athātaḥ sudhākalpaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das Kapitel über die Sudhā-Zubereitung (das Sudhā-Kalpa, benannt nach dem Milchsaft der Snuhī-Pflanze, Euphorbia neriifolia) erläutern.
Caraka-Saṃhitā · Kalpasthana
Das zehnte Kapitel behandelt Sudhā, den Milchsaft der Snuhī (Euphorbia neriifolia bzw. E. nivulia), und markiert damit den Höhepunkt an Wirkstärke innerhalb der Abführmittel-Kapitel: Der Text bezeichnet dieses Purgativum ausdrücklich als das schärfste von allen, das selbst festsitzende Doṣa-Ansammlungen rasch löst, gerade deshalb aber nur bei kräftigen Patienten mit widerstandsfähigem Verdauungstrakt und nicht bei geringer Doṣa-Belastung angewendet werden darf. Unterschieden werden eine wenig- und eine vieldornige Varietät, wobei erstere als hochwertiger gilt; der frisch gewonnene, an glühender Kohle getrocknete Milchsaft wird bei Blutarmut mit Bauchwassersucht, Bauchgeschwülsten, Hautkrankheiten, Ödemen und der „honigsüßen" Harnkrankheit (Madhumeha) eingesetzt. Zu den zwanzig überlieferten Rezepturen zählen neben Absuden und Latwergen auch ein reines Riechmittel für zart konstituierte Patienten, darunter sogar Könige – ein anschauliches Beispiel dafür, wie die Dosierungsintensität an die Konstitution des Patienten angepasst wurde.
| Krankheit/Zustand | Deutsche Bezeichnung |
|---|---|
| pāṇḍuroga (mit udara) | Blutarmut mit Blässe, verbunden mit Bauchwassersucht |
| gulma | Geschwulst im Bauchraum |
| kuṣṭha | Hautkrankheiten |
| dūṣīviṣa | Leiden durch latentes, verarbeitetes Gift |
| śvayathu | Ödem, Schwellung |
| madhumeha | die „honigsüße" Harnkrankheit (Diabetes) |
| doṣa-bedingte Geistesverwirrung | Verwirrung des Geistes durch die doṣas |
athātaḥ sudhākalpaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das Kapitel über die Sudhā-Zubereitung (das Sudhā-Kalpa, benannt nach dem Milchsaft der Snuhī-Pflanze, Euphorbia neriifolia) erläutern.
iti ha smāha bhagavānātreyaḥ
So sprach der erhabene (bhagavān) Ātreya.
virecanānāṃ sarveṣāṃ sudhā tīkṣṇatamā matā| saṅghātaṃ hi bhinattyāśu doṣāṇāṃ kaṣṭavibhramā
Von allen Abführmitteln (virecana) gilt Sudhā als das schärfste; denn es zerschlägt rasch sogar eine feste Ansammlung der doṣas (der drei Körpersäfte vāta, pitta und kapha), doch sein Wirken bringt schwer beherrschbare Störungen mit sich.
tasmānnaiṣā mṛdau koṣṭhe prayoktavyā kadācana| na doṣanicaye cālpe sati mārgaparikrame
Deshalb darf es niemals bei weichem, empfindlichem Verdauungstrakt (koṣṭha) angewendet werden, ebenso wenig bei nur geringer Ansammlung der doṣas, wenn diese sich lediglich in den Kanälen (den srotas) in Bewegung befinden.
pāṇḍurogodare gulme kuṣṭhe dūṣīviṣārdite| śvayathau madhumehe ca doṣavibhrāntacetasi
Bei Pāṇḍuroga (Blutarmut mit Blässe) mit Bauchwassersucht (udara), bei Gulma (Geschwulst im Bauchraum), bei Kuṣṭha (Hautkrankheiten), bei einem von latentem Gift (dūṣīviṣa) Gequälten, bei Śvayathu (Ödem, Schwellung), bei Madhumeha (der „honigsüßen“ Harnkrankheit) und bei einem, dessen Geist durch die doṣas verwirrt ist –
rogairevaṃvidhairgrastaṃ jñātvā saprāṇamāturam| prayojayenmahāvṛkṣaṃ samyak sa hyavacāritaḥ
wenn man erkennt, dass ein Kranker, der noch bei Kräften ist, von solchen Krankheiten befallen ist, dann setze man den „großen Baum“ (mahāvṛkṣa, das heißt die Snuhī) sachgerecht ein, denn er ist wohlerprobt.
sadyo harati doṣāṇāṃ mahāntamapi sañcayam dvividhaḥ sa mato'lpaiśca bahubhiścaiva kaṇṭakaiḥ
Er beseitigt auf der Stelle selbst eine große Ansammlung der doṣas. Man kennt ihn in zwei Arten: mit wenigen und mit vielen Dornen.
sutīkṣṇaiḥ kaṇṭakairalpaiḥ pravaro bahukaṇṭakaḥ| sa nāmnā snugguḍā nandā sudhā nistriṃśapatrakaḥ
Die Sorte mit wenigen, aber sehr scharfen Dornen ist die vorzüglichere, die vieldornige die geringere. Sie trägt die Namen Snuk, Guḍā, Nandā, Sudhā und Nistriṃśapatraka.
tau vipāṭyāharet kṣīraṃ śastreṇa matimān bhiṣak| dvivarṣaṃ vā trivarṣaṃ vā śiśirānte viśeṣataḥ
Von beiden soll der kluge Arzt mit einem Messer den Milchsaft gewinnen, indem er die Pflanze einritzt – von einer zwei- oder dreijährigen Pflanze, am besten gegen Ende des Winters (śiśira).
bilvādīnāṃ bṛhatyā vā kaṇṭakāryāstathaikaśaḥ| kaṣāyeṇa samāṃśaṃ taṃ kṛtvā'ṅgāreṣu śoṣayet
Oder man vermischt ihn zu gleichen Teilen mit dem Sud der Bilva-Gruppe (bilvādi) oder der Bṛhatī, beziehungsweise je für sich mit dem der Kaṇṭakārī, und trocknet ihn über glühender Kohle.
tataḥ kolasamāṃ mātrāṃ pibet sauvīrakeṇa vā| tuṣodakena kolānāṃ rasenāmalakasya vā
Danach trinke man eine Dosis von der Größe einer Kola-Frucht (Jujube) zusammen mit Sauvīraka (gesäuertem Getreidewasser), oder mit Spelzenwasser, oder mit dem Saft von Kola-Früchten oder von Āmalakī,
surayā dadhimaṇḍena mātuluṅgarasena vā sātalāṃ kāñcanakṣīrīṃ śyāmādīni kaṭutrikam
oder mit Surā (einem vergorenen Getränk), mit Dadhimaṇḍa (der Molke des Joghurts) oder mit dem Saft der Mātuluṅga-Zitrusfrucht. Man tränke ihn mit Sātalā, Kāñcanakṣīrī, den Śyāmā-Drogen und dem Kaṭutraya (den drei Scharfen: Ingwer, langer und schwarzer Pfeffer).
yathopapatti saptāhaṃ sudhākṣīreṇa bhāvayet| kolamātrāṃ ghṛtenātaḥ pibenmāṃsarasena vā
Je nach Verfügbarkeit lasse man dies sieben Tage lang mit dem Milchsaft der Sudhā tränken. Danach trinke man eine kola-große Dosis mit Ghee oder mit Fleischbrühe.
tryūṣaṇaṃ triphalāṃ dantīṃ citrakaṃ trivṛtāṃ tathā| snukkṣīrabhāvitaṃ samyagvidadhyādguḍapānakam
Tryūṣaṇa (die drei Scharfen), Triphalā, Dantī, Citraka und ebenso Trivṛt, gut mit dem Milchsaft der Snuhī getränkt, bereite man sorgfältig zu einem Trank mit Rohrzucker (guḍapānaka).
trivṛtāragvadhaṃ dantīṃ śaṅkhinīṃ saptalāṃ samam| gomūtre rajanīṃ kṛtvā śoṣayedātape tataḥ
Trivṛt, Āragvadha, Dantī, Śaṅkhinī und Saptalā lasse man zu gleichen Teilen eine Nacht in Kuhurin einweichen und trockne sie danach in der Sonne.
saptāhaṃ bhāvayitvaivaṃ snukkṣīreṇāparaṃ punaḥ| saptāhaṃ bhāvayecchuṣkaṃ tatastenāpi bhāvitam
Nachdem man sie so sieben Tage lang getränkt hat, tränke man das Getrocknete anschließend abermals sieben Tage lang mit dem Milchsaft der Snuhī.
gandhamālyaṃ tadāghrāya prāvṛtya paṭameva ca| sukhamāśu viricyante mṛdukoṣṭhā narādhipāḥ
Riecht man daran, mit Duftstoffen und Blütengirlanden versetzt, und hüllt man sich dabei in ein Tuch, so werden selbst Könige (narādhipa) mit weichem, empfindlichem Verdauungstrakt leicht und rasch abgeführt.
śyāmātrivṛtkaṣāyeṇa snukkṣīraghṛtaphāṇitaiḥ| lehaṃ paktvā virekārthaṃ lehayenmātrayā naram
Mit dem Sud von Śyāmā und Trivṛt, zusammen mit dem Milchsaft der Snuhī, Ghee und Zuckersirup (phāṇita), koche man eine Latwerge (leha) zur Abführung und gebe sie dem Menschen in entsprechender Dosis zu lecken.
pāyayettu sudhākṣīraṃ yūṣairmāṃsarasairghṛtaiḥ| bhāvitāñchuṣkamatsyān vā māṃsaṃ vā bhakṣayennaraḥ
Man gebe auch den Milchsaft der Sudhā, vermengt mit Hülsenfruchtsuppen (yūṣa), Fleischbrühe oder Ghee, zu trinken; oder der Mensch verzehre getrockneten Fisch oder Fleisch, das damit getränkt wurde.
kṣīreṇāmalakaiḥ sarpiścaturaṅgulavat pacet| surāṃ vā kārayet kṣīre ghṛtaṃ vā pūrvavat pacet
Mit der Milch (der Snuhī) und Āmalakī-Früchten koche man Ghee bis zur Konsistenz von „vier Fingerbreiten“ (caturaṅgula); oder man bereite Surā mit dieser Milch, oder koche Ghee wie zuvor beschrieben.
sauvīrakādibhiḥ sapta sarpiṣā ca rasena ca| pānakaṃ ghreyalehau ca yogā yūṣādibhistrayaḥ
Sieben Zubereitungen mit Sauvīraka und den übrigen Trägerflüssigkeiten, ebenso mit Ghee und mit Fleischsaft, ein Trank (pānaka), ein zum Riechen bestimmtes Mittel (ghreya) und eine Latwerge (leha), sowie drei Rezepturen mit Suppen (yūṣa) und dergleichen –
dvau śuṣkamatsyamāṃsābhyāṃ suraikā dve ca sarpiṣī| mahāvṛkṣasya yogāste viṃśatiḥ samudāhṛtāḥ
zwei mit getrocknetem Fisch und Fleisch, eine mit Surā und zwei mit Ghee: dies sind die zwanzig Zubereitungen des „großen Baumes“ (mahāvṛkṣa, der Snuhī), die hiermit dargelegt wurden.