Quellen der Menschheit

Yogatattva-Upaniṣad

Abschnitt 3: ārambhāvasthā Die Anfangsstufe: Zittern, Froschbewegung, Schweben, Kräfte und ihre Gefahren (Verse 52–64)

Die Anfangsstufe (ārambha) zeigt sich in einer Folge körperlicher Zeichen: Zittern, hüpfende Fortbewegung im Lotossitz (dārdurī), Abheben vom Boden, übermenschliche Kraft, Verschwinden von Krankheitszeichen, die Fähigkeit, wilde Tiere mit der Hand zu töten, und eine Schönheit wie die des Liebesgottes. Gerade diese Kräfte sind Gefahren: Der Yogin soll sie niemandem zeigen und den Umgang mit Frauen meiden, weil der Verlust des Bindu alles zunichte macht. Die Rezitation des gedehnten Oṃ tilgt die früheren Sünden und beschließt die Anfangsstufe.

tato 'pi dhāraṇād vāyoḥ krameṇaiva śanaiḥ śanaiḥ | kampo bhavati dehasya āsana-sthasya dehinaḥ ||52||

Danach, durch [weiteres] Anhalten des Windes, Schritt für Schritt und ganz allmählich, entsteht ein Zittern des Körpers bei dem im Sitz verweilenden Verkörperten.

Wort für Wort
tataḥ api
danach auch
dhāraṇāt vāyoḥ
durch Anhalten des Windes (Abl.Sg.)
krameṇa eva
Schritt für Schritt
śanaiḥ śanaiḥ
ganz allmählich
kampaḥ bhavati
Zittern entsteht (3.Sg.Präs.)
dehasya
des Körpers (Gen.Sg.)
āsana-sthasya dehinaḥ
des im Sitz befindlichen Verkörperten (Gen.Sg.)

tato 'dhikatarābhyāsād dārdurī svena jāyate | yathā ca darduro bhāva utplutyotplutya gacchati ||53||

Danach, durch noch stärkere Übung, entsteht von selbst die Froschbewegung (dārdurī): Wie ein Frosch hüpfend und hüpfend vorwärtskommt,

Wort für Wort
tataḥ
danach
adhikatara-abhyāsāt
durch noch stärkere Übung (Abl.Sg.)
dārdurī
die Frosch[bewegung] (Nom.Sg.f.)
svena jāyate
entsteht von selbst (3.Sg.Präs.Med.)
yathā ca darduraḥ
und wie ein Frosch (Nom.Sg.)
bhāvaḥ
[seine] Weise/Art (Nom.Sg.)
utplutya utplutya gacchati
hüpfend und hüpfend geht (3.Sg.Präs.)

padmāsana-sthito yogī tathā gacchati bhū-tale | tato 'dhikatarābhyāsād bhūmi-tyāgaś ca jāyate ||54||

so bewegt sich der im Lotossitz verweilende Yogin über den Boden. Danach, durch noch stärkere Übung, entsteht das Verlassen des Bodens:

Wort für Wort
padmāsana-sthitaḥ yogī
der im Lotossitz befindliche Yogin (Nom.Sg.)
tathā gacchati
so geht (3.Sg.Präs.)
bhū-tale
auf dem Erdboden (Lok.Sg.)
tataḥ adhikatara-abhyāsāt
danach durch stärkere Übung (Abl.Sg.)
bhūmi-tyāgaḥ ca jāyate
und das Verlassen der Erde entsteht

Vorlage: adhikatarabhyāsād; zu adhikatarābhyāsād berichtigt.

padmāsana-stha evāsau bhūmim utsṛjya vartate | ati-mānuṣa-ceṣṭādi tathā sāmarthyam udbhavet ||55||

im Lotossitz verweilend verlässt er den Boden [und schwebt]. Ebenso entsteht die Fähigkeit zu übermenschlichem Wirken und dergleichen.

Wort für Wort
padmāsana-sthaḥ eva asau
eben im Lotossitz dieser (Nom.Sg.)
bhūmim utsṛjya
den Boden verlassen habend (Absol.)
vartate
verweilt (3.Sg.Präs.Med.)
ati-mānuṣa-ceṣṭā-ādi
übermenschliches Wirken usw.
tathā
ebenso
sāmarthyam udbhavet
Fähigkeit entsteht (3.Sg.Opt.)

na darśayec ca sāmarthyaṃ darśanaṃ vīryavattaram | svalpaṃ vā bahudhā duḥkhaṃ yogī na vyathate tadā ||56||

Er soll seine Fähigkeit aber nicht zeigen – das Verbergen ist kraftvoller. Ob gering oder vielfältig das Leid – der Yogin wird dann nicht [mehr] erschüttert.

Wort für Wort
na darśayet ca sāmarthyam
und er zeige die Fähigkeit nicht (3.Sg.Opt.Kaus.)
darśanam
das Zeigen / [Nicht-]Zeigen (Nom.Sg.)
vīryavattaram
kraftvoller (Nom.Sg.)
svalpam vā bahudhā duḥkham
gering oder vielfältig das Leid
yogī na vyathate tadā
der Yogin wird dann nicht erschüttert (3.Sg.Präs.Med.)

[Anm.: darśanaṃ vīryavattaram wörtlich „das Zeigen ist [nur] das Kraftvollere“; dem Zusammenhang nach ist das Nichtzeigen (adarśanam) gemeint – vgl. Vers 76–77.]

alpa-mūtra-purīṣaś ca svalpa-nidraś ca jāyate | kīlavo dṛṣikā lālā sveda-durgandhatānane ||57||

Harn und Kot werden wenig, der Schlaf wird kurz. Würmer, Augenschleim, Speichel, Schweiß und übler Geruch des Mundes –

Wort für Wort
alpa-mūtra-purīṣaḥ ca
mit wenig Harn und Kot (Nom.Sg.)
svalpa-nidraḥ ca jāyate
und mit kurzem Schlaf wird er (3.Sg.Präs.Med.)
kīlavaḥ
Würmer (Nom.Pl.)
dṛṣikā
Augenschleim (Nom.Sg.)
lālā
Speichel (Nom.Sg.)
sveda-durgandhatā
Schweiß und übler Geruch (Nom.Sg.)
ānane
im Mund (Lok.Sg.)

kīlava (Wurm) und dṛṣikā (Augenschleim) sind seltene Wörter; Lesart der Vorlage beibehalten.

etāni sarvathā tasya na jāyante tataḥ param | tato 'dhikatarābhyāsād balam utpadyate bahu ||58||

all das entsteht bei ihm von da an nicht mehr. Danach, durch noch stärkere Übung, entsteht große Kraft,

Wort für Wort
etāni sarvathā
diese ganz und gar (Nom.Pl.)
tasya na jāyante
entstehen bei ihm nicht (3.Pl.Präs.Med.)
tataḥ param
von da an
tataḥ adhikatara-abhyāsāt
danach durch stärkere Übung (Abl.Sg.)
balam utpadyate bahu
viel Kraft entsteht (3.Sg.Präs.Med.)

yena bhūcara-siddhiḥ syād bhūcarāṇāṃ jaye kṣamaḥ | vyāghro vā śarabho vyāpi gajo gavaya eva vā ||59||

durch die die Vollendung über die Erdenwesen (bhūcara-siddhi) eintritt: Er ist fähig, die Erdenwesen zu besiegen – Tiger, Śarabha, Elefant, Wildrind

Wort für Wort
yena
durch die (Instr.Sg.)
bhūcara-siddhiḥ syāt
die Erdenwesen-Vollendung tritt ein
bhūcarāṇām jaye kṣamaḥ
fähig zum Sieg über die Erdenwesen (Nom.Sg.)
vyāghraḥ vā
ein Tiger
śarabhaḥ vā api
oder auch ein Śarabha
gajaḥ
Elefant
gavayaḥ eva vā
oder Wildrind (Nom.Sg.)

Vorlage: vyāpi (für vā api). śarabha: mythisches achtbeiniges Raubtier.

siṃho vā yoginā tena mriyante hasta-tāḍitāḥ | kandarpasya yathā rūpaṃ tathā syād api yoginaḥ ||60||

oder Löwe – von diesem Yogin mit der Hand geschlagen, sterben sie. Wie die Gestalt des Liebesgottes (Kandarpa), so wird auch die des Yogin.

Wort für Wort
siṃhaḥ vā
oder ein Löwe (Nom.Sg.)
yoginā tena
von diesem Yogin (Instr.Sg.)
mriyante
sterben (3.Pl.Präs.Med.)
hasta-tāḍitāḥ
mit der Hand geschlagen (Nom.Pl.)
kandarpasya yathā rūpam
wie die Gestalt des Liebesgottes
tathā syāt api yoginaḥ
so wird auch die des Yogin (3.Sg.Opt.)

tad-rūpa-vaśa-gā nāryaḥ kāṅkṣante tasya saṅgamam | yadi saṅgaṃ karoty eṣa tasya bindu-kṣayo bhavet ||61||

Frauen, in den Bann seiner Gestalt geraten, begehren die Vereinigung mit ihm. Wenn er sich [aber] mit ihnen vereint, tritt bei ihm der Schwund des Bindu ein.

Wort für Wort
tat-rūpa-vaśa-gāḥ
in den Bann seiner Gestalt geraten (Nom.Pl.f.)
nāryaḥ
Frauen (Nom.Pl.)
kāṅkṣante
begehren (3.Pl.Präs.Med.)
tasya saṅgamam
die Vereinigung mit ihm (Akk.Sg.)
yadi saṅgam karoti eṣaḥ
wenn dieser Vereinigung vollzieht (3.Sg.Präs.)
tasya bindu-kṣayaḥ bhavet
tritt bei ihm Bindu-Schwund ein (3.Sg.Opt.)

varjayitvā striyāḥ saṅgaṃ kuryād abhyāsam ādarāt | yogino 'ṅge sugandhaś ca jāyate bindu-dhāraṇāt ||62||

Den Umgang mit Frauen meidend, betreibe er die Übung mit Hingabe. Am Leib des Yogin entsteht durch das Bewahren des Bindu auch Wohlgeruch.

Wort für Wort
varjayitvā striyāḥ saṅgam
den Umgang mit einer Frau gemieden habend (Absol.)
kuryāt abhyāsam
betreibe die Übung (3.Sg.Opt.)
ādarāt
mit Hingabe (Abl.Sg.)
yoginaḥ aṅge
am Leib des Yogin (Lok.Sg.)
sugandhaḥ ca jāyate
und Wohlgeruch entsteht
bindu-dhāraṇāt
durch das Bewahren des Bindu (Abl.Sg.)

tato rahasy upāviṣṭaḥ praṇavaṃ pluta-mātrayā | japet pūrvārjitānāṃ tu pāpānāṃ nāśa-hetave ||63||

Dann, an einem abgeschiedenen Ort sitzend, murmle er den Praṇava mit gedehnter (pluta) More, zur Vernichtung der früher erworbenen Sünden.

Wort für Wort
tataḥ
dann
rahasi upāviṣṭaḥ
im Verborgenen sitzend (Nom.Sg.)
praṇavam
den Praṇava (Akk.Sg.)
pluta-mātrayā
mit gedehnter (dreimoriger) More (Instr.Sg.)
japet
murmle (3.Sg.Opt.)
pūrva-arjitānām tu pāpānām
der früher erworbenen Sünden (Gen.Pl.)
nāśa-hetave
zum Zweck der Vernichtung (Dat.Sg.)

sarva-vighna-haro mantraḥ praṇavaḥ sarva-doṣa-hā | evam abhyāsa-yogena siddhir ārambha-sambhavā ||64||

Der Praṇava ist das Mantra, das alle Hindernisse beseitigt und alle Fehler tilgt. So entsteht durch den Yoga der Übung die Vollendung der Anfangsstufe (ārambha).

Wort für Wort
sarva-vighna-haraḥ mantraḥ
das alle Hindernisse beseitigende Mantra (Nom.Sg.)
praṇavaḥ
der Praṇava (Nom.Sg.)
sarva-doṣa-hā
alle Fehler tilgend (Nom.Sg.)
evam abhyāsa-yogena
so durch den Yoga der Übung (Instr.Sg.)
siddhiḥ
Vollendung (Nom.Sg.)
ārambha-sambhavā
aus dem Anfang entstehend, der Anfangsstufe (Nom.Sg.f.)

Die vier Stufen ārambha, ghaṭa, paricaya und niṣpatti (hier: haṭha-avasthā, ghaṭa-avasthā, paricaya-avasthā, rājayoga) entsprechen Haṭhapradīpikā 4,69–76.

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks