Quellen der Menschheit

Kāṭha-Āraṇyaka

Kapitel 5: pravargyabrāhmaṇam kaṭhaśākhāyāḥ (Originalseite 97ff.) Teil II, Abschnitt 4: Das PRAVARGYA-BRĀHMAṆA DER KAṬHA-ŚĀKHĀ (S.92-120) — Makha-Kopf-Mythos, Richtungs/Jahreszeiten/Versmaß-Korrespondenzen, bricht unvollständig ab

Originalseiten 90-97ff. Schroeder identifiziert in der stark beschädigten Handschrift T1 (Unternummer 10, Blätter 338-357, größtenteils oben abgebrochen, ca. 1/3 Textverlust pro Seite) ein umfangreiches, eigenständiges 'PRAVARGYABRĀHMAṆA DER KAṬHA-ŚĀKHĀ' – die Kaṭha-eigene PROSA-ERKLÄRUNG (Brāhmaṇa-Stil) zu den Pravargya-Mantras, welche inhaltlich dem Verhältnis von Taittirīya-Āraṇyaka Buch 5 (Brāhmaṇa-Kommentar) zu Buch 4 (die reinen Mantras) entspricht – OHNE jedoch mit Tāitt.Ār.5 textlich identisch zu sein (Schroeder betont ausdrücklich zahlreiche Detailabweichungen trotz stofflicher Übereinstimmung). Da der eigentliche Kaṭha-Text zu den Tāitt.Ār.4 entsprechenden Mantras selbst nicht erhalten ist, stellt Schroeder ersatzweise die Tāitt.Ār.4-Mantras voran und die erhaltenen Kaṭha-Brāhmaṇa-Erklärungen dahinter. Der Inhalt ist die typische Brāhmaṇa-Etymologisierung der Pravargya-Ritualhandlungen (Jochung des Gharma-Gefäßes, Ghee-Opfergaben, Anrufungen), verwoben mit dem bekannten MAKHA-KOPF-MYTHOS (Ursprung des Pravargya-Rituals aus dem abgetrennten Haupt des Opfers/Makha) und der bereits in u1 übersetzten Richtungs/Jahreszeiten/Versmaß-Korrespondenztabelle (die den Abschluss dieses Abschnitts bildet).

[ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT, [?] an sehr vielen Stellen wegen des fragmentarischen Erhaltungszustands (oberes Blattdrittel fehlt durchgehend):] ... prajāpatir vai prajāḥ sṛjamāno hy āsīt tasya tejo yajñiyam apākrāmac candramāḥ ... yajñiyaṃ tejaḥ sambharati ... indro vai vṛtraṃ hatvā tasya vīryam apākrāmad indrāgnī prāviśat ... indrasyaiva vīryaṃ sambharati ... prajāpateḥ sanūḥ priyā tanūr yajñaḥ suhitaḥ prajāpater eva priyāṃ tanūṃ sambharati ... madhu vā madhunā karoti ... makhasya śiraḥ ity apiṇḍam upādatte yajño vai makhī yajñasyaiva śiro'sya karoti ... gāyatro'sīti prathamām samidham ādadhāti tejo vai brahma gāyatrī tejaḥ evaṃ brahma yajamāne dadhāti ...

[stark zusammenfassend, [?]:] '... PRAJĀPATI, ALS ER DIE GESCHÖPFE ERSCHUF, [SEIN] OPFER-GLANZ [TEJAS] ENTWICH IHM; [DIESER GING] IN DEN MOND [EIN] ... [DURCH DIESES RITUAL] SAMMELT ER [DEN] OPFERGLANZ [WIEDER EIN]. — INDRA, NACHDEM ER VṚTRA ERSCHLAGEN HATTE, [SEINE] KRAFT [VĪRYA] ENTWICH IHM, GING IN INDRA-UND-AGNI EIN ... [DIESES RITUAL] SAMMELT EBEN INDRAS KRAFT WIEDER EIN. — PRAJĀPATIS EIGENER, GELIEBTER LEIB IST DAS WOHLBEREITETE OPFER; [DIESES RITUAL] SAMMELT EBEN PRAJĀPATIS GELIEBTEN LEIB [WIEDER EIN]. — MIT HONIG MACHT ER [ES] ZU HONIG[-SÜSSEM] ... 'DAS HAUPT DES MAKHA' [SPRECHEND] NIMMT ER EINEN [TEIG-]KLUMPEN AUF: DAS OPFER NÄMLICH IST MAKHI [DER ZUM OPFER GEHÖRIGE]; SO MACHT ER [DIESEN KLUMPEN ZU] DES OPFERS EIGENEM HAUPT ... 'DU BIST DAS GĀYATRA[-LIED/VERSMASS]' [SPRECHEND] LEGT ER DAS ERSTE BRENNHOLZSCHEIT AN: GLANZ [TEJAS] IST WAHRLICH DAS BRAHMAN, GĀYATRĪ IST GLANZ — SO VERLEIHT ER DEM OPFERER DAS BRAHMAN ...' (Pravargyabrāhmaṇa der Kaṭha-Śākhā, Beginn) [Anm.: eine typische Brāhmaṇa-Etymologisierung der Pravargya-Ritualhandlungen, verwoben mit dem aus zahlreichen Brāhmaṇa-Texten (u.a. Śatapatha-Brāhmaṇa, Taittirīya-Saṃhitā) bekannten MAKHA-KOPF-MYTHOS: dem Opfer bzw. dem Opfer-Personifikation 'Makha' (später mit Viṣṇu identifiziert) wird mythologisch das Haupt abgetrennt, welches sodann rituell im Pravargya-Ritus durch das tönerne Gharma-Gefäß und den Ghee-'Kopf'-Kloß symbolisch wiederhergestellt wird. Ebenso werden Prajāpatis entwichener Opferglanz (der zum Mond wurde) und Indras nach dem Vṛtra-Kampf entwichene Kraft durch das Ritual symbolisch 'wieder eingesammelt' [Sambharati] – ein klassisches Muster der Brāhmaṇa-Ritualtheologie: das Ritual repariert einen mythischen Urverlust.]

Wort für Wort
makhasya śira ityapiṇḍamupādatte
'das Haupt des Makha' sprechend nimmt er einen Klumpen auf
yajño vai makhī yajñasyaiva śiro'sya karoti
das Opfer ist Makhi — so macht er diesen zum Haupt des Opfers
tejo vai brahma gāyatrī tejaḥ
Glanz ist wahrlich das Brahman, Gāyatrī ist Glanz

Pravargyabrāhmaṇa-Beginn: Brāhmaṇa-Etymologisierung der Pravargya-Handlungen via Makha-Kopf-Mythos (Ursprung des Gharma-Ritus aus dem abgetrennten Opferhaupt), Prajāpatis entwichenem Opferglanz (→Mond) und Indras nach dem Vṛtra-Kampf entwichener Kraft – das Ritual 'sammelt' diese mythisch verlorenen Kräfte wieder ein. Stark fragmentarischer Erhaltungszustand (T1 Bl.338-357, oberes Drittel jeder Seite verloren).

[ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen extremer Korrespondenz-Dichte und mehrfacher Ligaturunsicherheit, [?]:] candasā vasantam ṛtuṃ viśrāmīti prācyāṃ diśi vasantaṃ purastāt praviśrāmpradāhāya | dakṣiṇayā tvā digindreṇa devatayā traiṣṭubhena chandasā grīṣmam ṛtuṃ viśrāmīti dakṣiṇasyāṃ diśi grīṣmaṃ dakṣiṇataḥ praviśram pradāhāya | pratīcyā tvā dig sāvitryā devatayā jāgatena chandasā varṣā ṛtuṃ viśrāmīti pratīcyāṃ diśi varṣāḥ paścāt praviśram pradāhāya | udīcyā tvā dig mitrāvaruṇābhyāṃ devatābhyām ānuṣṭubhena chandasā śaradam ṛtuṃ viśrāmīty uttarasyāṃ diśi śarad uttarataḥ praviśram pradāhāya | bṛhaspatinā devatayā pāṅktena chandasā hemantam ṛtuṃ viśrāmīty upariṣṭāt praviśram pradāhāya | anayā divyayā prajayā śiśiram ṛtuṃ viśrāmīty asyāṃ diśi śiśiraṃ praviśram pradāhāya || gāyatraṃ chandaḥ praviśrāmīti tejo vai brahma gāyatraṃ tejaḥ evaitat praviśram ity enat prayacchati | traiṣṭubhaṃ chandaḥ praviśrāmīti vīryaṃ vai tad iti vīryam evaitat prayacchati | jāgataṃ chandaḥ praviśrāmīti paśavo vai jāgatī paśūn evaitat prayacchati | ānuṣṭubhaṃ chandaḥ praviśrāmīti vāṅ mayy anuṣṭup vācam evaitat prayacchati | tāni naḥ pārayantu tāny asmān āśiṣam āśāsānān saṃ cakratu | yaḥ syandiṣṭi taṃ vayaṃ bhindmaḥ yo 'smān dveṣṭi taṃ śucārpayatv āpo 'smān praviśantv āpo 'smāsu jāgṛtu | sarvā devatā devatā evaitat praviśram ity āhuḥ | viśvasyāyur viśvam āyur eti yaḥ evaṃ veda saṃvatsaraṃ dvi || ...

[zusammenfassend, [?]:] 'DURCH DAS [Chandas], DIE JAHRESZEIT FRÜHLING TRETE ICH EIN — SO [SPRICHT ER,] IM OSTEN [STEHEND,] VOM FRÜHLING NACH OSTEN HIN, ZUM EINTRITT [Praviśram, wohl 'Erlaubnis/Eintretensrecht'] IN DIE GLUT [Gharma]. — DURCH DIE SÜD-RICHTUNG, MIT INDRA ALS GOTTHEIT, IM TRIṢṬUBH-VERSMASS, DIE JAHRESZEIT SOMMER TRETE ICH EIN — IM SÜDEN, VOM SOMMER NACH SÜDEN HIN, ZUM EINTRITT IN DIE GLUT. — DURCH DIE WEST-RICHTUNG, MIT SAVITṚ ALS GOTTHEIT, IM JAGATĪ-VERSMASS, DIE JAHRESZEIT REGENZEIT TRETE ICH EIN — IM WESTEN. — DURCH DIE NORD-RICHTUNG, MIT MITRA UND VARUṆA ALS GOTTHEITEN, IM ANUṢṬUBH-VERSMASS, DIE JAHRESZEIT HERBST TRETE ICH EIN — IM NORDEN. — MIT BṚHASPATI ALS GOTTHEIT, IM PĀṄKTI-VERSMASS, DIE JAHRESZEIT WINTER TRETE ICH EIN — VON OBEN HER. — DURCH DIESE HIMMLISCHE NACHKOMMENSCHAFT DIE JAHRESZEIT SPÄTWINTER TRETE ICH EIN — AN DIESER [UNTEREN?] RICHTUNG. — [Es folgt eine Deutung der Versmaße:] ICH TRETE IN DAS GĀYATRĪ-VERSMASS EIN — GLANZ/MACHT [Tejas] IST WAHRLICH DAS BRAHMAN, GĀYATRĪ IST GLANZ — EBEN DIESEN [GLANZ] GEWÄHRT ER DAMIT. ICH TRETE IN DAS TRIṢṬUBH-VERSMASS EIN — KRAFT [Vīrya] IST DIES WAHRLICH — EBEN DIESE KRAFT GEWÄHRT ER. ICH TRETE IN DAS JAGATĪ-VERSMASS EIN — VIEH [Paśu] IST DIE JAGATĪ — EBEN DAS VIEH GEWÄHRT ER. ICH TRETE IN DAS ANUṢṬUBH-VERSMASS EIN — REDE [Vāc] IST DIE ANUṢṬUBH — EBEN DIE REDE GEWÄHRT ER. DIESE [MÄCHTE] MÖGEN UNS HINÜBERGELEITEN; SIE MÖGEN UNS, DIE WIR UM SEGEN BITTEN, [DIESEN] GEWÄHREN. WER UNS SCHADEN WILL, DEN ZERSCHMETTERN WIR; WER UNS HASST, DEN MÖGE [DAS FEUER] VERBRENNEN LASSEN; DIE WASSER MÖGEN IN UNS EINTRETEN, DIE WASSER MÖGEN IN UNS WACHEN. ALLE GOTTHEITEN — 'GOTTHEIT' NENNEN SIE EBEN DIESEN EINTRITT. DER GANZEN [WELT] LEBENSDAUER, DIE GANZE LEBENSDAUER ERLANGT, WER DIES WEISS — [JE] ZWEIMAL IM JAHR ...' (Pravargyabrāhmaṇa der Kaṭha-Śākhā) [Anm.: eine formelhafte Richtungs/Jahreszeiten/Versmaß/Gottheiten-Korrespondenz-tabelle für den rituellen 'Eintritt' [Praviśra/Praveśana] in die Gharma-Glut des Pravargya-Rituals, strukturell eng verwandt mit der bereits aus der Maitrāyaṇīya-Āraṇyaka (Prapāṭhaka 7,1-6) bekannten Sāman/Jahreszeiten-Korrespondenztabelle sowie mit ähnlichen Systemen im bereits übersetzten Taittirīya-Āraṇyaka. Bemerkenswert ist die abschließende Versmaß-Deutung (Gāyatrī=Glanz/Brahman, Triṣṭubh=Kraft, Jagatī=Vieh, Anuṣṭubh=Rede), die dem aus zahlreichen Brāhmaṇa-Texten bekannten Muster symbolischer Versmaß-Gleichungen entspricht.]

Wort für Wort
candasā vasantamṛtuṃ viśrāmīti prācyāṃ diśi
durch das [Metrum] trete ich in die Jahreszeit Frühling ein — im Osten
gāyatraṃ chandaḥ praviśrāmīti tejo vai brahma
ich trete in das Gāyatrī-Versmaß ein — Glanz ist wahrlich das Brahman
sarvā devatā devatā evaitat praviśramityāhuḥ
alle Gottheiten — 'Gottheit' nennen sie eben diesen Eintritt

Pravargyabrāhmaṇa der Kaṭha-Śākhā: Richtungs/Jahreszeiten/Versmaß/Gottheiten-Korrespondenztabelle (Ost-Agni/Frühling/Gāyatrī-analog, Süd-Indra/Sommer/Triṣṭubh, West-Savitṛ/Regenzeit/Jagatī, Nord-Mitra-Varuṇa/Herbst/Anuṣṭubh, Oben-Bṛhaspati/Winter/Pāṅkti, [unten]-Śiśira); symbolische Versmaß-Deutung (Gāyatrī=Tejas, Triṣṭubh=Vīrya, Jagatī=Paśu, Anuṣṭubh=Vāc). Strukturparallele zur Sāman-Korrespondenztabelle der Maitrāyaṇīya-Āraṇyaka Prap.7.

[kein durchlaufendes Zitat – zusammenfassender Bericht, S.117-120]

Der letzte Abschnitt des Pravargyabrāhmaṇa (Blätter fol.353-357, zunehmend beschädigt, zuletzt 'noch stärker beschädigt als die früheren Blätter') behandelt weitere Mahāvīra-Topf-Riten (Herstellung, Weihe, Bezug zu Sonne/Regen/Weltenreichen) sowie einen Ritus mit dem KṚṢṆĀJINA (schwarzes Antilopenfell) und schließt mit einer knappen Sühnehandlung (Prāyaścitti) für den Fall, dass beim Ritual etwas misslingt. Schroeder notiert ausdrücklich: 'Damit ist dasjenige, was uns hier vom Pravargyabrāhmaṇa der Kaṭha-Śākhā vorliegt, abgeschlossen' – KEIN echter Werkschluss/Kolophon, sondern ein Abbruch durch physischen Textverlust der Handschrift. Abschließende Beobachtung Schroeders: die erste Hälfte dieses Textes entspricht Tāitt.Ār.4 erheblich enger als die zweite; auffällig ist zudem ein Sprung in der Kaṭha-Kapitelfolge von Tāitt.Ār.4,11 direkt zu 4,41-42-40 (statt der Taittirīya-Reihenfolge) – ein weiterer Beleg für das durchgehende Grundmuster dieser gesamten Untersuchung: gleicher Wortlaut, aber eigenständige, von Taittirīya abweichende Kapitel-Anordnung in der Kaṭha-Überlieferung. Schroeder resümiert, der Text sei 'recht correct' überliefert, nur zu bedauern, dass er nicht vollständig ist.

Ende des Pravargyabrāhmaṇa-Fragments (physischer Textverlust, kein Kolophon). Schroeders Schlussbeobachtung: erste Hälfte entspricht Tāitt.Ār.4 enger als die zweite; Kapitelsprung 4,11→4,41-42-40 als weiterer Beleg für die durchgehend abweichende Kaṭha-Kapitelreihenfolge bei übereinstimmendem Wortlaut.

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