Adhyāya 1: prathamo 'dhyāyaḥ – jñāna-yoga-samuccayaḥ, kumbhaka-bandha-siddhi-pīṭha-nirūpaṇam
Erster Adhyāya: Erkenntnis und Yoga, der Leib des Yogin, Kumbhakas, Bandhas, Siddhis und die heiligen Sitze im Körper (178 Verse)
Der erste und mit Abstand längste Adhyāya bildet fast die Hälfte des Textes. Er ist als Lehrgespräch gestaltet: Hiraṇyagarbha (Brahmā) fragt Śiva nach dem Weg, der die Wesen aus dem Netz der Māyā befreit. Śivas Antwort setzt mit einer Grundsatzentscheidung ein, die den ganzen Text prägt: Erkenntnis (jñāna) ohne Yoga führt nicht zur Erlösung, Yoga ohne Erkenntnis ebenso wenig; erst der „reife“, im Feuer des Yoga gebrannte Leib macht den Wissenden unverwundbar gegen Krankheit, Schmerz und Tod (Verse 12–67). Daran schließt die Definition des Yoga als Vereinigung der Gegensatzpaare – Prāṇa und Apāna, Rajas und Retas, Sonne und Mond, Einzelseele und höchstes Selbst – und die Ankündigung der „Krone des Yoga“ (Vers 68–69). Der praktische Teil lehrt die Kuṇḍalinī-Erweckung mit dem Wickeltuch (śakti-cālana), die vier Kumbhakas Sūryabheda, Ujjāyī, Śītalī und Bhastrā, die drei Bandhas Mūla, Uḍḍiyāna und Jālandhara, das Durchbrechen der drei Knoten (granthi) und die Stufenfolge Mantra-, Laya-, Haṭha- und Rāja-Yoga als vier Gestalten des einen „großen Yoga“ (Verse 70–140). Es folgen der langsame „Weg des Affen“ und der rasche „Weg der Krähe“, die Lehre von den künstlich hervorgebrachten und den natürlichen Siddhis und die Bestimmung des Jīvanmukta, dessen Leib nicht fällt (Verse 140–164). Den Abschluss bildet die Beschreibung des Leibes als Śiva-Tempel mit zehn Toren, sechs Cakras, vier heiligen Sitzen (Kāmarūpa, Pūrṇagiri, Jālandhara, Uḍyāṇa) und den fünf Elementkreisen mit ihren Gottheiten (Verse 165–178). Zahlreiche Verse haben wörtliche Parallelen in Yogabīja, Gorakṣaśataka und Haṭhapradīpikā.
yoga-jñāne yat-padāpti-sādhanatvena viśrute | tat traipadaṃ brahma-tattvaṃ sva-mātram avaśiṣyate ||
Jene Brahman-Wirklichkeit (brahma-tattva), zu deren Stätte (pada) zu gelangen das Yoga-Wissen bekanntermaßen das Mittel ist – sie, die dreifüßige (traipada), bleibt allein als das Eigene übrig.
Wort für Wort
yoga-jñāne
im/beim Yoga-Wissen (Lok.Sg.)
yat-pada-āpti-sādhanatvena
als Mittel zur Erlangung von dessen Stätte (Instr.Sg.)
viśrute
das bekannt/berühmt ist (Lok.Sg.)
tat
jenes (Nom.Sg.n.)
traipadam
dreifüßig, aus drei Vierteln bestehend (Nom.Sg.n.)
brahma-tattvam
die Brahman-Wirklichkeit (Nom.Sg.)
sva-mātram
als das Eigene allein (Nom.Sg.n.)
avaśiṣyate
bleibt übrig (3.Sg.Pass.)
Vorangestellter Segensvers der Textüberlieferung, ohne Nummer. Vorlage: tatraipadaṃ; als tat traipadaṃ gelesen (traipada „aus drei Vierteln bestehend“ nach dem vedischen Bild vom dreifüßigen, unsterblichen Brahman, Ṛgveda 10,90,3; vgl. Chāndogya-Upaniṣad 3,12,6). Die Lesung bleibt unsicher.
oṃ saha nāv avatu | saha nau bhunaktu | saha vīryaṃ karavāvahai | tejasvi nāv adhītam astu | mā vidviṣāvahai || oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||
Oṃ. Er möge uns beide behüten. Er möge uns beide nähren. Gemeinsam wollen wir Kraft wirken. Kraftvoll sei, was wir beide gelernt haben. Nicht wollen wir einander hassen. Oṃ, Friede, Friede, Friede.
Wort für Wort
saha
zusammen, gemeinsam
nau
uns beide (Akk.Du.)
avatu
er möge behüten (3.Sg.Imp.)
bhunaktu
er möge nähren, erfreuen (3.Sg.Imp.)
vīryam
Kraft, Heldenkraft (Akk.Sg.)
karavāvahai
wir beide wollen wirken (1.Du.Imp.Med.)
tejasvi
kraftvoll, glanzvoll (Nom.Sg.n.)
nau adhītam
das von uns beiden Gelernte (Nom.Sg.n.)
astu
es sei (3.Sg.Imp.)
mā vidviṣāvahai
nicht wollen wir beide einander hassen (1.Du.Inj.Med.)
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ
Oṃ, Friede, Friede, Friede
Die Friedensformel der Upaniṣaden des Kṛṣṇa-Yajurveda (Taittirīya-Upaniṣad 2,1 und 3,1; Kaṭha-Upaniṣad); sie kennzeichnet die Zugehörigkeit der Yogaśikhā-Upaniṣad zum Schwarzen Yajurveda. Vorlage: tejasvināvadhītamastu; getrennt tejasvi nāv adhītam astu.
sarve jīvāḥ sukhair duḥkhair māyā-jālena veṣṭitāḥ | teṣāṃ muktiḥ kathaṃ deva kṛpayā vada śaṅkara ||1||
Alle Lebewesen (jīva) sind durch Freuden und Leiden, durch das Netz der Täuschung (māyā), umstrickt. Wie [kommt] ihnen Befreiung (mukti) zu, o Gott? Aus Gnade sprich, Śaṅkara!
Wort für Wort
sarve jīvāḥ
alle Lebewesen/Seelen (Nom.Pl.)
sukhaiḥ duḥkhaiḥ
durch Freuden und Leiden (Instr.Pl.)
māyā-jālena
durch das Netz der Māyā (Instr.Sg.)
veṣṭitāḥ
umwickelt, umstrickt (Nom.Pl.)
teṣām
ihnen, deren (Gen.Pl.)
muktiḥ katham
wie [gibt es] Befreiung (Nom.Sg.)
deva
o Gott (Vok.)
kṛpayā
aus Gnade (Instr.Sg.)
vada
sprich (2.Sg.Imp.)
śaṅkara
o Śaṅkara (Vok.)
Die Upaniṣad ist als Lehrgespräch zwischen Hiraṇyagarbha (Brahmā, „der aus dem Lotos Geborene“) und Śiva (Maheśvara, Śaṅkara) gestaltet; die Anreden padma-saṃbhava, kamala-saṃbhava, vidhe, brahman, sureśvara gelten dem fragenden Brahmā.
sarva-siddhi-karaṃ mārgaṃ māyā-jāla-nikṛntanam | janma-mṛtyu-jarā-vyādhi-nāśanaṃ sukha-daṃ vada ||2||
Nenne den Weg, der alle Vollendung (siddhi) bewirkt, der das Netz der Täuschung zerschneidet, der Geburt, Tod, Alter und Krankheit vernichtet und Glück verleiht!
Wort für Wort
sarva-siddhi-karam
alle Vollendung bewirkend (Akk.Sg.)
mārgam
den Weg (Akk.Sg.)
māyā-jāla-nikṛntanam
das Netz der Māyā zerschneidend (Akk.Sg.)
janma-mṛtyu-jarā-vyādhi-nāśanam
Geburt, Tod, Alter und Krankheit vernichtend (Akk.Sg.)
iti hiraṇyagarbhaḥ papraccha sa hovāca maheśvaraḥ | nānā-mārgais tu duṣprāpaṃ kaivalyaṃ paramaṃ padam ||3||
So fragte Hiraṇyagarbha. Der große Herr (maheśvara) sprach: Durch die vielerlei Wege ist das Alleinsein (kaivalya), die höchste Stätte, schwer zu erreichen.
Durch den Weg der Vollendung (siddhi-mārga) erlangt man es, nicht anders, o Lotosgeborener. [Die Menschen] sind in die Netze der Lehrschriften (śāstra) gefallen und durch ihren Verstand eben dadurch verblendet.
Jenes, dessen Wesen es ist, als eigenes Selbst von sich aus zu leuchten – wie sollte es durch eine Lehrschrift erhellt werden? Es ist ohne Teile (niṣkala), makellos, still, jenseits von allem, leidlos.
Wort für Wort
sva-ātma-prakāśa-rūpam
dessen Wesen das Leuchten des eigenen Selbst ist (Nom.Sg.n.)
tad eva jīva-rūpeṇa puṇya-pāpa-phalair vṛtam | paramātma-padaṃ nityaṃ tat kathaṃ jīvatāṃ gatam ||6||
Eben dieses ist in Gestalt des Lebewesens (jīva) von den Früchten von Verdienst und Schuld umhüllt. Wie ist die ewige Stätte des höchsten Selbst (paramātman) zum Zustand des Jīva gelangt?
Wort für Wort
tat eva
eben dieses (Nom.Sg.n.)
jīva-rūpeṇa
in Gestalt des Jīva (Instr.Sg.)
puṇya-pāpa-phalaiḥ
von den Früchten von Verdienst und Sünde (Instr.Pl.)
O großer Gott, aus Gnade erkläre [dies], o Herr: [das Selbst,] das über die Wirklichkeitsprinzipien (tattva) hinausgeht, über die Stätte aller Seinszustände hinaus, dessen Wesen Erkenntnis ist, das fleckenlos ist.
Wort für Wort
tattva-atītam
über die Tattvas hinausgehend (Akk.Sg.n.)
mahā-deva
o großer Gott (Vok.)
prasādāt
aus Gnade (Abl.Sg.)
kathaya
erkläre (2.Sg.Imp.)
īśvara
o Herr (Vok.)
sarva-bhāva-pada-atītam
über die Stätte aller Seinsweisen hinaus (Akk.Sg.n.)
[Śiva sprach:] Wie ein Wind regte sich [etwas] in ihm selbst; dort erhob sich das Ich-Machen (ahaṃkṛti). [Daraus] entstand der aus den fünf [Elementen] bestehende Leib (piṇḍa), gefügt aus den Körpersubstanzen (dhātu), gebildet aus den Grundqualitäten (guṇa).
sukha-duḥkhaiḥ samāyuktaṃ jīva-bhāvanayā kuru | tena jīvābhidhā proktā viśuddhe paramātmani ||9||
[Dieser Leib] ist mit Freuden und Leiden verbunden – nimm dies als Wirkung der Vorstellung, ein Einzelwesen (jīva) zu sein. Deshalb wird dem ganz reinen höchsten Selbst die Bezeichnung „Jīva“ beigelegt.
Wort für Wort
sukha-duḥkhaiḥ
mit Freuden und Leiden (Instr.Pl.)
samāyuktam
verbunden (Akk.Sg.n.)
jīva-bhāvanayā
durch die Vorstellung des Jīva-Seins (Instr.Sg.)
kuru
mache [es dir klar], nimm an (2.Sg.Imp.)
tena
deshalb (Instr.Sg.)
jīva-abhidhā
die Bezeichnung „Jīva“ (Nom.Sg.)
proktā
ausgesprochen, beigelegt (Nom.Sg.f.)
viśuddhe
beim ganz reinen (Lok.Sg.)
parama-ātmani
beim höchsten Selbst (Lok.Sg.)
Vorlage: jīvāmidhā; zu jīvābhidhā berichtigt. Der Imperativ kuru („mache, nimm an“) ist syntaktisch hart; gemeint ist: verstehe die Verbindung mit Freude und Leid als Folge der Jīva-Vorstellung.
tasmāj jñānaṃ ca yogaṃ ca mumukṣur dṛḍham abhyaset | jñāna-svarūpam evādau jñeyaṃ jñānaika-sādhanam ||14||
Darum soll der nach Erlösung Strebende (mumukṣu) Erkenntnis und Yoga beharrlich üben. Zuerst ist das Wesen der Erkenntnis selbst zu erkennen, das einzige Mittel der Erkenntnis.
„Und wie beschaffen ist das Nichtwissen (ajñāna)?“ – das hat der nach Erlösung Strebende zu untersuchen. Wer die eigene Wesensgestalt erkannt hat – das Alleinsein, die höchste Stätte –,
der ist von den Fehlern wie Begierde, Zorn und Furcht befreit. [Doch] wie wird der Jīva, der von allen Fehlern umhüllt ist, durch Erkenntnis [allein] befreit?
Wie die Erkenntnis die Gestalt des eigenen Selbst ist, voll und alles durchdringend, so gibt es [auch] für die Fehler wie Begierde und Zorn keine Verschiedenheit von der eigenen Wesensgestalt.
Wort für Wort
sva-ātma-rūpam
die Gestalt des eigenen Selbst (Nom.Sg.n.)
yathā
wie
jñānam
die Erkenntnis (Nom.Sg.)
pūrṇam
voll, vollkommen (Nom.Sg.n.)
tat vyāpakam
es [ist] alldurchdringend (Nom.Sg.n.)
tathā
so
kāma-krodha-ādi-doṣāṇām
der Fehler Begierde, Zorn usw. (Gen.Pl.)
sva-rūpāt
von der eigenen Wesensgestalt (Abl.Sg.)
na asti
gibt es nicht
bhinnatā
Verschiedenheit (Nom.Sg.)
Der Einwand des Fragenden: Wenn alles Selbst ist, sind auch die Fehler nicht vom Selbst verschieden – wie kann dann Erkenntnis sie „beseitigen“?
Wozu dann noch ein Gebot für ihn, und wie sollte es ein Verbot geben? Der Unterscheidende (vivekin) ist stets befreit und frei vom Irrgang des Daseinskreislaufs (saṃsāra).
paripūrṇaṃ svarūpaṃ tat satyaṃ kamala-saṃbhava | sakalaṃ niṣkalaṃ caiva pūrṇatvāc ca tad eva hi ||19||
Jene Wesensgestalt ist ganz voll und wahrhaftig, o Lotosgeborener. Mit Teilen (sakala) und ohne Teile (niṣkala) – aufgrund ihrer Fülle ist sie eben beides.
Durch den Teil (kalā) in Gestalt eines Aufzuckens ist es in das Umherirren im Saṃsāra geraten. Ohne Teile, makellos, unmittelbar gegenwärtig – [und doch] mit Teilen, dem Himmelsraum gleich.
Wort für Wort
kalinā
durch den Teil/Strahl (Instr.Sg.)
sphūrti-rūpeṇa
in Gestalt eines Aufzuckens/Aufblitzens (Instr.Sg.)
saṃsāra-bhramatām
zum Umherirren im Saṃsāra (Akk.Sg.)
gatam
gelangt (Nom.Sg.n.)
niṣkalam
ohne Teile (Nom.Sg.n.)
nirmalam
makellos (Nom.Sg.n.)
sākṣāt
unmittelbar, vor Augen
sakalam
mit Teilen (Nom.Sg.n.)
gagana-upamam
dem Himmelsraum gleich (Nom.Sg.n.)
kalinā ist als Instrumental von kalā (Teil, Strahl) zu verstehen; die Vorlage bietet die unregelmäßige Form kalinā (statt kalayā), wohl metri causa oder aus einem Maskulinum kali.
utpatti-sthiti-saṃhāra-sphūrti-jñāna-vivarjitam | etad rūpaṃ samāyātaḥ sa kathaṃ moha-sāgare ||21||
Frei von Entstehen, Bestehen und Vergehen, von Aufzucken und [gegenständlichem] Wissen – wer zu dieser Gestalt gelangt ist, wie sollte der im Meer der Verblendung
Wort für Wort
utpatti-sthiti-saṃhāra-sphūrti-jñāna-vivarjitam
frei von Entstehen, Bestehen, Vergehen, Aufzucken und Wissen (Akk.Sg.n.)
versinken, o Starkarmiger, und das Wissen immer wieder verlieren? Wie der Zustand der im Saṃsāra Befangenen inmitten der Verblendungen durch Freude, Leid und dergleichen ist,
Wort für Wort
nimajjati
versinkt (3.Sg.Präs.)
mahā-bāho
o Starkarmiger (Vok.)
tyaktvā
verlassend, aufgebend (Absol.)
vidyām
das Wissen (Akk.Sg.)
punaḥ punaḥ
immer wieder
sukha-duḥkha-ādi-moheṣu
in den Verblendungen durch Freude, Leid usw. (Lok.Pl.)
so ist es, wenn auch der Wissende, von latenten Prägungen (vāsanā) durchtränkt, verharrt: Dann gibt es zwischen den beiden keinen Unterschied; gleich ist [bei beiden] die Vorstellung des Saṃsāra.
Wenn die Erkenntnis als so beschaffen erkannt ist – wie beschaffen ist dann erst das Nichtwissen? Selbst wer in der Erkenntnis gegründet, leidenschaftslos, pflichtkundig und Herr seiner Sinne ist,
vinā dehena yogena na mokṣaṃ labhate vidhe | apakvāḥ paripakvāś ca dehino dvividhāḥ smṛtāḥ ||25||
erlangt ohne den Leib [und] ohne Yoga die Erlösung nicht, o Vidhi. Zweierlei Verkörperte werden überliefert: unreife (apakva) und ganz gereifte (paripakva).
Wort für Wort
vinā
ohne (mit Instr.)
dehena
dem Leib (Instr.Sg.)
yogena
dem Yoga (Instr.Sg.)
na mokṣam labhate
erlangt die Erlösung nicht (3.Sg.Präs.Med.)
vidhe
o Vidhi [Brahmā, der Ordner] (Vok.)
apakvāḥ
unreif, ungekocht (Nom.Pl.)
paripakvāḥ ca
und ganz gereift (Nom.Pl.)
dehinaḥ
die Verkörperten (Nom.Pl.)
dvividhāḥ smṛtāḥ
werden als zweierlei überliefert (Nom.Pl.)
vinā dehena yogena: „ohne den durch Yoga [gereiften] Leib“ ist ebenfalls möglich; die folgenden Verse erklären das Bild vom Reifen des Leibes im Feuer des Yoga.
jaḍas tu pārthivo jñeyo hy apakvo duḥkha-do bhavet | dhyāna-stho 'sau tathāpy evam indriyair vivaśo bhavet ||27||
Der träge [Leib] aber ist als erdhaft zu erkennen; unreif bringt er Leid. Selbst wenn jener [Mensch] in der Meditation (dhyāna) weilt, gerät er gleichwohl so in die Gewalt der Sinne.
Selbst wenn er diese [Sinne] fest gezügelt hat, wird er dennoch von anderem bedrängt: von Kälte und Hitze, Freude und Leid und dergleichen, von Krankheiten und ebenso von seelischen [Leiden].
Von anderen Lebewesen vielerlei Art, von Waffen, Feuer, Wasser und Wind wird der Körper geplagt; durch all dies wird dann das Denken (citta) erschüttert.
tathā prāṇa-vipattau tu kṣobham āyāti mārutaḥ | tato duḥkha-śatair vyāptaṃ cittaṃ kṣubdhaṃ bhaven nṛṇām ||30||
Ebenso gerät bei einer Störung des Lebensatems (prāṇa) der Wind [im Körper] in Aufruhr; dadurch wird das Denken der Menschen von hundert Leiden erfüllt und verwirrt.
dehānte kiṃ bhavej janma tan na jānanti mānavāḥ | tasmāj jñānaṃ ca vairāgyaṃ jīvasya kevalaṃ śramaḥ ||32||
Was für eine Geburt nach dem Ende des Leibes eintreten wird, das wissen die Menschen nicht. Darum sind Erkenntnis und Leidenschaftslosigkeit (vairāgya) [allein] für den Jīva bloße Mühe.
Wie eine Ameise, die am Leib haftet, durch Meditation abgeschüttelt wird – wird jener [Meditierende] etwa auch [so] von Skorpionen gestochen, oder wie sollte er beim Ende des Leibes glücklich sein?
Wort für Wort
pipīlikā
eine Ameise (Nom.Sg.)
yathā
wie
lagnā
haftend (Nom.Sg.f.)
dehe
am Leib (Lok.Sg.)
dhyānāt
durch Meditation (Abl.Sg.)
vimucyate
wird losgelassen, abgeschüttelt (3.Sg.Pass.)
asau
jener (Nom.Sg.)
kim
etwa?
vṛścikaiḥ daṣṭaḥ
von Skorpionen gestochen (Nom.Sg.)
deha-ante vā
oder beim Ende des Leibes (Lok.Sg.)
katham sukhī
wie glücklich (Nom.Sg.)
Vorlage: draṣṭo; zu daṣṭo („gestochen, gebissen“) berichtigt. Sinn: Durch Meditation allein lässt sich vielleicht das Kribbeln einer Ameise ignorieren, nicht aber ein Skorpionstich oder die Todesnot – daher bedarf es des Yoga.
tasmān mūḍhā na jānanti mithyā-tarkeṇa veṣṭitāḥ | ahaṃkṛtir yadā yasya naṣṭā bhavati tasya vai ||34||
Darum erkennen die Toren, von falschem Räsonieren umstrickt, [dies] nicht. Wenn bei einem das Ich-Machen (ahaṃkṛti) zunichte geworden ist, dann wahrlich
dehas tv api bhaven naṣṭo vyādhayaś cāsya kiṃ punaḥ | jalāgni-śastra-khātādi-bādhā kasya bhaviṣyati ||35||
ist auch der Leib [als solcher] zunichte – und wie viel mehr seine Krankheiten! Wen sollte dann noch Bedrängnis durch Wasser, Feuer, Waffen, Gruben und dergleichen treffen?
Wort für Wort
dehaḥ tu api
auch der Leib (Nom.Sg.)
bhavet naṣṭaḥ
ist zunichte (3.Sg.Opt.)
vyādhayaḥ ca asya
und seine Krankheiten (Nom.Pl.)
kim punaḥ
wie viel mehr
jala-agni-śastra-khāta-ādi-bādhā
Bedrängnis durch Wasser, Feuer, Waffen, Gruben usw. (Nom.Sg.)
Je nachdem, ob das Ich-Machen geschwunden oder genährt ist, verschwinden bei ihm dadurch die Krankheiten und dergleichen oder treten hervor.
Wort für Wort
yadā yadā
wann immer, je nachdem
parikṣīṇā
geschwunden (Nom.Sg.f.)
puṣṭā ca
oder genährt (Nom.Sg.f.)
ahaṃkṛtiḥ bhavet
das Ich-Machen ist (3.Sg.Opt.)
tam anena
dadurch, eben dadurch
asya
bei ihm (Gen.Sg.)
naśyanti
verschwinden (3.Pl.Präs.)
pravartante
treten hervor (3.Pl.Präs.Med.)
ruk-ādayaḥ
Krankheiten usw. (Nom.Pl.)
tam anena: syntaktisch unklar; wohl für tena (tam) anena, „eben dadurch“. Der Sinn ist durch die Gegenüberstellung parikṣīṇā/puṣṭā – naśyanti/pravartante gesichert.
Alle sind vom Körper besiegt; der Körper aber ist von den Yogins besiegt. Wie sollte er ihnen dann noch die Frucht von Freude, Leid und dergleichen bereiten?
Die Sinne, das Denkorgan (manas), der Intellekt (buddhi), Begierde, Zorn und dergleichen sind [von ihm] besiegt; eben dadurch ist alles besiegt, und er wird von nichts mehr bedrängt.
Die großen Elemente und die Wirklichkeitsprinzipien (tattva) werden der Reihe nach [in ihre Ursache] zurückgezogen, und der aus den sieben Körpersubstanzen bestehende Leib wird allmählich im Feuer des Yoga verbrannt.
Wort für Wort
mahā-bhūtāni
die großen Elemente (Nom.Pl.)
tattvāni
die Tattvas (Nom.Pl.)
saṃhṛtāni
zurückgezogen, aufgelöst (Nom.Pl.)
krameṇa ca
und der Reihe nach (Instr.Sg.)
sapta-dhātu-mayaḥ
aus sieben Dhātus bestehend (Nom.Sg.)
dehaḥ
der Leib (Nom.Sg.)
dagdhaḥ
verbrannt (Nom.Sg.)
yoga-agninā
durch das Feuer des Yoga (Instr.Sg.)
śanaiḥ
allmählich
Vorlage: dagdhā (fem.) zu deho; zu dagdho berichtigt. Die sieben Dhātus: Chylus, Blut, Fleisch, Fett, Knochen, Mark, Samen.
devair api na lakṣyeta yogi-deho mahā-balaḥ | bheda-bandha-vinirmukto nānā-śakti-dharaḥ paraḥ ||41||
Selbst von den Göttern wird der Leib des Yogin nicht wahrgenommen: von großer Kraft, befreit von der Fessel der Trennung, Träger vielfältiger Kräfte (śakti), erhaben.
icchā-rūpo hi yogīndraḥ svatantras tv ajarāmaraḥ | krīḍate triṣu lokeṣu līlayā yatra-kutracit ||43||
Der Fürst der Yogins nimmt Gestalt nach Belieben an, ist unabhängig, frei von Alter und Tod; er spielt in den drei Welten, wo immer er will, aus bloßer Lust.
Mit unausdenkbarer Kraft begabt, kann der Yogin vielerlei Gestalten annehmen und sie nach eigenem Willen wieder einziehen, er, der seine Sinne besiegt hat.
Es gibt für ihn nichts mehr zu tun, und durch Getanes wird er nicht befleckt: zu Lebzeiten befreit (jīvan-mukta), stets lauter, frei von allen Fehlern.
Die anderen aber, die Leidenschaftslosen und die Wissenden, sind immerzu vom Leib besiegt. Wie sollten sie den Yogins gleichkommen – Fleischklumpen, Träger eines elenden Leibes?
dehānte jñānibhiḥ puṇyāt pāpāc ca phalam āpyate | īdṛśaṃ tu bhavet tat tad bhuktvā jñānī punar bhavet ||49||
Nach dem Ende des Leibes empfangen die Wissenden die Frucht aus Verdienst und Schuld. Ist sie von solcher Art, so wird der Wissende, nachdem er sie jeweils genossen hat, wieder [geboren].
Danach erlangt er durch Verdienst die Gemeinschaft mit einem Vollendeten (siddha); dann wird er durch die Gnade des Vollendeten ein Yogin – nicht anders.
jñānaṃ tu janmanaikena yogād eva prajāyate | tasmād yogāt parataro nāsti mārgas tu mokṣa-daḥ ||53||
Die Erkenntnis aber entsteht in einer einzigen Geburt allein aus dem Yoga. Darum gibt es keinen Weg, der Erlösung schenkt, der höher wäre als der Yoga.
paścāj janma-śatāntarair yogād eva vimucyate | na tathā bhavato yogāj janma-mṛtyū punaḥ punaḥ ||55||
Erst später, nach hundert weiteren Geburten, wird er allein durch den Yoga erlöst. Nicht so [verhält es sich] mit dem Yoga: Aus ihm [folgen] nicht immer wieder Geburt und Tod.
Wort für Wort
paścāt
später
janma-śata-antaraiḥ
nach hundert weiteren Geburten (Instr.Pl.)
yogāt eva
allein durch den Yoga (Abl.Sg.)
vimucyate
wird erlöst (3.Sg.Pass.)
na tathā
nicht so
bhavataḥ
sind, entstehen (3.Du.Präs.)
yogāt
aus dem Yoga (Abl.Sg.)
janma-mṛtyū
Geburt und Tod (Nom.Du.)
punaḥ punaḥ
immer wieder
Vorlage: janmaśantāntarair; zu janma-śatāntarair berichtigt. Der zweite Halbvers ist elliptisch: Vom Yoga her (yogāt) wiederholen sich (bhavataḥ) Geburt und Tod nicht mehr.
Durch die Vereinigung von Prāṇa und Apāna entsteht die Einheit von Mond und Sonne. [Der Yogin] soll den aus sieben Substanzen bestehenden Leib gewiss mit Feuer durchglühen.
Wort für Wort
prāṇa-apāna-samāyogāt
durch die Vereinigung von Prāṇa und Apāna (Abl.Sg.)
Seine Krankheiten vergehen, ebenso [Verletzungen durch] Schnitte, Gruben und dergleichen. Dann verharrt jener Verkörperte in der Gestalt des höchsten Raumes.
Wort für Wort
vyādhayaḥ tasya
seine Krankheiten (Nom.Pl.)
naśyanti
vergehen (3.Pl.Präs.)
cheda-khāta-ādikāḥ tathā
und ebenso Schnitte, Gruben usw. (Nom.Pl.)
tadā asau
dann jener
parama-ākāśa-rūpaḥ
in Gestalt des höchsten Raumes (Nom.Sg.)
dehī
der Verkörperte (Nom.Sg.)
avatiṣṭhati
verharrt (3.Sg.Präs.)
Vorlage: cchedakhātādikāstathā mit Komma statt Daṇḍa; als cheda-khātādikās tathā gelesen.
Wozu noch viele Worte: Für ihn gibt es wahrlich keinen Tod. Er erscheint in der Welt nur wie ein Verkörperter – von sich aus [ist er] wie verbrannter Kampfer.
Das Denken (citta), das in allen Lebewesen wohnt, ist an den Lebensatem gebunden. Wie ein Vogel, der fest an eine Schnur gebunden ist, so ist dieses Denkorgan (manas).
Wort für Wort
cittam
das Denken (Nom.Sg.)
prāṇena saṃbaddham
an den Prāṇa gebunden (Nom.Sg.n.)
sarva-jīveṣu
in allen Lebewesen (Lok.Pl.)
saṃsthitam
befindlich (Nom.Sg.n.)
rajjvā
an eine Schnur (Instr.Sg.)
yadvat
wie
susaṃbaddhaḥ pakṣī
ein fest gebundener Vogel (Nom.Sg.)
tadvat
so
idam manaḥ
dieses Denkorgan (Nom.Sg.)
Vgl. Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 29 und Haṭhapradīpikā 4,21–24 (Bindung des Geistes an den Atem).
nānā-vidhair vicārais tu na bādhyaṃ jāyate manaḥ | tasmāt tasya jayopāyaḥ prāṇa eva hi nānyathā ||60||
Durch Erwägungen vielerlei Art lässt sich das Denkorgan nicht bezwingen. Darum ist das Mittel, es zu besiegen, allein der Lebensatem (prāṇa) – nicht anders.
Durch Argumente, Wortgefechte, Netze von Lehrschriften, Kunstgriffe, Mantras und Heilmittel wird der Lebensatem nicht gefügig – nur durch das Mittel der Vollendeten (siddha), o Vidhi.
yo jitvā pavanaṃ mohād yogam icchati yoginām | so 'pakvaṃ kumbham āruhya sāgaraṃ tartum icchati ||63||
Wer aus Verblendung den Yoga der Yogins begehrt, ohne den Wind besiegt zu haben, der will auf einem ungebrannten Krug das Meer überqueren.
Wort für Wort
yaḥ
wer (Nom.Sg.)
jitvā pavanam
den Wind besiegt habend [gemeint: nicht besiegt] (Absol.)
mohāt
aus Verblendung (Abl.Sg.)
yogam icchati
begehrt den Yoga (3.Sg.Präs.)
yoginām
der Yogins (Gen.Pl.)
saḥ
der (Nom.Sg.)
apakvam kumbham
einen ungebrannten Krug (Akk.Sg.)
āruhya
besteigend (Absol.)
sāgaram tartum icchati
will das Meer überqueren (Inf.; 3.Sg.Präs.)
Der Vers verlangt dem Sinn nach ajitvā („ohne besiegt zu haben“); die Vorlage bietet jitvā, was wohl auf Verlust des Negationspräfixes beruht. Vgl. Śivasaṃhitā 3,1.
yasya prāṇo vilīno 'ntaḥ sādhake jīvite sati | piṇḍo na patitas tasya cittaṃ doṣaiḥ prabādhate ||64||
Bei wem der Lebensatem im Innern aufgelöst ist, während der Übende noch lebt, dessen Leib fällt nicht; [sonst aber] bedrängt das Denken [ihn] mit Fehlern.
Wort für Wort
yasya prāṇaḥ
wessen Prāṇa (Gen.Sg.)
vilīnaḥ antaḥ
im Innern aufgelöst (Nom.Sg.)
sādhake jīvite sati
während der Übende lebt (Lok.abs.)
piṇḍaḥ
der Leib (Nom.Sg.)
na patitaḥ tasya
fällt bei dem nicht (Nom.Sg.)
cittam
das Denken (Nom.Sg.)
doṣaiḥ
mit Fehlern (Instr.Pl.)
prabādhate
bedrängt (3.Sg.Präs.Med.)
Der zweite Halbvers ist gedrängt: Solange der Prāṇa nicht im Innern aufgelöst ist, bleibt das Denken den Fehlern ausgesetzt (vgl. Vers 65).
Erst wenn sein Denken rein ist, leuchtet ihm die Erkenntnis des eigenen Selbst auf. Darum entsteht die Erkenntnis aus dem Yoga in einer einzigen Geburt, o Lotosgeborener.
Darum soll der Übende zuerst eben diesen Yoga beständig praktizieren. Die nach Erlösung Strebenden müssen um der Erlösung willen die Bezwingung des Lebensatems vollbringen.
yo 'pāna-prāṇayor aikyaṃ sva-rajo-retasos tathā | sūryā-candramasor yogo jīvātma-paramātmanoḥ ||68||
Die Einheit von Apāna und Prāṇa, ebenso von eigenem Rajas und Samen (retas), die Vereinigung von Sonne und Mond, von Einzelseele (jīvātman) und höchstem Selbst (paramātman) –
Wort für Wort
yaḥ
welche (Nom.Sg.m., bezogen auf yogaḥ)
apāna-prāṇayoḥ aikyam
die Einheit von Apāna und Prāṇa (Nom.Sg.)
sva-rajaḥ-retasoḥ tathā
ebenso von eigenem Rajas und Samen (Gen.Du.)
sūryā-candramasoḥ
von Sonne und Mond (Gen.Du.)
yogaḥ
die Vereinigung (Nom.Sg.)
jīva-ātma-parama-ātmanoḥ
von Einzelseele und höchstem Selbst (Gen.Du.)
Nahezu wörtlich Gorakṣaśataka (Gorakṣapaddhati) 1,64 (Definition des Yoga als Vereinigung der Gegensatzpaare) und Yogabīja 89–90.
– so wird die Zusammenführung des Netzes der Gegensatzpaare „Yoga“ genannt. Nun will ich die Krone des Yoga (yoga-śikhā) verkünden, die höchste unter allen Erkenntnissen.
Wenn man das Mantra nachsinnend wiederholt, entsteht ein Zittern der Glieder. Man nehme den Lotossitz (padmaka-āsana) ein oder auch einen anderen, der einem zusagt,
nāsāgre dṛṣṭim āropya hasta-pādau ca saṃyatau | manaḥ sarvatra saṃgṛhya oṃkāraṃ tatra cintayet ||71||
richte den Blick auf die Nasenspitze, halte Hände und Füße gezügelt, sammle das Denkorgan von überall her ein und sinne dort über die Silbe Oṃ (oṃkāra).
Der Weise meditiert beständig, indem er den höchsten Herrn zum Herzen [seiner Meditation] macht. In [dem Leib] mit einem Pfeiler, neun Toren, drei Pfosten und fünf Gottheiten –
Wort für Wort
dhyāyate
meditiert (3.Sg.Präs.Med.)
satatam
beständig
prājñaḥ
der Weise (Nom.Sg.)
hṛt kṛtvā
zum Herzen machend (Absol.)
parama-īśvaram
den höchsten Herrn (Akk.Sg.)
eka-stambhe
mit einem Pfeiler (Lok.Sg.)
nava-dvāre
mit neun Toren (Lok.Sg.)
tri-sthūṇe
mit drei Pfosten (Lok.Sg.)
pañca-daivate
mit fünf Gottheiten (Lok.Sg.)
Ein Pfeiler: die Wirbelsäule (Suṣumnā); neun Tore: die Körperöffnungen; drei Pfosten: die drei Guṇas bzw. die drei Körpersäfte; fünf Gottheiten: die fünf Elemente bzw. Sinne. Vgl. Śvetāśvatara-Upaniṣad 3,18 („Stadt mit neun Toren“).
īdṛśe tu śarīre vā matimān upalakṣayet | āditya-maṇḍalākāraṃ raśmi-jvālā-samākulam ||73||
in einem solchen Leib soll der Einsichtige [das Licht] wahrnehmen, das die Gestalt der Sonnenscheibe hat und von Strahlen und Flammen wimmelt.
Wort für Wort
īdṛśe tu śarīre
in einem solchen Leib (Lok.Sg.)
vā
aber, nun
matimān
der Einsichtige (Nom.Sg.)
upalakṣayet
soll wahrnehmen (3.Sg.Opt.Kaus.)
āditya-maṇḍala-ākāram
mit der Gestalt der Sonnenscheibe (Akk.Sg.)
raśmi-jvālā-samākulam
von Strahlen und Flammen erfüllt (Akk.Sg.)
Vorlage: matimānnopalakṣayet („der Einsichtige nehme nicht wahr“), was dem Zusammenhang widerspricht; als matimān upalakṣayet gelesen (die Doppelung -nn- vor Vokal ist eine häufige Schreibgewohnheit).
Das Feuer in dessen Mitte lodere wie ein Lampendocht. Das Maß, das eine Lampenflamme hat – dieses Maß [gilt] beim höchsten Herrn.
Wort für Wort
tasya madhya-gatam
in dessen Mitte befindlich (Akk.Sg.)
vahnim
das Feuer (Akk.Sg.)
prajvalet
soll lodern (3.Sg.Opt.)
dīpa-varti-vat
wie ein Lampendocht
dīpa-śikhā tu
die Lampenflamme aber (Nom.Sg.)
yā mātrā
welches Maß (Nom.Sg.)
sā mātrā
dieses Maß (Nom.Sg.)
parama-īśvare
beim höchsten Herrn (Lok.Sg.)
Der Akkusativ vahniṃ zum intransitiven prajvalet ist ungenau; gemeint: das Feuer lasse man aufflammen. Die Vorstellung des Ātman als flammengroßes Licht im Herzen vgl. Dhyānabindu-Upaniṣad und Śvetāśvatara-Upaniṣad 5,8–9.
kapāla-sampuṭaṃ pītvā tataḥ paśyati tat padam | atha na dhyāyate jantur ālasyāc ca pramādataḥ ||76||
Hat er die Schädelschale [ihres Nektars] ausgetrunken, dann schaut er jene Stätte. Meditiert aber ein Wesen nicht, aus Trägheit und aus Nachlässigkeit,
[so gilt:] wenn er [wenigstens] zu den drei Tageszeiten [zur Übung] kommt, gelangt er zu einer Fülle von Verdienst. Wie man dieses Verdienst erlangt, habe ich in Kürze dargelegt.
Wem die Bezwingung des Windes gelungen ist, dem soll man als Lehrer (guru) stets dienen. Durch die Gnade aus dem Munde des Lehrers vollbringe der Verständige die Bezwingung des Lebensatems.
Wort für Wort
marut-jayaḥ
die Bezwingung des Windes (Nom.Sg.)
yasya siddhaḥ
wem gelungen (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
sevayet
man soll dienen (3.Sg.Opt.Kaus.)
tam gurum
diesem Lehrer (Akk.Sg.)
sadā
stets
guru-vaktra-prasādena
durch die Gnade des Lehrermundes (Instr.Sg.)
kuryāt
soll vollbringen (3.Sg.Opt.)
prāṇa-jayam
die Bezwingung des Prāṇa (Akk.Sg.)
budhaḥ
der Verständige (Nom.Sg.)
Vorlage: guruvastraprasādena („durch die Gnade des Lehrergewandes“); zu guru-vaktra-prasādena berichtigt (mündliche Unterweisung, vgl. Haṭhapradīpikā 3,9 und 4,9). Denkbar wäre auch, dass vastra auf das im nächsten Vers beschriebene Tuch vorausweist.
Eine Spanne (vitasti) lang, vier Fingerbreit breit, weich und weiß – so wird das Wickeltuch (veṣṭana-ambara) beschrieben.
Wort für Wort
vitasti-pramitam
eine Spanne messend (Nom.Sg.n.)
dairghyam
die Länge (Nom.Sg.)
catur-aṅgula-vistṛtam
vier Fingerbreit breit (Nom.Sg.n.)
mṛdulam
weich (Nom.Sg.n.)
dhavalam
weiß (Nom.Sg.n.)
proktam
genannt (Nom.Sg.n.)
veṣṭana-ambara-lakṣaṇam
das Kennzeichen des Wickeltuchs (Nom.Sg.)
Nahezu wörtlich Haṭhapradīpikā 3,113: das Tuch, mit dem der Yogin bei der Kuṇḍalinī-Erweckung (śakti-cālana) den Unterleib umwickelt; vgl. Gorakṣaśataka 1,53 (Ausgabe Nowotny) und Yogakuṇḍalinī-Upaniṣad 1,11.
Das vom Wind angefachte Feuer soll die Kuṇḍalī unablässig erhitzen. Von diesem Feuer erglüht, [erwacht] die Lebenskraft (jīva-śakti), die die drei Welten betört;
viṣṇu-granthiṃ tato bhittvā rudra-granthau ca tiṣṭhati | tatas tu kumbhakair gāḍhaṃ pūrayitvā punaḥ punaḥ ||87||
durchbricht dann den Viṣṇu-Knoten und verweilt am Rudra-Knoten. Danach soll man mit Atemanhaltungen (kumbhaka) immer wieder fest [den Leib mit Atem] füllen
und dann Sūryabheda, Ujjāyī, Śītalī und Bhastrā üben – „Sahita“ ist der Name dieses vierfachen Kumbhaka.
Wort für Wort
atha abhyaset
dann soll man üben (3.Sg.Opt.)
sūrya-bhedam
Sūryabheda, „Sonnendurchbruch“ (Akk.Sg.)
ujjāyīm ca api
und Ujjāyī (Akk.Sg.)
śītalīm
Śītalī, „die Kühlende“ (Akk.Sg.)
bhastrām ca
und Bhastrā, „Blasebalg“ (Akk.Sg.)
sahitaḥ nāma syāt
„Sahita“ wäre der Name (3.Sg.Opt.)
catuṣṭaya-kumbhakaḥ
der vierfache Kumbhaka (Nom.Sg.)
Dieselben vier Kumbhakas lehrt die Yogakuṇḍalinī-Upaniṣad 1,20–21; die Haṭhapradīpikā (2,44) kennt acht. „Sahita“ (verbunden, begleitet) heißt der Kumbhaka, weil er mit Ein- und Ausatmung verbunden ist, im Gegensatz zum kevala-kumbhaka (Vers 89).
Allein soll man einen abgeschiedenen Ort aufsuchen; leicht essend und standhaft soll man die unsterbliche Wirklichkeit des höchsten Ziels, die in Gestalt des Lebensatems und der anderen [Winde] erscheint, meditierend durchdringen – das Heilmittel ohnegleichen, das die Krankheit des Daseinskreislaufs vertreibt.
Wort für Wort
ekākinā
von einem, der allein ist (Instr.Sg.)
samupagamya
aufsuchend (Absol.)
vivikta-deśam
einen abgeschiedenen Ort (Akk.Sg.)
prāṇa-ādi-rūpam
in Gestalt von Prāṇa usw. (Akk.Sg.n.)
amṛtam
unsterblich (Akk.Sg.n.)
parama-artha-tattvam
die Wirklichkeit des höchsten Ziels (Akk.Sg.)
laghu-āśinā
von einem leicht Essenden (Instr.Sg.)
dhṛtimatā
von einem Standhaften (Instr.Sg.)
paribhāvitavyam
ist meditierend zu durchdringen (Gerundiv)
saṃsāra-roga-haram
die Krankheit Saṃsāra vertreibend (Akk.Sg.n.)
auṣadham advitīyam
das Heilmittel ohne zweites (Akk.Sg.)
Vers im Vasantatilakā-Metrum, der einzige Vers dieses Metrums im ersten Adhyāya.
Der übende Yogin ziehe den Wind durch den Sonnenkanal (Piṅgalā) ein, halte ihn vorschriftsgemäß an und lasse ihn durch den Kühlstrahligen (den Mondkanal, Iḍā) wieder aus.
Wort für Wort
sūrya-nāḍyā
durch den Sonnenkanal (Instr.Sg.)
samākṛṣya
einziehend (Absol.)
vāyum
den Wind (Akk.Sg.)
abhyāsa-yoginā
vom übenden Yogin (Instr.Sg.)
vidhivat
vorschriftsgemäß
kumbhakam kṛtvā
Atemanhalten ausführend (Absol.)
recayet
soll ausatmen (3.Sg.Opt.Kaus.)
śīta-raśminā
durch den Kühlstrahligen [Mond] (Instr.Sg.)
Vorlage: recayecchrītaraśminā; zu recayec chīta-raśminā berichtigt (śīta-raśmi „der Kühlstrahlige“ = Mond = Iḍā). Vgl. Haṭhapradīpikā 2,48–50 (Sūryabheda).
[Ujjāyī:] Man ziehe den Wind durch beide Kanäle ein und schleudere ihn an die beiden Seiten der Kuṇḍalī; man halte ihn im Bauch und lasse ihn danach durch die Iḍā aus, der Kluge.
Wort für Wort
nāḍībhyām
durch die beiden Kanäle (Instr.Du.)
vāyum ākṛṣya
den Wind einziehend (Absol.)
kuṇḍalyāḥ pārśvayoḥ
an die beiden Seiten der Kuṇḍalī (Gen.Sg.; Lok.Du.)
Es vertreibt Schleim und andere Übel in der Kehle, mehrt das Körperfeuer, beseitigt Wasser in den Kanälen und vernichtet die Übel in den Körpersubstanzen.
Wort für Wort
kaṇṭhe
in der Kehle (Lok.Sg.)
kapha-ādi-doṣa-ghnam
Schleim und andere Übel tötend (Nom.Sg.n.)
śarīra-agni-vivardhanam
das Körperfeuer mehrend (Nom.Sg.n.)
nāḍī-jala-apaham
Wasser der Kanäle beseitigend (Nom.Sg.n.)
dhātu-gata-doṣa-vināśanam
die in den Dhātus sitzenden Übel vernichtend (Nom.Sg.n.)
Im Gehen wie im Stehen ist das Kumbhaka namens Ujjāyī auszuführen. [Śītalī:] Man nehme den Wind mit dem Mund auf und lasse ihn durch die Nasenlöcher aus.
Dies ist das Śītalī-Verfahren; es vertreibt Galle, Hunger und Durst. [Bhastrā:] Sodann [bewege man den Atem] wie den Blasebalg eines Schmieds mit Ungestüm in der Brust,
Wort für Wort
śītalī-karaṇam ca idam
und dies ist das Śītalī-Verfahren (Nom.Sg.)
hanti
vertreibt (3.Sg.Präs.)
pittam
Galle (Akk.Sg.)
kṣudhām tṛṣam
Hunger, Durst (Akk.Sg.)
stanayoḥ
in den Brüsten, im Brustkorb (Lok.Du.)
atha
sodann
bhastrā iva
wie ein Blasebalg (Nom.Sg.)
loha-kārasya
des Schmieds (Gen.Sg.)
vegataḥ
mit Ungestüm (Abl.)
stanayoḥ „in den beiden Brüsten“, d.h. im Brustkorb. Vgl. Haṭhapradīpikā 2,59–67 (Bhastrikā).
man lasse den Wind, der im Leib ist, mit Bedacht aus und fülle ihn ein, bis zur Ermüdung. Sobald im Leib Ermüdung eintritt, fülle man ihn durch den Sonnen[kanal] ein,
Wort für Wort
recayet
soll ausatmen (3.Sg.Opt.Kaus.)
pūrayet
soll einfüllen (3.Sg.Opt.Kaus.)
vāyum
den Wind (Akk.Sg.)
ā śramam
bis zur Ermüdung (Akk.Sg. mit ā)
deha-gam
im Leib befindlich (Akk.Sg.)
dhiyā
mit Bedacht (Instr.Sg.)
yathā śramaḥ bhavet dehe
sobald im Leib Ermüdung entsteht (3.Sg.Opt.)
tathā
dann
sūryeṇa pūrayet
fülle man durch die Sonne ein (3.Sg.Opt.Kaus.)
Vorlage: recyet; zu recayet berichtigt. āśramaṃ als ā śramam „bis zur Ermüdung“ aufgelöst.
erweckt die Kuṇḍalī, vertreibt die Übel des Mundes, bringt Heil und Wohlbefinden und zerstört die Riegel aus Schleim und dergleichen, die in der Mündung des Brahma-Kanals (brahma-nāḍī) sitzen.
samyag bandhu-samudbhūtaṃ [?] granthi-traya-vibhedakam | viśeṣeṇaiva kartavyaṃ bhastrākhyaṃ kumbhakaṃ tv idam ||100||
Es durchbricht die drei Knoten, die im Leib fest entstanden sind [Anm.: bandhu-samudbhūtaṃ in der Vorlage ist verderbt; die Haṭhapradīpikā liest gātra-samudbhūta „im Körper entstanden“]. Ganz besonders ist dieses Kumbhaka namens Bhastrā auszuführen.
Haṭhapradīpikā 2,67: samyag gātra-samudbhūta-granthi-traya-vibhedakam. Das Wort bandhu („Verwandter“) der Vorlage gibt keinen Sinn; die Übersetzung folgt der Lesart gātra.
Prāṇa und Apāna, Klang (nāda) und Tropfen (bindu) gelangen durch den Mūla-Bandha zur Einheit und verleihen die volle Vollendung des Yoga – daran ist kein Zweifel.
Wort für Wort
prāṇa-apānau
Prāṇa und Apāna (Nom.Du.)
nāda-bindū
Nāda und Bindu (Nom.Du.)
mūla-bandhena
durch den Mūla-Bandha (Instr.Sg.)
ca
und
ekatām gatvā
zur Einheit gelangend (Absol.)
yogasya saṃsiddhim
die volle Vollendung des Yoga (Akk.Sg.)
yacchataḥ
sie beide geben (3.Du.Präs.)
na atra saṃśayaḥ
daran ist kein Zweifel
Vgl. Haṭhapradīpikā 3,64; Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 47. yacchataḥ (Dual) bezieht sich auf die beiden Paare.
Am Ende des Atemanhaltens und zu Beginn des Ausatmens ist der Uḍḍiyāna-Verschluss auszuführen – der Verschluss, durch den der Lebensatem in der Suṣumnā „auffliegt“ (uḍḍīyate).
Wort für Wort
kumbhaka-ante
am Ende des Kumbhaka (Lok.Sg.)
recaka-ādau
zu Beginn des Ausatmens (Lok.Sg.)
kartavyaḥ tu
ist auszuführen (Gerundiv)
uḍḍiyānakaḥ bandhaḥ
der Uḍḍiyāna-Verschluss (Nom.Sg.)
yena
durch den (Instr.Sg.)
suṣumnāyām
in der Suṣumnā (Lok.Sg.)
prāṇaḥ tu uḍḍīyate
der Prāṇa auffliegt (3.Sg.Pass.)
yataḥ
weil, da
In der Vorlage fehlt nach diesem Vers der schließende Doppelstrich (॥); die Nummer 106 ist aber vorhanden. Vgl. Haṭhapradīpikā 3,55 (Etymologie: prāṇas tūḍḍīyate yasmāt).
abhyaset tad atandras tu vṛddho 'pi taruṇo bhavet | nābher ūrdhvam adhaś cāpi trāṇaṃ kuryāt prayatnataḥ ||108||
wer ihn unermüdlich übt, wird selbst als Greis wieder jung. Oberhalb und unterhalb des Nabels soll man mit Anstrengung das Zurückziehen ausführen.
Wort für Wort
abhyaset tat
soll das üben (3.Sg.Opt.)
atandraḥ tu
unermüdlich (Nom.Sg.)
vṛddhaḥ api
selbst ein Greis (Nom.Sg.)
taruṇaḥ bhavet
wird jung (3.Sg.Opt.)
nābheḥ ūrdhvam
oberhalb des Nabels (Abl.Sg.)
adhaḥ ca api
und auch unterhalb
trāṇam kuryāt
soll das Zurückziehen (wörtl. Schutz) ausführen (3.Sg.Opt.)
prayatnataḥ
mit Anstrengung (Abl.)
trāṇaṃ („Schutz“) steht wohl für tāṇaṃ/ākuñcanaṃ, das Zurückziehen des Bauches nach hinten (vgl. Haṭhapradīpikā 3,57: tāṇaṃ kuryāt prayatnataḥ). Übersetzt nach dem Sinn der Parallele.
Dieser Verschluss namens Jālandhara bewirkt das Anschwellen des Nektars (amṛta). Ist die Kehle zusammengezogen und rasch das Zusammenziehen von unten [Mūla-Bandha] ausgeführt,
so gelangt der Lebensatem durch das Spannen nach hinten in der Mitte [Uḍḍiyāna] in den Brahma-Kanal. Der im Vajrāsana sitzende Yogin soll die Kuṇḍalī aufrütteln
und unmittelbar darauf die Bhastrā ausführen – so erweckt er die Kuṇḍalī rasch. Wie die Knoten in einem Bambusrohr mit einem glühenden Eisenstab durchstoßen werden,
suṣumnāyāṃ tathābhyāsāt satataṃ vāyunā bhavet | rudra-granthiṃ tato bhittvā tato yāti śivātmakam ||115||
so entsteht [ein Prickeln] durch beständige Übung mit dem Wind in der Suṣumnā. Hat er dann den Rudra-Knoten durchbrochen, geht er weiter zu dem, was Śivas Wesen ist.
Hat man Mond und Sonne einander gleichgemacht, so kommt ihre Vereinigung zustande. Durch das Durchbrechen der drei Knoten gelangt man über die drei Grundqualitäten (guṇa) hinaus.
sie alle sitzen an der Suṣumnā wie Perlenreihen auf einer Schnur. Weil sie auf dem Weg der Erlösung gegründet ist, trägt die Suṣumnā die Gestalt des Alls (viśva-rūpiṇī).
Wort für Wort
suṣumnāyām
an der Suṣumnā (Lok.Sg.)
sthitāḥ sarve
alle sitzend (Nom.Pl.)
sūtre
auf einer Schnur (Lok.Sg.)
maṇi-gaṇāḥ iva
wie Perlenreihen (Nom.Pl.)
mokṣa-mārge
auf dem Weg der Erlösung (Lok.Sg.)
pratiṣṭhānāt
wegen des Gegründetseins (Abl.Sg.)
suṣumnā
die Suṣumnā (Nom.Sg.)
viśva-rūpiṇī
allgestaltig (Nom.Sg.f.)
Vorlage: sthitaḥ (Sg.) zu sarve; zu sthitāḥ berichtigt.
punaḥ punas tadvad eva paścima-dvāra-lakṣaṇam | pūritas tu sa tad-dvārair īṣat-kumbhakatāṃ gataḥ ||121||
Immer wieder [übt man] ebenso das, was das hintere Tor (paścima-dvāra) kennzeichnet. Ist er [der Wind] eingefüllt, gelangt er durch diese Tore zu einem leichten Angehaltensein
Wort für Wort
punaḥ punaḥ
immer wieder
tadvat eva
ebenso
paścima-dvāra-lakṣaṇam
das Kennzeichen des hinteren Tores (Nom./Akk.Sg.)
pūritaḥ tu saḥ
er aber, eingefüllt (Nom.Sg.)
tat-dvāraiḥ
durch diese Tore (Instr.Pl.)
īṣat-kumbhakatām
zu leichtem Angehaltensein (Akk.Sg.)
gataḥ
gelangt (Nom.Sg.)
paścima-dvāra/paścima-mārga („westlicher/hinterer Weg“) bezeichnet in diesem Text die Suṣumnā entlang des Rückgrats.
yatraiva jātaṃ sa-kalevaraṃ manas tatraiva līnaṃ kurute sa yogāt | sa eva mukto nirahaṃkṛtiḥ sukhī mūḍhā na jānanti hi piṇḍa-pātinaḥ ||123||
Wo das Denkorgan samt dem Leib entstanden ist, eben dort lässt er es durch den Yoga sich auflösen. Nur er ist befreit, ohne Ich-Machen, glücklich; die Toren, deren Leib [beim Tod] zerfällt, wissen es nicht.
cittaṃ viniṣṭaṃ yadi bhāsitaṃ syāt tatra pratīto maruto 'pi nāśaḥ | na ced yadi syān na tu tasya śāstraṃ nātma-pratītir na gurur na mokṣaḥ ||124||
Wenn das Denken vergangen und [das Selbst] aufgeleuchtet ist, dann ist dort auch das Vergehen des Windes gewiss. Ist es aber nicht so, dann [nützt] ihm weder Lehrschrift noch Selbstgewissheit, weder Lehrer noch Erlösung.
Wort für Wort
cittam
das Denken (Nom.Sg.)
viniṣṭam
vergangen [vinaṣṭam] (Nom.Sg.n.)
yadi
wenn
bhāsitam syāt
aufgeleuchtet wäre (3.Sg.Opt.)
tatra
dort, dann
pratītaḥ
gewiss, erkannt (Nom.Sg.)
marutaḥ api nāśaḥ
auch das Vergehen des Windes (Nom.Sg.)
na cet yadi syāt
wenn es aber nicht wäre
na tu tasya śāstram
nicht [nützt] ihm die Lehrschrift
na ātma-pratītiḥ
nicht Selbstgewissheit (Nom.Sg.)
na guruḥ na mokṣaḥ
weder Lehrer noch Erlösung
Vorlage: viniṣṭaṃ, wohl für vinaṣṭaṃ („vergangen“); so übersetzt. Upajāti-Metrum.
Wie ein Blutegel von sich aus mit Gewalt das Blut heraussaugt, so [zieht] der Brahma-Kanal durch beständige Übung die Körpersubstanzen (dhātu) an sich.
Dann vergehen daraufhin alle Übel wie Hunger und Durst, und man gewinnt allein den Stand in der eigenen Wesensgestalt, dem Sein-Bewusstsein-Seligkeit (sac-cid-ānanda).
kathitaṃ tu tava prītyā hy etad abhyāsa-lakṣaṇam | mantro layo haṭho rāja-yogo 'ntar-bhūmikāḥ kramāt ||129||
Aus Liebe zu dir habe ich dieses Kennzeichen der Übung dargelegt. Mantra[-Yoga], Laya[-Yoga], Haṭha[-Yoga] und Rāja-Yoga sind der Reihe nach die inneren Stufen:
Wort für Wort
kathitam tu
dargelegt aber (Nom.Sg.n.)
tava prītyā
aus Liebe zu dir (Instr.Sg.)
hi etat
fürwahr dieses
abhyāsa-lakṣaṇam
das Kennzeichen der Übung (Nom.Sg.)
mantraḥ layaḥ haṭhaḥ
Mantra, Laya, Haṭha (Nom.Sg.)
rāja-yogaḥ
Rāja-Yoga (Nom.Sg.)
antar-bhūmikāḥ
innere Stufen (Nom.Pl.)
kramāt
der Reihe nach (Abl.Sg.)
Die vier Yogas als Stufen eines einzigen „großen Yoga“ lehrt ebenso das Yogabīja (143–150) und die Yogatattva-Upaniṣad 19–23.
so 'haṃ so 'ham iti prokto mantra-yogaḥ sa ucyate | pratītir mantra-yogāc ca jāyate paścime pathi ||132||
Es lautet dann „so 'ham, so 'ham“ („Der bin ich“); das wird Mantra-Yoga genannt. Aus dem Mantra-Yoga entsteht die Gewissheit auf dem hinteren Pfad (Suṣumnā).
Durch den Haṭha wird die Trägheit verschlungen, aus der alle Übel entstehen. Der Feldkenner (kṣetra-jña, die Einzelseele) und das höchste Selbst – wenn deren Einheit eintritt,
Aus der Auflösung (laya) gewinnt man Glück, die Seligkeit des eigenen Selbst, die höchste Stätte. Inmitten der Yoni, im großen Feld, [liegt] das, was der Blüte des Hibiskus und der Bandhūka gleicht:
Wort für Wort
layāt
aus der Auflösung (Abl.Sg.)
samprāpyate
wird gewonnen (3.Sg.Pass.)
saukhyam
Glück (Nom.Sg.)
sva-ātma-ānandam
die Seligkeit des eigenen Selbst (Nom.Sg.)
param padam
die höchste Stätte (Nom.Sg.)
yoni-madhye
inmitten der Yoni (Lok.Sg.)
mahā-kṣetre
im großen Feld (Lok.Sg.)
japā-bandhūka-saṃnibham
der Hibiskus- und Bandhūka-Blüte gleich (Nom.Sg.n.)
Vorlage: svātmānadaṃ; zu svātmānandaṃ berichtigt. Zu Rajas und Retas vgl. Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 60–64, Gorakṣaśataka 70–72.
das Rajas der Lebewesen wohnt [dort], die verhüllte Wesenheit der Göttin. Aus der Vereinigung von Rajas und Samen (retas) wird [der Yoga] „Rāja-Yoga“ genannt.
Durch den Rāja-Yoga erlangt man die Stufe der [Vollkommenheiten wie] Aṇimā und erstrahlt (rājate). Die Vereinigung von Prāṇa und Apāna – [dies alles] ist als der vierfache Yoga zu kennen.
Geht der Leib aus Nachlässigkeit zugrunde, ohne dass die Yoga-Vollendung erreicht ist, so erlangt man, mit den früheren Prägungen (vāsanā) versehen, einen anderen Körper.
pūrva-janma-kṛtābhyāsāt sat-tvaraṃ phalam aśnute | etad eva hi vijñeyaṃ tat kāka-matam ucyate ||143||
Aufgrund der in einer früheren Geburt geübten Praxis genießt er die Frucht sehr rasch. Eben dies ist zu wissen; das wird die „Ansicht der Krähe“ (kāka-mata) genannt.
Wort für Wort
pūrva-janma-kṛta-abhyāsāt
aufgrund der in früherer Geburt getanen Übung (Abl.Sg.)
Es gibt außer der Ansicht der Krähe nichts anderes, was „Übung“ hieße und darüber hinausginge. Allein dadurch wird Befreiung erlangt – nicht anders; [das ist] Śivas Wort.
Aus dem Gang des Haṭha-Yoga [ergibt sich] die Auflösung des Lebewesens in den natürlichen Zustand höchster Stufe und dergleichen [Anm.: kāṣṭhāsahajīvalayādikam der Vorlage ist verderbt]. Ohne den berühmten hinteren [Weg] wäre kein Weg zur Erlösung geschaffen.
Wort für Wort
haṭha-yoga-kramāt
aus dem Gang des Haṭha-Yoga (Abl.Sg.)
kāṣṭhā-sahaja-jīva-laya-ādikam [?]
verderbt; wohl: Auflösung des Jīva im natürlichen Zustand höchster Stufe usw. (Nom.Sg.n.)
na akṛtam
nicht geschaffen (Nom.Sg.n.)
mokṣa-mārgam syāt
wäre der Erlösungsweg (3.Sg.Opt.)
prasiddhām paścimam vinā
ohne den berühmten hinteren [Weg] (Akk.)
Vorlage: kāṣṭhāsahajīvalayādikam, metrisch und sprachlich unstimmig; vermutlich kāṣṭhā-sahaja-jīva-laya-ādikam („das Aufgehen des Jīva im natürlichen Zustand als äußerstes Ziel“). Die Übersetzung ist ein Versuch.
Zuerst vergehen die Krankheiten, danach die Trägheit, die dem Körper entstammt. Dann wird der Mond, gleichgestimmt (samarasa) geworden, unaufhörlich [Nektar] regnen lassen.
Hat er die Trägheit, die vom Regen [des Nektars] und dergleichen [herrührt], überwunden, wird der Mensch zum Luftwandler (khecara); allwissend wird er, von beliebiger Gestalt und schnell wie der Wind.
Wort für Wort
jitvā
überwunden habend (Absol.)
vṛṣṭi-ādikam jāḍyam
die Trägheit von Regen usw. (Akk.Sg.)
khe-caraḥ
im Raum wandelnd (Nom.Sg.)
saḥ bhavet naraḥ
der Mensch wird (3.Sg.Opt.)
sarva-jñaḥ asau bhavet
jener wird allwissend (3.Sg.Opt.)
kāma-rūpaḥ
von Gestalt nach Belieben (Nom.Sg.)
pavana-vegavān
windschnell (Nom.Sg.)
Vorlage: sarvajñosau; zu sarva-jño 'sau berichtigt.
Ebenso: Ist das Ich-Bewusstsein geschwunden – woher noch Härte im Leib? Der Fürst der Yogins ist Täter von allem, unabhängig, von unendlichen Gestalten;
Wort für Wort
ahaṃkāra-kṣaye
beim Schwinden des Ich-Bewusstseins (Lok.Sg.)
tadvat
ebenso
dehe
im Leib (Lok.Sg.)
kaṭhinatā kutaḥ
woher Härte (Nom.Sg.)
sarva-kartā ca
und Täter von allem (Nom.Sg.)
yogi-indraḥ
der Fürst der Yogins (Nom.Sg.)
svatantraḥ
unabhängig (Nom.Sg.)
ananta-rūpavān
mit unendlichen Gestalten (Nom.Sg.)
Vorlage: kaṭhinā kutaḥ (metrisch zu kurz); zu kaṭhinatā kutaḥ ergänzt.
er wird ein zu Lebzeiten Befreiter (jīvan-mukta), ein großer Yogin – daran ist kein Zweifel. Zweierlei Vollkommenheiten gibt es in der Welt: künstlich hervorgebrachte (kalpita) und nicht hervorgebrachte (akalpita).
Wort für Wort
jīvan-muktaḥ
lebend befreit (Nom.Sg.)
mahā-yogī
ein großer Yogin (Nom.Sg.)
jāyate
wird (3.Sg.Präs.Med.)
na atra saṃśayaḥ
daran kein Zweifel
dvividhāḥ siddhayaḥ
zweierlei Siddhis (Nom.Pl.)
loke
in der Welt (Lok.Sg.)
kalpitā-akalpitāḥ tathā
hervorgebrachte und nicht hervorgebrachte (Nom.Pl.)
rasauṣadhi-kriyā-jāla-mantrābhyāsādi-sādhanāt | siddhyanti siddhayo yās tu kalpitās tāḥ prakīrtitāḥ ||152||
Die Vollkommenheiten, die durch Mittel wie Elixiere, Kräuter, ein Gewirr von Ritualen und Mantra-Übung zustande kommen, werden „hervorgebracht“ genannt.
bei denen, die allein im Yoga des eigenen Selbst gegründet sind, aus [innerer] Freiheit, dem Herrn lieb: Die reichen Vollkommenheiten, die so [entstehen], gelten als frei von künstlichem Hervorbringen.
Wort für Wort
sva-ātma-yoga-eka-niṣṭheṣu
bei den allein im Yoga des eigenen Selbst Gegründeten (Lok.Pl.)
svātantryāt
aus Unabhängigkeit (Abl.Sg.)
īśvara-priyāḥ
dem Herrn lieb (Nom.Pl.)
prabhūtāḥ siddhayaḥ
reiche Siddhis (Nom.Pl.)
yāḥ tāḥ
welche – die (Nom.Pl.f.)
kalpanā-rahitāḥ
frei von Hervorbringung (Nom.Pl.f.)
smṛtāḥ
gelten als (Nom.Pl.)
In der Vorlage endet der Vers mit einem einfachen Strich (।) statt des Doppelstrichs; die Nummer 154 ist vorhanden. Vorlage: svātantryāddīśvarapriyāḥ; zu svātantryād īśvara-priyāḥ berichtigt.
Vollendet, beständig, von großer Kraft, nach Wunsch gestaltet, aus dem eigenen Yoga geboren – sie entstehen nach langer Zeit bei denen, die frei von Prägungen sind.
tās tu gopyā mahā-yogāt paramātma-pade 'vyaye | vinā kāryaṃ sadā guptaṃ yoga-siddhasya lakṣaṇam ||156||
Diese aber sind geheim zu halten, aus [Rücksicht auf] den großen Yoga, in der unvergänglichen Stätte des höchsten Selbst. Ohne Not stets verborgen zu bleiben ist das Kennzeichen des im Yoga Vollendeten.
Wie Wanderer, die auf den Himmelsraum zu gehen, unterwegs auf dem Pfad vielerlei Wallfahrtsorte sehen, so sind die Vollkommenheiten [nur] vielerlei Wegmarken.
svayam eva prajāyante lābhālābha-vivarjite | yoga-mārge tathaivedaṃ siddhi-jālaṃ pravartate ||158||
Sie entstehen ganz von selbst bei dem, der frei von [dem Denken an] Gewinn und Verlust ist. Ebenso tritt auf dem Weg des Yoga dieses Netz von Vollkommenheiten hervor.
alaukika-guṇas tasya kadācid dṛśyate dhruvam | siddhibhiḥ parihīnaṃ tu naraṃ baddhaṃ tu lakṣayet ||160||
Eine überweltliche Eigenschaft wird an ihm gewiss irgendwann sichtbar. Einen Menschen hingegen, dem die Vollkommenheiten fehlen, erkenne man als gebunden.
Wird ihnen etwa durch das Fallen des Leibes Befreiung zuteil, o Lotosgeborener? [Beim Yogin] tritt der Lebensatem nicht mehr nach außen – woher sollte da ein Fallen des Leibes kommen?
piṇḍa-pātena yā muktiḥ sā muktir na tu hanyate | dehe brahmatvam āyāte jalānāṃ saindhavaṃ yathā ||163||
Die Befreiung, die [nur] durch das Fallen des Leibes käme – jene Befreiung [gilt nicht]; [die wahre Befreiung] aber wird nicht zerstört. Wenn der Leib Brahman-Sein erlangt hat, wie Salz [sich auflöst] im Wasser,
Wort für Wort
piṇḍa-pātena
durch das Fallen des Leibes (Instr.Sg.)
yā muktiḥ
welche Befreiung (Nom.Sg.)
sā muktiḥ
jene Befreiung (Nom.Sg.)
na tu hanyate
wird aber nicht zerstört (3.Sg.Pass.)
dehe brahmatvam āyāte
wenn der Leib Brahman-Sein erlangt hat (Lok.abs.)
jalānām
der Wasser (Gen.Pl.)
saindhavam yathā
wie Salz (Nom.Sg.)
Der Halbvers ist elliptisch; vgl. Yogabīja 176–177: „Befreiung durch Fall des Leibes ist keine Befreiung.“
ananyatāṃ yadā yāti tadā muktaḥ sa ucyate | vimatāni śarīrāṇi indriyāṇi tathaiva ca ||164||
und er zur Nicht-Andersheit gelangt, dann wird er ein Befreiter genannt. Die Körper und ebenso die Sinne sind [als verschieden] verkannt worden [Anm.: vimatāni, wörtlich „bestritten, abgelehnt“];
Wort für Wort
ananyatām
zur Nicht-Andersheit (Akk.Sg.)
yadā yāti
wenn er gelangt (3.Sg.Präs.)
tadā
dann
muktaḥ saḥ ucyate
wird er befreit genannt (3.Sg.Pass.)
vimatāni
für verschieden gehalten, bestritten (Nom.Pl.n.)
śarīrāṇi
die Körper (Nom.Pl.)
indriyāṇi tathā eva ca
und ebenso die Sinne (Nom.Pl.)
vimatāni („bestritten, verschieden gedacht“) ist auffällig; vielleicht für vibhinnāni. Der Sinn: Körper und Sinne, die man als vom Brahman verschieden gedacht hat, sind in Wahrheit Brahman (Vers 165).
das Brahman hat Leibhaftigkeit angenommen wie das Wasser Blasengestalt. Der Leib ist eine Stadt mit zehn Toren, [ein Land] mit den zehn Kanälen (nāḍī) als Hauptstraßen,
Wort für Wort
brahma
das Brahman (Nom.Sg.)
dehatvam āpannam
hat Leibhaftigkeit angenommen (Nom.Sg.n.)
vāri
das Wasser (Nom.Sg.)
budbudatām iva
wie Blasen-Sein (Akk.Sg.)
daśa-dvāra-puram
eine Stadt mit zehn Toren (Akk.Sg.)
deham
den Leib (Akk.Sg.)
daśa-nāḍī-mahā-patham
mit den zehn Nāḍīs als Hauptwegen (Akk.Sg.)
Verse 165–178 kehren in Adhyāya 5,2–15 nahezu wörtlich wieder, dort mit vaiṣṇavischer Einfärbung (Viṣṇu-Tempel statt Śiva-Tempel).
von zehn Winden durchdrungen, mit den zehn Sinnen als Gefolge; mit den sechs Stützpunkten (ādhāra) als Innengemächern, mit den sechs [Yoga-]Traditionen (anvaya) als großem Wald,
Wort für Wort
daśabhiḥ vāyubhiḥ
von zehn Winden (Instr.Pl.)
vyāptam
durchdrungen (Akk.Sg.)
daśa-indriya-paricchadam
mit den zehn Sinnen als Gefolge/Ausstattung (Akk.Sg.)
ṣaṭ-ādhāra-apavarakam
mit den sechs Ādhāras als Gemächern (Akk.Sg.)
ṣaṭ-anvaya-mahā-vanam
mit den sechs Traditionen als großem Wald (Akk.Sg.)
übersät mit den vier heiligen Sitzen (pīṭha), erleuchtet von den vier Überlieferungen (āmnāya), mit Bindu und Nāda als großem Liṅga, die Wohnstatt von Śiva und Śakti –
Wort für Wort
catuḥ-pīṭha-samākīrṇam
mit vier Pīṭhas übersät (Akk.Sg.)
catur-āmnāya-dīpakam
von den vier Āmnāyas erleuchtet (Akk.Sg.)
bindu-nāda-mahā-liṅgam
mit Bindu und Nāda als großem Liṅga (Akk.Sg.)
śiva-śakti-niketanam
Wohnstatt von Śiva und Śakti (Akk.Sg.)
Die vier Pīṭhas werden in den Versen 171–175 als Kāmarūpa, Pūrṇagiri, Jālandhara und Uḍyāṇa benannt, die berühmten Śākta-Heiligtümer, hier in den Körper verlegt; die vier Āmnāyas sind die vier Überlieferungsströme des Tantra (oder die vier Veden).
aus dem der Haṃsa (Atem) entsteht, aus dem das Denkorgan entsteht – eben dies ist der heilige Sitz namens Kāmarūpa, der die Frucht der Wünsche verleiht.
Viereckig ist [der Bereich] der Erde und der übrigen [Elemente] zuerst; Brahmā ist dort die zugehörige Gottheit. Halbmondförmig ist das Wasser; Viṣṇu ist seine Gottheit.
Wort für Wort
catur-asram
viereckig (Nom.Sg.n.)
dharaṇī-ādau
bei Erde usw. zuerst (Lok.Sg.)
brahmā
Brahmā (Nom.Sg.)
tatra adhidevatā
dort die zugehörige Gottheit (Nom.Sg.)
ardha-candra-ākṛti
halbmondförmig (Nom.Sg.n.)
jalam
das Wasser (Nom.Sg.)
viṣṇuḥ tasya adhidevatā
Viṣṇu ist dessen Gottheit (Nom.Sg.)
Vorlage: calaṃ („beweglich“); nach der Parallele 5,13 (jalaṃ) berichtigt. Die Elementbereiche (maṇḍala) mit ihren Formen und Gottheiten entsprechen der Lehre der Dhāraṇā-Meditation in Gorakṣaśataka 74–79 und Yogatattva-Upaniṣad 85–98.
Der Bereich des Raumes (ākāśa) ist rund; seine Gottheit ist Sadāśiva. Den Bereich des Denkorgans zwischen den Brauen kennt man als klanggestaltig (nāda-rūpa). – So [endet] der erste Adhyāya.
Wort für Wort
ākāśa-maṇḍalam
der Bereich des Raumes (Nom.Sg.)
vṛttam
rund (Nom.Sg.n.)
devatā asya
dessen Gottheit (Nom.Sg.)
sadāśivaḥ
Sadāśiva (Nom.Sg.)
nāda-rūpam
klanggestaltig (Akk.Sg.n.)
bhruvoḥ madhye
zwischen den Brauen (Lok.Sg.)
manasaḥ maṇḍalam
den Bereich des Denkorgans (Akk.Sg.)
viduḥ
sie kennen (3.Pl.Perf.)
iti prathamaḥ adhyāyaḥ
so der erste Adhyāya
Kapitelkolophon der Vorlage: iti prathamo'dhyāyaḥ ||1||.