Quellen der Menschheit

Yogatattva-Upaniṣad

Abschnitt 2: haṭha-yogārambhaḥ, prāṇāyāmaḥ Vorbereitung des Haṭha-Yoga: Hindernisse, Klause, Sitz, Wechselatmung und Reinigung der Kanäle (Verse 28–51)

Die leichte Nahrung gilt als wichtigste Zügelung (yama), die Gewaltlosigkeit als wichtigste Regel (niyama); vier Sitze (Siddha, Padma, Siṃha, Bhadra) werden genannt. Vor den Hindernissen der Anfangszeit – Trägheit, Prahlerei, Umgang mit Schwindlern, Alchemie, Frauen – wird gewarnt. Es folgt die Beschreibung der Klause (maṭha) und des Sitzes, dann die Wechselatmung mit ihren Maßen: 16 Moren Einatmung, 64 Anhalten, 32 Ausatmung, viermal täglich bis zu achtzig Kumbhakas; nach drei Monaten sind die Kanäle rein. Die Kennzeichen der Reinigung (Leichtigkeit, Glanz, Verdauungskraft, Schlankheit), die zu meidenden Speisen und Verhaltensweisen sowie die empfohlene Nahrung schließen sich an, bis hin zum „reinen Kumbhaka“ (kevala-kumbhaka), mit dem nichts mehr unerreichbar ist.

eteṣāṃ lakṣaṇaṃ brahman pratyekaṃ śṛṇu tattvataḥ | laghv-āhāro yameṣv eko mukhyo bhavati netaraḥ ||28||

Höre der Wahrheit gemäß, o Brahmā, das Kennzeichen jedes einzelnen von ihnen. Unter den Zügelungen (yama) ist die leichte Nahrung (laghv-āhāra) das eine Hauptstück, kein anderes;

Wort für Wort
eteṣām
von diesen (Gen.Pl.)
lakṣaṇam
das Kennzeichen (Akk.Sg.)
brahman
o Brahmā (Vok.Sg.)
pratyekam
jedes einzelne (Adv.)
śṛṇu tattvataḥ
höre der Wahrheit gemäß (2.Sg.Imp.)
laghu-āhāraḥ
leichte Nahrung (Nom.Sg.)
yameṣu
unter den Yamas (Lok.Pl.)
ekaḥ mukhyaḥ
der eine hauptsächliche (Nom.Sg.)
bhavati
ist (3.Sg.Präs.)
na itaraḥ
kein anderer (Nom.Sg.)

Vorlage: mukhyā (Femininum, wohl aus Vers 29 eingedrungen); zum Maskulinum mukhyo berichtigt, da es sich auf laghv-āhāraḥ bezieht. Sachlich entspricht der Vers Haṭhapradīpikā 1,40: yameṣv iva mitāhāram ahiṃsāṃ niyameṣv iva.

ahiṃsā niyameṣv ekā mukhyā vai caturānana | siddhaṃ padmaṃ tathā siṃhaṃ bhadraṃ ceti catuṣṭayam ||29||

unter den Regeln (niyama) ist die Gewaltlosigkeit (ahiṃsā) das eine Hauptstück, o Viergesichtiger. Siddha, Padma, ebenso Siṃha und Bhadra – das ist die Vierheit [der Sitzhaltungen].

Wort für Wort
ahiṃsā
Gewaltlosigkeit (Nom.Sg.)
niyameṣu
unter den Niyamas (Lok.Pl.)
ekā mukhyā vai
die eine hauptsächliche fürwahr (Nom.Sg.f.)
catur-ānana
o Viergesichtiger [Brahmā] (Vok.Sg.)
siddham
Siddha[-Āsana] (Nom.Sg.n.)
padmam
Padma[-Āsana], Lotossitz (Nom.Sg.n.)
tathā siṃham
ebenso Siṃha[-Āsana], Löwensitz (Nom.Sg.n.)
bhadram ca iti
und Bhadra[-Āsana], der glückverheißende Sitz – so (Nom.Sg.n.)
catuṣṭayam
die Vierheit (Nom.Sg.n.)

Die vier Hauptsitze Siddhāsana, Padmāsana, Siṃhāsana und Bhadrāsana wie in Haṭhapradīpikā 1,34 (siddhaṃ padmaṃ tathā siṃhaṃ bhadraṃ veti catuṣṭayam). Die Zuordnung der ahiṃsā zu den Niyamas (statt zu den Yamas) teilt der Text mit der Haṭhapradīpikā.

prathamābhyāsa-kāle tu vighnāḥ syuś caturānana | ālasyaṃ katthanaṃ dhūrta-goṣṭhī mantrādi-sādhanam ||30||

In der Zeit der ersten Übung aber, o Viergesichtiger, treten Hindernisse (vighna) auf: Trägheit, Prahlerei, Umgang mit Schwindlern, das Betreiben von Mantras und dergleichen,

Wort für Wort
prathama-abhyāsa-kāle tu
in der Zeit der ersten Übung aber (Lok.Sg.)
vighnāḥ syuḥ
Hindernisse treten auf (3.Pl.Opt.)
catur-ānana
o Viergesichtiger (Vok.Sg.)
ālasyam
Trägheit (Nom.Sg.)
katthanam
Prahlerei (Nom.Sg.)
dhūrta-goṣṭhī
Umgang/Geselligkeit mit Schwindlern (Nom.Sg.)
mantra-ādi-sādhanam
das Betreiben von Mantras und dergleichen (Nom.Sg.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 1,15 (atyāhāraḥ prayāsaś ca prajalpo niyamagrahaḥ ...) und Yogakuṇḍalinī-Upaniṣad 1,58ff. mit ähnlichen Hindernislisten.

dhātu-strī-laulyakādīni mṛga-tṛṣṇā-mayāni vai | jñātvā sudhīs tyajet sarvān vighnān puṇya-prabhāvataḥ ||31||

[Streben nach] Metallen (Alchemie), Frauen, Wankelmut und dergleichen – sie bestehen wahrlich aus [Trugbildern wie] der Luftspiegelung, [nach der der Hirsch dürstet]. Der Weise erkenne dies und lasse kraft seines Verdienstes alle Hindernisse fahren.

Wort für Wort
dhātu-strī-laulyaka-ādīni
Metalle, Frauen, Wankelmut und dergleichen (Nom.Pl.n.)
mṛga-tṛṣṇā-mayāni vai
aus Luftspiegelung bestehend fürwahr (Nom.Pl.n.)
jñātvā
erkannt habend (Absol.)
sudhīḥ
der Weise (Nom.Sg.)
tyajet
lasse fahren (3.Sg.Opt.)
sarvān vighnān
alle Hindernisse (Akk.Pl.)
puṇya-prabhāvataḥ
kraft des Verdienstes (Adv.)

dhātu „Metall“ meint hier die alchemistischen Versuche (Verwandlung unedler Metalle), die auch Haṭhapradīpikā 1,61 als Ablenkung nennt; mṛga-tṛṣṇā „Hirschdurst“ ist das Sanskrit-Wort für Fata Morgana.

prāṇāyāmaṃ tataḥ kuryāt padmāsana-gataḥ svayam | su-śobhanaṃ maṭhaṃ kuryāt sūkṣma-dvāraṃ tu nirvraṇam ||32||

Dann übe er selbst, im Lotossitz sitzend, die Atemzügelung (prāṇāyāma). Er errichte eine wohlgestaltete Klause (maṭha) mit kleiner Tür und ohne Risse,

Wort für Wort
prāṇāyāmam
die Atemzügelung (Akk.Sg.)
tataḥ kuryāt
dann übe er (3.Sg.Opt.)
padma-āsana-gataḥ
im Lotossitz befindlich (Nom.Sg.)
svayam
selbst
su-śobhanam maṭham
eine wohlgestaltete Klause (Akk.Sg.)
kuryāt
er errichte (3.Sg.Opt.)
sūkṣma-dvāram tu
mit kleiner Tür aber (Akk.Sg.)
nirvraṇam
ohne Risse/Löcher (Akk.Sg.)

Die Beschreibung der Klause (Verse 32–35) entspricht Haṭhapradīpikā 1,12–13.

suṣṭhu liptaṃ gomayena sudhayā vā prayatnataḥ | matkuṇair maśakair lūtair varjitaṃ ca prayatnataḥ ||33||

gut verputzt mit Kuhdung oder sorgfältig mit Kalk, und sorgfältig frei von Wanzen, Mücken und Spinnen,

Wort für Wort
suṣṭhu liptam
gut bestrichen, verputzt (Akk.Sg.)
gomayena
mit Kuhdung (Instr.Sg.)
sudhayā vā
oder mit Kalk (Instr.Sg.)
prayatnataḥ
sorgfältig (Adv.)
matkuṇaiḥ maśakaiḥ lūtaiḥ
von Wanzen, Mücken, Spinnen (Instr.Pl.)
varjitam ca
und frei (Akk.Sg.)

dine dine ca saṃmṛṣṭaṃ saṃmārjanyā viśeṣataḥ | vāsitaṃ ca sugandhena dhūpitaṃ guggulādibhiḥ ||34||

Tag für Tag mit dem Besen besonders gründlich gefegt, mit Wohlgeruch durchduftet und mit Guggulu (Bdellium-Harz) und anderem beräuchert.

Wort für Wort
dine dine ca
und Tag für Tag (Lok.Sg.)
saṃmṛṣṭam
gefegt, gereinigt (Akk.Sg.)
saṃmārjanyā
mit dem Besen (Instr.Sg.)
viśeṣataḥ
besonders (Adv.)
vāsitam ca
und durchduftet (Akk.Sg.)
sugandhena
mit Wohlgeruch (Instr.Sg.)
dhūpitam
beräuchert (Akk.Sg.)
guggulu-ādibhiḥ
mit Guggulu und anderem (Instr.Pl.)

nātyucchritaṃ nāti-nīcaṃ cailājina-kuśottaram | tatropaviśya medhāvī padmāsana-samanvitaḥ ||35||

[Auf einem Sitz,] nicht zu hoch, nicht zu niedrig, mit Tuch, Fell und Kuśa-Gras bedeckt – dort setze sich der Verständige nieder, im Lotossitz,

Wort für Wort
na ati-ucchritam
nicht zu hoch (Akk.Sg.)
na ati-nīcam
nicht zu niedrig (Akk.Sg.)
caila-ajina-kuśa-uttaram
mit Tuch, Fell und Kuśa-Gras darüber (Akk.Sg.)
tatra upaviśya
dort sich niedergesetzt habend (Absol.)
medhāvī
der Verständige (Nom.Sg.)
padma-āsana-samanvitaḥ
mit dem Lotossitz versehen (Nom.Sg.)

Die Sitzunterlage aus Tuch, Fell und Kuśa-Gras ist die der Bhagavadgītä 6,11 (cailājina-kuśottaram).

ṛju-kāyaḥ prāñjaliś ca praṇamed iṣṭa-devatām | tato dakṣiṇa-hastasya aṅguṣṭhenaiva piṅgalām ||36||

mit aufrechtem Körper und gefalteten Händen, und verneige sich vor seiner erwählten Gottheit (iṣṭa-devatā). Dann [verschließe er] mit dem Daumen der rechten Hand die Piṅgalā –

Wort für Wort
ṛju-kāyaḥ
mit aufrechtem Körper (Nom.Sg.)
prāñjaliḥ ca
und mit gefalteten Händen (Nom.Sg.)
praṇamet
verneige sich (3.Sg.Opt.)
iṣṭa-devatām
vor der erwählten Gottheit (Akk.Sg.)
tataḥ
dann
dakṣiṇa-hastasya
der rechten Hand (Gen.Sg.)
aṅguṣṭhena eva
eben mit dem Daumen (Instr.Sg.)
piṅgalām
die Piṅgalā (Akk.Sg.)

Die Wechselatmung der Verse 36–39 entspricht Haṭhapradīpikā 2,7–10. Hiatus hastasya aṅguṣṭhena ohne Sandhi wie in der Vorlage.

nirudhya pūrayed vāyum iḍayā tu śanaiḥ śanaiḥ | yathā-śakty avirodhena tataḥ kuryāc ca kumbhakam ||37||

– [sie] verschließend fülle er den Wind ganz langsam durch die Iḍā ein; nach Vermögen, ohne Zwang, führe er dann das Anhalten (kumbhaka) aus.

Wort für Wort
nirudhya
verschließend (Absol.)
pūrayet vāyum
fülle den Wind ein (3.Sg.Opt.Kaus.)
iḍayā tu
durch die Iḍā aber (Instr.Sg.)
śanaiḥ śanaiḥ
ganz langsam
yathā-śakti
nach Vermögen
avirodhena
ohne Widerstand/Zwang (Instr.Sg.)
tataḥ kuryāt ca kumbhakam
dann mache er das Anhalten (3.Sg.Opt.)

punas tyajet piṅgalayā śanair eva na vegataḥ | punaḥ piṅgalayāpūrya pūrayed udaraṃ śanaiḥ ||38||

Dann lasse er [ihn] durch die Piṅgalā ausströmen, ganz langsam, nicht mit Gewalt. Wiederum durch die Piṅgalā einatmend fülle er langsam den Bauch,

Wort für Wort
punaḥ tyajet
dann entlasse er (3.Sg.Opt.)
piṅgalayā
durch die Piṅgalā (Instr.Sg.)
śanaiḥ eva
ganz langsam
na vegataḥ
nicht mit Gewalt/ungestüm
punaḥ piṅgalayā āpūrya
wieder durch die Piṅgalā einfüllend (Absol.)
pūrayet udaram śanaiḥ
fülle den Bauch langsam (3.Sg.Opt.Kaus.)

dhārayitvā yathā-śakti recayed iḍayā śanaiḥ | yayā tyajet tayāpūrya dhārayed avirodhataḥ ||39||

halte nach Vermögen an und lasse [den Atem] langsam durch die Iḍā ausströmen. Durch welche [Nāḍī] er ausatmet, durch die atme er [wieder] ein und halte ohne Zwang an.

Wort für Wort
dhārayitvā yathā-śakti
nach Vermögen angehalten habend (Absol.)
recayet iḍayā śanaiḥ
lasse langsam durch die Iḍā aus (3.Sg.Opt.Kaus.)
yayā tyajet
durch welche er ausatmet (3.Sg.Opt.)
tayā āpūrya
durch die einfüllend (Absol.)
dhārayet avirodhataḥ
halte ohne Zwang an (3.Sg.Opt.Kaus.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 2,7–10 und Yogacūḍāmaṇi 98.

jānu pradakṣiṇī-kṛtya na drutaṃ na vilambitam | aṅguli-sphoṭanaṃ kuryāt sā mātrā parigīyate ||40||

Man umkreise das Knie [mit der Hand], weder schnell noch langsam, und schnalze mit den Fingern – das gilt als eine More (mātrā).

Wort für Wort
jānu pradakṣiṇī-kṛtya
das Knie umkreist habend (Absol.)
na drutam na vilambitam
weder schnell noch langsam
aṅguli-sphoṭanam kuryāt
mache ein Fingerschnalzen (3.Sg.Opt.)
sā mātrā
das ist eine More (Nom.Sg.f.)
parigīyate
wird genannt/besungen (3.Sg.Pass.)

Definition der Zeiteinheit mātrā; die Yogacūḍāmaṇi (Vers 100) setzt statt dessen einen Atemzug an.

iḍayā vāyum āropya śanaiḥ ṣoḍaśa-mātrayā | kumbhayet pūritaṃ paścāc catuḥ-ṣaṣṭyā tu mātrayā ||41||

Durch die Iḍā ziehe man den Wind langsam in sechzehn Moren hinauf; den eingefüllten halte man danach vierundsechzig Moren lang an;

Wort für Wort
iḍayā vāyum āropya
durch die Iḍā den Wind hinaufgeführt habend (Absol.)
śanaiḥ
langsam
ṣoḍaśa-mātrayā
in sechzehn Moren (Instr.Sg.)
kumbhayet pūritam
halte den eingefüllten an (3.Sg.Opt., Denom.)
paścāt
danach
catuḥ-ṣaṣṭyā tu mātrayā
in vierundsechzig Moren (Instr.Sg.)

recayet piṅgalā-nāḍyā dvātriṃśan-mātrayā punaḥ | punaḥ piṅgalayāpūrya pūrvavat su-samāhitaḥ ||42||

dann lasse man ihn durch die Piṅgalā-Nāḍī in zweiunddreißig Moren ausströmen. Wiederum durch die Piṅgalā einatmend, [verfahre man] wie zuvor, wohl gesammelt.

Wort für Wort
recayet
lasse ausströmen (3.Sg.Opt.Kaus.)
piṅgalā-nāḍyā
durch die Piṅgalā-Nāḍī (Instr.Sg.)
dvātriṃśat-mātrayā
in zweiunddreißig Moren (Instr.Sg.)
punaḥ
dann
punaḥ piṅgalayā āpūrya
wieder durch die Piṅgalā einfüllend (Absol.)
pūrvavat
wie zuvor
su-samāhitaḥ
wohl gesammelt (Nom.Sg.)

Das Verhältnis 16 : 64 : 32 (pūraka : kumbhaka : recaka) = 1 : 4 : 2 ist das klassische Maß des Prāṇāyāma.

prātar madhyandine sāyam ardha-rātre ca kumbhakān | śanair aśīti-paryantaṃ catur-vāraṃ samabhyaset ||43||

Morgens, mittags, abends und um Mitternacht übe man die Kumbhakas, viermal [täglich], allmählich bis zu achtzig [Wiederholungen].

Wort für Wort
prātaḥ
morgens
madhyandine
mittags (Lok.Sg.)
sāyam
abends
ardha-rātre ca
und um Mitternacht (Lok.Sg.)
kumbhakān
die Kumbhakas (Akk.Pl.)
śanaiḥ
allmählich
aśīti-paryantam
bis zu achtzig
catur-vāram
viermal
samabhyaset
übe (3.Sg.Opt.)

evaṃ māsa-trayābhyāsān nāḍī-śuddhis tato bhavet | yadā tu nāḍī-śuddhiḥ syāt tadā cihnāni bāhyataḥ ||44||

Durch solche Übung über drei Monate tritt dann die Reinigung der Kanäle (nāḍī-śuddhi) ein. Wenn aber die Reinigung der Kanäle erfolgt ist, dann [zeigen sich] äußerlich Kennzeichen

Wort für Wort
evam
so
māsa-traya-abhyāsāt
durch Übung von drei Monaten (Abl.Sg.)
nāḍī-śuddhiḥ
Reinigung der Kanäle (Nom.Sg.)
tataḥ bhavet
dann tritt ein (3.Sg.Opt.)
yadā tu
wenn aber
nāḍī-śuddhiḥ syāt
die Kanalreinigung erfolgt ist
tadā cihnāni
dann Kennzeichen (Nom.Pl.)
bāhyataḥ
äußerlich (Adv.)

jāyante yogino dehe tāni vakṣyāmy aśeṣataḥ | śarīra-laghutā dīptir jāṭharāgni-vivardhanam ||45||

am Körper des Yogin; die will ich vollständig nennen: Leichtigkeit des Körpers, Glanz, Zunahme des Verdauungsfeuers

Wort für Wort
jāyante
entstehen (3.Pl.Präs.Med.)
yoginaḥ dehe
am Körper des Yogin (Lok.Sg.)
tāni vakṣyāmi
die will ich nennen (1.Sg.Fut.)
aśeṣataḥ
restlos
śarīra-laghutā
Leichtigkeit des Körpers (Nom.Sg.)
dīptiḥ
Glanz (Nom.Sg.)
jāṭhara-agni-vivardhanam
Zunahme des Bauchfeuers (Nom.Sg.)

kṛśatvaṃ ca śarīrasya tadā jāyeta niścitam | yogāvighna-karāhāraṃ varjayed yoga-vittamaḥ ||46||

und Schlankheit des Körpers entstehen dann gewiss. Nahrung, die dem Yoga hinderlich ist, meide der beste Kenner des Yoga:

Wort für Wort
kṛśatvam ca śarīrasya
und Schlankheit des Körpers (Nom.Sg.)
tadā jāyeta niścitam
dann entsteht gewiss (3.Sg.Opt.Med.)
yoga-(a)vighna-kara-āhāram
dem Yoga Hindernis bereitende Nahrung (Akk.Sg.)
varjayet
meide (3.Sg.Opt.Kaus.)
yoga-vittamaḥ
der beste Yoga-Kenner (Nom.Sg.)

Vorlage: yogāvighnakarāhāraṃ; dem Sinn nach yoga-vighna-kara- „dem Yoga Hindernis bereitend“ (das ā ist metrische Dehnung bzw. Schreibfehler).

lavaṇaṃ sarṣapaṃ cāmlam uṣṇaṃ rūkṣaṃ ca tīkṣṇakam | śāka-jātaṃ rāmaṭhādi vahni-strī-patha-sevanam ||47||

Salz, Senf, Saures, Heißes, Trockenes und Scharfes, Blattgemüse, Asafoetida und dergleichen, [ferner] den Umgang mit Feuer, Frauen und Reisen,

Wort für Wort
lavaṇam
Salz (Akk.Sg.)
sarṣapam
Senf (Akk.Sg.)
ca amlam
und Saures
uṣṇam
Heißes
rūkṣam ca
und Trockenes
tīkṣṇakam
Scharfes
śāka-jātam
Gemüseartiges, Blattgemüse (Akk.Sg.)
rāmaṭha-ādi
Asafoetida usw.
vahni-strī-patha-sevanam
Pflege von Feuer, Frauen und Wegen/Reisen (Akk.Sg.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 1,59–61.

prātaḥ-snānopavāsādi-kāya-kleśāṃś ca varjayet | abhyāsa-kāle prathamaṃ śastaṃ kṣīrājya-bhojanam ||48||

sowie Bäder am frühen Morgen, Fasten und andere Kasteiungen des Körpers meide er. In der Zeit der Übung ist zuerst Nahrung aus Milch und Butterschmalz empfohlen;

Wort für Wort
prātaḥ-snāna-upavāsa-ādi-kāya-kleśān ca
und Körperkasteiungen wie Frühbad und Fasten (Akk.Pl.)
varjayet
meide (3.Sg.Opt.)
abhyāsa-kāle
in der Übungszeit (Lok.Sg.)
prathamam
zuerst
śastam
empfohlen (Nom.Sg.)
kṣīra-ājya-bhojanam
Nahrung aus Milch und Butterschmalz (Nom.Sg.)

godhūma-mudga-śāly-annaṃ yoga-vṛddhi-karaṃ viduḥ | tataḥ paraṃ yatheṣṭaṃ tu śaktaḥ syād vāyu-dhāraṇe ||49||

Speise aus Weizen, Mungbohnen und Reis kennt man als förderlich für das Wachstum im Yoga. Danach aber [esse er] nach Belieben – er wird fähig sein, den Wind anzuhalten.

Wort für Wort
godhūma-mudga-śāli-annam
Speise aus Weizen, Mungbohnen, Reis (Akk.Sg.)
yoga-vṛddhi-karam
Yoga-Wachstum bewirkend (Akk.Sg.)
viduḥ
sie kennen (3.Pl.Perf.)
tataḥ param
danach
yathā-iṣṭam tu
nach Belieben aber
śaktaḥ syāt
er wird fähig sein (3.Sg.Opt.)
vāyu-dhāraṇe
im Anhalten des Windes (Lok.Sg.)

yatheṣṭa-vāyu-dhāraṇād vāyoḥ siddhyet kevala-kumbhakaḥ | kevale kumbhake siddhe reca-pūra-vivarjite ||50||

Durch das Anhalten des Windes nach Belieben gelingt der reine Kumbhaka (kevala-kumbhaka) des Windes. Ist der reine Kumbhaka, der ohne Aus- und Einatmung ist, vollendet,

Wort für Wort
yathā-iṣṭa-vāyu-dhāraṇāt
durch beliebiges Anhalten des Windes (Abl.Sg.)
vāyoḥ
des Windes (Gen.Sg.)
siddhyet
gelingt (3.Sg.Opt.)
kevala-kumbhakaḥ
der reine Kumbhaka (Nom.Sg.)
kevale kumbhake siddhe
wenn der reine Kumbhaka vollendet ist (Lok.abs.)
reca-pūra-vivarjite
frei von Aus- und Einatmung (Lok.Sg.)

Vorlage: kevale kumbhaka siddhe; zu kumbhake berichtigt. Erster Halbvers hypermetrisch.

na tasya durlabhaṃ kiñcit triṣu lokeṣu vidyate | prasvedo jāyate pūrvaṃ mardanaṃ tena kārayet ||51||

so gibt es für ihn in den drei Welten nichts, was schwer zu erlangen wäre. Zuerst entsteht Schweiß; mit ihm lasse er [den Körper] einreiben.

Wort für Wort
na tasya durlabham kiñcit
nichts ist für ihn schwer erreichbar
triṣu lokeṣu
in den drei Welten (Lok.Pl.)
vidyate
existiert (3.Sg.Pass.)
prasvedaḥ jāyate pūrvam
zuerst entsteht Schweiß (3.Sg.Präs.Med.)
mardanam tena kārayet
damit lasse er Einreibung ausführen (3.Sg.Opt.Kaus.)

Vgl. Yogacūḍāmaṇi 41 und Haṭhapradīpikā 2,13.

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