Adhyāya 5: pañcamo 'dhyāyaḥ – viṣṇv-ālaya-deha-nāḍī-cakra-pañcāgni-mudrā-dhāraṇā-nirūpaṇam
Fünfter Adhyāya: Der Leib als Viṣṇu-Tempel, Nāḍī-Rad, die fünf Feuer, Khecarī-Mudrā, Dhāraṇās und Guru-Verehrung (62 Verse)
Der fünfte Adhyāya nimmt die Beschreibung des Leibes als Tempel aus dem ersten Kapitel fast wörtlich wieder auf, jetzt jedoch in vaiṣṇavischer Färbung: Der Leib ist Viṣṇus Tempel, die Wohnstatt von Viṣṇu und Lakṣmī, und im Elementkreis des Windes und des Raumes herrschen Saṃkarṣaṇa und Nārāyaṇa statt Īśvara und Sadāśiva (Verse 2–15). Neu ist die Lehre vom „Rad der Kanäle“: Die zwölf Fingerbreit lange Suṣumnā gleicht einem an der Wurzel gespaltenen Bambus, Iḍā und Piṅgalā laufen zu ihren Seiten, die Vilambinī im Nabel ist der Ausgangspunkt eines Nāḍī-Systems mit den Kanälen Gāndhārī, Hastijihvā, Pūṣā, Alambusā, Śūrā, Viśvodarī, Sarasvatī, Rākā, Śaṅkhinī, Kuhū, Vāruṇī und Citrā/Sīvinī, die Speise, Wasser, Harn, Kot und Samen zugeordnet werden (Verse 16–27). Es folgt die Bindu-Lehre mit den drei Leibern des Brahman und den fünf Feuern – Kālāgni, Vaḍavāgni, das Feuer aus Holz und Stein, das Blitzfeuer und das Sonnenfeuer –, denen im Leib Nāda, Knochen, Verdauungsorgan, Herz und Nabel entsprechen; der Mond an der Gaumenwurzel regnet Nektar, den die Sonne im Nabel verzehrt (Verse 28–35). Der praktische Teil (Verse 36–45) lehrt Reinigung des Atemwegs, Mūla-, Uḍyāṇa- und Jālandhara-Bandha, die Khecarī-Mudrā mit ihren Verheißungen und die Meditation über Nārāyaṇa in der Mondscheibe. Die Verse 46–55 zählen die Siddhis auf, die aus Dhāraṇās auf Nāda, Bindu, Zeit, die fünf Elemente und die Götter entstehen; den Abschluss bildet ein Lob des Lehrers, der Brahmā, Viṣṇu und dem Gott selbst gleichgesetzt wird, und die Warnung, dem Lehrer gegenüber nicht mit der Nicht-Zweiheit zu argumentieren.
[Śiva sprach:] Wiederum will ich den Yoga verkünden, den geheimen, dessen Wesen Brahman ist. Werde gesammelten Sinnes und höre, o Brahman, der Reihe nach.
Der Leib ist eine Stadt mit zehn Toren, mit den zehn Kanälen als Hauptstraßen, von zehn Winden durchdrungen, mit den zehn Sinnen als Gefolge;
Wort für Wort
daśa-dvāra-puram deham
der Leib, eine Stadt mit zehn Toren (Akk.Sg.)
daśa-nāḍī-mahā-patham
mit den zehn Nāḍīs als Hauptwegen (Akk.Sg.)
daśabhiḥ vāyubhiḥ vyāptam
von zehn Winden durchdrungen (Akk.Sg.)
daśa-indriya-paricchadam
mit den zehn Sinnen als Gefolge (Akk.Sg.)
Die Verse 2–15 wiederholen 1,165–178, nun mit Viṣṇu als Hausherrn des Leibes (Vers 4) und den vaiṣṇavischen Gottheiten Saṃkarṣaṇa und Nārāyaṇa (Verse 14–15).
mit den sechs Stützpunkten als Innengemächern, mit den sechs Traditionen als großem Wald, übersät mit den vier heiligen Sitzen, erleuchtet von den vier Überlieferungen;
Wort für Wort
ṣaṭ-ādhāra-apavarakam
mit den sechs Ādhāras als Gemächern (Akk.Sg.)
ṣaṭ-anvaya-mahā-vanam
mit den sechs Traditionen als großem Wald (Akk.Sg.)
Wohnstatt von Bindu und Nāda, des großen Liṅga, von Viṣṇu und Lakṣmī – [so] wird der Leib ein Tempel Viṣṇus genannt, der allen Verkörperten Vollendung schenkt.
Wort für Wort
bindu-nāda-mahā-liṅga-viṣṇu-lakṣmī-niketanam
Wohnstatt von Bindu, Nāda, großem Liṅga, Viṣṇu und Lakṣmī (Akk.Sg.)
eben dies ist der heilige Sitz namens Kāmarūpa, der die Frucht der Wünsche verleiht. Das Cakra namens Svādhiṣṭhāna, sechseckig, [liegt] an der Wurzel des Gliedes;
Wort für Wort
tat etat
eben dies (Nom.Sg.n.)
kāmarūpa-ākhyam pīṭham
der Pīṭha namens Kāmarūpa (Nom.Sg.)
kāma-phala-pradam
die Frucht der Wünsche verleihend (Nom.Sg.n.)
svādhiṣṭhāna-āhvayam cakram
das Cakra namens Svādhiṣṭhāna (Nom.Sg.)
liṅga-mūle
an der Wurzel des Gliedes (Lok.Sg.)
ṣaṭ-asrakam
sechseckig (Nom.Sg.n.)
Vorlage: svādhiṣṭhānahvayaṃ; zu svādhiṣṭhānāhvayaṃ berichtigt.
Viereckig ist [der Bereich] der Erde und der übrigen [Elemente] zuerst; Brahmā ist dort die zugehörige Gottheit. Halbmondförmig ist das Wasser; Viṣṇu ist seine Gottheit.
Der Bereich des Raumes ist rund; der ehrwürdige Nārāyaṇa ist hier die Gottheit. Den Bereich des Denkorgans zwischen den Brauen kennt man als klanggestaltig.
Wort für Wort
ākāśa-maṇḍalam vṛttam
der Bereich des Raumes rund (Nom.Sg.)
śrīmat-nārāyaṇaḥ
der ehrwürdige Nārāyaṇa (Nom.Sg.)
atra adhidevatā
hier die Gottheit (Nom.Sg.)
nāda-rūpam
klanggestaltig (Akk.Sg.n.)
bhruvoḥ madhye
zwischen den Brauen (Lok.Sg.)
manasaḥ maṇḍalam viduḥ
den Bereich des Denkorgans kennen sie (3.Pl.Perf.)
Der erste Halbvers ist überzählig (hypermetrisch); in 1,178 steht sadāśivaḥ.
Dies ist dir als der Ort Śambhus beschrieben worden, o Lotosgeborener. Als Nächstes will ich die Bestimmung des Rades der Kanäle (nāḍī-cakra) darlegen.
Die Suṣumnā, die im Dreieck des Mūlādhāra wurzelt, ist zwölf Fingerbreit [lang]; sie gleicht einem Bambusrohr, das an der Wurzel zur Hälfte gespalten ist, und wird „Brahma-Kanal“ genannt.
Wort für Wort
mūla-ādhāra-tri-koṇa-sthā
im Dreieck des Mūlādhāra befindlich (Nom.Sg.f.)
suṣumnā
die Suṣumnā (Nom.Sg.)
dvādaśa-aṅgulā
zwölf Fingerbreit (Nom.Sg.f.)
mūla-ardha-chinna-vaṃśa-ābhā
einem an der Wurzel halb gespaltenen Bambus gleichend (Nom.Sg.f.)
Der Kanal namens Vilambinī ist deutlich [erkennbar] im Nabel gegründet; dort entspringen die Kanäle, die seitwärts, aufwärts und abwärts gerichtet sind.
viśvodarī tu yā nāḍī sā bhuṅkte 'nnaṃ catur-vidham | sarasvatī tu yā nāḍī sā jihvāntaṃ prasarpati ||23||
Der Kanal Viśvodarī verzehrt die vierfache Speise; der Kanal Sarasvatī zieht sich bis zur Zungenspitze hin.
Wort für Wort
viśvodarī tu yā nāḍī
der Kanal Viśvodarī (Nom.Sg.)
sā bhuṅkte
die verzehrt (3.Sg.Präs.Med.)
annam catur-vidham
die vierfache Speise (Akk.Sg.)
sarasvatī tu yā nāḍī
der Kanal Sarasvatī (Nom.Sg.)
sā jihvā-antam prasarpati
die zieht sich bis zur Zungenspitze (3.Sg.Präs.)
Die vierfache Speise: zu kauen, zu lecken, zu saugen, zu trinken. Die Nāḍī-Liste (Vilambinī, Śūrā, Viśvodarī, Sarasvatī, Rākā, Śaṅkhinī, Kuhū, Vāruṇī, Citrā/Sīvinī) folgt einem anderen System als die Zehnerliste des Gorakṣaśataka und der Yogacūḍāmaṇi 16–20.
Der Kanal namens Śaṅkhinī, der in der Kehlgrube entspringt und abwärts gerichtet ist, nimmt die Essenz der Speise auf und sammelt sie beständig im Scheitel.
Wort für Wort
kaṇṭha-kūpa-udbhavā nāḍī
der in der Kehlgrube entspringende Kanal (Nom.Sg.)
śaṅkhinī-ākhyā tu
Śaṅkhinī genannt (Nom.Sg.f.)
adhaḥ-mukhī
abwärts gerichtet (Nom.Sg.f.)
anna-sāram samādāya
die Essenz der Speise aufnehmend (Absol.)
mūrdhni
im Scheitel (Lok.Sg.)
saṃcinute sadā
sammelt beständig (3.Sg.Präs.Med.)
Vorlage: śaṅkhinākhyā; zu śaṅkhiny-ākhyā berichtigt.
und der Kanal Sīvinī, [auch] Citrā genannt, bewirkt die Entlassung des Samens. [So] ist das Rad der Kanäle beschrieben. Höre nun von der Gestalt des Bindu.
Grob, fein und höchst – dreifach ist der Leib des Brahman: Der grobe [Leib] ist der Bindu, der aus dem Weißen (Samen) besteht; der feine hat die Gestalt der fünf Feuer;
der höchste wird als mondhaft bezeichnet, der stete Zeuge, der stets Unerschütterliche (acyuta). Das Feuer der Weltzeit (kālāgni), das im untersten Bereich der Unterwelten gegründet ist –
sa mūlāgniḥ śarīre 'gnir yasmān nādaḥ prajāyate | vaḍavāgniḥ śarīra-stho hy asthi-madhye pravartate ||30||
das ist das Wurzelfeuer, das Feuer im Leib, aus dem der Klang entsteht. Das Feuer der Meeresstute (vaḍavāgni), das im Körper weilt, wirkt im Innern der Knochen.
Wort für Wort
saḥ mūla-agniḥ
das ist das Wurzelfeuer (Nom.Sg.)
śarīre agniḥ
das Feuer im Leib (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
yasmāt nādaḥ prajāyate
aus dem der Nāda entsteht (3.Sg.Präs.Med.)
vaḍavā-agniḥ
das Feuer der Meeresstute (Nom.Sg.)
śarīra-sthaḥ
im Körper weilend (Nom.Sg.)
hi asthi-madhye
im Innern der Knochen (Lok.Sg.)
pravartate
wirkt (3.Sg.Präs.Med.)
Vorlage: samūlāgniḥ; als sa mūlāgniḥ gelesen. Die fünf Feuer (Verse 29–33): Kālāgni, Vaḍavāgni, das aus Holz und Stein geborene Feuer, das Blitzfeuer und das Sonnenfeuer, mit ihren Entsprechungen im Leib.
Das Feuer von Holz und Stein wirkt [ebenfalls] im Innern der Knochen; das aus Holz und Stein geborene, irdische Feuer sitzt im Verdauungsorgan (grahaṇī).
Wort für Wort
kāṣṭha-pāṣāṇayoḥ vahniḥ
das Feuer von Holz und Stein (Gen.Du.; Nom.Sg.)
hi asthi-madhye pravartate
wirkt im Innern der Knochen (3.Sg.Präs.Med.)
kāṣṭha-pāṣāṇa-jaḥ vahniḥ
das aus Holz und Stein geborene Feuer (Nom.Sg.)
pārthivaḥ
irdisch (Nom.Sg.)
grahaṇī-gataḥ
im Verdauungsorgan befindlich (Nom.Sg.)
Vorlage: kāṣṭhapāṣaṇajo; zu kāṣṭha-pāṣāṇa-jo berichtigt. Die Wiederholung von asthi-madhye pravartate aus Vers 30 ist wohl eine Dittographie der Überlieferung.
Das Feuer im Luftraum, das Blitzfeuer, entspricht dem eigenen Inneren (dem Herzen); das Feuer am Himmel in Gestalt der Sonne hat seinen Sitz im Nabelkreis.
Diese Sonne regnet Gift; nach oben gewandt lässt sie Nektar fließen. Der Mond, der an der Gaumenwurzel steht, regnet Nektar (sudhā) nach unten.
Wort für Wort
viṣam varṣati
regnet Gift (3.Sg.Präs.)
sūryaḥ asau
diese Sonne (Nom.Sg.)
sravati amṛtam
lässt Nektar fließen (3.Sg.Präs.)
unmukhaḥ
nach oben gewandt (Nom.Sg.)
tālu-mūle sthitaḥ candraḥ
der an der Gaumenwurzel stehende Mond (Nom.Sg.)
sudhām varṣati
regnet Nektar (3.Sg.Präs.)
adhaḥ-mukhaḥ
nach unten gewandt (Nom.Sg.)
Die „Sonne“ im Nabel verzehrt sonst den vom „Mond“ am Gaumen herabtropfenden Nektar; die umgekehrten Techniken (Viparītakaraṇī, Khecarī, Vers 40–41) sollen dies verhindern.
etat pañcāgni-rūpaṃ yo bhāvayed buddhimān dhiyā | tena bhuktaṃ ca pītaṃ ca hutam eva na saṃśayaḥ ||35||
Wer als Verständiger diese Gestalt der fünf Feuer mit dem Geist vergegenwärtigt – was der isst und trinkt, ist wahrhaft [dem Feuer] geopfert, daran ist kein Zweifel.
Mit angenehm gepflegtem Schlaf und gut verdauter, maßvoller Nahrung soll man zuerst den Körper reinigen und dann eine bequeme Sitzhaltung (āsana) einnehmen;
Wort für Wort
sukha-saṃsevitam svapnam
angenehm gepflegten Schlaf (Akk.Sg.)
sujīrṇa-mita-bhojanam
gut verdaute, maßvolle Nahrung (Akk.Sg.)
śarīra-śuddhim kṛtvā
die Reinigung des Körpers vollziehend (Absol.)
ādau
zuerst (Lok.Sg.)
sukham āsanam
eine bequeme Sitzhaltung (Akk.Sg.)
āsthitaḥ
eingenommen habend (Nom.Sg.)
Nach dem ersten Halbvers steht in der Vorlage ein verstümmeltes Zeichen (।ज्।), ohne Textverlust.
man reinige den Weg des Lebensatems durch Ausatmen, Einatmen und Anhalten, ziehe den After mit Anstrengung zusammen und verehre so die Wurzelkraft (mūla-śakti).
Dann [meditiere man] im vorderen und hinteren Raum, am „Ende der zwölf“ (dvādaśānta), das Acyutas Wesen ist, am Uḍḍyāṇa-Sitz, der frei von Gegensätzen, ohne Stütze und fleckenlos ist;
Wort für Wort
tataḥ
dann
pūrva-apare vyomni
im vorderen und hinteren Raum (Lok.Sg.)
dvādaśa-ante
am Zwölf-Ende (Lok.Sg.)
acyuta-ātmake
das Acyutas Wesen ist (Lok.Sg.)
uḍḍyāṇa-pīṭhe
am Uḍḍyāṇa-Sitz (Lok.Sg.)
nirdvandve
frei von Gegensätzen (Lok.Sg.)
nirālambe
ohne Stütze (Lok.Sg.)
nirañjane
fleckenlos (Lok.Sg.)
dvādaśānta: der Punkt zwölf Fingerbreit über dem Scheitel (bzw. über der Brauenmitte), Endpunkt des aufsteigenden Atems in der tantrischen Physiologie.
Der Knoten des Herzens wird durchbrochen, alle Zweifel werden abgeschnitten, und seine Werke schwinden, wenn jener geschaut ist, der das Höhere und das Niedere ist.
Wort für Wort
bhidyate
wird durchbrochen (3.Sg.Pass.)
hṛdaya-granthiḥ
der Knoten des Herzens (Nom.Sg.)
chidyante
werden abgeschnitten (3.Pl.Pass.)
sarva-saṃśayāḥ
alle Zweifel (Nom.Pl.)
kṣīyante ca asya karmāṇi
und seine Werke schwinden (3.Pl.Pass.)
tasmin dṛṣṭe
wenn jener geschaut ist (Lok.abs.)
para-avare
der das Höhere und Niedere ist (Lok.Sg.)
Muṇḍaka-Upaniṣad 2,2,8. Vorlage: tasmidnṛṣṭe; zu tasmin dṛṣṭe berichtigt.
Nun will ich die Vollendung darlegen, das leichte Mittel, o Herr der Götter, für die, die ihre Sinne besiegt haben, friedvoll sind und Atem und Denken bezwungen haben.
Wort für Wort
atha
nun
siddhim pravakṣyāmi
ich will die Vollendung darlegen (1.Sg.Fut.)
sukha-upāyam
das leichte Mittel (Akk.Sg.)
sura-īśvara
o Herr der Götter (Vok.)
jita-indriyāṇām
derer mit besiegten Sinnen (Gen.Pl.)
śāntānām
der Friedvollen (Gen.Pl.)
jita-śvāsa-vicetasām
derer, die Atem und Denken bezwungen haben (Gen.Pl.)
kālātmani mano līnaṃ tri-kāla-jñāna-kāraṇam | para-kāya-mano-yogaḥ para-kāya-praveśa-kṛt ||48||
Das in das Wesen der Zeit versenkte Denkorgan bewirkt das Wissen um die drei Zeiten; das Anjochen des Denkorgans an einen fremden Körper bewirkt das Eingehen in den fremden Körper.
Wort für Wort
kāla-ātmani
in das Wesen der Zeit (Lok.Sg.)
manaḥ līnam
das versenkte Denkorgan (Nom.Sg.n.)
tri-kāla-jñāna-kāraṇam
Ursache des Wissens der drei Zeiten (Nom.Sg.n.)
para-kāya-manaḥ-yogaḥ
das Anjochen des Denkorgans an einen fremden Körper (Nom.Sg.)
para-kāya-praveśa-kṛt
das Eingehen in einen fremden Körper bewirkend (Nom.Sg.)
Man denke an den Nektar im Scheitel, um Hunger, Durst und Gift zu stillen. Hält man das Denken auf die Erde fixiert, so vermag man in die Unterwelt zu gehen;
Wort für Wort
amṛtam cintayet
soll an den Nektar denken (3.Sg.Opt.)
mūrdhni
im Scheitel (Lok.Sg.)
kṣut-tṛṣā-viṣa-śāntaye
zur Stillung von Hunger, Durst und Gift (Dat.Sg.)
pṛthivyām
auf die Erde (Lok.Sg.)
dhārayet cittam
soll das Denken fixieren (3.Sg.Opt.Kaus.)
pātāla-gamanam bhavet
Gehen in die Unterwelt wird [möglich] (3.Sg.Opt.)
Verse 49–54 beschreiben Dhāraṇās auf die fünf Elemente und auf Gottheiten mit ihren Siddhis; vgl. Yogatattva-Upaniṣad 85–98 und Gorakṣaśataka 74–79.
hält man das Denken auf das Wasser fixiert, wird man vom Wasser nicht überwältigt; hält man das Denken auf das Feuer fixiert, wird man vom Feuer nicht verbrannt;
löst man das Denkorgan im Wind auf, wird das Gehen durch die Luft möglich; hält man das Denken auf den Raum fixiert, erlangt man Aṇimā und die übrigen [Siddhis].
Wort für Wort
vāyau
im Wind (Lok.Sg.)
manaḥ-layam kuryāt
soll die Auflösung des Denkorgans vollziehen (3.Sg.Opt.)
virāḍ-rūpe mano yuñjan mahimānam avāpnuyāt | catur-mukhe mano yuñjañ jagat-sṛṣṭi-karo bhavet ||52||
Wer das Denkorgan an die Gestalt des Virāj (des Weltleibes) anjocht, erlangt Größe (mahiman); wer das Denkorgan an den Viergesichtigen [Brahmā] anjocht, wird zum Schöpfer der Welt.
yathā saṃkalpayed yogī yoga-yukto jitendriyaḥ | tathā tat tad avāpnoti bhāva evātra kāraṇam ||55||
Was immer der Yogin, dem Yoga hingegeben und Herr seiner Sinne, sich vornimmt, das erlangt er jeweils; die innere Haltung (bhāva) allein ist hier die Ursache.
Wort für Wort
yathā saṃkalpayet
was immer er sich vornimmt (3.Sg.Opt.Kaus.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
yoga-yuktaḥ
dem Yoga hingegeben (Nom.Sg.)
jita-indriyaḥ
mit besiegten Sinnen (Nom.Sg.)
tathā tat tat avāpnoti
so erlangt er jeweils das (3.Sg.Präs.)
bhāvaḥ eva atra kāraṇam
die innere Haltung allein ist hier Ursache (Nom.Sg.)
Der Lehrer ist Brahmā, der Lehrer ist Viṣṇu, der Lehrer ist der Gott, der stets unerschütterliche (Acyuta). Niemanden gibt es in den drei Welten, der größer wäre als der Lehrer.
Wort für Wort
guruḥ brahmā
der Lehrer ist Brahmā (Nom.Sg.)
guruḥ viṣṇuḥ
der Lehrer ist Viṣṇu (Nom.Sg.)
guruḥ devaḥ sadā acyutaḥ
der Lehrer ist der stets unerschütterliche Gott (Nom.Sg.)
na guroḥ adhikaḥ kaścit
niemand größer als der Lehrer (Abl.Sg.; Nom.Sg.)
triṣu lokeṣu vidyate
findet sich in den drei Welten (3.Sg.Pass.)
Vaiṣṇavische Fassung des berühmten Guru-Verses (gurur brahmā gurur viṣṇur gurur devo maheśvaraḥ) aus dem Guru-Gītā-Umkreis.
Den Lehrmeister (deśika), der das göttliche Wissen unterweist, den höchsten Herrn, verehre man mit höchster Hingabe; dem wird die Frucht der Erkenntnis zuteil.
Wie der Lehrer, so ist der Herr; wie der Herr, so ist der Lehrer. Mit großer Hingabe ist er zu verehren; zwischen diesen beiden gibt es keinen Unterschied.
Niemals führe man dem Lehrer gegenüber die Rede von der Nicht-Zweiheit [als Ausrede]; die Nicht-Zweiheit (advaita) von Lehrer, Gott und dem eigenen Selbst vergegenwärtige man [vielmehr] mit Hingabe.
Wort für Wort
na advaita-vādam kurvīta
man führe nicht die Rede von der Nicht-Zweiheit (3.Sg.Opt.Med.)
guruṇā saha
mit dem Lehrer (Instr.Sg.)
kutracit
irgendwo, jemals
advaitam bhāvayet
die Nicht-Zweiheit vergegenwärtige man (3.Sg.Opt.Kaus.)
bhaktyā
mit Hingabe (Instr.Sg.)
guroḥ devasya ca ātmanaḥ
von Lehrer, Gott und dem Selbst (Gen.Sg.)
Sinn: Der Schüler darf sich nicht unter Berufung auf die Einheit aller Dinge dem Lehrer gleichstellen; die Einheit ist in Hingabe zu verwirklichen, nicht zu behaupten.
na puṇya-pāpe nāsvastho na duḥkhaṃ na parājayaḥ | na cāsti punar-āvṛttir asmin saṃsāra-maṇḍale ||61||
Nicht [treffen ihn] Verdienst und Schuld, nicht Unwohlsein, nicht Leid, nicht Niederlage; und es gibt für ihn keine Wiederkehr in diesen Kreis des Daseinskreislaufs.
siddhau cittaṃ na kurvīta cañcalatvena cetasaḥ | tathā vijñāta-tattvo 'sau mukta eva na saṃśayaḥ ||62|| ity upaniṣat || iti pañcamo 'dhyāyaḥ ||5||
Auf die Vollkommenheiten (siddhi) richte man das Denken nicht, denn [sie kommen] aus der Unruhe des Geistes. Wer so die Wirklichkeit erkannt hat, ist wahrhaft befreit – daran ist kein Zweifel. – So [lautet] die Upaniṣad. So [endet] der fünfte Adhyāya.
Wort für Wort
siddhau
auf die Siddhi (Lok.Sg.)
cittam na kurvīta
richte man das Denken nicht (3.Sg.Opt.Med.)
cañcalatvena cetasaḥ
wegen der Unruhe des Geistes (Instr.Sg.; Gen.Sg.)
tathā
so
vijñāta-tattvaḥ asau
jener, der die Wirklichkeit erkannt hat (Nom.Sg.)
muktaḥ eva
wahrhaft befreit (Nom.Sg.)
na saṃśayaḥ
kein Zweifel
iti upaniṣat
so die Upaniṣad
iti pañcamaḥ adhyāyaḥ
so der fünfte Adhyāya
Kolophon der Vorlage: ityupaniṣat || iti pañcamo'dhyāyaḥ ||5||.