Quellen der Menschheit

Yogatattva-Upaniṣad

Abschnitt 6: mudrāḥ, rāja-yogaḥ, praṇavaḥ Mudrās und Bandhas, Rāja-Yoga, die Silbe Oṃ und der Herzlotos; Schluss (Verse 112–142)

Ein Anhang beschreibt knapp die im ersten Abschnitt angekündigten Techniken: Mahāmudrā, Mahābandha, Mahāvedha, Khecarī, Jālandhara, Uḍḍiyāna und Yoni-/Mūla-Bandha, die Umkehrhaltung (viparīta-karaṇī) mit ihrer Wirkung auf Verdauung, Runzeln und graues Haar, sowie Vajrolī und Amarolī. Daraus erwächst der Rāja-Yoga mit Unterscheidung und Leidenschaftslosigkeit. Es folgt ein drastisches Bild des Kreislaufs der Wiedergeburten innerhalb derselben Familie („die Mutter wird wieder zur Gattin“), dann die Lehre von der Silbe Oṃ, in deren drei Lauten Welten, Veden und Feuer ruhen und deren halbe More das Höchste ist, und die Meditation auf den Herzlotos, der sich bei a öffnet, bei u spaltet und bei m den Klang ergibt. Wie die Schildkröte die Glieder einzieht, zieht der Yogin die Sinne zurück; im windstillen Kumbhaka „wie eine Lampe im Krug“ bleibt allein das Selbst übrig.

pārṣṇiṃ vāmasya pādasya yoni-sthāne niyojayet | prasārya dakṣiṇaṃ pādaṃ hastābhyāṃ dhārayed dṛḍham ||112||

Die Ferse des linken Fußes setze man an die Stelle des Dammes (yoni); den rechten Fuß strecke man aus und halte ihn fest mit beiden Händen;

Wort für Wort
pārṣṇim vāmasya pādasya
die Ferse des linken Fußes (Akk.Sg.)
yoni-sthāne niyojayet
setze an die Stelle des Dammes (3.Sg.Opt.Kaus.)
prasārya dakṣiṇam pādam
den rechten Fuß ausgestreckt habend (Absol.)
hastābhyām dhārayet dṛḍham
halte mit beiden Händen fest (Instr.Du.)

Mahāmudrā; vgl. Haṭhapradīpikā 3,10 ff. und Yogacūḍāmaṇi 66.

cubukaṃ hṛdi vinyasya pūrayed vāyunā punaḥ | kumbhakena yathā-śakti dhārayitvā tu recayet ||113||

das Kinn lege man auf die Brust und fülle sich wieder mit Wind; nachdem man ihn mit Kumbhaka nach Vermögen gehalten hat, lasse man ihn ausströmen.

Wort für Wort
cubukam hṛdi vinyasya
das Kinn auf die Brust gelegt habend (Absol.)
pūrayet vāyunā punaḥ
fülle sich wieder mit Wind (3.Sg.Opt.Kaus.)
kumbhakena yathā-śakti
mit Kumbhaka nach Vermögen
dhārayitvā tu
gehalten habend (Absol.)
recayet
lasse ausströmen (3.Sg.Opt.Kaus.)

vāmāṅgena samabhyasya dakṣāṅgena tato 'bhyaset | prasāritas tu yaḥ pādas tam ūrūpari nāmayet ||114||

Nachdem man mit der linken Seite geübt hat, übe man dann mit der rechten. Den ausgestreckten Fuß beuge man [danach] auf den Oberschenkel.

Wort für Wort
vāma-aṅgena samabhyasya
mit der linken Seite geübt habend (Absol.)
dakṣa-aṅgena tataḥ abhyaset
dann übe mit der rechten Seite (3.Sg.Opt.)
prasāritaḥ tu yaḥ pādaḥ
der ausgestreckte Fuß aber (Nom.Sg.)
tam ūru-upari nāmayet
den beuge man auf den Oberschenkel (3.Sg.Opt.Kaus.)

ayam eva mahā-bandha ubhayatraivam abhyaset | mahā-bandha-sthito yogī kṛtvā pūrakam eka-dhīḥ ||115||

Eben dies ist der Mahā-Bandha; so übe man ihn auf beiden Seiten. Im Mahā-Bandha verweilend, führe der Yogin mit gesammeltem Geist die Einatmung aus,

Wort für Wort
ayam eva mahā-bandhaḥ
eben dies ist der Mahā-Bandha
ubhayatra evam abhyaset
auf beiden Seiten übe man so (3.Sg.Opt.)
mahā-bandha-sthitaḥ yogī
der im Mahā-Bandha befindliche Yogin
kṛtvā pūrakam
die Einatmung gemacht habend (Absol.)
eka-dhīḥ
mit gesammeltem Geist (Nom.Sg.)

vāyunā gatim āvṛtya nibhṛtaṃ karṇa-mudrayā | puṭa-dvayaṃ samākramya vāyuḥ sphurati satvaram ||116||

und verschließe durch den Wind [dessen] Weg, still, mit der Ohren-Mudrā; indem der Wind beide Nasenlöcher überschreitet, zuckt er rasch [in die Suṣumnā] auf.

Wort für Wort
vāyunā gatim āvṛtya
durch den Wind den Weg verschlossen habend (Absol.)
nibhṛtam
still
karṇa-mudrayā
mit der Ohren-Mudrā (Instr.Sg.)
puṭa-dvayam samākramya
beide Nasenlöcher überschritten habend (Absol.)
vāyuḥ sphurati satvaram
der Wind zuckt rasch auf (3.Sg.Präs.)

Mahāvedha; vgl. Haṭhapradīpikā 3,26–27. [Anm.: Der Vers ist knapp und stellenweise dunkel; die Übersetzung folgt der Parallele.]

ayam eva mahā-vedhaḥ siddhair abhyasyate 'niśam | antaḥ kapāla-kuhare jihvāṃ vyāvṛtya dhārayet ||117||

Eben dies ist der Mahāvedha; er wird von den Siddhas unaufhörlich geübt. Die Zunge wende man zurück und halte sie innen in der Höhle des Schädels;

Wort für Wort
ayam eva mahā-vedhaḥ
eben dies ist der Mahāvedha
siddhaiḥ abhyasyate aniśam
wird von den Siddhas unaufhörlich geübt (3.Sg.Pass.)
antaḥ kapāla-kuhare
innen in der Schädelhöhle (Lok.Sg.)
jihvām vyāvṛtya dhārayet
die Zunge zurückgewendet halte man (Absol.; 3.Sg.Opt.Kaus.)

bhrū-madhya-dṛṣṭir apy eṣā mudrā bhavati khecarī | kaṇṭham ākuñcya hṛdaye sthāpayed dṛḍhayā dhiyā ||118||

dazu der Blick in die Brauenmitte – das ist die Khecarī-Mudrā. Die Kehle ziehe man zusammen und setze [das Kinn] mit festem Sinn auf die Brust:

Wort für Wort
bhrū-madhya-dṛṣṭiḥ api
auch der Blick in die Brauenmitte (Nom.Sg.)
eṣā mudrā bhavati khecarī
dies ist die Khecarī-Mudrā
kaṇṭham ākuñcya
die Kehle zusammengezogen habend (Absol.)
hṛdaye sthāpayet
setze auf die Brust (3.Sg.Opt.Kaus.)
dṛḍhayā dhiyā
mit festem Sinn (Instr.Sg.)

bandho jālandharākhyo 'yaṃ mṛtyu-mātaṅga-kesarī | bandho yena suṣumnāyāṃ prāṇas tūḍḍīyate yataḥ ||119||

Das ist der Verschluss namens Jālandhara, ein Löwe gegen den Elefanten Tod. Der Verschluss, durch den der Lebensatem in der Suṣumnā auffliegt (uḍḍīyate) –

Wort für Wort
bandhaḥ jālandhara-ākhyaḥ ayam
dies ist der Jālandhara genannte Verschluss
mṛtyu-mātaṅga-kesarī
Löwe für den Elefanten Tod (Nom.Sg.)
bandhaḥ yena
der Verschluss, durch den
suṣumnāyām
in der Suṣumnā (Lok.Sg.)
prāṇaḥ tu uḍḍīyate
der Lebensatem auffliegt (3.Sg.Pass.)
yataḥ
weil

uḍyānākhyo hi bandho 'yaṃ yogibhiḥ samudāhṛtaḥ | pārṣṇi-bhāgena sampīḍya yonim ākuñcayed dṛḍham ||120||

deshalb wird dieser Verschluss von den Yogins Uḍyāna (Uḍḍiyāna) genannt. Mit dem Fersenteil presse man den Damm und ziehe ihn fest zusammen;

Wort für Wort
uḍyāna-ākhyaḥ hi bandhaḥ ayam
dieser Verschluss heißt Uḍyāna
yogibhiḥ samudāhṛtaḥ
von den Yogins genannt (Nom.Sg.)
pārṣṇi-bhāgena sampīḍya
mit dem Fersenteil pressend (Absol.)
yonim ākuñcayet dṛḍham
ziehe den Damm fest zusammen (3.Sg.Opt.Kaus.)

apānam ūrdhvam utthāpya yoni-bandho 'yam ucyate | prāṇāpānau nāda-bindū mūla-bandhena caikatām ||121||

indem man den Apāna nach oben treibt – das heißt Yoni-Bandha. Prāṇa und Apāna, Nāda und Bindu gelangen durch den Mūla-Bandha zur Einheit

Wort für Wort
apānam ūrdhvam utthāpya
den Apāna nach oben getrieben habend (Absol.)
yoni-bandhaḥ ayam ucyate
dies wird Yoni-Bandha genannt
prāṇa-apānau
Prāṇa und Apāna (Nom.Du.)
nāda-bindū
Nāda und Bindu (Nom.Du.)
mūla-bandhena ca ekatām
und durch den Mūla-Bandha zur Einheit (Akk.Sg.)

Yoni-Bandha ist hier ein anderer Name des Mūla-Bandha; vgl. Yogacūḍāmaṇi 46–47.

gatvā yogasya saṃsiddhiṃ yacchato nātra saṃśayaḥ | karaṇī viparītākhyā sarva-vyādhi-vināśinī ||122||

und verleihen [dem Yogin] die volle Vollendung des Yoga – darüber besteht kein Zweifel. Die Übung namens Viparīta-Karaṇī („die Umgekehrte“) vernichtet alle Krankheiten;

Wort für Wort
gatvā
gegangen seiend (Absol.)
yogasya saṃsiddhim yacchataḥ
verleihen die Vollendung des Yoga (3.Du.Präs.)
na atra saṃśayaḥ
kein Zweifel hierüber
karaṇī viparīta-ākhyā
die Übung namens Umgekehrte (Nom.Sg.f.)
sarva-vyādhi-vināśinī
alle Krankheiten vernichtend (Nom.Sg.f.)

nityam abhyāsa-yuktasya jāṭharāgni-vivardhanī | āhāro bahulas tasya sampādyaḥ sādhakasya ca ||123||

wer sie beständig übt, dem mehrt sie das Verdauungsfeuer. Für diesen Übenden muss reichliche Nahrung beschafft werden;

Wort für Wort
nityam abhyāsa-yuktasya
des beständig Übenden (Gen.Sg.)
jāṭhara-agni-vivardhanī
das Bauchfeuer mehrend (Nom.Sg.f.)
āhāraḥ bahulaḥ
reichliche Nahrung (Nom.Sg.)
tasya sādhakasya ca
für diesen Übenden (Gen.Sg.)
sampādyaḥ
ist zu beschaffen (Gerundiv)

alpāhāro yadi bhaved agnir dehaṃ haret kṣaṇāt | adhaḥ-śiraś cordhva-pādaḥ kṣaṇaṃ syāt prathame dine ||124||

wäre die Nahrung gering, so verzehrte das Feuer den Körper in einem Augenblick. Mit dem Kopf nach unten und den Füßen nach oben verweile man am ersten Tag einen Augenblick;

Wort für Wort
alpa-āhāraḥ yadi bhavet
wenn die Nahrung gering wäre (3.Sg.Opt.)
agniḥ deham haret kṣaṇāt
das Feuer nähme den Körper im Nu (3.Sg.Opt.)
adhaḥ-śiraḥ ca ūrdhva-pādaḥ
mit dem Kopf unten und den Füßen oben (Nom.Sg.)
kṣaṇam syāt
verweile einen Augenblick (3.Sg.Opt.)
prathame dine
am ersten Tag (Lok.Sg.)

kṣaṇāc ca kiñcid adhikam abhyaset tu dine dine | valī ca palitaṃ caiva ṣaṇ-māsārdhān na dṛśyate ||125||

und Tag für Tag übe man etwas länger als einen Augenblick. Nach einem halben Jahr sind Runzeln und graues Haar nicht mehr zu sehen.

Wort für Wort
kṣaṇāt ca kiñcit adhikam
und etwas mehr als einen Augenblick
abhyaset tu dine dine
übe Tag für Tag (3.Sg.Opt.)
valī ca palitam ca eva
Runzeln und graues Haar (Nom.)
ṣaṭ-māsa-ardhāt
nach einem halben Jahr (Abl.Sg.)
na dṛśyate
wird nicht gesehen (3.Sg.Pass.)

ṣaṇ-māsārdhāt wörtlich „nach der Hälfte von sechs Monaten“ (= drei Monate) oder „nach sechs Monaten bzw. der Hälfte“; Haṭhapradīpikā 3,82 liest ṣaṇmāsordhvaṃ „nach sechs Monaten“.

yāma-mātraṃ tu yo nityam abhyaset sa tu kāla-jit | vajrolīm abhyased yas tu sa yogī siddhi-bhājanam ||126||

Wer aber täglich eine Wache lang übt, der ist ein Bezwinger der Zeit (des Todes). Wer die Vajrolī übt, dieser Yogin ist ein Gefäß der Vollendung.

Wort für Wort
yāma-mātram tu
eine Wache lang aber
yaḥ nityam abhyaset
wer täglich übt (3.Sg.Opt.)
saḥ tu kāla-jit
der ist Zeitbezwinger (Nom.Sg.)
vajrolīm abhyaset yaḥ tu
wer aber die Vajrolī übt
saḥ yogī siddhi-bhājanam
dieser Yogin ist Gefäß der Vollendung

labhyate yadi tasyaiva yoga-siddhiḥ kare sthitā | atītānāgataṃ vetti khecarī ca bhaved dhruvam ||127||

Wenn sie [ihm] gelingt, liegt die Vollendung des Yoga in seiner Hand: Er kennt Vergangenes und Zukünftiges, und gewiss wird ihm das Wandeln im Raum (khecarī) zuteil.

Wort für Wort
labhyate yadi
wenn sie erlangt wird (3.Sg.Pass.)
tasya eva
eben dessen (Gen.Sg.)
yoga-siddhiḥ kare sthitā
die Yoga-Vollendung liegt in der Hand (Lok.Sg.)
atīta-anāgatam vetti
er kennt Vergangenes und Künftiges (3.Sg.Präs.)
khecarī ca bhavet dhruvam
und Khecarī wird gewiss (3.Sg.Opt.)

amarīṃ yaḥ piben nityaṃ nasyaṃ kurvan dine dine | vajrolīm abhyasen nityam amarolīti kathyate ||128||

Wer täglich die Amarī (den „Unsterblichkeitstrank“) trinkt, sie Tag für Tag als Nasenspülung anwendet und beständig die Vajrolī übt – das wird Amarolī genannt.

Wort für Wort
amarīm yaḥ pibet nityam
wer die Amarī täglich trinkt (3.Sg.Opt.)
nasyam kurvan dine dine
Tag für Tag Nasenspülung machend (Part.)
vajrolīm abhyaset nityam
die Vajrolī beständig übt
amarolī iti kathyate
das wird Amarolī genannt (3.Sg.Pass.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 3,96–98. Amarī bezeichnet dort den eigenen Harn; der Text bleibt verhüllend.

tato bhaved rāja-yogo nāntarā bhavati dhruvam | yadā tu rāja-yogena niṣpannā yogibhiḥ kriyā ||129||

Danach entsteht der Rāja-Yoga – nicht ohne dies kommt er zustande, das ist gewiss. Wenn aber die Übung (kriyā) der Yogins durch den Rāja-Yoga zur Vollendung (niṣpatti) gelangt ist,

Wort für Wort
tataḥ bhavet rāja-yogaḥ
danach entsteht der Rāja-Yoga (3.Sg.Opt.)
na antarā bhavati dhruvam
nicht dazwischen/ohne dies entsteht er, gewiss
yadā tu
wenn aber
rāja-yogena
durch den Rāja-Yoga (Instr.Sg.)
niṣpannā yogibhiḥ kriyā
die Übung der Yogins vollendet ist (Nom.Sg.f.)

tadā viveka-vairāgyaṃ jāyate yogino dhruvam | viṣṇur nāma mahā-yogī mahā-bhūto mahā-tapāḥ ||130||

dann entstehen dem Yogin gewiss Unterscheidung (viveka) und Leidenschaftslosigkeit (vairāgya). Viṣṇu heißt der große Yogin, das große Wesen, der große Asket;

Wort für Wort
tadā
dann
viveka-vairāgyam
Unterscheidung und Leidenschaftslosigkeit (Nom.Sg.)
jāyate yoginaḥ dhruvam
entsteht dem Yogin gewiss
viṣṇuḥ nāma
Viṣṇu mit Namen
mahā-yogī
der große Yogin (Nom.Sg.)
mahā-bhūtaḥ
das große Wesen
mahā-tapāḥ
von großer Askese (Nom.Sg.)

tattva-mārge yathā dīpo dṛśyate puruṣottamaḥ | yaḥ stanaḥ pūrva-pītas taṃ niṣpīḍya mudam aśnute ||131||

auf dem Weg der Wahrheit erscheint der höchste Puruṣa wie eine Leuchte. Die Brust, an der man einst [als Kind] getrunken hat, presst man [als Mann] und genießt Lust;

Wort für Wort
tattva-mārge
auf dem Weg der Wahrheit (Lok.Sg.)
yathā dīpaḥ dṛśyate
erscheint wie eine Leuchte (3.Sg.Pass.)
puruṣa-uttamaḥ
der höchste Puruṣa (Nom.Sg.)
yaḥ stanaḥ pūrva-pītaḥ
die Brust, die früher getrunken wurde (Nom.Sg.)
tam niṣpīḍya
die pressend (Absol.)
mudam aśnute
genießt Lust (3.Sg.Präs.Med.)

Verse 131–134: Die Kette der Wiedergeburten wird drastisch als Kreislauf innerhalb derselben Familie geschildert – ein Motiv, das auch die Yogaśikhā-Upaniṣad kennt.

yasmāj jāto bhagāt pūrvaṃ tasminn eva bhage raman | yā mātā sā punar bhāryā yā bhāryā mātaraiva hi ||132||

aus welchem Schoß man einst geboren wurde, an eben diesem Schoß ergötzt man sich. Die Mutter wird wieder zur Gattin, die Gattin wird ja zur Mutter;

Wort für Wort
yasmāt bhagāt jātaḥ pūrvam
aus welchem Schoß früher geboren (Abl.Sg.)
tasmin eva bhage raman
an eben diesem Schoß sich ergötzend (Lok.Sg.; Part.)
yā mātā sā punaḥ bhāryā
die Mutter, die wird wieder Gattin
yā bhāryā mātā eva hi
die Gattin wird ja Mutter

yaḥ pitā sa punaḥ putro yaḥ putraḥ sa punaḥ pitā | evaṃ saṃsāra-cakraṃ kūpa-cakreṇa ghaṭā iva ||133||

der Vater wird wieder zum Sohn, der Sohn wieder zum Vater. So [dreht sich] das Rad des Daseins (saṃsāra) wie die Krüge am Schöpfrad des Brunnens;

Wort für Wort
yaḥ pitā saḥ punaḥ putraḥ
der Vater, der wird wieder Sohn
yaḥ putraḥ saḥ punaḥ pitā
der Sohn, der wird wieder Vater
evam saṃsāra-cakram
so das Rad des Daseins (Nom.Sg.)
kūpa-cakreṇa ghaṭāḥ iva
wie die Krüge am Brunnenrad (Instr.Sg.; Nom.Pl.)

bhramanto yoni-janmāni śrutvā lokān samaśnute | trayo lokās trayo vedās tisraḥ sandhyās trayaḥ svarāḥ ||134||

umherwandernd durch Geburten aus dem Schoß [und erst], nachdem man [die Lehre] gehört hat, erlangt man die [höheren] Welten. Die drei Welten, die drei Veden, die drei Dämmerungen, die drei Töne,

Wort für Wort
bhramantaḥ
umherwandernd (Nom.Pl. Part.)
yoni-janmāni
durch Schoß-Geburten (Akk.Pl.)
śrutvā
gehört habend (Absol.)
lokān samaśnute
erlangt die Welten (3.Sg.Präs.Med.)
trayaḥ lokāḥ trayaḥ vedāḥ
die drei Welten, die drei Veden
tisraḥ sandhyāḥ trayaḥ svarāḥ
die drei Dämmerungen, die drei Töne

[Anm.: śrutvā lokān samaśnute ist elliptisch; gemeint ist wohl, dass die Wesen durch die Wiedergeburten kreisen und die Welten erst durch Hören der Lehre gewinnen.]

trayo 'gnayaś ca tri-guṇāḥ sthitāḥ sarve trayākṣare | trayāṇām akṣarāṇāṃ ca yo 'dhīte 'py ardham akṣaram ||135||

die drei Feuer und die drei Guṇas – sie alle ruhen in der dreisilbigen [Silbe Oṃ]. Und wer die halbe Silbe (ardha-mātrā) der drei Silben erlernt,

Wort für Wort
trayaḥ agnayaḥ ca
und die drei Feuer (Nom.Pl.)
tri-guṇāḥ
die drei Guṇas
sthitāḥ sarve
alle ruhen (Nom.Pl.)
traya-akṣare
in dem Dreisilbigen (Lok.Sg.)
trayāṇām akṣarāṇām ca
und der drei Silben (Gen.Pl.)
yaḥ adhīte api
wer auch erlernt (3.Sg.Präs.Med.)
ardham akṣaram
die halbe Silbe (Akk.Sg.)

tena sarvam idaṃ protaṃ tat satyaṃ tat paraṃ padam | puṣpa-madhye yathā gandhaḥ payo-madhye yathā ghṛtam ||136||

– von ihr ist dies alles durchwoben; sie ist die Wahrheit, sie die höchste Stätte. Wie in der Blüte der Duft, wie in der Milch das Butterschmalz,

Wort für Wort
tena
durch sie (Instr.Sg.)
sarvam idam protam
dies alles ist durchwoben (Nom.Sg.n.)
tat satyam
das ist die Wahrheit
tat param padam
das ist die höchste Stätte
puṣpa-madhye yathā gandhaḥ
wie in der Blüte der Duft
payaḥ-madhye yathā ghṛtam
wie in der Milch das Butterschmalz

tila-madhye yathā tailaṃ pāṣāṇeṣv iva kāñcanam | hṛdi sthāne sthitaṃ padmaṃ tasya vaktram adho-mukham ||137||

wie im Sesam das Öl, wie in den Steinen das Gold [so ist das Selbst im Leib]. An der Stelle des Herzens befindet sich ein Lotos; seine Öffnung ist nach unten gewandt,

Wort für Wort
tila-madhye yathā tailam
wie im Sesam das Öl
pāṣāṇeṣu iva kāñcanam
wie in den Steinen das Gold (Lok.Pl.)
hṛdi sthāne sthitam padmam
der an der Herzstelle befindliche Lotos (Nom.Sg.)
tasya vaktram adhaḥ-mukham
dessen Öffnung ist nach unten gewandt

Die Gleichnisse entsprechen Śvetāśvatara-Upaniṣad 1,15 und Dhyānabindu 5.

ūrdhva-nālam adho-bindus tasya madhye sthitaṃ manaḥ | a-kāre recitaṃ padmam u-kāreṇaiva bhidyate ||138||

der Stängel nach oben, der Bindu nach unten; in seiner Mitte weilt der Geist (manas). Beim Laut a öffnet sich der Lotos, durch den Laut u wird er gespalten,

Wort für Wort
ūrdhva-nālam
mit dem Stängel nach oben (Nom.Sg.)
adhaḥ-binduḥ
mit dem Bindu nach unten
tasya madhye sthitam manaḥ
in seiner Mitte weilt der Geist
a-kāre recitam padmam
beim Laut a wird der Lotos geöffnet/entleert (Lok.Sg.)
u-kāreṇa eva bhidyate
durch den Laut u wird er gespalten (3.Sg.Pass.)

ma-kāre labhate nādam ardha-mātrā tu niścalā | śuddha-sphaṭika-saṅkāśaṃ niṣkalaṃ pāpa-nāśanam ||139||

beim Laut m erlangt er den Klang (nāda); die halbe More aber ist unbewegt. Das dem reinen Bergkristall Gleiche, Teillose, Sünden Vernichtende –

Wort für Wort
ma-kāre labhate nādam
beim Laut m erlangt er den Klang (3.Sg.Präs.Med.)
ardha-mātrā tu niścalā
die halbe More aber ist unbewegt (Nom.Sg.f.)
śuddha-sphaṭika-saṅkāśam
reinem Bergkristall gleich (Akk.Sg.)
niṣkalam
teillos
pāpa-nāśanam
Sünden vernichtend

labhate yoga-yuktātmā puruṣas tat paraṃ padam | kūrmaḥ sva-pāṇi-pādādi-śiraś cātmani dhārayet ||140||

diese höchste Stätte erlangt der Mensch, dessen Selbst im Yoga geeint ist. Wie die Schildkröte Hände, Füße und Kopf in sich zurückzieht, [so halte der Yogin die Sinne in sich zurück].

Wort für Wort
labhate
erlangt (3.Sg.Präs.Med.)
yoga-yukta-ātmā puruṣaḥ
der Mensch mit im Yoga geeintem Selbst (Nom.Sg.)
tat param padam
jene höchste Stätte (Akk.Sg.)
kūrmaḥ
die Schildkröte (Nom.Sg.)
sva-pāṇi-pāda-ādi-śiraḥ ca
die eigenen Hände, Füße usw. und den Kopf (Akk.)
ātmani dhārayet
halte in sich (3.Sg.Opt.Kaus.)

Vgl. Bhagavadgītā 2,58.

evaṃ dvāreṣu sarveṣu vāyu-pūrita-recitaḥ | niṣiddhaṃ tu nava-dvāre ūrdhvaṃ prāṅ niśvasaṃs tathā ||141||

So [verfahre er] an allen Toren, mit Wind gefüllt und entleert; verwehrt aber ist es bei den neun Toren, nach oben [zu gehen], während man noch nach vorn ausatmet.

Wort für Wort
evam dvāreṣu sarveṣu
so an allen Toren (Lok.Pl.)
vāyu-pūrita-recitaḥ
mit Wind gefüllt und entleert (Nom.Sg.)
niṣiddham tu
verwehrt aber (Nom.Sg.n.)
nava-dvāre
bei den neun Toren (Lok.Sg.)
ūrdhvam
nach oben
prāk niśvasan tathā
und nach vorn ausatmend (Part.)

[Anm.: Der zweite Halbvers ist syntaktisch unvollständig überliefert; die Übersetzung ist sinngemäß: erst nach Verschluss der neun Tore darf der Atem nach oben gelenkt werden.]

ghaṭa-madhye yathā dīpo nivātaṃ kumbhakaṃ viduḥ | niṣiddhair navabhir dvārair nirjane nirupadrave ||142||

Wie eine Lampe im Innern eines Kruges [windstill brennt], so kennt man das Anhalten (kumbhaka) als windlos; mit den neun verschlossenen Toren, an einem einsamen, ungestörten Ort,

Wort für Wort
ghaṭa-madhye yathā dīpaḥ
wie eine Lampe im Krug (Lok.Sg.)
nivātam kumbhakam viduḥ
als windlos kennt man den Kumbhaka (3.Pl.Perf.)
niṣiddhaiḥ navabhiḥ dvāraiḥ
mit den neun verschlossenen Toren (Instr.Pl.)
nirjane
an einsamem Ort (Lok.Sg.)
nirupadrave
ungestört (Lok.Sg.)
Vers Schluss Schlusssatz der Upaniṣad

niścitaṃ tv ātma-mātreṇāvaśiṣṭaṃ yoga-sevayety upaniṣat ||

– [so] bleibt gewiss durch die Pflege des Yoga allein das Selbst übrig. So [lautet] die Upaniṣad.

Wort für Wort
niścitam tu
gewiss aber
ātma-mātreṇa
mit dem bloßen Selbst (Instr.Sg.)
avaśiṣṭam
übrig geblieben (Nom.Sg.n.)
yoga-sevayā
durch die Pflege des Yoga (Instr.Sg.)
iti upaniṣat
so die Upaniṣad

Unnummerierter Halbvers, der Vers 142 vollendet; in der Vorlage ohne Zählung.

Vers Śānti Schluss-Friedensformel und Kolophon

oṃ saha nāv avatu | saha nau bhunaktu | saha vīryaṃ karavāvahai | tejasvi nāv adhītam astu mā vidviṣāvahai | oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ || iti yogatattvopaniṣat samāptā ||

Oṃ. Möge er uns beide beschützen; möge er uns beide nähren; mögen wir beide mit Kraft wirken; möge unser Lernen glanzvoll sein; mögen wir einander nicht hassen. Oṃ, Friede, Friede, Friede. – So ist die Yogatattva-Upaniṣad vollendet.

Wort für Wort
saha nau avatu
möge er uns beide schützen (3.Sg.Imp.)
saha nau bhunaktu
möge er uns beide nähren (3.Sg.Imp.)
saha vīryam karavāvahai
mögen wir beide Kraft wirken (1.Du.Imp.Med.)
tejasvi nau adhītam astu
glanzvoll sei unser Gelerntes
mā vidviṣāvahai
mögen wir nicht hassen (1.Du.Inj.Med.)
iti yogatattva-upaniṣat samāptā
so ist die Yogatattva-Upaniṣad vollendet

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