Quellen der Menschheit

Yogaśikhā-Upaniṣad

Adhyāya 3: tṛtīyo 'dhyāyaḥ – nāda-vāk-catuṣṭaya-parabrahma-nirūpaṇam Dritter Adhyāya: Der Klang, die vier Stufen der Rede und das silbenlose Brahman (25 Verse)

Der dritte Adhyāya entwickelt eine Sprachmystik, die aus der Grammatikerphilosophie Bhartṛharis und der tantrischen Śākta-Lehre stammt. Das Unvergängliche (akṣara) ist der höchste Klang, das „Wort-Brahman“; aus der Śakti im Mūlādhāra, die als Bindu die höchste Redestufe (parā) darstellt, entsteht der Klang wie der Keim aus dem Samen – die „Schauende“ (paśyantī); im Herzen wird er als „Mittlere“ (madhyamā) zu einem donnerähnlichen Dröhnen; durch den Atem und das Anschlagen an Gaumen und Zähne wird er zur „Ausgesprochenen“ (vaikharī), aus der die Laute von a bis kṣa, Wörter, Sätze, Mantras, Veden, Purāṇas, Dichtungen, Sprachen und die sieben Töne hervorgehen. Diese Rede ist die Göttin Sarasvatī; wer sie im eigenen Selbst schaut, erlangt Vollendung der Rede und wird selbst zum Schöpfer von Veden und Śāstras. Der zweite Teil (Verse 11–23) beschreibt den Ort, an dem Bindu, Nāda, Winde, Sinne und Denkorgan sich auflösen, mit Zitaten aus der Bhagavadgītā (6,20–23) und einer langen Reihe negativer Prädikate des Brahman im Stil der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad: nicht grob, nicht fein, ohne Klang und Berührung, das Licht der Lichter jenseits der Finsternis. Zugang zu ihm gewährt allein die meditative Vergegenwärtigung (bhāvanā) in Hingabe; wer Śivas gedenkt, gewinnt Allwissenheit und unbegrenzte Macht.

yan namasyaṃ cid-ākhyātaṃ yat siddhīnāṃ ca kāraṇam | yena vijñāta-mātreṇa janma-bandhāt pramucyate ||1||

[Śiva sprach:] Was zu verehren ist und „Bewusstsein“ (cit) genannt wird, was die Ursache der Vollkommenheiten ist, durch dessen bloßes Erkennen man von der Fessel der Geburt befreit wird –

Wort für Wort
yat namasyam
was zu verehren ist (Nom.Sg.n.)
cit-ākhyātam
„Bewusstsein“ genannt (Nom.Sg.n.)
yat siddhīnām ca kāraṇam
und was Ursache der Siddhis ist (Nom.Sg.)
yena vijñāta-mātreṇa
durch dessen bloßes Erkanntsein (Instr.Sg.)
janma-bandhāt
von der Fessel der Geburt (Abl.Sg.)
pramucyate
man wird befreit (3.Sg.Pass.)

akṣaraṃ paramo nādaḥ śabda-brahmeti kathyate | mūlādhāra-gatā śaktiḥ svādhārā bindu-rūpiṇī ||2||

das Unvergängliche (akṣara), der höchste Klang, wird „Wort-Brahman“ (śabda-brahman) genannt. Die im Mūlādhāra weilende Kraft, die ihre eigene Stütze ist, hat die Gestalt des Bindu;

Wort für Wort
akṣaram
das Unvergängliche, die Silbe (Nom.Sg.)
paramaḥ nādaḥ
der höchste Klang (Nom.Sg.)
śabda-brahma iti kathyate
wird Wort-Brahman genannt (3.Sg.Pass.)
mūla-ādhāra-gatā
im Mūlādhāra befindlich (Nom.Sg.f.)
śaktiḥ
die Kraft (Nom.Sg.)
sva-ādhārā
sich selbst als Stütze habend (Nom.Sg.f.)
bindu-rūpiṇī
in Bindu-Gestalt (Nom.Sg.f.)

Die Verse 2–8 lehren die vier Stufen der Rede: parā (hier: bindu-rūpiṇī śakti), paśyantī, madhyamā, vaikharī – die Sprachphilosophie Bhartṛharis und der tantrischen Tradition.

tasyām utpadyate nādaḥ sūkṣma-bījād ivāṅkuraḥ | tāṃ paśyantīṃ vidur viśvaṃ yayā paśyanti yoginaḥ ||3||

in ihr entsteht der Klang wie aus einem feinen Samen der Keim. Diese kennt man als die „Schauende“ (paśyantī), durch die die Yogins das All schauen.

Wort für Wort
tasyām
in ihr (Lok.Sg.f.)
utpadyate nādaḥ
entsteht der Klang (3.Sg.Präs.Med.)
sūkṣma-bījāt iva
wie aus feinem Samen (Abl.Sg.)
aṅkuraḥ
der Keim (Nom.Sg.)
tām
diese (Akk.Sg.f.)
paśyantīm viduḥ
kennen sie als Paśyantī (3.Pl.Perf.)
viśvam
das All (Akk.Sg.)
yayā paśyanti yoginaḥ
durch die die Yogins schauen (3.Pl.Präs.)

hṛdaye vyajyate ghoṣo garjat-parjanya-saṃnibhaḥ | tatra sthitā sureśāna madhyamety abhidhīyate ||4||

Im Herzen wird ein Dröhnen vernehmbar, dem Grollen einer Gewitterwolke gleich. Die [Rede], die dort weilt, o Herr der Götter, wird die „Mittlere“ (madhyamā) genannt.

Wort für Wort
hṛdaye
im Herzen (Lok.Sg.)
vyajyate
wird kundbar (3.Sg.Pass.)
ghoṣaḥ
ein Dröhnen (Nom.Sg.)
garjat-parjanya-saṃnibhaḥ
einer grollenden Gewitterwolke gleich (Nom.Sg.)
tatra sthitā
dort weilend (Nom.Sg.f.)
sura-īśāna
o Herr der Götter (Vok.)
madhyamā iti abhidhīyate
wird „Madhyamā“ genannt (3.Sg.Pass.)

prāṇena ca svarākhyena prathitā vaikharī punaḥ | śākhā-pallava-rūpeṇa tālv-ādi-sthāna-ghaṭṭanāt ||5||

Durch den Lebensatem, der „Laut“ (svara) heißt, entfaltet sich ferner die „Ausgesprochene“ (vaikharī), in Gestalt von Zweigen und Blättern, durch das Anschlagen an die Artikulationsstellen wie den Gaumen:

Wort für Wort
prāṇena ca
und durch den Prāṇa (Instr.Sg.)
svara-ākhyena
„Laut“ genannt (Instr.Sg.)
prathitā
ausgebreitet, entfaltet (Nom.Sg.f.)
vaikharī punaḥ
ferner die Vaikharī (Nom.Sg.)
śākhā-pallava-rūpeṇa
in Gestalt von Zweigen und Blättern (Instr.Sg.)
tālu-ādi-sthāna-ghaṭṭanāt
durch das Anschlagen an Gaumen und andere Stellen (Abl.Sg.)

a-kārādi-kṣa-kārāntāny akṣarāṇi samīrayet | akṣarebhyaḥ padāni syuḥ padebhyo vākya-saṃbhavaḥ ||6||

sie bringt die Laute von a bis kṣa hervor. Aus den Lauten entstehen die Wörter, aus den Wörtern der Satz.

Wort für Wort
a-kāra-ādi-kṣa-kāra-antāni
mit a beginnend, mit kṣa endend (Akk.Pl.n.)
akṣarāṇi
die Laute, Silben (Akk.Pl.)
samīrayet
sie bringt hervor (3.Sg.Opt.Kaus.)
akṣarebhyaḥ
aus den Lauten (Abl.Pl.)
padāni syuḥ
entstehen die Wörter (3.Pl.Opt.)
padebhyaḥ
aus den Wörtern (Abl.Pl.)
vākya-saṃbhavaḥ
die Entstehung des Satzes (Nom.Sg.)

sarve vākyātmakā mantrā veda-śāstrāṇi kṛtsnaśaḥ | purāṇāni ca kāvyāni bhāṣāś ca vividhā api ||7||

Alle Mantras bestehen aus Sätzen, ebenso die Veden und Lehrschriften insgesamt, die Purāṇas, die Dichtungen und auch die verschiedenen Sprachen,

Wort für Wort
sarve mantrāḥ
alle Mantras (Nom.Pl.)
vākya-ātmakāḥ
aus Sätzen bestehend (Nom.Pl.)
veda-śāstrāṇi
Veden und Śāstras (Nom.Pl.)
kṛtsnaśaḥ
insgesamt
purāṇāni ca
und die Purāṇas (Nom.Pl.)
kāvyāni
die Dichtungen (Nom.Pl.)
bhāṣāḥ ca vividhāḥ api
und auch die verschiedenen Sprachen (Nom.Pl.)

sapta-svarāś ca gāthāś ca sarve nāda-samudbhavāḥ | eṣā sarasvatī devī sarva-bhūta-guhāśrayā ||8||

die sieben Töne und die Lieder – alle entstammen dem Klang. Dies ist die Göttin Sarasvatī, die in der Herzenshöhle aller Wesen wohnt.

Wort für Wort
sapta-svarāḥ ca
und die sieben Töne (Nom.Pl.)
gāthāḥ ca
und die Lieder (Nom.Pl.)
sarve
alle (Nom.Pl.)
nāda-samudbhavāḥ
dem Klang entstammend (Nom.Pl.)
eṣā
diese (Nom.Sg.f.)
sarasvatī devī
die Göttin Sarasvatī (Nom.Sg.)
sarva-bhūta-guhā-āśrayā
in der Höhle aller Wesen wohnend (Nom.Sg.f.)

vāyunā vahni-yuktena preryamāṇā śanaiḥ śanaiḥ | tad-vivarta-padair vākyair ity evaṃ vartate sadā ||9||

Vom Wind, der mit dem Feuer verbunden ist, ganz allmählich angetrieben, besteht sie so beständig in den Wörtern und Sätzen, die ihre Erscheinungsformen (vivarta) sind.

Wort für Wort
vāyunā
vom Wind (Instr.Sg.)
vahni-yuktena
mit Feuer verbunden (Instr.Sg.)
preryamāṇā
angetrieben (Nom.Sg.f.)
śanaiḥ śanaiḥ
ganz allmählich
tat-vivarta-padaiḥ vākyaiḥ
in Wörtern und Sätzen, ihren Erscheinungsformen (Instr.Pl.)
iti evam
so, auf diese Weise
vartate sadā
besteht beständig (3.Sg.Präs.Med.)

ya imāṃ vaikharīṃ śaktiṃ yogī svātmani paśyati | sa vāk-siddhim avāpnoti sarasvatyāḥ prasādataḥ ||10||

Der Yogin, der diese Vaikharī-Kraft im eigenen Selbst schaut, erlangt durch die Gnade Sarasvatīs die Vollendung der Rede (vāk-siddhi);

Wort für Wort
yaḥ
wer (Nom.Sg.)
imām vaikharīm śaktim
diese Vaikharī-Kraft (Akk.Sg.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
sva-ātmani paśyati
im eigenen Selbst schaut (3.Sg.Präs.)
saḥ vāk-siddhim avāpnoti
der erlangt die Vollendung der Rede (3.Sg.Präs.)
sarasvatyāḥ prasādataḥ
durch die Gnade Sarasvatīs (Abl.)

Vorlage: vaikharī śaktiṃ; zu vaikharīṃ śaktiṃ berichtigt.

veda-śāstra-purāṇānāṃ svayaṃ kartā bhaviṣyati | yatra binduś ca nādaś ca soma-sūryāgni-vāyavaḥ ||11||

er wird selbst zum Verfasser von Veden, Lehrschriften und Purāṇas. Wo Bindu und Nāda, Mond, Sonne, Feuer und Wind

Wort für Wort
veda-śāstra-purāṇānām
von Veden, Śāstras und Purāṇas (Gen.Pl.)
svayam kartā
selbst Verfasser (Nom.Sg.)
bhaviṣyati
wird sein (3.Sg.Fut.)
yatra
wo
binduḥ ca nādaḥ ca
Bindu und Nāda (Nom.Sg.)
soma-sūrya-agni-vāyavaḥ
Mond, Sonne, Feuer und Wind (Nom.Pl.)

indriyāṇi ca sarvāṇi layaṃ gacchanti suvrata | vāyavo yatra līyante mano yatra vilīyate ||12||

und alle Sinne in die Auflösung eingehen, o Frommer, wo die Winde sich auflösen, wo das Denkorgan vergeht,

Wort für Wort
indriyāṇi ca sarvāṇi
und alle Sinne (Nom.Pl.)
layam gacchanti
gehen in Auflösung (3.Pl.Präs.)
suvrata
o Frommer, du mit gutem Gelübde (Vok.)
vāyavaḥ yatra līyante
wo die Winde sich auflösen (3.Pl.Präs.Med.)
manaḥ yatra vilīyate
wo das Denkorgan vergeht (3.Sg.Präs.Med.)

yaṃ labdhvā cāparaṃ lābhaṃ manyate nādhikaṃ tataḥ | yasmin sthito na duḥkhena guruṇāpi vicālyate ||13||

was erlangt habend man keinen anderen Gewinn für höher hält als dieses, worin stehend man selbst durch schweres Leid nicht erschüttert wird,

Wort für Wort
yam labdhvā
was erlangt habend (Absol.)
ca aparam lābham
und einen anderen Gewinn (Akk.Sg.)
manyate na adhikam
hält nicht für höher (3.Sg.Präs.Med.)
tataḥ
als dieses (Abl.)
yasmin sthitaḥ
worin stehend (Lok.Sg.)
na duḥkhena guruṇā api
nicht einmal durch schweres Leid (Instr.Sg.)
vicālyate
wird erschüttert (3.Sg.Pass.)

Verse 13–15 zitieren Bhagavadgītā 6,20–23 (mit Umstellungen).

yatroparamate cittaṃ niruddhaṃ yoga-sevayā | yatra caivātmanātmānaṃ paśyann ātmani tuṣyati ||14||

wo das Denken, durch die Pflege des Yoga gehemmt, zur Ruhe kommt, und wo man, das Selbst durch das Selbst schauend, im Selbst Genüge findet;

Wort für Wort
yatra
wo
uparamate
kommt zur Ruhe (3.Sg.Präs.Med.)
cittam
das Denken (Nom.Sg.)
niruddham
gehemmt (Nom.Sg.n.)
yoga-sevayā
durch die Pflege des Yoga (Instr.Sg.)
yatra ca eva
und wo eben
ātmanā ātmānam paśyan
das Selbst durch das Selbst schauend (Part.Präs.)
ātmani tuṣyati
findet im Selbst Genüge (3.Sg.Präs.)

sukham ātyantikaṃ yat tad buddhi-grāhyam atīndriyam | etat kṣarākṣarātītam anakṣaram itīryate ||15||

jenes äußerste Glück, das nur vom Intellekt (buddhi) erfasst wird und über die Sinne hinausgeht – dies, das über Vergängliches (kṣara) und Unvergängliches (akṣara) hinausgeht, wird das „Silbenlose“ (anakṣara) genannt.

Wort für Wort
sukham ātyantikam
das äußerste Glück (Nom.Sg.)
yat tat
welches jenes (Nom.Sg.n.)
buddhi-grāhyam
vom Intellekt zu erfassen (Nom.Sg.n.)
atīndriyam
übersinnlich (Nom.Sg.n.)
etat
dies (Nom.Sg.n.)
kṣara-akṣara-atītam
über Vergängliches und Unvergängliches hinaus (Nom.Sg.n.)
anakṣaram iti
„silbenlos“ – so
īryate
wird genannt (3.Sg.Pass.)

kṣaraḥ sarvāṇi bhūtāni sūtrātmākṣara ucyate | akṣaraṃ paramaṃ brahma nirviśeṣaṃ nirañjanam ||16||

Das Vergängliche sind alle Wesen; das Unvergängliche heißt das Faden-Selbst (sūtrātman). Das Unvergängliche, das höchste Brahman, ist ohne Unterschiede und fleckenlos,

Wort für Wort
kṣaraḥ
das Vergängliche (Nom.Sg.)
sarvāṇi bhūtāni
alle Wesen (Nom.Pl.)
sūtra-ātmā
das Faden-Selbst (Nom.Sg.)
akṣaraḥ ucyate
heißt das Unvergängliche (3.Sg.Pass.)
akṣaram
das Unvergängliche (Nom.Sg.n.)
paramam brahma
das höchste Brahman (Nom.Sg.)
nirviśeṣam
ohne Unterschiede (Nom.Sg.n.)
nirañjanam
fleckenlos (Nom.Sg.n.)

Vgl. Bhagavadgītā 15,16: kṣaraḥ sarvāṇi bhūtāni kūṭastho 'kṣara ucyate. Der Text ersetzt kūṭastha durch sūtrātman (Hiraṇyagarbha als Weltseele).

alakṣaṇam alakṣaṃ tad apratarkyam anūpamam | apāra-pāram acchedyam acintyam ati-nirmalam ||17||

ohne Merkmale, unbezeichenbar, unerdenklich, unvergleichlich, das jenseitige Ufer des Uferlosen, unzerteilbar, undenkbar, überaus makellos,

Wort für Wort
alakṣaṇam
ohne Merkmale (Nom.Sg.n.)
alakṣam
unbezeichenbar, unbemerkbar (Nom.Sg.n.)
tat
jenes (Nom.Sg.n.)
apratarkyam
unerdenklich (Nom.Sg.n.)
anūpamam
unvergleichlich (Nom.Sg.n.)
apāra-pāram
Ufer des Uferlosen (Nom.Sg.n.)
acchedyam
unzerteilbar (Nom.Sg.n.)
acintyam
undenkbar (Nom.Sg.n.)
ati-nirmalam
überaus makellos (Nom.Sg.n.)

ādhāraṃ sarva-bhūtānām anādhāram anāmayam | apramāṇam anirdeśyam aprameyam atīndriyam ||18||

die Stütze aller Wesen, selbst ohne Stütze, leidlos, ohne Maß, unbezeichenbar, unermesslich, übersinnlich,

Wort für Wort
ādhāram
die Stütze (Nom.Sg.n.)
sarva-bhūtānām
aller Wesen (Gen.Pl.)
anādhāram
ohne Stütze (Nom.Sg.n.)
anāmayam
leidlos (Nom.Sg.n.)
apramāṇam
ohne Maß (Nom.Sg.n.)
anirdeśyam
unbezeichenbar (Nom.Sg.n.)
aprameyam
unermesslich (Nom.Sg.n.)
atīndriyam
übersinnlich (Nom.Sg.n.)

asthūlam anaṇu hrasvam adīrgham ajam avyayam | aśabdam asparśa-rūpam acakṣuḥ-śrotra-nāmakam ||19||

nicht grob, nicht fein, nicht kurz, nicht lang, ungeboren, unvergänglich, ohne Klang, ohne Berührung und Gestalt, ohne Auge, Ohr und Namen,

Wort für Wort
asthūlam
nicht grob (Nom.Sg.n.)
anaṇu
nicht fein (Nom.Sg.n.)
hrasvam
kurz [gemeint: nicht kurz] (Nom.Sg.n.)
adīrgham
nicht lang (Nom.Sg.n.)
ajam
ungeboren (Nom.Sg.n.)
avyayam
unvergänglich (Nom.Sg.n.)
aśabdam
ohne Klang (Nom.Sg.n.)
asparśa-rūpam
ohne Berührung und Gestalt (Nom.Sg.n.)
acakṣuḥ-śrotra-nāmakam
ohne Auge, Ohr und Namen (Nom.Sg.n.)

Vorlage: anaṇuhrasvam („nicht fein-kurz“); als anaṇu hrasvam gelesen, wobei a-hrasvam („nicht kurz“) durch Sandhi-Kürzung entstellt sein dürfte. Vgl. Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 3,8,8.

sarva-jñaṃ sarva-gaṃ śāntaṃ sarveṣāṃ hṛdaye sthitam | susaṃvedyaṃ guru-matāt sudurbodham acetasām ||20||

allwissend, alldurchdringend, still, im Herzen aller weilend; leicht zu erfahren durch die Lehre des Meisters, sehr schwer zu begreifen für die Unverständigen,

Wort für Wort
sarva-jñam
allwissend (Nom.Sg.n.)
sarva-gam
alldurchdringend (Nom.Sg.n.)
śāntam
still (Nom.Sg.n.)
sarveṣām hṛdaye
im Herzen aller (Lok.Sg.)
sthitam
weilend (Nom.Sg.n.)
susaṃvedyam
leicht zu erfahren (Gerundiv)
guru-matāt
durch die Lehre des Meisters (Abl.Sg.)
sudurbodham
sehr schwer zu begreifen (Nom.Sg.n.)
acetasām
für die Unverständigen (Gen.Pl.)

niṣkalaṃ nirguṇaṃ śāntaṃ nirvikāraṃ nirāśrayam | nirlepakaṃ nirāpāyaṃ kūṭa-stham acalaṃ dhruvam ||21||

ohne Teile, ohne Eigenschaften (guṇa), still, wandellos, ohne Anhalt, unbefleckbar, unzerstörbar, unwandelbar auf der Höhe stehend (kūṭa-stha), unbewegt, fest;

Wort für Wort
niṣkalam
ohne Teile (Nom.Sg.n.)
nirguṇam
ohne Guṇas (Nom.Sg.n.)
śāntam
still (Nom.Sg.n.)
nirvikāram
wandellos (Nom.Sg.n.)
nirāśrayam
ohne Anhalt (Nom.Sg.n.)
nirlepakam
unbefleckbar (Nom.Sg.n.)
nirāpāyam
unzerstörbar (Nom.Sg.n.)
kūṭa-stham
unwandelbar, auf dem Gipfel stehend (Nom.Sg.n.)
acalam
unbewegt (Nom.Sg.n.)
dhruvam
fest (Nom.Sg.n.)

jyotiṣām api taj jyotis tamaḥ-pāre pratiṣṭhitam | bhāvābhāva-vinirmuktaṃ bhāvanā-mātra-gocaram ||22||

es ist das Licht der Lichter, jenseits der Finsternis gegründet, befreit von Sein und Nichtsein, allein durch die [meditative] Vergegenwärtigung (bhāvanā) erreichbar.

Wort für Wort
jyotiṣām api tat jyotiḥ
das Licht selbst der Lichter (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
tamaḥ-pāre
jenseits der Finsternis (Lok.Sg.)
pratiṣṭhitam
gegründet (Nom.Sg.n.)
bhāva-abhāva-vinirmuktam
befreit von Sein und Nichtsein (Nom.Sg.n.)
bhāvanā-mātra-gocaram
allein durch Vergegenwärtigung erreichbar (Nom.Sg.n.)

bhakti-gamyaṃ paraṃ tattvam antar-līnena cetasā | bhāvanā-mātram evātra kāraṇaṃ padma-saṃbhava ||23||

Durch Hingabe (bhakti) mit nach innen versunkenem Geist ist die höchste Wirklichkeit erreichbar. Allein die Vergegenwärtigung ist hier die Ursache, o Lotosgeborener.

Wort für Wort
bhakti-gamyam
durch Hingabe erreichbar (Nom.Sg.n.)
param tattvam
die höchste Wirklichkeit (Nom.Sg.)
antar-līnena cetasā
mit nach innen versunkenem Geist (Instr.Sg.)
bhāvanā-mātram eva
allein die Vergegenwärtigung (Nom.Sg.n.)
atra kāraṇam
hier die Ursache (Nom.Sg.)
padma-saṃbhava
o Lotosgeborener (Vok.)

yathā dehāntara-prāpteḥ kāraṇaṃ bhāvanā nṛṇām | viṣayaṃ dhyāyataḥ puṃso viṣaye ramate manaḥ ||24||

Wie die Vorstellung (bhāvanā) für die Menschen die Ursache ist, einen anderen Leib zu erlangen, [und] wie bei einem Menschen, der über ein Sinnesobjekt sinnt, das Denkorgan sich am Objekt ergötzt,

Wort für Wort
yathā
wie
deha-antara-prāpteḥ
der Erlangung eines anderen Leibes (Gen.Sg.)
kāraṇam
die Ursache (Nom.Sg.)
bhāvanā
die Vorstellung (Nom.Sg.)
nṛṇām
der Menschen (Gen.Pl.)
viṣayam dhyāyataḥ puṃsaḥ
des über ein Objekt sinnenden Menschen (Gen.Sg.)
viṣaye ramate manaḥ
das Denkorgan ergötzt sich am Objekt (3.Sg.Präs.Med.)

mām anusmarataś cittaṃ mayy evātra vilīyate | sarva-jñatvaṃ pareśatvaṃ sarva-sampūrṇa-śaktitā | ananta-śaktimattvaṃ ca mad-anusmaraṇād bhavet ||25|| iti || iti tṛtīyo 'dhyāyaḥ ||3||

so löst sich das Denken dessen, der meiner gedenkt, hier in mir allein auf. Allwissenheit, höchste Herrschaft, Besitz aller Kräfte in Fülle und der Besitz unendlicher Macht entstehen aus dem Gedenken an mich. – So [endet] der dritte Adhyāya.

Wort für Wort
mām anusmarataḥ
dessen, der meiner gedenkt (Gen.Sg.)
cittam
das Denken (Nom.Sg.)
mayi eva atra vilīyate
löst sich hier in mir allein auf (3.Sg.Präs.Med.)
sarva-jñatvam
Allwissenheit (Nom.Sg.)
para-īśatvam
höchste Herrschaft (Nom.Sg.)
sarva-sampūrṇa-śaktitā
Besitz aller Kräfte in Fülle (Nom.Sg.)
ananta-śaktimattvam ca
und Besitz unendlicher Macht (Nom.Sg.)
mat-anusmaraṇāt bhavet
entsteht aus dem Gedenken an mich (3.Sg.Opt.)
iti tṛtīyaḥ adhyāyaḥ
so der dritte Adhyāya

Dreizeiliger Vers. Kolophon der Vorlage: iti || iti tṛtīyo'dhyāyaḥ ||3||.

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