Quellen der Menschheit

Yogaśikhā-Upaniṣad

Adhyāya 2: dvitīyo 'dhyāyaḥ – mūla-mantra-nāda-liṅga-nirūpaṇam Zweiter Adhyāya: Das Wurzel-Mantra, das Klang-Liṅga und die drei Leiber des Brahman (22 Verse)

Der kurze zweite Adhyāya ist eine esoterische Belehrung über das „Wurzel-Mantra“ (mūla-mantra), das aus Śiva und Śakti besteht und aus dem Mūlādhāra aufsteigt. Śiva knüpft die Mitteilung an strenge Bedingungen: zwölf Jahre Dienst beim Lehrer, Selbstzucht und Keuschheit; wer das Geheimnis aus Gelehrtenstolz oder Gewinnsucht preisgibt, verfehlt es. Das Mantra wird durch eine Kette von Wort-Etymologien erklärt: „Mantra“ vom Sinnen (manana) und Atmen (prāṇana), „Wurzel“ wegen des Ursprungs im Mūlādhāra, „Liṅga“ als Kennzeichen des höchsten Herrn und wegen des Sich-Auflösens (laya) und Gehens (gamana), „Sūtra“ als Faden, der die Gestalt anzeigt. Die Śakti wird mit Mahāmāyā, Mahālakṣmī und Sarasvatī gleichgesetzt und als Grundkraft (ādhāra-śakti) beschrieben, die in Gestalt des Bindu und des heiligen Sitzes besteht; das Klang-Liṅga tritt hervor, wenn der Bindu-Sitz durchbrochen wird, und wird durch Atem und „sechsfaches Verschließen“ (ṣaṇmukhī-karaṇa) ausgesprochen. Es folgt die Lehre von den drei Leibern des Brahman – grob (Virāj), fein (Hiraṇyagarbha als Nāda) und höchst (Sat-Cit-Ānanda) – sowie die Lichterscheinungen, die dem Yogin als Vorzeichen des Erfolgs gelten. Der Adhyāya schließt mit dem berühmten Guru-Bhakti-Vers der Śvetāśvatara-Upaniṣad (6,23).

punar yogasya māhātmyaṃ śrotum icchāmi śaṅkara | yasya vijñāna-mātreṇa khecarī-samatāṃ vrajet ||1||

[Hiraṇyagarbha sprach:] Weiter möchte ich, o Śaṅkara, von der Größe des Yoga hören, durch dessen bloßes Erkennen man der Khecarī [-Śakti] gleich wird.

Wort für Wort
punaḥ
weiter, wiederum
yogasya māhātmyam
die Größe des Yoga (Akk.Sg.)
śrotum icchāmi
ich möchte hören (Inf.; 1.Sg.Präs.)
śaṅkara
o Śaṅkara (Vok.)
yasya vijñāna-mātreṇa
durch dessen bloßes Erkennen (Instr.Sg.)
khecarī-samatām
zur Gleichheit mit Khecarī (Akk.Sg.)
vrajet
man gelangt (3.Sg.Opt.)

khecarī-samatā: Gleichheit mit der „im Raum Wandelnden“ – der freien Śakti bzw. dem Zustand der Khecarī-Mudrā (vgl. 5,39–42).

śṛṇu brahman pravakṣyāmi gopanīyaṃ prayatnataḥ | dvādaśābdaṃ tu śuśrūṣāṃ yaḥ kuryād apramādataḥ ||2||

[Śiva sprach:] Höre, o Brahman, ich will es verkünden; es ist sorgfältig geheim zu halten. Wer zwölf Jahre lang ohne Nachlässigkeit [dem Lehrer] gehorsam dient,

Wort für Wort
śṛṇu
höre (2.Sg.Imp.)
brahman
o Brahman (Vok.)
pravakṣyāmi
ich will verkünden (1.Sg.Fut.)
gopanīyam
geheim zu halten (Gerundiv)
prayatnataḥ
sorgfältig (Abl.)
dvādaśa-abdam tu
zwölf Jahre lang (Akk.Sg.)
śuśrūṣām
Gehorsam, Dienst (Akk.Sg.)
yaḥ kuryāt
wer leistet (3.Sg.Opt.)
apramādataḥ
ohne Nachlässigkeit (Abl.)

tasmai vācyaṃ yathā-tathyaṃ dāntāya brahmacāriṇe | pāṇḍityād artha-lobhād vā pramādād vā prayacchati ||3||

dem, dem Gezügelten, dem keusch Lebenden (brahmacārin), ist es wahrheitsgemäß mitzuteilen. Wer es [dagegen] aus Gelehrtenstolz, aus Gewinnsucht oder aus Unachtsamkeit preisgibt –

Wort für Wort
tasmai
dem (Dat.Sg.)
vācyam
ist mitzuteilen (Gerundiv)
yathā-tathyam
wahrheitsgemäß (Adv.)
dāntāya
dem Gezügelten (Dat.Sg.)
brahmacāriṇe
dem Brahmacārin (Dat.Sg.)
pāṇḍityāt
aus Gelehrsamkeit[sstolz] (Abl.Sg.)
artha-lobhāt vā
oder aus Gewinnsucht (Abl.Sg.)
pramādāt vā
oder aus Unachtsamkeit (Abl.Sg.)
prayacchati
gibt preis (3.Sg.Präs.)

tenādhītaṃ śrutaṃ tena tena sarvam anuṣṭhitam | mūla-mantraṃ vijānāti yo vidvān guru-darśitam ||4||

[Nur] von dem ist gelernt, von dem gehört, von dem alles vollzogen worden, der als Wissender das vom Lehrer gezeigte Wurzel-Mantra (mūla-mantra) kennt.

Wort für Wort
tena adhītam
von dem ist gelernt (Instr.Sg.; Nom.Sg.n.)
śrutam tena
von dem gehört
tena sarvam anuṣṭhitam
von dem alles vollzogen
mūla-mantram
das Wurzel-Mantra (Akk.Sg.)
vijānāti
kennt (3.Sg.Präs.)
yaḥ vidvān
welcher Wissende (Nom.Sg.)
guru-darśitam
vom Lehrer gezeigt (Akk.Sg.)

Der Anschluss an Vers 3 ist locker; der Satz „von dem ist gelernt …“ bezieht sich auf den würdigen Schüler, nicht auf den unbefugten Preisgeber.

śiva-śakti-mayaṃ mantraṃ mūlādhārāt samutthitam | tasya mantrasya vai brahmañ chrotā vaktā ca durlabhaḥ ||5||

Das Mantra, das aus Śiva und Śakti besteht und aus dem Mūlādhāra aufsteigt – für dieses Mantra, o Brahman, sind Hörer wie Sprecher schwer zu finden.

Wort für Wort
śiva-śakti-mayam mantram
das aus Śiva und Śakti bestehende Mantra (Akk.Sg.)
mūla-ādhārāt
aus dem Mūlādhāra (Abl.Sg.)
samutthitam
aufgestiegen (Akk.Sg.n.)
tasya mantrasya
dieses Mantras (Gen.Sg.)
vai brahman
fürwahr, o Brahman
śrotā
der Hörer (Nom.Sg.)
vaktā ca
und der Sprecher (Nom.Sg.)
durlabhaḥ
schwer zu finden (Nom.Sg.)

etat pīṭham iti proktaṃ nāda-liṅgaṃ cid-ātmakam | tasya vijñāna-mātreṇa jīvan-mukto bhavej janaḥ ||6||

Dies wird der „heilige Sitz“ (pīṭha) genannt: das Klang-Liṅga (nāda-liṅga), dessen Wesen Bewusstsein (cit) ist. Durch dessen bloßes Erkennen wird ein Mensch zu Lebzeiten befreit.

Wort für Wort
etat
dies (Nom.Sg.n.)
pīṭham iti proktam
wird Pīṭha genannt (Nom.Sg.n.)
nāda-liṅgam
das Klang-Liṅga (Nom.Sg.)
cit-ātmakam
dessen Wesen Bewusstsein ist (Nom.Sg.n.)
tasya vijñāna-mātreṇa
durch dessen bloßes Erkennen (Instr.Sg.)
jīvan-muktaḥ bhavet
wird lebend befreit (3.Sg.Opt.)
janaḥ
der Mensch (Nom.Sg.)

aṇimādikam aiśvaryam acirād eva jāyate | mananāt prāṇanāc caiva mad-rūpasyāvabodhanāt ||7||

Die Herrschermacht (aiśvarya) wie Aṇimā und die übrigen [Siddhis] entsteht ihm in kurzer Zeit. Weil es das Sinnen (manana), das Atmen (prāṇana) und das Erkennen meiner Gestalt [bewirkt],

Wort für Wort
aṇimā-ādikam
Aṇimā usw. (Nom.Sg.n.)
aiśvaryam
Herrschermacht (Nom.Sg.)
acirāt eva
in kurzer Zeit (Abl.Sg.)
jāyate
entsteht (3.Sg.Präs.Med.)
mananāt
wegen des Sinnens (Abl.Sg.)
prāṇanāt ca eva
und wegen des Atmens (Abl.Sg.)
mat-rūpasya
meiner Gestalt (Gen.Sg.)
avabodhanāt
wegen des Erkennens (Abl.Sg.)

Die Verse 7–11 geben Wort-Etymologien: mantra aus man (sinnen) und trā/prāṇ; mūla-mantra, weil aus dem Mūlādhāra; liṅga von lī (sich auflösen) und gam (gehen); sūtra von sūc (anzeigen).

mantram ity ucyate brahman mad-adhiṣṭhānato 'pi vā | mūlatvāt sarva-mantrāṇāṃ mūlādhārāt samudbhavāt ||8||

wird es „Mantra“ genannt, o Brahman – oder auch, weil ich sein Grund (adhiṣṭhāna) bin. Weil es die Wurzel aller Mantras ist und weil es aus dem Mūlādhāra entsteht,

Wort für Wort
mantram iti ucyate
wird „Mantra“ genannt (3.Sg.Pass.)
brahman
o Brahman (Vok.)
mat-adhiṣṭhānataḥ api vā
oder auch, weil ich sein Grund bin (Abl.)
mūlatvāt
wegen des Wurzel-Seins (Abl.Sg.)
sarva-mantrāṇām
aller Mantras (Gen.Pl.)
mūla-ādhārāt samudbhavāt
wegen des Entstehens aus dem Mūlādhāra (Abl.Sg.)

mūla-svarūpa-liṅgatvān mūla-mantra iti smṛtaḥ | sūkṣmatvāt kāraṇatvāc ca layanād gamanād api ||9||

und weil es das Liṅga der Wurzelwesenheit ist, heißt es „Wurzel-Mantra“. Wegen seiner Feinheit, weil es Ursache ist, wegen des Sich-Auflösens (layana) und des Gehens (gamana),

Wort für Wort
mūla-svarūpa-liṅgatvāt
weil es Liṅga der Wurzelwesenheit ist (Abl.Sg.)
mūla-mantraḥ iti smṛtaḥ
wird Wurzel-Mantra genannt (Nom.Sg.)
sūkṣmatvāt
wegen der Feinheit (Abl.Sg.)
kāraṇatvāt ca
und wegen des Ursache-Seins (Abl.Sg.)
layanāt
wegen des Sich-Auflösens (Abl.Sg.)
gamanāt api
und wegen des Gehens (Abl.Sg.)

Vorlage: kāraṇātvāc; zu kāraṇatvāc berichtigt.

lakṣaṇāt parameśasya liṅgam ity abhidhīyate | saṃnidhānāt samasteṣu jantuṣv api ca santatam ||10||

und weil es das Kennzeichen (lakṣaṇa) des höchsten Herrn ist, wird es „Liṅga“ genannt. Weil es beständig in allen Wesen gegenwärtig ist

Wort für Wort
lakṣaṇāt
wegen des Kennzeichnens (Abl.Sg.)
parama-īśasya
des höchsten Herrn (Gen.Sg.)
liṅgam iti abhidhīyate
wird „Liṅga“ genannt (3.Sg.Pass.)
saṃnidhānāt
wegen der Gegenwart (Abl.Sg.)
samasteṣu jantuṣu api ca
und in allen Wesen (Lok.Pl.)
santatam
beständig

sūcakatvāc ca rūpasya sūtram ity abhidhīyate | mahā-māyā mahā-lakṣmīr mahā-devī sarasvatī ||11||

und weil es die Gestalt anzeigt (sūcaka), wird es „Faden“ (sūtra) genannt. [Diese Kraft ist] die große Māyā, die große Lakṣmī, die große Göttin, Sarasvatī,

Wort für Wort
sūcakatvāt ca
und wegen des Anzeigens (Abl.Sg.)
rūpasya
der Gestalt (Gen.Sg.)
sūtram iti abhidhīyate
wird „Sūtra“ genannt (3.Sg.Pass.)
mahā-māyā
die große Māyā (Nom.Sg.)
mahā-lakṣmīḥ
die große Lakṣmī (Nom.Sg.)
mahā-devī
die große Göttin (Nom.Sg.)
sarasvatī
Sarasvatī (Nom.Sg.)

ādhāra-śaktir avyaktā yayā viśvaṃ pravartate | sūkṣmābhā bindu-rūpeṇa pīṭha-rūpeṇa vartate ||12||

die unentfaltete Grundkraft (ādhāra-śakti), durch die das All in Gang kommt. Von feinem Glanz, besteht sie in Gestalt des Bindu und in Gestalt des heiligen Sitzes (pīṭha).

Wort für Wort
ādhāra-śaktiḥ
die Grund-/Stützkraft (Nom.Sg.)
avyaktā
unentfaltet (Nom.Sg.f.)
yayā
durch die (Instr.Sg.f.)
viśvam pravartate
das All kommt in Gang (3.Sg.Präs.Med.)
sūkṣma-ābhā
von feinem Glanz (Nom.Sg.f.)
bindu-rūpeṇa
in Bindu-Gestalt (Instr.Sg.)
pīṭha-rūpeṇa
in Pīṭha-Gestalt (Instr.Sg.)
vartate
besteht (3.Sg.Präs.Med.)

bindu-pīṭhaṃ vinirbhidya nāda-liṅgam upasthitam | prāṇenoccāryate brahman ṣaṇ-mukhī-karaṇena ca ||13||

Den Sitz des Bindu durchbrechend tritt das Klang-Liṅga hervor. Durch den Lebensatem wird es ausgesprochen, o Brahman, und durch das „Sechsfache Verschließen“ (ṣaṇ-mukhī-karaṇa);

Wort für Wort
bindu-pīṭham
den Bindu-Sitz (Akk.Sg.)
vinirbhidya
durchbrechend (Absol.)
nāda-liṅgam
das Klang-Liṅga (Nom.Sg.)
upasthitam
hervorgetreten (Nom.Sg.n.)
prāṇena
durch den Prāṇa (Instr.Sg.)
uccāryate
wird ausgesprochen (3.Sg.Pass.)
brahman
o Brahman (Vok.)
ṣaṇ-mukhī-karaṇena ca
und durch das Sechsfache Verschließen (Instr.Sg.)

ṣaṇ-mukhī-karaṇa (auch ṣaṇmukhī-mudrā): Verschließen von Ohren, Augen und Nasenlöchern mit den Fingern, um den inneren Klang zu hören (vgl. Haṭhapradīpikā 4,68).

gurūpadeśa-mārgeṇa sahasaiva prakāśate | sthūlaṃ sūkṣmaṃ paraṃ ceti trividhaṃ brahmaṇo vapuḥ ||14||

auf dem Weg der Unterweisung durch den Lehrer leuchtet es sogleich auf. Grob, fein und höchst – dreifach ist der Leib des Brahman:

Wort für Wort
guru-upadeśa-mārgeṇa
auf dem Weg der Lehrer-Unterweisung (Instr.Sg.)
sahasā eva
sogleich
prakāśate
leuchtet auf (3.Sg.Präs.Med.)
sthūlam sūkṣmam param ca
grob, fein und höchst (Nom.Sg.n.)
iti
so
trividham
dreifach (Nom.Sg.n.)
brahmaṇaḥ vapuḥ
der Leib des Brahman (Nom.Sg.)

pañca-brahma-mayaṃ rūpaṃ sthūlaṃ vairājam ucyate | hiraṇyagarbhaṃ sūkṣmaṃ tu nādaṃ bīja-trayātmakam ||15||

Die grobe Gestalt, die aus den fünf Brahmans besteht, heißt die des Virāj; die feine ist Hiraṇyagarbha, der Klang (nāda), bestehend aus den drei Keimsilben (bīja).

Wort für Wort
pañca-brahma-mayam rūpam
die aus fünf Brahmans bestehende Gestalt (Nom.Sg.)
sthūlam
grob (Nom.Sg.n.)
vairājam ucyate
heißt die des Virāj (3.Sg.Pass.)
hiraṇyagarbham
Hiraṇyagarbha (Nom.Sg.n.)
sūkṣmam tu
die feine aber (Nom.Sg.n.)
nādam
der Klang (Nom.Sg.n.)
bīja-traya-ātmakam
aus den drei Bījas bestehend (Nom.Sg.n.)

Die fünf Brahmans: die fünf Gesichter Śivas (Sadyojāta, Vāmadeva, Aghora, Tatpuruṣa, Īśāna) bzw. die fünf Elemente; die drei Keimsilben a, u, m des Oṃ. Vgl. 5,28.

paraṃ brahma paraṃ satyaṃ sac-cid-ānanda-lakṣaṇam | aprameyam anirdeśyam avāṅ-manasa-gocaram ||16||

Das höchste Brahman ist die höchste Wahrheit, gekennzeichnet durch Sein, Bewusstsein und Seligkeit; unermesslich, unbezeichenbar, nicht im Bereich von Rede und Denken,

Wort für Wort
param brahma
das höchste Brahman (Nom.Sg.)
param satyam
die höchste Wahrheit (Nom.Sg.)
sat-cit-ānanda-lakṣaṇam
durch Sein, Bewusstsein, Seligkeit gekennzeichnet (Nom.Sg.n.)
aprameyam
unermesslich (Nom.Sg.n.)
anirdeśyam
unbezeichenbar (Nom.Sg.n.)
a-vāk-manasa-gocaram
nicht im Bereich von Rede und Denken (Nom.Sg.n.)

śuddhaṃ sūkṣmaṃ nirākāraṃ nirvikāraṃ nirañjanam | anantam aparicchedyam anūpamam anāmayam ||17||

rein, fein, gestaltlos, wandellos, fleckenlos, unendlich, unteilbar, unvergleichlich, leidlos.

Wort für Wort
śuddham
rein (Nom.Sg.n.)
sūkṣmam
fein (Nom.Sg.n.)
nirākāram
gestaltlos (Nom.Sg.n.)
nirvikāram
wandellos (Nom.Sg.n.)
nirañjanam
fleckenlos (Nom.Sg.n.)
anantam
unendlich (Nom.Sg.n.)
aparicchedyam
unteilbar, unbegrenzbar (Nom.Sg.n.)
anūpamam
unvergleichlich (Nom.Sg.n.)
anāmayam
leidlos (Nom.Sg.n.)

ātma-mantra-sadābhyāsāt para-tattvaṃ prakāśate | tad-abhivyakta-cihnāni siddhi-dvārāṇi me śṛṇu ||18||

Durch beständige Übung des Selbst-Mantras leuchtet die höchste Wirklichkeit auf. Höre von mir die Zeichen, durch die sie sich kundtut, die Tore der Vollendung:

Wort für Wort
ātma-mantra-sadā-abhyāsāt
durch beständige Übung des Selbst-Mantras (Abl.Sg.)
para-tattvam
die höchste Wirklichkeit (Nom.Sg.)
prakāśate
leuchtet auf (3.Sg.Präs.Med.)
tat-abhivyakta-cihnāni
die Zeichen ihrer Kundwerdung (Akk.Pl.)
siddhi-dvārāṇi
die Tore der Vollendung (Akk.Pl.)
me śṛṇu
höre von mir (2.Sg.Imp.)

dīpa-jvālendu-khadyota-vidyun-nakṣatra-bhāsvarāḥ | dṛśyante sūkṣma-rūpeṇa sadā yuktasya yoginaḥ ||19||

Lichter wie Lampenflamme, Mond, Glühwürmchen, Blitz, Sterne und Sonne werden vom stets geeinten Yogin in feiner Gestalt gesehen.

Wort für Wort
dīpa-jvālā-indu-khadyota-vidyut-nakṣatra-bhāsvarāḥ
Lampenflamme, Mond, Glühwürmchen, Blitz, Sterne, Sonne [als Lichter] (Nom.Pl.)
dṛśyante
werden gesehen (3.Pl.Pass.)
sūkṣma-rūpeṇa
in feiner Gestalt (Instr.Sg.)
sadā yuktasya yoginaḥ
vom stets geeinten Yogin (Gen.Sg.)

Vgl. Śvetāśvatara-Upaniṣad 2,11 (Nebel, Rauch, Sonne, Feuer, Wind, Glühwürmchen, Blitz, Kristall, Mond als Vorzeichen).

aṇimādikam aiśvaryam acirāt tasya jāyate | nāsti nādāt paro mantro na devaḥ svātmanaḥ paraḥ ||20||

Die Herrschermacht wie Aṇimā und die übrigen entsteht ihm in kurzer Zeit. Es gibt kein höheres Mantra als den Klang (nāda), keinen höheren Gott als das eigene Selbst,

Wort für Wort
aṇimā-ādikam aiśvaryam
die Herrschermacht Aṇimā usw. (Nom.Sg.)
acirāt
in kurzer Zeit (Abl.Sg.)
tasya jāyate
entsteht ihm (3.Sg.Präs.Med.)
na asti
es gibt nicht
nādāt paraḥ mantraḥ
ein höheres Mantra als der Nāda (Nom.Sg.)
na devaḥ
keinen Gott (Nom.Sg.)
sva-ātmanaḥ paraḥ
höher als das eigene Selbst (Abl.Sg.)

nānusandheḥ parā pūjā na hi tṛpteḥ paraṃ mukham | gopanīyaṃ prayatnena sarvadā siddhim icchatā | mad-bhakta etad vijñāya kṛta-kṛtyaḥ sukhī bhavet ||21||

keine höhere Verehrung als das Nachforschen [nach dem Klang], kein höheres Glück als die Sättigung. Wer Vollendung wünscht, halte dies allezeit sorgfältig geheim. Mein Verehrer, der dies erkannt hat, wird, was zu tun ist, getan haben und glücklich sein.

Wort für Wort
na anusandheḥ parā pūjā
keine höhere Verehrung als das Nachforschen (Abl.Sg.; Nom.Sg.f.)
na hi tṛpteḥ param mukham
kein höheres Bestes als die Sättigung (Abl.Sg.)
gopanīyam
geheim zu halten (Gerundiv)
prayatnena
sorgfältig (Instr.Sg.)
sarvadā
allezeit
siddhim icchatā
von dem, der Vollendung wünscht (Instr.Sg.)
mat-bhaktaḥ
mein Verehrer (Nom.Sg.)
etat vijñāya
dies erkannt habend (Absol.)
kṛta-kṛtyaḥ
der seine Pflicht getan hat (Nom.Sg.)
sukhī bhavet
wird glücklich (3.Sg.Opt.)

Dreizeiliger Vers. Vorlage: kṛta kṛtyaḥ; zu kṛta-kṛtyaḥ zusammengezogen. mukham hier in der Bedeutung „Hauptsache, Bestes“.

yasya deve parā bhaktir yathā deve tathā gurau | tasyaite kathitā hy arthāḥ prakāśante mahātmanaḥ ||22|| iti || iti dvitīyo 'dhyāyaḥ ||2||

Wer höchste Hingabe (bhakti) zu Gott hat und wie zu Gott so zum Lehrer – diesem Hochherzigen leuchten die hier dargelegten Wahrheiten auf. – So [endet] der zweite Adhyāya.

Wort für Wort
yasya
wessen (Gen.Sg.)
deve parā bhaktiḥ
höchste Hingabe zu Gott (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
yathā deve tathā gurau
wie zu Gott so zum Lehrer (Lok.Sg.)
tasya
dem (Gen.Sg.)
ete kathitāḥ hi arthāḥ
diese dargelegten Wahrheiten (Nom.Pl.)
prakāśante
leuchten auf (3.Pl.Präs.Med.)
mahā-ātmanaḥ
dem Hochherzigen (Gen.Sg.)
iti dvitīyaḥ adhyāyaḥ
so der zweite Adhyāya

Wörtlich Śvetāśvatara-Upaniṣad 6,23, der berühmte Schlussvers über die Guru-Bhakti; auch am Ende der Yogatattva-Upaniṣad. Kolophon der Vorlage: iti || iti dvitīyo'dhyāyaḥ ||2||.

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