Quellen der Menschheit

Yogatattva-Upaniṣad

Abschnitt 5: paricayāvasthā, pañca-dhāraṇāḥ, niṣpattiḥ Die Vertrautheits-Stufe: die fünf Element-Sammlungen, Meditation, Samādhi und Vollendung (Verse 81–111)

Auf der Vertrautheits-Stufe (paricaya) tritt der Wind mit dem Feuer und der Kuṇḍalinī in die Suṣumnā ein. Dann folgen die fünf Sammlungen (dhāraṇā) auf die Elemente mit ihren Körperzonen, Formen, Farben, Keimsilben und Gottheiten: Erde (Füße bis Knie, Viereck, gelb, la, Brahmā), Wasser (Knie bis After, Halbmond, weiß, va, Nārāyaṇa), Feuer (After bis Herz, Dreieck, rot, ra, Rudra), Wind (Herz bis Brauen, Sechseck, schwarz, ya, Īśvara) und Raum (Brauen bis Scheitel, Kreis, rauchfarben, ha, Sadāśiva); jede Sammlung wird zwei Stunden gehalten und verleiht Schutz vor dem jeweiligen Element. Die Meditation mit Eigenschaften (saguṇa) gibt die acht Kräfte, die eigenschaftslose führt in zwölf Tagen zum Samādhi, der Gleichheit von Einzelseele und höchstem Selbst. Der Vollendete kann den Leib nach Belieben ablegen oder mit ihm als Gott, Mensch oder Tier durch die Welten wandeln – die Frucht ist in jedem Fall dieselbe.

tataḥ paricayāvasthā jāyate 'bhyāsa-yogataḥ | vāyuḥ paricito yatnād agninā saha kuṇḍalīm ||81||

Danach entsteht durch die Übung die Stufe der Vertrautheit (paricayāvasthā): Der Wind, durch Bemühen vertraut gemacht, [erweckt] zusammen mit dem Feuer die Kuṇḍalī,

Wort für Wort
tataḥ
danach
paricaya-avasthā
die Vertrautheits-Stufe (Nom.Sg.)
jāyate abhyāsa-yogataḥ
entsteht durch Übung
vāyuḥ paricitaḥ
der vertraut gemachte Wind (Nom.Sg.)
yatnāt
durch Bemühen (Abl.Sg.)
agninā saha
zusammen mit dem Feuer (Instr.Sg.)
kuṇḍalīm
die Kuṇḍalī (Akk.Sg.)

bhāvayitvā suṣumnāyāṃ praviśed anirodhataḥ | vāyunā saha cittaṃ ca praviśec ca mahā-patham ||82||

durchdringt sie und tritt ungehindert in die Suṣumnā ein; und mit dem Wind tritt auch der Geist (citta) in den großen Pfad ein.

Wort für Wort
bhāvayitvā
durchdrungen/erweckt habend (Absol.)
suṣumnāyām praviśet
tritt in die Suṣumnā ein (3.Sg.Opt.)
anirodhataḥ
ungehindert
vāyunā saha cittam ca
und der Geist mit dem Wind
praviśet ca mahā-patham
tritt in den großen Pfad ein (Akk.Sg.)

yasya cittaṃ sva-pavanaṃ suṣumnāṃ praviśed iha | bhūmir āpo 'nalo vāyur ākāśaś ceti pañcakaḥ ||83||

Wessen Geist samt seinem Wind hier in die Suṣumnā eintritt, [der kennt] die Fünfheit: Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum;

Wort für Wort
yasya cittam
wessen Geist (Nom.Sg.)
sva-pavanam
mit dem eigenen Wind
suṣumnām praviśet iha
hier in die Suṣumnā eintritt (3.Sg.Opt.)
bhūmiḥ āpaḥ analaḥ vāyuḥ ākāśaḥ ca iti
Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum
pañcakaḥ
die Fünfheit (Nom.Sg.)

yeṣu pañcasu devānāṃ dhāraṇā pañcadhodyate | pādādi-jānu-paryantaṃ pṛthivī-sthānam ucyate ||84||

auf diese fünf bezogen wird die fünffache Sammlung (dhāraṇā) der Gottheiten gelehrt. Von den Füßen bis zu den Knien heißt [der Bereich] Ort der Erde.

Wort für Wort
yeṣu pañcasu
in Bezug auf diese fünf (Lok.Pl.)
devānām dhāraṇā
die Sammlung der Gottheiten (Nom.Sg.)
pañcadhā udyate
wird fünffach gelehrt (3.Sg.Pass.)
pāda-ādi-jānu-paryantam
von den Füßen bis zu den Knien
pṛthivī-sthānam ucyate
wird Ort der Erde genannt

Die fünf Element-Dhāraṇās (Verse 84–102) entsprechen Gorakṣaśataka (Lonavla) 71 ff. und Yogatattva-Parallelen in der Triśikhibrāhmaṇa-Upaniṣad.

pṛthivī catur-asraṃ ca pīta-varṇaṃ la-varṇakam | pārthive vāyum āropya la-kāreṇa samanvitam ||85||

Die Erde ist viereckig, gelb von Farbe, mit dem Laut la verbunden. Man führe den Wind in den Erdbereich, verbunden mit dem Laut la,

Wort für Wort
pṛthivī
die Erde (Nom.Sg.)
catur-asram ca
und viereckig
pīta-varṇam
gelbfarbig
la-varṇakam
mit dem Laut la
pārthive
in den irdischen [Bereich] (Lok.Sg.)
vāyum āropya
den Wind hinaufgeführt habend (Absol.)
la-kāreṇa samanvitam
mit dem Laut la verbunden (Akk.Sg.)

dhyāyaṃś catur-bhujākāraṃ catur-vaktraṃ hiraṇmayam | dhārayet pañca-ghaṭikāḥ pṛthivī-jayam āpnuyāt ||86||

meditiere den Vierarmigen, Viergesichtigen, Goldenen [Brahmā] und halte [den Wind] fünf Ghaṭikās (zwei Stunden) lang – so erlangt er den Sieg über die Erde.

Wort für Wort
dhyāyan
meditierend (Nom.Sg. Part.)
catur-bhuja-ākāram
von vierarmiger Gestalt (Akk.Sg.)
catur-vaktram
viergesichtig
hiraṇmayam
golden
dhārayet pañca-ghaṭikāḥ
halte fünf Ghaṭikās lang (3.Sg.Opt.Kaus.)
pṛthivī-jayam āpnuyāt
erlange den Sieg über die Erde (3.Sg.Opt.)

ghaṭikā = 24 Minuten; fünf Ghaṭikās = zwei Stunden.

pṛthivī-yogato mṛtyur na bhaved asya yoginaḥ | ā-jānoḥ pāyu-paryantam apāṃ sthānaṃ prakīrtitam ||87||

Durch die Verbindung mit der Erde trifft diesen Yogin kein Tod [durch die Erde]. Von den Knien bis zum After wird der Ort des Wassers genannt.

Wort für Wort
pṛthivī-yogataḥ
durch die Erd-Verbindung
mṛtyuḥ na bhavet
Tod tritt nicht ein (3.Sg.Opt.)
asya yoginaḥ
diesem Yogin (Gen.Sg.)
ā-jānoḥ
von den Knien an (Abl.Sg.)
pāyu-paryantam
bis zum After
apām sthānam prakīrtitam
wird als Ort des Wassers verkündet

āpo 'rdha-candraṃ śuklaṃ ca vaṃ-bījaṃ parikīrtitam | vāruṇe vāyum āropya va-kāreṇa samanvitam ||88||

Das Wasser ist halbmondförmig, weiß, seine Keimsilbe wird als vaṃ verkündet. Man führe den Wind in den Wasserbereich, verbunden mit dem Laut va,

Wort für Wort
āpaḥ
das Wasser (Nom.Pl.)
ardha-candram
halbmondförmig
śuklam ca
und weiß
vaṃ-bījam parikīrtitam
die Keimsilbe vaṃ wird verkündet
vāruṇe
in den Bereich Varuṇas/des Wassers (Lok.Sg.)
vāyum āropya
den Wind hinaufgeführt habend (Absol.)
va-kāreṇa samanvitam
mit dem Laut va verbunden

smaran nārāyaṇaṃ devaṃ catur-bāhuṃ kirīṭinam | śuddha-sphaṭika-saṅkāśaṃ pīta-vāsasam acyutam ||89||

und gedenke des Gottes Nārāyaṇa, des Vierarmigen mit dem Diadem, dem reinen Bergkristall gleich, in gelbem Gewand, des Unerschütterlichen (Acyuta);

Wort für Wort
smaran
gedenkend (Nom.Sg. Part.)
nārāyaṇam devam
des Gottes Nārāyaṇa (Akk.Sg.)
catur-bāhum
vierarmig
kirīṭinam
mit Diadem
śuddha-sphaṭika-saṅkāśam
reinem Bergkristall gleich
pīta-vāsasam
in gelbem Gewand
acyutam
den Unerschütterlichen (Akk.Sg.)

dhārayet pañca-ghaṭikāḥ sarva-pāpaiḥ pramucyate | tato jalād bhayaṃ nāsti jale mṛtyur na vidyate ||90||

halte fünf Ghaṭikās lang – so wird er von allen Sünden befreit. Fortan gibt es für ihn keine Furcht vor dem Wasser, im Wasser findet er nicht den Tod.

Wort für Wort
dhārayet pañca-ghaṭikāḥ
halte fünf Ghaṭikās lang (3.Sg.Opt.Kaus.)
sarva-pāpaiḥ pramucyate
wird von allen Sünden befreit (3.Sg.Pass.)
tataḥ jalāt bhayam na asti
fortan gibt es keine Furcht vor Wasser (Abl.Sg.)
jale mṛtyuḥ na vidyate
im Wasser gibt es keinen Tod (Lok.Sg.)

ā-pāyor hṛdayāntaṃ ca vahni-sthānaṃ prakīrtitam | vahnis tri-koṇaṃ raktaṃ ca rephākṣara-samudbhavam ||91||

Vom After bis zum Herzen wird der Ort des Feuers genannt. Das Feuer ist dreieckig, rot und entspringt der Silbe ra (repha).

Wort für Wort
ā-pāyoḥ
vom After an (Abl.Sg.)
hṛdaya-antam ca
bis zum Herzen
vahni-sthānam prakīrtitam
wird als Ort des Feuers verkündet
vahniḥ tri-koṇam
das Feuer ist dreieckig
raktam ca
und rot
repha-akṣara-samudbhavam
aus der Silbe ra entspringend (Nom.Sg.)

vahnau cānilam āropya rephākṣara-samujjvalam | try-akṣaṃ vara-daṃ rudraṃ taruṇāditya-saṃnibham ||92||

Man führe den Wind in das Feuer, leuchtend von der Silbe ra, und gedenke des dreiäugigen, Wünsche gewährenden Rudra, der jungen Sonne gleich,

Wort für Wort
vahnau ca anilam āropya
und den Wind ins Feuer hinaufgeführt habend (Absol.)
repha-akṣara-samujjvalam
von der Silbe ra erstrahlend (Akk.Sg.)
tri-akṣam
dreiäugig
vara-dam
Wünsche gewährend
rudram
Rudra (Akk.Sg.)
taruṇa-āditya-saṃnibham
der jungen Sonne gleich

bhasmoddhūlita-sarvāṅgaṃ su-prasannam anusmaran | dhārayet pañca-ghaṭikā vahnināsau na dāhyate ||93||

mit Asche an allen Gliedern bestäubt, höchst gnädig; und halte fünf Ghaṭikās lang – so wird er vom Feuer nicht verbrannt.

Wort für Wort
bhasma-uddhūlita-sarva-aṅgam
mit Asche an allen Gliedern bestäubt (Akk.Sg.)
su-prasannam
höchst gnädig
anusmaran
gedenkend (Nom.Sg. Part.)
dhārayet pañca-ghaṭikāḥ
halte fünf Ghaṭikās lang
vahninā asau na dāhyate
dieser wird vom Feuer nicht verbrannt (3.Sg.Pass.)

na dahyate śarīraṃ ca praviṣṭasyāgni-maṇḍale | ā-hṛdayād bhruvor madhyaṃ vāyu-sthānaṃ prakīrtitam ||94||

Auch der Körper dessen, der in einen Feuerkreis eingetreten ist, verbrennt nicht. Vom Herzen bis zur Mitte der Brauen wird der Ort des Windes genannt.

Wort für Wort
na dahyate śarīram ca
auch der Körper verbrennt nicht (3.Sg.Pass.)
praviṣṭasya agni-maṇḍale
des in einen Feuerkreis Eingetretenen (Gen.Sg.; Lok.Sg.)
ā-hṛdayāt
vom Herzen an (Abl.Sg.)
bhruvoḥ madhyam
bis zur Mitte der Brauen
vāyu-sthānam prakīrtitam
wird als Ort des Windes verkündet

vāyuḥ ṣaṭ-koṇakaṃ kṛṣṇaṃ ya-kārākṣara-bhāsuram | mārutaṃ marutāṃ sthāne ya-kārākṣara-bhāsuram ||95||

Der Wind ist sechseckig, schwarz, leuchtend von der Silbe ya. [Man führe] den Wind an den Ort der Winde, leuchtend von der Silbe ya,

Wort für Wort
vāyuḥ ṣaṭ-koṇakam
der Wind ist sechseckig
kṛṣṇam
schwarz
ya-kāra-akṣara-bhāsuram
von der Silbe ya leuchtend
mārutam
den Wind (Akk.Sg.)
marutām sthāne
am Ort der Winde (Lok.Sg.)

dhārayet tatra sarva-jñam īśvaraṃ viśvato-mukham | dhārayet pañca-ghaṭikā vāyuvad vyoma-go bhavet ||96||

und halte dort den Allwissenden, den Herrn (Īśvara), den nach allen Seiten Gewandten [im Geist fest]; halte fünf Ghaṭikās lang – so kann er wie der Wind durch den Luftraum gehen.

Wort für Wort
dhārayet tatra
halte dort fest (3.Sg.Opt.Kaus.)
sarva-jñam
den Allwissenden (Akk.Sg.)
īśvaram
den Herrn
viśvataḥ-mukham
nach allen Seiten gewandt
dhārayet pañca-ghaṭikāḥ
halte fünf Ghaṭikās lang
vāyu-vat vyoma-gaḥ bhavet
wird wie der Wind im Raum gehend (3.Sg.Opt.)

maraṇaṃ na tu vāyoś ca bhayaṃ bhavati yoginaḥ | ā-bhrū-madhyāt tu mūrdhāntam ākāśa-sthānam ucyate ||97||

Weder Tod noch Furcht kommen dem Yogin vom Wind. Von der Brauenmitte bis zum Scheitel heißt [der Bereich] Ort des Raumes.

Wort für Wort
maraṇam na tu
nicht Tod
vāyoḥ ca bhayam
und Furcht vor dem Wind (Abl.Sg.)
bhavati yoginaḥ
entsteht dem Yogin (Gen.Sg.)
ā-bhrū-madhyāt tu
von der Brauenmitte an (Abl.Sg.)
mūrdha-antam
bis zum Scheitel
ākāśa-sthānam ucyate
wird Ort des Raumes genannt

vyoma vṛttaṃ ca dhūmraṃ ca ha-kārākṣara-bhāsuram | ākāśe vāyum āropya ha-kāropari śaṅkaram ||98||

Der Raum ist rund, rauchfarben, leuchtend von der Silbe ha. Man führe den Wind in den Raum und [meditiere] über dem Laut ha den Śaṅkara,

Wort für Wort
vyoma vṛttam ca
der Raum ist rund
dhūmram ca
und rauchfarben
ha-kāra-akṣara-bhāsuram
von der Silbe ha leuchtend
ākāśe vāyum āropya
den Wind in den Raum hinaufgeführt habend (Absol.)
ha-kāra-upari
über dem Laut ha
śaṅkaram
Śaṅkara (Akk.Sg.)

bindu-rūpaṃ mahā-devaṃ vyomākāraṃ sadā-śivam | śuddha-sphaṭika-saṅkāśaṃ dhṛta-bālendu-maulinam ||99||

den Großen Gott (Mahādeva) in Gestalt des Bindu, den Raumgestaltigen, Sadāśiva, dem reinen Bergkristall gleich, mit der Mondsichel im Haar,

Wort für Wort
bindu-rūpam
in Bindu-Gestalt (Akk.Sg.)
mahā-devam
den Großen Gott
vyoma-ākāram
raumgestaltig
sadā-śivam
Sadāśiva
śuddha-sphaṭika-saṅkāśam
reinem Bergkristall gleich
dhṛta-bāla-indu-maulinam
die junge Mondsichel als Scheitelschmuck tragend (Akk.Sg.)

pañca-vaktra-yutaṃ saumyaṃ daśa-bāhuṃ tri-locanam | sarvāyudhair dhṛtākāraṃ sarva-bhūṣaṇa-bhūṣitam ||100||

mit fünf Gesichtern, mild, zehnarmig, dreiäugig, mit allen Waffen ausgestattet, mit allen Zierden geschmückt,

Wort für Wort
pañca-vaktra-yutam
mit fünf Gesichtern versehen
saumyam
mild, freundlich
daśa-bāhum
zehnarmig
tri-locanam
dreiäugig
sarva-āyudhaiḥ dhṛta-ākāram
mit allen Waffen in seiner Gestalt (Akk.Sg.)
sarva-bhūṣaṇa-bhūṣitam
mit allen Zierden geschmückt

umārdha-dehaṃ vara-daṃ sarva-kāraṇa-kāraṇam | ākāśa-dhāraṇāt tasya khecaratvaṃ bhaved dhruvam ||101||

dessen halber Leib Umā ist, Wünsche gewährend, die Ursache aller Ursachen. Durch die Raum-Sammlung wird ihm gewiss das Wandeln im Luftraum (khecaratva) zuteil.

Wort für Wort
umā-ardha-deham
dessen halber Leib Umā ist (Akk.Sg.)
vara-dam
Wünsche gewährend
sarva-kāraṇa-kāraṇam
Ursache aller Ursachen
ākāśa-dhāraṇāt
durch die Raum-Sammlung (Abl.Sg.)
tasya
ihm (Gen.Sg.)
khecaratvam bhavet dhruvam
wird gewiss das Raumwandeln (3.Sg.Opt.)

yatra kutra sthito vāpi sukham atyantam aśnute | evaṃ ca dhāraṇāḥ pañca kuryād yogī vicakṣaṇaḥ ||102||

Wo immer er sich aufhält, genießt er vollkommenes Glück. So führe der verständige Yogin die fünf Sammlungen (dhāraṇā) aus.

Wort für Wort
yatra kutra sthitaḥ vā api
wo auch immer befindlich
sukham atyantam aśnute
genießt vollkommenes Glück (3.Sg.Präs.Med.)
evam ca
und so
dhāraṇāḥ pañca kuryāt
mache die fünf Dhāraṇās (3.Sg.Opt.)
yogī vicakṣaṇaḥ
der verständige Yogin (Nom.Sg.)

tato dṛḍha-śarīraḥ syān mṛtyus tasya na vidyate | brahmaṇaḥ pralayenāpi na sīdati mahā-matiḥ ||103||

Dann wird sein Körper fest, und für ihn gibt es keinen Tod; selbst bei der Auflösung [der Welt] Brahmās geht der Hochsinnige nicht zugrunde.

Wort für Wort
tataḥ dṛḍha-śarīraḥ syāt
dann hat er einen festen Körper (3.Sg.Opt.)
mṛtyuḥ tasya na vidyate
Tod gibt es für ihn nicht
brahmaṇaḥ pralayena api
selbst durch die Auflösung Brahmās (Instr.Sg.)
na sīdati
geht nicht zugrunde (3.Sg.Präs.)
mahā-matiḥ
der Hochsinnige (Nom.Sg.)

samabhyaset tathā dhyānaṃ ghaṭikā-ṣaṣṭim eva ca | vāyuṃ nirudhya cākāśe devatām iṣṭa-dām iti ||104||

Ebenso übe er die Meditation (dhyāna) ganze sechzig Ghaṭikās (einen vollen Tag) lang: den Wind anhaltend, im Raum [des Herzens] die Gottheit, die das Erwünschte gewährt, [betrachtend].

Wort für Wort
samabhyaset tathā dhyānam
ebenso übe er die Meditation (3.Sg.Opt.)
ghaṭikā-ṣaṣṭim eva ca
ganze sechzig Ghaṭikās (Akk.Sg.)
vāyum nirudhya
den Wind anhaltend (Absol.)
ca ākāśe
und im Raum (Lok.Sg.)
devatām iṣṭa-dām iti
die Gottheit als Gewährerin des Erwünschten (Akk.Sg.)

saguṇaṃ dhyānam etat syād aṇimādi-guṇa-pradam | nirguṇa-dhyāna-yuktasya samādhiś ca tato bhavet ||105||

Dies ist die Meditation auf das mit Eigenschaften Versehene (saguṇa); sie verleiht die Kräfte wie das Kleinwerden (aṇimā) und die übrigen. Wer aber der eigenschaftslosen (nirguṇa) Meditation hingegeben ist, dem wird daraus der Samādhi.

Wort für Wort
saguṇam dhyānam etat syāt
dies ist die Meditation mit Eigenschaften
aṇimā-ādi-guṇa-pradam
die Kräfte Aṇimā usw. verleihend (Nom.Sg.)
nirguṇa-dhyāna-yuktasya
des mit eigenschaftsloser Meditation Verbundenen (Gen.Sg.)
samādhiḥ ca tataḥ bhavet
und daraus wird der Samādhi (3.Sg.Opt.)

dina-dvādaśakenaiva samādhiṃ samavāpnuyāt | vāyuṃ nirudhya medhāvī jīvan-mukto bhavaty ayam ||106||

In nur zwölf Tagen erreicht er den Samādhi. Indem der Verständige den Wind anhält, wird er zu Lebzeiten befreit (jīvanmukta).

Wort für Wort
dina-dvādaśakena eva
in nur zwölf Tagen (Instr.Sg.)
samādhim samavāpnuyāt
erreicht den Samādhi (3.Sg.Opt.)
vāyum nirudhya
den Wind anhaltend (Absol.)
medhāvī
der Verständige (Nom.Sg.)
jīvan-muktaḥ bhavati ayam
dieser wird lebend-befreit (3.Sg.Präs.)

samādhiḥ samatāvasthā jīvātma-paramātmanoḥ | yadi sva-deham utsraṣṭum icchā ced utsṛjet svayam ||107||

Der Samādhi ist der Zustand der Gleichheit von Einzelseele (jīvātman) und höchstem Selbst (paramātman). Wenn dann der Wunsch besteht, den eigenen Körper abzulegen, so lege er ihn selbst ab

Wort für Wort
samādhiḥ
der Samādhi (Nom.Sg.)
samatā-avasthā
Zustand der Gleichheit (Nom.Sg.)
jīvātma-paramātmanoḥ
von Einzelseele und höchstem Selbst (Gen.Du.)
yadi sva-deham utsraṣṭum icchā cet
wenn der Wunsch besteht, den eigenen Körper abzulegen (Inf.)
utsṛjet svayam
lege er ihn selbst ab (3.Sg.Opt.)

para-brahmaṇi līyeta na tasyotkrāntir iṣyate | atha no cet samutsraṣṭuṃ sva-śarīraṃ priyaṃ yadi ||108||

und gehe im höchsten Brahman auf; ein [gewöhnliches] Ausscheiden [der Seele] gilt für ihn nicht. Wenn er aber den Körper nicht ablegen will, wenn ihm der eigene Leib lieb ist,

Wort für Wort
para-brahmaṇi līyeta
gehe im höchsten Brahman auf (3.Sg.Opt.Med.)
na tasya utkrāntiḥ iṣyate
ein Ausscheiden gilt für ihn nicht (3.Sg.Pass.)
atha no cet samutsraṣṭum
wenn er aber nicht ablegen will (Inf.)
sva-śarīram priyam yadi
wenn der eigene Leib lieb ist

sarva-lokeṣu viharann aṇimādi-guṇānvitaḥ | kadācit svecchayā devo bhūtvā svarge mahīyate ||109||

so wandelt er, mit den Kräften Aṇimā und den übrigen ausgestattet, durch alle Welten; bisweilen wird er nach eigenem Willen ein Gott und wird im Himmel geehrt.

Wort für Wort
sarva-lokeṣu viharan
in allen Welten wandelnd (Lok.Pl.; Part.)
aṇimā-ādi-guṇa-anvitaḥ
mit den Kräften Aṇimā usw. versehen (Nom.Sg.)
kadācit
bisweilen
sva-icchayā
nach eigenem Willen (Instr.Sg.)
devaḥ bhūtvā
ein Gott geworden (Absol.)
svarge mahīyate
wird im Himmel geehrt (3.Sg.Pass.)

manuṣyo vāpi yakṣo vā svecchayāpi kṣaṇād bhavet | siṃho vyāghro gajo vāśvaḥ svecchayā bahutām iyāt ||110||

Oder er wird nach eigenem Willen in einem Augenblick ein Mensch oder ein Yakṣa; als Löwe, Tiger, Elefant oder Pferd kann er nach eigenem Willen Vielgestalt annehmen.

Wort für Wort
manuṣyaḥ vā api
oder auch ein Mensch (Nom.Sg.)
yakṣaḥ vā
oder ein Yakṣa
sva-icchayā api
auch nach eigenem Willen
kṣaṇāt bhavet
wird in einem Augenblick (3.Sg.Opt.)
siṃhaḥ vyāghraḥ gajaḥ vā aśvaḥ
Löwe, Tiger, Elefant oder Pferd
bahutām iyāt
gehe in Vielheit ein (3.Sg.Opt.)

Vorlage: svecchayāpīkṣaṇadbhavet; zu svecchayāpi kṣaṇād bhavet berichtigt.

yatheṣṭam eva varteta yad vā yogī maheśvaraḥ | abhyāsa-bhedato bhedaḥ phalaṃ tu samam eva hi ||111||

Ganz nach Belieben mag der Yogin leben – oder er ist [selbst] der große Herr (Maheśvara). Nach der Verschiedenheit der Übung ist der Unterschied; die Frucht aber ist fürwahr dieselbe.

Wort für Wort
yathā-iṣṭam eva varteta
ganz nach Belieben lebe er (3.Sg.Opt.Med.)
yat vā
oder
yogī maheśvaraḥ
der Yogin ist der große Herr
abhyāsa-bhedataḥ bhedaḥ
nach Verschiedenheit der Übung [ist] Verschiedenheit
phalam tu samam eva hi
die Frucht aber ist fürwahr gleich

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