Abschnitt 6: mudrāḥ, rāja-yogaḥ, praṇavaḥ
Mudrās und Bandhas, Rāja-Yoga, die Silbe Oṃ und der Herzlotos; Schluss (Verse 112–142)
Ein Anhang beschreibt knapp die im ersten Abschnitt angekündigten Techniken: Mahāmudrā, Mahābandha, Mahāvedha, Khecarī, Jālandhara, Uḍḍiyāna und Yoni-/Mūla-Bandha, die Umkehrhaltung (viparīta-karaṇī) mit ihrer Wirkung auf Verdauung, Runzeln und graues Haar, sowie Vajrolī und Amarolī. Daraus erwächst der Rāja-Yoga mit Unterscheidung und Leidenschaftslosigkeit. Es folgt ein drastisches Bild des Kreislaufs der Wiedergeburten innerhalb derselben Familie („die Mutter wird wieder zur Gattin“), dann die Lehre von der Silbe Oṃ, in deren drei Lauten Welten, Veden und Feuer ruhen und deren halbe More das Höchste ist, und die Meditation auf den Herzlotos, der sich bei a öffnet, bei u spaltet und bei m den Klang ergibt. Wie die Schildkröte die Glieder einzieht, zieht der Yogin die Sinne zurück; im windstillen Kumbhaka „wie eine Lampe im Krug“ bleibt allein das Selbst übrig.
und verschließe durch den Wind [dessen] Weg, still, mit der Ohren-Mudrā; indem der Wind beide Nasenlöcher überschreitet, zuckt er rasch [in die Suṣumnā] auf.
Wort für Wort
vāyunā gatim āvṛtya
durch den Wind den Weg verschlossen habend (Absol.)
nibhṛtam
still
karṇa-mudrayā
mit der Ohren-Mudrā (Instr.Sg.)
puṭa-dvayam samākramya
beide Nasenlöcher überschritten habend (Absol.)
vāyuḥ sphurati satvaram
der Wind zuckt rasch auf (3.Sg.Präs.)
Mahāvedha; vgl. Haṭhapradīpikā 3,26–27. [Anm.: Der Vers ist knapp und stellenweise dunkel; die Übersetzung folgt der Parallele.]
Das ist der Verschluss namens Jālandhara, ein Löwe gegen den Elefanten Tod. Der Verschluss, durch den der Lebensatem in der Suṣumnā auffliegt (uḍḍīyate) –
und verleihen [dem Yogin] die volle Vollendung des Yoga – darüber besteht kein Zweifel. Die Übung namens Viparīta-Karaṇī („die Umgekehrte“) vernichtet alle Krankheiten;
wäre die Nahrung gering, so verzehrte das Feuer den Körper in einem Augenblick. Mit dem Kopf nach unten und den Füßen nach oben verweile man am ersten Tag einen Augenblick;
kṣaṇāc ca kiñcid adhikam abhyaset tu dine dine | valī ca palitaṃ caiva ṣaṇ-māsārdhān na dṛśyate ||125||
und Tag für Tag übe man etwas länger als einen Augenblick. Nach einem halben Jahr sind Runzeln und graues Haar nicht mehr zu sehen.
Wort für Wort
kṣaṇāt ca kiñcit adhikam
und etwas mehr als einen Augenblick
abhyaset tu dine dine
übe Tag für Tag (3.Sg.Opt.)
valī ca palitam ca eva
Runzeln und graues Haar (Nom.)
ṣaṭ-māsa-ardhāt
nach einem halben Jahr (Abl.Sg.)
na dṛśyate
wird nicht gesehen (3.Sg.Pass.)
ṣaṇ-māsārdhāt wörtlich „nach der Hälfte von sechs Monaten“ (= drei Monate) oder „nach sechs Monaten bzw. der Hälfte“; Haṭhapradīpikā 3,82 liest ṣaṇmāsordhvaṃ „nach sechs Monaten“.
labhyate yadi tasyaiva yoga-siddhiḥ kare sthitā | atītānāgataṃ vetti khecarī ca bhaved dhruvam ||127||
Wenn sie [ihm] gelingt, liegt die Vollendung des Yoga in seiner Hand: Er kennt Vergangenes und Zukünftiges, und gewiss wird ihm das Wandeln im Raum (khecarī) zuteil.
amarīṃ yaḥ piben nityaṃ nasyaṃ kurvan dine dine | vajrolīm abhyasen nityam amarolīti kathyate ||128||
Wer täglich die Amarī (den „Unsterblichkeitstrank“) trinkt, sie Tag für Tag als Nasenspülung anwendet und beständig die Vajrolī übt – das wird Amarolī genannt.
Wort für Wort
amarīm yaḥ pibet nityam
wer die Amarī täglich trinkt (3.Sg.Opt.)
nasyam kurvan dine dine
Tag für Tag Nasenspülung machend (Part.)
vajrolīm abhyaset nityam
die Vajrolī beständig übt
amarolī iti kathyate
das wird Amarolī genannt (3.Sg.Pass.)
Vgl. Haṭhapradīpikā 3,96–98. Amarī bezeichnet dort den eigenen Harn; der Text bleibt verhüllend.
tato bhaved rāja-yogo nāntarā bhavati dhruvam | yadā tu rāja-yogena niṣpannā yogibhiḥ kriyā ||129||
Danach entsteht der Rāja-Yoga – nicht ohne dies kommt er zustande, das ist gewiss. Wenn aber die Übung (kriyā) der Yogins durch den Rāja-Yoga zur Vollendung (niṣpatti) gelangt ist,
dann entstehen dem Yogin gewiss Unterscheidung (viveka) und Leidenschaftslosigkeit (vairāgya). Viṣṇu heißt der große Yogin, das große Wesen, der große Asket;
Wort für Wort
tadā
dann
viveka-vairāgyam
Unterscheidung und Leidenschaftslosigkeit (Nom.Sg.)
auf dem Weg der Wahrheit erscheint der höchste Puruṣa wie eine Leuchte. Die Brust, an der man einst [als Kind] getrunken hat, presst man [als Mann] und genießt Lust;
Wort für Wort
tattva-mārge
auf dem Weg der Wahrheit (Lok.Sg.)
yathā dīpaḥ dṛśyate
erscheint wie eine Leuchte (3.Sg.Pass.)
puruṣa-uttamaḥ
der höchste Puruṣa (Nom.Sg.)
yaḥ stanaḥ pūrva-pītaḥ
die Brust, die früher getrunken wurde (Nom.Sg.)
tam niṣpīḍya
die pressend (Absol.)
mudam aśnute
genießt Lust (3.Sg.Präs.Med.)
Verse 131–134: Die Kette der Wiedergeburten wird drastisch als Kreislauf innerhalb derselben Familie geschildert – ein Motiv, das auch die Yogaśikhā-Upaniṣad kennt.
umherwandernd durch Geburten aus dem Schoß [und erst], nachdem man [die Lehre] gehört hat, erlangt man die [höheren] Welten. Die drei Welten, die drei Veden, die drei Dämmerungen, die drei Töne,
Wort für Wort
bhramantaḥ
umherwandernd (Nom.Pl. Part.)
yoni-janmāni
durch Schoß-Geburten (Akk.Pl.)
śrutvā
gehört habend (Absol.)
lokān samaśnute
erlangt die Welten (3.Sg.Präs.Med.)
trayaḥ lokāḥ trayaḥ vedāḥ
die drei Welten, die drei Veden
tisraḥ sandhyāḥ trayaḥ svarāḥ
die drei Dämmerungen, die drei Töne
[Anm.: śrutvā lokān samaśnute ist elliptisch; gemeint ist wohl, dass die Wesen durch die Wiedergeburten kreisen und die Welten erst durch Hören der Lehre gewinnen.]
wie im Sesam das Öl, wie in den Steinen das Gold [so ist das Selbst im Leib]. An der Stelle des Herzens befindet sich ein Lotos; seine Öffnung ist nach unten gewandt,
Wort für Wort
tila-madhye yathā tailam
wie im Sesam das Öl
pāṣāṇeṣu iva kāñcanam
wie in den Steinen das Gold (Lok.Pl.)
hṛdi sthāne sthitam padmam
der an der Herzstelle befindliche Lotos (Nom.Sg.)
tasya vaktram adhaḥ-mukham
dessen Öffnung ist nach unten gewandt
Die Gleichnisse entsprechen Śvetāśvatara-Upaniṣad 1,15 und Dhyānabindu 5.
der Stängel nach oben, der Bindu nach unten; in seiner Mitte weilt der Geist (manas). Beim Laut a öffnet sich der Lotos, durch den Laut u wird er gespalten,
Wort für Wort
ūrdhva-nālam
mit dem Stängel nach oben (Nom.Sg.)
adhaḥ-binduḥ
mit dem Bindu nach unten
tasya madhye sthitam manaḥ
in seiner Mitte weilt der Geist
a-kāre recitam padmam
beim Laut a wird der Lotos geöffnet/entleert (Lok.Sg.)
diese höchste Stätte erlangt der Mensch, dessen Selbst im Yoga geeint ist. Wie die Schildkröte Hände, Füße und Kopf in sich zurückzieht, [so halte der Yogin die Sinne in sich zurück].
So [verfahre er] an allen Toren, mit Wind gefüllt und entleert; verwehrt aber ist es bei den neun Toren, nach oben [zu gehen], während man noch nach vorn ausatmet.
Wort für Wort
evam dvāreṣu sarveṣu
so an allen Toren (Lok.Pl.)
vāyu-pūrita-recitaḥ
mit Wind gefüllt und entleert (Nom.Sg.)
niṣiddham tu
verwehrt aber (Nom.Sg.n.)
nava-dvāre
bei den neun Toren (Lok.Sg.)
ūrdhvam
nach oben
prāk niśvasan tathā
und nach vorn ausatmend (Part.)
[Anm.: Der zweite Halbvers ist syntaktisch unvollständig überliefert; die Übersetzung ist sinngemäß: erst nach Verschluss der neun Tore darf der Atem nach oben gelenkt werden.]
Wie eine Lampe im Innern eines Kruges [windstill brennt], so kennt man das Anhalten (kumbhaka) als windlos; mit den neun verschlossenen Toren, an einem einsamen, ungestörten Ort,
oṃ saha nāv avatu | saha nau bhunaktu | saha vīryaṃ karavāvahai | tejasvi nāv adhītam astu mā vidviṣāvahai | oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ || iti yogatattvopaniṣat samāptā ||
Oṃ. Möge er uns beide beschützen; möge er uns beide nähren; mögen wir beide mit Kraft wirken; möge unser Lernen glanzvoll sein; mögen wir einander nicht hassen. Oṃ, Friede, Friede, Friede. – So ist die Yogatattva-Upaniṣad vollendet.