Adhyāya 4: caturtho 'dhyāyaḥ – advaita-nirūpaṇam
Vierter Adhyāya: Die Nicht-Zweiheit – Seil und Schlange, Ton und Krug (24 Verse)
Der vierte Adhyāya ist ein geschlossener vedāntischer Traktat ohne yogisch-technischen Inhalt. Weil das Bewusstsein (caitanya) nur eine Gestalt hat, ist jede Trennung unberechtigt; das Jīva-Sein ist wie die Schlange, die man in einem Seil zu sehen meint. Eine Stoffursache der Welt außer Brahman gibt es nicht, daher ist die ganze Welt nur Brahman, wie alles aus Gold entstandene Gold bleibt. Wer auch nur den geringsten Unterschied zwischen Einzelseele und höchstem Selbst macht, dem droht Furcht (Taittirīya-Upaniṣad 2,7). Die drei Zustände Wachen, Traum und Tiefschlaf schließen einander aus und sind daher trügerisch; ihr Seher steht jenseits der Guṇas. Es folgt die klassische Reihe der Gleichnisse: Krug im Ton, Ohrring im Gold, Silber in der Perlmuschel, Blau des Himmels, Wasser in der Wüste, Mensch im Baumstumpf, Gespenst, Gandharva-Stadt, zwei Monde, Wellen im Wasser, Sohn einer Unfruchtbaren, Baum am Himmel. Am Ende wird sogar die Unterscheidung von Selbst und Nicht-Selbst als bloßes Hilfsmittel entlarvt, denn wie der Krug aus Ton besteht, besteht auch der Leib aus Bewusstsein. Der Adhyāya bereitet damit die Lehre des fünften Kapitels vor, nach der Yoga-Praxis und Erkenntnis der Nicht-Zweiheit zusammengehören.
caitanyasyaika-rūpatvād bhedo yukto na karhicit | jīvatvaṃ ca tathā jñeyaṃ rajjvāṃ sarpa-graho yathā ||1||
[Śiva sprach:] Da das Bewusstsein (caitanya) von einer einzigen Gestalt ist, ist eine Trennung niemals berechtigt. Ebenso ist das Jīva-Sein zu verstehen wie die Auffassung einer Schlange in einem Seil.
Wort für Wort
caitanyasya
des Bewusstseins (Gen.Sg.)
eka-rūpatvāt
wegen des Einer-Gestalt-Seins (Abl.Sg.)
bhedaḥ
Trennung (Nom.Sg.)
yuktaḥ na karhicit
niemals berechtigt (Nom.Sg.)
jīvatvam ca tathā
und ebenso das Jīva-Sein (Nom.Sg.)
jñeyam
ist zu verstehen (Gerundiv)
rajjvām
im Seil (Lok.Sg.)
sarpa-grahaḥ yathā
wie die Auffassung als Schlange (Nom.Sg.)
Vorlage: caitanasyaikarūpatvad; zu caitanyasyaika-rūpatvād berichtigt. Der vierte Adhyāya ist ein vedāntischer Traktat über die Nicht-Zweiheit mit den klassischen Gleichnissen (Seil–Schlange, Perlmutt–Silber, Ton–Krug).
Wie aus Unkenntnis des Seils das Seil in einem Augenblick als Schlange erscheint, so erscheint das Bewusstsein (citi), das ganz allein ist, unmittelbar in der Gestalt des Alls.
Das Verhältnis von Durchdrungenem und Durchdringendem ist trügerisch, denn die Lehre lautet: „Alles ist das Selbst.“ Ist so die höchste Wirklichkeit erkannt, woher noch Raum für eine Trennung?
Wort für Wort
vyāpya-vyāpakatā
das Verhältnis von Durchdrungenem und Durchdringendem (Nom.Sg.)
mithyā
trügerisch
sarvam ātmā iti
„alles ist das Selbst“ – so
śāsanāt
aufgrund der Lehre (Abl.Sg.)
iti jñāte pare tattve
wenn so die höchste Wirklichkeit erkannt ist (Lok.abs.)
Wer als Verblendeter auch nur den geringsten Unterschied zwischen Einzelseele und höchstem Selbst macht und dabei verharrt – dem, so heißt es, [entsteht] Furcht.
Wort für Wort
svalpam api antaram
auch nur den geringsten Unterschied (Akk.Sg.)
kṛtvā
machend (Absol.)
jīva-ātma-parama-ātmanoḥ
zwischen Einzelseele und höchstem Selbst (Gen.Du.)
yaḥ tiṣṭhati
wer verharrt (3.Sg.Präs.)
vimūḍha-ātmā
mit verblendetem Geist (Nom.Sg.)
bhayam tasya api
Furcht [ist] auch dem (Nom.Sg.; Gen.Sg.)
bhāṣitam
gesagt (Nom.Sg.n.)
Vgl. Taittirīya-Upaniṣad 2,7: „Wenn er auch nur den geringsten Zwischenraum darin macht, entsteht ihm Furcht.“
yad ajñānād bhaved dvaitam itarat tat prapaśyati | ātmatvena tadā sarvaṃ netarat tatra cāṇv api ||9||
Aus welchem Nichtwissen die Zweiheit entsteht – [die Zweiheit,] die man als das Andere ansieht –, [ist es beseitigt,] dann [sieht man] alles als das Selbst, und nichts Anderes ist darin, nicht einmal ein Atom.
Wort für Wort
yat ajñānāt
aus welchem Nichtwissen (Abl.Sg.)
bhavet dvaitam
die Zweiheit entsteht (3.Sg.Opt.)
itarat tat prapaśyati
das sieht man als das Andere (3.Sg.Präs.)
ātmatvena
als das Selbst (Instr.Sg.)
tadā sarvam
dann alles (Nom.Sg.n.)
na itarat tatra
nicht Anderes darin
ca aṇu api
auch nicht ein Atom (Nom.Sg.n.)
Vorlage: yadajñānad; zu yad ajñānād berichtigt. Der Vers ist elliptisch; der Nachsatz setzt die Beseitigung des Nichtwissens voraus.
anubhūto 'py ayaṃ loko vyavahāra-kṣamo 'pi san | asad-rūpo yathā svapna uttara-kṣaṇa-bādhitaḥ ||10||
Diese Welt, obwohl erfahren und obwohl zum praktischen Handeln tauglich, ist ihrem Wesen nach nicht-seiend wie ein Traum, der im nächsten Augenblick aufgehoben wird.
svapne jāgaritaṃ nāsti jāgare svapnatā na hi | dvayam eva laye nāsti layo 'pi hy anayor na ca ||11||
Im Traum gibt es das Wachen nicht, im Wachen nicht den Traumzustand; im Tiefschlaf (laya) gibt es beides nicht, und in diesen beiden gibt es auch keinen Tiefschlaf.
trayam eva bhaven mithyā guṇa-traya-vinirmitam | asya draṣṭā guṇātīto nityo hy eṣa cid-ātmakaḥ ||12||
Alle drei [Zustände] sind trügerisch, von den drei Grundqualitäten hervorgebracht. Ihr Seher steht jenseits der Guṇas; ewig ist dieser, dessen Wesen Bewusstsein ist.
yathā mṛdi ghaṭo nāma kanake kuṇḍalābhidhā | śuktau hi rajata-khyātir jīva-śabdas tathā pare ||14||
Wie im Ton der Name „Krug“, im Gold die Bezeichnung „Ohrring“ und in der Perlmuschel die Benennung „Silber“, so ist das Wort „Jīva“ im Höchsten [nur ein Name].
Wie das Blau am Himmel, wie Wasser in der Wüste, wie [die Erscheinung] eines Menschen in einem Baumstumpf, so ist das All im Selbst, dessen Wesen Bewusstsein ist.
so erscheint unter dem Namen „Welt“ das Bewusstsein; alles ist einzig Brahman. Wie es den Sohn einer Unfruchtbaren nicht gibt, wie es kein Wasser in der Wüste gibt,
vīkṣyamāṇe prapañce tu brahmaivābhāti bhāsuram | sadaivātmā viśuddho 'smi hy aśuddho bhāti vai sadā ||20||
so erscheint beim Betrachten der Welt allein das Brahman, das Leuchtende. Immer bin ich das ganz reine Selbst – und doch erscheint es stets als unrein.
Diese Unterscheidung von Selbst und Nicht-Selbst wird von den Verständigen nur zum Schein vollzogen. Wie das Seil als Schlange, die Perlmuschel als Silber
Wort für Wort
ātma-anātma-vivekaḥ ayam
diese Unterscheidung von Selbst und Nicht-Selbst (Nom.Sg.)
mudhā eva
nur zum Schein, vergeblich
kriyate budhaiḥ
wird von den Verständigen vollzogen (3.Sg.Pass.)
sarpatvena
als Schlange (Instr.Sg.)
yathā rajjū
wie das Seil (Nom.)
rajatatvena
als Silber (Instr.Sg.)
śuktikā
die Perlmuschel (Nom.Sg.)
Vorlage: rajjū (Dual); wohl für rajjur (Nom.Sg.) vor r-, der Dual ist metrisch bedingt beibehalten. Zwischen den Halbversen steht in der Vorlage ein Doppelstrich.