Quellen der Menschheit

Yogaśikhā-Upaniṣad

Adhyāya 5: pañcamo 'dhyāyaḥ – viṣṇv-ālaya-deha-nāḍī-cakra-pañcāgni-mudrā-dhāraṇā-nirūpaṇam Fünfter Adhyāya: Der Leib als Viṣṇu-Tempel, Nāḍī-Rad, die fünf Feuer, Khecarī-Mudrā, Dhāraṇās und Guru-Verehrung (62 Verse)

Der fünfte Adhyāya nimmt die Beschreibung des Leibes als Tempel aus dem ersten Kapitel fast wörtlich wieder auf, jetzt jedoch in vaiṣṇavischer Färbung: Der Leib ist Viṣṇus Tempel, die Wohnstatt von Viṣṇu und Lakṣmī, und im Elementkreis des Windes und des Raumes herrschen Saṃkarṣaṇa und Nārāyaṇa statt Īśvara und Sadāśiva (Verse 2–15). Neu ist die Lehre vom „Rad der Kanäle“: Die zwölf Fingerbreit lange Suṣumnā gleicht einem an der Wurzel gespaltenen Bambus, Iḍā und Piṅgalā laufen zu ihren Seiten, die Vilambinī im Nabel ist der Ausgangspunkt eines Nāḍī-Systems mit den Kanälen Gāndhārī, Hastijihvā, Pūṣā, Alambusā, Śūrā, Viśvodarī, Sarasvatī, Rākā, Śaṅkhinī, Kuhū, Vāruṇī und Citrā/Sīvinī, die Speise, Wasser, Harn, Kot und Samen zugeordnet werden (Verse 16–27). Es folgt die Bindu-Lehre mit den drei Leibern des Brahman und den fünf Feuern – Kālāgni, Vaḍavāgni, das Feuer aus Holz und Stein, das Blitzfeuer und das Sonnenfeuer –, denen im Leib Nāda, Knochen, Verdauungsorgan, Herz und Nabel entsprechen; der Mond an der Gaumenwurzel regnet Nektar, den die Sonne im Nabel verzehrt (Verse 28–35). Der praktische Teil (Verse 36–45) lehrt Reinigung des Atemwegs, Mūla-, Uḍyāṇa- und Jālandhara-Bandha, die Khecarī-Mudrā mit ihren Verheißungen und die Meditation über Nārāyaṇa in der Mondscheibe. Die Verse 46–55 zählen die Siddhis auf, die aus Dhāraṇās auf Nāda, Bindu, Zeit, die fünf Elemente und die Götter entstehen; den Abschluss bildet ein Lob des Lehrers, der Brahmā, Viṣṇu und dem Gott selbst gleichgesetzt wird, und die Warnung, dem Lehrer gegenüber nicht mit der Nicht-Zweiheit zu argumentieren.

punar yogaṃ pravakṣyāmi guhyaṃ brahma-svarūpakam | samāhita-manā bhūtvā śṛṇu brahman yathā-kramam ||1||

[Śiva sprach:] Wiederum will ich den Yoga verkünden, den geheimen, dessen Wesen Brahman ist. Werde gesammelten Sinnes und höre, o Brahman, der Reihe nach.

Wort für Wort
punaḥ
wiederum
yogam pravakṣyāmi
ich will den Yoga verkünden (1.Sg.Fut.)
guhyam
geheim (Akk.Sg.)
brahma-svarūpakam
dessen Wesen Brahman ist (Akk.Sg.)
samāhita-manāḥ bhūtvā
gesammelten Sinnes geworden (Absol.)
śṛṇu brahman
höre, o Brahman (2.Sg.Imp.)
yathā-kramam
der Reihe nach

daśa-dvāra-puraṃ dehaṃ daśa-nāḍī-mahā-patham | daśabhir vāyubhir vyāptaṃ daśendriya-paricchadam ||2||

Der Leib ist eine Stadt mit zehn Toren, mit den zehn Kanälen als Hauptstraßen, von zehn Winden durchdrungen, mit den zehn Sinnen als Gefolge;

Wort für Wort
daśa-dvāra-puram deham
der Leib, eine Stadt mit zehn Toren (Akk.Sg.)
daśa-nāḍī-mahā-patham
mit den zehn Nāḍīs als Hauptwegen (Akk.Sg.)
daśabhiḥ vāyubhiḥ vyāptam
von zehn Winden durchdrungen (Akk.Sg.)
daśa-indriya-paricchadam
mit den zehn Sinnen als Gefolge (Akk.Sg.)

Die Verse 2–15 wiederholen 1,165–178, nun mit Viṣṇu als Hausherrn des Leibes (Vers 4) und den vaiṣṇavischen Gottheiten Saṃkarṣaṇa und Nārāyaṇa (Verse 14–15).

ṣaḍ-ādhārāpavarakaṃ ṣaḍ-anvaya-mahā-vanam | catuḥ-pīṭha-samākīrṇaṃ catur-āmnāya-dīpakam ||3||

mit den sechs Stützpunkten als Innengemächern, mit den sechs Traditionen als großem Wald, übersät mit den vier heiligen Sitzen, erleuchtet von den vier Überlieferungen;

Wort für Wort
ṣaṭ-ādhāra-apavarakam
mit den sechs Ādhāras als Gemächern (Akk.Sg.)
ṣaṭ-anvaya-mahā-vanam
mit den sechs Traditionen als großem Wald (Akk.Sg.)
catuḥ-pīṭha-samākīrṇam
mit vier Pīṭhas übersät (Akk.Sg.)
catur-āmnāya-dīpakam
von den vier Āmnāyas erleuchtet (Akk.Sg.)

bindu-nāda-mahā-liṅga-viṣṇu-lakṣmī-niketanam | dehaṃ viṣṇv-ālayaṃ proktaṃ siddhi-daṃ sarva-dehinām ||4||

Wohnstatt von Bindu und Nāda, des großen Liṅga, von Viṣṇu und Lakṣmī – [so] wird der Leib ein Tempel Viṣṇus genannt, der allen Verkörperten Vollendung schenkt.

Wort für Wort
bindu-nāda-mahā-liṅga-viṣṇu-lakṣmī-niketanam
Wohnstatt von Bindu, Nāda, großem Liṅga, Viṣṇu und Lakṣmī (Akk.Sg.)
deham
der Leib (Akk./Nom.Sg.)
viṣṇu-ālayam proktam
wird Viṣṇu-Tempel genannt (Nom.Sg.n.)
siddhi-dam
Vollendung gebend (Akk.Sg.)
sarva-dehinām
allen Verkörperten (Gen.Pl.)

guda-meḍhrāntarāla-sthaṃ mūlādhāraṃ tri-koṇakam | śivasya jīva-rūpasya sthānaṃ tad dhi pracakṣate ||5||

Das Mūlādhāra, dreieckig, liegt zwischen After und Glied; das nennt man den Ort Śivas in seiner Gestalt als Einzelseele,

Wort für Wort
guda-meḍhra-antarāla-stham
zwischen After und Glied gelegen (Nom.Sg.n.)
mūla-ādhāram
das Mūlādhāra (Nom.Sg.)
tri-koṇakam
dreieckig (Nom.Sg.n.)
śivasya jīva-rūpasya
Śivas in Jīva-Gestalt (Gen.Sg.)
sthānam tat hi
das ist der Ort (Nom.Sg.)
pracakṣate
man nennt (3.Pl.Präs.Med.)

yatra kuṇḍalinī nāma parā śaktiḥ pratiṣṭhitā | yasmād utpadyate vāyur yasmād vahniḥ pravartate ||6||

wo die höchste Kraft namens Kuṇḍalinī ihren Sitz hat, aus dem der Wind entsteht, aus dem das Feuer hervorgeht,

Wort für Wort
yatra
wo
kuṇḍalinī nāma
Kuṇḍalinī genannt
parā śaktiḥ pratiṣṭhitā
die höchste Kraft gegründet (Nom.Sg.f.)
yasmāt utpadyate vāyuḥ
aus dem der Wind entsteht (3.Sg.Präs.Med.)
yasmāt vahniḥ pravartate
aus dem das Feuer hervorgeht (3.Sg.Präs.Med.)

yasmād utpadyate bindur yasmān nādaḥ pravartate | yasmād utpadyate haṃso yasmād utpadyate manaḥ ||7||

aus dem der Bindu entsteht, aus dem der Nāda hervorgeht, aus dem der Haṃsa entsteht, aus dem das Denkorgan entsteht –

Wort für Wort
yasmāt utpadyate binduḥ
aus dem der Bindu entsteht
yasmāt nādaḥ pravartate
aus dem der Nāda hervorgeht
yasmāt utpadyate haṃsaḥ
aus dem der Haṃsa entsteht
yasmāt utpadyate manaḥ
aus dem das Denkorgan entsteht

tad etat kāmarūpākhyaṃ pīṭhaṃ kāma-phala-pradam | svādhiṣṭhānāhvayaṃ cakraṃ liṅga-mūle ṣaḍ-asrakam ||8||

eben dies ist der heilige Sitz namens Kāmarūpa, der die Frucht der Wünsche verleiht. Das Cakra namens Svādhiṣṭhāna, sechseckig, [liegt] an der Wurzel des Gliedes;

Wort für Wort
tat etat
eben dies (Nom.Sg.n.)
kāmarūpa-ākhyam pīṭham
der Pīṭha namens Kāmarūpa (Nom.Sg.)
kāma-phala-pradam
die Frucht der Wünsche verleihend (Nom.Sg.n.)
svādhiṣṭhāna-āhvayam cakram
das Cakra namens Svādhiṣṭhāna (Nom.Sg.)
liṅga-mūle
an der Wurzel des Gliedes (Lok.Sg.)
ṣaṭ-asrakam
sechseckig (Nom.Sg.n.)

Vorlage: svādhiṣṭhānahvayaṃ; zu svādhiṣṭhānāhvayaṃ berichtigt.

nābhi-deśe sthitaṃ cakraṃ daśāsraṃ maṇipūrakam | dvādaśāraṃ mahā-cakraṃ hṛdaye cāpy anāhatam ||9||

in der Nabelgegend liegt das zehneckige Cakra Maṇipūraka; das große zwölfspeichige Cakra im Herzen ist das Anāhata.

Wort für Wort
nābhi-deśe sthitam
in der Nabelgegend gelegen (Nom.Sg.n.)
cakram daśa-asram
das zehneckige Cakra (Nom.Sg.)
maṇipūrakam
Maṇipūraka (Nom.Sg.)
dvādaśa-aram mahā-cakram
das große zwölfspeichige Cakra (Nom.Sg.)
hṛdaye ca api
und im Herzen (Lok.Sg.)
anāhatam
Anāhata (Nom.Sg.)

tad etat pūrṇagiry-ākhyaṃ pīṭhaṃ kamala-saṃbhava | kaṇṭha-kūpe viśuddhākhyaṃ yac cakraṃ ṣoḍaśāsrakam ||10||

Eben dies ist der heilige Sitz namens Pūrṇagiri, o Lotosgeborener. In der Kehlgrube ist das Cakra namens Viśuddha mit sechzehn Ecken;

Wort für Wort
tat etat
eben dies (Nom.Sg.n.)
pūrṇagiri-ākhyam pīṭham
der Pīṭha namens Pūrṇagiri (Nom.Sg.)
kamala-saṃbhava
o Lotosgeborener (Vok.)
kaṇṭha-kūpe
in der Kehlgrube (Lok.Sg.)
viśuddha-ākhyam
Viśuddha genannt (Nom.Sg.n.)
yat cakram
welches Cakra (Nom.Sg.)
ṣoḍaśa-asrakam
sechzehneckig (Nom.Sg.n.)

pīṭhaṃ jālandharaṃ nāma tiṣṭhaty atra catur-mukha | ājñā nāma bhruvor madhye dvi-dalaṃ cakram uttamam ||11||

hier befindet sich der heilige Sitz namens Jālandhara, o Viergesichtiger. Zwischen den Brauen ist das vorzügliche zweiblättrige Cakra namens Ājñā;

Wort für Wort
pīṭham jālandharam nāma
der Pīṭha namens Jālandhara (Nom.Sg.)
tiṣṭhati atra
befindet sich hier (3.Sg.Präs.)
catur-mukha
o Viergesichtiger [Brahmā] (Vok.)
ājñā nāma
Ājñā genannt
bhruvoḥ madhye
zwischen den Brauen (Lok.Sg.)
dvi-dalam cakram uttamam
das vorzügliche zweiblättrige Cakra (Nom.Sg.)

uḍyāṇākhyaṃ mahā-pīṭham upariṣṭāt pratiṣṭhitam | sthānāny etāni dehe 'smiñ chakti-rūpaṃ prakāśate ||12||

der große heilige Sitz namens Uḍyāṇa ist darüber gegründet. An diesen Orten in diesem Leib offenbart sich die Gestalt der Śakti.

Wort für Wort
uḍyāṇa-ākhyam mahā-pīṭham
der große Pīṭha namens Uḍyāṇa (Nom.Sg.)
upariṣṭāt pratiṣṭhitam
darüber gegründet (Nom.Sg.n.)
sthānāni etāni
diese Orte (Nom.Pl.)
dehe asmin
in diesem Leib (Lok.Sg.)
śakti-rūpam
die Gestalt der Śakti (Nom.Sg.n.)
prakāśate
offenbart sich (3.Sg.Präs.Med.)

catur-asraṃ dharaṇy-ādau brahmā tatrādhidevatā | ardha-candrākṛti jalaṃ viṣṇus tasyādhidevatā ||13||

Viereckig ist [der Bereich] der Erde und der übrigen [Elemente] zuerst; Brahmā ist dort die zugehörige Gottheit. Halbmondförmig ist das Wasser; Viṣṇu ist seine Gottheit.

Wort für Wort
catur-asram
viereckig (Nom.Sg.n.)
dharaṇī-ādau
bei Erde usw. zuerst (Lok.Sg.)
brahmā tatra adhidevatā
Brahmā dort die Gottheit (Nom.Sg.)
ardha-candra-ākṛti jalam
halbmondförmig das Wasser (Nom.Sg.)
viṣṇuḥ tasya adhidevatā
Viṣṇu seine Gottheit (Nom.Sg.)

tri-koṇa-maṇḍalaṃ vahnī rudras tasyādhidevatā | vāyor bimbaṃ tu ṣaṭ-koṇaṃ saṃkarṣo 'trādhidevatā ||14||

Dreieckig ist der Bereich des Feuers; Rudra ist seine Gottheit. Das Bild des Windes ist sechseckig; Saṃkarṣa[ṇa] ist hier die Gottheit.

Wort für Wort
tri-koṇa-maṇḍalam vahnī
der dreieckige Bereich das Feuer (Nom.Sg.)
rudraḥ tasya adhidevatā
Rudra seine Gottheit (Nom.Sg.)
vāyoḥ bimbam tu
das Bild des Windes aber (Nom.Sg.)
ṣaṭ-koṇam
sechseckig (Nom.Sg.n.)
saṃkarṣaḥ atra adhidevatā
Saṃkarṣa[ṇa] hier die Gottheit (Nom.Sg.)

saṃkarṣa = Saṃkarṣaṇa (Balarāma), eine der vier Vyūha-Gestalten Viṣṇus; in 1,177 steht an dieser Stelle Īśvara.

ākāśa-maṇḍalaṃ vṛttaṃ śrīman-nārāyaṇo 'trādhidevatā | nāda-rūpaṃ bhruvor madhye manaso maṇḍalaṃ viduḥ ||15||

Der Bereich des Raumes ist rund; der ehrwürdige Nārāyaṇa ist hier die Gottheit. Den Bereich des Denkorgans zwischen den Brauen kennt man als klanggestaltig.

Wort für Wort
ākāśa-maṇḍalam vṛttam
der Bereich des Raumes rund (Nom.Sg.)
śrīmat-nārāyaṇaḥ
der ehrwürdige Nārāyaṇa (Nom.Sg.)
atra adhidevatā
hier die Gottheit (Nom.Sg.)
nāda-rūpam
klanggestaltig (Akk.Sg.n.)
bhruvoḥ madhye
zwischen den Brauen (Lok.Sg.)
manasaḥ maṇḍalam viduḥ
den Bereich des Denkorgans kennen sie (3.Pl.Perf.)

Der erste Halbvers ist überzählig (hypermetrisch); in 1,178 steht sadāśivaḥ.

śāmbhava-sthānam etat te varṇitaṃ padma-saṃbhava | ataḥ paraṃ pravakṣyāmi nāḍī-cakrasya nirṇayam ||16||

Dies ist dir als der Ort Śambhus beschrieben worden, o Lotosgeborener. Als Nächstes will ich die Bestimmung des Rades der Kanäle (nāḍī-cakra) darlegen.

Wort für Wort
śāmbhava-sthānam
der Ort Śambhus (Nom.Sg.)
etat te varṇitam
dies dir beschrieben (Nom.Sg.n.)
padma-saṃbhava
o Lotosgeborener (Vok.)
ataḥ param
als Nächstes
pravakṣyāmi
ich will darlegen (1.Sg.Fut.)
nāḍī-cakrasya nirṇayam
die Bestimmung des Nāḍī-Rades (Akk.Sg.)

mūlādhāra-tri-koṇa-sthā suṣumnā dvādaśāṅgulā | mūlārdha-cchinna-vaṃśābhā brahma-nāḍīti sā smṛtā ||17||

Die Suṣumnā, die im Dreieck des Mūlādhāra wurzelt, ist zwölf Fingerbreit [lang]; sie gleicht einem Bambusrohr, das an der Wurzel zur Hälfte gespalten ist, und wird „Brahma-Kanal“ genannt.

Wort für Wort
mūla-ādhāra-tri-koṇa-sthā
im Dreieck des Mūlādhāra befindlich (Nom.Sg.f.)
suṣumnā
die Suṣumnā (Nom.Sg.)
dvādaśa-aṅgulā
zwölf Fingerbreit (Nom.Sg.f.)
mūla-ardha-chinna-vaṃśa-ābhā
einem an der Wurzel halb gespaltenen Bambus gleichend (Nom.Sg.f.)
brahma-nāḍī iti
„Brahma-Nāḍī“ – so
sā smṛtā
wird sie genannt (Nom.Sg.f.)

iḍā ca piṅgalā caiva tasyāḥ pārśva-dvaye gate | vilambinyām anusyūte nāsikāntam upāgate ||18||

Iḍā und Piṅgalā verlaufen zu ihren beiden Seiten, sind in die Vilambinī eingeflochten und reichen bis zur Nasenspitze.

Wort für Wort
iḍā ca piṅgalā ca eva
Iḍā und Piṅgalā (Nom.Sg.)
tasyāḥ pārśva-dvaye
auf ihren beiden Seiten (Gen.Sg.f.; Lok.Sg.)
gate
verlaufend (Nom.Du.f.)
vilambinyām
in die Vilambinī (Lok.Sg.)
anusyūte
eingeflochten (Nom.Du.f.)
nāsikā-antam
bis zur Nasenspitze (Akk.Sg.)
upāgate
gelangt (Nom.Du.f.)

iḍāyāṃ hema-rūpeṇa vāyur vāmena gacchati | piṅgalāyāṃ tu sūryātmā yāti dakṣiṇa-pārśvataḥ ||19||

In der Iḍā geht der Wind in goldener Gestalt auf der linken Seite; in der Piṅgalā aber geht er, sonnenhaft, auf der rechten Seite.

Wort für Wort
iḍāyām
in der Iḍā (Lok.Sg.)
hema-rūpeṇa
in goldener Gestalt (Instr.Sg.)
vāyuḥ
der Wind (Nom.Sg.)
vāmena gacchati
geht links (3.Sg.Präs.)
piṅgalāyām tu
in der Piṅgalā aber (Lok.Sg.)
sūrya-ātmā
sonnenhaft (Nom.Sg.)
yāti
geht (3.Sg.Präs.)
dakṣiṇa-pārśvataḥ
auf der rechten Seite (Abl.)

vilambinīti yā nāḍī vyaktā nābhau pratiṣṭhitā | tatra nāḍyaḥ samutpannās tiryag-ūrdhvam adho-mukhāḥ ||20||

Der Kanal namens Vilambinī ist deutlich [erkennbar] im Nabel gegründet; dort entspringen die Kanäle, die seitwärts, aufwärts und abwärts gerichtet sind.

Wort für Wort
vilambinī iti yā nāḍī
der Kanal namens Vilambinī (Nom.Sg.)
vyaktā
deutlich (Nom.Sg.f.)
nābhau pratiṣṭhitā
im Nabel gegründet (Lok.Sg.; Nom.Sg.f.)
tatra
dort
nāḍyaḥ samutpannāḥ
die Kanäle entsprungen (Nom.Pl.)
tiryak-ūrdhvam-adhaḥ-mukhāḥ
seitwärts, aufwärts, abwärts gerichtet (Nom.Pl.)

Vorlage: samutpannas; zu samutpannās berichtigt.

tan nābhi-cakram ity uktaṃ kukkuṭāṇḍam iva sthitam | gāndhārī hasti-jihvā ca tasmān netra-dvayaṃ gate ||21||

Das heißt das Nabel-Rad; es liegt da wie ein Hühnerei. Gāndhārī und Hastijihvā gehen von dort zu den beiden Augen;

Wort für Wort
tat
das (Nom.Sg.n.)
nābhi-cakram iti uktam
wird Nabel-Rad genannt (Nom.Sg.n.)
kukkuṭa-aṇḍam iva
wie ein Hühnerei (Nom.Sg.)
sthitam
gelegen (Nom.Sg.n.)
gāndhārī hasti-jihvā ca
Gāndhārī und Hastijihvā (Nom.Sg.)
tasmāt
von dort (Abl.Sg.)
netra-dvayam gate
zu den beiden Augen gegangen (Nom.Du.f.)

pūṣā cālambusā caiva śrotra-dvayam upāgate | śūrā nāma mahā-nāḍī tasmād bhrū-madhyam āśritā ||22||

Pūṣā und Alambusā gelangen zu den beiden Ohren; der große Kanal namens Śūrā erstreckt sich von dort zur Brauenmitte.

Wort für Wort
pūṣā ca alambusā ca eva
Pūṣā und Alambusā (Nom.Sg.)
śrotra-dvayam upāgate
zu den beiden Ohren gelangt (Nom.Du.f.)
śūrā nāma mahā-nāḍī
der große Kanal namens Śūrā (Nom.Sg.)
tasmāt
von dort (Abl.Sg.)
bhrū-madhyam āśritā
zur Brauenmitte sich erstreckend (Nom.Sg.f.)

viśvodarī tu yā nāḍī sā bhuṅkte 'nnaṃ catur-vidham | sarasvatī tu yā nāḍī sā jihvāntaṃ prasarpati ||23||

Der Kanal Viśvodarī verzehrt die vierfache Speise; der Kanal Sarasvatī zieht sich bis zur Zungenspitze hin.

Wort für Wort
viśvodarī tu yā nāḍī
der Kanal Viśvodarī (Nom.Sg.)
sā bhuṅkte
die verzehrt (3.Sg.Präs.Med.)
annam catur-vidham
die vierfache Speise (Akk.Sg.)
sarasvatī tu yā nāḍī
der Kanal Sarasvatī (Nom.Sg.)
sā jihvā-antam prasarpati
die zieht sich bis zur Zungenspitze (3.Sg.Präs.)

Die vierfache Speise: zu kauen, zu lecken, zu saugen, zu trinken. Die Nāḍī-Liste (Vilambinī, Śūrā, Viśvodarī, Sarasvatī, Rākā, Śaṅkhinī, Kuhū, Vāruṇī, Citrā/Sīvinī) folgt einem anderen System als die Zehnerliste des Gorakṣaśataka und der Yogacūḍāmaṇi 16–20.

rākāhvayā tu yā nāḍī pītvā ca salilaṃ kṣaṇāt | kṣutam utpādayed ghrāṇe śleṣmāṇaṃ saṃcinoti ca ||24||

Der Kanal namens Rākā erzeugt, sobald Wasser getrunken ist, im Nu das Niesen in der Nase und sammelt den Schleim an.

Wort für Wort
rākā-āhvayā tu yā nāḍī
der Kanal namens Rākā (Nom.Sg.)
pītvā ca salilam
und nachdem Wasser getrunken ist (Absol.)
kṣaṇāt
im Nu (Abl.Sg.)
kṣutam utpādayet
erzeugt Niesen (3.Sg.Opt.Kaus.)
ghrāṇe
in der Nase (Lok.Sg.)
śleṣmāṇam saṃcinoti ca
und sammelt den Schleim (3.Sg.Präs.)

kaṇṭha-kūpodbhavā nāḍī śaṅkhiny-ākhyā tv adho-mukhī | anna-sāraṃ samādāya mūrdhni saṃcinute sadā ||25||

Der Kanal namens Śaṅkhinī, der in der Kehlgrube entspringt und abwärts gerichtet ist, nimmt die Essenz der Speise auf und sammelt sie beständig im Scheitel.

Wort für Wort
kaṇṭha-kūpa-udbhavā nāḍī
der in der Kehlgrube entspringende Kanal (Nom.Sg.)
śaṅkhinī-ākhyā tu
Śaṅkhinī genannt (Nom.Sg.f.)
adhaḥ-mukhī
abwärts gerichtet (Nom.Sg.f.)
anna-sāram samādāya
die Essenz der Speise aufnehmend (Absol.)
mūrdhni
im Scheitel (Lok.Sg.)
saṃcinute sadā
sammelt beständig (3.Sg.Präs.Med.)

Vorlage: śaṅkhinākhyā; zu śaṅkhiny-ākhyā berichtigt.

nābher adho-gatās tisro nāḍyaḥ syur adho-mukhāḥ | malaṃ tyajet kuhūr nāḍī mūtraṃ muñcati vāruṇī ||26||

Unterhalb des Nabels verlaufen drei Kanäle, abwärts gerichtet: Der Kanal Kuhū scheidet den Kot aus, die Vāruṇī entlässt den Harn,

Wort für Wort
nābheḥ adhaḥ-gatāḥ
unterhalb des Nabels verlaufend (Nom.Pl.f.)
tisraḥ nāḍyaḥ
drei Kanäle (Nom.Pl.)
syuḥ adhaḥ-mukhāḥ
sind abwärts gerichtet (3.Pl.Opt.)
malam tyajet
scheidet Kot aus (3.Sg.Opt.)
kuhūḥ nāḍī
der Kanal Kuhū (Nom.Sg.)
mūtram muñcati
entlässt Harn (3.Sg.Präs.)
vāruṇī
die Vāruṇī (Nom.Sg.)

Vorlage: jāḍayaḥ syuradhomukhaḥ; zu nāḍyaḥ syur adho-mukhāḥ berichtigt.

citrākhyā sīvinī nāḍī śukla-mocana-kāraṇī | nāḍī-cakram iti proktaṃ bindu-rūpam ataḥ śṛṇu ||27||

und der Kanal Sīvinī, [auch] Citrā genannt, bewirkt die Entlassung des Samens. [So] ist das Rad der Kanäle beschrieben. Höre nun von der Gestalt des Bindu.

Wort für Wort
citrā-ākhyā
Citrā genannt (Nom.Sg.f.)
sīvinī nāḍī
der Kanal Sīvinī (Nom.Sg.)
śukla-mocana-kāraṇī
die Entlassung des Samens bewirkend (Nom.Sg.f.)
nāḍī-cakram iti proktam
das Nāḍī-Rad ist so beschrieben (Nom.Sg.n.)
bindu-rūpam
die Gestalt des Bindu (Akk.Sg.)
ataḥ śṛṇu
nun höre (2.Sg.Imp.)

Vorlage: sīvini; zu sīvinī berichtigt.

sthūlaṃ sūkṣmaṃ paraṃ ceti trividhaṃ brahmaṇo vapuḥ | sthūlaṃ śuklātmakaṃ binduḥ sūkṣmaṃ pañcāgni-rūpakam ||28||

Grob, fein und höchst – dreifach ist der Leib des Brahman: Der grobe [Leib] ist der Bindu, der aus dem Weißen (Samen) besteht; der feine hat die Gestalt der fünf Feuer;

Wort für Wort
sthūlam sūkṣmam param ca iti
grob, fein und höchst (Nom.Sg.n.)
trividham brahmaṇaḥ vapuḥ
dreifach der Leib des Brahman (Nom.Sg.)
sthūlam
der grobe (Nom.Sg.n.)
śukla-ātmakam binduḥ
der aus dem Weißen bestehende Bindu (Nom.Sg.)
sūkṣmam
der feine (Nom.Sg.n.)
pañca-agni-rūpakam
in Gestalt der fünf Feuer (Nom.Sg.n.)

somātmakaḥ paraḥ proktaḥ sadā sākṣī sadācyutaḥ | pātālānām adho-bhāge kālāgnir yaḥ pratiṣṭhitaḥ ||29||

der höchste wird als mondhaft bezeichnet, der stete Zeuge, der stets Unerschütterliche (acyuta). Das Feuer der Weltzeit (kālāgni), das im untersten Bereich der Unterwelten gegründet ist –

Wort für Wort
soma-ātmakaḥ
mondhaft (Nom.Sg.)
paraḥ proktaḥ
der höchste genannt (Nom.Sg.)
sadā sākṣī
der stete Zeuge (Nom.Sg.)
sadā acyutaḥ
stets unerschütterlich (Nom.Sg.)
pātālānām adhaḥ-bhāge
im unteren Bereich der Unterwelten (Lok.Sg.)
kāla-agniḥ yaḥ
welches Weltzeit-Feuer (Nom.Sg.)
pratiṣṭhitaḥ
gegründet (Nom.Sg.)

sa mūlāgniḥ śarīre 'gnir yasmān nādaḥ prajāyate | vaḍavāgniḥ śarīra-stho hy asthi-madhye pravartate ||30||

das ist das Wurzelfeuer, das Feuer im Leib, aus dem der Klang entsteht. Das Feuer der Meeresstute (vaḍavāgni), das im Körper weilt, wirkt im Innern der Knochen.

Wort für Wort
saḥ mūla-agniḥ
das ist das Wurzelfeuer (Nom.Sg.)
śarīre agniḥ
das Feuer im Leib (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
yasmāt nādaḥ prajāyate
aus dem der Nāda entsteht (3.Sg.Präs.Med.)
vaḍavā-agniḥ
das Feuer der Meeresstute (Nom.Sg.)
śarīra-sthaḥ
im Körper weilend (Nom.Sg.)
hi asthi-madhye
im Innern der Knochen (Lok.Sg.)
pravartate
wirkt (3.Sg.Präs.Med.)

Vorlage: samūlāgniḥ; als sa mūlāgniḥ gelesen. Die fünf Feuer (Verse 29–33): Kālāgni, Vaḍavāgni, das aus Holz und Stein geborene Feuer, das Blitzfeuer und das Sonnenfeuer, mit ihren Entsprechungen im Leib.

kāṣṭha-pāṣāṇayor vahnir hy asthi-madhye pravartate | kāṣṭha-pāṣāṇa-jo vahniḥ pārthivo grahaṇī-gataḥ ||31||

Das Feuer von Holz und Stein wirkt [ebenfalls] im Innern der Knochen; das aus Holz und Stein geborene, irdische Feuer sitzt im Verdauungsorgan (grahaṇī).

Wort für Wort
kāṣṭha-pāṣāṇayoḥ vahniḥ
das Feuer von Holz und Stein (Gen.Du.; Nom.Sg.)
hi asthi-madhye pravartate
wirkt im Innern der Knochen (3.Sg.Präs.Med.)
kāṣṭha-pāṣāṇa-jaḥ vahniḥ
das aus Holz und Stein geborene Feuer (Nom.Sg.)
pārthivaḥ
irdisch (Nom.Sg.)
grahaṇī-gataḥ
im Verdauungsorgan befindlich (Nom.Sg.)

Vorlage: kāṣṭhapāṣaṇajo; zu kāṣṭha-pāṣāṇa-jo berichtigt. Die Wiederholung von asthi-madhye pravartate aus Vers 30 ist wohl eine Dittographie der Überlieferung.

antarikṣa-gato vahnir vaidyutaḥ svāntarātmakaḥ | nabha-sthaḥ sūrya-rūpo 'gnir nābhi-maṇḍalam āśritaḥ ||32||

Das Feuer im Luftraum, das Blitzfeuer, entspricht dem eigenen Inneren (dem Herzen); das Feuer am Himmel in Gestalt der Sonne hat seinen Sitz im Nabelkreis.

Wort für Wort
antarikṣa-gataḥ vahniḥ
das Feuer im Luftraum (Nom.Sg.)
vaidyutaḥ
das Blitzfeuer (Nom.Sg.)
sva-antara-ātmakaḥ
dem eigenen Innern entsprechend (Nom.Sg.)
nabhaḥ-sthaḥ
am Himmel stehend (Nom.Sg.)
sūrya-rūpaḥ agniḥ
das Feuer in Sonnengestalt (Nom.Sg.)
nābhi-maṇḍalam āśritaḥ
im Nabelkreis sitzend (Nom.Sg.)

viṣaṃ varṣati sūryo 'sau sravaty amṛtam unmukhaḥ | tālu-mūle sthitaś candraḥ sudhāṃ varṣaty adho-mukhaḥ ||33||

Diese Sonne regnet Gift; nach oben gewandt lässt sie Nektar fließen. Der Mond, der an der Gaumenwurzel steht, regnet Nektar (sudhā) nach unten.

Wort für Wort
viṣam varṣati
regnet Gift (3.Sg.Präs.)
sūryaḥ asau
diese Sonne (Nom.Sg.)
sravati amṛtam
lässt Nektar fließen (3.Sg.Präs.)
unmukhaḥ
nach oben gewandt (Nom.Sg.)
tālu-mūle sthitaḥ candraḥ
der an der Gaumenwurzel stehende Mond (Nom.Sg.)
sudhām varṣati
regnet Nektar (3.Sg.Präs.)
adhaḥ-mukhaḥ
nach unten gewandt (Nom.Sg.)

Die „Sonne“ im Nabel verzehrt sonst den vom „Mond“ am Gaumen herabtropfenden Nektar; die umgekehrten Techniken (Viparītakaraṇī, Khecarī, Vers 40–41) sollen dies verhindern.

bhrū-madhya-nilayo binduḥ śuddha-sphaṭika-saṃnibhaḥ | mahā-viṣṇoś ca devasya tat sūkṣmaṃ rūpam ucyate ||34||

Der Bindu, der zwischen den Brauen wohnt, gleicht reinem Bergkristall; er wird die feine Gestalt des Gottes Mahāviṣṇu genannt.

Wort für Wort
bhrū-madhya-nilayaḥ
zwischen den Brauen wohnend (Nom.Sg.)
binduḥ
der Bindu (Nom.Sg.)
śuddha-sphaṭika-saṃnibhaḥ
reinem Kristall gleich (Nom.Sg.)
mahā-viṣṇoḥ ca devasya
und des Gottes Mahāviṣṇu (Gen.Sg.)
tat sūkṣmam rūpam
das die feine Gestalt (Nom.Sg.)
ucyate
wird genannt (3.Sg.Pass.)

etat pañcāgni-rūpaṃ yo bhāvayed buddhimān dhiyā | tena bhuktaṃ ca pītaṃ ca hutam eva na saṃśayaḥ ||35||

Wer als Verständiger diese Gestalt der fünf Feuer mit dem Geist vergegenwärtigt – was der isst und trinkt, ist wahrhaft [dem Feuer] geopfert, daran ist kein Zweifel.

Wort für Wort
etat pañca-agni-rūpam
diese Gestalt der fünf Feuer (Akk.Sg.)
yaḥ bhāvayet
wer vergegenwärtigt (3.Sg.Opt.Kaus.)
buddhimān
der Verständige (Nom.Sg.)
dhiyā
mit dem Geist (Instr.Sg.)
tena bhuktam ca pītam ca
das von ihm Gegessene und Getrunkene (Nom.Sg.n.)
hutam eva
ist wahrhaft geopfert (Nom.Sg.n.)
na saṃśayaḥ
kein Zweifel

sukha-saṃsevitaṃ svapnaṃ sujīrṇa-mita-bhojanam | śarīra-śuddhiṃ kṛtvādau sukham āsanam āsthitaḥ ||36||

Mit angenehm gepflegtem Schlaf und gut verdauter, maßvoller Nahrung soll man zuerst den Körper reinigen und dann eine bequeme Sitzhaltung (āsana) einnehmen;

Wort für Wort
sukha-saṃsevitam svapnam
angenehm gepflegten Schlaf (Akk.Sg.)
sujīrṇa-mita-bhojanam
gut verdaute, maßvolle Nahrung (Akk.Sg.)
śarīra-śuddhim kṛtvā
die Reinigung des Körpers vollziehend (Absol.)
ādau
zuerst (Lok.Sg.)
sukham āsanam
eine bequeme Sitzhaltung (Akk.Sg.)
āsthitaḥ
eingenommen habend (Nom.Sg.)

Nach dem ersten Halbvers steht in der Vorlage ein verstümmeltes Zeichen (।ज्।), ohne Textverlust.

prāṇasya śodhayen mārgaṃ reca-pūraka-kumbhakaiḥ | gudam ākuñcya yatnena mūla-śaktiṃ prapūjayet ||37||

man reinige den Weg des Lebensatems durch Ausatmen, Einatmen und Anhalten, ziehe den After mit Anstrengung zusammen und verehre so die Wurzelkraft (mūla-śakti).

Wort für Wort
prāṇasya mārgam
den Weg des Prāṇa (Akk.Sg.)
śodhayet
soll reinigen (3.Sg.Opt.Kaus.)
reca-pūraka-kumbhakaiḥ
durch Ausatmen, Einatmen, Anhalten (Instr.Pl.)
gudam ākuñcya
den After zusammenziehend (Absol.)
yatnena
mit Anstrengung (Instr.Sg.)
mūla-śaktim
die Wurzelkraft (Akk.Sg.)
prapūjayet
soll verehren (3.Sg.Opt.Kaus.)

nābhau liṅgasya madhye tu uḍyāṇākhyaṃ ca bandhayet | uḍḍīya yāti tenaiva śaktita uḍyāṇa-pīṭhakam ||38||

Zwischen Nabel und Glied lege man den Verschluss namens Uḍyāṇa an; eben dadurch fliegt [der Wind] von der Śakti aus auf und gelangt zum Uḍyāṇa-Sitz.

Wort für Wort
nābhau liṅgasya madhye tu
zwischen Nabel und Glied (Lok.Sg.)
uḍyāṇa-ākhyam ca
den Uḍyāṇa genannten (Akk.Sg.)
bandhayet
soll anlegen, binden (3.Sg.Opt.Kaus.)
uḍḍīya yāti
fliegt auf und geht (Absol.; 3.Sg.Präs.)
tena eva
eben dadurch (Instr.Sg.)
śaktitaḥ
von der Śakti aus (Abl.)
uḍyāṇa-pīṭhakam
zum Uḍyāṇa-Sitz (Akk.Sg.)

Vorlage: śaktitoḍyānapīṭhakam; als śaktita uḍyāṇa-pīṭhakam aufgelöst (Wortspiel uḍḍīya „auffliegend“ – uḍyāṇa).

kaṇṭhaṃ saṅkocayet kiṃcid bandho jālandharo hy ayam | bandhayet khecarīṃ mudrāṃ dṛḍha-cittaḥ samāhitaḥ ||39||

Die Kehle ziehe man ein wenig zusammen – das ist der Jālandhara-Verschluss. Mit festem, gesammeltem Geist lege man die Khecarī-Mudrā an:

Wort für Wort
kaṇṭham saṅkocayet
soll die Kehle zusammenziehen (3.Sg.Opt.Kaus.)
kiṃcit
ein wenig
bandhaḥ jālandharaḥ hi ayam
das ist der Jālandhara-Verschluss (Nom.Sg.)
bandhayet
soll anlegen (3.Sg.Opt.Kaus.)
khecarīm mudrām
die Khecarī-Mudrā (Akk.Sg.)
dṛḍha-cittaḥ
mit festem Geist (Nom.Sg.)
samāhitaḥ
gesammelt (Nom.Sg.)

Vorlage: jālandhari, khecari; zu jālandharo, khecarīṃ berichtigt.

kapāla-vivare jihvā praviṣṭā viparīta-gā | bhruvor antar-gatā dṛṣṭir mudrā bhavati khecarī ||40||

Die Zunge, nach hinten gewendet, dringt in die Schädelhöhle ein, der Blick ist zwischen die Brauen gerichtet – das ist die Khecarī-Mudrā.

Wort für Wort
kapāla-vivare
in die Schädelhöhle (Lok.Sg.)
jihvā praviṣṭā
die Zunge eingedrungen (Nom.Sg.f.)
viparīta-gā
rückwärts gewendet (Nom.Sg.f.)
bhruvoḥ antar-gatā dṛṣṭiḥ
der Blick zwischen die Brauen gerichtet (Nom.Sg.)
mudrā bhavati khecarī
das ist die Khecarī-Mudrā (3.Sg.Präs.)

Wörtlich Haṭhapradīpikā 3,32 und Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 52.

khecaryā mudritaṃ yena vivaraṃ lambikordhvataḥ | na pīyūṣaṃ pataty agnau na ca vāyuḥ pradhāvati ||41||

Wer mit der Khecarī die Öffnung oberhalb des Zäpfchens versiegelt hat, bei dem fällt der Nektar nicht ins Feuer, und der Wind entweicht nicht.

Wort für Wort
khecaryā
mit der Khecarī (Instr.Sg.)
mudritam yena
von wem versiegelt (Nom.Sg.n.; Instr.Sg.)
vivaram
die Öffnung (Nom.Sg.)
lambikā-ūrdhvataḥ
oberhalb des Zäpfchens (Abl.)
na pīyūṣam patati agnau
der Nektar fällt nicht ins Feuer (3.Sg.Präs.)
na ca vāyuḥ pradhāvati
und der Wind läuft nicht davon (3.Sg.Präs.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 3,37; Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 53.

na kṣudhā na tṛṣā nidrā naivālasyaṃ prajāyate | na ca mṛtyur bhavet tasya yo mudrāṃ vetti khecarīm ||42||

Weder Hunger noch Durst, weder Schlaf noch Trägheit entstehen, und auch der Tod trifft den nicht, der die Khecarī-Mudrā kennt.

Wort für Wort
na kṣudhā na tṛṣā
weder Hunger noch Durst (Nom.Sg.)
nidrā
Schlaf (Nom.Sg.)
na eva ālasyam
auch nicht Trägheit (Nom.Sg.)
prajāyate
entsteht (3.Sg.Präs.Med.)
na ca mṛtyuḥ bhavet tasya
und nicht ist ihm der Tod (3.Sg.Opt.)
yaḥ mudrām vetti khecarīm
wer die Khecarī-Mudrā kennt (3.Sg.Präs.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 3,39; Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 54.

tataḥ pūrvāpare vyomni dvādaśānte 'cyutātmake | uḍḍyāṇa-pīṭhe nirdvandve nirālambe nirañjane ||43||

Dann [meditiere man] im vorderen und hinteren Raum, am „Ende der zwölf“ (dvādaśānta), das Acyutas Wesen ist, am Uḍḍyāṇa-Sitz, der frei von Gegensätzen, ohne Stütze und fleckenlos ist;

Wort für Wort
tataḥ
dann
pūrva-apare vyomni
im vorderen und hinteren Raum (Lok.Sg.)
dvādaśa-ante
am Zwölf-Ende (Lok.Sg.)
acyuta-ātmake
das Acyutas Wesen ist (Lok.Sg.)
uḍḍyāṇa-pīṭhe
am Uḍḍyāṇa-Sitz (Lok.Sg.)
nirdvandve
frei von Gegensätzen (Lok.Sg.)
nirālambe
ohne Stütze (Lok.Sg.)
nirañjane
fleckenlos (Lok.Sg.)

dvādaśānta: der Punkt zwölf Fingerbreit über dem Scheitel (bzw. über der Brauenmitte), Endpunkt des aufsteigenden Atems in der tantrischen Physiologie.

tataḥ paṅkaja-madhya-sthaṃ candra-maṇḍala-madhya-gam | nārāyaṇam anudhyāyet sravantam amṛtaṃ sadā ||44||

dann meditiere man über Nārāyaṇa, der inmitten des Lotos, inmitten der Mondscheibe weilt und beständig Nektar ausströmt.

Wort für Wort
tataḥ
dann
paṅkaja-madhya-stham
inmitten des Lotos weilend (Akk.Sg.)
candra-maṇḍala-madhya-gam
inmitten der Mondscheibe befindlich (Akk.Sg.)
nārāyaṇam anudhyāyet
soll über Nārāyaṇa meditieren (3.Sg.Opt.)
sravantam amṛtam
Nektar ausströmend (Akk.Sg.)
sadā
beständig

Vorlage: sravatam; zu sravantam berichtigt.

bhidyate hṛdaya-granthiś chidyante sarva-saṃśayāḥ | kṣīyante cāsya karmāṇi tasmin dṛṣṭe parāvare ||45||

Der Knoten des Herzens wird durchbrochen, alle Zweifel werden abgeschnitten, und seine Werke schwinden, wenn jener geschaut ist, der das Höhere und das Niedere ist.

Wort für Wort
bhidyate
wird durchbrochen (3.Sg.Pass.)
hṛdaya-granthiḥ
der Knoten des Herzens (Nom.Sg.)
chidyante
werden abgeschnitten (3.Pl.Pass.)
sarva-saṃśayāḥ
alle Zweifel (Nom.Pl.)
kṣīyante ca asya karmāṇi
und seine Werke schwinden (3.Pl.Pass.)
tasmin dṛṣṭe
wenn jener geschaut ist (Lok.abs.)
para-avare
der das Höhere und Niedere ist (Lok.Sg.)

Muṇḍaka-Upaniṣad 2,2,8. Vorlage: tasmidnṛṣṭe; zu tasmin dṛṣṭe berichtigt.

atha siddhiṃ pravakṣyāmi sukhopāyaṃ sureśvara | jitendriyāṇāṃ śāntānāṃ jita-śvāsa-vicetasām ||46||

Nun will ich die Vollendung darlegen, das leichte Mittel, o Herr der Götter, für die, die ihre Sinne besiegt haben, friedvoll sind und Atem und Denken bezwungen haben.

Wort für Wort
atha
nun
siddhim pravakṣyāmi
ich will die Vollendung darlegen (1.Sg.Fut.)
sukha-upāyam
das leichte Mittel (Akk.Sg.)
sura-īśvara
o Herr der Götter (Vok.)
jita-indriyāṇām
derer mit besiegten Sinnen (Gen.Pl.)
śāntānām
der Friedvollen (Gen.Pl.)
jita-śvāsa-vicetasām
derer, die Atem und Denken bezwungen haben (Gen.Pl.)

nāde mano-layaṃ brahman dūra-śravaṇa-kāraṇam | bindau mano-layaṃ kṛtvā dūra-darśanam āpnuyāt ||47||

Die Auflösung des Denkorgans im Klang, o Brahman, bewirkt das Fernhören; wer das Denkorgan im Bindu auflöst, erlangt das Fernsehen.

Wort für Wort
nāde
im Klang (Lok.Sg.)
manaḥ-layam
die Auflösung des Denkorgans (Nom./Akk.Sg.)
brahman
o Brahman (Vok.)
dūra-śravaṇa-kāraṇam
Ursache des Fernhörens (Nom.Sg.n.)
bindau
im Bindu (Lok.Sg.)
manaḥ-layam kṛtvā
die Auflösung des Denkorgans vollziehend (Absol.)
dūra-darśanam āpnuyāt
erlangt das Fernsehen (3.Sg.Opt.)

kālātmani mano līnaṃ tri-kāla-jñāna-kāraṇam | para-kāya-mano-yogaḥ para-kāya-praveśa-kṛt ||48||

Das in das Wesen der Zeit versenkte Denkorgan bewirkt das Wissen um die drei Zeiten; das Anjochen des Denkorgans an einen fremden Körper bewirkt das Eingehen in den fremden Körper.

Wort für Wort
kāla-ātmani
in das Wesen der Zeit (Lok.Sg.)
manaḥ līnam
das versenkte Denkorgan (Nom.Sg.n.)
tri-kāla-jñāna-kāraṇam
Ursache des Wissens der drei Zeiten (Nom.Sg.n.)
para-kāya-manaḥ-yogaḥ
das Anjochen des Denkorgans an einen fremden Körper (Nom.Sg.)
para-kāya-praveśa-kṛt
das Eingehen in einen fremden Körper bewirkend (Nom.Sg.)

amṛtaṃ cintayen mūrdhni kṣut-tṛṣā-viṣa-śāntaye | pṛthivyāṃ dhārayec cittaṃ pātāla-gamanaṃ bhavet ||49||

Man denke an den Nektar im Scheitel, um Hunger, Durst und Gift zu stillen. Hält man das Denken auf die Erde fixiert, so vermag man in die Unterwelt zu gehen;

Wort für Wort
amṛtam cintayet
soll an den Nektar denken (3.Sg.Opt.)
mūrdhni
im Scheitel (Lok.Sg.)
kṣut-tṛṣā-viṣa-śāntaye
zur Stillung von Hunger, Durst und Gift (Dat.Sg.)
pṛthivyām
auf die Erde (Lok.Sg.)
dhārayet cittam
soll das Denken fixieren (3.Sg.Opt.Kaus.)
pātāla-gamanam bhavet
Gehen in die Unterwelt wird [möglich] (3.Sg.Opt.)

Verse 49–54 beschreiben Dhāraṇās auf die fünf Elemente und auf Gottheiten mit ihren Siddhis; vgl. Yogatattva-Upaniṣad 85–98 und Gorakṣaśataka 74–79.

salile dhārayec cittaṃ nāmbhasā paribhūyate | agnau sandhārayec cittam agninā dahyate na saḥ ||50||

hält man das Denken auf das Wasser fixiert, wird man vom Wasser nicht überwältigt; hält man das Denken auf das Feuer fixiert, wird man vom Feuer nicht verbrannt;

Wort für Wort
salile
auf das Wasser (Lok.Sg.)
dhārayet cittam
soll das Denken fixieren (3.Sg.Opt.Kaus.)
na ambhasā paribhūyate
wird vom Wasser nicht überwältigt (3.Sg.Pass.)
agnau sandhārayet cittam
soll das Denken auf das Feuer fixieren (Lok.Sg.)
agninā dahyate na saḥ
er wird vom Feuer nicht verbrannt (3.Sg.Pass.)

vāyau mano-layaṃ kuryād ākāśa-gamanaṃ bhavet | ākāśe dhārayec cittam aṇimādikam āpnuyāt ||51||

löst man das Denkorgan im Wind auf, wird das Gehen durch die Luft möglich; hält man das Denken auf den Raum fixiert, erlangt man Aṇimā und die übrigen [Siddhis].

Wort für Wort
vāyau
im Wind (Lok.Sg.)
manaḥ-layam kuryāt
soll die Auflösung des Denkorgans vollziehen (3.Sg.Opt.)
ākāśa-gamanam bhavet
Gehen durch den Raum wird [möglich] (3.Sg.Opt.)
ākāśe dhārayet cittam
soll das Denken auf den Raum fixieren (Lok.Sg.)
aṇimā-ādikam āpnuyāt
erlangt Aṇimā usw. (3.Sg.Opt.)

virāḍ-rūpe mano yuñjan mahimānam avāpnuyāt | catur-mukhe mano yuñjañ jagat-sṛṣṭi-karo bhavet ||52||

Wer das Denkorgan an die Gestalt des Virāj (des Weltleibes) anjocht, erlangt Größe (mahiman); wer das Denkorgan an den Viergesichtigen [Brahmā] anjocht, wird zum Schöpfer der Welt.

Wort für Wort
virāj-rūpe
an die Virāj-Gestalt (Lok.Sg.)
manaḥ yuñjan
das Denkorgan anjochend (Part.Präs.)
mahimānam avāpnuyāt
erlangt Größe (3.Sg.Opt.)
catur-mukhe
an den Viergesichtigen (Lok.Sg.)
jagat-sṛṣṭi-karaḥ bhavet
wird Weltschöpfer (3.Sg.Opt.)

indra-rūpiṇam ātmānaṃ bhāvayan martya-bhogavān | viṣṇu-rūpe mahā-yogī pālayed akhilaṃ jagat ||53||

Wer sich selbst in Indras Gestalt vergegenwärtigt, genießt [alle] sterblichen Genüsse; in Viṣṇus Gestalt beschützt der große Yogin die ganze Welt;

Wort für Wort
indra-rūpiṇam ātmānam
sich selbst in Indra-Gestalt (Akk.Sg.)
bhāvayan
vergegenwärtigend (Part.Präs.Kaus.)
martya-bhogavān
sterbliche Genüsse besitzend (Nom.Sg.)
viṣṇu-rūpe
in Viṣṇu-Gestalt (Lok.Sg.)
mahā-yogī
der große Yogin (Nom.Sg.)
pālayet akhilam jagat
beschützt die ganze Welt (3.Sg.Opt.Kaus.)

rudra-rūpe mahā-yogī saṃharaty eva tejasā | nārāyaṇe mano yuñjan sarva-siddhim avāpnuyāt ||54||

in Rudras Gestalt zerstört der große Yogin durch seine Glut. Wer das Denkorgan an Nārāyaṇa anjocht, erlangt jede Vollendung.

Wort für Wort
rudra-rūpe
in Rudra-Gestalt (Lok.Sg.)
mahā-yogī
der große Yogin (Nom.Sg.)
saṃharati eva
zerstört (3.Sg.Präs.)
tejasā
durch die Glut (Instr.Sg.)
nārāyaṇe manaḥ yuñjan
das Denkorgan an Nārāyaṇa anjochend (Lok.Sg.; Part.Präs.)
sarva-siddhim avāpnuyāt
erlangt jede Vollendung (3.Sg.Opt.)

yathā saṃkalpayed yogī yoga-yukto jitendriyaḥ | tathā tat tad avāpnoti bhāva evātra kāraṇam ||55||

Was immer der Yogin, dem Yoga hingegeben und Herr seiner Sinne, sich vornimmt, das erlangt er jeweils; die innere Haltung (bhāva) allein ist hier die Ursache.

Wort für Wort
yathā saṃkalpayet
was immer er sich vornimmt (3.Sg.Opt.Kaus.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
yoga-yuktaḥ
dem Yoga hingegeben (Nom.Sg.)
jita-indriyaḥ
mit besiegten Sinnen (Nom.Sg.)
tathā tat tat avāpnoti
so erlangt er jeweils das (3.Sg.Präs.)
bhāvaḥ eva atra kāraṇam
die innere Haltung allein ist hier Ursache (Nom.Sg.)

gurur brahmā gurur viṣṇur gurur devaḥ sadācyutaḥ | na guror adhikaḥ kaścit triṣu lokeṣu vidyate ||56||

Der Lehrer ist Brahmā, der Lehrer ist Viṣṇu, der Lehrer ist der Gott, der stets unerschütterliche (Acyuta). Niemanden gibt es in den drei Welten, der größer wäre als der Lehrer.

Wort für Wort
guruḥ brahmā
der Lehrer ist Brahmā (Nom.Sg.)
guruḥ viṣṇuḥ
der Lehrer ist Viṣṇu (Nom.Sg.)
guruḥ devaḥ sadā acyutaḥ
der Lehrer ist der stets unerschütterliche Gott (Nom.Sg.)
na guroḥ adhikaḥ kaścit
niemand größer als der Lehrer (Abl.Sg.; Nom.Sg.)
triṣu lokeṣu vidyate
findet sich in den drei Welten (3.Sg.Pass.)

Vaiṣṇavische Fassung des berühmten Guru-Verses (gurur brahmā gurur viṣṇur gurur devo maheśvaraḥ) aus dem Guru-Gītā-Umkreis.

divya-jñānopadeṣṭāraṃ deśikaṃ parameśvaram | pūjayet parayā bhaktyā tasya jñāna-phalaṃ bhavet ||57||

Den Lehrmeister (deśika), der das göttliche Wissen unterweist, den höchsten Herrn, verehre man mit höchster Hingabe; dem wird die Frucht der Erkenntnis zuteil.

Wort für Wort
divya-jñāna-upadeṣṭāram
den Unterweiser im göttlichen Wissen (Akk.Sg.)
deśikam
den Lehrmeister (Akk.Sg.)
parama-īśvaram
den höchsten Herrn (Akk.Sg.)
pūjayet
verehre man (3.Sg.Opt.Kaus.)
parayā bhaktyā
mit höchster Hingabe (Instr.Sg.)
tasya jñāna-phalam bhavet
dem wird die Frucht der Erkenntnis (3.Sg.Opt.)

yathā gurus tathaiveśo yathaiveśas tathā guruḥ | pūjanīyo mahā-bhaktyā na bhedo vidyate 'nayoḥ ||58||

Wie der Lehrer, so ist der Herr; wie der Herr, so ist der Lehrer. Mit großer Hingabe ist er zu verehren; zwischen diesen beiden gibt es keinen Unterschied.

Wort für Wort
yathā guruḥ tathā eva īśaḥ
wie der Lehrer, so der Herr (Nom.Sg.)
yathā eva īśaḥ tathā guruḥ
wie der Herr, so der Lehrer (Nom.Sg.)
pūjanīyaḥ
ist zu verehren (Gerundiv)
mahā-bhaktyā
mit großer Hingabe (Instr.Sg.)
na bhedaḥ vidyate
es gibt keinen Unterschied (3.Sg.Pass.)
anayoḥ
zwischen diesen beiden (Gen.Du.)

nādvaita-vādaṃ kurvīta guruṇā saha kutracit | advaitaṃ bhāvayed bhaktyā guror devasya cātmanaḥ ||59||

Niemals führe man dem Lehrer gegenüber die Rede von der Nicht-Zweiheit [als Ausrede]; die Nicht-Zweiheit (advaita) von Lehrer, Gott und dem eigenen Selbst vergegenwärtige man [vielmehr] mit Hingabe.

Wort für Wort
na advaita-vādam kurvīta
man führe nicht die Rede von der Nicht-Zweiheit (3.Sg.Opt.Med.)
guruṇā saha
mit dem Lehrer (Instr.Sg.)
kutracit
irgendwo, jemals
advaitam bhāvayet
die Nicht-Zweiheit vergegenwärtige man (3.Sg.Opt.Kaus.)
bhaktyā
mit Hingabe (Instr.Sg.)
guroḥ devasya ca ātmanaḥ
von Lehrer, Gott und dem Selbst (Gen.Sg.)

Sinn: Der Schüler darf sich nicht unter Berufung auf die Einheit aller Dinge dem Lehrer gleichstellen; die Einheit ist in Hingabe zu verwirklichen, nicht zu behaupten.

yoga-śikhāṃ mahā-guhyaṃ yo jānāti mahā-matiḥ | na tasya kiṃcid ajñātaṃ triṣu lokeṣu vidyate ||60||

Wer als Hochverständiger die Krone des Yoga (yoga-śikhā), das große Geheimnis, kennt, dem bleibt in den drei Welten nichts unbekannt.

Wort für Wort
yoga-śikhām
die Krone des Yoga (Akk.Sg.)
mahā-guhyam
das große Geheimnis (Akk.Sg.)
yaḥ jānāti
wer kennt (3.Sg.Präs.)
mahā-matiḥ
der Hochverständige (Nom.Sg.)
na tasya kiṃcit ajñātam
nichts ist ihm unbekannt (Nom.Sg.n.)
triṣu lokeṣu vidyate
findet sich in den drei Welten (3.Sg.Pass.)

na puṇya-pāpe nāsvastho na duḥkhaṃ na parājayaḥ | na cāsti punar-āvṛttir asmin saṃsāra-maṇḍale ||61||

Nicht [treffen ihn] Verdienst und Schuld, nicht Unwohlsein, nicht Leid, nicht Niederlage; und es gibt für ihn keine Wiederkehr in diesen Kreis des Daseinskreislaufs.

Wort für Wort
na puṇya-pāpe
nicht Verdienst und Schuld (Nom.Du.)
na asvasthaḥ
nicht unwohl (Nom.Sg.)
na duḥkham
nicht Leid (Nom.Sg.)
na parājayaḥ
nicht Niederlage (Nom.Sg.)
na ca asti punar-āvṛttiḥ
und es gibt keine Wiederkehr (Nom.Sg.)
asmin saṃsāra-maṇḍale
in diesem Kreis des Saṃsāra (Lok.Sg.)

siddhau cittaṃ na kurvīta cañcalatvena cetasaḥ | tathā vijñāta-tattvo 'sau mukta eva na saṃśayaḥ ||62|| ity upaniṣat || iti pañcamo 'dhyāyaḥ ||5||

Auf die Vollkommenheiten (siddhi) richte man das Denken nicht, denn [sie kommen] aus der Unruhe des Geistes. Wer so die Wirklichkeit erkannt hat, ist wahrhaft befreit – daran ist kein Zweifel. – So [lautet] die Upaniṣad. So [endet] der fünfte Adhyāya.

Wort für Wort
siddhau
auf die Siddhi (Lok.Sg.)
cittam na kurvīta
richte man das Denken nicht (3.Sg.Opt.Med.)
cañcalatvena cetasaḥ
wegen der Unruhe des Geistes (Instr.Sg.; Gen.Sg.)
tathā
so
vijñāta-tattvaḥ asau
jener, der die Wirklichkeit erkannt hat (Nom.Sg.)
muktaḥ eva
wahrhaft befreit (Nom.Sg.)
na saṃśayaḥ
kein Zweifel
iti upaniṣat
so die Upaniṣad
iti pañcamaḥ adhyāyaḥ
so der fünfte Adhyāya

Kolophon der Vorlage: ityupaniṣat || iti pañcamo'dhyāyaḥ ||5||.

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