Adhyāya 3: tṛtīyo 'dhyāyaḥ – nāda-vāk-catuṣṭaya-parabrahma-nirūpaṇam
Dritter Adhyāya: Der Klang, die vier Stufen der Rede und das silbenlose Brahman (25 Verse)
Der dritte Adhyāya entwickelt eine Sprachmystik, die aus der Grammatikerphilosophie Bhartṛharis und der tantrischen Śākta-Lehre stammt. Das Unvergängliche (akṣara) ist der höchste Klang, das „Wort-Brahman“; aus der Śakti im Mūlādhāra, die als Bindu die höchste Redestufe (parā) darstellt, entsteht der Klang wie der Keim aus dem Samen – die „Schauende“ (paśyantī); im Herzen wird er als „Mittlere“ (madhyamā) zu einem donnerähnlichen Dröhnen; durch den Atem und das Anschlagen an Gaumen und Zähne wird er zur „Ausgesprochenen“ (vaikharī), aus der die Laute von a bis kṣa, Wörter, Sätze, Mantras, Veden, Purāṇas, Dichtungen, Sprachen und die sieben Töne hervorgehen. Diese Rede ist die Göttin Sarasvatī; wer sie im eigenen Selbst schaut, erlangt Vollendung der Rede und wird selbst zum Schöpfer von Veden und Śāstras. Der zweite Teil (Verse 11–23) beschreibt den Ort, an dem Bindu, Nāda, Winde, Sinne und Denkorgan sich auflösen, mit Zitaten aus der Bhagavadgītā (6,20–23) und einer langen Reihe negativer Prädikate des Brahman im Stil der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad: nicht grob, nicht fein, ohne Klang und Berührung, das Licht der Lichter jenseits der Finsternis. Zugang zu ihm gewährt allein die meditative Vergegenwärtigung (bhāvanā) in Hingabe; wer Śivas gedenkt, gewinnt Allwissenheit und unbegrenzte Macht.
yan namasyaṃ cid-ākhyātaṃ yat siddhīnāṃ ca kāraṇam | yena vijñāta-mātreṇa janma-bandhāt pramucyate ||1||
[Śiva sprach:] Was zu verehren ist und „Bewusstsein“ (cit) genannt wird, was die Ursache der Vollkommenheiten ist, durch dessen bloßes Erkennen man von der Fessel der Geburt befreit wird –
das Unvergängliche (akṣara), der höchste Klang, wird „Wort-Brahman“ (śabda-brahman) genannt. Die im Mūlādhāra weilende Kraft, die ihre eigene Stütze ist, hat die Gestalt des Bindu;
Wort für Wort
akṣaram
das Unvergängliche, die Silbe (Nom.Sg.)
paramaḥ nādaḥ
der höchste Klang (Nom.Sg.)
śabda-brahma iti kathyate
wird Wort-Brahman genannt (3.Sg.Pass.)
mūla-ādhāra-gatā
im Mūlādhāra befindlich (Nom.Sg.f.)
śaktiḥ
die Kraft (Nom.Sg.)
sva-ādhārā
sich selbst als Stütze habend (Nom.Sg.f.)
bindu-rūpiṇī
in Bindu-Gestalt (Nom.Sg.f.)
Die Verse 2–8 lehren die vier Stufen der Rede: parā (hier: bindu-rūpiṇī śakti), paśyantī, madhyamā, vaikharī – die Sprachphilosophie Bhartṛharis und der tantrischen Tradition.
Im Herzen wird ein Dröhnen vernehmbar, dem Grollen einer Gewitterwolke gleich. Die [Rede], die dort weilt, o Herr der Götter, wird die „Mittlere“ (madhyamā) genannt.
prāṇena ca svarākhyena prathitā vaikharī punaḥ | śākhā-pallava-rūpeṇa tālv-ādi-sthāna-ghaṭṭanāt ||5||
Durch den Lebensatem, der „Laut“ (svara) heißt, entfaltet sich ferner die „Ausgesprochene“ (vaikharī), in Gestalt von Zweigen und Blättern, durch das Anschlagen an die Artikulationsstellen wie den Gaumen:
Wort für Wort
prāṇena ca
und durch den Prāṇa (Instr.Sg.)
svara-ākhyena
„Laut“ genannt (Instr.Sg.)
prathitā
ausgebreitet, entfaltet (Nom.Sg.f.)
vaikharī punaḥ
ferner die Vaikharī (Nom.Sg.)
śākhā-pallava-rūpeṇa
in Gestalt von Zweigen und Blättern (Instr.Sg.)
tālu-ādi-sthāna-ghaṭṭanāt
durch das Anschlagen an Gaumen und andere Stellen (Abl.Sg.)
Vom Wind, der mit dem Feuer verbunden ist, ganz allmählich angetrieben, besteht sie so beständig in den Wörtern und Sätzen, die ihre Erscheinungsformen (vivarta) sind.
Wort für Wort
vāyunā
vom Wind (Instr.Sg.)
vahni-yuktena
mit Feuer verbunden (Instr.Sg.)
preryamāṇā
angetrieben (Nom.Sg.f.)
śanaiḥ śanaiḥ
ganz allmählich
tat-vivarta-padaiḥ vākyaiḥ
in Wörtern und Sätzen, ihren Erscheinungsformen (Instr.Pl.)
jenes äußerste Glück, das nur vom Intellekt (buddhi) erfasst wird und über die Sinne hinausgeht – dies, das über Vergängliches (kṣara) und Unvergängliches (akṣara) hinausgeht, wird das „Silbenlose“ (anakṣara) genannt.
Wort für Wort
sukham ātyantikam
das äußerste Glück (Nom.Sg.)
yat tat
welches jenes (Nom.Sg.n.)
buddhi-grāhyam
vom Intellekt zu erfassen (Nom.Sg.n.)
atīndriyam
übersinnlich (Nom.Sg.n.)
etat
dies (Nom.Sg.n.)
kṣara-akṣara-atītam
über Vergängliches und Unvergängliches hinaus (Nom.Sg.n.)
Das Vergängliche sind alle Wesen; das Unvergängliche heißt das Faden-Selbst (sūtrātman). Das Unvergängliche, das höchste Brahman, ist ohne Unterschiede und fleckenlos,
Wort für Wort
kṣaraḥ
das Vergängliche (Nom.Sg.)
sarvāṇi bhūtāni
alle Wesen (Nom.Pl.)
sūtra-ātmā
das Faden-Selbst (Nom.Sg.)
akṣaraḥ ucyate
heißt das Unvergängliche (3.Sg.Pass.)
akṣaram
das Unvergängliche (Nom.Sg.n.)
paramam brahma
das höchste Brahman (Nom.Sg.)
nirviśeṣam
ohne Unterschiede (Nom.Sg.n.)
nirañjanam
fleckenlos (Nom.Sg.n.)
Vgl. Bhagavadgītā 15,16: kṣaraḥ sarvāṇi bhūtāni kūṭastho 'kṣara ucyate. Der Text ersetzt kūṭastha durch sūtrātman (Hiraṇyagarbha als Weltseele).
nicht grob, nicht fein, nicht kurz, nicht lang, ungeboren, unvergänglich, ohne Klang, ohne Berührung und Gestalt, ohne Auge, Ohr und Namen,
Wort für Wort
asthūlam
nicht grob (Nom.Sg.n.)
anaṇu
nicht fein (Nom.Sg.n.)
hrasvam
kurz [gemeint: nicht kurz] (Nom.Sg.n.)
adīrgham
nicht lang (Nom.Sg.n.)
ajam
ungeboren (Nom.Sg.n.)
avyayam
unvergänglich (Nom.Sg.n.)
aśabdam
ohne Klang (Nom.Sg.n.)
asparśa-rūpam
ohne Berührung und Gestalt (Nom.Sg.n.)
acakṣuḥ-śrotra-nāmakam
ohne Auge, Ohr und Namen (Nom.Sg.n.)
Vorlage: anaṇuhrasvam („nicht fein-kurz“); als anaṇu hrasvam gelesen, wobei a-hrasvam („nicht kurz“) durch Sandhi-Kürzung entstellt sein dürfte. Vgl. Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 3,8,8.
allwissend, alldurchdringend, still, im Herzen aller weilend; leicht zu erfahren durch die Lehre des Meisters, sehr schwer zu begreifen für die Unverständigen,
ohne Teile, ohne Eigenschaften (guṇa), still, wandellos, ohne Anhalt, unbefleckbar, unzerstörbar, unwandelbar auf der Höhe stehend (kūṭa-stha), unbewegt, fest;
jyotiṣām api taj jyotis tamaḥ-pāre pratiṣṭhitam | bhāvābhāva-vinirmuktaṃ bhāvanā-mātra-gocaram ||22||
es ist das Licht der Lichter, jenseits der Finsternis gegründet, befreit von Sein und Nichtsein, allein durch die [meditative] Vergegenwärtigung (bhāvanā) erreichbar.
Wort für Wort
jyotiṣām api tat jyotiḥ
das Licht selbst der Lichter (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
tamaḥ-pāre
jenseits der Finsternis (Lok.Sg.)
pratiṣṭhitam
gegründet (Nom.Sg.n.)
bhāva-abhāva-vinirmuktam
befreit von Sein und Nichtsein (Nom.Sg.n.)
bhāvanā-mātra-gocaram
allein durch Vergegenwärtigung erreichbar (Nom.Sg.n.)
Durch Hingabe (bhakti) mit nach innen versunkenem Geist ist die höchste Wirklichkeit erreichbar. Allein die Vergegenwärtigung ist hier die Ursache, o Lotosgeborener.
Wie die Vorstellung (bhāvanā) für die Menschen die Ursache ist, einen anderen Leib zu erlangen, [und] wie bei einem Menschen, der über ein Sinnesobjekt sinnt, das Denkorgan sich am Objekt ergötzt,
Wort für Wort
yathā
wie
deha-antara-prāpteḥ
der Erlangung eines anderen Leibes (Gen.Sg.)
kāraṇam
die Ursache (Nom.Sg.)
bhāvanā
die Vorstellung (Nom.Sg.)
nṛṇām
der Menschen (Gen.Pl.)
viṣayam dhyāyataḥ puṃsaḥ
des über ein Objekt sinnenden Menschen (Gen.Sg.)
viṣaye ramate manaḥ
das Denkorgan ergötzt sich am Objekt (3.Sg.Präs.Med.)
so löst sich das Denken dessen, der meiner gedenkt, hier in mir allein auf. Allwissenheit, höchste Herrschaft, Besitz aller Kräfte in Fülle und der Besitz unendlicher Macht entstehen aus dem Gedenken an mich. – So [endet] der dritte Adhyāya.
Wort für Wort
mām anusmarataḥ
dessen, der meiner gedenkt (Gen.Sg.)
cittam
das Denken (Nom.Sg.)
mayi eva atra vilīyate
löst sich hier in mir allein auf (3.Sg.Präs.Med.)
sarva-jñatvam
Allwissenheit (Nom.Sg.)
para-īśatvam
höchste Herrschaft (Nom.Sg.)
sarva-sampūrṇa-śaktitā
Besitz aller Kräfte in Fülle (Nom.Sg.)
ananta-śaktimattvam ca
und Besitz unendlicher Macht (Nom.Sg.)
mat-anusmaraṇāt bhavet
entsteht aus dem Gedenken an mich (3.Sg.Opt.)
iti tṛtīyaḥ adhyāyaḥ
so der dritte Adhyāya
Dreizeiliger Vers. Kolophon der Vorlage: iti || iti tṛtīyo'dhyāyaḥ ||3||.