eka-stambhe nava-dvāre tri-sthūṇe pañca-daivate ||72||

Der Weise meditiert beständig, indem er den höchsten Herrn zum Herzen [seiner Meditation] macht. In [dem Leib] mit einem Pfeiler, neun Toren, drei Pfosten und fünf Gottheiten –

Wort für Wort
dhyāyate
meditiert (3.Sg.Präs.Med.)
satatam
beständig
prājñaḥ
der Weise (Nom.Sg.)
hṛt kṛtvā
zum Herzen machend (Absol.)
parama-īśvaram
den höchsten Herrn (Akk.Sg.)
eka-stambhe
mit einem Pfeiler (Lok.Sg.)
nava-dvāre
mit neun Toren (Lok.Sg.)
tri-sthūṇe
mit drei Pfosten (Lok.Sg.)
pañca-daivate
mit fünf Gottheiten (Lok.Sg.)

Ein Pfeiler: die Wirbelsäule (Suṣumnā); neun Tore: die Körperöffnungen; drei Pfosten: die drei Guṇas bzw. die drei Körpersäfte; fünf Gottheiten: die fünf Elemente bzw. Sinne. Vgl. Śvetāśvatara-Upaniṣad 3,18 („Stadt mit neun Toren“).

īdṛśe tu śarīre vā matimān upalakṣayet | āditya-maṇḍalākāraṃ raśmi-jvālā-samākulam ||73||

in einem solchen Leib soll der Einsichtige [das Licht] wahrnehmen, das die Gestalt der Sonnenscheibe hat und von Strahlen und Flammen wimmelt.

Wort für Wort
īdṛśe tu śarīre
in einem solchen Leib (Lok.Sg.)
vā
aber, nun
matimān
der Einsichtige (Nom.Sg.)
upalakṣayet
soll wahrnehmen (3.Sg.Opt.Kaus.)
āditya-maṇḍala-ākāram
mit der Gestalt der Sonnenscheibe (Akk.Sg.)
raśmi-jvālā-samākulam
von Strahlen und Flammen erfüllt (Akk.Sg.)

Vorlage: matimānnopalakṣayet („der Einsichtige nehme nicht wahr“), was dem Zusammenhang widerspricht; als matimān upalakṣayet gelesen (die Doppelung -nn- vor Vokal ist eine häufige Schreibgewohnheit).

tasya madhya-gataṃ vahniṃ prajvaled dīpa-vartivat | dīpa-śikhā tu yā mātrā sā mātrā parameśvare ||74||

Das Feuer in dessen Mitte lodere wie ein Lampendocht. Das Maß, das eine Lampenflamme hat – dieses Maß [gilt] beim höchsten Herrn.

Wort für Wort
tasya madhya-gatam
in dessen Mitte befindlich (Akk.Sg.)
vahnim
das Feuer (Akk.Sg.)
prajvalet
soll lodern (3.Sg.Opt.)
dīpa-varti-vat
wie ein Lampendocht
dīpa-śikhā tu
die Lampenflamme aber (Nom.Sg.)
yā mātrā
welches Maß (Nom.Sg.)
sā mātrā
dieses Maß (Nom.Sg.)
parama-īśvare
beim höchsten Herrn (Lok.Sg.)

Der Akkusativ vahniṃ zum intransitiven prajvalet ist ungenau; gemeint: das Feuer lasse man aufflammen. Die Vorstellung des Ātman als flammengroßes Licht im Herzen vgl. Dhyānabindu-Upaniṣad und Śvetāśvatara-Upaniṣad 5,8–9.

bhindanti yoginaḥ sūryaṃ yogābhyāsena vai punaḥ | dvitīyaṃ suṣumnā-dvāraṃ pariśubhraṃ samarpitam ||75||

Die Yogins durchbrechen die Sonne durch die Yoga-Übung immer wieder; das zweite, das ganz reine Tor der Suṣumnā, wird [ihnen] dargeboten.

Wort für Wort
bhindanti
durchbrechen (3.Pl.Präs.)
yoginaḥ
die Yogins (Nom.Pl.)
sūryam
die Sonne (Akk.Sg.)
yoga-abhyāsena
durch Yoga-Übung (Instr.Sg.)
vai punaḥ
fürwahr immer wieder
dvitīyam
das zweite (Nom.Sg.n.)
suṣumnā-dvāram
das Tor der Suṣumnā (Nom.Sg.)
pariśubhram
ganz rein (Nom.Sg.n.)
samarpitam
dargeboten (Nom.Sg.n.)

„Die Sonne durchbrechen“: Aufstieg über den Sonnenkanal (Piṅgalā, sūrya-bheda) hinaus; das „zweite Tor“ ist der Zugang zur mittleren Nāḍī.

kapāla-sampuṭaṃ pītvā tataḥ paśyati tat padam | atha na dhyāyate jantur ālasyāc ca pramādataḥ ||76||

Hat er die Schädelschale [ihres Nektars] ausgetrunken, dann schaut er jene Stätte. Meditiert aber ein Wesen nicht, aus Trägheit und aus Nachlässigkeit,

Wort für Wort
kapāla-sampuṭam
die Schädelschale, das Schädelgefäß (Akk.Sg.)
pītvā
getrunken habend (Absol.)
tataḥ paśyati
dann schaut er (3.Sg.Präs.)
tat padam
jene Stätte (Akk.Sg.)
atha
aber, nun
na dhyāyate
meditiert nicht (3.Sg.Präs.Med.)
jantuḥ
das Wesen, der Mensch (Nom.Sg.)
ālasyāt ca
und aus Trägheit (Abl.Sg.)
pramādataḥ
aus Nachlässigkeit (Abl.)

yadi tri-kālam āgacchet sa gacchet puṇya-sampadam | puṇyam etat samāsādya saṃkṣipya kathitaṃ mayā ||77||

[so gilt:] wenn er [wenigstens] zu den drei Tageszeiten [zur Übung] kommt, gelangt er zu einer Fülle von Verdienst. Wie man dieses Verdienst erlangt, habe ich in Kürze dargelegt.

Wort für Wort
yadi
wenn
tri-kālam
zu den drei Tageszeiten (Akk.Sg., adv.)
āgacchet
er käme (3.Sg.Opt.)
saḥ gacchet
er gelangte (3.Sg.Opt.)
puṇya-sampadam
zur Fülle des Verdienstes (Akk.Sg.)
puṇyam etat
dieses Verdienst (Akk.Sg.)
samāsādya
erlangend (Absol.)
saṃkṣipya
zusammenfassend (Absol.)
kathitam mayā
von mir dargelegt (Nom.Sg.n.)

labdha-yogo 'tha buddhyeta prasannaṃ parameśvaram | janmāntara-sahasreṣu yadā kṣīṇaṃ tu kilbiṣam ||78||

Wer den Yoga erlangt hat, möge dann den gnädigen höchsten Herrn erkennen. Wenn in Tausenden von Geburten die Schuld geschwunden ist,

Wort für Wort
labdha-yogaḥ
der den Yoga erlangt hat (Nom.Sg.)
atha
dann
buddhyeta
möge erkennen (3.Sg.Opt.Med.)
prasannam
den gnädigen, heiteren (Akk.Sg.)
parama-īśvaram
den höchsten Herrn (Akk.Sg.)
janma-antara-sahasreṣu
in Tausenden weiterer Geburten (Lok.Pl.)
yadā
wenn
kṣīṇam tu
geschwunden aber (Nom.Sg.n.)
kilbiṣam
die Schuld (Nom.Sg.)

tadā paśyati yogena saṃsārocchedanaṃ mahat | adhunā sampravakṣyāmi yogābhyāsasya lakṣaṇam ||79||

dann schaut er durch den Yoga die große Abschneidung des Daseinskreislaufs. Nun will ich die Kennzeichen der Yoga-Übung darlegen.

Wort für Wort
tadā paśyati
dann schaut er (3.Sg.Präs.)
yogena
durch den Yoga (Instr.Sg.)
saṃsāra-ucchedanam
die Abschneidung des Saṃsāra (Akk.Sg.)
mahat
groß (Akk.Sg.n.)
adhunā
nun
sampravakṣyāmi
ich will darlegen (1.Sg.Fut.)
yoga-abhyāsasya
der Yoga-Übung (Gen.Sg.)
lakṣaṇam
das Kennzeichen (Akk.Sg.)

maruj-jayo yasya siddhaḥ sevayet taṃ guruṃ sadā | guru-vaktra-prasādena kuryāt prāṇa-jayaṃ budhaḥ ||80||

Wem die Bezwingung des Windes gelungen ist, dem soll man als Lehrer (guru) stets dienen. Durch die Gnade aus dem Munde des Lehrers vollbringe der Verständige die Bezwingung des Lebensatems.

Wort für Wort
marut-jayaḥ
die Bezwingung des Windes (Nom.Sg.)
yasya siddhaḥ
wem gelungen (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
sevayet
man soll dienen (3.Sg.Opt.Kaus.)
tam gurum
diesem Lehrer (Akk.Sg.)
sadā
stets
guru-vaktra-prasādena
durch die Gnade des Lehrermundes (Instr.Sg.)
kuryāt
soll vollbringen (3.Sg.Opt.)
prāṇa-jayam
die Bezwingung des Prāṇa (Akk.Sg.)
budhaḥ
der Verständige (Nom.Sg.)

Vorlage: guruvastraprasādena („durch die Gnade des Lehrergewandes“); zu guru-vaktra-prasādena berichtigt (mündliche Unterweisung, vgl. Haṭhapradīpikā 3,9 und 4,9). Denkbar wäre auch, dass vastra auf das im nächsten Vers beschriebene Tuch vorausweist.

vitasti-pramitaṃ dairghyaṃ catur-aṅgula-vistṛtam | mṛdulaṃ dhavalaṃ proktaṃ veṣṭanāmbara-lakṣaṇam ||81||

Eine Spanne (vitasti) lang, vier Fingerbreit breit, weich und weiß – so wird das Wickeltuch (veṣṭana-ambara) beschrieben.

Wort für Wort
vitasti-pramitam
eine Spanne messend (Nom.Sg.n.)
dairghyam
die Länge (Nom.Sg.)
catur-aṅgula-vistṛtam
vier Fingerbreit breit (Nom.Sg.n.)
mṛdulam
weich (Nom.Sg.n.)
dhavalam
weiß (Nom.Sg.n.)
proktam
genannt (Nom.Sg.n.)
veṣṭana-ambara-lakṣaṇam
das Kennzeichen des Wickeltuchs (Nom.Sg.)

Nahezu wörtlich Haṭhapradīpikā 3,113: das Tuch, mit dem der Yogin bei der Kuṇḍalinī-Erweckung (śakti-cālana) den Unterleib umwickelt; vgl. Gorakṣaśataka 1,53 (Ausgabe Nowotny) und Yogakuṇḍalinī-Upaniṣad 1,11.

nirudhya mārutaṃ gāḍhaṃ śakti-cālana-yuktitaḥ | aṣṭadhā kuṇḍalī-bhūtām ṛjvīṃ kuryāt tu kuṇḍalīm ||82||

Man halte den Wind fest an und mache mit dem Kunstgriff des Śakti-Rüttelns (śakti-cālana) die Kuṇḍalī, die achtfach zusammengerollt liegt, gerade.

Wort für Wort
nirudhya
anhaltend (Absol.)
mārutam
den Wind (Akk.Sg.)
gāḍham
fest (Adv.)
śakti-cālana-yuktitaḥ
mittels des Kunstgriffs des Śakti-Rüttelns (Abl.)
aṣṭadhā
achtfach
kuṇḍalī-bhūtām
zusammengerollt gewordene (Akk.Sg.f.)
ṛjvīm kuryāt
soll gerade machen (Akk.Sg.f.; 3.Sg.Opt.)
tu
aber
kuṇḍalīm
die Kuṇḍalī (Akk.Sg.)

pāyor ākuñcanaṃ kuryāt kuṇḍalīṃ cālayet tadā | mṛtyu-cakra-gatasyāpi tasya mṛtyu-bhayaṃ kutaḥ ||83||

Man ziehe den After zusammen und rüttle so die Kuṇḍalī auf. Selbst wenn er in das Rad des Todes geraten ist – woher sollte ihm Todesfurcht kommen?

Wort für Wort
pāyoḥ ākuñcanam
Zusammenziehen des Afters (Akk.Sg.)
kuryāt
man soll machen (3.Sg.Opt.)
kuṇḍalīm cālayet
soll die Kuṇḍalī rütteln (3.Sg.Opt.Kaus.)
tadā
dann
mṛtyu-cakra-gatasya api
selbst des in das Rad des Todes Geratenen (Gen.Sg.)
tasya
für ihn (Gen.Sg.)
mṛtyu-bhayam kutaḥ
woher Todesfurcht (Nom.Sg.)

etad eva paraṃ guhyaṃ kathitaṃ tu mayā tava | vajrāsana-gato nityam ūrdhvākuñcanam abhyaset ||84||

Eben dies ist das höchste Geheimnis, das ich dir mitgeteilt habe. Im Vajrāsana sitzend übe man beständig das Zusammenziehen nach oben.

Wort für Wort
etat eva
eben dies (Nom.Sg.n.)
param guhyam
das höchste Geheimnis (Nom.Sg.)
kathitam tu mayā tava
von mir dir mitgeteilt
vajra-āsana-gataḥ
im Vajrāsana sitzend (Nom.Sg.)
nityam
beständig
ūrdhva-ākuñcanam
das Zusammenziehen nach oben (Akk.Sg.)
abhyaset
soll üben (3.Sg.Opt.)

Vajrāsana ist in der Haṭhapradīpikā (1,37) ein Name des Siddhāsana; das „Zusammenziehen nach oben“ entspricht dem Mūla-Bandha.

vāyunā jvalito vahniḥ kuṇḍalīm aniśaṃ dahet | santaptā sāgninā jīva-śaktis trailokya-mohinī ||85||

Das vom Wind angefachte Feuer soll die Kuṇḍalī unablässig erhitzen. Von diesem Feuer erglüht, [erwacht] die Lebenskraft (jīva-śakti), die die drei Welten betört;

Wort für Wort
vāyunā jvalitaḥ
vom Wind angefacht (Instr.Sg.; Nom.Sg.)
vahniḥ
das Feuer (Nom.Sg.)
kuṇḍalīm
die Kuṇḍalī (Akk.Sg.)
aniśam dahet
soll unablässig erhitzen (3.Sg.Opt.)
santaptā
erglüht (Nom.Sg.f.)
sā agninā
sie durch das Feuer (Nom.Sg.f.; Instr.Sg.)
jīva-śaktiḥ
die Lebenskraft (Nom.Sg.)
trailokya-mohinī
die drei Welten betörend (Nom.Sg.f.)

praviśec candra-tuṇḍe tu suṣumnā-vadanāntare | vāyunā vahninā sārdhaṃ brahma-granthiṃ bhinatti sā ||86||

sie tritt in den Mondschnabel ein, in die Mündung der Suṣumnā. Zusammen mit Wind und Feuer durchbricht sie den Brahma-Knoten (brahma-granthi),

Wort für Wort
praviśet
tritt ein (3.Sg.Opt.)
candra-tuṇḍe tu
in den Mondschnabel (Lok.Sg.)
suṣumnā-vadana-antare
in das Innere der Suṣumnā-Mündung (Lok.Sg.)
vāyunā vahninā sārdham
zusammen mit Wind und Feuer (Instr.Sg.)
brahma-granthim
den Brahma-Knoten (Akk.Sg.)
bhinatti sā
sie durchbricht (3.Sg.Präs.)

viṣṇu-granthiṃ tato bhittvā rudra-granthau ca tiṣṭhati | tatas tu kumbhakair gāḍhaṃ pūrayitvā punaḥ punaḥ ||87||

durchbricht dann den Viṣṇu-Knoten und verweilt am Rudra-Knoten. Danach soll man mit Atemanhaltungen (kumbhaka) immer wieder fest [den Leib mit Atem] füllen

Wort für Wort
viṣṇu-granthim
den Viṣṇu-Knoten (Akk.Sg.)
tataḥ bhittvā
dann durchbrechend (Absol.)
rudra-granthau ca
und am Rudra-Knoten (Lok.Sg.)
tiṣṭhati
verweilt (3.Sg.Präs.)
tataḥ tu
danach aber
kumbhakaiḥ
mit Kumbhakas (Instr.Pl.)
gāḍham pūrayitvā
fest gefüllt habend (Absol.)
punaḥ punaḥ
immer wieder

athābhyaset sūrya-bhedam ujjāyīṃ cāpi śītalīm | bhastrāṃ ca sahito nāma syāc catuṣṭaya-kumbhakaḥ ||88||

und dann Sūryabheda, Ujjāyī, Śītalī und Bhastrā üben – „Sahita“ ist der Name dieses vierfachen Kumbhaka.

Wort für Wort
atha abhyaset
dann soll man üben (3.Sg.Opt.)
sūrya-bhedam
Sūryabheda, „Sonnendurchbruch“ (Akk.Sg.)
ujjāyīm ca api
und Ujjāyī (Akk.Sg.)
śītalīm
Śītalī, „die Kühlende“ (Akk.Sg.)
bhastrām ca
und Bhastrā, „Blasebalg“ (Akk.Sg.)
sahitaḥ nāma syāt
„Sahita“ wäre der Name (3.Sg.Opt.)
catuṣṭaya-kumbhakaḥ
der vierfache Kumbhaka (Nom.Sg.)

Dieselben vier Kumbhakas lehrt die Yogakuṇḍalinī-Upaniṣad 1,20–21; die Haṭhapradīpikā (2,44) kennt acht. „Sahita“ (verbunden, begleitet) heißt der Kumbhaka, weil er mit Ein- und Ausatmung verbunden ist, im Gegensatz zum kevala-kumbhaka (Vers 89).

bandha-trayeṇa saṃyuktaḥ kevala-prāpti-kārakaḥ | athāsya lakṣaṇaṃ samyak kathayāmi samāsataḥ ||89||

Verbunden mit den drei Verschlüssen (bandha) führt er zur Erlangung des Kevala[-Kumbhaka]. Nun erkläre ich seine Kennzeichen genau und in Kürze.

Wort für Wort
bandha-trayeṇa
mit den drei Bandhas (Instr.Sg.)
saṃyuktaḥ
verbunden (Nom.Sg.)
kevala-prāpti-kārakaḥ
die Erlangung des Kevala bewirkend (Nom.Sg.)
atha
nun
asya lakṣaṇam
dessen Kennzeichen (Akk.Sg.)
samyak
genau
kathayāmi
ich erkläre (1.Sg.Präs.)
samāsataḥ
in Kürze (Abl.)

ekākinā samupagamya vivikta-deśaṃ prāṇādi-rūpam amṛtaṃ paramārtha-tattvam | laghv-āśinā dhṛtimatā paribhāvitavyaṃ saṃsāra-roga-haram auṣadham advitīyam ||90||

Allein soll man einen abgeschiedenen Ort aufsuchen; leicht essend und standhaft soll man die unsterbliche Wirklichkeit des höchsten Ziels, die in Gestalt des Lebensatems und der anderen [Winde] erscheint, meditierend durchdringen – das Heilmittel ohnegleichen, das die Krankheit des Daseinskreislaufs vertreibt.

Wort für Wort
ekākinā
von einem, der allein ist (Instr.Sg.)
samupagamya
aufsuchend (Absol.)
vivikta-deśam
einen abgeschiedenen Ort (Akk.Sg.)
prāṇa-ādi-rūpam
in Gestalt von Prāṇa usw. (Akk.Sg.n.)
amṛtam
unsterblich (Akk.Sg.n.)
parama-artha-tattvam
die Wirklichkeit des höchsten Ziels (Akk.Sg.)
laghu-āśinā
von einem leicht Essenden (Instr.Sg.)
dhṛtimatā
von einem Standhaften (Instr.Sg.)
paribhāvitavyam
ist meditierend zu durchdringen (Gerundiv)
saṃsāra-roga-haram
die Krankheit Saṃsāra vertreibend (Akk.Sg.n.)
auṣadham advitīyam
das Heilmittel ohne zweites (Akk.Sg.)

Vers im Vasantatilakā-Metrum, der einzige Vers dieses Metrums im ersten Adhyāya.

sūrya-nāḍyā samākṛṣya vāyum abhyāsa-yoginā | vidhivat kumbhakaṃ kṛtvā recayec chīta-raśminā ||91||

Der übende Yogin ziehe den Wind durch den Sonnenkanal (Piṅgalā) ein, halte ihn vorschriftsgemäß an und lasse ihn durch den Kühlstrahligen (den Mondkanal, Iḍā) wieder aus.

Wort für Wort
sūrya-nāḍyā
durch den Sonnenkanal (Instr.Sg.)
samākṛṣya
einziehend (Absol.)
vāyum
den Wind (Akk.Sg.)
abhyāsa-yoginā
vom übenden Yogin (Instr.Sg.)
vidhivat
vorschriftsgemäß
kumbhakam kṛtvā
Atemanhalten ausführend (Absol.)
recayet
soll ausatmen (3.Sg.Opt.Kaus.)
śīta-raśminā
durch den Kühlstrahligen [Mond] (Instr.Sg.)

Vorlage: recayecchrītaraśminā; zu recayec chīta-raśminā berichtigt (śīta-raśmi „der Kühlstrahlige“ = Mond = Iḍā). Vgl. Haṭhapradīpikā 2,48–50 (Sūryabheda).

udare bahu-roga-ghnaṃ krimi-doṣaṃ nihanti ca | muhur muhur idaṃ kāryaṃ sūrya-bhedam udāhṛtam ||92||

Es vertreibt viele Krankheiten im Bauch und vernichtet das Übel der Würmer. Wieder und wieder ist dies auszuführen; es wird Sūryabheda genannt.

Wort für Wort
udare
im Bauch (Lok.Sg.)
bahu-roga-ghnam
viele Krankheiten tötend (Nom.Sg.n.)
krimi-doṣam
das Wurmübel (Akk.Sg.)
nihanti ca
und vernichtet (3.Sg.Präs.)
muhuḥ muhuḥ
wieder und wieder
idam kāryam
dies ist auszuführen (Gerundiv)
sūrya-bhedam
Sūryabheda (Nom.Sg.n.)
udāhṛtam
genannt (Nom.Sg.n.)

nāḍībhyāṃ vāyum ākṛṣya kuṇḍalyāḥ pārśvayoḥ kṣipet | dhārayed udare paścād recayed iḍayā sudhīḥ ||93||

[Ujjāyī:] Man ziehe den Wind durch beide Kanäle ein und schleudere ihn an die beiden Seiten der Kuṇḍalī; man halte ihn im Bauch und lasse ihn danach durch die Iḍā aus, der Kluge.

Wort für Wort
nāḍībhyām
durch die beiden Kanäle (Instr.Du.)
vāyum ākṛṣya
den Wind einziehend (Absol.)
kuṇḍalyāḥ pārśvayoḥ
an die beiden Seiten der Kuṇḍalī (Gen.Sg.; Lok.Du.)
kṣipet
soll werfen (3.Sg.Opt.)
dhārayet udare
soll im Bauch halten (3.Sg.Opt.Kaus.)
paścāt
danach
recayet iḍayā
soll durch die Iḍā ausatmen (3.Sg.Opt.Kaus.)
sudhīḥ
der Kluge (Nom.Sg.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 2,51–53 (Ujjāyī).

kaṇṭhe kaphādi-doṣa-ghnaṃ śarīrāgni-vivardhanam | nāḍī-jalāpahaṃ dhātu-gata-doṣa-vināśanam ||94||

Es vertreibt Schleim und andere Übel in der Kehle, mehrt das Körperfeuer, beseitigt Wasser in den Kanälen und vernichtet die Übel in den Körpersubstanzen.

Wort für Wort
kaṇṭhe
in der Kehle (Lok.Sg.)
kapha-ādi-doṣa-ghnam
Schleim und andere Übel tötend (Nom.Sg.n.)
śarīra-agni-vivardhanam
das Körperfeuer mehrend (Nom.Sg.n.)
nāḍī-jala-apaham
Wasser der Kanäle beseitigend (Nom.Sg.n.)
dhātu-gata-doṣa-vināśanam
die in den Dhātus sitzenden Übel vernichtend (Nom.Sg.n.)

gacchatas tiṣṭhataḥ kāryam ujjāyy-ākhyaṃ tu kumbhakam | mukhena vāyuṃ saṃgṛhya ghrāṇa-randhreṇa recayet ||95||

Im Gehen wie im Stehen ist das Kumbhaka namens Ujjāyī auszuführen. [Śītalī:] Man nehme den Wind mit dem Mund auf und lasse ihn durch die Nasenlöcher aus.

Wort für Wort
gacchataḥ tiṣṭhataḥ
des Gehenden, des Stehenden (Gen.Sg.)
kāryam
ist auszuführen (Gerundiv)
ujjāyī-ākhyam tu kumbhakam
das Kumbhaka namens Ujjāyī (Nom.Sg.)
mukhena
mit dem Mund (Instr.Sg.)
vāyum saṃgṛhya
den Wind aufnehmend (Absol.)
ghrāṇa-randhreṇa
durch das Nasenloch (Instr.Sg.)
recayet
soll ausatmen (3.Sg.Opt.Kaus.)

śītalī-karaṇaṃ cedaṃ hanti pittaṃ kṣudhāṃ tṛṣam | stanayor atha bhastreva loha-kārasya vegataḥ ||96||

Dies ist das Śītalī-Verfahren; es vertreibt Galle, Hunger und Durst. [Bhastrā:] Sodann [bewege man den Atem] wie den Blasebalg eines Schmieds mit Ungestüm in der Brust,

Wort für Wort
śītalī-karaṇam ca idam
und dies ist das Śītalī-Verfahren (Nom.Sg.)
hanti
vertreibt (3.Sg.Präs.)
pittam
Galle (Akk.Sg.)
kṣudhām tṛṣam
Hunger, Durst (Akk.Sg.)
stanayoḥ
in den Brüsten, im Brustkorb (Lok.Du.)
atha
sodann
bhastrā iva
wie ein Blasebalg (Nom.Sg.)
loha-kārasya
des Schmieds (Gen.Sg.)
vegataḥ
mit Ungestüm (Abl.)

stanayoḥ „in den beiden Brüsten“, d.h. im Brustkorb. Vgl. Haṭhapradīpikā 2,59–67 (Bhastrikā).

recayet pūrayed vāyum ā śramaṃ deha-gaṃ dhiyā | yathā śramo bhaved dehe tathā sūryeṇa pūrayet ||97||

man lasse den Wind, der im Leib ist, mit Bedacht aus und fülle ihn ein, bis zur Ermüdung. Sobald im Leib Ermüdung eintritt, fülle man ihn durch den Sonnen[kanal] ein,

Wort für Wort
recayet
soll ausatmen (3.Sg.Opt.Kaus.)
pūrayet
soll einfüllen (3.Sg.Opt.Kaus.)
vāyum
den Wind (Akk.Sg.)
ā śramam
bis zur Ermüdung (Akk.Sg. mit ā)
deha-gam
im Leib befindlich (Akk.Sg.)
dhiyā
mit Bedacht (Instr.Sg.)
yathā śramaḥ bhavet dehe
sobald im Leib Ermüdung entsteht (3.Sg.Opt.)
tathā
dann
sūryeṇa pūrayet
fülle man durch die Sonne ein (3.Sg.Opt.Kaus.)

Vorlage: recyet; zu recayet berichtigt. āśramaṃ als ā śramam „bis zur Ermüdung“ aufgelöst.

kaṇṭha-saṃkocanaṃ kṛtvā punaś candreṇa recayet | vāta-pitta-śleṣma-haraṃ śarīrāgni-vivardhanam ||98||

ziehe die Kehle zusammen und lasse ihn wieder durch den Mond[kanal] aus. [Dies] vertreibt Wind, Galle und Schleim, mehrt das Körperfeuer,

Wort für Wort
kaṇṭha-saṃkocanam kṛtvā
die Kehle zusammenziehend (Absol.)
punaḥ
wieder
candreṇa recayet
soll durch den Mond ausatmen (3.Sg.Opt.Kaus.)
vāta-pitta-śleṣma-haram
Wind, Galle und Schleim vertreibend (Nom.Sg.n.)
śarīra-agni-vivardhanam
das Körperfeuer mehrend (Nom.Sg.n.)

kuṇḍalī-bodhakaṃ vaktra-doṣa-ghnaṃ śubha-daṃ sukham | brahma-nāḍī-mukhāntastha-kaphādy-argala-nāśanam ||99||

erweckt die Kuṇḍalī, vertreibt die Übel des Mundes, bringt Heil und Wohlbefinden und zerstört die Riegel aus Schleim und dergleichen, die in der Mündung des Brahma-Kanals (brahma-nāḍī) sitzen.

Wort für Wort
kuṇḍalī-bodhakam
die Kuṇḍalī erweckend (Nom.Sg.n.)
vaktra-doṣa-ghnam
die Übel des Mundes tötend (Nom.Sg.n.)
śubha-dam
Heil gebend (Nom.Sg.n.)
sukham
Wohlbefinden, angenehm (Nom.Sg.n.)
brahma-nāḍī-mukha-antastha-kapha-ādi-argala-nāśanam
die in der Mündung der Brahma-Nāḍī sitzenden Riegel aus Schleim usw. zerstörend (Nom.Sg.n.)

samyag bandhu-samudbhūtaṃ [?] granthi-traya-vibhedakam | viśeṣeṇaiva kartavyaṃ bhastrākhyaṃ kumbhakaṃ tv idam ||100||

Es durchbricht die drei Knoten, die im Leib fest entstanden sind [Anm.: bandhu-samudbhūtaṃ in der Vorlage ist verderbt; die Haṭhapradīpikā liest gātra-samudbhūta „im Körper entstanden“]. Ganz besonders ist dieses Kumbhaka namens Bhastrā auszuführen.

Wort für Wort
samyak
recht, fest
bandhu-samudbhūtam [?]
verderbt; lies gātra-samudbhūta „im Körper entstanden“
granthi-traya-vibhedakam
die drei Knoten durchbrechend (Nom.Sg.n.)
viśeṣeṇa eva
ganz besonders (Instr.Sg.)
kartavyam
ist auszuführen (Gerundiv)
bhastrā-ākhyam
Bhastrā genannt (Nom.Sg.n.)
kumbhakam tu idam
dieses Kumbhaka aber (Nom.Sg.)

Haṭhapradīpikā 2,67: samyag gātra-samudbhūta-granthi-traya-vibhedakam. Das Wort bandhu („Verwandter“) der Vorlage gibt keinen Sinn; die Übersetzung folgt der Lesart gātra.

bandha-trayam athedānīṃ pravakṣyāmi yathā-kramam | nityaṃ kṛtena tenāsau vāyor jayam avāpnuyāt ||101||

Nun will ich sogleich die drei Verschlüsse (bandha) der Reihe nach darlegen. Durch deren beständige Ausführung erlangt man den Sieg über den Wind.

Wort für Wort
bandha-trayam
die drei Bandhas (Akk.Sg.)
atha idānīm
nun sogleich
pravakṣyāmi
ich will darlegen (1.Sg.Fut.)
yathā-kramam
der Reihe nach
nityam kṛtena tena
durch dessen beständige Ausführung (Instr.Sg.)
asau
jener (Nom.Sg.)
vāyoḥ jayam
den Sieg über den Wind (Akk.Sg.)
avāpnuyāt
erlangt (3.Sg.Opt.)

caturṇām api bhedānāṃ kumbhake samupasthite | bandha-trayam idaṃ kāryaṃ vakṣyamāṇaṃ mayā hi tat ||102||

Wenn das Kumbhaka in einer seiner vier Arten eingetreten ist, sind diese drei Verschlüsse auszuführen – sie werden nun von mir dargelegt.

Wort für Wort
caturṇām api bhedānām
auch der vier Arten (Gen.Pl.)
kumbhake samupasthite
wenn das Kumbhaka eingetreten ist (Lok.abs.)
bandha-trayam idam
diese drei Bandhas (Nom.Sg.)
kāryam
ist auszuführen (Gerundiv)
vakṣyamāṇam
das dargelegt werden wird (Part.Fut.Pass.)
mayā hi tat
von mir fürwahr dies

prathamo mūla-bandhas tu dvitīyoḍḍīyanābhidhaḥ | jālandharas tṛtīyas tu lakṣaṇaṃ kathayāmy aham ||103||

Der erste ist der Mūla-Bandha, der zweite heißt Uḍḍīyana, der dritte ist der Jālandhara – ich erkläre ihre Kennzeichen.

Wort für Wort
prathamaḥ
der erste (Nom.Sg.)
mūla-bandhaḥ tu
der Mūla-Bandha (Nom.Sg.)
dvitīyaḥ
der zweite (Nom.Sg.)
uḍḍīyana-abhidhaḥ
Uḍḍīyana genannt (Nom.Sg.)
jālandharaḥ
Jālandhara (Nom.Sg.)
tṛtīyaḥ tu
der dritte aber (Nom.Sg.)
lakṣaṇam
das Kennzeichen (Akk.Sg.)
kathayāmi aham
ich erkläre (1.Sg.Präs.)

Vorlage: jālandhāras; zu jālandharas berichtigt. Der Text schreibt den zweiten Bandha wechselnd uḍḍīyana/uḍḍiyāna/uḍyāṇa.

gudaṃ pārṣṇyā tu sampīḍya pāyum ākuñcayed balāt | vāraṃ vāraṃ yathā cordhvaṃ samāyāti samīraṇaḥ ||104||

Man presse den After mit der Ferse und ziehe den Anus kräftig zusammen, wieder und wieder, so dass der Wind nach oben steigt.

Wort für Wort
gudam
den After (Akk.Sg.)
pārṣṇyā tu
mit der Ferse (Instr.Sg.)
sampīḍya
pressend (Absol.)
pāyum ākuñcayet
soll den Anus zusammenziehen (3.Sg.Opt.Kaus.)
balāt
kräftig (Abl.Sg.)
vāram vāram
wieder und wieder
yathā ca
so dass
ūrdhvam samāyāti
nach oben kommt (3.Sg.Präs.)
samīraṇaḥ
der Wind (Nom.Sg.)

Vorlage: ākuñcaledbalāt; zu ākuñcayed balāt berichtigt. Vgl. Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 46, Haṭhapradīpikā 3,61.

prāṇāpānau nāda-bindū mūla-bandhena caikatām | gatvā yogasya saṃsiddhiṃ yacchato nātra saṃśayaḥ ||105||

Prāṇa und Apāna, Klang (nāda) und Tropfen (bindu) gelangen durch den Mūla-Bandha zur Einheit und verleihen die volle Vollendung des Yoga – daran ist kein Zweifel.

Wort für Wort
prāṇa-apānau
Prāṇa und Apāna (Nom.Du.)
nāda-bindū
Nāda und Bindu (Nom.Du.)
mūla-bandhena
durch den Mūla-Bandha (Instr.Sg.)
ca
und
ekatām gatvā
zur Einheit gelangend (Absol.)
yogasya saṃsiddhim
die volle Vollendung des Yoga (Akk.Sg.)
yacchataḥ
sie beide geben (3.Du.Präs.)
na atra saṃśayaḥ
daran ist kein Zweifel

Vgl. Haṭhapradīpikā 3,64; Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 47. yacchataḥ (Dual) bezieht sich auf die beiden Paare.

kumbhakānte recakādau kartavyas tūḍḍiyānakaḥ | bandho yena suṣumnāyāṃ prāṇas tūḍḍīyate yataḥ ||106||

Am Ende des Atemanhaltens und zu Beginn des Ausatmens ist der Uḍḍiyāna-Verschluss auszuführen – der Verschluss, durch den der Lebensatem in der Suṣumnā „auffliegt“ (uḍḍīyate).

Wort für Wort
kumbhaka-ante
am Ende des Kumbhaka (Lok.Sg.)
recaka-ādau
zu Beginn des Ausatmens (Lok.Sg.)
kartavyaḥ tu
ist auszuführen (Gerundiv)
uḍḍiyānakaḥ bandhaḥ
der Uḍḍiyāna-Verschluss (Nom.Sg.)
yena
durch den (Instr.Sg.)
suṣumnāyām
in der Suṣumnā (Lok.Sg.)
prāṇaḥ tu uḍḍīyate
der Prāṇa auffliegt (3.Sg.Pass.)
yataḥ
weil, da

In der Vorlage fehlt nach diesem Vers der schließende Doppelstrich (॥); die Nummer 106 ist aber vorhanden. Vgl. Haṭhapradīpikā 3,55 (Etymologie: prāṇas tūḍḍīyate yasmāt).

tasmād uḍḍīyanākhyo 'yaṃ yogibhiḥ samudāhṛtaḥ | uḍḍiyānaṃ tu sahajaṃ guruṇā kathitaṃ sadā ||107||

Deshalb wird er von den Yogins „Uḍḍīyana“ genannt. Der Uḍḍiyāna aber, wie ihn der Lehrer stets als natürlichen (sahaja) lehrt –

Wort für Wort
tasmāt
deshalb
uḍḍīyana-ākhyaḥ
Uḍḍīyana genannt (Nom.Sg.)
ayam
dieser (Nom.Sg.)
yogibhiḥ
von den Yogins (Instr.Pl.)
samudāhṛtaḥ
bezeichnet (Nom.Sg.)
uḍḍiyānam tu
der Uḍḍiyāna aber (Nom.Sg.n.)
sahajam
natürlich, angeboren (Nom.Sg.n.)
guruṇā
vom Lehrer (Instr.Sg.)
kathitam sadā
stets gelehrt (Nom.Sg.n.)

abhyaset tad atandras tu vṛddho 'pi taruṇo bhavet | nābher ūrdhvam adhaś cāpi trāṇaṃ kuryāt prayatnataḥ ||108||

wer ihn unermüdlich übt, wird selbst als Greis wieder jung. Oberhalb und unterhalb des Nabels soll man mit Anstrengung das Zurückziehen ausführen.

Wort für Wort
abhyaset tat
soll das üben (3.Sg.Opt.)
atandraḥ tu
unermüdlich (Nom.Sg.)
vṛddhaḥ api
selbst ein Greis (Nom.Sg.)
taruṇaḥ bhavet
wird jung (3.Sg.Opt.)
nābheḥ ūrdhvam
oberhalb des Nabels (Abl.Sg.)
adhaḥ ca api
und auch unterhalb
trāṇam kuryāt
soll das Zurückziehen (wörtl. Schutz) ausführen (3.Sg.Opt.)
prayatnataḥ
mit Anstrengung (Abl.)

trāṇaṃ („Schutz“) steht wohl für tāṇaṃ/ākuñcanaṃ, das Zurückziehen des Bauches nach hinten (vgl. Haṭhapradīpikā 3,57: tāṇaṃ kuryāt prayatnataḥ). Übersetzt nach dem Sinn der Parallele.

ṣāṇ-māsam abhyasen mṛtyuṃ jayaty eva na saṃśayaḥ | pūrakānte tu kartavyo bandho jālandharābhidhaḥ ||109||

Übt man sechs Monate, so besiegt man gewiss den Tod, kein Zweifel. Am Ende des Einatmens aber ist der Verschluss namens Jālandhara auszuführen.

Wort für Wort
ṣāṇ-māsam
sechs Monate lang (Akk.Sg.)
abhyaset
übt man (3.Sg.Opt.)
mṛtyum jayati eva
besiegt gewiss den Tod (3.Sg.Präs.)
na saṃśayaḥ
kein Zweifel
pūraka-ante tu
am Ende des Einatmens aber (Lok.Sg.)
kartavyaḥ
ist auszuführen (Gerundiv)
bandhaḥ jālandhara-abhidhaḥ
der Verschluss namens Jālandhara (Nom.Sg.)

kaṇṭha-saṃkoca-rūpo 'sau vāyu-mārga-nirodhakaḥ | kaṇṭham ākuñcya hṛdaye sthāpayed dṛḍham icchayā ||110||

Er besteht im Zusammenziehen der Kehle und sperrt den Weg des Windes. Man ziehe die Kehle zusammen und setze [das Kinn] mit Willen fest auf das Herz.

Wort für Wort
kaṇṭha-saṃkoca-rūpaḥ
in Gestalt des Zusammenziehens der Kehle (Nom.Sg.)
asau
jener (Nom.Sg.)
vāyu-mārga-nirodhakaḥ
den Weg des Windes sperrend (Nom.Sg.)
kaṇṭham ākuñcya
die Kehle zusammenziehend (Absol.)
hṛdaye
auf das Herz (Lok.Sg.)
sthāpayet
soll setzen (3.Sg.Opt.Kaus.)
dṛḍham
fest (Adv.)
icchayā
mit Willen (Instr.Sg.)

Vorlage: vāyurmārga-; zu vāyu-mārga- berichtigt.

bandho jālandharākhyo 'yam amṛtāpyāya-kārakaḥ | adhastāt kuñcanenāśu kaṇṭha-saṃkocane kṛte ||111||

Dieser Verschluss namens Jālandhara bewirkt das Anschwellen des Nektars (amṛta). Ist die Kehle zusammengezogen und rasch das Zusammenziehen von unten [Mūla-Bandha] ausgeführt,

Wort für Wort
bandhaḥ jālandhara-ākhyaḥ ayam
dieser Verschluss namens Jālandhara (Nom.Sg.)
amṛta-āpyāya-kārakaḥ
das Anschwellen des Nektars bewirkend (Nom.Sg.)
adhastāt kuñcanena
durch das Zusammenziehen von unten (Instr.Sg.)
āśu
rasch
kaṇṭha-saṃkocane kṛte
wenn die Kehle zusammengezogen ist (Lok.abs.)

madhye paścima-tānena syāt prāṇo brahma-nāḍi-gaḥ | vajrāsana-sthito yogī cālayitvā tu kuṇḍalīm ||112||

so gelangt der Lebensatem durch das Spannen nach hinten in der Mitte [Uḍḍiyāna] in den Brahma-Kanal. Der im Vajrāsana sitzende Yogin soll die Kuṇḍalī aufrütteln

Wort für Wort
madhye
in der Mitte (Lok.Sg.)
paścima-tānena
durch das Spannen nach hinten/Westen (Instr.Sg.)
syāt
wird (3.Sg.Opt.)
prāṇaḥ
der Prāṇa (Nom.Sg.)
brahma-nāḍi-gaḥ
in die Brahma-Nāḍī gehend (Nom.Sg.)
vajra-āsana-sthitaḥ yogī
der im Vajrāsana sitzende Yogin (Nom.Sg.)
cālayitvā tu
aufgerüttelt habend (Absol.)
kuṇḍalīm
die Kuṇḍalī (Akk.Sg.)

kuryād anantaraṃ bhastrīṃ kuṇḍalīm āśu bodhayet | bhidyante granthayo vaṃśe tapta-loha-śalākayā ||113||

und unmittelbar darauf die Bhastrā ausführen – so erweckt er die Kuṇḍalī rasch. Wie die Knoten in einem Bambusrohr mit einem glühenden Eisenstab durchstoßen werden,

Wort für Wort
kuryāt anantaram
soll unmittelbar darauf ausführen (3.Sg.Opt.)
bhastrīm
die Bhastrā (Akk.Sg.)
kuṇḍalīm āśu bodhayet
soll die Kuṇḍalī rasch erwecken (3.Sg.Opt.Kaus.)
bhidyante
werden durchstoßen (3.Pl.Pass.)
granthayaḥ
die Knoten (Nom.Pl.)
vaṃśe
im Bambusrohr (Lok.Sg.)
tapta-loha-śalākayā
mit einem glühenden Eisenstab (Instr.Sg.)

tathaiva pṛṣṭha-vaṃśaḥ syād granthi-bhedas tu vāyunā | pipīlikāyāṃ lagnāyāṃ kaṇḍūs tatra pravartate ||114||

ebenso [geschieht] am Rückgrat das Durchstoßen der Knoten durch den Wind. Wie dort, wo eine Ameise sitzt, ein Jucken entsteht,

Wort für Wort
tathā eva
ebenso
pṛṣṭha-vaṃśaḥ
das Rückgrat, „Rückenbambus“ (Nom.Sg.)
syāt
sei, es geschieht (3.Sg.Opt.)
granthi-bhedaḥ tu
das Durchstoßen der Knoten (Nom.Sg.)
vāyunā
durch den Wind (Instr.Sg.)
pipīlikāyām lagnāyām
wenn eine Ameise sitzt (Lok.abs.)
kaṇḍūḥ
Jucken (Nom.Sg.)
tatra pravartate
entsteht dort (3.Sg.Präs.Med.)

suṣumnāyāṃ tathābhyāsāt satataṃ vāyunā bhavet | rudra-granthiṃ tato bhittvā tato yāti śivātmakam ||115||

so entsteht [ein Prickeln] durch beständige Übung mit dem Wind in der Suṣumnā. Hat er dann den Rudra-Knoten durchbrochen, geht er weiter zu dem, was Śivas Wesen ist.

Wort für Wort
suṣumnāyām
in der Suṣumnā (Lok.Sg.)
tathā
so
abhyāsāt
durch Übung (Abl.Sg.)
satatam
beständig
vāyunā bhavet
entsteht durch den Wind (3.Sg.Opt.)
rudra-granthim
den Rudra-Knoten (Akk.Sg.)
tataḥ bhittvā
dann durchbrechend (Absol.)
tataḥ yāti
dann geht er (3.Sg.Präs.)
śiva-ātmakam
zum Śiva-Wesenhaften (Akk.Sg.n.)

candra-sūryau samau kṛtvā tayor yogaḥ pravartate | guṇa-trayam atītaṃ syād granthi-traya-vibhedanāt ||116||

Hat man Mond und Sonne einander gleichgemacht, so kommt ihre Vereinigung zustande. Durch das Durchbrechen der drei Knoten gelangt man über die drei Grundqualitäten (guṇa) hinaus.

Wort für Wort
candra-sūryau
Mond und Sonne (Akk.Du.)
samau kṛtvā
gleich gemacht habend (Absol.)
tayoḥ yogaḥ
ihre Vereinigung (Nom.Sg.)
pravartate
kommt zustande (3.Sg.Präs.Med.)
guṇa-trayam
die drei Guṇas (Akk.Sg.)
atītam syāt
wäre überschritten (3.Sg.Opt.)
granthi-traya-vibhedanāt
durch das Durchbrechen der drei Knoten (Abl.Sg.)

śiva-śakti-samāyoge jāyate paramā sthitiḥ | yathā karī kareṇaiva pānīyaṃ prapibet sadā ||117||

In der Vereinigung von Śiva und Śakti entsteht der höchste Zustand. Wie ein Elefant mit seinem Rüssel allezeit Wasser trinkt,

Wort für Wort
śiva-śakti-samāyoge
in der Vereinigung von Śiva und Śakti (Lok.Sg.)
jāyate
entsteht (3.Sg.Präs.Med.)
paramā sthitiḥ
der höchste Zustand (Nom.Sg.)
yathā karī
wie ein Elefant (Nom.Sg.)
kareṇa eva
mit dem Rüssel eben (Instr.Sg.)
pānīyam prapibet
Wasser trinkt (3.Sg.Opt.)
sadā
allezeit

suṣumnā-vajra-nālena pavamānaṃ graset tathā | vajra-daṇḍa-samudbhūtā maṇayaś caika-viṃśatiḥ ||118||

so soll man durch das Diamantrohr der Suṣumnā den Wind einschlürfen. Aus dem Diamantstab (dem Rückgrat) erwachsen einundzwanzig Perlen (die Wirbel);

Wort für Wort
suṣumnā-vajra-nālena
durch das Diamantrohr der Suṣumnā (Instr.Sg.)
pavamānam
den Wind (Akk.Sg.)
graset tathā
soll so einschlürfen (3.Sg.Opt.)
vajra-daṇḍa-samudbhūtāḥ
aus dem Diamantstab hervorgegangen (Nom.Pl.)
maṇayaḥ ca
und die Perlen (Nom.Pl.)
eka-viṃśatiḥ
einundzwanzig (Nom.Sg.)

suṣumnāyāṃ sthitāḥ sarve sūtre maṇi-gaṇā iva | mokṣa-mārge pratiṣṭhānāt suṣumnā viśva-rūpiṇī ||119||

sie alle sitzen an der Suṣumnā wie Perlenreihen auf einer Schnur. Weil sie auf dem Weg der Erlösung gegründet ist, trägt die Suṣumnā die Gestalt des Alls (viśva-rūpiṇī).

Wort für Wort
suṣumnāyām
an der Suṣumnā (Lok.Sg.)
sthitāḥ sarve
alle sitzend (Nom.Pl.)
sūtre
auf einer Schnur (Lok.Sg.)
maṇi-gaṇāḥ iva
wie Perlenreihen (Nom.Pl.)
mokṣa-mārge
auf dem Weg der Erlösung (Lok.Sg.)
pratiṣṭhānāt
wegen des Gegründetseins (Abl.Sg.)
suṣumnā
die Suṣumnā (Nom.Sg.)
viśva-rūpiṇī
allgestaltig (Nom.Sg.f.)

Vorlage: sthitaḥ (Sg.) zu sarve; zu sthitāḥ berichtigt.

yathaiva niścitaḥ kālaś candra-sūrya-nibandhanāt | āpūrya kumbhito vāyur bahir no yāti sādhake ||120||

Wie die Zeit fest bestimmt ist durch die Bindung an Mond und Sonne, [so] geht der Wind, eingefüllt und angehalten, beim Übenden nicht mehr nach außen.

Wort für Wort
yathā eva
wie eben
niścitaḥ kālaḥ
die Zeit bestimmt ist (Nom.Sg.)
candra-sūrya-nibandhanāt
durch die Bindung an Mond und Sonne (Abl.Sg.)
āpūrya
eingefüllt habend (Absol.)
kumbhitaḥ vāyuḥ
der angehaltene Wind (Nom.Sg.)
bahiḥ no yāti
geht nicht hinaus (3.Sg.Präs.)
sādhake
beim Übenden (Lok.Sg.)

punaḥ punas tadvad eva paścima-dvāra-lakṣaṇam | pūritas tu sa tad-dvārair īṣat-kumbhakatāṃ gataḥ ||121||

Immer wieder [übt man] ebenso das, was das hintere Tor (paścima-dvāra) kennzeichnet. Ist er [der Wind] eingefüllt, gelangt er durch diese Tore zu einem leichten Angehaltensein

Wort für Wort
punaḥ punaḥ
immer wieder
tadvat eva
ebenso
paścima-dvāra-lakṣaṇam
das Kennzeichen des hinteren Tores (Nom./Akk.Sg.)
pūritaḥ tu saḥ
er aber, eingefüllt (Nom.Sg.)
tat-dvāraiḥ
durch diese Tore (Instr.Pl.)
īṣat-kumbhakatām
zu leichtem Angehaltensein (Akk.Sg.)
gataḥ
gelangt (Nom.Sg.)

paścima-dvāra/paścima-mārga („westlicher/hinterer Weg“) bezeichnet in diesem Text die Suṣumnā entlang des Rückgrats.

praviśet sarva-gātreṣu vāyuḥ paścima-mārgataḥ | recitaḥ kṣīṇatāṃ yāti pūritaḥ poṣayet tataḥ ||122||

und dringt vom hinteren Weg aus in alle Glieder ein. Ausgelassen schwindet der Wind; eingefüllt nährt er dann [den Leib].

Wort für Wort
praviśet
dringt ein (3.Sg.Opt.)
sarva-gātreṣu
in alle Glieder (Lok.Pl.)
vāyuḥ
der Wind (Nom.Sg.)
paścima-mārgataḥ
vom hinteren Weg aus (Abl.)
recitaḥ
ausgelassen (Nom.Sg.)
kṣīṇatām yāti
geht in Schwund (3.Sg.Präs.)
pūritaḥ
eingefüllt (Nom.Sg.)
poṣayet tataḥ
nährt dann (3.Sg.Opt.Kaus.)

yatraiva jātaṃ sa-kalevaraṃ manas tatraiva līnaṃ kurute sa yogāt | sa eva mukto nirahaṃkṛtiḥ sukhī mūḍhā na jānanti hi piṇḍa-pātinaḥ ||123||

Wo das Denkorgan samt dem Leib entstanden ist, eben dort lässt er es durch den Yoga sich auflösen. Nur er ist befreit, ohne Ich-Machen, glücklich; die Toren, deren Leib [beim Tod] zerfällt, wissen es nicht.

Wort für Wort
yatra eva jātam
wo eben entstanden (Nom.Sg.n.)
sa-kalevaram
samt dem Leib (Nom.Sg.n.)
manaḥ
das Denkorgan (Nom.Sg.)
tatra eva
eben dort
līnam kurute
lässt aufgehen (3.Sg.Präs.Med.)
saḥ yogāt
er durch den Yoga (Abl.Sg.)
saḥ eva muktaḥ
nur er ist befreit (Nom.Sg.)
nirahaṃkṛtiḥ
ohne Ich-Machen (Nom.Sg.)
sukhī
glücklich (Nom.Sg.)
mūḍhāḥ na jānanti hi
die Toren wissen fürwahr nicht (3.Pl.Präs.)
piṇḍa-pātinaḥ
deren Leib fällt (Nom.Pl.)

Vers im Upajāti-Metrum (elfsilbig).

cittaṃ viniṣṭaṃ yadi bhāsitaṃ syāt tatra pratīto maruto 'pi nāśaḥ | na ced yadi syān na tu tasya śāstraṃ nātma-pratītir na gurur na mokṣaḥ ||124||

Wenn das Denken vergangen und [das Selbst] aufgeleuchtet ist, dann ist dort auch das Vergehen des Windes gewiss. Ist es aber nicht so, dann [nützt] ihm weder Lehrschrift noch Selbstgewissheit, weder Lehrer noch Erlösung.

Wort für Wort
cittam
das Denken (Nom.Sg.)
viniṣṭam
vergangen [vinaṣṭam] (Nom.Sg.n.)
yadi
wenn
bhāsitam syāt
aufgeleuchtet wäre (3.Sg.Opt.)
tatra
dort, dann
pratītaḥ
gewiss, erkannt (Nom.Sg.)
marutaḥ api nāśaḥ
auch das Vergehen des Windes (Nom.Sg.)
na cet yadi syāt
wenn es aber nicht wäre
na tu tasya śāstram
nicht [nützt] ihm die Lehrschrift
na ātma-pratītiḥ
nicht Selbstgewissheit (Nom.Sg.)
na guruḥ na mokṣaḥ
weder Lehrer noch Erlösung

Vorlage: viniṣṭaṃ, wohl für vinaṣṭaṃ („vergangen“); so übersetzt. Upajāti-Metrum.

jalūkā rudhiraṃ yadvad balād ākarṣati svayam | brahma-nāḍī tathā dhātūn santatābhyāsa-yogataḥ ||125||

Wie ein Blutegel von sich aus mit Gewalt das Blut heraussaugt, so [zieht] der Brahma-Kanal durch beständige Übung die Körpersubstanzen (dhātu) an sich.

Wort für Wort
jalūkā
ein Blutegel (Nom.Sg.)
rudhiram
das Blut (Akk.Sg.)
yadvat
wie
balāt
mit Gewalt (Abl.Sg.)
ākarṣati svayam
zieht von selbst an (3.Sg.Präs.)
brahma-nāḍī tathā
so die Brahma-Nāḍī (Nom.Sg.)
dhātūn
die Dhātus (Akk.Pl.)
santata-abhyāsa-yogataḥ
durch beständige Übung (Abl.)

anenābhyāsa-yogena nityam āsana-bandhataḥ | cittaṃ vilīnatām eti bindur no yāty adhas tathā ||126||

Durch diese Übung, beständig in fest eingenommener Sitzhaltung (āsana), löst sich das Denken auf, und ebenso geht der Bindu nicht mehr nach unten.

Wort für Wort
anena abhyāsa-yogena
durch diese Übung (Instr.Sg.)
nityam
beständig
āsana-bandhataḥ
durch das Einnehmen der Sitzhaltung (Abl.)
cittam
das Denken (Nom.Sg.)
vilīnatām eti
geht in Auflösung (3.Sg.Präs.)
binduḥ
der Bindu (Nom.Sg.)
no yāti adhaḥ
geht nicht nach unten (3.Sg.Präs.)
tathā
ebenso

recakaṃ pūrakaṃ muktvā vāyunā sthīyate sthiram | nānā nādāḥ pravartante saṃsravec candra-maṇḍalam ||127||

Ohne Ausatmen und Einatmen verharrt man fest mit dem Wind. Vielerlei Klänge (nāda) treten hervor, und die Mondscheibe lässt [Nektar] herabströmen.

Wort für Wort
recakam pūrakam muktvā
Aus- und Einatmen aufgebend (Absol.)
vāyunā
mit dem Wind (Instr.Sg.)
sthīyate sthiram
man verharrt fest (3.Sg.Pass.)
nānā nādāḥ
vielerlei Klänge (Nom.Pl.)
pravartante
treten hervor (3.Pl.Präs.Med.)
saṃsravet
lässt strömen (3.Sg.Opt.)
candra-maṇḍalam
die Mondscheibe (Nom.Sg.)

naśyanti kṣut-pipāsādyāḥ sarva-doṣās tatas tadā | svarūpe sac-cid-ānande sthitim āpnoti kevalam ||128||

Dann vergehen daraufhin alle Übel wie Hunger und Durst, und man gewinnt allein den Stand in der eigenen Wesensgestalt, dem Sein-Bewusstsein-Seligkeit (sac-cid-ānanda).

Wort für Wort
naśyanti
vergehen (3.Pl.Präs.)
kṣut-pipāsā-ādyāḥ
Hunger, Durst usw. (Nom.Pl.)
sarva-doṣāḥ
alle Übel (Nom.Pl.)
tataḥ tadā
daraufhin dann
sva-rūpe
in der eigenen Wesensgestalt (Lok.Sg.)
sat-cit-ānande
in Sein-Bewusstsein-Seligkeit (Lok.Sg.)
sthitim āpnoti
gewinnt Stand (3.Sg.Präs.)
kevalam
allein, ausschließlich

kathitaṃ tu tava prītyā hy etad abhyāsa-lakṣaṇam | mantro layo haṭho rāja-yogo 'ntar-bhūmikāḥ kramāt ||129||

Aus Liebe zu dir habe ich dieses Kennzeichen der Übung dargelegt. Mantra[-Yoga], Laya[-Yoga], Haṭha[-Yoga] und Rāja-Yoga sind der Reihe nach die inneren Stufen:

Wort für Wort
kathitam tu
dargelegt aber (Nom.Sg.n.)
tava prītyā
aus Liebe zu dir (Instr.Sg.)
hi etat
fürwahr dieses
abhyāsa-lakṣaṇam
das Kennzeichen der Übung (Nom.Sg.)
mantraḥ layaḥ haṭhaḥ
Mantra, Laya, Haṭha (Nom.Sg.)
rāja-yogaḥ
Rāja-Yoga (Nom.Sg.)
antar-bhūmikāḥ
innere Stufen (Nom.Pl.)
kramāt
der Reihe nach (Abl.Sg.)

Die vier Yogas als Stufen eines einzigen „großen Yoga“ lehrt ebenso das Yogabīja (143–150) und die Yogatattva-Upaniṣad 19–23.

eka eva caturdhāyaṃ mahā-yogo 'bhidhīyate | ha-kāreṇa bahir yāti sa-kāreṇa viśet punaḥ ||130||

Dieser eine große Yoga wird [so] vierfach bezeichnet. Mit dem Laut ha geht [der Atem] hinaus, mit dem Laut sa tritt er wieder ein –

Wort für Wort
ekaḥ eva
ein einziger (Nom.Sg.)
caturdhā
vierfach
ayam mahā-yogaḥ
dieser große Yoga (Nom.Sg.)
abhidhīyate
wird bezeichnet (3.Sg.Pass.)
ha-kāreṇa
mit dem Laut ha (Instr.Sg.)
bahiḥ yāti
geht hinaus (3.Sg.Präs.)
sa-kāreṇa
mit dem Laut sa (Instr.Sg.)
viśet punaḥ
tritt wieder ein (3.Sg.Opt.)

Vgl. Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 31–32, Gorakṣaśataka 42 (Ajapā-Gāyatrī).

haṃsa haṃsety amuṃ mantraṃ sarvair jīvaiś ca japyate | guru-vākyāt suṣumnāyāṃ viparīto bhavej japaḥ ||131||

„haṃsa, haṃsa“ – dieses Mantra wird von allen Lebewesen gemurmelt. Nach dem Wort des Lehrers wird das Murmeln in der Suṣumnā umgekehrt:

Wort für Wort
haṃsa haṃsa iti
„haṃsa, haṃsa“ – so
amum mantram
dieses Mantra (Akk.Sg.)
sarvaiḥ jīvaiḥ ca
von allen Lebewesen (Instr.Pl.)
japyate
wird gemurmelt (3.Sg.Pass.)
guru-vākyāt
nach dem Wort des Lehrers (Abl.Sg.)
suṣumnāyām
in der Suṣumnā (Lok.Sg.)
viparītaḥ bhavet
wird umgekehrt (3.Sg.Opt.)
japaḥ
das Murmeln (Nom.Sg.)

Vorlage: sarvairjīvaśca japyate; zu sarvair jīvaiś ca berichtigt (Instrumental zum Passiv).

so 'haṃ so 'ham iti prokto mantra-yogaḥ sa ucyate | pratītir mantra-yogāc ca jāyate paścime pathi ||132||

Es lautet dann „so 'ham, so 'ham“ („Der bin ich“); das wird Mantra-Yoga genannt. Aus dem Mantra-Yoga entsteht die Gewissheit auf dem hinteren Pfad (Suṣumnā).

Wort für Wort
saḥ aham saḥ aham iti
„Der bin ich, der bin ich“ – so
proktaḥ
gesprochen (Nom.Sg.)
mantra-yogaḥ saḥ ucyate
das wird Mantra-Yoga genannt (3.Sg.Pass.)
pratītiḥ
Gewissheit, Erfahrung (Nom.Sg.)
mantra-yogāt ca
und aus dem Mantra-Yoga (Abl.Sg.)
jāyate
entsteht (3.Sg.Präs.Med.)
paścime pathi
auf dem hinteren Pfad (Lok.Sg.)

ha-kāreṇa tu sūryaḥ syāt sa-kāreṇendur ucyate | sūryā-candramasor aikyaṃ haṭha ity abhidhīyate ||133||

Mit dem Laut ha ist die Sonne gemeint, mit dem Laut sa der Mond. Die Einheit von Sonne und Mond wird „Haṭha“ genannt.

Wort für Wort
ha-kāreṇa tu
mit dem Laut ha aber (Instr.Sg.)
sūryaḥ syāt
ist die Sonne (3.Sg.Opt.)
sa-kāreṇa
mit dem Laut sa (Instr.Sg.)
induḥ ucyate
wird der Mond genannt (3.Sg.Pass.)
sūryā-candramasoḥ aikyam
die Einheit von Sonne und Mond (Nom.Sg.)
haṭhaḥ iti
„Haṭha“ – so
abhidhīyate
wird bezeichnet (3.Sg.Pass.)

Die Deutung von ha-ṭha als Sonne und Mond ist die klassische esoterische Etymologie des Haṭha-Yoga (Yogabīja 148).

haṭhena grasyate jāḍyaṃ sarva-doṣa-samudbhavam | kṣetra-jñaḥ paramātmā ca tayor aikyaṃ yadā bhavet ||134||

Durch den Haṭha wird die Trägheit verschlungen, aus der alle Übel entstehen. Der Feldkenner (kṣetra-jña, die Einzelseele) und das höchste Selbst – wenn deren Einheit eintritt,

Wort für Wort
haṭhena
durch Haṭha (Instr.Sg.)
grasyate
wird verschlungen (3.Sg.Pass.)
jāḍyam
die Trägheit (Nom.Sg.)
sarva-doṣa-samudbhavam
Ursprung aller Übel (Nom.Sg.n.)
kṣetra-jñaḥ
der Feldkenner (Nom.Sg.)
parama-ātmā ca
und das höchste Selbst (Nom.Sg.)
tayoḥ aikyam
deren Einheit (Nom.Sg.)
yadā bhavet
wenn sie eintritt (3.Sg.Opt.)

tad-aikye sādhite brahmaṃś cittaṃ yāti vilīnatām | pavanaḥ sthairyam āyāti laya-yogodaye sati ||135||

und diese Einheit verwirklicht ist, o Brahman, dann löst sich das Denken auf; der Wind kommt zur Ruhe, sobald der Laya-Yoga aufgegangen ist.

Wort für Wort
tat-aikye sādhite
wenn diese Einheit verwirklicht ist (Lok.abs.)
brahman
o Brahman [Brahmā] (Vok.)
cittam
das Denken (Nom.Sg.)
yāti vilīnatām
geht in Auflösung (3.Sg.Präs.)
pavanaḥ
der Wind (Nom.Sg.)
sthairyam āyāti
kommt zur Festigkeit (3.Sg.Präs.)
laya-yoga-udaye sati
wenn der Laya-Yoga aufgegangen ist (Lok.abs.)

layāt samprāpyate saukhyaṃ svātmānandaṃ paraṃ padam | yoni-madhye mahā-kṣetre japā-bandhūka-saṃnibham ||136||

Aus der Auflösung (laya) gewinnt man Glück, die Seligkeit des eigenen Selbst, die höchste Stätte. Inmitten der Yoni, im großen Feld, [liegt] das, was der Blüte des Hibiskus und der Bandhūka gleicht:

Wort für Wort
layāt
aus der Auflösung (Abl.Sg.)
samprāpyate
wird gewonnen (3.Sg.Pass.)
saukhyam
Glück (Nom.Sg.)
sva-ātma-ānandam
die Seligkeit des eigenen Selbst (Nom.Sg.)
param padam
die höchste Stätte (Nom.Sg.)
yoni-madhye
inmitten der Yoni (Lok.Sg.)
mahā-kṣetre
im großen Feld (Lok.Sg.)
japā-bandhūka-saṃnibham
der Hibiskus- und Bandhūka-Blüte gleich (Nom.Sg.n.)

Vorlage: svātmānadaṃ; zu svātmānandaṃ berichtigt. Zu Rajas und Retas vgl. Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 60–64, Gorakṣaśataka 70–72.

rajo vasati jantūnāṃ devī-tattvaṃ samāvṛtam | rajaso retaso yogād rāja-yoga iti smṛtaḥ ||137||

das Rajas der Lebewesen wohnt [dort], die verhüllte Wesenheit der Göttin. Aus der Vereinigung von Rajas und Samen (retas) wird [der Yoga] „Rāja-Yoga“ genannt.

Wort für Wort
rajaḥ
das Rajas, [Menstrual-]Rot (Nom.Sg.)
vasati
wohnt (3.Sg.Präs.)
jantūnām
der Lebewesen (Gen.Pl.)
devī-tattvam
die Wesenheit der Göttin (Nom.Sg.)
samāvṛtam
verhüllt (Nom.Sg.n.)
rajasaḥ retasaḥ
von Rajas und Retas (Gen.Sg.)
yogāt
aus der Vereinigung (Abl.Sg.)
rāja-yogaḥ iti smṛtaḥ
wird Rāja-Yoga genannt (Nom.Sg.)

aṇimādi-padaṃ prāpya rājate rāja-yogataḥ | prāṇāpāna-samāyogo jñeyaṃ yoga-catuṣṭayam ||138||

Durch den Rāja-Yoga erlangt man die Stufe der [Vollkommenheiten wie] Aṇimā und erstrahlt (rājate). Die Vereinigung von Prāṇa und Apāna – [dies alles] ist als der vierfache Yoga zu kennen.

Wort für Wort
aṇimā-ādi-padam
die Stufe von Aṇimā usw. (Akk.Sg.)
prāpya
erlangend (Absol.)
rājate
erstrahlt, herrscht (3.Sg.Präs.Med.)
rāja-yogataḥ
durch den Rāja-Yoga (Abl.)
prāṇa-apāna-samāyogaḥ
die Vereinigung von Prāṇa und Apāna (Nom.Sg.)
jñeyam
ist zu kennen (Gerundiv)
yoga-catuṣṭayam
der vierfache Yoga (Nom.Sg.)

saṃkṣepāt kathitaṃ brahman nānyathā śiva-bhāṣitam | krameṇa prāpyate prāpyam abhyāsād eva nānyathā ||139||

In Kürze ist es gesagt, o Brahman, nicht anders lautet Śivas Wort: Stufenweise wird das zu Erreichende erreicht, allein durch Übung – nicht anders.

Wort für Wort
saṃkṣepāt
in Kürze (Abl.Sg.)
kathitam
gesagt (Nom.Sg.n.)
brahman
o Brahman (Vok.)
na anyathā
nicht anders
śiva-bhāṣitam
Śivas Wort (Nom.Sg.n.)
krameṇa
stufenweise (Instr.Sg.)
prāpyate prāpyam
das Erreichbare wird erreicht (3.Sg.Pass.; Gerundiv)
abhyāsāt eva
allein durch Übung (Abl.Sg.)

ekenaiva śarīreṇa yogābhyāsāc chanaiḥ śanaiḥ | cirāt samprāpyate muktir markaṭa-krama eva saḥ ||140||

In einem einzigen Leib wird durch Yoga-Übung ganz allmählich, nach langer Zeit, die Befreiung erlangt; das ist der „Weg des Affen“ (markaṭa-krama).

Wort für Wort
ekena eva śarīreṇa
in einem einzigen Leib (Instr.Sg.)
yoga-abhyāsāt
durch Yoga-Übung (Abl.Sg.)
śanaiḥ śanaiḥ
ganz allmählich
cirāt
nach langer Zeit (Abl.Sg.)
samprāpyate
wird erlangt (3.Sg.Pass.)
muktiḥ
die Befreiung (Nom.Sg.)
markaṭa-kramaḥ eva saḥ
das ist der Affen-Weg (Nom.Sg.)

Vgl. Yogabīja 118–120: der langsame Weg des Affen (markaṭa) gegenüber dem raschen Weg der Krähe (kāka), Vers 143–144.

yoga-siddhiṃ vinā dehaḥ pramādād yadi naśyati | pūrva-vāsanayā yuktaḥ śarīraṃ cānyad āpnuyāt ||141||

Geht der Leib aus Nachlässigkeit zugrunde, ohne dass die Yoga-Vollendung erreicht ist, so erlangt man, mit den früheren Prägungen (vāsanā) versehen, einen anderen Körper.

Wort für Wort
yoga-siddhim vinā
ohne die Yoga-Vollendung (Akk.Sg.)
dehaḥ
der Leib (Nom.Sg.)
pramādāt
aus Nachlässigkeit (Abl.Sg.)
yadi naśyati
wenn er zugrunde geht (3.Sg.Präs.)
pūrva-vāsanayā yuktaḥ
mit früherer Vāsanā versehen (Nom.Sg.)
śarīram ca anyat
und einen anderen Körper (Akk.Sg.)
āpnuyāt
erlangt (3.Sg.Opt.)

tataḥ puṇya-vaśāt siddho guruṇā saha saṃgataḥ | paścima-dvāra-mārgeṇa jāyate tvaritaṃ phalam ||142||

Dann, kraft seines Verdienstes, kommt der Vollendete mit einem Lehrer zusammen, und auf dem Weg des hinteren Tores entsteht rasch die Frucht.

Wort für Wort
tataḥ
dann
puṇya-vaśāt
kraft des Verdienstes (Abl.Sg.)
siddhaḥ
der Vollendete (Nom.Sg.)
guruṇā saha
mit einem Lehrer (Instr.Sg.)
saṃgataḥ
zusammengekommen (Nom.Sg.)
paścima-dvāra-mārgeṇa
auf dem Weg des hinteren Tores (Instr.Sg.)
jāyate tvaritam
entsteht rasch (3.Sg.Präs.Med.)
phalam
die Frucht (Nom.Sg.)

pūrva-janma-kṛtābhyāsāt sat-tvaraṃ phalam aśnute | etad eva hi vijñeyaṃ tat kāka-matam ucyate ||143||

Aufgrund der in einer früheren Geburt geübten Praxis genießt er die Frucht sehr rasch. Eben dies ist zu wissen; das wird die „Ansicht der Krähe“ (kāka-mata) genannt.

Wort für Wort
pūrva-janma-kṛta-abhyāsāt
aufgrund der in früherer Geburt getanen Übung (Abl.Sg.)
sat-tvaram
sehr rasch (Adv.)
phalam aśnute
genießt die Frucht (3.Sg.Präs.Med.)
etat eva hi
eben dies fürwahr
vijñeyam
ist zu wissen (Gerundiv)
tat
das (Nom.Sg.n.)
kāka-matam ucyate
wird Krähen-Ansicht genannt (3.Sg.Pass.)

nāsti kāka-matād anyad abhyāsākhyam ataḥ param | tenaiva prāpyate muktir nānyathā śiva-bhāṣitam ||144||

Es gibt außer der Ansicht der Krähe nichts anderes, was „Übung“ hieße und darüber hinausginge. Allein dadurch wird Befreiung erlangt – nicht anders; [das ist] Śivas Wort.

Wort für Wort
na asti
es gibt nicht
kāka-matāt anyat
anderes als die Krähen-Ansicht (Abl.Sg.)
abhyāsa-ākhyam
„Übung“ genannt (Nom.Sg.n.)
ataḥ param
darüber hinaus
tena eva
allein dadurch (Instr.Sg.)
prāpyate muktiḥ
wird Befreiung erlangt (3.Sg.Pass.)
na anyathā
nicht anders
śiva-bhāṣitam
Śivas Wort (Nom.Sg.n.)

haṭha-yoga-kramāt kāṣṭhā-sahaja-jīva-layādikam [?] | nākṛtaṃ mokṣa-mārgaṃ syāt prasiddhāṃ paścimaṃ vinā ||145||

Aus dem Gang des Haṭha-Yoga [ergibt sich] die Auflösung des Lebewesens in den natürlichen Zustand höchster Stufe und dergleichen [Anm.: kāṣṭhāsahajīvalayādikam der Vorlage ist verderbt]. Ohne den berühmten hinteren [Weg] wäre kein Weg zur Erlösung geschaffen.

Wort für Wort
haṭha-yoga-kramāt
aus dem Gang des Haṭha-Yoga (Abl.Sg.)
kāṣṭhā-sahaja-jīva-laya-ādikam [?]
verderbt; wohl: Auflösung des Jīva im natürlichen Zustand höchster Stufe usw. (Nom.Sg.n.)
na akṛtam
nicht geschaffen (Nom.Sg.n.)
mokṣa-mārgam syāt
wäre der Erlösungsweg (3.Sg.Opt.)
prasiddhām paścimam vinā
ohne den berühmten hinteren [Weg] (Akk.)

Vorlage: kāṣṭhāsahajīvalayādikam, metrisch und sprachlich unstimmig; vermutlich kāṣṭhā-sahaja-jīva-laya-ādikam („das Aufgehen des Jīva im natürlichen Zustand als äußerstes Ziel“). Die Übersetzung ist ein Versuch.

ādau rogāḥ praṇaśyanti paścāj jāḍyaṃ śarīra-jam | tataḥ samaraso bhūtvā candro varṣaty anāratam ||146||

Zuerst vergehen die Krankheiten, danach die Trägheit, die dem Körper entstammt. Dann wird der Mond, gleichgestimmt (samarasa) geworden, unaufhörlich [Nektar] regnen lassen.

Wort für Wort
ādau
zuerst (Lok.Sg.)
rogāḥ praṇaśyanti
die Krankheiten vergehen (3.Pl.Präs.)
paścāt
danach
jāḍyam śarīra-jam
die dem Körper entstammende Trägheit (Nom.Sg.)
tataḥ
dann
samarasaḥ bhūtvā
gleichgestimmt geworden (Absol.)
candraḥ
der Mond (Nom.Sg.)
varṣati anāratam
regnet unaufhörlich (3.Sg.Präs.)

dhātūṃś ca saṃgrahed vahniḥ pavanena samantataḥ | nānā nādāḥ pravartante mārdavaṃ syāt kalevare ||147||

Das Feuer zieht mittels des Windes die Körpersubstanzen von allen Seiten zusammen; vielerlei Klänge treten hervor, und der Leib wird geschmeidig.

Wort für Wort
dhātūn ca
und die Dhātus (Akk.Pl.)
saṃgrahet
zieht zusammen (3.Sg.Opt.)
vahniḥ
das Feuer (Nom.Sg.)
pavanena
mittels des Windes (Instr.Sg.)
samantataḥ
von allen Seiten
nānā nādāḥ pravartante
vielerlei Klänge treten hervor (3.Pl.Präs.Med.)
mārdavam syāt
Geschmeidigkeit wäre (3.Sg.Opt.)
kalevare
im Leib (Lok.Sg.)

jitvā vṛṣṭy-ādikaṃ jāḍyaṃ khe-caraḥ sa bhaven naraḥ | sarva-jño 'sau bhavet kāma-rūpaḥ pavana-vegavān ||148||

Hat er die Trägheit, die vom Regen [des Nektars] und dergleichen [herrührt], überwunden, wird der Mensch zum Luftwandler (khecara); allwissend wird er, von beliebiger Gestalt und schnell wie der Wind.

Wort für Wort
jitvā
überwunden habend (Absol.)
vṛṣṭi-ādikam jāḍyam
die Trägheit von Regen usw. (Akk.Sg.)
khe-caraḥ
im Raum wandelnd (Nom.Sg.)
saḥ bhavet naraḥ
der Mensch wird (3.Sg.Opt.)
sarva-jñaḥ asau bhavet
jener wird allwissend (3.Sg.Opt.)
kāma-rūpaḥ
von Gestalt nach Belieben (Nom.Sg.)
pavana-vegavān
windschnell (Nom.Sg.)

Vorlage: sarvajñosau; zu sarva-jño 'sau berichtigt.

krīḍate triṣu lokeṣu jāyante siddhayo 'khilāḥ | karpūre līyamāne kiṃ kāṭhinyaṃ tatra vidyate ||149||

Er spielt in den drei Welten, alle Vollkommenheiten (siddhi) entstehen ihm. Wenn Kampfer sich auflöst – bleibt dann noch irgendeine Härte darin?

Wort für Wort
krīḍate
spielt (3.Sg.Präs.Med.)
triṣu lokeṣu
in den drei Welten (Lok.Pl.)
jāyante
entstehen (3.Pl.Präs.Med.)
siddhayaḥ akhilāḥ
alle Siddhis (Nom.Pl.)
karpūre līyamāne
wenn Kampfer sich auflöst (Lok.abs.)
kim kāṭhinyam
welche Härte? (Nom.Sg.)
tatra vidyate
findet sich darin (3.Sg.Pass.)

Vorlage: likeṣu; zu lokeṣu berichtigt.

ahaṃkāra-kṣaye tadvad dehe kaṭhinatā kutaḥ | sarva-kartā ca yogīndraḥ svatantro 'nanta-rūpavān ||150||

Ebenso: Ist das Ich-Bewusstsein geschwunden – woher noch Härte im Leib? Der Fürst der Yogins ist Täter von allem, unabhängig, von unendlichen Gestalten;

Wort für Wort
ahaṃkāra-kṣaye
beim Schwinden des Ich-Bewusstseins (Lok.Sg.)
tadvat
ebenso
dehe
im Leib (Lok.Sg.)
kaṭhinatā kutaḥ
woher Härte (Nom.Sg.)
sarva-kartā ca
und Täter von allem (Nom.Sg.)
yogi-indraḥ
der Fürst der Yogins (Nom.Sg.)
svatantraḥ
unabhängig (Nom.Sg.)
ananta-rūpavān
mit unendlichen Gestalten (Nom.Sg.)

Vorlage: kaṭhinā kutaḥ (metrisch zu kurz); zu kaṭhinatā kutaḥ ergänzt.

jīvan-mukto mahā-yogī jāyate nātra saṃśayaḥ | dvividhāḥ siddhayo loke kalpitākalpitās tathā ||151||

er wird ein zu Lebzeiten Befreiter (jīvan-mukta), ein großer Yogin – daran ist kein Zweifel. Zweierlei Vollkommenheiten gibt es in der Welt: künstlich hervorgebrachte (kalpita) und nicht hervorgebrachte (akalpita).

Wort für Wort
jīvan-muktaḥ
lebend befreit (Nom.Sg.)
mahā-yogī
ein großer Yogin (Nom.Sg.)
jāyate
wird (3.Sg.Präs.Med.)
na atra saṃśayaḥ
daran kein Zweifel
dvividhāḥ siddhayaḥ
zweierlei Siddhis (Nom.Pl.)
loke
in der Welt (Lok.Sg.)
kalpitā-akalpitāḥ tathā
hervorgebrachte und nicht hervorgebrachte (Nom.Pl.)

rasauṣadhi-kriyā-jāla-mantrābhyāsādi-sādhanāt | siddhyanti siddhayo yās tu kalpitās tāḥ prakīrtitāḥ ||152||

Die Vollkommenheiten, die durch Mittel wie Elixiere, Kräuter, ein Gewirr von Ritualen und Mantra-Übung zustande kommen, werden „hervorgebracht“ genannt.

Wort für Wort
rasa-auṣadhi-kriyā-jāla-mantra-abhyāsa-ādi-sādhanāt
durch Mittel wie Elixiere, Kräuter, Ritualgewirr, Mantra-Übung usw. (Abl.Sg.)
siddhyanti
kommen zustande (3.Pl.Präs.)
siddhayaḥ yāḥ tu
welche Siddhis (Nom.Pl.)
kalpitāḥ tāḥ
die [sind] hervorgebracht (Nom.Pl.f.)
prakīrtitāḥ
genannt (Nom.Pl.)

Vorlage: -mantrābhyāsādhisādhanāt; zu -mantrābhyāsādi-sādhanāt berichtigt.

anityā alpa-vīryās tāḥ siddhayaḥ sādhanodbhavāḥ | sādhanena vināpy evaṃ jāyante svata eva hi ||153||

Unbeständig und von geringer Kraft sind diese Vollkommenheiten, die aus Mitteln entstehen. Auch ohne Mittel entstehen [andere] ganz von selbst –

Wort für Wort
anityāḥ
unbeständig (Nom.Pl.f.)
alpa-vīryāḥ
von geringer Kraft (Nom.Pl.f.)
tāḥ siddhayaḥ
diese Siddhis (Nom.Pl.)
sādhana-udbhavāḥ
aus Mitteln entstanden (Nom.Pl.f.)
sādhanena vinā api
auch ohne Mittel (Instr.Sg.)
evam
so
jāyante
entstehen (3.Pl.Präs.Med.)
svataḥ eva hi
ganz von selbst

svātma-yogaika-niṣṭheṣu svātantryād īśvara-priyāḥ | prabhūtāḥ siddhayo yās tāḥ kalpanā-rahitāḥ smṛtāḥ ||154||

bei denen, die allein im Yoga des eigenen Selbst gegründet sind, aus [innerer] Freiheit, dem Herrn lieb: Die reichen Vollkommenheiten, die so [entstehen], gelten als frei von künstlichem Hervorbringen.

Wort für Wort
sva-ātma-yoga-eka-niṣṭheṣu
bei den allein im Yoga des eigenen Selbst Gegründeten (Lok.Pl.)
svātantryāt
aus Unabhängigkeit (Abl.Sg.)
īśvara-priyāḥ
dem Herrn lieb (Nom.Pl.)
prabhūtāḥ siddhayaḥ
reiche Siddhis (Nom.Pl.)
yāḥ tāḥ
welche – die (Nom.Pl.f.)
kalpanā-rahitāḥ
frei von Hervorbringung (Nom.Pl.f.)
smṛtāḥ
gelten als (Nom.Pl.)

In der Vorlage endet der Vers mit einem einfachen Strich (।) statt des Doppelstrichs; die Nummer 154 ist vorhanden. Vorlage: svātantryāddīśvarapriyāḥ; zu svātantryād īśvara-priyāḥ berichtigt.

siddhā nityā mahā-vīryā icchā-rūpāḥ sva-yoga-jāḥ | cira-kālāt prajāyante vāsanā-rahiteṣu ca ||155||

Vollendet, beständig, von großer Kraft, nach Wunsch gestaltet, aus dem eigenen Yoga geboren – sie entstehen nach langer Zeit bei denen, die frei von Prägungen sind.

Wort für Wort
siddhāḥ
vollendet (Nom.Pl.f.)
nityāḥ
beständig (Nom.Pl.f.)
mahā-vīryāḥ
von großer Kraft (Nom.Pl.f.)
icchā-rūpāḥ
nach Wunsch gestaltet (Nom.Pl.f.)
sva-yoga-jāḥ
aus eigenem Yoga geboren (Nom.Pl.f.)
cira-kālāt
nach langer Zeit (Abl.Sg.)
prajāyante
entstehen (3.Pl.Präs.Med.)
vāsanā-rahiteṣu ca
und bei den von Vāsanās Freien (Lok.Pl.)

tās tu gopyā mahā-yogāt paramātma-pade 'vyaye | vinā kāryaṃ sadā guptaṃ yoga-siddhasya lakṣaṇam ||156||

Diese aber sind geheim zu halten, aus [Rücksicht auf] den großen Yoga, in der unvergänglichen Stätte des höchsten Selbst. Ohne Not stets verborgen zu bleiben ist das Kennzeichen des im Yoga Vollendeten.

Wort für Wort
tāḥ tu
diese aber (Nom.Pl.f.)
gopyāḥ
sind geheim zu halten (Gerundiv)
mahā-yogāt
wegen des großen Yoga (Abl.Sg.)
parama-ātma-pade
in der Stätte des höchsten Selbst (Lok.Sg.)
avyaye
unvergänglich (Lok.Sg.)
vinā kāryam
ohne Not, ohne Anlass (Akk.Sg.)
sadā guptam
stets verborgen (Nom.Sg.n.)
yoga-siddhasya lakṣaṇam
das Kennzeichen des Yoga-Vollendeten (Nom.Sg.)

yathākāśaṃ samuddiśya gacchadbhiḥ pathikaiḥ pathi | nānā tīrthāni dṛśyante nānā-mārgās tu siddhayaḥ ||157||

Wie Wanderer, die auf den Himmelsraum zu gehen, unterwegs auf dem Pfad vielerlei Wallfahrtsorte sehen, so sind die Vollkommenheiten [nur] vielerlei Wegmarken.

Wort für Wort
yathā
wie
ākāśam samuddiśya
auf den Raum zu (Absol.)
gacchadbhiḥ pathikaiḥ
von gehenden Wanderern (Instr.Pl.)
pathi
auf dem Pfad (Lok.Sg.)
nānā tīrthāni
vielerlei Wallfahrtsorte (Nom.Pl.)
dṛśyante
werden gesehen (3.Pl.Pass.)
nānā-mārgāḥ tu
vielerlei Wege aber (Nom.Pl.)
siddhayaḥ
die Siddhis (Nom.Pl.)

svayam eva prajāyante lābhālābha-vivarjite | yoga-mārge tathaivedaṃ siddhi-jālaṃ pravartate ||158||

Sie entstehen ganz von selbst bei dem, der frei von [dem Denken an] Gewinn und Verlust ist. Ebenso tritt auf dem Weg des Yoga dieses Netz von Vollkommenheiten hervor.

Wort für Wort
svayam eva
ganz von selbst
prajāyante
entstehen (3.Pl.Präs.Med.)
lābha-alābha-vivarjite
bei dem von Gewinn und Verlust Freien (Lok.Sg.)
yoga-mārge
auf dem Yoga-Weg (Lok.Sg.)
tathā eva
ebenso
idam siddhi-jālam
dieses Siddhi-Netz (Nom.Sg.)
pravartate
tritt hervor (3.Sg.Präs.Med.)

parīkṣakaiḥ svarṇa-kārair hema samprocyate yathā | siddhibhir lakṣayet siddhaṃ jīvan-muktaṃ tathaiva ca ||159||

Wie prüfende Goldschmiede das Gold [als echt] erklären, so erkennt man an den Vollkommenheiten den Vollendeten und ebenso den zu Lebzeiten Befreiten.

Wort für Wort
parīkṣakaiḥ
von Prüfern (Instr.Pl.)
svarṇa-kāraiḥ
von Goldschmieden (Instr.Pl.)
hema
das Gold (Nom.Sg.)
samprocyate yathā
wie es erklärt wird (3.Sg.Pass.)
siddhibhiḥ
an den Siddhis (Instr.Pl.)
lakṣayet
erkenne man (3.Sg.Opt.Kaus.)
siddham
den Vollendeten (Akk.Sg.)
jīvan-muktam tathā eva ca
und ebenso den lebend Befreiten (Akk.Sg.)

Vorlage: sidhibhir; zu siddhibhir berichtigt.

alaukika-guṇas tasya kadācid dṛśyate dhruvam | siddhibhiḥ parihīnaṃ tu naraṃ baddhaṃ tu lakṣayet ||160||

Eine überweltliche Eigenschaft wird an ihm gewiss irgendwann sichtbar. Einen Menschen hingegen, dem die Vollkommenheiten fehlen, erkenne man als gebunden.

Wort für Wort
alaukika-guṇaḥ
eine überweltliche Eigenschaft (Nom.Sg.)
tasya
an ihm (Gen.Sg.)
kadācit
irgendwann
dṛśyate dhruvam
wird gewiss gesehen (3.Sg.Pass.)
siddhibhiḥ parihīnam tu
der Siddhis ermangelnd aber (Akk.Sg.)
naram
den Menschen (Akk.Sg.)
baddham tu lakṣayet
erkenne man als gebunden (3.Sg.Opt.Kaus.)

ajarāmara-piṇḍo yo jīvan-muktaḥ sa eva hi | paśu-kukkuṭa-kīṭādyā mṛtiṃ samprāpnuvanti vai ||161||

Wessen Leib ohne Alter und Tod ist, der allein ist zu Lebzeiten befreit. Vieh, Hähne, Würmer und dergleichen [dagegen] erleiden den Tod.

Wort für Wort
ajara-amara-piṇḍaḥ
mit alters- und todlosem Leib (Nom.Sg.)
yaḥ
wer (Nom.Sg.)
jīvan-muktaḥ saḥ eva hi
der allein ist lebend befreit (Nom.Sg.)
paśu-kukkuṭa-kīṭa-ādyāḥ
Vieh, Hähne, Würmer usw. (Nom.Pl.)
mṛtim samprāpnuvanti vai
erleiden wahrlich den Tod (3.Pl.Präs.)

teṣāṃ kiṃ piṇḍa-pātena muktir bhavati padma-ja | na bahiḥ prāṇa āyāti piṇḍasya patanaṃ kutaḥ ||162||

Wird ihnen etwa durch das Fallen des Leibes Befreiung zuteil, o Lotosgeborener? [Beim Yogin] tritt der Lebensatem nicht mehr nach außen – woher sollte da ein Fallen des Leibes kommen?

Wort für Wort
teṣām
ihnen (Gen.Pl.)
kim
etwa?
piṇḍa-pātena
durch das Fallen des Leibes (Instr.Sg.)
muktiḥ bhavati
wird Befreiung (3.Sg.Präs.)
padma-ja
o Lotosgeborener (Vok.)
na bahiḥ
nicht nach außen
prāṇaḥ āyāti
der Prāṇa kommt (3.Sg.Präs.)
piṇḍasya patanam kutaḥ
woher ein Fallen des Leibes (Nom.Sg.)

piṇḍa-pātena yā muktiḥ sā muktir na tu hanyate | dehe brahmatvam āyāte jalānāṃ saindhavaṃ yathā ||163||

Die Befreiung, die [nur] durch das Fallen des Leibes käme – jene Befreiung [gilt nicht]; [die wahre Befreiung] aber wird nicht zerstört. Wenn der Leib Brahman-Sein erlangt hat, wie Salz [sich auflöst] im Wasser,

Wort für Wort
piṇḍa-pātena
durch das Fallen des Leibes (Instr.Sg.)
yā muktiḥ
welche Befreiung (Nom.Sg.)
sā muktiḥ
jene Befreiung (Nom.Sg.)
na tu hanyate
wird aber nicht zerstört (3.Sg.Pass.)
dehe brahmatvam āyāte
wenn der Leib Brahman-Sein erlangt hat (Lok.abs.)
jalānām
der Wasser (Gen.Pl.)
saindhavam yathā
wie Salz (Nom.Sg.)

Der Halbvers ist elliptisch; vgl. Yogabīja 176–177: „Befreiung durch Fall des Leibes ist keine Befreiung.“

ananyatāṃ yadā yāti tadā muktaḥ sa ucyate | vimatāni śarīrāṇi indriyāṇi tathaiva ca ||164||

und er zur Nicht-Andersheit gelangt, dann wird er ein Befreiter genannt. Die Körper und ebenso die Sinne sind [als verschieden] verkannt worden [Anm.: vimatāni, wörtlich „bestritten, abgelehnt“];

Wort für Wort
ananyatām
zur Nicht-Andersheit (Akk.Sg.)
yadā yāti
wenn er gelangt (3.Sg.Präs.)
tadā
dann
muktaḥ saḥ ucyate
wird er befreit genannt (3.Sg.Pass.)
vimatāni
für verschieden gehalten, bestritten (Nom.Pl.n.)
śarīrāṇi
die Körper (Nom.Pl.)
indriyāṇi tathā eva ca
und ebenso die Sinne (Nom.Pl.)

vimatāni („bestritten, verschieden gedacht“) ist auffällig; vielleicht für vibhinnāni. Der Sinn: Körper und Sinne, die man als vom Brahman verschieden gedacht hat, sind in Wahrheit Brahman (Vers 165).

brahma dehatvam āpannaṃ vāri budbudatām iva | daśa-dvāra-puraṃ dehaṃ daśa-nāḍī-mahā-patham ||165||

das Brahman hat Leibhaftigkeit angenommen wie das Wasser Blasengestalt. Der Leib ist eine Stadt mit zehn Toren, [ein Land] mit den zehn Kanälen (nāḍī) als Hauptstraßen,

Wort für Wort
brahma
das Brahman (Nom.Sg.)
dehatvam āpannam
hat Leibhaftigkeit angenommen (Nom.Sg.n.)
vāri
das Wasser (Nom.Sg.)
budbudatām iva
wie Blasen-Sein (Akk.Sg.)
daśa-dvāra-puram
eine Stadt mit zehn Toren (Akk.Sg.)
deham
den Leib (Akk.Sg.)
daśa-nāḍī-mahā-patham
mit den zehn Nāḍīs als Hauptwegen (Akk.Sg.)

Verse 165–178 kehren in Adhyāya 5,2–15 nahezu wörtlich wieder, dort mit vaiṣṇavischer Einfärbung (Viṣṇu-Tempel statt Śiva-Tempel).

daśabhir vāyubhir vyāptaṃ daśendriya-paricchadam | ṣaḍ-ādhārāpavarakaṃ ṣaḍ-anvaya-mahā-vanam ||166||

von zehn Winden durchdrungen, mit den zehn Sinnen als Gefolge; mit den sechs Stützpunkten (ādhāra) als Innengemächern, mit den sechs [Yoga-]Traditionen (anvaya) als großem Wald,

Wort für Wort
daśabhiḥ vāyubhiḥ
von zehn Winden (Instr.Pl.)
vyāptam
durchdrungen (Akk.Sg.)
daśa-indriya-paricchadam
mit den zehn Sinnen als Gefolge/Ausstattung (Akk.Sg.)
ṣaṭ-ādhāra-apavarakam
mit den sechs Ādhāras als Gemächern (Akk.Sg.)
ṣaṭ-anvaya-mahā-vanam
mit den sechs Traditionen als großem Wald (Akk.Sg.)

catuḥ-pīṭha-samākīrṇaṃ catur-āmnāya-dīpakam | bindu-nāda-mahā-liṅgaṃ śiva-śakti-niketanam ||167||

übersät mit den vier heiligen Sitzen (pīṭha), erleuchtet von den vier Überlieferungen (āmnāya), mit Bindu und Nāda als großem Liṅga, die Wohnstatt von Śiva und Śakti –

Wort für Wort
catuḥ-pīṭha-samākīrṇam
mit vier Pīṭhas übersät (Akk.Sg.)
catur-āmnāya-dīpakam
von den vier Āmnāyas erleuchtet (Akk.Sg.)
bindu-nāda-mahā-liṅgam
mit Bindu und Nāda als großem Liṅga (Akk.Sg.)
śiva-śakti-niketanam
Wohnstatt von Śiva und Śakti (Akk.Sg.)

Die vier Pīṭhas werden in den Versen 171–175 als Kāmarūpa, Pūrṇagiri, Jālandhara und Uḍyāṇa benannt, die berühmten Śākta-Heiligtümer, hier in den Körper verlegt; die vier Āmnāyas sind die vier Überlieferungsströme des Tantra (oder die vier Veden).

dehaṃ śivālayaṃ proktaṃ siddhi-daṃ sarva-dehinām | guda-meḍhrāntarāla-sthaṃ mūlādhāraṃ tri-koṇakam ||168||

[so] wird der Leib ein Tempel Śivas genannt, der allen Verkörperten Vollendung schenkt. Das Mūlādhāra, dreieckig, liegt zwischen After und Glied;

Wort für Wort
deham
der Leib (Akk./Nom.Sg.)
śiva-ālayam proktam
wird Śiva-Tempel genannt (Nom.Sg.n.)
siddhi-dam
Vollendung gebend (Akk.Sg.)
sarva-dehinām
allen Verkörperten (Gen.Pl.)
guda-meḍhra-antarāla-stham
zwischen After und Glied gelegen (Nom.Sg.n.)
mūla-ādhāram
das Mūlādhāra (Nom.Sg.)
tri-koṇakam
dreieckig (Nom.Sg.n.)

śivasya jīva-rūpasya sthānaṃ tad dhi pracakṣate | yatra kuṇḍalinī nāma parā śaktiḥ pratiṣṭhitā ||169||

das nennt man den Ort Śivas in seiner Gestalt als Einzelseele (jīva), wo die höchste Kraft (śakti) namens Kuṇḍalinī ihren Sitz hat;

Wort für Wort
śivasya
Śivas (Gen.Sg.)
jīva-rūpasya
in Jīva-Gestalt (Gen.Sg.)
sthānam tat hi
das ist der Ort (Nom.Sg.)
pracakṣate
man nennt (3.Pl.Präs.Med.)
yatra
wo
kuṇḍalinī nāma
Kuṇḍalinī genannt
parā śaktiḥ
die höchste Kraft (Nom.Sg.)
pratiṣṭhitā
gegründet (Nom.Sg.f.)

yasmād utpadyate vāyur yasmād vahniḥ pravartate | yasmād utpadyate bindur yasmān nādaḥ pravartate ||170||

aus dem der Wind entsteht, aus dem das Feuer hervorgeht, aus dem der Bindu entsteht, aus dem der Nāda hervorgeht,

Wort für Wort
yasmāt
aus dem (Abl.Sg.)
utpadyate vāyuḥ
entsteht der Wind (3.Sg.Präs.Med.)
vahniḥ pravartate
das Feuer geht hervor (3.Sg.Präs.Med.)
utpadyate binduḥ
entsteht der Bindu
nādaḥ pravartate
der Nāda geht hervor

yasmād utpadyate haṃso yasmād utpadyate manaḥ | tad etat kāmarūpākhyaṃ pīṭhaṃ kāma-phala-pradam ||171||

aus dem der Haṃsa (Atem) entsteht, aus dem das Denkorgan entsteht – eben dies ist der heilige Sitz namens Kāmarūpa, der die Frucht der Wünsche verleiht.

Wort für Wort
yasmāt utpadyate haṃsaḥ
aus dem der Haṃsa entsteht
yasmāt utpadyate manaḥ
aus dem das Denkorgan entsteht
tat etat
eben dies (Nom.Sg.n.)
kāmarūpa-ākhyam pīṭham
der Pīṭha namens Kāmarūpa (Nom.Sg.)
kāma-phala-pradam
die Frucht der Wünsche verleihend (Nom.Sg.n.)

svādhiṣṭhānāhvayaṃ cakraṃ liṅga-mūle ṣaḍ-asrake | nābhi-deśe sthitaṃ cakraṃ daśāraṃ maṇipūrakam ||172||

Das Cakra namens Svādhiṣṭhāna [liegt] an der Wurzel des Gliedes, im Sechseck; in der Nabelgegend liegt das zehnspeichige Cakra Maṇipūraka.

Wort für Wort
svādhiṣṭhāna-āhvayam cakram
das Cakra namens Svādhiṣṭhāna (Nom.Sg.)
liṅga-mūle
an der Wurzel des Gliedes (Lok.Sg.)
ṣaṭ-asrake
im Sechseck (Lok.Sg.)
nābhi-deśe sthitam
in der Nabelgegend gelegen (Nom.Sg.n.)
cakram daśa-aram
das zehnspeichige Cakra (Nom.Sg.)
maṇipūrakam
Maṇipūraka (Nom.Sg.)

dvādaśāraṃ mahā-cakraṃ hṛdaye cāpy anāhatam | tad etat pūrṇagiry-ākhyaṃ pīṭhaṃ kamala-saṃbhava ||173||

Das große zwölfspeichige Cakra im Herzen ist das Anāhata; eben dies ist der heilige Sitz namens Pūrṇagiri, o Lotosgeborener.

Wort für Wort
dvādaśa-aram mahā-cakram
das große zwölfspeichige Cakra (Nom.Sg.)
hṛdaye ca api
und im Herzen (Lok.Sg.)
anāhatam
Anāhata, „das Unangeschlagene“ (Nom.Sg.)
tat etat
eben dies (Nom.Sg.n.)
pūrṇagiri-ākhyam pīṭham
der Pīṭha namens Pūrṇagiri (Nom.Sg.)
kamala-saṃbhava
o Lotosgeborener (Vok.)

kaṇṭha-kūpe viśuddhy-ākhyaṃ yac cakraṃ ṣoḍaśāsrakam | pīṭhaṃ jālandharaṃ nāma tiṣṭhaty atra sureśvara ||174||

In der Kehlgrube ist das Cakra namens Viśuddhi mit sechzehn Ecken; hier befindet sich der heilige Sitz namens Jālandhara, o Herr der Götter.

Wort für Wort
kaṇṭha-kūpe
in der Kehlgrube (Lok.Sg.)
viśuddhi-ākhyam
Viśuddhi genannt (Nom.Sg.n.)
yat cakram
welches Cakra (Nom.Sg.)
ṣoḍaśa-asrakam
sechzehneckig (Nom.Sg.n.)
pīṭham jālandharam nāma
der Pīṭha namens Jālandhara (Nom.Sg.)
tiṣṭhati atra
befindet sich hier (3.Sg.Präs.)
sura-īśvara
o Herr der Götter (Vok.)

Vorlage: jālandhara nāma; zu jālandharaṃ nāma ergänzt (vgl. 5,11).

ājñā nāma bhruvor madhye dvi-dalaṃ cakram uttamam | uḍyāṇākhyaṃ mahā-pīṭham upariṣṭāt pratiṣṭhitam ||175||

Zwischen den Brauen ist das vorzügliche zweiblättrige Cakra namens Ājñā; der große heilige Sitz namens Uḍyāṇa ist darüber gegründet.

Wort für Wort
ājñā nāma
Ājñā genannt
bhruvoḥ madhye
zwischen den Brauen (Lok.Sg.)
dvi-dalam cakram
das zweiblättrige Cakra (Nom.Sg.)
uttamam
vorzüglich (Nom.Sg.n.)
uḍyāṇa-ākhyam mahā-pīṭham
der große Pīṭha namens Uḍyāṇa (Nom.Sg.)
upariṣṭāt
darüber, oberhalb
pratiṣṭhitam
gegründet (Nom.Sg.n.)

catur-asraṃ dharaṇy-ādau brahmā tatrādhidevatā | ardha-candrākṛti jalaṃ viṣṇus tasyādhidevatā ||176||

Viereckig ist [der Bereich] der Erde und der übrigen [Elemente] zuerst; Brahmā ist dort die zugehörige Gottheit. Halbmondförmig ist das Wasser; Viṣṇu ist seine Gottheit.

Wort für Wort
catur-asram
viereckig (Nom.Sg.n.)
dharaṇī-ādau
bei Erde usw. zuerst (Lok.Sg.)
brahmā
Brahmā (Nom.Sg.)
tatra adhidevatā
dort die zugehörige Gottheit (Nom.Sg.)
ardha-candra-ākṛti
halbmondförmig (Nom.Sg.n.)
jalam
das Wasser (Nom.Sg.)
viṣṇuḥ tasya adhidevatā
Viṣṇu ist dessen Gottheit (Nom.Sg.)

Vorlage: calaṃ („beweglich“); nach der Parallele 5,13 (jalaṃ) berichtigt. Die Elementbereiche (maṇḍala) mit ihren Formen und Gottheiten entsprechen der Lehre der Dhāraṇā-Meditation in Gorakṣaśataka 74–79 und Yogatattva-Upaniṣad 85–98.

tri-koṇa-maṇḍalaṃ vahnī rudras tasyādhidevatā | vāyor bimbaṃ tu ṣaṭ-koṇam īśvaro 'syādhidevatā ||177||

Dreieckig ist der Bereich des Feuers; Rudra ist seine Gottheit. Das Bild des Windes ist sechseckig; Īśvara ist seine Gottheit.

Wort für Wort
tri-koṇa-maṇḍalam
der dreieckige Bereich (Nom.Sg.)
vahnī
das Feuer [vahniḥ] (Nom.Sg.)
rudraḥ tasya adhidevatā
Rudra ist dessen Gottheit (Nom.Sg.)
vāyoḥ bimbam tu
das Bild des Windes aber (Nom.Sg.)
ṣaṭ-koṇam
sechseckig (Nom.Sg.n.)
īśvaraḥ asya adhidevatā
Īśvara ist seine Gottheit (Nom.Sg.)

vahnī steht für vahniḥ (Nom.) bzw. vahneḥ (Gen.); Schreibung der Vorlage beibehalten.

ākāśa-maṇḍalaṃ vṛttaṃ devatāsya sadāśivaḥ | nāda-rūpaṃ bhruvor madhye manaso maṇḍalaṃ viduḥ ||178|| iti prathamo 'dhyāyaḥ ||1||

Der Bereich des Raumes (ākāśa) ist rund; seine Gottheit ist Sadāśiva. Den Bereich des Denkorgans zwischen den Brauen kennt man als klanggestaltig (nāda-rūpa). – So [endet] der erste Adhyāya.

Wort für Wort
ākāśa-maṇḍalam
der Bereich des Raumes (Nom.Sg.)
vṛttam
rund (Nom.Sg.n.)
devatā asya
dessen Gottheit (Nom.Sg.)
sadāśivaḥ
Sadāśiva (Nom.Sg.)
nāda-rūpam
klanggestaltig (Akk.Sg.n.)
bhruvoḥ madhye
zwischen den Brauen (Lok.Sg.)
manasaḥ maṇḍalam
den Bereich des Denkorgans (Akk.Sg.)
viduḥ
sie kennen (3.Pl.Perf.)
iti prathamaḥ adhyāyaḥ
so der erste Adhyāya

Kapitelkolophon der Vorlage: iti prathamo'dhyāyaḥ ||1||.

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