Abschnitt 2: haṭha-yogārambhaḥ, prāṇāyāmaḥ
Vorbereitung des Haṭha-Yoga: Hindernisse, Klause, Sitz, Wechselatmung und Reinigung der Kanäle (Verse 28–51)
Die leichte Nahrung gilt als wichtigste Zügelung (yama), die Gewaltlosigkeit als wichtigste Regel (niyama); vier Sitze (Siddha, Padma, Siṃha, Bhadra) werden genannt. Vor den Hindernissen der Anfangszeit – Trägheit, Prahlerei, Umgang mit Schwindlern, Alchemie, Frauen – wird gewarnt. Es folgt die Beschreibung der Klause (maṭha) und des Sitzes, dann die Wechselatmung mit ihren Maßen: 16 Moren Einatmung, 64 Anhalten, 32 Ausatmung, viermal täglich bis zu achtzig Kumbhakas; nach drei Monaten sind die Kanäle rein. Die Kennzeichen der Reinigung (Leichtigkeit, Glanz, Verdauungskraft, Schlankheit), die zu meidenden Speisen und Verhaltensweisen sowie die empfohlene Nahrung schließen sich an, bis hin zum „reinen Kumbhaka“ (kevala-kumbhaka), mit dem nichts mehr unerreichbar ist.
Höre der Wahrheit gemäß, o Brahmā, das Kennzeichen jedes einzelnen von ihnen. Unter den Zügelungen (yama) ist die leichte Nahrung (laghv-āhāra) das eine Hauptstück, kein anderes;
Wort für Wort
eteṣām
von diesen (Gen.Pl.)
lakṣaṇam
das Kennzeichen (Akk.Sg.)
brahman
o Brahmā (Vok.Sg.)
pratyekam
jedes einzelne (Adv.)
śṛṇu tattvataḥ
höre der Wahrheit gemäß (2.Sg.Imp.)
laghu-āhāraḥ
leichte Nahrung (Nom.Sg.)
yameṣu
unter den Yamas (Lok.Pl.)
ekaḥ mukhyaḥ
der eine hauptsächliche (Nom.Sg.)
bhavati
ist (3.Sg.Präs.)
na itaraḥ
kein anderer (Nom.Sg.)
Vorlage: mukhyā (Femininum, wohl aus Vers 29 eingedrungen); zum Maskulinum mukhyo berichtigt, da es sich auf laghv-āhāraḥ bezieht. Sachlich entspricht der Vers Haṭhapradīpikā 1,40: yameṣv iva mitāhāram ahiṃsāṃ niyameṣv iva.
unter den Regeln (niyama) ist die Gewaltlosigkeit (ahiṃsā) das eine Hauptstück, o Viergesichtiger. Siddha, Padma, ebenso Siṃha und Bhadra – das ist die Vierheit [der Sitzhaltungen].
Wort für Wort
ahiṃsā
Gewaltlosigkeit (Nom.Sg.)
niyameṣu
unter den Niyamas (Lok.Pl.)
ekā mukhyā vai
die eine hauptsächliche fürwahr (Nom.Sg.f.)
catur-ānana
o Viergesichtiger [Brahmā] (Vok.Sg.)
siddham
Siddha[-Āsana] (Nom.Sg.n.)
padmam
Padma[-Āsana], Lotossitz (Nom.Sg.n.)
tathā siṃham
ebenso Siṃha[-Āsana], Löwensitz (Nom.Sg.n.)
bhadram ca iti
und Bhadra[-Āsana], der glückverheißende Sitz – so (Nom.Sg.n.)
catuṣṭayam
die Vierheit (Nom.Sg.n.)
Die vier Hauptsitze Siddhāsana, Padmāsana, Siṃhāsana und Bhadrāsana wie in Haṭhapradīpikā 1,34 (siddhaṃ padmaṃ tathā siṃhaṃ bhadraṃ veti catuṣṭayam). Die Zuordnung der ahiṃsā zu den Niyamas (statt zu den Yamas) teilt der Text mit der Haṭhapradīpikā.
In der Zeit der ersten Übung aber, o Viergesichtiger, treten Hindernisse (vighna) auf: Trägheit, Prahlerei, Umgang mit Schwindlern, das Betreiben von Mantras und dergleichen,
Wort für Wort
prathama-abhyāsa-kāle tu
in der Zeit der ersten Übung aber (Lok.Sg.)
vighnāḥ syuḥ
Hindernisse treten auf (3.Pl.Opt.)
catur-ānana
o Viergesichtiger (Vok.Sg.)
ālasyam
Trägheit (Nom.Sg.)
katthanam
Prahlerei (Nom.Sg.)
dhūrta-goṣṭhī
Umgang/Geselligkeit mit Schwindlern (Nom.Sg.)
mantra-ādi-sādhanam
das Betreiben von Mantras und dergleichen (Nom.Sg.)
Vgl. Haṭhapradīpikā 1,15 (atyāhāraḥ prayāsaś ca prajalpo niyamagrahaḥ ...) und Yogakuṇḍalinī-Upaniṣad 1,58ff. mit ähnlichen Hindernislisten.
[Streben nach] Metallen (Alchemie), Frauen, Wankelmut und dergleichen – sie bestehen wahrlich aus [Trugbildern wie] der Luftspiegelung, [nach der der Hirsch dürstet]. Der Weise erkenne dies und lasse kraft seines Verdienstes alle Hindernisse fahren.
Wort für Wort
dhātu-strī-laulyaka-ādīni
Metalle, Frauen, Wankelmut und dergleichen (Nom.Pl.n.)
mṛga-tṛṣṇā-mayāni vai
aus Luftspiegelung bestehend fürwahr (Nom.Pl.n.)
jñātvā
erkannt habend (Absol.)
sudhīḥ
der Weise (Nom.Sg.)
tyajet
lasse fahren (3.Sg.Opt.)
sarvān vighnān
alle Hindernisse (Akk.Pl.)
puṇya-prabhāvataḥ
kraft des Verdienstes (Adv.)
dhātu „Metall“ meint hier die alchemistischen Versuche (Verwandlung unedler Metalle), die auch Haṭhapradīpikā 1,61 als Ablenkung nennt; mṛga-tṛṣṇā „Hirschdurst“ ist das Sanskrit-Wort für Fata Morgana.
ṛju-kāyaḥ prāñjaliś ca praṇamed iṣṭa-devatām | tato dakṣiṇa-hastasya aṅguṣṭhenaiva piṅgalām ||36||
mit aufrechtem Körper und gefalteten Händen, und verneige sich vor seiner erwählten Gottheit (iṣṭa-devatā). Dann [verschließe er] mit dem Daumen der rechten Hand die Piṅgalā –
Wort für Wort
ṛju-kāyaḥ
mit aufrechtem Körper (Nom.Sg.)
prāñjaliḥ ca
und mit gefalteten Händen (Nom.Sg.)
praṇamet
verneige sich (3.Sg.Opt.)
iṣṭa-devatām
vor der erwählten Gottheit (Akk.Sg.)
tataḥ
dann
dakṣiṇa-hastasya
der rechten Hand (Gen.Sg.)
aṅguṣṭhena eva
eben mit dem Daumen (Instr.Sg.)
piṅgalām
die Piṅgalā (Akk.Sg.)
Die Wechselatmung der Verse 36–39 entspricht Haṭhapradīpikā 2,7–10. Hiatus hastasya aṅguṣṭhena ohne Sandhi wie in der Vorlage.
halte nach Vermögen an und lasse [den Atem] langsam durch die Iḍā ausströmen. Durch welche [Nāḍī] er ausatmet, durch die atme er [wieder] ein und halte ohne Zwang an.
dann lasse man ihn durch die Piṅgalā-Nāḍī in zweiunddreißig Moren ausströmen. Wiederum durch die Piṅgalā einatmend, [verfahre man] wie zuvor, wohl gesammelt.
Wort für Wort
recayet
lasse ausströmen (3.Sg.Opt.Kaus.)
piṅgalā-nāḍyā
durch die Piṅgalā-Nāḍī (Instr.Sg.)
dvātriṃśat-mātrayā
in zweiunddreißig Moren (Instr.Sg.)
punaḥ
dann
punaḥ piṅgalayā āpūrya
wieder durch die Piṅgalā einfüllend (Absol.)
pūrvavat
wie zuvor
su-samāhitaḥ
wohl gesammelt (Nom.Sg.)
Das Verhältnis 16 : 64 : 32 (pūraka : kumbhaka : recaka) = 1 : 4 : 2 ist das klassische Maß des Prāṇāyāma.
evaṃ māsa-trayābhyāsān nāḍī-śuddhis tato bhavet | yadā tu nāḍī-śuddhiḥ syāt tadā cihnāni bāhyataḥ ||44||
Durch solche Übung über drei Monate tritt dann die Reinigung der Kanäle (nāḍī-śuddhi) ein. Wenn aber die Reinigung der Kanäle erfolgt ist, dann [zeigen sich] äußerlich Kennzeichen
prātaḥ-snānopavāsādi-kāya-kleśāṃś ca varjayet | abhyāsa-kāle prathamaṃ śastaṃ kṣīrājya-bhojanam ||48||
sowie Bäder am frühen Morgen, Fasten und andere Kasteiungen des Körpers meide er. In der Zeit der Übung ist zuerst Nahrung aus Milch und Butterschmalz empfohlen;
Wort für Wort
prātaḥ-snāna-upavāsa-ādi-kāya-kleśān ca
und Körperkasteiungen wie Frühbad und Fasten (Akk.Pl.)
Speise aus Weizen, Mungbohnen und Reis kennt man als förderlich für das Wachstum im Yoga. Danach aber [esse er] nach Belieben – er wird fähig sein, den Wind anzuhalten.
Durch das Anhalten des Windes nach Belieben gelingt der reine Kumbhaka (kevala-kumbhaka) des Windes. Ist der reine Kumbhaka, der ohne Aus- und Einatmung ist, vollendet,
Wort für Wort
yathā-iṣṭa-vāyu-dhāraṇāt
durch beliebiges Anhalten des Windes (Abl.Sg.)
vāyoḥ
des Windes (Gen.Sg.)
siddhyet
gelingt (3.Sg.Opt.)
kevala-kumbhakaḥ
der reine Kumbhaka (Nom.Sg.)
kevale kumbhake siddhe
wenn der reine Kumbhaka vollendet ist (Lok.abs.)
reca-pūra-vivarjite
frei von Aus- und Einatmung (Lok.Sg.)
Vorlage: kevale kumbhaka siddhe; zu kumbhake berichtigt. Erster Halbvers hypermetrisch.