Abschnitt 5: paricayāvasthā, pañca-dhāraṇāḥ, niṣpattiḥ
Die Vertrautheits-Stufe: die fünf Element-Sammlungen, Meditation, Samādhi und Vollendung (Verse 81–111)
Auf der Vertrautheits-Stufe (paricaya) tritt der Wind mit dem Feuer und der Kuṇḍalinī in die Suṣumnā ein. Dann folgen die fünf Sammlungen (dhāraṇā) auf die Elemente mit ihren Körperzonen, Formen, Farben, Keimsilben und Gottheiten: Erde (Füße bis Knie, Viereck, gelb, la, Brahmā), Wasser (Knie bis After, Halbmond, weiß, va, Nārāyaṇa), Feuer (After bis Herz, Dreieck, rot, ra, Rudra), Wind (Herz bis Brauen, Sechseck, schwarz, ya, Īśvara) und Raum (Brauen bis Scheitel, Kreis, rauchfarben, ha, Sadāśiva); jede Sammlung wird zwei Stunden gehalten und verleiht Schutz vor dem jeweiligen Element. Die Meditation mit Eigenschaften (saguṇa) gibt die acht Kräfte, die eigenschaftslose führt in zwölf Tagen zum Samādhi, der Gleichheit von Einzelseele und höchstem Selbst. Der Vollendete kann den Leib nach Belieben ablegen oder mit ihm als Gott, Mensch oder Tier durch die Welten wandeln – die Frucht ist in jedem Fall dieselbe.
Danach entsteht durch die Übung die Stufe der Vertrautheit (paricayāvasthā): Der Wind, durch Bemühen vertraut gemacht, [erweckt] zusammen mit dem Feuer die Kuṇḍalī,
meditiere den Vierarmigen, Viergesichtigen, Goldenen [Brahmā] und halte [den Wind] fünf Ghaṭikās (zwei Stunden) lang – so erlangt er den Sieg über die Erde.
Wort für Wort
dhyāyan
meditierend (Nom.Sg. Part.)
catur-bhuja-ākāram
von vierarmiger Gestalt (Akk.Sg.)
catur-vaktram
viergesichtig
hiraṇmayam
golden
dhārayet pañca-ghaṭikāḥ
halte fünf Ghaṭikās lang (3.Sg.Opt.Kaus.)
pṛthivī-jayam āpnuyāt
erlange den Sieg über die Erde (3.Sg.Opt.)
ghaṭikā = 24 Minuten; fünf Ghaṭikās = zwei Stunden.
und halte dort den Allwissenden, den Herrn (Īśvara), den nach allen Seiten Gewandten [im Geist fest]; halte fünf Ghaṭikās lang – so kann er wie der Wind durch den Luftraum gehen.
dessen halber Leib Umā ist, Wünsche gewährend, die Ursache aller Ursachen. Durch die Raum-Sammlung wird ihm gewiss das Wandeln im Luftraum (khecaratva) zuteil.
samabhyaset tathā dhyānaṃ ghaṭikā-ṣaṣṭim eva ca | vāyuṃ nirudhya cākāśe devatām iṣṭa-dām iti ||104||
Ebenso übe er die Meditation (dhyāna) ganze sechzig Ghaṭikās (einen vollen Tag) lang: den Wind anhaltend, im Raum [des Herzens] die Gottheit, die das Erwünschte gewährt, [betrachtend].
Wort für Wort
samabhyaset tathā dhyānam
ebenso übe er die Meditation (3.Sg.Opt.)
ghaṭikā-ṣaṣṭim eva ca
ganze sechzig Ghaṭikās (Akk.Sg.)
vāyum nirudhya
den Wind anhaltend (Absol.)
ca ākāśe
und im Raum (Lok.Sg.)
devatām iṣṭa-dām iti
die Gottheit als Gewährerin des Erwünschten (Akk.Sg.)
saguṇaṃ dhyānam etat syād aṇimādi-guṇa-pradam | nirguṇa-dhyāna-yuktasya samādhiś ca tato bhavet ||105||
Dies ist die Meditation auf das mit Eigenschaften Versehene (saguṇa); sie verleiht die Kräfte wie das Kleinwerden (aṇimā) und die übrigen. Wer aber der eigenschaftslosen (nirguṇa) Meditation hingegeben ist, dem wird daraus der Samādhi.
Wort für Wort
saguṇam dhyānam etat syāt
dies ist die Meditation mit Eigenschaften
aṇimā-ādi-guṇa-pradam
die Kräfte Aṇimā usw. verleihend (Nom.Sg.)
nirguṇa-dhyāna-yuktasya
des mit eigenschaftsloser Meditation Verbundenen (Gen.Sg.)
Der Samādhi ist der Zustand der Gleichheit von Einzelseele (jīvātman) und höchstem Selbst (paramātman). Wenn dann der Wunsch besteht, den eigenen Körper abzulegen, so lege er ihn selbst ab
Wort für Wort
samādhiḥ
der Samādhi (Nom.Sg.)
samatā-avasthā
Zustand der Gleichheit (Nom.Sg.)
jīvātma-paramātmanoḥ
von Einzelseele und höchstem Selbst (Gen.Du.)
yadi sva-deham utsraṣṭum icchā cet
wenn der Wunsch besteht, den eigenen Körper abzulegen (Inf.)
para-brahmaṇi līyeta na tasyotkrāntir iṣyate | atha no cet samutsraṣṭuṃ sva-śarīraṃ priyaṃ yadi ||108||
und gehe im höchsten Brahman auf; ein [gewöhnliches] Ausscheiden [der Seele] gilt für ihn nicht. Wenn er aber den Körper nicht ablegen will, wenn ihm der eigene Leib lieb ist,
so wandelt er, mit den Kräften Aṇimā und den übrigen ausgestattet, durch alle Welten; bisweilen wird er nach eigenem Willen ein Gott und wird im Himmel geehrt.
Oder er wird nach eigenem Willen in einem Augenblick ein Mensch oder ein Yakṣa; als Löwe, Tiger, Elefant oder Pferd kann er nach eigenem Willen Vielgestalt annehmen.
Wort für Wort
manuṣyaḥ vā api
oder auch ein Mensch (Nom.Sg.)
yakṣaḥ vā
oder ein Yakṣa
sva-icchayā api
auch nach eigenem Willen
kṣaṇāt bhavet
wird in einem Augenblick (3.Sg.Opt.)
siṃhaḥ vyāghraḥ gajaḥ vā aśvaḥ
Löwe, Tiger, Elefant oder Pferd
bahutām iyāt
gehe in Vielheit ein (3.Sg.Opt.)
Vorlage: svecchayāpīkṣaṇadbhavet; zu svecchayāpi kṣaṇād bhavet berichtigt.
yatheṣṭam eva varteta yad vā yogī maheśvaraḥ | abhyāsa-bhedato bhedaḥ phalaṃ tu samam eva hi ||111||
Ganz nach Belieben mag der Yogin leben – oder er ist [selbst] der große Herr (Maheśvara). Nach der Verschiedenheit der Übung ist der Unterschied; die Frucht aber ist fürwahr dieselbe.
Wort für Wort
yathā-iṣṭam eva varteta
ganz nach Belieben lebe er (3.Sg.Opt.Med.)
yat vā
oder
yogī maheśvaraḥ
der Yogin ist der große Herr
abhyāsa-bhedataḥ bhedaḥ
nach Verschiedenheit der Übung [ist] Verschiedenheit