Quellen der Menschheit

Yogaśikhā-Upaniṣad

Adhyāya 6: ṣaṣṭho 'dhyāyaḥ – suṣumnopāsanā-cintā-nirodha-nirūpaṇam Sechster Adhyāya: Die Verehrung der Suṣumnā, die inneren Wallfahrtsorte und die Zügelung des Denkens (79 Verse)

Der sechste Adhyāya beantwortet Hiraṇyagarbhas Frage nach der Art der Verehrung (upāsanā). Nach einer Anrufung der Śakti als Suṣumnā, Kuṇḍalinī, Nektar und Manonmanī zitiert der Text den Vers der Kaṭha- und Chāndogya-Upaniṣad von den hundertundeins Kanälen des Herzens und erklärt die Suṣumnā zum Brahma-Kanal, in dem Sonne, Mond, Feuer, alle Welten, Veden und Wissenschaften enthalten sind (Verse 3–14). Die Kuṇḍalinī wird als „Grundlage“ (ādhāra) und als Sarasvatī gepriesen; das Anhalten des Windes im Ādhāra-Cakra lässt den Körper beben, den Yogin tanzen und die Welt im eigenen Leib sichtbar werden (Verse 22–34). Eine Litanei mit der Anapher „wenn in der Suṣumnā …“ und die Verinnerlichung der heiligen Geographie – Gaṅgā, Maṇikarṇikā, Śrīśaila, Vārāṇasī, Kedāra, Pferdeopfer wiegen nicht den sechzehnten Teil der Suṣumnā-Meditation auf – gehören zu den eindrücklichsten Partien des Textes (Verse 35–46). Es folgen die Ortsbestimmung der Śaktis in der Stirn, die aus der Yogacūḍāmaṇi bekannten Verse über die von Prāṇa und Apāna hin- und hergeworfene Seele und das Haṃsa-Mantra, die Deutung des Oṃ mit seinen drei Moren und eine Lehre vom Denken (citta) als Ursache der Welt, das dort weilt, wo der Wind ist, und das durch Betrachtung des Denkorgans mit dem Denkorgan zur Unmanī aufsteigt (Verse 47–72). Die Schlussverse fassen den Yoga in dem Bild vom Feuer im Holz und der Lampe im Krug zusammen: Erst wenn das Wort des Lehrers den Krug des Leibes zerbricht, leuchtet die Erkenntnis des Brahman auf, und mit dem Lehrer als Steuermann überquert man das Meer des Werdens.

upāsanā-prakāraṃ me brūhi tvaṃ parameśvara | yena vijñāta-mātreṇa mukto bhavati saṃsṛteḥ ||1||

[Hiraṇyagarbha sprach:] Nenne mir, o höchster Herr, die Art der Verehrung (upāsanā), durch deren bloßes Erkennen man vom Daseinskreislauf befreit wird.

Wort für Wort
upāsanā-prakāram
die Art der Verehrung (Akk.Sg.)
me brūhi tvam
nenne du mir (2.Sg.Imp.)
parama-īśvara
o höchster Herr (Vok.)
yena vijñāta-mātreṇa
durch deren bloßes Erkanntsein (Instr.Sg.)
muktaḥ bhavati
wird man befreit (3.Sg.Präs.)
saṃsṛteḥ
vom Daseinskreislauf (Abl.Sg.)

upāsanā-prakāraṃ te rahasyaṃ śruti-sārakam | hiraṇyagarbha vakṣyāmi śrutvā samyag upāsaya ||2||

[Śiva sprach:] Die Art der Verehrung, das Geheimnis, den Kern der Offenbarung (śruti), will ich dir verkünden, Hiraṇyagarbha; höre und übe sie recht.

Wort für Wort
upāsanā-prakāram
die Art der Verehrung (Akk.Sg.)
te
dir (Dat.)
rahasyam
das Geheimnis (Akk.Sg.)
śruti-sārakam
den Kern der Śruti (Akk.Sg.)
hiraṇyagarbha
o Hiraṇyagarbha (Vok.)
vakṣyāmi
ich will verkünden (1.Sg.Fut.)
śrutvā
gehört habend (Absol.)
samyak upāsaya
übe recht (2.Sg.Imp.)

suṣumnāyai kuṇḍalinyai sudhāyai candra-maṇḍalāt | manonmanyai namas tubhyaṃ mahā-śaktyai cid-ātmane ||3||

Der Suṣumnā, der Kuṇḍalinī, dem Nektar aus der Mondscheibe, der Manonmanī, der großen Kraft, deren Wesen Bewusstsein ist – dir sei Verehrung!

Wort für Wort
suṣumnāyai
der Suṣumnā (Dat.Sg.)
kuṇḍalinyai
der Kuṇḍalinī (Dat.Sg.)
sudhāyai
dem Nektar (Dat.Sg.)
candra-maṇḍalāt
aus der Mondscheibe (Abl.Sg.)
manonmanyai
der Manonmanī (Dat.Sg.)
namaḥ tubhyam
Verehrung dir (Dat.)
mahā-śaktyai
der großen Śakti (Dat.Sg.)
cit-ātmane
deren Wesen Bewusstsein ist (Dat.Sg.)

Vorlage: kuṇḍalīnyai; zu kuṇḍalinyai berichtigt. Der Anrufungsvers gilt der Śakti in ihren Erscheinungsformen; manonmanī („der Geist über dem Geist“) ist der Zustand jenseits des Denkens.

śataṃ caikā ca hṛdayasya nāḍyas tāsāṃ mūrdhānam abhiniḥsṛtaikā | tayordhvam āyann amṛtatvam eti viṣvaṅṅ anyā utkramaṇe bhavanti ||4||

Hundertundeins sind die Kanäle des Herzens; einer von ihnen führt zum Scheitel hinaus. Wer durch ihn nach oben geht, gelangt zur Unsterblichkeit; die anderen dienen beim Verlassen [des Leibes] nach allen Richtungen.

Wort für Wort
śatam ca ekā ca
hundert und eine (Nom.)
hṛdayasya nāḍyaḥ
die Kanäle des Herzens (Nom.Pl.)
tāsām
von ihnen (Gen.Pl.)
mūrdhānam abhiniḥsṛtā ekā
einer zum Scheitel hinausführend (Nom.Sg.f.)
tayā ūrdhvam āyan
durch ihn nach oben gehend (Instr.Sg.; Part.Präs.)
amṛtatvam eti
gelangt zur Unsterblichkeit (3.Sg.Präs.)
viṣvak
nach allen Richtungen
anyāḥ
die anderen (Nom.Pl.f.)
utkramaṇe bhavanti
dienen beim Hinausgehen (Lok.Sg.; 3.Pl.Präs.)

Kaṭha-Upaniṣad 6,16 = Chāndogya-Upaniṣad 8,6,6 (Triṣṭubh). Vorlage: viśvaṅṅnyā; zu viṣvaṅṅ anyā berichtigt.

ekottaraṃ nāḍi-śataṃ tāsāṃ madhye parā smṛtā | suṣumnā tu pare līnā virajā brahma-rūpiṇī ||5||

Hundertundeins Kanäle [sind es]; unter ihnen gilt die Suṣumnā als die höchste – sie ist im Höchsten aufgegangen, staublos, von der Gestalt des Brahman.

Wort für Wort
eka-uttaram nāḍi-śatam
hundertundein Kanäle (Nom.Sg.)
tāsām madhye
unter ihnen (Gen.Pl.; Lok.Sg.)
parā smṛtā
gilt als die höchste (Nom.Sg.f.)
suṣumnā tu
die Suṣumnā aber (Nom.Sg.)
pare līnā
im Höchsten aufgegangen (Lok.Sg.; Nom.Sg.f.)
virajā
staublos, rein (Nom.Sg.f.)
brahma-rūpiṇī
von Brahman-Gestalt (Nom.Sg.f.)

iḍā tiṣṭhati vāmena piṅgalā dakṣiṇena tu | tayor madhye paraṃ sthānaṃ yas tad veda sa veda-vit ||6||

Die Iḍā liegt links, die Piṅgalā rechts; zwischen beiden ist der höchste Ort. Wer diesen kennt, ist ein Kenner des Veda.

Wort für Wort
iḍā tiṣṭhati vāmena
die Iḍā liegt links (3.Sg.Präs.)
piṅgalā dakṣiṇena tu
die Piṅgalā aber rechts (Instr.Sg.)
tayoḥ madhye
zwischen beiden (Gen.Du.; Lok.Sg.)
param sthānam
der höchste Ort (Nom.Sg.)
yaḥ tat veda
wer das kennt (3.Sg.Perf.)
saḥ veda-vit
der ist Veda-Kenner (Nom.Sg.)

prāṇān sandhārayet tasmin nāsābhyantara-cāriṇaḥ | bhūtvā tatrāyata-prāṇaḥ śanair eva samabhyaset ||7||

Man halte die Lebenswinde, die im Innern der Nase wandern, dort fest; dort mit ausgedehntem Atem, übe man ganz allmählich.

Wort für Wort
prāṇān sandhārayet
soll die Lebenswinde festhalten (3.Sg.Opt.Kaus.)
tasmin
dort (Lok.Sg.)
nāsā-abhyantara-cāriṇaḥ
die im Innern der Nase wandernden (Akk.Pl.)
bhūtvā
geworden (Absol.)
tatra āyata-prāṇaḥ
dort mit ausgedehntem Atem (Nom.Sg.)
śanaiḥ eva
ganz allmählich
samabhyaset
soll üben (3.Sg.Opt.)

Vorlage: nāsābhyāntara-; zu nāsābhyantara- berichtigt.

gudasya pṛṣṭha-bhāge 'smin vīṇā-daṇḍaḥ sa deha-bhṛt | dīrghāsthi-deha-paryantaṃ brahma-nāḍīti kathyate ||8||

In diesem Bereich hinter dem After [beginnt] der Lautenstab (das Rückgrat), der den Leib trägt; er reicht als langer Knochen bis zum Ende des Leibes und wird „Brahma-Kanal“ genannt.

Wort für Wort
gudasya pṛṣṭha-bhāge asmin
in diesem Bereich hinter dem After (Lok.Sg.)
vīṇā-daṇḍaḥ
der Lautenstab (Nom.Sg.)
saḥ deha-bhṛt
der den Leib trägt (Nom.Sg.)
dīrgha-asthi-deha-paryantam
als langer Knochen bis zum Ende des Leibes (Akk.Sg., adv.)
brahma-nāḍī iti kathyate
wird Brahma-Nāḍī genannt (3.Sg.Pass.)

tasyānte suṣiraṃ sūkṣmaṃ brahma-nāḍīti sūribhiḥ | iḍā-piṅgalayor madhye suṣumnā sūrya-rūpiṇī ||9||

An seinem Ende ist eine feine Höhlung; [auch diese] wird von den Weisen „Brahma-Kanal“ genannt. Zwischen Iḍā und Piṅgalā liegt die Suṣumnā in Sonnengestalt;

Wort für Wort
tasya ante
an dessen Ende (Lok.Sg.)
suṣiram sūkṣmam
eine feine Höhlung (Nom.Sg.)
brahma-nāḍī iti
„Brahma-Nāḍī“ – so
sūribhiḥ
von den Weisen (Instr.Pl.)
iḍā-piṅgalayoḥ madhye
zwischen Iḍā und Piṅgalā (Gen.Du.; Lok.Sg.)
suṣumnā
die Suṣumnā (Nom.Sg.)
sūrya-rūpiṇī
in Sonnengestalt (Nom.Sg.f.)

Vorlage: sūrabhiḥ; zu sūribhiḥ berichtigt.

sarvaṃ pratiṣṭhitaṃ tasmin sarva-gaṃ viśvato-mukham | tasya madhya-gatāḥ sūrya-somāgni-parameśvarāḥ ||10||

in ihr ist alles gegründet, alldurchdringend, nach allen Seiten gewandt. In ihrer Mitte weilen Sonne, Mond, Feuer und der höchste Herr;

Wort für Wort
sarvam pratiṣṭhitam tasmin
alles ist darin gegründet (Nom.Sg.n.; Lok.Sg.)
sarva-gam
alldurchdringend (Nom.Sg.n.)
viśvataḥ-mukham
nach allen Seiten gewandt (Nom.Sg.n.)
tasya madhya-gatāḥ
in dessen Mitte befindlich (Nom.Pl.)
sūrya-soma-agni-parama-īśvarāḥ
Sonne, Mond, Feuer und der höchste Herr (Nom.Pl.)

bhūta-lokā diśaḥ kṣetrāḥ samudrāḥ parvatāḥ śilāḥ | dvīpāś ca nimnagā vedāḥ śāstra-vidyā-kalākṣarāḥ ||11||

die Welten der Wesen, die Himmelsrichtungen, die Länder, Meere, Berge und Felsen, die Inseln und Flüsse, die Veden, Lehrschriften, Wissenschaften, Künste und Laute,

Wort für Wort
bhūta-lokāḥ
die Welten der Wesen (Nom.Pl.)
diśaḥ
die Himmelsrichtungen (Nom.Pl.)
kṣetrāḥ
die Länder, Felder (Nom.Pl.)
samudrāḥ parvatāḥ śilāḥ
Meere, Berge, Felsen (Nom.Pl.)
dvīpāḥ ca nimnagāḥ
und Inseln und Flüsse (Nom.Pl.)
vedāḥ
die Veden (Nom.Pl.)
śāstra-vidyā-kalā-akṣarāḥ
Lehrschriften, Wissenschaften, Künste, Laute (Nom.Pl.)

svara-mantra-purāṇāni guṇāś caite ca sarvaśaḥ | bījaṃ bījātmakas teṣāṃ kṣetra-jñaḥ prāṇa-vāyavaḥ ||12||

die Töne, Mantras und Purāṇas, und all diese Eigenschaften (guṇa) insgesamt; der Same, der aus dem Samen bestehende Feldkenner (kṣetra-jña) [als Same] von ihnen, die Lebenswinde –

Wort für Wort
svara-mantra-purāṇāni
Töne, Mantras, Purāṇas (Nom.Pl.)
guṇāḥ ca ete ca
und diese Guṇas (Nom.Pl.)
sarvaśaḥ
insgesamt
bījam
der Same (Nom.Sg.)
bīja-ātmakaḥ
aus dem Samen bestehend (Nom.Sg.)
teṣām
von ihnen (Gen.Pl.)
kṣetra-jñaḥ
der Feldkenner (Nom.Sg.)
prāṇa-vāyavaḥ
die Lebenswinde (Nom.Pl.)

suṣumnāntar-gataṃ viśvaṃ tasmin sarvaṃ pratiṣṭhitam | nānā-nāḍī-prasava-gaṃ sarva-bhūtāntarātmani ||13||

das All ist in der Suṣumnā enthalten, alles ist in ihr gegründet, das in der Ausbreitung der vielen Kanäle im inneren Selbst aller Wesen [wirkt].

Wort für Wort
suṣumnā-antar-gatam viśvam
das in der Suṣumnā enthaltene All (Nom.Sg.)
tasmin sarvam pratiṣṭhitam
darin ist alles gegründet
nānā-nāḍī-prasava-gam
in der Ausbreitung der vielen Nāḍīs befindlich (Nom.Sg.n.)
sarva-bhūta-antar-ātmani
im inneren Selbst aller Wesen (Lok.Sg.)

ūrdhva-mūlam adhaḥ-śākhaṃ vāyu-mārgeṇa sarva-gam | dvi-saptati-sahasrāṇi nāḍyaḥ syur vāyu-gocarāḥ ||14||

Mit der Wurzel oben und den Zweigen unten [ist dieses Geflecht] auf dem Weg des Windes alldurchdringend; zweiundsiebzigtausend Kanäle sind es, in denen der Wind sich bewegt.

Wort für Wort
ūrdhva-mūlam
mit der Wurzel oben (Nom.Sg.n.)
adhaḥ-śākham
mit den Zweigen unten (Nom.Sg.n.)
vāyu-mārgeṇa
auf dem Weg des Windes (Instr.Sg.)
sarva-gam
alldurchdringend (Nom.Sg.n.)
dvi-saptati-sahasrāṇi
zweiundsiebzigtausend (Nom.Pl.)
nāḍyaḥ syuḥ
Kanäle sind (3.Pl.Opt.)
vāyu-gocarāḥ
Bereich des Windes (Nom.Pl.)

„Wurzel oben, Zweige unten“: das Bild des umgekehrten Feigenbaums (Kaṭha-Upaniṣad 6,1; Bhagavadgītā 15,1), hier auf das Nāḍī-Geflecht bezogen.

sarva-mārgeṇa suṣirās tiryañcaḥ suṣirātmatāḥ [?] | adhaś cordhvaṃ ca kuṇḍalyāḥ sarva-dvāra-nirodhanāt ||15||

Auf jedem Weg sind sie hohl, quer verlaufend, ihrem Wesen nach Hohlräume [Anm.: suṣirātmatāḥ der Vorlage ist sprachlich unregelmäßig]. Durch das Verschließen aller Tore der Kuṇḍalī unten und oben

Wort für Wort
sarva-mārgeṇa
auf jedem Weg (Instr.Sg.)
suṣirāḥ
hohl (Nom.Pl.)
tiryañcaḥ
quer verlaufend (Nom.Pl.)
suṣira-ātmatāḥ [?]
ihrem Wesen nach hohl (Nom.Pl., unregelmäßig)
adhaḥ ca ūrdhvam ca
unten und oben
kuṇḍalyāḥ
der Kuṇḍalī (Gen.Sg.)
sarva-dvāra-nirodhanāt
durch das Verschließen aller Tore (Abl.Sg.)

suṣirātmatāḥ (statt suṣirātmakāḥ) ist grammatisch auffällig; als Beiwort zu den Nāḍīs verstanden.

vāyunā saha jīvordhva-jñānān mokṣam avāpnuyāt | jñātvā suṣumnāṃ tad-bhedaṃ kṛtvā pāyuṃ ca madhya-gam ||16||

erlangt man durch das Wissen vom Aufstieg der Seele zusammen mit dem Wind die Erlösung. Man erkenne die Suṣumnā, durchbreche sie, ziehe den After in die Mitte,

Wort für Wort
vāyunā saha
zusammen mit dem Wind (Instr.Sg.)
jīva-ūrdhva-jñānāt
durch das Wissen vom Aufstieg des Jīva (Abl.Sg.)
mokṣam avāpnuyāt
erlangt Erlösung (3.Sg.Opt.)
jñātvā suṣumnām
die Suṣumnā erkannt habend (Absol.)
tat-bhedam kṛtvā
deren Durchbrechung vollzogen habend (Absol.)
pāyum ca madhya-gam
und den After in die Mitte gehend [gemacht] (Akk.Sg.)

kṛtvā tu caindava-sthāne ghrāṇa-randhre nirodhayet | dvi-saptati-sahasrāṇi nāḍī-dvārāṇi pañjare ||17||

und halte [den Wind], nachdem man ihn an den Ort des Mondes gebracht hat, im Nasenloch an. Zweiundsiebzigtausend Kanalöffnungen sind in diesem Käfig [dem Leib];

Wort für Wort
kṛtvā tu
gebracht habend (Absol.)
ca aindava-sthāne
an den Ort des Mondes (Lok.Sg.)
ghrāṇa-randhre
im Nasenloch (Lok.Sg.)
nirodhayet
soll anhalten (3.Sg.Opt.Kaus.)
dvi-saptati-sahasrāṇi
zweiundsiebzigtausend (Nom.Pl.)
nāḍī-dvārāṇi
Kanalöffnungen (Nom.Pl.)
pañjare
im Käfig (Lok.Sg.)

suṣumnā śāmbhavī śaktiḥ śeṣās tv anye nirarthakāḥ | hṛl-lekhe paramānande tālu-mūle vyavasthite ||18||

die Suṣumnā ist die Kraft Śambhus (śāmbhavī śakti), alle übrigen aber sind ohne Belang. Wenn die Hṛllekhā, die höchste Seligkeit, an der Gaumenwurzel festgestellt ist,

Wort für Wort
suṣumnā
die Suṣumnā (Nom.Sg.)
śāmbhavī śaktiḥ
die Śakti Śambhus (Nom.Sg.)
śeṣāḥ tu anye
die übrigen aber (Nom.Pl.)
nirarthakāḥ
ohne Belang (Nom.Pl.)
hṛt-lekhe
bei der Hṛllekhā (Lok.Sg.)
parama-ānande
der höchsten Seligkeit (Lok.Sg.)
tālu-mūle vyavasthite
an der Gaumenwurzel festgestellt (Lok.abs.)

hṛllekhā („Herzensritzung“) ist in der tantrischen Terminologie die Keimsilbe hrīṃ bzw. die Herzensregung der Śakti.

ata ūrdhvaṃ nirodhe tu madhyamaṃ madhya-madhyamam | uccārayet parāṃ śaktiṃ brahma-randhra-nivāsinīm | yadi bhramara-sṛṣṭiḥ syāt saṃsāra-bhramaṇaṃ tyajet ||19||

soll man darüber, beim Anhalten, das Mittlere, die Mitte der Mitte, [durchschreiten und] die höchste Kraft, die in der Brahma-Öffnung wohnt, emporführen. Entsteht dabei das Summen einer Biene, so lässt man das Umherirren im Daseinskreislauf hinter sich.

Wort für Wort
ataḥ ūrdhvam
darüber, von da an aufwärts
nirodhe tu
beim Anhalten (Lok.Sg.)
madhyamam
das Mittlere (Akk.Sg.)
madhya-madhyamam
die Mitte der Mitte (Akk.Sg.)
uccārayet
soll emporführen, aussprechen (3.Sg.Opt.Kaus.)
parām śaktim
die höchste Kraft (Akk.Sg.)
brahma-randhra-nivāsinīm
die in der Brahma-Öffnung wohnt (Akk.Sg.f.)
yadi bhramara-sṛṣṭiḥ syāt
wenn ein Bienen-Summen entstünde (3.Sg.Opt.)
saṃsāra-bhramaṇam tyajet
lässt man das Umherirren im Saṃsāra (3.Sg.Opt.)

Dreizeiliger Vers. bhramara-sṛṣṭi: der bienengleiche innere Klang (vgl. Bhrāmarī-Kumbhaka, Haṭhapradīpikā 2,68, und die Nāda-Stufen 4,84–87).

gamāgama-sthaṃ gamanādi-śūnyaṃ cid-rūpa-dīpaṃ timirāndha-nāśam | paśyāmi taṃ sarva-janāntara-sthaṃ namāmi haṃsaṃ paramātma-rūpam ||20||

Ihn, der im Gehen und Kommen [des Atems] weilt und doch frei von Gehen und dergleichen ist, die Leuchte in Gestalt des Bewusstseins, die die Blindheit der Finsternis zerstört – ihn, der im Innern aller Menschen weilt, schaue ich; ich verneige mich vor dem Haṃsa, der Gestalt des höchsten Selbst.

Wort für Wort
gama-āgama-stham
im Gehen und Kommen weilend (Akk.Sg.)
gamana-ādi-śūnyam
frei von Gehen usw. (Akk.Sg.)
cit-rūpa-dīpam
die Leuchte in Bewusstseinsgestalt (Akk.Sg.)
timira-andha-nāśam
die Blindheit der Finsternis zerstörend (Akk.Sg.)
paśyāmi tam
ich schaue ihn (1.Sg.Präs.)
sarva-jana-antara-stham
im Innern aller Menschen weilend (Akk.Sg.)
namāmi haṃsam
ich verneige mich vor dem Haṃsa (1.Sg.Präs.)
parama-ātma-rūpam
in Gestalt des höchsten Selbst (Akk.Sg.)

Upajāti-Metrum. Der Haṃsa ist der Atem als Träger des Selbst (vgl. 6,54 und Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 31–33).

anāhatasya śabdasya tasya śabdasya yo dhvaniḥ | dhvaner antar-gataṃ jyotir jyotiṣo 'ntar-gataṃ manaḥ | tan mano vilayaṃ yāti tad viṣṇoḥ paramaṃ padam ||21||

Der Ton (dhvani) des unangeschlagenen Klanges (anāhata śabda) – im Innern dieses Tones ist das Licht, im Innern des Lichtes das Denkorgan. Wo dieses Denkorgan in die Auflösung eingeht, das ist die höchste Stätte Viṣṇus.

Wort für Wort
anāhatasya śabdasya
des unangeschlagenen Klanges (Gen.Sg.)
tasya śabdasya yaḥ dhvaniḥ
welcher Ton dieses Klanges (Nom.Sg.)
dhvaneḥ antar-gatam jyotiḥ
im Innern des Tones das Licht (Nom.Sg.)
jyotiṣaḥ antar-gatam manaḥ
im Innern des Lichtes das Denkorgan (Nom.Sg.)
tat manaḥ
dieses Denkorgan (Nom.Sg.)
vilayam yāti
geht in Auflösung (3.Sg.Präs.)
tat viṣṇoḥ paramam padam
das ist Viṣṇus höchste Stätte (Nom.Sg.)

Dreizeiliger Vers; vgl. Haṭhapradīpikā 4,101 und Nādabindu-Upaniṣad 49. „Viṣṇus höchste Stätte“: Ṛgveda 1,22,20.

kecid vadanti cādhāraṃ suṣumnā ca sarasvatī | ādhārāj jāyate viśvaṃ viśvaṃ tatraiva līyate ||22||

Manche nennen [die Suṣumnā] auch „Ādhāra“ (Grundlage), und die Suṣumnā [heißt auch] Sarasvatī. Aus der Grundlage entsteht das All, und in ihr eben löst sich das All wieder auf.

Wort für Wort
kecit vadanti
manche nennen (3.Pl.Präs.)
ca ādhāram
auch Ādhāra (Akk.Sg.)
suṣumnā ca sarasvatī
und die Suṣumnā [ist] Sarasvatī (Nom.Sg.)
ādhārāt
aus der Grundlage (Abl.Sg.)
jāyate viśvam
entsteht das All (3.Sg.Präs.Med.)
viśvam tatra eva līyate
das All löst sich eben dort auf (3.Sg.Präs.Med.)

tasmāt sarva-prayatnena guru-pādaṃ samāśrayet | ādhāra-śakti-nidrāyāṃ viśvaṃ bhavati nidrayā ||23||

Darum nehme man mit aller Anstrengung Zuflucht zu den Füßen des Lehrers. Solange die Grundkraft (ādhāra-śakti) schläft, ist das All [nur] durch den Schlaf;

Wort für Wort
tasmāt
darum
sarva-prayatnena
mit aller Anstrengung (Instr.Sg.)
guru-pādam samāśrayet
nehme Zuflucht zu den Füßen des Lehrers (3.Sg.Opt.)
ādhāra-śakti-nidrāyām
beim Schlaf der Grundkraft (Lok.Sg.)
viśvam bhavati
das All besteht (3.Sg.Präs.)
nidrayā
durch den Schlaf (Instr.Sg.)

tasyāṃ śakti-prabodhena trailokyaṃ pratibudhyate | ādhāraṃ yo vijānāti tamasaḥ param aśnute ||24||

durch das Erwachen der Kraft in ihr erwacht die Dreiwelt. Wer die Grundlage (ādhāra) erkennt, erreicht das Jenseits der Finsternis;

Wort für Wort
tasyām
in ihr (Lok.Sg.f.)
śakti-prabodhena
durch das Erwachen der Śakti (Instr.Sg.)
trailokyam pratibudhyate
die Dreiwelt erwacht (3.Sg.Präs.Med.)
ādhāram yaḥ vijānāti
wer die Grundlage erkennt (3.Sg.Präs.)
tamasaḥ param aśnute
erreicht das Jenseits der Finsternis (3.Sg.Präs.Med.)

tasya vijñāna-mātreṇa naraḥ pāpaiḥ pramucyate ||25||

durch ihr bloßes Erkennen wird der Mensch von den Sünden befreit.

Wort für Wort
tasya vijñāna-mātreṇa
durch dessen bloßes Erkennen (Instr.Sg.)
naraḥ
der Mensch (Nom.Sg.)
pāpaiḥ pramucyate
wird von den Sünden befreit (3.Sg.Pass.)

Nur ein Halbvers in der Vorlage.

ādhāra-cakra-mahasā vidyut-puñja-sama-prabhā | tadā muktir na sandeho yadi tuṣṭaḥ svayaṃ guruḥ ||26||

Durch den Glanz des Grund-Cakras (ādhāra-cakra) [entsteht] ein Leuchten wie von einer Masse von Blitzen. Dann ist die Befreiung ohne Zweifel – wenn der Lehrer selbst zufrieden ist.

Wort für Wort
ādhāra-cakra-mahasā
durch den Glanz des Ādhāra-Cakra (Instr.Sg.)
vidyut-puñja-sama-prabhā
ein Leuchten gleich einer Blitzmasse (Nom.Sg.)
tadā muktiḥ
dann Befreiung (Nom.Sg.)
na sandehaḥ
kein Zweifel
yadi tuṣṭaḥ svayam guruḥ
wenn der Lehrer selbst zufrieden ist (Nom.Sg.)

ādhāra-cakra-mahasā puṇya-pāpe nikṛntayet | ādhāra-vāta-rodhena līyate gaganāntare ||27||

Durch den Glanz des Grund-Cakras zerschneidet man Verdienst und Schuld; durch das Anhalten des Windes im Grund[-Cakra] geht man im innersten Raum auf.

Wort für Wort
ādhāra-cakra-mahasā
durch den Glanz des Ādhāra-Cakra (Instr.Sg.)
puṇya-pāpe nikṛntayet
zerschneidet Verdienst und Schuld (Akk.Du.; 3.Sg.Opt.Kaus.)
ādhāra-vāta-rodhena
durch das Anhalten des Windes im Ādhāra (Instr.Sg.)
līyate
löst sich auf (3.Sg.Präs.Med.)
gagana-antare
im inneren Raum (Lok.Sg.)

ādhāra-vāta-rodhena śarīraṃ kampate yadā | ādhāra-vāta-rodhena yogī nṛtyati sarvadā ||28||

Wenn durch das Anhalten des Windes im Grund[-Cakra] der Körper erbebt – durch das Anhalten des Windes im Grund[-Cakra] tanzt der Yogin allezeit.

Wort für Wort
ādhāra-vāta-rodhena
durch das Anhalten des Windes im Ādhāra (Instr.Sg.)
śarīram kampate yadā
wenn der Körper erbebt (3.Sg.Präs.Med.)
yogī nṛtyati
der Yogin tanzt (3.Sg.Präs.)
sarvadā
allezeit

ādhāra-vāta-rodhena viśvaṃ tatraiva dṛśyate | sṛṣṭim ādhāram ādhāram ādhāre sarva-devatāḥ | ādhāre sarva-vedāś ca tasmād ādhāram āśrayet ||29||

Durch das Anhalten des Windes im Grund[-Cakra] wird das All eben dort geschaut. Die Schöpfung [hat] die Grundlage, die Grundlage [zur Stütze]; in der Grundlage sind alle Gottheiten, in der Grundlage alle Veden – darum nehme man Zuflucht zur Grundlage.

Wort für Wort
ādhāra-vāta-rodhena
durch das Anhalten des Windes im Ādhāra (Instr.Sg.)
viśvam tatra eva dṛśyate
das All wird eben dort geschaut (3.Sg.Pass.)
sṛṣṭim
die Schöpfung (Akk.Sg.)
ādhāram ādhāram
die Grundlage, die Grundlage (Akk.Sg.)
ādhāre sarva-devatāḥ
in der Grundlage alle Gottheiten (Lok.Sg.; Nom.Pl.)
ādhāre sarva-vedāḥ ca
und in der Grundlage alle Veden (Nom.Pl.)
tasmāt ādhāram āśrayet
darum nehme man Zuflucht zur Grundlage (3.Sg.Opt.)

Dreizeiliger Vers; die Wendung sṛṣṭim ādhāram ādhāram ist elliptisch (etwa: sṛṣṭir ādhāram [āśritā]).

ādhāre paścime bhāge tri-veṇī-saṅgamo bhavet | tatra snātvā ca pītvā ca naraḥ pāpāt pramucyate ||30||

Im hinteren Teil der Grundlage ist der Zusammenfluss der drei Ströme (triveṇī); wer dort badet und trinkt, wird von der Sünde befreit.

Wort für Wort
ādhāre paścime bhāge
im hinteren Teil der Grundlage (Lok.Sg.)
tri-veṇī-saṅgamaḥ bhavet
ist der Zusammenfluss der drei Ströme (3.Sg.Opt.)
tatra snātvā ca pītvā ca
dort gebadet und getrunken habend (Absol.)
naraḥ pāpāt pramucyate
der Mensch wird von der Sünde befreit (3.Sg.Pass.)

Triveṇī: der Zusammenfluss von Gaṅgā, Yamunā und Sarasvatī bei Prayāga, im Körper die Vereinigung von Iḍā, Piṅgalā und Suṣumnā (vgl. Vers 41–46 zur Verinnerlichung der Wallfahrtsorte).

ādhāre paścimaṃ liṅgaṃ kavāṭaṃ tatra vidyate | tasyodghāṭana-mātreṇa mucyate bhava-bandhanāt ||31||

In der Grundlage ist das hintere Liṅga; dort befindet sich eine Türe. Durch deren bloßes Öffnen wird man von der Fessel des Werdens befreit.

Wort für Wort
ādhāre
in der Grundlage (Lok.Sg.)
paścimam liṅgam
das hintere Liṅga (Nom.Sg.)
kavāṭam tatra vidyate
dort befindet sich eine Türe (3.Sg.Pass.)
tasya udghāṭana-mātreṇa
durch deren bloßes Öffnen (Instr.Sg.)
mucyate
wird befreit (3.Sg.Pass.)
bhava-bandhanāt
von der Fessel des Werdens (Abl.Sg.)

Vorlage: āhāre; zu ādhāre berichtigt.

ādhāra-paścime bhāge candra-sūryau sthirau yadi | tatra tiṣṭhati viśveśo dhyātvā brahma-mayo bhavet ||32||

Wenn im hinteren Teil der Grundlage Mond und Sonne stillstehen, dort weilt der Herr des Alls; wer über ihn meditiert, wird ganz zu Brahman.

Wort für Wort
ādhāra-paścime bhāge
im hinteren Teil der Grundlage (Lok.Sg.)
candra-sūryau sthirau yadi
wenn Mond und Sonne still sind (Nom.Du.)
tatra tiṣṭhati
dort weilt (3.Sg.Präs.)
viśva-īśaḥ
der Herr des Alls (Nom.Sg.)
dhyātvā
meditiert habend (Absol.)
brahma-mayaḥ bhavet
wird brahmanhaft (3.Sg.Opt.)

ādhāra-paścime bhāge mūrtis tiṣṭhati saṃjñayā | ṣaṭ-cakrāṇi ca nirbhidya brahma-randhrād bahir-gatam ||33||

Im hinteren Teil der Grundlage steht die [göttliche] Gestalt, mit [ihrem] Namen benannt. [Die Yogins,] deren [Wind], nachdem er die sechs Cakras durchbrochen hat, aus der Brahma-Öffnung hinausgegangen ist,

Wort für Wort
ādhāra-paścime bhāge
im hinteren Teil der Grundlage (Lok.Sg.)
mūrtiḥ tiṣṭhati
die Gestalt steht (3.Sg.Präs.)
saṃjñayā
mit Namen, dem Begriff nach (Instr.Sg.)
ṣaṭ-cakrāṇi ca nirbhidya
und die sechs Cakras durchbrechend (Absol.)
brahma-randhrāt
aus der Brahma-Öffnung (Abl.Sg.)
bahir-gatam
hinausgegangen (Akk./Nom.Sg.n.)

vāma-dakṣe nirundhanti praviśanti suṣumnayā | brahma-randhraṃ praviśyāntas te yānti paramāṃ gatim ||34||

halten [den Wind] links und rechts an, treten durch die Suṣumnā ein, und wenn sie innen in die Brahma-Öffnung eingegangen sind, gelangen sie zum höchsten Ziel.

Wort für Wort
vāma-dakṣe
links und rechts (Lok.Sg.)
nirundhanti
sie halten an (3.Pl.Präs.)
praviśanti suṣumnayā
sie treten durch die Suṣumnā ein (3.Pl.Präs.)
brahma-randhram praviśya
in die Brahma-Öffnung eingetreten (Absol.)
antaḥ
innen
te yānti paramām gatim
sie gehen zum höchsten Ziel (3.Pl.Präs.)

suṣumnāyāṃ yadā haṃsas tv adha ūrdhvaṃ pradhāvati | suṣumnāyāṃ yadā prāṇaṃ bhrāmayed yo nirantaram ||35||

Wenn der Haṃsa in der Suṣumnā abwärts und aufwärts läuft, wenn einer den Lebensatem in der Suṣumnā unablässig kreisen lässt,

Wort für Wort
suṣumnāyām yadā
wenn in der Suṣumnā (Lok.Sg.)
haṃsaḥ tu
der Haṃsa (Nom.Sg.)
adhaḥ ūrdhvam pradhāvati
abwärts und aufwärts läuft (3.Sg.Präs.)
prāṇam bhrāmayet
den Prāṇa kreisen lässt (3.Sg.Opt.Kaus.)
yaḥ nirantaram
wer unablässig

Die Verse 35–40 bilden eine Litanei mit der Anapher suṣumnāyāṃ yadā; der Nachsatz folgt in Vers 37a bzw. 40.

suṣumnāyāṃ yadā prāṇaḥ sthiro bhavati dhīmatām | suṣumnāyāṃ praveśena candra-sūryau layaṃ gatau ||36||

wenn bei den Einsichtigen der Lebensatem in der Suṣumnā still wird, wenn durch das Eintreten in die Suṣumnā Mond und Sonne in die Auflösung eingegangen sind –

Wort für Wort
suṣumnāyām yadā prāṇaḥ
wenn der Prāṇa in der Suṣumnā (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
sthiraḥ bhavati
still wird (3.Sg.Präs.)
dhīmatām
der Einsichtigen (Gen.Pl.)
suṣumnāyām praveśena
durch das Eintreten in die Suṣumnā (Instr.Sg.)
candra-sūryau layam gatau
Mond und Sonne in Auflösung eingegangen (Nom.Du.)

tadā samarasaṃ bhāvaṃ yo jānāti sa yoga-vit | suṣumnāyāṃ yadā yasya mriyate manaso rayaḥ ||37||

wer dann den Zustand der Gleichgestimmtheit (samarasa) kennt, der ist ein Kenner des Yoga. Wenn bei einem in der Suṣumnā der Ansturm des Denkorgans erstirbt,

Wort für Wort
tadā
dann
samarasam bhāvam
den Zustand der Gleichgestimmtheit (Akk.Sg.)
yaḥ jānāti
wer kennt (3.Sg.Präs.)
saḥ yoga-vit
der ist Yoga-Kenner (Nom.Sg.)
suṣumnāyām yadā yasya
wenn bei wem in der Suṣumnā (Gen.Sg.)
mriyate
erstirbt (3.Sg.Präs.Med.)
manasaḥ rayaḥ
der Ansturm des Denkorgans (Nom.Sg.)

suṣumnāyāṃ yadā yogī kṣaṇaikam api tiṣṭhati | suṣumnāyāṃ yadā yogī kṣaṇārdham api tiṣṭhati ||38||

wenn der Yogin auch nur einen Augenblick in der Suṣumnā verweilt, wenn der Yogin auch nur einen halben Augenblick in der Suṣumnā verweilt,

Wort für Wort
suṣumnāyām yadā yogī
wenn der Yogin in der Suṣumnā (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
kṣaṇa-ekam api
auch nur einen Augenblick (Akk.Sg.)
tiṣṭhati
verweilt (3.Sg.Präs.)
kṣaṇa-ardham api
auch nur einen halben Augenblick (Akk.Sg.)

Vorlage: tiṣṭati (erstes Vorkommen); zu tiṣṭhati berichtigt.

suṣumnāyāṃ yadā yogī sulagno lavaṇāmbuvat | suṣumnāyāṃ yadā yogī līyate kṣīra-nīravat ||39||

wenn der Yogin in der Suṣumnā [mit ihr] verschmilzt wie Salz mit dem Wasser, wenn der Yogin in der Suṣumnā sich auflöst wie Milch im Wasser –

Wort für Wort
suṣumnāyām yadā yogī
wenn der Yogin in der Suṣumnā
sulagnaḥ
fest verbunden (Nom.Sg.)
lavaṇa-ambu-vat
wie Salz und Wasser
līyate
löst sich auf (3.Sg.Präs.Med.)
kṣīra-nīra-vat
wie Milch und Wasser

bhidyate ca tadā granthiś chidyante sarva-saṃśayāḥ | kṣīyante paramākāśe te yānti paramāṃ gatim ||40||

dann wird der Knoten durchbrochen, alle Zweifel werden abgeschnitten, [die Werke] schwinden im höchsten Raum, und sie gelangen zum höchsten Ziel.

Wort für Wort
bhidyate ca tadā granthiḥ
und dann wird der Knoten durchbrochen (3.Sg.Pass.)
chidyante sarva-saṃśayāḥ
alle Zweifel werden abgeschnitten (3.Pl.Pass.)
kṣīyante
[die Werke] schwinden (3.Pl.Pass.)
parama-ākāśe
im höchsten Raum (Lok.Sg.)
te yānti paramām gatim
sie gehen zum höchsten Ziel (3.Pl.Präs.)

Abwandlung von Muṇḍaka-Upaniṣad 2,2,8 (vgl. 5,45).

gaṅgāyāṃ sāgare snātvā natvā ca maṇikarṇikām | madhya-nāḍī-vicārasya kalāṃ nārhanti ṣoḍaśīm ||41||

In der Gaṅgā und im Meer zu baden und sich vor der Maṇikarṇikā zu verneigen – [das alles] wiegt nicht den sechzehnten Teil der Erforschung des mittleren Kanals (madhya-nāḍī) auf.

Wort für Wort
gaṅgāyām sāgare snātvā
in der Gaṅgā und im Meer gebadet habend (Lok.Sg.; Absol.)
natvā ca maṇikarṇikām
und sich vor der Maṇikarṇikā verneigt habend (Absol.)
madhya-nāḍī-vicārasya
der Erforschung des mittleren Kanals (Gen.Sg.)
kalām na arhanti ṣoḍaśīm
wiegen nicht den sechzehnten Teil auf (3.Pl.Präs.)

Maṇikarṇikā: der berühmte Ghāṭ und Teich in Vārāṇasī. Die Verse 41–46 setzen die Verinnerlichung der Wallfahrt fort: Die Suṣumnā ist das eigentliche Tīrtha.

śrī-śaila-darśanān muktir vārāṇasyāṃ mṛtasya ca | kedārodaka-pānena madhya-nāḍī-pradarśanāt ||42||

Die Befreiung, [die man erhofft] vom Anblick des Śrīśaila, vom Sterben in Vārāṇasī, vom Trinken des Wassers von Kedāra – [sie kommt] vom Schauen des mittleren Kanals.

Wort für Wort
śrī-śaila-darśanāt
vom Anblick des Śrīśaila (Abl.Sg.)
muktiḥ
Befreiung (Nom.Sg.)
vārāṇasyām mṛtasya ca
und des in Vārāṇasī Gestorbenen (Lok.Sg.; Gen.Sg.)
kedāra-udaka-pānena
durch das Trinken des Kedāra-Wassers (Instr.Sg.)
madhya-nāḍī-pradarśanāt
vom Schauen des mittleren Kanals (Abl.Sg.)

aśvamedha-sahasrāṇi vājapeya-śatāni ca | suṣumnā-dhyāna-yogasya kalāṃ nārhanti ṣoḍaśīm ||43||

Tausend Pferdeopfer (aśvamedha) und hundert Vājapeya-Opfer wiegen nicht den sechzehnten Teil des Yoga der Meditation über die Suṣumnā auf.

Wort für Wort
aśvamedha-sahasrāṇi
tausend Pferdeopfer (Nom.Pl.)
vājapeya-śatāni ca
und hundert Vājapeyas (Nom.Pl.)
suṣumnā-dhyāna-yogasya
des Yoga der Suṣumnā-Meditation (Gen.Sg.)
kalām na arhanti ṣoḍaśīm
wiegen nicht den sechzehnten Teil auf (3.Pl.Präs.)

suṣumnāyāṃ sadā goṣṭhīṃ yaḥ kaścit kurute naraḥ | sa muktaḥ sarva-pāpebhyo niḥśreyasam avāpnuyāt ||44||

Welcher Mensch auch immer beständig in der Suṣumnā verweilt (wörtlich: Umgang pflegt), der ist von allen Sünden befreit und erlangt das höchste Heil (niḥśreyasa).

Wort für Wort
suṣumnāyām
in der Suṣumnā (Lok.Sg.)
sadā goṣṭhīm
beständig Umgang, Aufenthalt (Akk.Sg.)
yaḥ kaścit kurute naraḥ
welcher Mensch auch immer pflegt (3.Sg.Präs.Med.)
saḥ muktaḥ
der ist befreit (Nom.Sg.)
sarva-pāpebhyaḥ
von allen Sünden (Abl.Pl.)
niḥśreyasam avāpnuyāt
erlangt das höchste Heil (3.Sg.Opt.)

Vorlage: niśreyasam; zu niḥśreyasam berichtigt.

suṣumnaiva paraṃ tīrthaṃ suṣumnaiva paraṃ japaḥ | suṣumnaiva paraṃ dhyānaṃ suṣumnaiva parā gatiḥ ||45||

Die Suṣumnā allein ist der höchste Wallfahrtsort (tīrtha), die Suṣumnā allein das höchste Murmelgebet (japa), die Suṣumnā allein die höchste Meditation, die Suṣumnā allein das höchste Ziel.

Wort für Wort
suṣumnā eva
die Suṣumnā allein (Nom.Sg.)
param tīrtham
der höchste Wallfahrtsort (Nom.Sg.)
param japaḥ
das höchste Murmelgebet (Nom.Sg.)
param dhyānam
die höchste Meditation (Nom.Sg.)
parā gatiḥ
das höchste Ziel (Nom.Sg.)

aneka-yajña-dānāni vratāni niyamās tathā | suṣumnā-dhyāna-leśasya kalāṃ nārhanti ṣoḍaśīm ||46||

Zahllose Opfer und Gaben, Gelübde und Observanzen wiegen nicht den sechzehnten Teil eines Bruchteils der Meditation über die Suṣumnā auf.

Wort für Wort
aneka-yajña-dānāni
zahllose Opfer und Gaben (Nom.Pl.)
vratāni
Gelübde (Nom.Pl.)
niyamāḥ tathā
und Observanzen (Nom.Pl.)
suṣumnā-dhyāna-leśasya
eines Bruchteils der Suṣumnā-Meditation (Gen.Sg.)
kalām na arhanti ṣoḍaśīm
wiegen nicht den sechzehnten Teil auf (3.Pl.Präs.)

brahma-randhre mahā-sthāne vartate satataṃ śivā | cic-chaktiḥ paramā devī madhyame supratiṣṭhitā ||47||

In der Brahma-Öffnung, dem großen Ort, weilt beständig die Heilvolle (śivā), die Bewusstseinskraft (cic-chakti), die höchste Göttin, fest gegründet in der Mitte.

Wort für Wort
brahma-randhre
in der Brahma-Öffnung (Lok.Sg.)
mahā-sthāne
am großen Ort (Lok.Sg.)
vartate satatam
weilt beständig (3.Sg.Präs.Med.)
śivā
die Heilvolle (Nom.Sg.f.)
cit-śaktiḥ
die Bewusstseinskraft (Nom.Sg.)
paramā devī
die höchste Göttin (Nom.Sg.)
madhyame supratiṣṭhitā
in der Mitte fest gegründet (Lok.Sg.; Nom.Sg.f.)

māyā-śaktir lalāṭāgra-bhāge vyomāmbuje tathā | nāda-rūpā parā-śaktir lalāṭasya tu madhyame ||48||

Die Kraft der Täuschung (māyā-śakti) [weilt] im vorderen Teil der Stirn, ebenso im Lotos des Raumes; die höchste Kraft in Klanggestalt aber im mittleren

Wort für Wort
māyā-śaktiḥ
die Māyā-Kraft (Nom.Sg.)
lalāṭa-agra-bhāge
im vorderen Teil der Stirn (Lok.Sg.)
vyoma-ambuje tathā
ebenso im Lotos des Raumes (Lok.Sg.)
nāda-rūpā
in Klanggestalt (Nom.Sg.f.)
parā-śaktiḥ
die höchste Kraft (Nom.Sg.)
lalāṭasya tu madhyame
aber in der Mitte der Stirn (Gen.Sg.; Lok.Sg.)

bhāge bindu-mayī śaktir lalāṭasyāparāṃśake | bindu-madhye ca jīvātmā sūkṣma-rūpeṇa vartate ||49||

Teil; die Kraft, die aus dem Bindu besteht, im hinteren Abschnitt der Stirn. Und inmitten des Bindu weilt die Einzelseele (jīvātman) in feiner Gestalt,

Wort für Wort
bhāge
im Teil (Lok.Sg.)
bindu-mayī śaktiḥ
die aus dem Bindu bestehende Kraft (Nom.Sg.)
lalāṭasya apara-aṃśake
im hinteren Abschnitt der Stirn (Lok.Sg.)
bindu-madhye ca
und inmitten des Bindu (Lok.Sg.)
jīva-ātmā
die Einzelseele (Nom.Sg.)
sūkṣma-rūpeṇa vartate
weilt in feiner Gestalt (3.Sg.Präs.Med.)

hṛdaye sthūla-rūpeṇa madhyamena tu madhyage ||50||

im Herzen in grober Gestalt, im mittleren [Bereich] aber in mittlerer [Gestalt].

Wort für Wort
hṛdaye
im Herzen (Lok.Sg.)
sthūla-rūpeṇa
in grober Gestalt (Instr.Sg.)
madhyamena tu
in mittlerer aber (Instr.Sg.)
madhya-ge
im in der Mitte Befindlichen (Lok.Sg.)

Nur ein Halbvers in der Vorlage.

prāṇāpāna-vaśo jīvo hy adhaś cordhvaṃ ca dhāvati | vāma-dakṣiṇa-mārgeṇa cañcalatvān na dṛśyate ||51||

Unter der Gewalt von Prāṇa und Apāna läuft die Seele nach unten und nach oben, auf dem linken und dem rechten Weg; wegen ihrer Unruhe wird sie nicht gesehen.

Wort für Wort
prāṇa-apāna-vaśaḥ jīvaḥ
die von Prāṇa und Apāna beherrschte Seele (Nom.Sg.)
hi adhaḥ ca ūrdhvam ca dhāvati
läuft nach unten und nach oben (3.Sg.Präs.)
vāma-dakṣiṇa-mārgeṇa
auf dem linken und rechten Weg (Instr.Sg.)
cañcalatvāt
wegen der Unruhe (Abl.Sg.)
na dṛśyate
wird nicht gesehen (3.Sg.Pass.)

Verse 51–54 entsprechen Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 27–32 und Gorakṣaśataka 38–42.

ākṣipto bhuja-daṇḍena yathoccalati kandukaḥ | prāṇāpāna-samākṣiptas tathā jīvo na viśramet ||52||

Wie ein Ball, vom Arm geschleudert, aufspringt, so kommt die Seele, von Prāṇa und Apāna hin und her geworfen, nicht zur Ruhe.

Wort für Wort
ākṣiptaḥ bhuja-daṇḍena
vom Arm geschleudert (Nom.Sg.; Instr.Sg.)
yathā uccalati kandukaḥ
wie ein Ball aufspringt (3.Sg.Präs.)
prāṇa-apāna-samākṣiptaḥ
von Prāṇa und Apāna geschleudert (Nom.Sg.)
tathā jīvaḥ
so die Seele (Nom.Sg.)
na viśramet
kommt nicht zur Ruhe (3.Sg.Opt.)

apānaḥ karṣati prāṇaṃ prāṇo 'pānaṃ ca karṣati | ha-kāreṇa bahir yāti sa-kāreṇa viśet punaḥ ||53||

Der Apāna zieht den Prāṇa, und der Prāṇa zieht den Apāna. Mit dem Laut ha geht [der Atem] hinaus, mit dem Laut sa tritt er wieder ein.

Wort für Wort
apānaḥ karṣati prāṇam
der Apāna zieht den Prāṇa (3.Sg.Präs.)
prāṇaḥ apānam ca karṣati
und der Prāṇa zieht den Apāna
ha-kāreṇa bahiḥ yāti
mit dem Laut ha geht er hinaus (3.Sg.Präs.)
sa-kāreṇa viśet punaḥ
mit dem Laut sa tritt er wieder ein (3.Sg.Opt.)

haṃsa haṃsety amuṃ mantraṃ jīvo japati sarvadā | tad vidvān akṣaraṃ nityaṃ yo jānāti sa yoga-vit ||54||

„haṃsa, haṃsa“ – dieses Mantra murmelt die Seele unaufhörlich. Wer als Wissender diese ewige Silbe (akṣara) kennt, der ist ein Kenner des Yoga.

Wort für Wort
haṃsa haṃsa iti
„haṃsa, haṃsa“ – so
amum mantram
dieses Mantra (Akk.Sg.)
jīvaḥ japati sarvadā
die Seele murmelt allezeit (3.Sg.Präs.)
tat
dieses (Akk.Sg.n.)
vidvān
der Wissende (Nom.Sg.)
akṣaram nityam
die ewige Silbe (Akk.Sg.)
yaḥ jānāti saḥ yoga-vit
wer kennt, der ist Yoga-Kenner

kandordhve kuṇḍalī-śaktir mukti-rūpā hi yoginām | bandhanāya ca mūḍhānāṃ yas tāṃ vetti sa yoga-vit ||55||

Oberhalb der Knolle (kanda) liegt die Kuṇḍalī-Śakti; für die Yogins ist sie Gestalt der Befreiung, für die Toren aber Fessel. Wer sie kennt, ist ein Kenner des Yoga.

Wort für Wort
kanda-ūrdhve
oberhalb der Knolle (Lok.Sg.)
kuṇḍalī-śaktiḥ
die Kuṇḍalī-Śakti (Nom.Sg.)
mukti-rūpā hi yoginām
für die Yogins Gestalt der Befreiung (Nom.Sg.f.; Gen.Pl.)
bandhanāya ca mūḍhānām
für die Toren aber zur Fesselung (Dat.Sg.; Gen.Pl.)
yaḥ tām vetti
wer sie kennt (3.Sg.Präs.)
saḥ yoga-vit
der ist Yoga-Kenner (Nom.Sg.)

Haṭhapradīpikā 3,107; Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 36–37 (Sitz der Kuṇḍalinī über der Knolle).

bhūr bhuvaḥ svar ime lokāś candra-sūryāgni-devatāḥ | yāsu mātrāsu tiṣṭhanti tat paraṃ jyotir om iti ||56||

Die Welten Bhūr, Bhuvaḥ und Svar, die Gottheiten Mond, Sonne und Feuer – in welchen Moren (mātrā) sie enthalten sind, das ist das höchste Licht: Oṃ.

Wort für Wort
bhūḥ bhuvaḥ svaḥ
Bhūr, Bhuvaḥ, Svar (Nom.)
ime lokāḥ
diese Welten (Nom.Pl.)
candra-sūrya-agni-devatāḥ
die Gottheiten Mond, Sonne, Feuer (Nom.Pl.)
yāsu mātrāsu tiṣṭhanti
in welchen Moren sie enthalten sind (Lok.Pl.; 3.Pl.Präs.)
tat param jyotiḥ
das ist das höchste Licht (Nom.Sg.)
om iti
Oṃ – so

Vorlage: candrasūryā'gni-; als candra-sūryāgni- gelesen. Die drei Moren a, u, m des Oṃ; vgl. Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 73–77 und Dhyānabindu-Upaniṣad 9–12.

trayaḥ kālās trayo devās trayo lokās trayaḥ svarāḥ | trayo vedāḥ sthitā yatra tat paraṃ jyotir om iti ||57||

Die drei Zeiten, die drei Götter, die drei Welten, die drei Laute, die drei Veden – worin sie enthalten sind, das ist das höchste Licht: Oṃ.

Wort für Wort
trayaḥ kālāḥ
die drei Zeiten (Nom.Pl.)
trayaḥ devāḥ
die drei Götter (Nom.Pl.)
trayaḥ lokāḥ
die drei Welten (Nom.Pl.)
trayaḥ svarāḥ
die drei Laute/Töne (Nom.Pl.)
trayaḥ vedāḥ
die drei Veden (Nom.Pl.)
sthitāḥ yatra
worin enthalten (Nom.Pl.)
tat param jyotiḥ om iti
das ist das höchste Licht: Oṃ

citte calati saṃsāro niścalaṃ mokṣa ucyate | tasmāc cittaṃ sthirī-kuryāt prajñayā parayā vidhe ||58||

Bewegt sich das Denken, so ist Daseinskreislauf; das Unbewegte wird Erlösung genannt. Darum mache man das Denken durch höchste Einsicht (prajñā) still, o Vidhi.

Wort für Wort
citte calati
wenn das Denken sich bewegt (Lok.abs.)
saṃsāraḥ
Saṃsāra (Nom.Sg.)
niścalam
das Unbewegte (Nom.Sg.n.)
mokṣaḥ ucyate
wird Erlösung genannt (3.Sg.Pass.)
tasmāt
darum
cittam sthirī-kuryāt
mache man das Denken still (3.Sg.Opt.)
prajñayā parayā
durch höchste Einsicht (Instr.Sg.)
vidhe
o Vidhi (Vok.)

cittaṃ kāraṇam arthānāṃ tasmin sati jagat-trayam | tasmin kṣīṇe jagat kṣīṇaṃ tac cikitsyaṃ prayatnataḥ ||59||

Das Denken ist die Ursache der Dinge; solange es besteht, [besteht] die Dreiwelt. Ist es geschwunden, ist die Welt geschwunden. Darum ist es mit Anstrengung zu behandeln [wie eine Krankheit].

Wort für Wort
cittam kāraṇam arthānām
das Denken ist Ursache der Dinge (Nom.Sg.; Gen.Pl.)
tasmin sati
solange es besteht (Lok.abs.)
jagat-trayam
die Dreiwelt (Nom.Sg.)
tasmin kṣīṇe
wenn es geschwunden ist (Lok.abs.)
jagat kṣīṇam
die Welt geschwunden (Nom.Sg.n.)
tat cikitsyam
das ist zu behandeln (Gerundiv)
prayatnataḥ
mit Anstrengung (Abl.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 4,58–59 und Yogavāsiṣṭha (das Denken als Ursache der Welt).

mano 'haṃ gaganākāraṃ mano 'haṃ sarvato-mukham | mano 'haṃ sarvam ātmā ca na manaḥ kevalaḥ paraḥ ||60||

„Ich bin das Denkorgan, das die Gestalt des Raumes hat; ich bin das Denkorgan, das nach allen Seiten gewandt ist; ich bin das Denkorgan, das alles ist, und das Selbst“ – [doch] das Höchste, das Alleinige, ist nicht das Denkorgan.

Wort für Wort
manaḥ aham
ich bin das Denkorgan (Nom.Sg.)
gagana-ākāram
raumgestaltig (Nom.Sg.n.)
sarvataḥ-mukham
nach allen Seiten gewandt (Nom.Sg.n.)
sarvam ātmā ca
alles und das Selbst (Nom.Sg.)
na manaḥ
nicht das Denkorgan (Nom.Sg.)
kevalaḥ paraḥ
das Alleinige, Höchste (Nom.Sg.)

Der Vers stellt die Selbstidentifikation des Yogin mit dem all-umfassenden Geist der Aussage gegenüber, dass das absolute Höchste jenseits des Denkorgans liegt.

manaḥ karmāṇi jāyante mano lipyati pātakaiḥ | manaś ced unmanī-bhūyān na puṇyaṃ na ca pātakam ||61||

Aus dem Denkorgan entstehen die Taten; das Denkorgan wird von Sünden befleckt. Wird das Denkorgan aber zum Über-Denken (unmanī), dann gibt es weder Verdienst noch Sünde.

Wort für Wort
manaḥ
[aus dem] Denkorgan (Nom. für Abl.)
karmāṇi jāyante
die Taten entstehen (3.Pl.Präs.Med.)
manaḥ lipyati pātakaiḥ
das Denkorgan wird von Sünden befleckt (3.Sg.Präs.)
manaḥ cet
wenn das Denkorgan
unmanī-bhūyāt
zur Unmanī würde (3.Sg.Opt.)
na puṇyam na ca pātakam
weder Verdienst noch Sünde (Nom.Sg.)

manaḥ (Nom.) steht für manasaḥ (Abl.); lipyati für lipyate. Vgl. Haṭhapradīpikā 4,29–30.

manasā mana ālokya vṛtti-śūnyaṃ yadā bhavet | tataḥ paraṃ para-brahma dṛśyate ca sudurlabham ||62||

Wenn das Denkorgan, mit dem Denkorgan betrachtet, frei von Regungen (vṛtti) wird, dann wird das höchste Brahman geschaut, das so schwer zu erlangen ist.

Wort für Wort
manasā manaḥ ālokya
das Denkorgan mit dem Denkorgan betrachtend (Instr.Sg.; Absol.)
vṛtti-śūnyam
frei von Regungen (Nom.Sg.n.)
yadā bhavet
wenn es wird (3.Sg.Opt.)
tataḥ param
danach
para-brahma dṛśyate ca
und das höchste Brahman wird geschaut (3.Sg.Pass.)
sudurlabham
sehr schwer erlangbar (Nom.Sg.n.)

manasā mana ālokya mukto bhavati yoga-vit | manasā mana ālokya unmany-antaṃ sadā smaret ||63||

Das Denkorgan mit dem Denkorgan betrachtend, wird der Yoga-Kenner befreit. Das Denkorgan mit dem Denkorgan betrachtend, gedenke man beständig des Endes im Über-Denken (unmanī).

Wort für Wort
manasā manaḥ ālokya
das Denkorgan mit dem Denkorgan betrachtend (Absol.)
muktaḥ bhavati
wird befreit (3.Sg.Präs.)
yoga-vit
der Yoga-Kenner (Nom.Sg.)
unmanī-antam
das Ende in der Unmanī (Akk.Sg.)
sadā smaret
gedenke man beständig (3.Sg.Opt.)

manasā mana ālokya yoga-niṣṭhaḥ sadā bhavet | manasā mana ālokya dṛśyante pratyayā daśa ||64||

Das Denkorgan mit dem Denkorgan betrachtend, sei man stets im Yoga gegründet. Betrachtet man das Denkorgan mit dem Denkorgan, werden die zehn Vorzeichen (pratyaya) sichtbar;

Wort für Wort
manasā manaḥ ālokya
das Denkorgan mit dem Denkorgan betrachtend (Absol.)
yoga-niṣṭhaḥ
im Yoga gegründet (Nom.Sg.)
sadā bhavet
sei man stets (3.Sg.Opt.)
dṛśyante
werden gesehen (3.Pl.Pass.)
pratyayāḥ daśa
die zehn Vorzeichen (Nom.Pl.)

Die zehn Vorzeichen: wohl die zehn Stufen des inneren Klangs (Nāda) nach Haṃsa-Upaniṣad 16 (Cini, Ciñcinī, Glocke, Muschel, Laute, Zimbel, Flöte, Trommel, Pauke, Donner).

yadā pratyayā dṛśyante tadā yogīśvaro bhavet ||65||

wenn die Vorzeichen sichtbar werden, dann wird man ein Herr der Yogins.

Wort für Wort
yadā pratyayāḥ dṛśyante
wenn die Vorzeichen gesehen werden (3.Pl.Pass.)
tadā
dann
yogi-īśvaraḥ bhavet
wird man ein Herr der Yogins (3.Sg.Opt.)

Nur ein Halbvers in der Vorlage.

bindu-nāda-kalā-jyotī-ravīndu-dhruva-tārakam | śāntaṃ ca tad-atītaṃ ca paraṃ brahma tad ucyate ||66||

Bindu, Nāda, Kalā, Licht, Sonne, Mond, Polarstern und Sterne – was still ist und über sie alle hinausgeht, das wird das höchste Brahman genannt.

Wort für Wort
bindu-nāda-kalā-jyotiḥ-ravi-indu-dhruva-tārakam
Bindu, Nāda, Kalā, Licht, Sonne, Mond, Polarstern, Sterne (Nom.Sg.n., Dvandva)
śāntam ca
und still (Nom.Sg.n.)
tat-atītam ca
und darüber hinausgehend (Nom.Sg.n.)
param brahma
das höchste Brahman (Nom.Sg.)
tat ucyate
das wird genannt (3.Sg.Pass.)

hasaty ullasati prītyā krīḍate modate tadā | tanoti jīvanaṃ buddhyā bibheti sarvato bhayāt ||67||

[Das Denken] lacht, jauchzt vor Freude, spielt, frohlockt; es entfaltet das Leben mittels des Intellekts, es fürchtet sich aus Angst nach allen Seiten,

Wort für Wort
hasati
lacht (3.Sg.Präs.)
ullasati prītyā
jauchzt vor Freude (3.Sg.Präs.; Instr.Sg.)
krīḍate modate
spielt, frohlockt (3.Sg.Präs.Med.)
tadā
dann
tanoti jīvanam
entfaltet das Leben (3.Sg.Präs.)
buddhyā
mittels des Intellekts (Instr.Sg.)
bibheti
fürchtet sich (3.Sg.Präs.)
sarvataḥ bhayāt
nach allen Seiten aus Angst (Abl.Sg.)

Die Verse 67–69 schildern die Regungen des Denkens (citta), um dann zu lehren, dass es sich stets dort aufhält, wo der Wind ist.

rodhyate budhyate śoke muhyate na ca sampadā | kampate śatru-kāryeṣu kāmena ramate hasan ||68||

es wird gehemmt, erwacht, wird im Kummer verwirrt – nicht aber durch Glück; es zittert bei den Machenschaften von Feinden, ergötzt sich lachend an der Begierde.

Wort für Wort
rodhyate
wird gehemmt (3.Sg.Pass.)
budhyate
erwacht (3.Sg.Präs.Med.)
śoke muhyate
wird im Kummer verwirrt (Lok.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
na ca sampadā
nicht aber durch Glück (Instr.Sg.)
kampate
zittert (3.Sg.Präs.Med.)
śatru-kāryeṣu
bei den Machenschaften von Feinden (Lok.Pl.)
kāmena ramate hasan
ergötzt sich lachend an der Begierde (3.Sg.Präs.Med.; Part.Präs.)

smṛtvā kāma-rataṃ cittaṃ vijānīyāt kalevare | yatra deśe vased vāyuś cittaṃ tad vasati dhruvam ||69||

Wenn man sich dessen erinnert, erkenne man das der Begierde hingegebene Denken im Leib: An welchem Ort der Wind weilt, dort weilt gewiss auch das Denken.

Wort für Wort
smṛtvā
sich erinnernd (Absol.)
kāma-ratam cittam
das der Begierde hingegebene Denken (Akk.Sg.)
vijānīyāt
erkenne man (3.Sg.Opt.)
kalevare
im Leib (Lok.Sg.)
yatra deśe vaset vāyuḥ
an welchem Ort der Wind weilt (3.Sg.Opt.)
cittam tat vasati
dort weilt das Denken (3.Sg.Präs.)
dhruvam
gewiss

manaś candro ravir vāyur dṛṣṭir agnir udāhṛtaḥ | bindu-nāda-kalā brahman viṣṇu-brahmeśa-devatāḥ ||70||

Das Denkorgan wird als der Mond bezeichnet, der Wind als die Sonne, der Blick als das Feuer. Bindu, Nāda und Kalā, o Brahman, haben Viṣṇu, Brahmā und Īśa als Gottheiten.

Wort für Wort
manaḥ candraḥ
das Denkorgan der Mond (Nom.Sg.)
raviḥ vāyuḥ
die Sonne der Wind (Nom.Sg.)
dṛṣṭiḥ agniḥ
der Blick das Feuer (Nom.Sg.)
udāhṛtaḥ
bezeichnet (Nom.Sg.)
bindu-nāda-kalāḥ
Bindu, Nāda und Kalā (Nom.Pl.)
brahman
o Brahman (Vok.)
viṣṇu-brahma-īśa-devatāḥ
mit Viṣṇu, Brahmā und Īśa als Gottheiten (Nom.Pl.)

sadā nādānusandhānāt saṃkṣīṇā vāsanā bhavet | nirañjane vilīyeta marun-manasi padma-ja ||71||

Durch beständiges Nachforschen nach dem Klang (nāda) schwinden die Prägungen (vāsanā); Wind und Denkorgan lösen sich im Fleckenlosen auf, o Lotosgeborener.

Wort für Wort
sadā
beständig
nāda-anusandhānāt
durch Nachforschen nach dem Klang (Abl.Sg.)
saṃkṣīṇā vāsanā bhavet
die Vāsanā schwindet (3.Sg.Opt.)
nirañjane
im Fleckenlosen (Lok.Sg.)
vilīyeta
löst sich auf (3.Sg.Opt.Med.)
marut-manasī
Wind und Denkorgan (Nom.Du.)
padma-ja
o Lotosgeborener (Vok.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 4,90–94 (nādānusandhāna).

yo vai nādaḥ sa vai bindus tad vai cittaṃ prakīrtitam | nādo binduś ca cittaṃ ca tribhir aikyaṃ prasādayet ||72||

Was der Klang ist, das ist der Bindu, und das wird auch das Denken genannt. Klang, Bindu und Denken – die Einheit dieser drei bringe man zustande.

Wort für Wort
yaḥ vai nādaḥ
was der Nāda ist (Nom.Sg.)
saḥ vai binduḥ
das ist der Bindu (Nom.Sg.)
tat vai cittam prakīrtitam
das wird als das Denken genannt (Nom.Sg.n.)
nādaḥ binduḥ ca cittam ca
Nāda, Bindu und Citta (Nom.Sg.)
tribhiḥ aikyam
die Einheit der drei (Instr.Pl.; Akk.Sg.)
prasādayet
bringe man zustande (3.Sg.Opt.Kaus.)

mana eva hi binduś ca utpatti-sthiti-kāraṇam | manasotpadyate bindur yathā kṣīraṃ ghṛtātmakam ||73||

Das Denkorgan allein ist auch der Bindu, die Ursache von Entstehen und Bestehen. Aus dem Denkorgan entsteht der Bindu, wie die Milch [in sich] die Butter enthält.

Wort für Wort
manaḥ eva hi
das Denkorgan allein (Nom.Sg.)
binduḥ ca
auch der Bindu (Nom.Sg.)
utpatti-sthiti-kāraṇam
Ursache von Entstehen und Bestehen (Nom.Sg.)
manasā utpadyate binduḥ
aus dem Denkorgan entsteht der Bindu (Instr.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
yathā kṣīram
wie die Milch (Nom.Sg.)
ghṛta-ātmakam
butterhaltig (Nom.Sg.n.)

ṣaṭ-cakrāṇi parijñātvā praviśet sukha-maṇḍalam | praviśed vāyum ākṛṣya tathaivordhvaṃ niyojayet ||74||

Hat man die sechs Cakras erkannt, trete man in den Kreis der Seligkeit ein; man ziehe den Wind ein, trete [mit ihm] ein und lenke ihn ebenso nach oben.

Wort für Wort
ṣaṭ-cakrāṇi parijñātvā
die sechs Cakras erkannt habend (Absol.)
praviśet
trete man ein (3.Sg.Opt.)
sukha-maṇḍalam
in den Kreis der Seligkeit (Akk.Sg.)
vāyum ākṛṣya
den Wind einziehend (Absol.)
tathā eva ūrdhvam niyojayet
ebenso lenke man nach oben (3.Sg.Opt.Kaus.)

vāyuṃ binduṃ tathā cakraṃ cittaṃ caiva samabhyaset | samādhim ekena samam amṛtaṃ yānti yoginaḥ ||75||

Wind, Bindu, ebenso Cakra und Denken übe man [zusammen]; durch die Versenkung (samādhi) mit dem Einen gelangen die Yogins gleichermaßen zur Unsterblichkeit.

Wort für Wort
vāyum bindum
Wind, Bindu (Akk.Sg.)
tathā cakram cittam ca eva
ebenso Cakra und Denken (Akk.Sg.)
samabhyaset
übe man (3.Sg.Opt.)
samādhim ekena
die Versenkung mit dem Einen (Akk.Sg.; Instr.Sg.)
samam
gleichermaßen, zugleich
amṛtam yānti yoginaḥ
die Yogins gelangen zur Unsterblichkeit (3.Pl.Präs.)

yathāgnir dāru-madhya-stho nottiṣṭhen mathanaṃ vinā | vinā cābhyāsa-yogena jñāna-dīpas tathā na hi ||76||

Wie das Feuer im Innern des Holzes ohne Reiben nicht hervortritt, so [entzündet sich] auch die Leuchte der Erkenntnis nicht ohne den Yoga der Übung.

Wort für Wort
yathā agniḥ
wie das Feuer (Nom.Sg.)
dāru-madhya-sthaḥ
im Innern des Holzes (Nom.Sg.)
na uttiṣṭhet
tritt nicht hervor (3.Sg.Opt.)
mathanam vinā
ohne Reiben (Akk.Sg.)
vinā ca abhyāsa-yogena
und ohne den Yoga der Übung (Instr.Sg.)
jñāna-dīpaḥ tathā na hi
so auch nicht die Leuchte der Erkenntnis (Nom.Sg.)

Śvetāśvatara-Upaniṣad 1,13–14 (das Feuer im Holz).

ghaṭa-madhye yathā dīpo bāhye naiva prakāśate | bhinne tasmin ghaṭe caiva dīpa-jvālā ca bhāsate ||77||

Wie eine Lampe im Innern eines Kruges nach außen nicht leuchtet, die Flamme der Lampe aber erstrahlt, sobald dieser Krug zerbrochen ist,

Wort für Wort
ghaṭa-madhye
im Innern eines Kruges (Lok.Sg.)
yathā dīpaḥ
wie eine Lampe (Nom.Sg.)
bāhye na eva prakāśate
nach außen nicht leuchtet (3.Sg.Präs.Med.)
bhinne tasmin ghaṭe
wenn dieser Krug zerbrochen ist (Lok.abs.)
ca eva
und eben
dīpa-jvālā ca bhāsate
die Lampenflamme erstrahlt (3.Sg.Präs.Med.)

sva-kāyaṃ ghaṭam ity uktaṃ yathā jīvo hi tat-padam | guru-vākya-samābhinne brahma-jñānaṃ prakāśate ||78||

so heißt der eigene Leib „Krug“, und die Seele ist gleichsam jene [Lampen-]Stätte. Ist [der Krug] durch das Wort des Lehrers zerbrochen, leuchtet die Erkenntnis des Brahman auf.

Wort für Wort
sva-kāyam
der eigene Leib (Akk./Nom.Sg.)
ghaṭam iti uktam
wird „Krug“ genannt (Nom.Sg.n.)
yathā jīvaḥ hi tat-padam
wie die Seele jene Stätte [ist] (Nom.Sg.)
guru-vākya-samābhinne
wenn [er] durch das Wort des Lehrers zerbrochen ist (Lok.abs.)
brahma-jñānam prakāśate
die Brahman-Erkenntnis leuchtet auf (3.Sg.Präs.Med.)

karṇa-dhāraṃ guruṃ prāpya tad-vākyaṃ plavavad dṛḍham | abhyāsa-vāsanā-śaktyā taranti bhava-sāgaram ||79|| ity upaniṣat |

Wer den Lehrer als Steuermann gewonnen hat und dessen Wort als festes Floß, der überquert kraft der Prägung durch Übung das Meer des Werdens. – So [lautet] die Upaniṣad.

Wort für Wort
karṇa-dhāram gurum prāpya
den Lehrer als Steuermann gewonnen habend (Absol.)
tat-vākyam
dessen Wort (Akk.Sg.)
plava-vat dṛḍham
fest wie ein Floß (Akk.Sg.n.)
abhyāsa-vāsanā-śaktyā
kraft der Prägung durch Übung (Instr.Sg.)
taranti
sie überqueren (3.Pl.Präs.)
bhava-sāgaram
das Meer des Werdens (Akk.Sg.)
iti upaniṣat
so die Upaniṣad
Vers Śānti Schluss-Friedensformel und Kolophon

oṃ saha nāv avatu | saha nau bhunaktu | saha vīryaṃ karavāvahai | tejasvi nāv adhītam astu | mā vidviṣāvahai || oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ || oṃ tat sat || iti yogaśikhopaniṣadi ṣaṣṭho 'dhyāyaḥ ||6|| iti yogaśikhopaniṣat samāptā ||

Oṃ. Er möge uns beide behüten. Er möge uns beide nähren. Gemeinsam wollen wir Kraft wirken. Kraftvoll sei, was wir beide gelernt haben. Nicht wollen wir einander hassen. Oṃ, Friede, Friede, Friede. Oṃ, das ist das Wahre. – So [endet] in der Yogaśikhā-Upaniṣad der sechste Adhyāya. So ist die Yogaśikhā-Upaniṣad vollendet.

Wort für Wort
saha nau avatu
er möge uns beide behüten (3.Sg.Imp.)
saha nau bhunaktu
er möge uns beide nähren (3.Sg.Imp.)
saha vīryam karavāvahai
gemeinsam wollen wir Kraft wirken (1.Du.Imp.Med.)
tejasvi nau adhītam astu
kraftvoll sei unser Gelerntes (3.Sg.Imp.)
mā vidviṣāvahai
nicht wollen wir einander hassen (1.Du.Inj.Med.)
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ
Oṃ, Friede, Friede, Friede
oṃ tat sat
Oṃ, das [ist] das Wahre
iti yogaśikhā-upaniṣadi
so in der Yogaśikhā-Upaniṣad (Lok.Sg.)
ṣaṣṭhaḥ adhyāyaḥ
der sechste Adhyāya (Nom.Sg.)
iti yogaśikhā-upaniṣat samāptā
so ist die Yogaśikhā-Upaniṣad vollendet (Nom.Sg.f.)

Vorlage: tejasvinavadhītamastu; zu tejasvi nāv adhītam astu berichtigt. Die Reihenfolge von Friedensformel und Kapitelkolophon ist in der Vorlage vertauscht (Kolophon nach der Schlussformel); hier in der Reihenfolge der Vorlage belassen.

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