Quellen der Menschheit

Yogatattva-Upaniṣad

Abschnitt 1: jñāna-yogau, yoga-catuṣṭayam Eingang; Erkenntnis und Yoga; die vier Arten des Yoga und ihre Glieder (Verse 1–27)

Nach Segensvers und Friedensformel eröffnet der Text als Lehrrede Viṣṇus an Brahmā: Alle Wesen sind im Netz der Māyā gefangen; das teillose, makellose Selbst erscheint als Einzelseele (jīva) mit Ich-Bewusstsein und Körper und unterliegt den Fehlern (doṣa) von Begierde und Zorn bis Hunger und Scham. Der Kernsatz des Werks (Verse 14–15) lautet: Erkenntnis ohne Yoga und Yoga ohne Erkenntnis führen beide nicht zur Erlösung – beides ist zusammen zu üben. Dann werden die vier Arten des Yoga unterschieden – Mantra-, Laya-, Haṭha- und Rāja-Yoga – und die vier Stufen (ārambha, ghaṭa, paricaya, niṣpatti), die auch die Haṭhapradīpikā kennt. Der Haṭha-Yoga wird mit acht Gliedern (einschließlich Yama und Niyama) und den Mudrās Mahāmudrā, Mahābandha, Mahāvedha, Khecarī, Jālandhara, Uḍḍiyāna, Mūla-Bandha sowie Vajrolī, Amarolī und Sahajolī umrissen.

Vers 0 Eingangsvers (maṅgala)

yogaiśvaryaṃ ca kaivalyaṃ jāyate yat-prasādataḥ | tad vaiṣṇavaṃ yoga-tattvaṃ rāmacandra-padaṃ bhaje ||

Durch dessen Gnade die Herrlichkeit des Yoga (yogaiśvarya) und das Alleinsein (kaivalya) entstehen – jene viṣṇuitische Wesenheit des Yoga (yogatattva), die Stätte (pada) Rāmacandras, verehre ich.

Wort für Wort
yoga-aiśvaryam ca
und die Herrlichkeit/Herrschermacht des Yoga (Nom.Sg.)
kaivalyam
das Alleinsein, die Befreiung (Nom.Sg.)
jāyate
entsteht (3.Sg.Präs.Med.)
yat-prasādataḥ
durch dessen Gnade (Adv./Abl.)
tat
jene (Akk.Sg.n.)
vaiṣṇavam
zu Viṣṇu gehörig, viṣṇuitisch (Akk.Sg.)
yoga-tattvam
die Wesenheit des Yoga (Akk.Sg.)
rāmacandra-padam
die Stätte/den Fußstand Rāmacandras (Akk.Sg.)
bhaje
ich verehre (1.Sg.Präs.Med.)

Vorangestellter Segensvers (maṅgala) der Textüberlieferung, nicht Teil der eigentlichen Verszählung. Wie in der Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad weist die Verehrung Rāmacandras auf einen vaiṣṇavischen Überlieferungsträger hin; der Vers spielt zugleich auf den Titel des Werks an, das den Yoga als „viṣṇuitisch“ (vaiṣṇava) auffasst, weil Viṣṇu selbst ihn lehrt (Vers 2–4).

Vers Śānti Friedensformel (śānti-mantra)

oṃ saha nāv avatu | saha nau bhunaktu | saha vīryaṃ karavāvahai | tejasvi nāv adhītam astu mā vidviṣāvahai | oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Oṃ. Er möge uns beide behüten; er möge uns beide nähren; gemeinsam wollen wir beide Kraft wirken; kraftvoll sei, was wir beide gelernt haben; nicht wollen wir einander hassen. Oṃ, Friede, Friede, Friede.

Wort für Wort
saha
zusammen, gemeinsam
nau
uns beide (Akk.Du.)
avatu
er möge behüten (3.Sg.Imp.)
bhunaktu
er möge nähren, genießen lassen (3.Sg.Imp.)
vīryam
Kraft, Tatkraft (Akk.Sg.)
karavāvahai
wir beide wollen wirken (1.Du.Imp.Med.)
tejasvi
kraftvoll, glanzvoll (Nom.Sg.n.)
nau adhītam
unser beider Gelerntes (Nom.Sg.n.)
astu
es sei (3.Sg.Imp.)
mā vidviṣāvahai
nicht wollen wir beide einander hassen (1.Du.Imp.Med. mit Prohibitiv mā)
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ
Oṃ, Friede, Friede, Friede

Die Friedensformel der Upaniṣaden des Kṛṣṇa-Yajurveda (vgl. Taittirīya-Upaniṣad 2,1 und Kaṭha-Upaniṣad); sie kennzeichnet die Zuordnung des Textes zum Schwarzen Yajurveda. Die Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad hat dagegen die Sāmaveda-Formel āpyāyantu mamāṅgāni.

yoga-tattvaṃ pravakṣyāmi yogināṃ hita-kāmyayā | yac chrutvā ca paṭhitvā ca sarva-pāpaiḥ pramucyate ||1||

Die Wesenheit des Yoga (yogatattva) will ich verkünden, aus dem Wunsch, den Yogins zu nützen; wer sie gehört und rezitiert hat, wird von allen Sünden befreit.

Wort für Wort
yoga-tattvam
die Wesenheit/Wahrheit des Yoga (Akk.Sg.)
pravakṣyāmi
ich will verkünden (1.Sg.Fut.)
yoginām
der Yogins (Gen.Pl.)
hita-kāmyayā
aus dem Wunsch nach [ihrem] Wohl (Instr.Sg.)
yat śrutvā ca paṭhitvā ca
welche gehört und rezitiert habend (Absol.)
sarva-pāpaiḥ
von allen Sünden (Instr.Pl.)
pramucyate
man wird befreit (3.Sg.Pass.)

Der Eröffnungsvers ist nach demselben Muster gebaut wie Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad 1 (yoga-cūḍāmaṇiṃ vakṣye yogināṃ hita-kāmyayā).

viṣṇur nāma mahā-yogī mahā-bhūto mahā-tapāḥ | tattva-mārge yathā dīpo dṛśyate puruṣottamaḥ ||2||

Viṣṇu mit Namen, der große Yogin, das große Wesen, der große Asket – wie eine Leuchte auf dem Pfad der Wahrheit (tattva) erscheint der Höchste Puruṣa (puruṣottama).

Wort für Wort
viṣṇuḥ nāma
Viṣṇu mit Namen (Nom.Sg.)
mahā-yogī
der große Yogin (Nom.Sg.)
mahā-bhūtaḥ
das große Wesen (Nom.Sg.)
mahā-tapāḥ
der große Asket, von großer Glut (Nom.Sg.)
tattva-mārge
auf dem Pfad der Wahrheit (Lok.Sg.)
yathā dīpaḥ
wie eine Leuchte (Nom.Sg.)
dṛśyate
wird gesehen, erscheint (3.Sg.Pass.)
puruṣottamaḥ
der Höchste Puruṣa (Nom.Sg.)

Der Vers kehrt am Übergang zum Schlussteil (Verse 130–131) wörtlich wieder und rahmt so die Lehrrede.

tam ārādhya jagannāthaṃ praṇipatya pitāmahaḥ | papraccha yoga-tattvaṃ me brūhi cāṣṭāṅga-saṃyutam ||3||

Nachdem der Urvater (pitāmaha, Brahmā) ihn, den Herrn der Welt, verehrt und sich vor ihm niedergeworfen hatte, fragte er: „Verkünde mir die Wesenheit des Yoga samt seinen acht Gliedern (aṣṭāṅga).“

Wort für Wort
tam
ihn (Akk.Sg.)
ārādhya
verehrt habend (Absol.)
jagat-nātham
den Herrn der Welt (Akk.Sg.)
praṇipatya
sich niedergeworfen habend (Absol.)
pitāmahaḥ
der Urvater, Brahmā (Nom.Sg.)
papraccha
fragte (3.Sg.Perf.)
yoga-tattvam
die Wesenheit des Yoga (Akk.Sg.)
me brūhi
sage mir (2.Sg.Imp.)
ca
und
aṣṭa-aṅga-saṃyutam
mit den acht Gliedern versehen (Akk.Sg.)

Rahmenerzählung: Brahmā fragt, Viṣṇu (Hṛṣīkeśa) lehrt. Die Anreden brahman (Vers 19, 21, 28) und caturānana „Viergesichtiger“ (Vers 29–30) gelten dem fragenden Brahmā.

tam uvāca hṛṣīkeśo vakṣyāmi śṛṇu tattvataḥ | sarve jīvāḥ sukhair duḥkhair māyā-jālena veṣṭitāḥ ||4||

Hṛṣīkeśa (Viṣṇu) sprach zu ihm: „Ich will es verkünden, höre der Wahrheit gemäß. Alle Lebewesen (jīva) sind mit Freuden und Leiden vom Netz der Māyā umhüllt.

Wort für Wort
tam uvāca
sprach zu ihm (3.Sg.Perf.)
hṛṣīkeśaḥ
Hṛṣīkeśa, „Herr der Sinne“, Viṣṇu (Nom.Sg.)
vakṣyāmi
ich will verkünden (1.Sg.Fut.)
śṛṇu
höre (2.Sg.Imp.)
tattvataḥ
der Wahrheit gemäß (Adv.)
sarve jīvāḥ
alle Lebewesen/Seelen (Nom.Pl.)
sukhaiḥ duḥkhaiḥ
mit Freuden und Leiden (Instr.Pl.)
māyā-jālena
vom Netz der Māyā (Instr.Sg.)
veṣṭitāḥ
umhüllt (Nom.Pl.)

Vorlage: dukhair; zu duḥkhair berichtigt. Der E-Text schreibt śṛṇu mit einer Sonderligatur (śa‍ृṇu), hier normalisiert.

teṣāṃ mukti-karaṃ mārgaṃ māyā-jāla-nikṛntanam | janma-mṛtyu-jarā-vyādhi-nāśanaṃ mṛtyu-tārakam ||5||

[Ich verkünde] den Weg, der ihnen Befreiung (mukti) bringt, der das Netz der Māyā zerschneidet, der Geburt, Tod, Alter und Krankheit vernichtet und über den Tod hinwegrettet.

Wort für Wort
teṣām
für sie, ihnen (Gen.Pl.)
mukti-karam
Befreiung bewirkend (Akk.Sg.)
mārgam
den Weg (Akk.Sg.)
māyā-jāla-nikṛntanam
das Netz der Māyā zerschneidend (Akk.Sg.)
janma-mṛtyu-jarā-vyādhi-nāśanam
Geburt, Tod, Alter und Krankheit vernichtend (Akk.Sg.)
mṛtyu-tārakam
über den Tod hinüberrettend (Akk.Sg.)

nānā-mārgais tu duṣprāpaṃ kaivalyaṃ paramaṃ padam | patitāḥ śāstra-jāleṣu prajñayā tena mohitāḥ ||6||

Durch die vielerlei [anderen] Wege aber ist das Alleinsein, der höchste Stand (parama pada), schwer zu erlangen: [Die Menschen] sind in die Netze der Lehrschriften (śāstra) gefallen und durch jene [bloße] Gelehrsamkeit betört.

Wort für Wort
nānā-mārgaiḥ tu
durch vielerlei Wege aber (Instr.Pl.)
duṣprāpam
schwer zu erlangen (Nom.Sg.)
kaivalyam
das Alleinsein (Nom.Sg.)
paramam padam
der höchste Stand (Nom.Sg.)
patitāḥ
gefallen (Nom.Pl.)
śāstra-jāleṣu
in die Netze der Lehrschriften (Lok.Pl.)
prajñayā tena
durch jene Klugheit/Gelehrsamkeit (Instr.Sg.)
mohitāḥ
betört, verwirrt (Nom.Pl.)

anirvācyaṃ padaṃ vaktuṃ na śakyaṃ taiḥ surair api | svātma-prakāśa-rūpaṃ tat kiṃ śāstreṇa prakāśate ||7||

Den unaussprechlichen Stand vermögen selbst die Götter nicht auszusprechen. Wie sollte das, dessen Wesen das Selbstleuchten des eigenen Selbst ist, durch eine Lehrschrift erhellt werden?

Wort für Wort
anirvācyam padam
den unaussprechlichen Stand (Akk.Sg.)
vaktum
auszusprechen (Inf.)
na śakyam
ist nicht möglich (Nom.Sg.n.)
taiḥ suraiḥ api
selbst von jenen Göttern (Instr.Pl.)
sva-ātma-prakāśa-rūpam
dessen Gestalt das Leuchten des eigenen Selbst ist (Nom.Sg.)
tat kim
wie sollte das (Nom.Sg.n.; kim = wie?)
śāstreṇa
durch eine Lehrschrift (Instr.Sg.)
prakāśate
leuchtet, wird erhellt (3.Sg.Präs.Med.)

niṣkalaṃ nirmalaṃ śāntaṃ sarvātītaṃ nirāmayam | tad eva jīva-rūpeṇa puṇya-pāpa-phalair vṛtam ||8||

Teillos, makellos, friedvoll, über alles hinaus, leidlos – eben dieses [Selbst] ist in Gestalt der Einzelseele (jīva) von den Früchten von Verdienst und Schuld (puṇya-pāpa) umhüllt.

Wort für Wort
niṣkalam
teillos (Nom.Sg.n.)
nirmalam
makellos (Nom.Sg.n.)
śāntam
friedvoll (Nom.Sg.n.)
sarva-atītam
über alles hinausgehend (Nom.Sg.n.)
nirāmayam
leidlos, gesund (Nom.Sg.n.)
tat eva
eben dieses (Nom.Sg.n.)
jīva-rūpeṇa
in Gestalt der Einzelseele (Instr.Sg.)
puṇya-pāpa-phalaiḥ
von den Früchten von Verdienst und Schuld (Instr.Pl.)
vṛtam
umhüllt (Nom.Sg.n.)

paramātma-padaṃ nityaṃ tat kathaṃ jīvatāṃ gatam | sarva-bhāva-padātītaṃ jñāna-rūpaṃ nirañjanam ||9||

Wie ist jener ewige Stand des höchsten Selbst (paramātman), der über den Stand aller Seinsweisen hinausgeht, dessen Wesen Erkenntnis ist und der unbefleckt ist, in den Zustand der Einzelseele (jīvatā) gelangt?

Wort für Wort
parama-ātma-padam
der Stand des höchsten Selbst (Nom.Sg.)
nityam
ewig (Nom.Sg.n.)
tat katham
wie [ist] das (Nom.Sg.n.)
jīvatām gatam
zum Zustand der Einzelseele gelangt (Akk.Sg.; Nom.Sg.n.)
sarva-bhāva-pada-atītam
über den Stand aller Seinsweisen hinausgehend (Nom.Sg.n.)
jñāna-rūpam
dessen Wesen Erkenntnis ist (Nom.Sg.n.)
nirañjanam
unbefleckt (Nom.Sg.n.)

vāri-vat sphuritaṃ tasmiṃs tatrāhaṃkṛtir utthitā | pañcātmakam abhūt piṇḍaṃ dhātu-baddhaṃ guṇātmakam ||10||

In ihm [stieg] ein Aufwallen auf wie im Wasser [eine Blase]; daraus erhob sich das Ich-Machen (ahaṃkṛti). [So] entstand der Körperklumpen (piṇḍa), aus den fünf [Elementen] bestehend, von den Körperstoffen (dhātu) gebunden, aus den Guṇas bestehend,

Wort für Wort
vāri-vat
wie Wasser, wie im Wasser
sphuritam
ein Aufblitzen, Aufwallen (Nom.Sg.n.)
tasmin
in ihm (Lok.Sg.)
tatra
dort, daraus
ahaṃkṛtiḥ
das Ich-Machen, Ich-Bewusstsein (Nom.Sg.)
utthitā
erhoben, entstanden (Nom.Sg.f.)
pañca-ātmakam
aus den fünf [Elementen] bestehend (Nom.Sg.n.)
abhūt
entstand (3.Sg.Aor.)
piṇḍam
der Klumpen, der Leib (Nom.Sg.)
dhātu-baddham
von den Körperstoffen gebunden (Nom.Sg.n.)
guṇa-ātmakam
aus den Guṇas bestehend (Nom.Sg.n.)

Kosmogonische Skizze im Stil des Sāṃkhya-Vedānta: Aus einer Regung im ruhenden Absoluten entsteht das Ich-Bewusstsein, aus ihm der Leib aus fünf Elementen und drei Guṇas.

sukha-duḥkhaiḥ samāyuktaṃ jīva-bhāvanayā kuru [?] | tena jīvābhidhā proktā viśuddhaiḥ paramātmani ||11||

mit Freuden und Leiden verbunden, [bewirkt] durch die Vorstellung [des Selbst] als Einzelseele [Anm.: Die Vorlage liest kuru „mache!“, was sich syntaktisch nicht einfügt; erwartet wäre etwa kṛtam „bewirkt“]. Deshalb wird von den Geläuterten beim höchsten Selbst die Bezeichnung „Einzelseele“ (jīva) gebraucht.

Wort für Wort
sukha-duḥkhaiḥ
mit Freuden und Leiden (Instr.Pl.)
samāyuktam
verbunden (Nom.Sg.n.)
jīva-bhāvanayā
durch die Vorstellung [des Selbst] als Einzelseele (Instr.Sg.)
kuru [?]
mache! (2.Sg.Imp.; verderbt, wohl für kṛtam „bewirkt“)
tena
deshalb (Instr.Sg.)
jīva-abhidhā
die Bezeichnung „Jīva“ (Nom.Sg.)
proktā
ausgesprochen, gebraucht (Nom.Sg.f.)
viśuddhaiḥ
von den Geläuterten (Instr.Pl.)
parama-ātmani
beim höchsten Selbst (Lok.Sg.)

kuru ist im Satzgefüge unverständlich (ein Imperativ ohne Objektbezug); wohl verderbt aus kṛtam oder ähnlich. Der Vers begründet, warum das an sich unbefleckte Selbst als „Jīva“ bezeichnet wird: nur aufgrund der Vorstellung (bhāvanā), ein leidendes Einzelwesen zu sein.

kāma-krodha-bhayaṃ cāpi moha-lobha-mado rajaḥ | janma-mṛtyuś ca kārpaṇyaṃ śokas tandrā kṣudhā tṛṣā ||12||

Begierde, Zorn und Furcht, auch Verblendung, Gier, Rausch, Leidenschaft (rajas), Geburt und Tod, Kleinmut, Kummer, Schlaffheit, Hunger, Durst,

Wort für Wort
kāma-krodha-bhayam
Begierde, Zorn, Furcht (Nom.Sg.n., Dvandva)
ca api
und auch
moha-lobha-madaḥ
Verblendung, Gier, Rausch (Nom.Sg., Dvandva)
rajaḥ
Leidenschaft, [Staub der] Erregung (Nom.Sg.)
janma-mṛtyuḥ ca
und Geburt und Tod (Nom.Sg.)
kārpaṇyam
Kleinmut, Erbärmlichkeit (Nom.Sg.)
śokaḥ
Kummer (Nom.Sg.)
tandrā
Schlaffheit, Mattigkeit (Nom.Sg.)
kṣudhā
Hunger (Nom.Sg.)
tṛṣā
Durst (Nom.Sg.)

tṛṣṇā lajjā bhayaṃ duḥkhaṃ viṣādo harṣa eva ca | ebhir doṣair vinirmuktaḥ sa jīvaḥ kevalo mataḥ ||13||

Verlangen (tṛṣṇā), Scham, Angst, Leid, Verzagtheit und auch Freude – von diesen Fehlern (doṣa) befreit, gilt die Einzelseele als allein (kevala).

Wort für Wort
tṛṣṇā
Verlangen, Gier (Nom.Sg.)
lajjā
Scham (Nom.Sg.)
bhayam
Angst (Nom.Sg.)
duḥkham
Leid (Nom.Sg.)
viṣādaḥ
Verzagtheit (Nom.Sg.)
harṣaḥ eva ca
und auch Freude (Nom.Sg.)
ebhiḥ doṣaiḥ
von diesen Fehlern (Instr.Pl.)
vinirmuktaḥ
befreit (Nom.Sg.)
saḥ jīvaḥ
diese Seele (Nom.Sg.)
kevalaḥ mataḥ
gilt als allein, isoliert (Nom.Sg.)

Vorlage: duhkhaṃ; zu duḥkhaṃ berichtigt. Die Fehlerliste zählt einschließlich der Doppelung bhaya achtzehn Glieder; die Aufzählung mischt Affekte, Körperzustände und Geschicke (Geburt, Tod).

tasmād doṣa-vināśārtham upāyaṃ kathayāmi te | yoga-hīnaṃ kathaṃ jñānaṃ mokṣa-daṃ bhavati dhruvam ||14||

Deshalb nenne ich dir das Mittel zur Vernichtung der Fehler. Wie sollte Erkenntnis (jñāna) ohne Yoga sicher die Erlösung (mokṣa) verleihen?

Wort für Wort
tasmāt
deshalb (Abl.Sg.)
doṣa-vināśa-artham
zum Zweck der Vernichtung der Fehler (Adv.)
upāyam
das Mittel (Akk.Sg.)
kathayāmi te
ich nenne dir (1.Sg.Präs.)
yoga-hīnam
ohne Yoga, des Yoga bar (Nom.Sg.n.)
katham
wie
jñānam
Erkenntnis (Nom.Sg.)
mokṣa-dam
Erlösung verleihend (Nom.Sg.n.)
bhavati dhruvam
wird sicher (3.Sg.Präs.)

yogo hi jñāna-hīnas tu na kṣamo mokṣa-karmaṇi | tasmāj jñānaṃ ca yogaṃ ca mumukṣur dṛḍham abhyaset ||15||

Yoga aber ohne Erkenntnis ist zum Werk der Erlösung nicht fähig. Deshalb übe, wer die Befreiung begehrt (mumukṣu), beharrlich Erkenntnis und Yoga zugleich.

Wort für Wort
yogaḥ hi
der Yoga aber (Nom.Sg.)
jñāna-hīnaḥ tu
ohne Erkenntnis aber (Nom.Sg.)
na kṣamaḥ
nicht fähig (Nom.Sg.)
mokṣa-karmaṇi
zum Werk der Erlösung (Lok.Sg.)
tasmāt
deshalb
jñānam ca yogam ca
Erkenntnis und Yoga (Akk.Sg.)
mumukṣuḥ
der nach Befreiung Strebende (Nom.Sg.)
dṛḍham abhyaset
übe beharrlich (3.Sg.Opt.)

Programmatische Verbindung von jñāna und yoga; vgl. Yogaśikhā-Upaniṣad 1,13ff., wo dasselbe Argument breit entfaltet wird.

ajñānād eva saṃsāro jñānād eva vimucyate | jñāna-svarūpam evādau jñānaṃ jñeyaika-sādhanam ||16||

Aus Nichtwissen allein [entsteht] der Daseinskreislauf (saṃsāra); durch Wissen allein wird man befreit. Zuerst [gilt]: Das Wissen ist seinem Wesen nach reine Erkenntnis; das Wissen ist das einzige Mittel zum Erkennbaren.

Wort für Wort
ajñānāt eva
aus Nichtwissen allein (Abl.Sg.)
saṃsāraḥ
der Daseinskreislauf (Nom.Sg.)
jñānāt eva
durch Wissen allein (Abl.Sg.)
vimucyate
man wird befreit (3.Sg.Pass.)
jñāna-svarūpam eva
dessen eigene Gestalt Erkenntnis ist (Nom.Sg.n.)
ādau
zuerst, am Anfang (Lok.Sg.)
jñānam
das Wissen (Nom.Sg.)
jñeya-eka-sādhanam
das einzige Mittel zum zu Erkennenden (Nom.Sg.n.)

jñātaṃ yena nijaṃ rūpaṃ kaivalyaṃ paramaṃ padam | niṣkalaṃ nirmalaṃ sākṣāt sac-cid-ānanda-rūpakam ||17||

[Wissen ist das,] wodurch die eigene Gestalt erkannt wird: das Alleinsein, der höchste Stand, teillos, makellos, unmittelbar von der Gestalt des Seins, Bewusstseins und der Seligkeit (sac-cid-ānanda),

Wort für Wort
jñātam
erkannt (Nom.Sg.n.)
yena
wodurch (Instr.Sg.)
nijam rūpam
die eigene Gestalt (Nom.Sg.)
kaivalyam
das Alleinsein (Nom.Sg.)
paramam padam
der höchste Stand (Nom.Sg.)
niṣkalam
teillos (Nom.Sg.n.)
nirmalam
makellos (Nom.Sg.n.)
sākṣāt
unmittelbar, leibhaftig (Adv.)
sat-cit-ānanda-rūpakam
von der Gestalt des Seins, Bewusstseins und der Seligkeit (Nom.Sg.n.)

utpatti-sthiti-saṃhāra-sphūrti-jñāna-vivarjitam | etaj jñānam iti proktam atha yogaṃ bravīmi te ||18||

frei vom Bewusstsein von Entstehung, Bestehen, Auflösung und [jeder] Regung – dies wird „Erkenntnis“ genannt. Nun verkünde ich dir den Yoga.

Wort für Wort
utpatti-sthiti-saṃhāra-sphūrti-jñāna-vivarjitam
frei vom Bewusstsein von Entstehung, Bestehen, Auflösung und Regung (Nom.Sg.n.)
etat
dies (Nom.Sg.n.)
jñānam iti proktam
wird „Erkenntnis“ genannt (Nom.Sg.n.)
atha
nun
yogam
den Yoga (Akk.Sg.)
bravīmi te
ich verkünde dir (1.Sg.Präs.)

yogo hi bahudhā brahman bhidyate vyavahārataḥ | mantra-yogo layaś caiva haṭho 'sau rāja-yogataḥ ||19||

Der Yoga, o Brahmā, wird nach dem Sprachgebrauch vielfach unterschieden: Mantra-Yoga, Laya[-Yoga], ferner der Haṭha[-Yoga] und schließlich der Rāja-Yoga.

Wort für Wort
yogaḥ hi
der Yoga aber (Nom.Sg.)
bahudhā
vielfach (Adv.)
brahman
o Brahmane/Brahmā (Vok.Sg.)
bhidyate
wird unterschieden (3.Sg.Pass.)
vyavahārataḥ
nach dem Sprachgebrauch (Adv.)
mantra-yogaḥ
Mantra-Yoga (Nom.Sg.)
layaḥ ca eva
und ebenso Laya[-Yoga] (Nom.Sg.)
haṭhaḥ asau
jener Haṭha[-Yoga] (Nom.Sg.)
rāja-yogataḥ
der Rāja-Yoga (Adv.-Form -taḥ für Nom.)

Die Vierteilung Mantra-, Laya-, Haṭha- und Rāja-Yoga ist die klassische Einteilung der Yoga-Upaniṣaden und des Haṭha-Schrifttums (vgl. Yogaśikhā-Upaniṣad 1,129; Śivasaṃhitā 5,9ff.). rāja-yogataḥ mit adverbialem -taḥ steht metrisch für den Nominativ.

ārambhaś ca ghaṭaś caiva tathā paricayaḥ smṛtaḥ | niṣpattiś cety avasthā ca sarvatra parikīrtitā ||20||

Anfang (ārambha), Gefäß (ghaṭa), ebenso Vertrautheit (paricaya) und Vollendung (niṣpatti) – so werden überall die Stufen (avasthā) [des Yoga] verkündet.

Wort für Wort
ārambhaḥ ca
und der Anfang (Nom.Sg.)
ghaṭaḥ ca eva
und ebenso das Gefäß (Nom.Sg.)
tathā
ebenso
paricayaḥ
Vertrautheit (Nom.Sg.)
smṛtaḥ
wird überliefert (Nom.Sg.)
niṣpattiḥ ca iti
und Vollendung – so (Nom.Sg.)
avasthā ca
und [diese] Stufe (Nom.Sg.)
sarvatra
überall
parikīrtitā
verkündet (Nom.Sg.f.)

Die vier Stufen (avasthā) des Haṭha-Yoga finden sich ebenso in Haṭhapradīpikā 4,69–76 und Śivasaṃhitā 3,28ff.; die Yogatattva-Upaniṣad entfaltet sie in den Versen 32–111 als Gerüst ihres Lehrgangs.

eteṣāṃ lakṣaṇaṃ brahman vakṣye śṛṇu samāsataḥ | mātṛkādi-yutaṃ mantraṃ dvādaśābdaṃ tu yo japet ||21||

Ihre Kennzeichen will ich, o Brahmā, verkünden; höre in Kürze. Wer ein Mantra, das mit den Lauten der Mātṛkā (dem Alphabet) und anderem versehen ist, zwölf Jahre lang murmelt,

Wort für Wort
eteṣām
dieser (Gen.Pl.)
lakṣaṇam
das Kennzeichen (Akk.Sg.)
brahman
o Brahmā (Vok.Sg.)
vakṣye
ich will verkünden (1.Sg.Fut.)
śṛṇu samāsataḥ
höre in Kürze (2.Sg.Imp.; Adv.)
mātṛkā-ādi-yutam
mit der Mātṛkā (den Lauten des Alphabets) und anderem versehen (Akk.Sg.)
mantram
ein Mantra (Akk.Sg.)
dvādaśa-abdam tu
zwölf Jahre lang aber (Akk.Sg., Zeitdauer)
yaḥ japet
wer murmelt (3.Sg.Opt.)

krameṇa labhate jñānam aṇimādi-guṇānvitam | alpa-buddhir imaṃ yogaṃ sevate sādhakādhamaḥ ||22||

der erlangt allmählich Erkenntnis, verbunden mit den Fähigkeiten wie Aṇimā (Kleinheit) und den übrigen. Der Übende von geringem Verstand, der geringste unter den Übenden (sādhaka), pflegt diesen [Mantra-]Yoga.

Wort für Wort
krameṇa
allmählich (Instr.Sg.)
labhate
erlangt (3.Sg.Präs.Med.)
jñānam
Erkenntnis (Akk.Sg.)
aṇimā-ādi-guṇa-anvitam
verbunden mit den Fähigkeiten Aṇimā usw. (Akk.Sg.)
alpa-buddhiḥ
von geringem Verstand (Nom.Sg.)
imam yogam
diesen Yoga (Akk.Sg.)
sevate
pflegt (3.Sg.Präs.Med.)
sādhaka-adhamaḥ
der geringste der Übenden (Nom.Sg.)

Dieselbe Abwertung des Mantra-Yoga als Weg des „geringsten Übenden“ in Yogaśikhā-Upaniṣad 1,131.

laya-yogaś citta-layaḥ koṭiśaḥ parikīrtitaḥ | gacchaṃs tiṣṭhan svapan bhuñjan dhyāyen niṣkalam īśvaram ||23||

Der Laya-Yoga ist die Auflösung des Geistes (citta-laya); er wird in Millionen [von Weisen] gelehrt. Ob gehend, stehend, schlafend oder essend – man meditiere über den teillosen Herrn (īśvara):

Wort für Wort
laya-yogaḥ
der Laya-Yoga, Yoga der Auflösung (Nom.Sg.)
citta-layaḥ
Auflösung des Geistes (Nom.Sg.)
koṭiśaḥ
millionenfach, in zehn Millionen [Arten] (Adv.)
parikīrtitaḥ
verkündet (Nom.Sg.)
gacchan tiṣṭhan svapan bhuñjan
gehend, stehend, schlafend, essend (Nom.Sg. Part.Präs.)
dhyāyet
meditiere (3.Sg.Opt.)
niṣkalam īśvaram
über den teillosen Herrn (Akk.Sg.)

sa eva laya-yogaḥ syād dhaṭha-yogam ataḥ śṛṇu | yamaś ca niyamaś caiva āsanaṃ prāṇa-saṃyamaḥ ||24||

eben das ist der Laya-Yoga. Nun höre den Haṭha-Yoga: Zügelung (yama), Regel (niyama), Sitzhaltung (āsana), Bändigung des Atems (prāṇa-saṃyama),

Wort für Wort
saḥ eva
eben das (Nom.Sg.)
laya-yogaḥ syāt
ist der Laya-Yoga (3.Sg.Opt.)
haṭha-yogam
den Haṭha-Yoga (Akk.Sg.)
ataḥ śṛṇu
nun höre (2.Sg.Imp.)
yamaḥ ca
und Yama (Nom.Sg.)
niyamaḥ ca eva
und ebenso Niyama (Nom.Sg.)
āsanam
Sitzhaltung (Nom.Sg.)
prāṇa-saṃyamaḥ
Bändigung des Atems (Nom.Sg.)

pratyāhāro dhāraṇā ca dhyānaṃ bhrū-madhyame harim | samādhiḥ samatāvasthā sāṣṭāṅgo yoga ucyate ||25||

Zurückziehen der Sinne (pratyāhāra), Sammlung (dhāraṇā), Meditation (dhyāna) auf Hari in der Mitte der Brauen und Versenkung (samādhi), der Zustand der Gleichheit – so wird der Yoga mit seinen acht Gliedern genannt.

Wort für Wort
pratyāhāraḥ
Zurückziehen der Sinne (Nom.Sg.)
dhāraṇā ca
und Sammlung (Nom.Sg.)
dhyānam
Meditation (Nom.Sg.)
bhrū-madhyame
in der Mitte der Brauen (Lok.Sg.)
harim
auf Hari (Akk.Sg.)
samādhiḥ
Versenkung (Nom.Sg.)
samatā-avasthā
der Zustand der Gleichheit (Nom.Sg.)
sa-aṣṭa-aṅgaḥ
mit acht Gliedern versehen (Nom.Sg.)
yogaḥ ucyate
wird der Yoga genannt (3.Sg.Pass.)

Der Haṭha-Yoga wird hier mit dem achtgliedrigen Schema Patañjalis gleichgesetzt, in vaiṣṇavischer Färbung: Meditationsobjekt zwischen den Brauen ist Hari (Viṣṇu). Vers 107 wiederholt die Definition des Samādhi als „Zustand der Gleichheit“ von Einzelseele und höchstem Selbst.

mahā-mudrā mahā-bandho mahā-vedhaś ca khecarī | jālandharoḍḍiyāṇaś ca mūla-bandhais tathaiva ca ||26||

Mahāmudrā, Mahābandha, Mahāvedha und Khecarī, Jālandhara und Uḍḍiyāṇa sowie die Mūla-Bandhas,

Wort für Wort
mahā-mudrā
Mahāmudrā, „das große Siegel“ (Nom.Sg.)
mahā-bandhaḥ
Mahābandha, „der große Verschluss“ (Nom.Sg.)
mahā-vedhaḥ ca
und Mahāvedha, „die große Durchbohrung“ (Nom.Sg.)
khecarī
Khecarī, „die im Raum Wandelnde“ (Nom.Sg.)
jālandhara-uḍḍiyāṇaḥ ca
und Jālandhara und Uḍḍiyāṇa (Nom.Sg., Dvandva)
mūla-bandhaiḥ
mit den Mūla-Bandhas (Instr.Pl., metrisch für Nom.)
tathā eva ca
und ebenso

Aufzählung der Mudrās, die in den Versen 112–128 gelehrt werden; die Reihe entspricht Haṭhapradīpikā 3,6–7. mūla-bandhaiḥ (Instr.Pl.) ist grammatisch auffällig und wohl metrisch bedingt.

dīrgha-praṇava-sandhānaṃ siddhānta-śravaṇaṃ param | vajrolī cāmarolī ca sahajolī tridhā matā ||27||

das Verbinden [des Atems] mit dem gedehnten Praṇava (Oṃ), das Hören der Lehrsätze (siddhānta) als Höchstes, und Vajrolī, Amarolī und Sahajolī – [die Vajrolī] gilt als dreifach.

Wort für Wort
dīrgha-praṇava-sandhānam
das Verbinden mit dem gedehnten Praṇava (Nom.Sg.)
siddhānta-śravaṇam
das Hören der Lehrsätze (Nom.Sg.)
param
das Höchste (Nom.Sg.n.)
vajrolī ca
und Vajrolī (Nom.Sg.)
amarolī ca
und Amarolī (Nom.Sg.)
sahajolī
Sahajolī (Nom.Sg.)
tridhā matā
gilt als dreifach (Nom.Sg.f.)

Die drei Formen Vajrolī, Amarolī und Sahajolī werden in Haṭhapradīpikā 3,83–103 gelehrt; die Yogatattva-Upaniṣad behandelt Vajrolī und Amarolī in den Versen 126–128.

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