Abschnitt 4: ghaṭāvasthā, pratyāhāraḥ
Die Gefäß-Stufe und der Pratyāhāra: „All das ist das Selbst“ (Verse 65–80)
Auf der Gefäß-Stufe (ghaṭāvasthā) kommen Prāṇa und Apāna, Manas und Buddhi, Einzelseele und höchstes Selbst zur Einheit; die Übungszeit wird auf ein Viertel verkürzt, der reine Kumbhaka einmal täglich geübt. Der Pratyāhāra wird hier nicht als bloßes Abziehen der Sinne, sondern als Umdeutung jeder Wahrnehmung gelehrt: Was immer der Yogin sieht, hört, riecht, schmeckt oder berührt, betrachte er als das Selbst. Daraus erwachsen die Kräfte des Geistes (Fernhören, Fernsehen, Unsichtbarkeit, Verwandlung von Eisen in Gold, Gehen im Luftraum) – wiederum mit der Mahnung, sie zu verbergen, sich wie ein Einfältiger zu geben und sich durch Bitten der Schüler nicht von der eigenen Übung abbringen zu lassen.
tato bhaved dhaṭhāvasthā pavanābhyāsa-tatparā | prāṇo 'pāno mano buddhir jīvātma-paramātmanoḥ ||65||
Danach tritt die Haṭha-Stufe (haṭhāvasthā) ein, die ganz der Übung des Windes gewidmet ist. Wenn Prāṇa und Apāna, Manas und Buddhi, Einzelseele (jīvātman) und höchstes Selbst (paramātman)
yogī kumbhakam āsthāya pratyāhāraḥ sa ucyate | yad yat paśyati cakṣurbhyāṃ tat tad ātmeti bhāvayet ||69||
[das der Yogin vollzieht,] indem er im Kumbhaka verweilt, wird Pratyāhāra genannt. Was immer er mit den Augen sieht, das alles betrachte er als das Selbst (ātman).
Wort für Wort
yogī kumbhakam āsthāya
der Yogin, im Kumbhaka verweilend (Absol.)
pratyāhāraḥ saḥ ucyate
das wird Pratyāhāra genannt (3.Sg.Pass.)
yat yat paśyati cakṣurbhyām
was immer er mit den Augen sieht (Instr.Du.)
tat tat ātmā iti bhāvayet
das alles betrachte er als „das Selbst“ (3.Sg.Opt.Kaus.)
die Macht des Wortes, die Fähigkeit, jede Gestalt anzunehmen, ebenso das Unsichtbarmachen; durch Bestreichen mit seinem Kot und Harn wird Eisen und dergleichen zu Gold.
ete vighnā mahā-siddher na ramet teṣu buddhimān | na darśayet sva-sāmarthyaṃ yasya kasyāpi yogi-rāṭ ||76||
Diese [Kräfte] sind Hindernisse für die große Vollendung; der Verständige finde an ihnen kein Gefallen. Der König der Yogins zeige seine Fähigkeit keinem, wer es auch sei.
śiṣyāś ca sva-sva-kāryeṣu prārthayanti na saṃśayaḥ | tat-tat-karma-kara-vyagraḥ svābhyāse 'vismṛto bhavet ||78||
Schüler werden ihn ohne Zweifel um [Hilfe in] ihren jeweiligen Angelegenheiten bitten; wer sich mit dem Ausführen all dieser Dinge beschäftigt, vergisst die eigene Übung.
Wort für Wort
śiṣyāḥ ca
und die Schüler (Nom.Pl.)
sva-sva-kāryeṣu
in ihren jeweiligen Angelegenheiten (Lok.Pl.)
prārthayanti
bitten (3.Pl.Präs.)
na saṃśayaḥ
kein Zweifel
tat-tat-karma-kara-vyagraḥ
mit dem Ausführen all dieser Werke beschäftigt (Nom.Sg.)
sva-abhyāse
in Bezug auf die eigene Übung (Lok.Sg.)
(a)vismṛtaḥ bhavet
wird vergesslich (3.Sg.Opt.)
[Anm.: avismṛto der Vorlage („nicht vergessend“) ergibt keinen Sinn; dem Zusammenhang nach ist vismṛto „vergessend“ bzw. „vergessen“ zu lesen – vgl. den Gegensatz avismṛtya in Vers 79.]