Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Siddhisthana

Adhyāya 1: Kalpana Siddhi Die Bewährung der Reinigungsverfahren

Mit der Kalpanāsiddhi beginnt das Siddhisthāna, das letzte der acht Bücher der Caraka-Saṃhitā, das sich – anders als das vorangehende, drogenzentrierte Kalpasthāna – der praktischen Durchführung und „Bewährung" (siddhi) der fünf Reinigungsverfahren (pañcakarma) widmet: Ölung, Schwitzbehandlung, Erbrechen, Abführung und Klistier (basti). In Frageform, gestellt von Agniveśa an Ātreya, werden Reihenfolge, Dosierung, Zeichen richtiger wie fehlerhafter Anwendung sowie die stufenweise Nachsorgekost (beginnend mit Reisschleim) systematisch entfaltet – etwa die Regel, wonach acht „Wellen" beim Erbrechen und zwanzig bei der Abführung als vollständige Reinigung gelten. Breiten Raum nimmt zudem die basti-Therapie ein, die hier als möglicherweise wichtigstes aller Heilverfahren („die halbe oder sogar ganze Therapie") gewürdigt wird, mit genauer Unterscheidung von nirūha- und anuvāsana-Klistier sowie den Standardschemata karma-, kāla- und yoga-basti. Botanische Einzeldrogen treten hinter dieser verfahrenstechnischen Systematik zurück.

DOSIERUNGSREGELN DER REINIGUNGSVERFAHREN (Vers 13–14, 25)
Verfahren / KriteriumRegel
Erbrechen (vamana) bei schwacher Reinigung4 Wellen (vega)
Erbrechen bei mittlerer Reinigung6 Wellen
Erbrechen bei starker Reinigung8 Wellen
Abführung (virecana) bei schwacher Reinigung10 Wellen
Abführung bei mittlerer Reinigung20 Wellen
Abführung bei starker Reinigung30 Wellen
Basti-Anzahl bei kapha-Erkrankung1 oder 3
Basti-Anzahl bei pitta-Erkrankung5 oder 7
Basti-Anzahl bei vāta-Erkrankung9 oder 11 (stets ungerade Zahl)
Vollständiges Erbrechen zeigt sich am Erscheinen von pitta, vollständige Abführung am Erscheinen von kapha im Ausgeschiedenen (Vers 14).

athātaḥ kalpanāsiddhiṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir daher die Kalpanāsiddhi erklären – die Lehre von der Bewährung der Zubereitung (kalpanā) [der fünf Reinigungsverfahren].

iti ha smāha bhagavānātreyaḥ

So sprach der erhabene Ātreya:

kā kalpanā pañcasu karmasūktā, kramaśca kaḥ, kiṃ ca kṛtākṛteṣu| liḍgaṃ tathaivātikṛteṣu, saṅkhyā kā, kiṅguṇaḥ, keṣu ca kaśca bastiḥ

„Welches ist die für die fünf Reinigungsverfahren (pañcakarma) gelehrte Zubereitung (kalpanā), und welches ihre Reihenfolge? Was ist zu tun, wenn sie ordnungsgemäß durchgeführt oder nicht durchgeführt wurden? Welches sind ebenso die Zeichen bei Übertreibung? Wie viele Anwendungen sind vorgesehen, welchen Nutzen haben sie, und bei wem welcher basti (Klistier-Therapie) ist angezeigt?

kiṃ varjanīyaṃ pratikarmakāle, kṛte kiyān vā parihārakālaḥ| praṇīyamānaśca na yāti kena, kenaiti śīghraṃ, sucirācca bastiḥ

Was ist während der Behandlungszeit zu vermeiden, und wie lange dauert die Nachsorgezeit (parihārakāla) nach der Durchführung? Wodurch geht ein eingeführter basti nicht wieder ab, wodurch geht er rasch ab, und wodurch erst nach langer Zeit?“

sādhyā gadāḥ svaiḥ śamanaiśca kecit kasmāt prayuktairna śamaṃ vrajanti| pracoditaḥ śiṣyavareṇa samyagityagniveśena bhiṣagvariṣṭhaḥ

„Warum kommen manche heilbaren Krankheiten trotz Anwendung der ihnen jeweils zugeordneten besänftigenden Mittel (śamana) nicht zur Ruhe?“ So richtig befragt von seinem besten Schüler Agniveśa, [antwortete] der vortrefflichste der Ärzte:

punarvasustantravidāha tasmai sarvaprajānāṃ hitakāmyayedam tryahāvaraṃ saptadinaṃ paraṃ tu snigdho naraḥ svedayitavya uktaḥ

Punarvasu, der Kenner der Lehre, sprach ihm – aus Wunsch nach dem Wohl aller Geschöpfe – Folgendes: Man lehrt, dass ein Mensch, der geölt wurde (sneha, die therapeutische Ölung), mindestens drei, höchstens sieben Tage lang der Schwitzbehandlung (sveda) unterzogen werden soll.

nātaḥ paraṃ snehanamādiśanti sātmyībhavet saptadināt paraṃ tu sneho'nilaṃ hanti mṛdūkaroti dehaṃ malānāṃ vinihanti saṅgam

Über diese sieben Tage hinaus verordnet man die Ölung (snehana) nicht mehr; denn erst nach sieben Tagen wird sie dem Körper wesenseigen (sātmya). Bis dahin beseitigt die Ölung vāta, macht den Körper weich und löst die Stauung der Ausscheidungsstoffe (mala).

snigdhasya sūkṣmeṣvayaneṣu līnaṃ svedastu doṣaṃ nayati dravatvam grāmyaudakānūparasaiḥ samāṃsairutkleśanīyaḥ payasā ca vamyaḥ

Beim Geölten führt das Schwitzen den in den feinen Kanälen verborgenen doṣa (Krankheitsprinzip: vāta, pitta, kapha) in den flüssigen Zustand über. Mit Fleischsäften von Haus-, Wasser- und Sumpftieren soll der doṣa erregt werden, und mit Milch soll danach Erbrechen (vamana) herbeigeführt werden.

rasaistathā jāṅgalajaiḥ sayūṣaiḥ snigdhaiḥ kaphāvṛddhikarairvirecyaḥ śleṣmottaraśchardayati hyaduḥkhaṃ viricyate mandakaphastu samyak

Ebenso wird der Patient mit öligen Fleischsäften von Jāṅgala-Tieren zusammen mit kapha-vermehrenden Hülsenfruchtsuppen (yūṣa) zur Abführung (virecana) gebracht. Wer reichlich kapha hat, erbricht ohne Beschwerden; wer wenig kapha hat, wird richtig abgeführt.

adhaḥ kaphe'lpe vamanaṃ virecayedvirecanaṃ vṛddhakaphe tathordhvam snigdhāya deyaṃ vamanaṃ yathoktaṃ vāntasya peyādiranukramaśca

Ist kapha nur gering, aber im unteren Bauchbereich angesiedelt, so soll man abführen; ist kapha dagegen vermehrt und im oberen Bereich angesiedelt, so soll man ebenso zum Erbrechen greifen. Dem Geölten soll, wie vorgeschrieben, Erbrechen gegeben werden; für den, der erbrochen hat, gilt danach die stufenweise Nachsorge, beginnend mit Reisschleim (peyā) und weiteren Speisen.

snigdhasya susvinnatanoryathāvadvirecanaṃ yogyatamaṃ prayojyam peyāṃ vilepīmakṛtaṃ kṛtaṃ ca yūṣaṃ rasaṃ trirdvirathaikaśaśca

Bei dem, der geölt und gut durchgeschwitzt ist, soll ordnungsgemäß die bestgeeignete Abführung angewendet werden. Danach folgt die Nachsorge mit dünnem Reisschleim (peyā), dickem Reisschleim (vilepī), ungewürzter und gewürzter Kost sowie Hülsenfruchtsuppe (yūṣa) und Fleischsaft (rasa) – je nach Stärke der Reinigung drei-, zwei- oder einmal wiederholt.

krameṇa seveta viśuddhakāyaḥ pradhānamadhyāvaraśuddhiśuddhaḥ yathā'ṇuragnistṛṇagomayādyaiḥ sandhukṣyamāṇo bhavati krameṇa

Der Gereinigte soll diese Nachsorgekost der Reihe nach zu sich nehmen, je nachdem, ob die Reinigung eine starke, mittlere oder schwache war – so wie ein kleines Feuer mit Stroh, Kuhdung und dergleichen nach und nach angefacht wird.

mahān sthiraḥ sarvapacastathaiva śuddhasya peyādibhirantaragniḥ jaghanyamadhyapravare tu vegāścatvāra iṣṭā vamane ṣaḍaṣṭau

Ebenso wird das innere Verdauungsfeuer (agni) des Gereinigten durch Reisschleim und die weiteren Nachsorgespeisen groß, stabil und alles verdauend. Bei schwacher, mittlerer und starker Reinigung gelten vier, sechs beziehungsweise acht Wellen (vega) beim Erbrechen als angemessen.

daśaiva te dvitriguṇā vireke prasthastathā dvitricaturguṇaśca| pittāntamiṣṭaṃ vamanaṃ virekādardhaṃ kaphāntaṃ ca virekamāhuḥ

Bei der Abführung dagegen sind es zehn, im zwei- oder dreifachen Maß zwanzig beziehungsweise dreißig Wellen, und die ausgeschiedene Menge beträgt ein, zwei oder vier prastha. Als vollständig gilt das Erbrechen, wenn zuletzt pitta erscheint; die Abführung, so sagt man, ist in der Wellenzahl halb so groß wie das Erbrechen, gilt aber als vollständig, wenn zuletzt kapha erscheint.

dvitrān saviṭkānapanīya vegānmeyaṃ vireke vamane tu pītam kramāt kaphaḥ pittamathānilaśca yasyaiti samyagvamitaḥ sa iṣṭaḥ

Bei der Abführung soll man, nachdem man die ersten zwei oder drei mit Kot vermischten Wellen ausgeschlossen hat, die übrige Menge messen; beim Erbrechen dagegen soll man das zuvor Getrunkene abziehen. Wessen Erbrochenes der Reihe nach kapha, dann pitta und dann vāta zeigt, der ist richtig zum Erbrechen gebracht worden – das gilt als erwünscht.

hṛtpārśvamūrdhendriyamārgaśuddhau tathā laghutve'pi ca lakṣyamāṇe duśchardite sphoṭakakoṭhakaṇḍūhṛtkhāviśuddhirgurugātratāṃ ca

Zeichen des richtigen Erbrechens sind die Reinigung der Wege von Herz, Flanken, Kopf und Sinnesorganen sowie das Gefühl von Leichtigkeit. Bei mangelhaftem Erbrechen dagegen zeigen sich Blasenbildung, Hautausschlag, Juckreiz, ein Gefühl von Unreinheit in Herz- und Bauchgegend sowie Schwere der Glieder.

tṛṇmohamūrcchānilakopanidrābalādihānirvamane'ti ca syāt srotoviśuddhīndriyasamprasādau laghutvamūrjo'gniranāmayatvam

Bei übermäßigem Erbrechen können außerdem Durst, Verwirrung, Ohnmacht, Erregung von vāta, gestörter Schlaf und Kräfteverlust auftreten. Bei richtigem Erbrechen dagegen zeigen sich Reinheit der srotas (Körperkanäle), Klarheit der Sinne, Leichtigkeit, Kraft, gutes Verdauungsfeuer und Freiheit von Krankheit.

prāptiśca viṭpittakaphānilānāṃ samyagviriktasya bhavet krameṇa syācchleṣmapittānilasamprakopaḥ sādastathā'gnergurutā pratiśyā

Bei richtig Abgeführtem erscheinen der Reihe nach Kot, pitta, kapha und zuletzt vāta. Bei fehlerhafter Abführung dagegen kommt es zur Erregung von kapha, pitta und vāta, zu Mattigkeit, Schwäche des agni und zu Schnupfen.

tandrā tathā cchardirarocakaśca vātānulomyaṃ na ca durvirikte kaphāsrapittakṣayajānilotthāḥ suptyaṅgamardaklamavepanādyāḥ

Ferner treten auf: Benommenheit, Erbrechen und Appetitlosigkeit, und bei mangelhaft Abgeführtem stellt sich kein regelrechter Abwärtsfluss (anulomya) des vāta ein. Aus dem Schwund von kapha, Blut und pitta sowie aus erregtem vāta entstehen Taubheitsgefühl, Gliederschmerzen, Erschöpfung, Zittern und dergleichen.

nidrābalābhāvatamaḥpraveśāḥ sonmādahikkāśca virecite'ti saṃsṛṣṭabhaktaṃ navame'hni sarpistaṃ pāyayetāpyanuvāsayedvā

Bei übermäßig Abgeführtem treten außerdem auf: Schlaflosigkeit, Kraftverlust, Eintrübung des Bewusstseins, sogar Wahnsinn und Schluckauf. Ist der Patient wieder an gemischte Kost gewöhnt, soll man ihm am neunten Tag geklärte Butter (ghṛta) zu trinken geben oder ihn mit anuvāsana (dem retentiven Öl-Klistier) behandeln.

tailāktagātrāya tato nirūhaṃ dadyātryahānnātibubhukṣitāya| prasyāgate dhanvarasena bhojyaḥ samīkṣya vā doṣabalaṃ yathārham

Danach soll man dem, dessen Körper mit Öl eingerieben ist, drei Tage lang – wenn er nicht übermäßig hungrig ist – den nirūha (das ausleitende, nicht-ölige Klistier) geben. Ist dieser wieder abgegangen, soll er mit Fleischbrühe von Wildtieren gespeist werden – oder die Dosierung wird jeweils entsprechend der Stärke des doṣa angepasst.

narastato niśyanuvāsanārho nātyāśitaḥ syādanuvāsanīyaḥ śīte vasante ca divā'nuvāsyo rātrau śaradgrīṣmaghanāgameṣu

Danach ist der Mann für anuvāsana geeignet; wer nicht übersättigt gegessen hat, soll damit behandelt werden. In der kalten Jahreszeit und im Frühling soll das anuvāsana tagsüber gegeben werden, im Herbst, Sommer und in der Regenzeit dagegen nachts.

tāneva doṣān parirakṣatā ye snehasya pāne parikīrtitāḥ prāk pratyāgate cāpyanuvāsanīye divā pradeyaṃ vyuṣitāya bhojyam

Dabei sollen dieselben Rücksichten auf den doṣa gelten, die für das Trinken der Ölung genannt wurden. Solange das anuvāsana noch nicht wieder abgegangen ist, soll dem nüchternen Patienten tagsüber Nahrung gegeben werden.

sāyaṃ ca bhojyaṃ parato dvyahe vā tryahe'nuvāsyo'hani pañcame vā | tryahe tryahe vā'pyatha pañcame vā dadyānnirūhādanuvāsanaṃ ca

Wurde es am Abend gegeben, soll ihm abends Nahrung gegeben werden; danach soll er nach zwei, drei oder fünf Tagen erneut mit anuvāsana behandelt werden. Ebenso soll man jeweils nach drei Tagen oder am fünften Tag abwechselnd nirūha und anuvāsana geben.

ekaṃ tathā trīn kaphaje vikāre pittātmake pañca tu sapta vā'pi| vāte navaikādaśa vā punarvā bastīnayugmān kuśalo vidadhyāt

Bei einer kapha-bedingten Erkrankung soll der Kundige einen oder drei basti geben; bei einer pitta-bedingten fünf oder sieben; bei einer vāta-bedingten neun oder elf – stets eine ungerade Anzahl.

naro viriktastu nirūhadānaṃ vivarjayet saptadinānyavaśyam| śuddho nirūheṇa virecanaṃ ca taddhyasya śūnyaṃ vikaseccharīram

Ein Mensch, der abgeführt wurde, soll unbedingt sieben Tage lang auf die Gabe eines nirūha verzichten; und wer durch nirūha gereinigt ist, soll ebenso auf virecana verzichten – sonst würde sich sein bereits entleerter Körper gefährlich weiten.

bastirvayaḥsthāpayitā sukhāyurbalāgnimedhāsvaravarṇakṛcca| sarvārthakārī śiśuvṛddhayūnāṃ niratyayaḥ sarvagadāpahaśca

Der basti erhält die Lebenskraft, schenkt ein glückliches Leben, Kraft, Verdauungsfeuer, Intelligenz, eine gute Stimme und Hautfarbe. Er nützt in jeder Hinsicht Kindern, Alten und jungen Erwachsenen, ist gefahrlos und beseitigt alle Krankheiten.

viṭśleṣmapittānilamūtrakarṣī dārḍhyāvahaḥ śukrabalapradaśca| viśvaksthitaṃ doṣacayaṃ nirasya sarvān vikārān śamayennirūhaḥ

Er zieht Kot, kapha, pitta, vāta und Harn heraus, bringt Festigkeit und schenkt Samen (śukra) und Kraft. Der nirūha beseitigt die im ganzen Körper sitzende Ansammlung der doṣa und besänftigt alle Krankheiten.

dehe nirūheṇa viśuddhamārge saṃsnehanaṃ varṇabalapradaṃ ca| na tailadānāt paramasti kiñciddravyaṃ viśeṣeṇa samīraṇārte

Sind durch den nirūha die Wege im Körper gereinigt, schenkt die anschließende vollständige Ölung Hautfarbe und Kraft. Es gibt kein Mittel, das – besonders für den von vāta Geplagten – über die Gabe von Öl (taila) hinausginge.

snehena raukṣyaṃ laghutāṃ gurutvādauṣṇyācca śaityaṃ pavanasya hatvā| tailaṃ dadātyāśu manaḥprasādaṃ vīryaṃ balaṃ varṇamathāgnipuṣṭim

Indem es durch seine Schwere die Trockenheit und Leichtigkeit des vāta und durch seine Wärme dessen Kälte beseitigt, schenkt das Öl rasch Klarheit des Geistes, Vitalität, Kraft, Hautfarbe und Stärkung des agni.

mūle niṣikto hi yathā drumaḥ syānnīlacchadaḥ komalapallavāgryaḥ| kāle mahān puṣpaphalapradaśca tathā naraḥ syādanuvāsanena

Denn so wie ein Baum, dessen Wurzel begossen wird, dunkelgrünes Laub und zarte, prächtige Triebe bekommt und zur rechten Zeit groß wird und Blüten und Früchte trägt, so wird der Mensch durch anuvāsana.

stabdhāśca ye saṅkucitāśca ye'pi ye paṅgavo ye'pi ca bhagnarugṇāḥ| yeṣāṃ ca śākhāsu caranti vātāḥ śasto viśeṣeṇa hi teṣu bastiḥ

Für jene, die versteift oder zusammengezogen sind, für Gelähmte und für die, deren Glieder gebrochen oder verletzt sind, sowie für jene, in deren Gliedern vāta umherwandert – für sie ist der basti besonders zu empfehlen.

ādhmāpane vigrathite purīṣe śūle ca bhaktānabhinandane ca| evamprakārāśca bhavanti kukṣau ye cāmayāsteṣu ca bastiriṣṭaḥ

Bei Blähungen, bei verhärtetem Stuhl, bei Kolikschmerz und bei Widerwillen gegen Speise sowie bei allen derartigen Erkrankungen des Bauches ist der basti ebenfalls angezeigt.

yāśca striyo vātakṛtopasargā garbhaṃ na gṛhṇanti nṛbhiḥ sametāḥ| kṣīṇendriyā ye ca narāḥ kṛśāśca bastiḥ praśastaḥ paramaṃ ca teṣu

Auch für Frauen, die – durch vāta bedingte Störungen – trotz Vereinigung mit Männern nicht schwanger werden, sowie für Männer mit geschwächten Sinnesorganen und für Abgemagerte ist der basti höchst zu empfehlen.

uṣṇābhibhūteṣu vadanti śītāñchītābhibhūteṣu tathā sukhoṣṇān| tatpratyanīkauṣadhasamprayuktān sarvatra bastīn pravibhajya yuñjyāt

Bei von Hitze Überwältigten empfiehlt man kühlende, bei von Kälte Überwältigten dagegen angenehm warme basti. Überall soll man den basti, versehen mit dem jeweils entgegenwirkenden Heilmittel, unterscheidend und passend anwenden.

na bṛṃhaṇīyān vidadhīta bastīn viśodhanīyeṣu gadeṣu vaidyaḥ| kuṣṭhapramehādiṣu medureṣu nareṣu ye cāpi viśodhanīyāḥ

Der Arzt soll bei Krankheiten, die eine Ausleitung erfordern, keine kräftigenden (bṛṃhaṇa) basti geben – also bei kuṣṭha, prameha und dergleichen sowie bei fettleibigen Menschen und bei allen anderen, die eine Ausleitung benötigen.

kṣīṇakṣatānāṃ na viśodhanīyānna śoṣiṇāṃ no bhṛśadurbalānām| na mūrcchitānāṃ na viśodhitānāṃ yeṣāṃ ca doṣeṣu nibaddhamāyuḥ

Ausleitende basti sind nicht angebracht bei Erschöpften und Verletzten, nicht bei Auszehrungskranken, nicht bei stark Geschwächten, nicht bei Ohnmächtigen, nicht bei bereits Gereinigten und nicht bei jenen, deren Leben gerade noch am Gleichgewicht der doṣa hängt.

śākhāgatāḥ koṣṭhagatāśca rogā marmordhvasarvāvayavāṅgajāśca| ye santi teṣāṃ na hi kaścidanyo vāyoḥ paraṃ janmani heturasti

Bei allen Krankheiten, die in den Gliedern, im Rumpfinneren, in den marman (empfindlichen Vitalpunkten), im oberen Körperbereich oder in irgendeinem Körperteil entstehen, gibt es keine wichtigere Ursache ihrer Entstehung als vāyu.

viṇmūtrapittādimalāśayānāṃ vikṣepasaṅghātakaraḥ sa yasmāt| tasyātivṛddhasya śamāya nānyadbastiṃ vinā bheṣajamasti kiñcit

Denn vāyu bewirkt die Verstreuung oder Anhäufung von Kot, Harn, pitta und den übrigen Ausscheidungsstoffen in ihren Behältern. Um ihn, wenn er übermäßig erregt ist, zu besänftigen, gibt es kein anderes Heilmittel außer dem basti.

tasmāccikitsārdhamiti bruvanti sarvāṃ cikitsāmapi bastimeke nābhipradeśaṃ kaṭipārśvakukṣiṃ gatvā śakṛddoṣacayaṃ viloḍya

Deshalb nennen manche Meister den basti die halbe Therapie, andere sogar die gesamte Therapie. Er gelangt bis zur Nabelgegend, den Hüften, Flanken und dem Bauch, durchrührt dort die Ansammlung von Kot und doṣa

saṃsnehya kāyaṃ sapurīṣadoṣaḥ samyak sukhenaiti ca yaḥ sa bastiḥ prasṛṣṭaviṇmūtrasamīraṇatvaṃ rucyagnivṛddhyāśayalāghavāni

und geht, nachdem er den Körper geölt hat, zusammen mit Kot und doṣa richtig und ohne Beschwerden wieder ab – das ist der Maßstab für einen gut wirkenden basti. Zeichen seiner richtigen Wirkung sind: gelöster Abgang von Kot, Harn und Wind, gesteigerter Appetit, verstärktes agni und Leichtigkeit des Bauches.

rogopaśāntiḥ prakṛtisthatā ca balaṃ ca tat syāt sunirūḍhaliṅgam syādrukchirohṛdgudabastiliṅge śophaḥ pratiśyāyavikartike ca

Ferner das Nachlassen der Krankheit, die Rückkehr zum natürlichen Zustand und Kraft – dies sind die sicheren Zeichen einer guten Wirkung. Bei übermäßiger Wirkung dagegen treten Schmerzen in Kopf, Herz, Aftergegend und Blase, Schwellung, Schnupfen und Krämpfe auf.

hṛllāsikā mārutamūtrasaṅgaḥ śvāso na samyak ca nirūhite syuḥ liṅgaṃ yadevātivirecitasya bhavettadevātinirūhitasya

Bei mangelhaft mit nirūha Behandelten treten Übelkeit, Rückstau von vāta und Harn sowie erschwertes Atmen auf. Die Zeichen dessen, der übermäßig abgeführt wurde, sind dieselben wie bei dem, der übermäßig mit nirūha behandelt wurde.

pratyetyasaktaṃ saśakṛcca tailaṃ raktādibuddhīndriyasamprasādaḥ | svapnānuvṛttirlaghutā balaṃ ca sṛṣṭāśca vegāḥ svanuvāsite syuḥ

Bei richtig durchgeführtem anuvāsana geht das Öl ungehindert zusammen mit Kot wieder ab; es zeigt sich Klarheit von Blut, Verstand und Sinnen, regelmäßiger Schlaf, Leichtigkeit, Kraft und ungehinderter Abgang der natürlichen Körperbedürfnisse.

adhaḥśarīrodarabāhupṛṣṭhapārśveṣu rugrūkṣakharaṃ ca gātram | grahaśca viṇmūtrasamīraṇānāmasamyagetānyanuvāsitasya

Bei fehlerhaft durchgeführtem anuvāsana treten Schmerzen im unteren Körperbereich, im Bauch, in Armen, Rücken und Flanken auf, der Körper wird rau und trocken, und Kot, Harn und vāta stauen sich.

hṛllāsamohaklamasādamūrcchāvikartikā cātyanuvāsitasya yasyeha yāmānanuvartate trīn sneho naraḥ syāt sa viśuddhadehaḥ

Bei übermäßig mit anuvāsana Behandeltem treten Übelkeit, Verwirrung, Erschöpfung, Mattigkeit, Ohnmacht und Krämpfe auf. Wessen Öl drei Yāma (Wachen, je etwa drei Stunden) lang im Körper verbleibt, dessen Körper gilt als vollständig gereinigt.

āśvāgate'nyastu punarvidheyaḥ sneho na saṃsnehayati hyatiṣṭhan triṃśanmatāḥ karma nu bastayo hi kālastato'rdhena tataśca yogaḥ

Geht das Öl schnell wieder ab, soll ein weiteres anuvāsana gegeben werden; denn verbleibt es zu lange im Körper, ölt es nicht mehr richtig. Dreißig basti gelten als das volle karma-Programm; die Hälfte davon heißt kāla-basti; und ein noch kürzeres Programm heißt yoga-basti.

sānvāsanā dvādaśa vai nirūhāḥ prāk sneha ekaḥ parataśca pañca| kāle trayo'nte puratastathaikaḥ snehā nirūhāntaritāśca ṣaṭ syuḥ

Beim karma-basti, bestehend aus zwölf nirūha samt begleitenden anuvāsana: zuerst ein sneha-basti, danach fünf; beim kāla-basti: drei nirūha, am Ende, und davor wiederum einer, dazwischen sechs mit sneha durchsetzte nirūha.

yoge nirūhāstraya eva deyāḥ snehāśca pañcaiva parādimadhyāḥ trīn pañca vā''huścaturo'tha ṣaḍvā vātādikānāmanuvāsanīyān

Beim yoga-basti sollen nur drei nirūha gegeben werden, dazu fünf sneha-basti – am Anfang, am Ende und in der Mitte verteilt. Für die durch vāta und die übrigen doṣa bedingten Erkrankungen nennt man drei oder fünf, beziehungsweise vier oder sechs anuvāsana als angemessen.

snehān pradāyāśu bhiṣagvidadhyāt srotoviśudyarthamato nirūhān viśuddhadehasya tataḥ krameṇa snigdhaṃ talasveditamuttamāṅgam

Nachdem der Arzt rasch die vorgesehenen Ölungen gegeben hat, soll er zur Reinigung der srotas die nirūha verabreichen. Danach soll bei dem, dessen Körper so gereinigt ist, der Reihe nach der Kopf geölt und mit warmen Handflächen geschwitzt werden.

virecayettrirdvirathaikaśo vā balaṃ samīkṣya trividhaṃ malānām| uraḥśirolāghavamindriyācchyaṃ srotoviśuddhiśca bhavedviśuddhe

Man soll – je nach Einschätzung der dreifachen Stärke des Patienten – drei-, zwei- oder einmal eine Kopf-Abführung vornehmen, um die Ausscheidungsstoffe des Kopfes zu entfernen. Bei richtig Gereinigtem stellen sich Leichtigkeit von Brust und Kopf, Klarheit der Sinne und Reinheit der srotas ein.

galopalepaḥ śiraso gurutvaṃ niṣṭhīvanaṃ cāpyatha durvirikte| śirokṣiśaṅkhaśravaṇārtitodāvatyarthaśuddhe timiraṃ ca paśyet

Bei mangelhafter Kopf-Reinigung zeigen sich ein Belag im Rachen, Schwere des Kopfes und vermehrter Speichelfluss. Bei übermäßiger Reinigung dagegen zeigen sich stechende Schmerzen in Kopf, Augen, Schläfen und Ohren, und man kann Sehstörungen (timira) beobachten.

syāttarpaṇaṃ tatra mṛdu dravaṃ ca snigdhasya tīkṣṇaṃ tu punarna yoge ityāturasvasthasukhaḥ prayogo balāyuṣorvṛddhikṛdāmayaghnaḥ

In diesem Fall sei die Nasenbehandlung mild und flüssig für den bereits Geölten; ein scharfes Mittel jedoch soll bei erneuter Anwendung nicht gegeben werden. So sind diese Anwendungen zum Wohl von Krankem und Gesundem geeignet, mehren Kraft und Lebensdauer und vernichten die Krankheit.

kālastu bastyādiṣu yāti yāvāṃstāvān bhaveddviḥ parihārakālaḥ atyāsanasthānavacāṃsi yānaṃ svapnaṃ divā maithunavegarodhān

Die Zeit, die für die Verabreichung von basti und den übrigen Verfahren gebraucht wird, ergibt, verdoppelt, die Dauer der Nachsorgezeit. Während dieser Zeit soll man übermäßiges Sitzen, Stehen, Sprechen, Fahren, Schlafen am Tag, Geschlechtsverkehr und das Zurückhalten natürlicher Bedürfnisse

śītopacārātapaśokaroṣāṃstyajedakālāhitabhojanaṃ ca baddhe praṇīte viṣamaṃ ca netre mārge tathā'rśaḥkaphaviḍvibaddhe

sowie Kälteanwendungen, Sonnenhitze, Kummer und Zorn meiden, ebenso das Essen zur Unzeit oder von Unzuträglichem. Ist der basti steckengeblieben oder schon wieder abgegangen, oder ist der Weg des Klistiers durch Hämorrhoiden, kapha oder Kotstauung uneben versperrt,

na yāti bastirna sukhaṃ nireti doṣāvṛto'lpo yadi vā'lpavīryaḥ prāpte tu varconilamūtravege vāte'tivṛddhe'lpabale gude vā

so geht der basti entweder gar nicht ein oder kommt nicht ohne Beschwerden wieder heraus – sei es, weil er von doṣa umhüllt, zu gering an Menge oder zu schwach an Wirkkraft ist, oder weil der Drang nach Stuhl, Wind oder Harn eingetreten ist, oder weil vāta übermäßig erregt oder der Anus zu schwach ist.

atyuṣṇatīkṣṇaśca mṛdau ca koṣṭhe praṇītamātraḥ punareti bastiḥ medaḥkaphābhyāmanilo niruddhaḥ śūlāṅgasuptiśvayathūn karoti

Ist der basti zu heiß oder zu scharf, während der Bauch weich ist, so kommt er sofort nach dem Einführen wieder heraus. Wird vāta durch übermäßiges Fett und kapha blockiert, verursacht er Kolikschmerz, Taubheit der Glieder und Schwellungen.

snehaṃ tu yuñjannabudhastu tasmai saṃvardhayatyeva hi tān vikārān| rogāstathā'nye'pyavitarkyamāṇāḥ paraspareṇāvagṛhītamārgāḥ

Wendet ein unkundiger Arzt dabei dennoch eine Ölung an, so verstärkt er eben diese Störungen nur noch. Ebenso entstehen andere, kaum vorhersehbare Krankheiten, wenn sich die Wege der doṣa gegenseitig blockiert haben

sandūṣitā dhātubhireva cānyaiḥ svairbheṣajairnopaśamaṃ vrajanti sarvaṃ ca rogapraśamāya karma hīnātimātraṃ viparītakālam

und wenn die doṣa von den dhātus (Körpergeweben) selbst und von anderen Faktoren verunreinigt sind – dann kommen sie durch die ihnen eigentlich zugeordneten Heilmittel nicht zur Ruhe. Und jede zur Besänftigung einer Krankheit gedachte Maßnahme, die zu schwach, zu stark oder zur falschen Zeit angewendet wird,

mithyopacārācca na taṃ vikāraṃ śāntiṃ nayet pathyamapi prayuktam tatra ślokaḥ- praśnānimān dvādaśa pañcakarmāṇyuddiśya siddhāviha kalpanāyām

oder die auf falsche Weise durchgeführt wird, führt jene Störung nicht zur Ruhe – selbst wenn an sich Zuträgliches angewendet wird. Dazu gibt es folgenden Vers: „Diese zwölf Fragen zu den fünf Reinigungsverfahren hat man hier, in der Lehre von der Bewährung der Zubereitung, gestellt.“

prajāhitārthaṃ bhagavān mahārthān samyagjagādarṣivaro'triputraḥ

Zum Wohle der Geschöpfe hat der erhabene, beste der Weisen, der Sohn des Atri, diese bedeutungsvollen Lehren in vollkommener Weise verkündet.

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