Niśvāsakārikātantra (Jñānakāṇḍa / Nayasūtra)
Paṭala 12: dvādaśaḥ paṭalaḥ
Zwölftes Kapitel: Oṃkāra-Mystik, die achtunddreißig Kalās und die Mātṛkā-Verehrung
Dieses Kapitel – nach seinem eigenen Kolophon das „zwölfte Paṭala" – bildet den ersten auf dieser Quelle vollständig erhaltenen Abschnitt des Werks; die Verse des vorangehenden elften Paṭala sind auf der zugrunde liegenden Wikisource-Seite nicht enthalten (nur dessen Schluss-Kolophon steht, hier nicht als Vers gezählt, am Kopf der Seite). Inhaltlich entfaltet das Kapitel eine kunstvolle Silben- und Klang-Mystik der heiligen Silbe Oṃ (Praṇava): Zunächst wird ihre fünffache Gliederung in A, U, M, Bindu und Nāda dargelegt, die den fünf Aspekten Śivas (Brahmā, Viṣṇu, Rudra, Īśvara, Sadāśiva) und den fünf Brahman-Gesichtern (Pañcabrahman: Nivṛtti, Pratiṣṭhā, Vidyā, Śānti, Śāntyatīta) entspricht (V. 1-50). Es folgt eine Lehre von den achtunddreißig Kalās (Silbenkräften) mit Namensliste, ihrer Anordnung von Ardhacandra bis Vyāpinī, sowie der Unterscheidung von grobem (sakala) und subtilem (niṣkala) Praṇava (V. 51-100). Den Kern des Kapitels bildet die Lehre der Mantra-Gewinnung (mantroddhāra) mittels eines vierblättrigen Lotos-Diagramms (V. 101-127), gefolgt vom Ritual des Mṛtyuñjaya-Cakra zur Überwindung des Todes und einer Einführung in das Dīkṣā-Cakra mit Feueropfer im Herz-Cakra (V. 128-150). Das Kapitel schließt mit einer bemerkenswerten Passage über die Nichtigkeit der Kastenunterschiede angesichts wahrer Wirklichkeits-Erkenntnis – wer die tattvas kennt, sei gleich, „wie Feuer im Feuer nur Feuer ist" (V. 160-169) – und mit einem Verweis auf das Cicchaktyāgama, bevor der Text in einer Lücke abbricht (V. 170-173). Die zugrunde liegende Handschrift ist ungewöhnlich lückenhaft überliefert; zahlreiche Verse weisen Textausfälle (durch * markiert) auf, die im Folgenden mit [...] bzw. [?] kenntlich gemacht sind.
yathā te saṃsthitā devās tad-budhās tat-parāyaṇāḥ | brahmā viṣṇuś ca rudraś ca īśvaraḥ śiva eva ca ||
So wie jene Götter angeordnet sind – die Das (Höchste) Erkennenden, ganz Ihm Hingegebenen –: Brahmā und Viṣṇu und Rudra, Īśvara und eben Śiva.
Wort für Wort
- yathā
- wie
- te
- jene (Nom.Pl.m.)
- saṃsthitāḥ
- angeordnet, aufgestellt, befindlich
- devāḥ
- Götter
- tad-budhāḥ
- die Das (Höchste) Erkennenden
- tat-parāyaṇāḥ
- ganz auf Das ausgerichtet, Ihm hingegeben
- brahmā
- Brahmā
- viṣṇuḥ ca
- und Viṣṇu
- rudraḥ ca
- und Rudra
- īśvaraḥ
- Īśvara
- śivaḥ eva ca
- und eben Śiva
tasya api paramaṃ yac ca tat paraṃ param-anta[ṃ] [?] | [...] [?] parāt parataraṃ param ||
Und was noch über ihm das Höchste ist, jenes Jenseitige, das äußerste Ende des Höchsten [?] – [Lücke im Manuskript] – [ist] jenseits des Jenseitigen, höher als das Höchste, das Höchste.
Wort für Wort
- tasya api
- und von/über jenem
- paramam yat ca
- und was das Höchste (ist)
- tat param
- jenes Jenseitige/Höhere
- param-anta[m]
- das äußerste Ende des Höchsten [?, Wortende unleserlich]
- […]
- [Lücke: ca. sieben Akṣaras unleserlich]
- parāt parataram
- jenseits des Jenseitigen, höher als das Höchste
- param
- das Höchste
Vers im Manuskript stark beschädigt: das Wortende von „paramanta…“ fehlt, die zweite Vershälfte ist bis auf die letzten drei Wörter vollständig verloren (in der Vorlage durch Sternchen markiert). Übersetzung entsprechend nur der erkennbaren Wortbedeutungen, ohne die syntaktische Lücke zu erraten.
a-kāraś ca u-kāraś ca ma-kāro bindur eva ca | śivas tu parataḥ tasmāt paratas tu parāt-paraḥ ||
Der Laut A und der Laut U und der Laut M sowie der Bindu (Punkt) – Śiva aber ist jenseits davon; jenseits davon aber ist der, welcher jenseits des Jenseitigen ist.
Wort für Wort
- a-kāraḥ ca
- und der Laut A
- u-kāraḥ ca
- und der Laut U
- ma-kāraḥ
- der Laut M
- binduḥ eva ca
- und eben der Bindu (Punkt)
- śivaḥ tu
- Śiva aber
- parataḥ
- jenseits (davon)
- tasmāt parataḥ tu
- jenseits noch als jener aber
- parāt-paraḥ
- der Jenseitige des Jenseitigen, der Höchste über dem Höchsten
a-kāras tu smṛto brahmā u-kāro viṣṇur eva ca | ma-kāro rudra ity āhuḥ bījam īśvara eva ca ||
Der Laut A gilt als Brahmā, der Laut U als eben Viṣṇu; der Laut M, so sagt man, ist Rudra, und der Bīja(-Laut, d.h. der Bindu) ist eben Īśvara.
Wort für Wort
- a-kāraḥ tu
- der Laut A aber
- smṛtaḥ
- gilt (überliefert) als
- brahmā
- Brahmā
- u-kāraḥ
- der Laut U
- viṣṇuḥ eva ca
- eben Viṣṇu
- ma-kāraḥ
- der Laut M
- rudraḥ iti āhuḥ
- (ist) Rudra, so sagen sie
- bījam
- der Keimlaut (Bindu)
- īśvaraḥ eva ca
- eben Īśvara
nādaḥ śivo yato jñeyaḥ sarva-vyāpī parāt-paraḥ | śeṣāś ca eva hi ye tattvāḥ parāt-parat arāḥ sthitāḥ ||
Der Nāda (Ur-Klang) aber ist als Śiva zu erkennen, der Alldurchdringende, der Höchste über dem Höchsten; und die übrigen Tattvas (Prinzipien), die es (unterhalb) gibt, stehen (jeweils) höher als das ihnen Vorausgehende.
Wort für Wort
- nādaḥ
- der Nāda, der (Ur-)Klang
- śivaḥ
- (ist) Śiva
- yataḥ jñeyaḥ
- weshalb er zu erkennen ist
- sarva-vyāpī
- der Alldurchdringende
- parāt-paraḥ
- der Höchste über dem Höchsten
- śeṣāḥ ca eva hi
- und eben auch die übrigen
- ye tattvāḥ
- welche Tattvas (es gibt)
- parāt-parataraāḥ
- (je) höher als das ihnen Vorausgehende [?]
- sthitāḥ
- stehen, sind angeordnet
In der Vorlage als Vers „15“ gezählt (Sprung von 4 auf 15) – offenkundig eine Verschreibung für „5“, da inhaltlich und der Verszählung nach unmittelbar auf Vers 4 folgend; hier der Reihe nach als 5 gezählt.
boddhavyās tattvato devi bindu-nāda-adhikāś ca ye | devy uvāca | akṣarāś ca eva ye [...] tāḥ ||
Der Wahrheit nach zu erkennen, o Göttin, sind auch die, welche höher stehen als Bindu und Nāda. — Die Göttin sprach: Und die Silben (akṣara), welche [...] jene [?] –
Wort für Wort
- boddhavyāḥ
- zu erkennen (Ger.)
- tattvataḥ
- der Wahrheit/dem Wesen nach
- devi
- o Göttin
- bindu-nāda-adhikāḥ ca ye
- und die, welche höher als Bindu und Nāda stehen
- devī uvāca
- die Göttin sprach
- akṣarāḥ ca eva ye
- und die Silben, welche
- […]
- [Lücke: ca. neun Akṣaras unleserlich]
- tāḥ
- jene (f.)
Zweite Vershälfte im Manuskript bis auf das Schlusswort („tāḥ“) verloren.
katham ekatvam āsthāya gacchante paramaṃ padam | īśvara uvāca | oṃkāraṃ bindu-saṃyuktaṃ yat tad veda-mukhaṃ smṛtam ||
– wie gelangen sie, Einheit erlangend, zur höchsten Stätte? — Īśvara sprach: Das mit dem Bindu verbundene Oṃkāra, das gilt als der „Mund des Veda“.
Wort für Wort
- katham
- wie
- ekatvam āsthāya
- Einheit erlangend/einnehmend
- gacchante
- gelangen sie (3.Pl.Med.)
- paramam padam
- zur höchsten Stätte
- īśvaraḥ uvāca
- Īśvara sprach
- oṃkāram
- das Oṃkāra
- bindu-saṃyuktam
- mit dem Bindu verbunden
- yat tat
- welches, das
- veda-mukham
- „Mund/Eingang des Veda“
- smṛtam
- gilt (überliefert) als
a-kāras tasya devasya śivasya paramātmanaḥ | a-kāra-u-kāra-yogena oṃkāraṃ parikīrtitam ||
Der Laut A gehört jenem Gott, dem Śiva, der höchsten Seele; durch die Verbindung der Laute A und U wird es „Oṃkāra“ genannt.
Wort für Wort
- a-kāraḥ
- der Laut A
- tasya devasya
- jenes Gottes
- śivasya
- Śivas
- paramātmanaḥ
- der höchsten Seele
- a-kāra-u-kāra-yogena
- durch die Verbindung der Laute A und U
- oṃkāram
- (es wird) Oṃkāra
- parikīrtitam
- genannt, verkündet
oṣṭhābhyāṃ saṃprayuktas tu ma-kāras saṃpravartate | induś ca parataṣ tasya ma-kāra-upari saṃsthitaḥ ||
Mit den beiden Lippen gebildet aber entsteht der Laut M; und der Indu (Mondpunkt, Bindu) steht darüber hinaus, über diesem Laut M.
Wort für Wort
- oṣṭhābhyām
- mit den beiden Lippen
- saṃprayuktaḥ tu
- verbunden/gebildet aber
- ma-kāraḥ
- der Laut M
- saṃpravartate
- entsteht, tritt hervor
- induḥ ca
- und der Indu (Mond, d.h. Bindu)
- parataḥ
- darüber hinaus
- tasya ma-kāra-upari
- über diesem Laut M
- saṃsthitaḥ
- befindlich, stehend
catuṣ-kalaṃ vijānīyāt catur-vidyā-vibhūṣitam | nivṛttiś ca pratiṣṭhā ca vidyā-śāntis tathaiva ca ||
Man erkenne es als vierteilig (catuṣkala), geschmückt mit den vier Vidyās (Wissensstufen): Nivṛtti (Rückzug), Pratiṣṭhā (Grundlegung), Vidyā (Erkenntnis) und ebenso Śānti (Friede).
Wort für Wort
- catuṣ-kalam
- als vierteilig, mit vier Kalās
- vijānīyāt
- man erkenne (Opt.)
- catur-vidyā-vibhūṣitam
- geschmückt mit den vier Vidyās
- nivṛttiḥ ca
- und Nivṛtti
- pratiṣṭhā ca
- und Pratiṣṭhā
- vidyā
- Vidyā
- śāntiḥ tathā eva ca
- und ebenso Śānti
etāḥ kalāḥ samākhyātāḥ bindu-deva-sudhīmataḥ | oṃkāreṇa ma-kāras tu spṛṣṭo vai nadate yadā ||
Dies sind die genannten Kalās des Bindu-Gottes, des Weisen. Wenn der Laut M, vom Oṃkāra berührt, ertönt,
Wort für Wort
- etāḥ kalāḥ
- diese Kalās
- samākhyātāḥ
- werden genannt
- bindu-deva-sudhīmataḥ
- des weisen Bindu-Gottes
- oṃkāreṇa
- durch/vom Oṃkāra
- ma-kāraḥ tu
- der Laut M aber
- spṛṣṭaḥ vai
- berührt, fürwahr
- nadate yadā
- wenn er ertönt
tadā bindu spṛśaty āśu ma-kārasya ca mūrdhani | ka-kāra-ādi-ma-kārāntāḥ catur-viṃśat-kalāḥ smṛtāḥ ||
– dann berührt der Bindu sogleich das Haupt (den Scheitelpunkt) des Lautes M. Von K an bis M reichend, gelten (die Laute) als die vierundzwanzig Kalās.
Wort für Wort
- tadā
- dann
- bindu
- der Bindu
- spṛśati āśu
- berührt sogleich
- ma-kārasya ca mūrdhani
- den Scheitel(punkt) des Lautes M
- ka-kāra-ādi-ma-kāra-antāḥ
- von K beginnend bis M endend
- catur-viṃśat-kalāḥ
- die vierundzwanzig Kalās
- smṛtāḥ
- gelten (überliefert) als
jñātavyā nityam eva āhuḥ tri-sthāna-sthā vyavasthitāḥ | siddhārtha[ḥ] kā[ry]a[ḥ] [?] kāraṃ bindu-devasya lakṣaṇam ||
Sie sind, so sagt man, stets als in drei Stätten befindlich zu erkennen. [?, Textstelle unsicher] – das Merkmal des Bindu-Gottes.
Wort für Wort
- jñātavyāḥ
- zu erkennen (Ger.Pl.)
- nityam eva
- stets, immerdar
- āhuḥ
- so sagt man
- tri-sthāna-sthāḥ
- in drei Stätten befindlich
- vyavasthitāḥ
- angeordnet, feststehend
- siddhārtha… kāram [?]
- [Textstelle unsicher]
- bindu-devasya
- des Bindu-Gottes
- lakṣaṇam
- (ist) das Merkmal, Kennzeichen
Erste Worte der zweiten Vershälfte im Manuskript unsicher/verderbt (Sternchen); Sinn der Verbform „siddhārtha kā*…kāram“ nicht mit Sicherheit zu rekonstruieren.
sāmānyaṃ sarva-tantreṣu tava devi udāhṛtam | m-kāra-sadṛśa-ākāraṃ oṃkārasya tu mūrdhani ||
Als allgemein (gültig) in allen Tantras wird dir, o Göttin, dargelegt: Auf dem Scheitel des Oṃkāra (befindet sich) eine Form, dem Laut M ähnlich,
Wort für Wort
- sāmānyam
- als Allgemeines, allgemein Gültiges
- sarva-tantreṣu
- in allen Tantras
- tava devi
- dir, o Göttin
- udāhṛtam
- wird dargelegt, erklärt
- m-kāra-sadṛśa-ākāram
- eine dem Laut M ähnliche Form
- oṃkārasya tu mūrdhani
- aber auf dem Scheitel des Oṃkāra
ardha-candra-nibhaś ca eva bindoḥ parataraḥ sthitaḥ | tasya api paramaṃ yac ca nāda-rūpī sadāśivaḥ ||
– einem Halbmond gleich, jenseits des Bindu befindlich. Und was noch über diesem das Höchste ist, das ist Sadāśiva, der die Gestalt des Nāda hat.
Wort für Wort
- ardha-candra-nibhaḥ ca eva
- und einem Halbmond gleich
- bindoḥ parataraḥ
- jenseits des Bindu, höher als der Bindu
- sthitaḥ
- befindlich
- tasya api paramam yat ca
- und was über diesem noch das Höchste ist
- nāda-rūpī
- der die Gestalt des Nāda hat
- sadāśivaḥ
- (das ist) Sadāśiva
parāt-para-parātīto nādas taṃ vyāpya saṃsthitaḥ | ataḥ parataraṃ na asti śivāt parataś ca yat ||
Der Nāda ist jenseitig noch über dem Jenseitigen des Jenseitigen; er, ihn (den Bindu bzw. das Vorausgehende) durchdringend, ist (überall) befindlich. Über ihn hinaus gibt es nichts Höheres, und was jenseits von Śiva wäre, (gibt es nicht).
Wort für Wort
- parāt-para-parātītaḥ
- jenseits noch des Jenseitigen des Jenseitigen
- nādaḥ
- der Nāda
- tam vyāpya
- ihn durchdringend
- saṃsthitaḥ
- befindlich, angeordnet
- ataḥ parataram na asti
- darüber hinaus gibt es nichts Höheres
- śivāt parataḥ ca yat
- und was jenseits von Śiva wäre
pari-jñānasya devasya sarva-kṛn mucyate naraḥ | ādi-madhya-āyatam ca eva tri-pañca sa-visargakam ||
Durch die volle Erkenntnis dieses Gottes wird der Mensch, der Alles-Wirkende, befreit. Anfang, Mitte und Ende (der Silben), fünfzehn an der Zahl, samt dem Visarga (h-Laut) –
Wort für Wort
- pari-jñānasya devasya
- durch die volle Erkenntnis des Gottes
- sarva-kṛt
- der Alles-Wirkende
- mucyate naraḥ
- der Mensch wird befreit
- ādi-madhya-āyatam ca eva
- und Anfang, Mitte und Ausdehnung/Ende
- tri-pañca
- fünfzehn (drei mal fünf)
- sa-visargakam
- samt dem Visarga
Zweite Vershälfte leitet zu einer Aufzählung von Buchstabengruppen über, deren genauer Bezug (wohl auf die Vokalreihe a–aḥ mit Visarga und Anusvāra) im knappen Vers nicht restlos aufzulösen ist; Übersetzung nahe am Wortlaut.
pitāmahe śarīra-sthā ātma-tattve vyavasthitāḥ | caturthād aparaś ca eva gṛhītāt para-saptamam ||
– im Großvater (Brahmā) körperlich befindlich, im Ātma-Tattva angeordnet; und ein anderer, vom Vierten ausgehend, das siebte danach ergreifend –
Wort für Wort
- pitāmahe
- im Großvater (Brahmā)
- śarīra-sthāḥ
- körperlich befindlich
- ātma-tattve
- im Ātma-Tattva
- vyavasthitāḥ
- angeordnet, feststehend
- caturthāt aparaḥ ca eva
- und ein anderer vom vierten (ausgehend)
- gṛhītāt para-saptamam
- das siebte nach dem Ergriffenen
Stark elliptische, auf ein Zähl-/Zuordnungsschema (wohl der Buchstabengruppen zu den Prinzipien) bezogene Verse; wörtlich übersetzt, ohne das zugrundeliegende Schema mit Sicherheit zu rekonstruieren.
tasya api paramaṃ yac ca keśavasya vinirdiśet | ādimād antimaṃ yac ca adhas tv ekādaśaś ca yat ||
Und was über diesem noch das Höchste ist, das weise man dem Keśava (Viṣṇu) zu; und was vom Ersten bis zum Letzten reicht, und was das elfte darunter ist –
Wort für Wort
- tasya api paramam yat ca
- und was über diesem noch das Höchste ist
- keśavasya
- dem Keśava (Viṣṇu)
- vinirdiśet
- weise man zu (Opt.)
- ādimāt antimam yat ca
- und was vom ersten bis zum letzten (reicht)
- adhaḥ tu ekādaśaḥ ca yat
- und was darunter das elfte ist
ādimān pañca-vaiśeṣān [?] rudra-aṃśam ādiśet | [...] catvāraḥ kalā-sthās tā vijānataḥ ||
Die ersten fünf Besonderheiten [?] weise man dem Rudra-Anteil zu; [Lücke im Manuskript] die vier, die in den Kalās stehen, sind dem Kundigen (bekannt).
Wort für Wort
- ādimān pañca-vaiśeṣān
- die ersten fünf Besonderheiten [?]
- rudra-aṃśam
- dem Rudra-Anteil
- ādiśet
- weise man zu (Opt.)
- […]
- [Lücke: vier Akṣaras unleserlich]
- catvāraḥ kalā-sthāḥ
- die vier, in den Kalās befindlichen
- tāḥ
- diese
- vijānataḥ
- dem Kundigen, dem Wissenden
Erste und zweite Vershälfte je an einer Stelle durch Manuskriptlücken beeinträchtigt.
yasya yasya hi yad-bhāvaṃ tena tena hi yan mayā | ya-kāra-ādi kṣa-kāra-antāḥ śiva-tattve vyavasthitāḥ ||
Was für eine Eigenart auch immer jedem einzelnen (Laut) zukommt, ebendementsprechend wurde es von mir (dargelegt): Die Laute von Ya bis Kṣa sind im Śiva-Tattva angeordnet.
Wort für Wort
- yasya yasya hi
- was auch immer jedem einzelnen
- yad-bhāvam
- für eine Eigenart, ein Wesen
- tena tena hi
- ebendementsprechend
- yat mayā
- was von mir (dargelegt wurde)
- ya-kāra-ādi
- von Ya an beginnend
- kṣa-kāra-antāḥ
- bis Kṣa endend
- śiva-tattve
- im Śiva-Tattva
- vyavasthitāḥ
- angeordnet, feststehend
mātṛkā kathitā devi oṃkāra-antar-vyavasthitāḥ | [...] sarva-daivatam ||
Die Mātṛkā (Buchstabenreihe) ist dargelegt, o Göttin – (ihre Laute) stehen innerhalb des Oṃkāra angeordnet; [Lücke im Manuskript] alle Gottheiten (umfassend).
Wort für Wort
- mātṛkā
- die Mātṛkā (Buchstabenreihe, „kleine Mutter“)
- kathitā devi
- ist dargelegt, o Göttin
- oṃkāra-antar-vyavasthitāḥ
- innerhalb des Oṃkāra angeordnet
- […]
- [Lücke: ca. zehn Akṣaras unleserlich]
- sarva-daivatam
- alle Gottheiten (umfassend)
Zweite Vershälfte bis auf das Schlusswort im Manuskript verloren.
mucyate sarva-pāśais tu śivaṃ yāti nir-āmayam | devy uvāca | yad etat kathitaṃ deva oṃkāraṃ sarva-daivatam |
Er wird von allen Fesseln (pāśa) befreit, er gelangt zu Śiva, dem Leidlosen. — Die Göttin sprach: Dieses, was da gesagt wurde, o Gott, dass das Oṃkāra alle Gottheiten (in sich birgt) –
Wort für Wort
- mucyate
- er wird befreit
- sarva-pāśaiḥ tu
- von allen Fesseln aber
- śivam yāti
- er gelangt zu Śiva
- nir-āmayam
- dem Leidlosen, Makellosen
- devī uvāca
- die Göttin sprach
- yat etat kathitam deva
- was da gesagt wurde, o Gott
- oṃkāram sarva-daivatam
- das Oṃkāra (sei) alle Gottheiten
tat kathaṃ kathitaṃ deva dhyāyate deva yogibhis tattva-cintakaiḥ | īśvara uvāca | cittaṃ ceto tathā cintā cintyo 'nya cintakas tathā |
– wie wird dies erklärt, o Gott, wie wird es von den Yogins, den Tattva-Denkern, meditiert? — Īśvara sprach: Citta (Bewusstsein), Cetas (Geist), sowie Cintā (Gedanke), Cintya (das zu Bedenkende) und ebenso, als ein anderes, Cintaka (der Denkende) —
Wort für Wort
- tat katham kathitam deva
- wie wird dies erklärt, o Gott
- dhyāyate
- wird es meditiert
- deva yogibhiḥ
- o Gott, von den Yogins
- tattva-cintakaiḥ
- den Tattva-Denkern
- īśvaraḥ uvāca
- Īśvara sprach
- cittam
- Citta, das Bewusstsein
- cetaḥ tathā
- sowie Cetas, der Geist
- cintā
- Cintā, der Gedanke
- cintyaḥ anyaḥ
- Cintya, ein anderes: das zu Bedenkende
- cintakaḥ tathā
- und ebenso Cintaka, der Denkende
etad dhi pañcakaṃ jñātvā tato yogaṃ samabhyaset | devy uvāca | kīdṛśaṃ tu bhaved cittaṃ cetā ca eva kīdṛśam |
– diese Fünfheit erkennend, übe man danach den Yoga. — Die Göttin sprach: Wie aber mag das Citta beschaffen sein, und wie das Cetas?
Wort für Wort
- etat hi pañcakam
- eben diese Fünfheit
- jñātvā
- erkennend
- tataḥ yogam samabhyaset
- danach übe man den Yoga
- devī uvāca
- die Göttin sprach
- kīdṛśam tu bhavet cittam
- wie aber mag das Citta beschaffen sein
- cetā ca eva kīdṛśam
- und wie auch das Cetas
cintā ca kīdṛśī proktā cintyas tu cintakaṃ katham | etat sarvaṃ punar brūhi tattvataḥ parameśvara |
Und wie wird die Cintā genannt, und was ist das Cintya, wie der Cintaka? Sage dies alles noch einmal der Wahrheit gemäß, o höchster Herr.
Wort für Wort
- cintā ca kīdṛśī proktā
- und wie wird die Cintā genannt
- cintyaḥ tu
- das Cintya aber (wie)
- cintakam katham
- und der Cintaka wie
- etat sarvam punar brūhi
- sage dies alles noch einmal
- tattvataḥ
- der Wahrheit gemäß
- parameśvara
- o höchster Herr
saṃśayo me mahādeva prāsādī bhava śūla-dhṛk [?] | īśvaraḥ | avadhānaṃ smṛtiś cittaṃ cetā bodha-prakārakam |
Zweifel ist in mir, o großer Gott – sei gnädig, Dreizackträger! [?] — Īśvara (sprach): Aufmerksamkeit (avadhāna) und Erinnerung (smṛti) sind das Citta; das Cetas ist von der Art des Erkennens (bodha).
Wort für Wort
- saṃśayaḥ me
- Zweifel ist bei mir
- mahādeva
- o großer Gott
- prāsādī bhava
- sei gnädig [?]
- śūla-dhṛk
- Dreizackträger (Vok.)
- īśvaraḥ
- Īśvara (sprach)
- avadhānam smṛtiḥ
- Aufmerksamkeit, Erinnerung
- cittam
- (sind) das Citta
- cetā
- das Cetas
- bodha-prakārakam
- von der Art des Erkennens
Erste Vershälfte im Wortlaut unsicher überliefert (Lesung „prāsādibhavaśūladhṛk“); als Anrede Śivas als „Dreizackträger“ (śūladhṛk) mit der Bitte um Gnade (prāsādin bhava) gedeutet.
[...] puruṣa-smṛtaḥ | evaṃ pañca-prakāreṇa vijñāya parameśvarī |
[Lücke im Manuskript] – gilt als der Puruṣa (die Seele). So, die Fünfheit dieser Art erkennend, o höchste Herrin –
Wort für Wort
- […]
- [Lücke: ca. zehn Akṣaras unleserlich]
- puruṣa-smṛtaḥ
- gilt als der Puruṣa, die Seele
- evam pañca-prakāreṇa
- so, auf diese fünffache Weise
- vijñāya
- erkennend
- parameśvarī
- o höchste Herrin (Vok.)
Erste Vershälfte bis auf die letzten beiden Worte verloren.
tato yogaṃ prayuñjīta anyathā na kadācana | devy uvāca | adya api saṃśayo deva yogasya parameśvara |
– übe man danach den Yoga, keinesfalls anders. — Die Göttin sprach: Auch jetzt noch besteht bei mir Zweifel, o Gott, hinsichtlich des Yoga, höchster Herr.
Wort für Wort
- tataḥ yogam prayuñjīta
- danach übe man den Yoga
- anyathā na kadācana
- keinesfalls anders
- devī uvāca
- die Göttin sprach
- adya api saṃśayaḥ
- auch jetzt noch (ist) Zweifel
- deva yogasya
- o Gott, hinsichtlich des Yoga
- parameśvara
- höchster Herr
kīdṛśaṃ tu bhaved yogaṃ tattvataḥ kathayasva me | īśvaraḥ | evam etat samākhyātaṃ yogināṃ yogam uttamam |
Wie aber mag der Yoga beschaffen sein? Sage es mir der Wahrheit gemäß. — Īśvara (sprach): So wird dies dargelegt: der höchste Yoga der Yogins —
Wort für Wort
- kīdṛśam tu bhavet yogam
- wie aber mag der Yoga beschaffen sein
- tattvataḥ kathayasva me
- sage es mir der Wahrheit gemäß
- īśvaraḥ
- Īśvara (sprach)
- evam etat samākhyātam
- so wird dies dargelegt
- yoginām yogam uttamam
- der höchste Yoga der Yogins
lakṣa-bhūtam a-lakṣyaṃ ca dvi-prakāraṃ prakīrtitam | lakṣaṃ dṛṣṭvā tu vai samyak vettā tat-sthaṃ niyojayet |
– wird als zweifach verkündet: das, was Ziel (lakṣa) geworden ist, und das Ziellose (alakṣya). Das Ziel richtig erblickend, lenke der Kenner (den Geist) auf das darin Befindliche.
Wort für Wort
- lakṣa-bhūtam
- das Ziel/Merkzeichen Gewordene
- a-lakṣyam ca
- und das Ziellose
- dvi-prakāram prakīrtitam
- wird als zweifach verkündet
- lakṣam dṛṣṭvā tu vai
- das Ziel richtig erblickend
- samyak vettā
- der (rechte) Kenner
- tat-stham niyojayet
- lenke (den Geist) auf das darin Befindliche
tad-gatas tan-mayo bhūtvā yuñjanād yoga ucyate | sukha-duḥkhena saṃvetti karaṇaiś ca vivarjitaḥ |
Dahin gegangen, damit ganz erfüllt geworden, wird durch dieses Verbinden (der Zustand) „Yoga“ genannt; er nimmt weder durch Glück noch durch Leid (mehr etwas) wahr und ist von den (Sinnes-)Organen losgelöst.
Wort für Wort
- tad-gataḥ
- dahin gegangen
- tan-mayaḥ bhūtvā
- damit ganz erfüllt geworden
- yuñjanāt
- durch das Verbinden
- yogaḥ ucyate
- wird „Yoga“ genannt
- sukha-duḥkhena
- durch Glück (und) Leid
- na saṃvetti
- nimmt er nicht wahr
- karaṇaiḥ ca vivarjitaḥ
- und ist von den Organen losgelöst
niścala-sthira-bhūtas tu a-lakṣaṃ samudāhṛtam | eṣa te yoga ākhyātaḥ paraṃ ca paramaṃ ca yat |
Unbeweglich und fest geworden aber wird als das Ziellose (alakṣya) bezeichnet. Dies ist dir als der Yoga verkündet, welcher der Höhere und zugleich der Höchste ist.
Wort für Wort
- niścala-sthira-bhūtaḥ tu
- unbeweglich und fest geworden aber
- a-lakṣam samudāhṛtam
- wird als das Ziellose bezeichnet
- eṣaḥ te yogaḥ ākhyātaḥ
- dies ist dir als der Yoga verkündet
- param ca paramam ca yat
- welcher der Höhere und der Höchste (zugleich) ist
yaḥ kaścit tan-mayī bhūto yogaṃ tasya samādiśet | oṃ buddhi-mano-ahaṃkāraś ca etā jīvaś ca pañcamaḥ |
Wer auch immer damit erfüllt geworden ist, dem weise man diesen Yoga zu: Oṃ, Buddhi (Erkenntnisvermögen), Manas (Denksinn), Ahaṃkāra (Ichbewusstsein), dazu Cetā (Bewusstsein), und als Fünftes der Jīva (die Einzelseele) –
Wort für Wort
- yaḥ kaścit
- wer auch immer
- tan-mayī bhūtaḥ
- damit erfüllt geworden
- yogam tasya samādiśet
- dem weise man diesen Yoga zu
- oṃ
- Oṃ
- buddhi-manaḥ-ahaṃkāraḥ ca
- Buddhi, Manas und Ahaṃkāra
- etā(=cetā)
- [?] dazu Cetā, das Bewusstsein
- jīvaḥ ca pañcamaḥ
- und der Jīva als Fünftes
„ca etā“ hier als (durch Sandhi verkürztes) „ca cetā“ gedeutet, so dass mit Buddhi, Manas, Ahaṃkāra und Cetā vier Glieder vor dem als „fünftem“ bezeichneten Jīva stehen; die Lesart ist nicht gesichert.
turya-sthāne samāśritya praṇavaḥ saṃvyavasthitaḥ | praṇavo bindu-bandho hi suṣumnā-nāda-gocare |
– sich auf die vierte Stätte (turya) stützend, ist der Praṇava (Oṃ-Laut) fest angeordnet. Der Praṇava ist ja mit dem Bindu verbunden, im Bereich des Nāda der Suṣumnā (des mittleren Kanals).
Wort für Wort
- turya-sthāne samāśritya
- sich auf die vierte Stätte stützend
- praṇavaḥ saṃvyavasthitaḥ
- ist der Praṇava fest angeordnet
- praṇavaḥ bindu-bandhaḥ hi
- der Praṇava ist ja mit dem Bindu verbunden
- suṣumnā-nāda-gocare
- im Bereich des Nāda der Suṣumnā
ṣoḍaśa-anta-visarga-sthaḥ parato muktir iṣyate | sa eṣa vāṅ-mayo deva mantra-pañcāśad-aṃśa-avyayaḥ |
Am Ende der sechzehn (Kalās), im Visarga befindlich – jenseits davon wird die Erlösung erlangt. Dieser eben ist, o Gott, aus Sprache bestehend, der Unvergängliche mit den fünfzig Mantra-Anteilen.
Wort für Wort
- ṣoḍaśa-anta-visarga-sthaḥ
- am Ende der sechzehn (Kalās), im Visarga befindlich
- parataḥ muktiḥ iṣyate
- jenseits davon wird die Erlösung gewünscht/erlangt
- saḥ eṣaḥ vāṅ-mayaḥ deva
- dieser eben ist, o Gott, aus Sprache bestehend
- mantra-pañcāśad-aṃśa-avyayaḥ
- der Unvergängliche mit den fünfzig Mantra-Anteilen
gīyate sarva-siddhāntair akṣara-sthānam uttamam | sva-bhāvas saṃsthitas tatra brahma-nāmnā sa viśrutaḥ |
Er wird von allen Siddhāntas (Lehrsystemen) besungen als die höchste Stätte der Silbe (Akṣara); von eigener Natur (svabhāva) dort befindlich, ist er unter dem Namen ‚Brahman' bekannt.
Wort für Wort
- gīyate
- er wird besungen
- sarva-siddhāntaiḥ
- von allen Siddhāntas
- akṣara-sthānam uttamam
- als die höchste Stätte der Silbe
- sva-bhāvaḥ saṃsthitaḥ tatra
- von eigener Natur dort befindlich
- brahma-nāmnā
- unter dem Namen ‚Brahman'
- saḥ viśrutaḥ
- ist er bekannt
sukham uccāryamāṇas tu brahmā tatra adhi-daivatam | upāṃśu uccāryamāṇas tu viṣṇus tatra adhi-daivatam |
Wenn er laut/hörbar ausgesprochen wird, ist Brahmā dabei die leitende Gottheit; wenn er im Flüsterton ausgesprochen wird, ist Viṣṇu dabei die leitende Gottheit;
Wort für Wort
- sukham uccāryamāṇaḥ tu
- laut/hörbar ausgesprochen aber
- brahmā tatra adhi-daivatam
- (ist) Brahmā dabei die leitende Gottheit
- upāṃśu uccāryamāṇaḥ tu
- im Flüsterton ausgesprochen aber
- viṣṇuḥ tatra adhi-daivatam
- (ist) Viṣṇu dabei die leitende Gottheit
manasā smaren na uccārya śivas tatra adhi-daivatam | ātmā dhyātā mano dhyānaṃ dhyeyaḥ śuddho maheśvaraḥ |
wenn man ihn nur im Geiste erinnert, ohne ihn auszusprechen, ist Śiva dabei die leitende Gottheit. Das Selbst ist der Meditierende, der Geist die Meditation, das zu Meditierende ist der reine Maheśvara.
Wort für Wort
- manasā smaret
- man erinnere ihn im Geiste
- na uccārya
- ohne (ihn) auszusprechen
- śivaḥ tatra adhi-daivatam
- (ist) Śiva dabei die leitende Gottheit
- ātmā dhyātā
- das Selbst (ist) der Meditierende
- manaḥ dhyānam
- der Geist (ist) die Meditation
- dhyeyaḥ śuddhaḥ maheśvaraḥ
- das zu Meditierende (ist) der reine Maheśvara
yat tat paramam aiśvaryaṃ sarva-vyāpi maheśvaram | tasmin sva-dehe deveśi ātmā dhyānena yojayet |
Jene höchste Herrschermacht, den alldurchdringenden Maheśvara, mit ihm verbinde man, o Herrin der Götter, im eigenen Körper das Selbst durch Meditation.
Wort für Wort
- yat tat paramam aiśvaryam
- jene höchste Herrschermacht
- sarva-vyāpi maheśvaram
- den alldurchdringenden Maheśvara
- tasmin sva-dehe
- in diesem, im eigenen Körper
- deveśi
- o Herrin der Götter
- ātmā dhyānena yojayet
- verbinde man das Selbst durch Meditation
niṣkalaṃ praṇavaṃ kṛtvā amātra-svara-varjitam | tasya ante tu śivaṃ kṛtvā sametā mokṣadaṃ padam |
Den Praṇava frei von (Silben-)Teilen machend, frei von Maß und Vokalklang, und an dessen Ende Śiva setzend, gelangt man vereint zur erlösungspendenden Stätte.
Wort für Wort
- niṣkalam praṇavam kṛtvā
- den Praṇava frei von Teilen machend
- amātra-svara-varjitam
- frei von Maß und Vokal(-klang)
- tasya ante tu śivam kṛtvā
- und an dessen Ende Śiva setzend
- sametā mokṣadam padam
- gelangt man vereint zur erlösungspendenden Stätte
yasya evaṃ bhedam utpannam idaṃ parama-durlabham | sa gacchet paramaṃ sthānaṃ kula-koṭi-śatair yutaḥ |
Wem sich so diese Unterscheidung erschlossen hat, die höchst schwer zu erlangen ist, der gelangt, begleitet von hundert Millionen seiner Sippe, zur höchsten Stätte.
Wort für Wort
- yasya evam bhedam utpannam
- wem sich so diese Unterscheidung erschlossen hat
- idam parama-durlabham
- die höchst schwer zu erlangende
- saḥ gacchet paramam sthānam
- der gelangt zur höchsten Stätte
- kula-koṭi-śataiḥ yutaḥ
- begleitet von hundert Millionen der Sippe
sarva-avasthāṃ gato vā api yukto vā sarva-pātakaiḥ | avaśyaṃ mucyate devi sarvasya anugrahe kṣamaḥ |
Sei er auch in jedwedem Zustand, sei er auch mit allen Sünden behaftet – gewiss wird er befreit, o Göttin, und fähig, allen Gnade zu erweisen.
Wort für Wort
- sarva-avasthām gataḥ vā api
- sei er auch in jedwedem Zustand
- yuktaḥ vā sarva-pātakaiḥ
- oder auch mit allen Sünden behaftet
- avaśyam mucyate devi
- gewiss wird er befreit, o Göttin
- sarvasya anugrahe kṣamaḥ
- fähig, allen Gnade zu erweisen
idaṃ tat paramaṃ devi gopanīyaṃ prayatnataḥ | mucyate paśya deveśi yantraṇā-rahita-upāyaḥ |
Dies, o Göttin, ist höchst geheim zu halten, mit aller Sorgfalt. Er wird befreit, sieh, o Herrin der Götter, durch dieses von jedem Zwang freie Mittel.
Wort für Wort
- idam tat paramam devi
- dies, o Göttin, ist höchst
- gopanīyam prayatnataḥ
- geheim zu halten mit Sorgfalt
- mucyate paśya deveśi
- er wird befreit, sieh, o Herrin der Götter
- yantraṇā-rahita-upāyaḥ
- (durch dieses) von Zwang freie Mittel
punar eva pravakṣyāmi bhedaṃ tasya para-aparam | darśana-asparśana-ācāre jñeyaṃ dhyānena yoginām |
Wiederum will ich seine Unterscheidung darlegen, die höhere und die niedere; im Verhalten von Schauen und Nicht-Berühren ist es durch Meditation von den Yogins zu erkennen.
Wort für Wort
- punaḥ eva pravakṣyāmi
- wiederum will ich darlegen
- bhedam tasya para-aparam
- seine Unterscheidung, die höhere und niedere
- darśana-asparśana-ācāre
- im Verhalten von Schauen und Nicht-Berühren
- jñeyam dhyānena yoginām
- ist es durch Meditation den Yogins zu erkennen
prāpyate hi paraṃ sthānaṃ kevalaṃ smaraṇād api | taṃ pravakṣyāmy ahaṃ devi yat surair api durlabham |
Denn die höchste Stätte wird erlangt allein schon durch das Erinnern. Dies will ich dir, o Göttin, darlegen, was selbst den Göttern schwer erreichbar ist.
Wort für Wort
- prāpyate hi param sthānam
- denn die höchste Stätte wird erlangt
- kevalam smaraṇāt api
- allein schon durch das Erinnern
- tam pravakṣyāmi aham devi
- dies will ich dir, o Göttin, darlegen
- yat suraiḥ api durlabham
- was selbst den Göttern schwer erreichbar ist
aṣṭa-triṃśat-kalair yuktaṃ śiva om iti ca yad bhavet | veda-rūpo hi so 'vaśyaṃ saṃsāra-arṇava-tārakam |
Was, verbunden mit den achtunddreißig Kalās, als „Śiva-Oṃ“ existiert – dies, in Gestalt des Veda, ist gewiss das, was über den Ozean des Saṃsāra hinüberträgt.
Wort für Wort
- aṣṭa-triṃśat-kalaiḥ yuktam
- mit den achtunddreißig Kalās verbunden
- śiva om iti ca yat bhavet
- was als „Śiva-Oṃ“ existiert
- veda-rūpaḥ hi
- in Gestalt des Veda ja
- saḥ avaśyam
- dies gewiss
- saṃsāra-arṇava-tārakam
- das über den Ozean des Saṃsāra Hinübertragende
devy uvāca | śiva-oṃkāra-vidhāno 'yaṃ kīdṛśaḥ kathayasva me | punaḥ [?] saṃdigdha utpannaḥ śiva om iti smṛtaḥ |
Die Göttin sprach: Wie ist diese Anordnung des Śiva-Oṃkāra beschaffen? Sage es mir. Wiederum [?] ist zweifelhaft entstanden das, was als ‚Śiva-Oṃ' überliefert ist.
Wort für Wort
- devī uvāca
- die Göttin sprach
- śiva-oṃkāra-vidhānaḥ ayam kīdṛśaḥ
- wie ist diese Anordnung des Śiva-Oṃkāra beschaffen
- kathayasva me
- sage es mir
- punaḥ [?]
- wiederum [ein Wort unleserlich]
- saṃdigdhaḥ utpannaḥ
- zweifelhaft entstanden
- śiva om iti smṛtaḥ
- (das) was als ‚Śiva-Oṃ' überliefert ist
Ein Wort der zweiten Vershälfte im Manuskript unleserlich (Sternchen).
īśvaraḥ | sarva-tattva-ādi devasya dvādaśa-anta-upari yadā | trika-pañca-anvitaś ca eva śiva om iti vidhīyate |
Īśvara (sprach): Wenn (der Laut) oberhalb des Dvādaśānta (des zwölften Endpunktes) des Gottes, der der Anfang aller Tattvas ist, verbunden mit der Dreiheit und Fünfheit, angeordnet wird, dann entsteht das, was als ‚Śiva-Oṃ' bezeichnet wird.
Wort für Wort
- īśvaraḥ
- Īśvara (sprach)
- sarva-tattva-ādi devasya
- des Gottes, der der Anfang aller Tattvas ist
- dvādaśa-anta-upari yadā
- wenn oberhalb des Dvādaśānta
- trika-pañca-anvitaḥ ca eva
- und verbunden mit der Dreiheit und Fünfheit
- śiva om iti vidhīyate
- wird (das), was als ‚Śiva-Oṃ' (bezeichnet wird), angeordnet
devy uvāca | aṣṭa-triṃśat kalāḥ ca eva kasmin sthāne vyavasthitāḥ | saṃjñābhiḥ sthāna-bhede tu kathayasva [?] |
Die Göttin sprach: Und an welcher Stelle stehen die achtunddreißig Kalās angeordnet? Nach ihren Namen, in der Unterscheidung ihrer Orte, sage es mir [Lücke].
Wort für Wort
- devī uvāca
- die Göttin sprach
- aṣṭa-triṃśat kalāḥ ca eva
- und die achtunddreißig Kalās
- kasmin sthāne vyavasthitāḥ
- an welcher Stelle stehen sie angeordnet
- saṃjñābhiḥ sthāna-bhede tu
- nach ihren Namen, in der Unterscheidung der Orte aber
- kathayasva [?]
- sage [Lücke]
Ende des Verses im Manuskript unleserlich (vier Sternchen).
siddhi ṛddhi dyutir lakṣmīr medhā kāntiḥ svadhā sthitiḥ | rajā rakṣā ratiḥ pālyā kāmā saṃyaminī kriyā |
Siddhi (Vollendung), Ṛddhi (Gedeihen), Dyuti (Glanz), Lakṣmī (Glück), Medhā (Geisteskraft), Kānti (Schönheit), Svadhā, Sthiti (Bestand); Rajā, Rakṣā (Schutz), Rati (Lust), Pālyā (die zu Hütende), Kāmā (Begehren), Saṃyaminī (Bezähmerin), Kriyā (Tätigkeit) –
Wort für Wort
- siddhi
- Siddhi (Vollendung)
- ṛddhi
- Ṛddhi (Gedeihen)
- dyutiḥ
- Dyuti (Glanz)
- lakṣmīḥ
- Lakṣmī (Glück)
- medhā
- Medhā (Geisteskraft)
- kāntiḥ
- Kānti (Schönheit)
- svadhā
- Svadhā
- sthitiḥ
- Sthiti (Bestand)
- rajā
- Rajā
- rakṣā
- Rakṣā (Schutz)
- ratiḥ
- Rati (Lust)
- pālyā
- Pālyā (die zu Hütende)
- kāmā
- Kāmā (Begehren)
- saṃyaminī
- Saṃyaminī (Bezähmerin)
- kriyā
- Kriyā (Tätigkeit)
Verse 51-53 zählen, dem Vorwort zufolge (vgl. Vers 59), die Namen der 38 Kalās des Praṇava auf; die Aufzählung ist listenhaft, ohne durchgehende Satzsyntax, daher wortgetreu als Namensreihe wiedergegeben.
buddhiḥ kāryā ca dhātrī ca grāmiṇī mohinī bhavā | tamaḥ moha-kṣudhā nidrā mṛtyur māyā bhayā jarā |
Buddhi (Erkenntnis), Kāryā (die zu Wirkende), Dhātrī (Erhalterin), Grāmiṇī, Mohinī (Verwirrende), Bhavā (Werdende); Tamas (Dunkelheit), Moha (Verblendung), Kṣudhā (Hunger), Nidrā (Schlaf), Mṛtyu (Tod), Māyā (Trugbild), Bhayā (Furcht), Jarā (Alter) –
Wort für Wort
- buddhiḥ
- Buddhi (Erkenntnis)
- kāryā
- Kāryā (die zu Wirkende)
- dhātrī
- Dhātrī (Erhalterin)
- grāmiṇī
- Grāmiṇī
- mohinī
- Mohinī (Verwirrende)
- bhavā
- Bhavā (Werdende)
- tamaḥ
- Tamas (Dunkelheit)
- moha
- Moha (Verblendung)
- kṣudhā
- Kṣudhā (Hunger)
- nidrā
- Nidrā (Schlaf)
- mṛtyuḥ
- Mṛtyu (Tod)
- māyā
- Māyā (Trugbild)
- bhayā
- Bhayā (Furcht)
- jarā
- Jarā (Alter)
pravṛttiś ca pratiṣṭhā ca vidyā śāntis tathaiva | śaśinī aṅgadā iṣṭā marīci-jvālinī tathā |
Pravṛtti (Entfaltung), Pratiṣṭhā (Grundlegung), Vidyā (Wissen) und ebenso Śānti (Friede); Śaśinī (die Mondhafte), Aṅgadā, Iṣṭā (die Erwünschte) und ebenso Marīcijvālinī (die in Strahlen Lodernde) –
Wort für Wort
- pravṛttiḥ
- Pravṛtti (Entfaltung)
- pratiṣṭhā
- Pratiṣṭhā (Grundlegung)
- vidyā
- Vidyā (Wissen)
- śāntiḥ tathā eva
- und ebenso Śānti (Friede)
- śaśinī
- Śaśinī (die Mondhafte)
- aṅgadā
- Aṅgadā
- iṣṭā
- Iṣṭā (die Erwünschte)
- marīci-jvālinī tathā
- und ebenso Marīcijvālinī
[...] īśvaraḥ śiva eva | ardha-candraś ca śaktiś ca kalābhis saha jānataḥ |
[Lücke im Manuskript] – Īśvara, ja Śiva selbst. Der Halbmond (ardhacandra) und die Śakti (Kraft), zusammen mit den Kalās, sind dem Kundigen (bekannt).
Wort für Wort
- […]
- [Lücke: acht Akṣaras unleserlich]
- īśvaraḥ śivaḥ eva
- Īśvara, ja Śiva selbst
- ardha-candraḥ ca śaktiḥ ca
- der Halbmond und die Śakti
- kalābhiḥ saha
- zusammen mit den Kalās
- jānataḥ
- dem Kundigen (bekannt)
Erste Vershälfte (acht Akṣaras) im Manuskript unleserlich; sie dürfte den Namenskatalog der 38 Kalās (Verse 51-53) abgeschlossen haben, da Vers 59 ausdrücklich 38 Kalās nennt, hier aber nur 37 Namen lesbar sind.
nirodhī hi ardha-candrasya nādasya ād ūrdhva-gāminī | śakti-sthā yā mayā proktā vyāpinīṃ tāṃ vinirdiśet |
Der Nirodhī (Zurückhalter) gehört ja zum Halbmond; die vom Nāda ausgehend aufwärts Gehende, in der Śakti Befindliche, von mir genannt – jene bezeichne man als die Vyāpinī (die Alldurchdringende).
Wort für Wort
- nirodhī hi
- der Nirodhī (Zurückhalter) ja
- ardha-candrasya
- gehört zum Halbmond
- nādasya āt
- vom Nāda ausgehend
- ūrdhva-gāminī
- die aufwärts Gehende
- śakti-sthā
- in der Śakti befindlich
- yā mayā proktā
- die von mir genannt (wurde)
- vyāpinīm tām vinirdiśet
- jene bezeichne man als die Vyāpinī
Verse 55-65 beschreiben eine feinstoffliche Stufenfolge oberhalb des Bindu (Nāda – Nirodhī/Ardhacandra – Śakti – Vyāpinī), wie sie auch sonst in der Mantra-Śāstra-Literatur bekannt ist; einzelne Wortfügungen bleiben trotz lesbarem Text mehrdeutig.
praṇava-uccāraṇaṃ tasya [...] | ka-tvaṃ yo na jānāti nirodhī rodhate yadā |
Die Aussprache des Praṇava davon [Lücke im Manuskript]. Wenn einer, der das Wesen des Lautes K nicht kennt, (dennoch) den Nirodhī zurückhält —
Wort für Wort
- praṇava-uccāraṇam tasya
- die Aussprache des Praṇava davon
- […]
- [Lücke: acht Akṣaras unleserlich]
- ka-tvam yaḥ na jānāti
- wer das Wesen des K nicht kennt
- nirodhī rodhate yadā
- wenn er den Nirodhī zurückhält
Erste Vershälfte bis auf die ersten drei Worte verloren.
dvayam utpanna-nādasya yac chabdaṃ śrūyate sadā | sa eva ūrdhva-gāmī tu nādasya antar-bahi-sthitā |
Das Paar des entstandenen Nāda – der Laut, der stets gehört wird, eben dieser ist der Aufwärtsgehende; (die Śakti aber ist) innerhalb und außerhalb des Nāda befindlich –
Wort für Wort
- dvayam
- das Paar
- utpanna-nādasya
- des entstandenen Nāda
- yat śabdam śrūyate sadā
- der Laut, der stets gehört wird
- saḥ eva ūrdhva-gāmī tu
- eben dieser ist der Aufwärtsgehende
- nādasya antar-bahi-sthitā
- innerhalb und außerhalb des Nāda befindlich
śaktyā tu vīkṣyamāṇāyāṃ yat tejaḥ saṃpradṛśyate | sā eva vyāpinī ca eva śakteś ca antar-bahi-sthitā |
– wenn durch die Śakti geschaut wird, der Glanz, der da sichtbar wird: eben dieser ist die Vyāpinī, die innerhalb und außerhalb der Śakti befindlich ist.
Wort für Wort
- śaktyā tu vīkṣyamāṇāyām
- wenn durch die Śakti geschaut wird
- yat tejaḥ saṃpradṛśyate
- der Glanz, der sichtbar wird
- sā eva vyāpinī ca eva
- eben diese ist die Vyāpinī
- śakteḥ ca antar-bahi-sthitā
- und innerhalb und außerhalb der Śakti befindlich
aṣṭa-triṃśat kalā khyātā praṇavasya samāsataḥ | vedanīyās tu tā nityaṃ śiva-tantra-anuvartibhiḥ |
Die achtunddreißig Kalās des Praṇava sind, in Kürze zusammengefasst, bekannt gemacht; stets zu erkennen sind sie von denen, die den Śiva-Tantras folgen.
Wort für Wort
- aṣṭa-triṃśat kalāḥ
- die achtunddreißig Kalās
- khyātāḥ
- sind bekannt gemacht
- praṇavasya samāsataḥ
- des Praṇava, in Kürze zusammengefasst
- vedanīyāḥ tu tāḥ nityam
- stets zu erkennen sind sie
- śiva-tantra-anuvartibhiḥ
- von den den Śiva-Tantras Folgenden
yo 'sau sarva-gato devaḥ sarveṣāṃ śrūyate mahān | anirdeśyam anākhyaṃ ca samo [?] sarvataḥ sthitaḥ |
Jener Gott, der überall gegenwärtig ist, wird von allen als der Große vernommen: unbestimmbar und unbenennbar, gleich(-förmig) [?], überall befindlich.
Wort für Wort
- yaḥ asau sarva-gataḥ devaḥ
- jener Gott, der überall gegenwärtig ist
- sarveṣām śrūyate mahān
- wird von allen als der Große vernommen
- anirdeśyam anākhyam ca
- unbestimmbar und unbenennbar
- samaḥ [?]
- gleich(-förmig) [ein Wort unsicher]
- sarvataḥ sthitaḥ
- überall befindlich
asti iti bhāvanā tasya ādyāvasthā tu tasya vai | devair api na vijñātaṃ kiṃ tad asti iti bhāvanā |
„Er ist“ – das ist die Vorstellung von ihm, seine allererste Stufe fürwahr; selbst von den Göttern nicht erkannt wird, was das ist – (nur) die Vorstellung „er ist“.
Wort für Wort
- asti iti bhāvanā tasya
- „er ist“ ist die Vorstellung von ihm
- ādyā avasthā tu tasya vai
- seine allererste Stufe fürwahr
- devaiḥ api na vijñātam
- selbst von den Göttern nicht erkannt
- kim tat
- was das (ist)
- asti iti bhāvanā
- (nur) die Vorstellung „er ist“
tasya eva saṃjñā sañjātā śaktir iti abhidhīyate | pratyakṣā sarva-lokeṣu dṛśyate sarvataḥ sthitā |
Von eben diesem entsteht eine Bezeichnung, die „Śakti“ genannt wird; sinnfällig, in allen Welten sichtbar, ist sie überall befindlich.
Wort für Wort
- tasya eva
- von eben diesem
- saṃjñā sañjātā
- entsteht eine Bezeichnung
- śaktiḥ iti abhidhīyate
- die „Śakti“ genannt wird
- pratyakṣā
- sinnfällig, wahrnehmbar
- sarva-lokeṣu dṛśyate
- ist in allen Welten sichtbar
- sarvataḥ sthitā
- überall befindlich
phala-bhāvaṃ tu yat tasya pratyakṣas sarvataḥ sthitaḥ | śrūyate satataṃ devi nāda-ākhyā iti ca viśrutam |
Was aber der Wirkzustand von ihm ist, sinnfällig, überall befindlich, das wird beständig gehört, o Göttin, und ist als „Nāda“ bekannt.
Wort für Wort
- phala-bhāvam tu yat tasya
- was aber der Wirkzustand von ihm (ist)
- pratyakṣaḥ sarvataḥ sthitaḥ
- sinnfällig, überall befindlich
- śrūyate satatam devi
- wird beständig gehört, o Göttin
- nāda-ākhyā iti ca viśrutam
- und ist als „Nāda“ bekannt
aparas tasya bhāvasya nirodhī iti abhidhīyate | ardha-candram iti proktaṃ vyāpī ca ante bahi-sthitaḥ |
Ein anderer Zustand von ihm wird „Nirodhī“ (Zurückhalter) genannt; „Ardhacandra“ (Halbmond) wird das genannt, was durchdringend und am Ende außen befindlich ist.
Wort für Wort
- aparaḥ tasya bhāvasya
- ein anderer Zustand von ihm
- nirodhī iti abhidhīyate
- wird „Nirodhī“ genannt
- ardha-candram iti proktam
- „Ardhacandra“ wird genannt
- vyāpī ca ante bahi-sthitaḥ
- was durchdringend und am Ende außen befindlich ist
saṃyogena hi ca anyatra yaḥ kaḥ [?] coditaḥ akṣaraḥ | rodhate sarva-yogīnām ardha-candra iti viśrutam |
Denn durch Verbindung, anderswo, welche Silbe auch immer angeregt wird [?] – sie hält zurück, für alle Yogins; als „Ardhacandra“ ist dies bekannt.
Wort für Wort
- saṃyogena hi ca anyatra
- denn durch Verbindung, anderswo
- yaḥ kaḥ [?]
- welche auch immer [ein Wort unleserlich]
- coditaḥ akṣaraḥ
- die angeregte Silbe
- rodhate sarva-yogīnām
- sie hält zurück, für alle Yogins
- ardha-candraḥ iti viśrutam
- als „Ardhacandra“ ist dies bekannt
Ein Wort der ersten Vershälfte im Manuskript unleserlich; die genaue syntaktische Fügung bleibt unsicher.
jñānaṃ yoga-japa-dhyeyaṃ śiva-arcā-agni-vidhi-kriyā | indriya-ādiṣu sarveṣu jñeyaḥ parataraḥ sthitaḥ |
Erkenntnis, Yoga, Japa (Rezitation), Meditationsgegenstand, Śiva-Verehrung, Feueropfer-Handlung und -Ritual – in allem, angefangen bei den Sinnesorganen, ist er als der Höhere, darin Befindliche, zu erkennen.
Wort für Wort
- jñānam
- Erkenntnis
- yoga-japa-dhyeyam
- Yoga, Japa, Meditationsgegenstand
- śiva-arcā-agni-vidhi-kriyā
- Śiva-Verehrung, Feueropfer-Ritual und -Handlung
- indriya-ādiṣu sarveṣu
- in allem, angefangen bei den Sinnesorganen
- jñeyaḥ parataraḥ sthitaḥ
- ist er als der Höhere, darin Befindliche, zu erkennen
kanda-ādi-nāla-padmānāṃ sarveṣāṃ sarvataḥ sthitaḥ | devī | niṣkalaṃ praṇavaṃ deva tvayā pūrvam udāhṛtam |
– in allen, angefangen beim Kanda, den Nāḍī-Stängeln und Lotusblüten, ist er überall befindlich. — Die Göttin (sprach): Der teillose (niṣkala) Praṇava, o Gott, wurde von dir zuvor dargelegt –
Wort für Wort
- kanda-ādi-nāla-padmānām sarveṣām
- in allen, angefangen beim Kanda, den (Nāḍī-)Stängeln und Lotusblüten
- sarvataḥ sthitaḥ
- überall befindlich
- devī
- die Göttin (sprach)
- niṣkalam praṇavam deva
- der teillose Praṇava, o Gott
- tvayā pūrvam udāhṛtam
- wurde von dir zuvor dargelegt
punaś ca sakalaṅkānāṃ kim arthaṃ ca sura-īśvara | īśvaraḥ | avagṛhṇāti bhūtāni mantra-rūpeṇa saṃsthitaḥ |
– und wozu (dient) wiederum der Sakala (der teilbehaftete Praṇava), o Herr der Götter? — Īśvara (sprach): Er ergreift die Wesen, indem er in Gestalt des Mantra angeordnet ist.
Wort für Wort
- punaḥ ca sakalaṅkānām
- und wiederum des mit Makel/Teilen Behafteten
- kim artham ca sura-īśvara
- und wozu (dient er), o Herr der Götter
- īśvaraḥ
- Īśvara (sprach)
- avagṛhṇāti bhūtāni
- er ergreift die Wesen
- mantra-rūpeṇa saṃsthitaḥ
- indem er in Gestalt des Mantra angeordnet ist
mantra-rūpaṃ purā gṛhya paścāt jñānaṃ prakāśate | paśu-pāśaṃ jagan-mūlaṃ paśu-pāśa-ātmakaṃ smṛtam |
Zunächst die Mantra-Gestalt ergreifend, offenbart sich danach die Erkenntnis. Die Fessel der (individuellen) Seele (paśupāśa) ist die Wurzel der Welt; als aus Seele und Fessel bestehend gilt (die Welt).
Wort für Wort
- mantra-rūpam purā gṛhya
- zunächst die Mantra-Gestalt ergreifend
- paścāt jñānam prakāśate
- danach offenbart sich die Erkenntnis
- paśu-pāśam jagan-mūlam
- die Fessel der Seele (ist) die Wurzel der Welt
- paśu-pāśa-ātmakam smṛtam
- als aus Seele und Fessel bestehend gilt (sie)
tasya ca unmūlane hetuṃ mantra-mūrtir maheśvaraḥ | vidyad-arka-ayuta-prakhyaḥ sarva-bhūta-anukampanaḥ |
Und zur Ausreißung von deren Wurzel (dient) als Ursache Maheśvara, der die Gestalt des Mantra hat, strahlend wie zehntausend Sonnen, voller Mitgefühl für alle Wesen.
Wort für Wort
- tasya ca unmūlane hetum
- und zur Ausreißung von deren (Wurzel) als Ursache
- mantra-mūrtiḥ maheśvaraḥ
- Maheśvara, der die Gestalt des Mantra hat
- vidyad-arka-ayuta-prakhyaḥ
- strahlend wie zehntausend Sonnen
- sarva-bhūta-anukampanaḥ
- voller Mitgefühl für alle Wesen
mantra-mūrti-gato devaḥ kāruṇyāt sa-śivo 'vyayaḥ | vyāpinī vyoma-rūpā ca ananta-anāthā anāśritā |
Der Gott, in die Mantra-Gestalt eingegangen, ist aus Mitgefühl mit-Śiva, der Unvergängliche; die Vyāpinī (Śakti), von der Gestalt des Raumes, ist unendlich, herrenlos, auf nichts gestützt.
Wort für Wort
- mantra-mūrti-gataḥ devaḥ
- der in die Mantra-Gestalt eingegangene Gott
- kāruṇyāt sa-śivaḥ avyayaḥ
- aus Mitgefühl mit-Śiva, der Unvergängliche
- vyāpinī vyoma-rūpā ca
- die Vyāpinī, von der Gestalt des Raumes
- ananta-anāthā anāśritā
- unendlich, herrenlos, auf nichts gestützt
mūrtir devasya vikhyātā praṇavo brahmabhir yutā | īśāna-puruṣā ghora-vāma-sadya-ādi-grahaḥ |
Die bekannte Gestalt des Gottes ist der Praṇava, verbunden mit den Brahma-Mantras; als Īśāna und Puruṣa, mit Ghora, Vāma, Sadya usw. als (seinen) Aspekten –
Wort für Wort
- mūrtiḥ devasya vikhyātā
- die bekannte Gestalt des Gottes
- praṇavaḥ brahmabhiḥ yutā
- der Praṇava, verbunden mit den Brahma(-Mantras)
- īśāna-puruṣā
- als Īśāna und Puruṣa
- ghora-vāma-sadya-ādi-grahaḥ
- mit Ghora, Vāma, Sadya(ojāta) usw. als Aspekten
„brahmabhiḥ“ hier als Bezug auf die fünf Brahma-Mantras (Sadyojāta usw.) gedeutet; ebenso die Reihe Īśāna, Puruṣa, Ghora, Vāma, Sadya(ojāta) als deren Namen.
cara-acara [?] sthā aprameya-guṇa-udayaḥ | praṇavaḥ sakalo devaḥ sarva-vidyā-adhipaḥ prabhuḥ |
– in Beweglichem und Unbeweglichem [Lücke] befindlich, von unermesslichem Aufgang der Eigenschaften: Der Praṇava ist der Sakala-Gott (der teilbehaftete), der Herr aller Vidyās (Wissenschaften), der Gebieter.
Wort für Wort
- cara-acara
- in Beweglichem und Unbeweglichem
- [?]
- [ein Wort unleserlich]
- sthā
- befindlich
- aprameya-guṇa-udayaḥ
- von unermesslichem Aufgang der Eigenschaften
- praṇavaḥ sakalaḥ devaḥ
- der Praṇava, der teilbehaftete Gott
- sarva-vidyā-adhipaḥ prabhuḥ
- der Herr aller Vidyās, der Gebieter
Ein Wort der ersten Vershälfte im Manuskript unleserlich (drei Sternchen).
avināśī susaṃpūrṇaḥ tejo binduḥ paraḥ śivaḥ | praṇavas tanur īśānaṃ dhṛtaṃ mantra-īśvara-īśvaram |
Unzerstörbar, ganz vollständig, Glanz und Bindu, der höchste Śiva: Der Praṇava ist der Leib, in dem Īśāna, der Herr der Mantra-Herren, gehalten wird.
Wort für Wort
- avināśī susaṃpūrṇaḥ
- unzerstörbar, ganz vollständig
- tejaḥ binduḥ paraḥ śivaḥ
- Glanz, Bindu, der höchste Śiva
- praṇavaḥ tanuḥ
- der Praṇava (ist) der Leib
- īśānam dhṛtam
- in dem Īśāna gehalten wird
- mantra-īśvara-īśvaram
- der Herr der Mantra-Herren
jñātvā mahe[śvaraṃ] [...] prabhuḥ || praṇava-stha-svara-varṇā yāvantaḥ tad ati suvrate | tāvat sura-gaṇās sarve abhivyaktā bhavanti te |
Nachdem man den großen [Lücke im Manuskript] Gebieter erkannt hat — Soviele Vokale und Konsonanten im Praṇava enthalten sind, o du Tugendreiche, so viele Scharen der Götter werden alle offenbar.
Wort für Wort
- jñātvā
- nachdem man erkannt hat
- mahe[śvaram]
- den großen [Īśvara, Rest unleserlich]
- […]
- [Lücke: zehn Akṣaras unleserlich]
- prabhuḥ
- den Gebieter
- praṇava-stha-svara-varṇāḥ yāvantaḥ
- soviele Vokale und Konsonanten im Praṇava (enthalten sind)
- tat ati suvrate
- o du sehr Tugendreiche
- tāvat sura-gaṇāḥ sarve
- so viele Scharen der Götter, alle
- abhivyaktāḥ bhavanti te
- werden sie offenbar
Erste Vershälfte bis auf Anfang und Schlusswort verloren.
praṇava-anta-sthitāḥ ca etāḥ praṇave tattvataḥ sthitāḥ | praṇavaḥ sarva-dharma-ātmā praṇava-āsakta-cetasaḥ |
Und diese (Götterscharen) sind innerhalb des Praṇava befindlich, im Praṇava der Wahrheit nach angesiedelt. Der Praṇava ist das Selbst aller Eigenschaften – (er gehört) denen, deren Bewusstsein am Praṇava haftet.
Wort für Wort
- praṇava-anta-sthitāḥ ca etāḥ
- und diese, innerhalb des Praṇava befindlich
- praṇave tattvataḥ sthitāḥ
- im Praṇava der Wahrheit nach angesiedelt
- praṇavaḥ sarva-dharma-ātmā
- der Praṇava (ist) das Selbst aller Eigenschaften
- praṇava-āsakta-cetasaḥ
- (für) die, deren Bewusstsein am Praṇava haftet
sarva-ādhāraḥ api anādhāraḥ praṇavaḥ ananta-mūrtimān | praṇave ca jagat sarvaṃ śabda-ādyaṃ yac ca tat param |
Aller Träger und dennoch selbst ohne Träger ist der Praṇava, von unendlicher Gestalt. Und im Praṇava (ruht) die ganze Welt, angefangen beim Wort, und was jenseits davon ist.
Wort für Wort
- sarva-ādhāraḥ api anādhāraḥ
- aller Träger und dennoch ohne Träger
- praṇavaḥ ananta-mūrtimān
- der Praṇava, von unendlicher Gestalt
- praṇave ca jagat sarvam
- und im Praṇava die ganze Welt
- śabda-ādyam yat ca tat param
- angefangen beim Wort, und was jenseits davon ist
[...] prakāśaṃ ca pragrūḍhaṃ prakaṭaḥ prabhuḥ | praṇavaḥ prāṇānāṃ prāṇaḥ pramāṇa-parivarjitam |
[Lücke] – leuchtend, tief eingedrungen und offenkundig ist der Gebieter. Der Praṇava ist der Atem der Atemkräfte, frei von jedem Maß.
Wort für Wort
- […]
- [Lücke: zwei Akṣaras unleserlich]
- prakāśam ca pragrūḍham
- leuchtend und tief eingedrungen
- prakaṭaḥ prabhuḥ
- offenkundig (ist) der Gebieter
- praṇavaḥ prāṇānām prāṇaḥ
- der Praṇava (ist) der Atem der Atemkräfte
- pramāṇa-parivarjitam
- frei von jedem Maß
Die ersten beiden Silben der ersten Vershälfte im Manuskript unleserlich.
brahma-ādīnāṃ praṇeśānāṃ praṇava-ātmā maheśvaraḥ | mantra-rūpa-samūhas tu tat-svarūpa-paraḥ śivaḥ |
Von Brahmā und den anderen Herren des Hervorbringens ist Maheśvara das Selbst des Praṇava; die Gesamtheit der Mantra-Gestalten aber ist Śiva, dessen höchstes Wesen jenes (Selbst) ist.
Wort für Wort
- brahma-ādīnām praṇeśānām
- von Brahmā und den anderen Herren des Hervorbringens
- praṇava-ātmā maheśvaraḥ
- (ist) Maheśvara das Selbst des Praṇava
- mantra-rūpa-samūhaḥ tu
- die Gesamtheit der Mantra-Gestalten aber
- tat-svarūpa-paraḥ śivaḥ
- (ist) Śiva, dessen höchstes Wesen jenes ist
praṇava-prabhavaṃ sarvam ā-brahma-bhuvanaṃ jagat | tal-layaṃ ca jagat sarvam avabudhyasva tattvataḥ |
Alles, die ganze Welt bis hin zur Brahmā-Welt, entsteht aus dem Praṇava; und dass die ganze Welt sich darin auflöst, das erkenne der Wahrheit gemäß.
Wort für Wort
- praṇava-prabhavam sarvam
- alles, aus dem Praṇava entstehend
- ā-brahma-bhuvanam jagat
- die Welt bis hin zur Brahmā-Welt
- tal-layam ca jagat sarvam
- und dass die ganze Welt sich darin auflöst
- avabudhyasva tattvataḥ
- erkenne der Wahrheit gemäß
ādau tu yādṛśaṃ rūpaṃ kalā-anteṣv api tādṛśam | nityatvāt antaratvāc ca prāg uktāt praṇavaḥ smṛtaḥ |
Welcherart die Gestalt am Anfang ist, ebensolcherart ist sie auch am Ende der Kalās; wegen seiner Ewigkeit und wegen seiner Innerlichkeit gilt der Praṇava als das zuvor Genannte.
Wort für Wort
- ādau tu yādṛśam rūpam
- welcherart aber die Gestalt am Anfang (ist)
- kalā-anteṣu api tādṛśam
- ebensolcherart auch am Ende der Kalās
- nityatvāt antaratvāt ca
- wegen seiner Ewigkeit und Innerlichkeit
- prāk uktāt praṇavaḥ smṛtaḥ
- gilt der Praṇava als das zuvor Genannte
brahmā viṣṇuś ca rudraś ca śivaḥ śāntaś ca suvrate | praṇavaṃ tasya kurvanti tena asau praṇavaḥ smṛtaḥ |
Brahmā, Viṣṇu, Rudra, Śiva und der Befriedete (Sadāśiva), o du Tugendreiche – sie machen von ihm den Praṇava; deshalb gilt jener als „Praṇava“.
Wort für Wort
- brahmā viṣṇuḥ ca rudraḥ ca
- Brahmā, Viṣṇu und Rudra
- śivaḥ śāntaḥ ca suvrate
- Śiva und der Befriedete (Sadāśiva), o Tugendreiche
- praṇavam tasya kurvanti
- sie machen von ihm den Praṇava
- tena asau praṇavaḥ smṛtaḥ
- deshalb gilt jener als „Praṇava“
viśuddhaṃ sarvagaṃ nityaṃ śivaḥ praṇava-saṃsthitaḥ | vidyāt dehaṃ paraṃ śuddham ādyaṃ yat pārameśvaram |
Rein, allgegenwärtig, ewig, im Praṇava befindlich ist Śiva; man erkenne den höchsten, reinen, ursprünglichen Leib, der zum höchsten Herrn gehört.
Wort für Wort
- viśuddham sarvagam nityam
- rein, allgegenwärtig, ewig
- śivaḥ praṇava-saṃsthitaḥ
- (ist) Śiva, im Praṇava befindlich
- vidyāt
- man erkenne (Opt.)
- deham param śuddham ādyam
- den höchsten, reinen, ursprünglichen Leib
- yat pārameśvaram
- der zum höchsten Herrn gehört
praṇavasya antargataṃ tat yat kiñcit bhāsa-saṃsthitaḥ | sa-kāya-ākāra-śuddhy-arthaṃ sa ca mokṣasya kāraṇam |
Was auch immer innerhalb des Praṇava, im Glanz befindlich, existiert – zum Zweck der Reinigung von Körper und Gestalt: das ist die Ursache der Erlösung.
Wort für Wort
- praṇavasya antargatam tat
- das innerhalb des Praṇava Befindliche
- yat kiñcit bhāsa-saṃsthitaḥ
- was auch immer, im Glanz befindlich
- sa-kāya-ākāra-śuddhi-artham
- zum Zweck der Reinigung von Körper und Gestalt
- sa ca mokṣasya kāraṇam
- das ist die Ursache der Erlösung
deva-nām aśeṣāṇāṃ kṛtsnasya jagataḥ sthitaḥ | sarva-vyāpī paro devaḥ praṇavaḥ sarva-kartṛṇām |
Aller Götter ohne Rest (Grund) und der gesamten Welt (Grund), alldurchdringend, der höchste Gott ist der Praṇava, (der Ursprung) aller Handelnden.
Wort für Wort
- deva-nām aśeṣāṇām
- aller Götter ohne Rest
- kṛtsnasya jagataḥ sthitaḥ
- der gesamten Welt (Grund), befindlich
- sarva-vyāpī paraḥ devaḥ
- alldurchdringend, der höchste Gott
- praṇavaḥ sarva-kartṛṇām
- der Praṇava (ist der Ursprung) aller Handelnden
praṇavaḥ sarva-dharma-ātmā prāṇināṃ hṛdi saṃsthitaḥ | tisro mātrā ardha-mātrā ca praṇavo 'nādi-saṃbhavam |
Der Praṇava, das Selbst aller Eigenschaften, ist im Herzen der Lebewesen angesiedelt; mit drei Maßeinheiten und einer halben ist der Praṇava anfangslosen Ursprungs.
Wort für Wort
- praṇavaḥ sarva-dharma-ātmā
- der Praṇava, das Selbst aller Eigenschaften
- prāṇinām hṛdi saṃsthitaḥ
- im Herzen der Lebewesen angesiedelt
- tisraḥ mātrāḥ ardha-mātrā ca
- mit drei Maßeinheiten und einer halben
- praṇavaḥ anādi-saṃbhavam
- der Praṇava, anfangslosen Ursprungs
praṇavaḥ sarva-bhūtānāṃ hṛdi-stho hi maheśvaraḥ | saṃvedyaś ca eva yājyaś ca sa dhyeyo japya eva ca |
Der Praṇava, im Herzen aller Wesen befindlich, ist ja Maheśvara; er ist zu erfahren, zu verehren, er ist zu meditieren und ebenso zu rezitieren.
Wort für Wort
- praṇavaḥ sarva-bhūtānām hṛdi-sthaḥ hi
- der Praṇava, im Herzen aller Wesen befindlich, ist ja
- maheśvaraḥ
- Maheśvara
- saṃvedyaḥ ca eva yājyaḥ ca
- er ist zu erfahren und zu verehren
- sa dhyeyaḥ japyaḥ eva ca
- er ist zu meditieren und ebenso zu rezitieren
viśva-ātmā viśva-bhāvī ca bindu-sādhanam eva ca | pratyeka-sādhanaṃ ca eva mantavyaḥ praṇavaḥ sadā |
Das Selbst des Alls und der Werdegrund des Alls, das Mittel zum Bindu, und ebenso das je einzelne Mittel – stets ist der Praṇava zu bedenken.
Wort für Wort
- viśva-ātmā viśva-bhāvī ca
- das Selbst des Alls und der Werdegrund des Alls
- bindu-sādhanam eva ca
- und ebenso das Mittel zum Bindu
- pratyeka-sādhanam ca eva
- und ebenso das je einzelne Mittel
- mantavyaḥ praṇavaḥ sadā
- stets ist der Praṇava zu bedenken
prabhutvaṃ ca vibhutvaṃ ca mahatvaṃ ca tathaiva ca | dhyāna-mātreṇa deveśi nis-saṃdigdhaṃ vara-ānane |
Herrschaft, Allgegenwart und ebenso Größe – durch bloße Meditation allein, o Herrin der Götter, zweifelsfrei, o Schönantlitzige.
Wort für Wort
- prabhutvam ca vibhutvam ca
- Herrschaft und Allgegenwart
- mahatvam ca tathā eva ca
- und ebenso auch Größe
- dhyāna-mātreṇa deveśi
- durch bloße Meditation, o Herrin der Götter
- nis-saṃdigdham vara-ānane
- zweifelsfrei, o Schönantlitzige
dhyātaḥ sarveśvaro devaḥ sarva-jñatvaṃ prayacchati | hṛdi-sthā devatāḥ sarvā hṛdi prāṇe vyavasthitiḥ |
Der meditierte Gott, der Herr über alles, gewährt Allwissenheit; im Herzen befindlich sind alle Gottheiten, im Herzen, im Prāṇa besteht ihre Anordnung.
Wort für Wort
- dhyātaḥ sarveśvaraḥ devaḥ
- der meditierte Gott, der Herr über alles
- sarva-jñatvam prayacchati
- gewährt Allwissenheit
- hṛdi-sthāḥ devatāḥ sarvāḥ
- im Herzen befindlich sind alle Gottheiten
- hṛdi prāṇe vyavasthitiḥ
- im Herzen, im Prāṇa (besteht) ihre Anordnung
hṛdi jyotīṣi sarvāṇi praṇavo 'yaṃ hṛdi sthitaḥ | etais tribhis samāyuktas sarva-bhūte vyavasthitaḥ |
Im Herzen (sind) alle Lichter, dieser Praṇava ist im Herzen befindlich; mit diesen dreien verbunden, ist er in jedem Wesen angeordnet.
Wort für Wort
- hṛdi jyotīṣi sarvāṇi
- im Herzen (sind) alle Lichter
- praṇavaḥ ayam hṛdi sthitaḥ
- dieser Praṇava ist im Herzen befindlich
- etaiḥ tribhiḥ samāyuktaḥ
- mit diesen dreien verbunden
- sarva-bhūte vyavasthitaḥ
- ist er in jedem Wesen angeordnet
cittaḥ ceto 'dhiko devi ātmānaṃ vetti tattvataḥ | cittaṃ śarīram ākhyātaṃ cetā śaktiḥ prakīrtitā |
Das Citta, o Göttin, ist höher als das Cetas, denn es kennt das Selbst der Wahrheit gemäß; das Citta wird als der Körper bezeichnet, das Cetas wird als die Śakti (Kraft) genannt.
Wort für Wort
- cittaḥ cetaḥ adhikaḥ devi
- das Citta ist höher als das Cetas, o Göttin
- ātmānam vetti tattvataḥ
- (denn) es kennt das Selbst der Wahrheit gemäß
- cittam śarīram ākhyātam
- das Citta wird als der Körper bezeichnet
- cetā śaktiḥ prakīrtitā
- das Cetas wird als die Śakti genannt
etair vihīnaṃ yad ātmānaṃ viṣa-supte ca lakṣyate | tathā hi lakṣyate devi etair hīnas tu cetanaḥ |
Was an Selbst, von diesen (beiden) beraubt, im Vergifteten oder im Schlafenden zu erkennen ist – ebenso, o Göttin, wird auch das Bewusstsein (cetana) erkannt, wenn es dieser (beiden) beraubt ist.
Wort für Wort
- etaiḥ vihīnam
- von diesen (beiden) beraubt
- yat ātmānam
- was an Selbst
- viṣa-supte ca lakṣyate
- im Vergifteten oder Schlafenden erkannt wird
- tathā hi lakṣyate devi
- ebenso, o Göttin, wird erkannt
- etaiḥ hīnaḥ tu cetanaḥ
- das Bewusstsein, wenn es dieser (beiden) beraubt ist
rūpa-sparśas tathā śabdaḥ tri-kalaḥ sarvataḥ kalaḥ | praṇavaḥ paramaḥ sūkṣmaṃ pramāṇaṃ parivarjitam |
Form, Berührung sowie Klang – dreiteilig, von allen Seiten geteilt; der Praṇava ist das Höchste, das Feine, frei von jedem Maß.
Wort für Wort
- rūpa-sparśaḥ tathā śabdaḥ
- Form, Berührung sowie Klang
- tri-kalaḥ sarvataḥ kalaḥ
- dreiteilig, von allen Seiten geteilt
- praṇavaḥ paramaḥ sūkṣmam
- der Praṇava, das Höchste, das Feine
- pramāṇam parivarjitam
- frei von jedem Maß
prasūtiḥ sarva-tattvānāṃ sātva-rājasa-tāmasāḥ | eṣu vai praṇavo jñeyaḥ kṣetrajñasya tu sārathiḥ |
Der Hervorbringer aller Tattvas, der sattvahaften, rajasischen und tamasischen (Art) – unter diesen ist der Praṇava zu erkennen als der Wagenlenker des Kṣetrajña (der verkörperten Seele).
Wort für Wort
- prasūtiḥ sarva-tattvānām
- der Hervorbringer aller Tattvas
- sātva-rājasa-tāmasāḥ
- der sattvahaften, rajasischen und tamasischen (Art)
- eṣu vai praṇavaḥ jñeyaḥ
- unter diesen ist der Praṇava zu erkennen
- kṣetrajñasya tu sārathiḥ
- als der Wagenlenker des Kṣetrajña
sā kī cetā śarīre asmin sarva-bhūta-gataḥ prabhuḥ | sa śabdaḥ praṇavo jñeyo sarvam āpūrya tiṣṭhati |
Was ist jenes Cetas in diesem Körper? Der in allen Wesen gegenwärtige Gebieter. Dieser Laut, der Praṇava, ist als das zu erkennen, was, alles erfüllend, besteht.
Wort für Wort
- sā kī cetā [?]
- was ist jenes Cetas
- śarīre asmin
- in diesem Körper
- sarva-bhūta-gataḥ prabhuḥ
- der in allen Wesen gegenwärtige Gebieter
- sa śabdaḥ praṇavaḥ jñeyaḥ
- dieser Laut, der Praṇava, ist zu erkennen
- sarvam āpūrya tiṣṭhati
- als das, was, alles erfüllend, besteht
„sā kī“ (statt zu erwartendem „sā kā“) im Manuskript so überliefert; als fragendes „was/welches ist …“ gedeutet.
prakṛtiḥ sā parā sūkṣmā sā karoti śiva-ātmikām | pañcāśat praṇavā devi bhedena ekena kīrtitāḥ |
Sie, die Prakṛti, die höchste, feine – sie bewirkt die zu-Śiva-gehörige (Natur). Fünfzig Praṇavas, o Göttin, werden nach einer (Art der) Unterscheidung genannt.
Wort für Wort
- prakṛtiḥ sā parā sūkṣmā
- sie, die Prakṛti, die höchste, feine
- sā karoti śiva-ātmikām
- sie bewirkt die zu Śiva gehörige (Natur)
- pañcāśat praṇavāḥ devi
- fünfzig Praṇavas, o Göttin
- bhedena ekena kīrtitāḥ
- werden nach einer Unterscheidung genannt
jñātavyā yogibhir nityaṃ śiva-jñāna-anuvartibhiḥ | veda-sāṃkhya-purāṇeṣu pāñcarātra-itihāsayoḥ |
Sie sind stets zu erkennen von den Yogins, die der Śiva-Erkenntnis folgen – auch in den Veden, im Sāṃkhya, in den Purāṇas, im Pāñcarātra und in den Itihāsas (Epen).
Wort für Wort
- jñātavyāḥ yogibhiḥ nityam
- stets zu erkennen von den Yogins
- śiva-jñāna-anuvartibhiḥ
- die der Śiva-Erkenntnis folgen
- veda-sāṃkhya-purāṇeṣu
- in Veden, Sāṃkhya, Purāṇas
- pāñcarātra-itihāsayoḥ
- im Pāñcarātra und in den Itihāsas
smṛtayaś ca tathā ca anye bruvanti vividhaṃ kramāt | om iti eka-akṣaraṃ brahma vadante sarva-yoginaḥ |
Und die Smṛtis, und ebenso andere (Schriften), sprechen davon der Reihe nach auf verschiedene Weise. „Oṃ“ – als die eine Silbe, das Brahman, bezeichnen es alle Yogins.
Wort für Wort
- smṛtayaḥ ca tathā ca anye
- und die Smṛtis, und ebenso andere
- bruvanti vividham kramāt
- sprechen davon der Reihe nach auf verschiedene Weise
- om iti eka-akṣaram brahma
- „Oṃ“, als die eine Silbe, das Brahman
- vadante sarva-yoginaḥ
- bezeichnen es alle Yogins
vadante na abhijānanta iti māyā śiva-ātmikā | devy uvāca | pañcāśat praṇavā deva jñātaṃ me tvat-prasādataḥ |
Sie sprechen (davon), ohne es (wirklich) zu erkennen – so (wirkt) die Māyā, die zu Śiva gehörige. — Die Göttin sprach: Die fünfzig Praṇavas, o Gott, sind mir durch deine Gnade bekannt geworden –
Wort für Wort
- vadante na abhijānantaḥ
- sie sprechen (davon), ohne es zu erkennen
- iti māyā śiva-ātmikā
- so (wirkt) die zu Śiva gehörige Māyā
- devī uvāca
- die Göttin sprach
- pañcāśat praṇavāḥ deva
- die fünfzig Praṇavas, o Gott
- jñātam me tvat-prasādataḥ
- sind mir durch deine Gnade bekannt geworden
tasmin varṇā sthitā deva bindu-nādaṃ tathaiva ca || sa [...] ||
In diesem (Praṇava) sind die Laute befindlich, o Gott, sowie ebenso Bindu und Nāda. Er/Dies – [fast der gesamte zweite Halbvers im Manuskript verloren].
Wort für Wort
- tasmin varṇāḥ sthitāḥ deva
- in diesem sind die Laute befindlich, o Gott
- bindu-nādam tathā eva ca
- sowie ebenso Bindu und Nāda
- sa
- er/dies
- […]
- [Lücke: 15 Akṣaras unleserlich]
Zweite Vershälfte bis auf das erste Wort vollständig verloren (15 Sternchen in der Vorlage).
[?]m etaṃ mayā jñātaṃ bhagavaṃs tvat-prasādataḥ | bhūyo 'haṃ śrotum icchāmi saṃśayo me maheśvara |
[?] Dies ist von mir erkannt worden, o Erhabener, durch deine Gnade. Wiederum möchte ich hören – Zweifel ist in mir, großer Herr.
Wort für Wort
- [?]m etat
- [?] dies
- mayā jñātam bhagavan
- ist von mir erkannt worden, o Erhabener
- tvat-prasādataḥ
- durch deine Gnade
- bhūyaḥ aham śrotum icchāmi
- wiederum möchte ich hören
- saṃśayaḥ me maheśvara
- Zweifel ist in mir, großer Herr
Erstes Silbenzeichen des Verses im Manuskript unleserlich.
īśānaḥ puruṣo ghoro vāmas sadyas tathaiva ca | vidyeśā loka-pālāś ca astrāṇi ca yathā-kramam |
Īśāna, Puruṣa, Ghora, Vāma und ebenso Sadya(ojāta) – die Vidyeśvaras (Wissensherren), die Weltenhüter und die Waffen, der Reihe nach –
Wort für Wort
- īśānaḥ puruṣaḥ ghoraḥ
- Īśāna, Puruṣa, Ghora
- vāmaḥ sadyaḥ tathā eva ca
- Vāma und ebenso Sadya(ojāta)
- vidyeśāḥ loka-pālāḥ ca
- die Vidyeśvaras und die Weltenhüter
- astrāṇi ca yathā-kramam
- und die Waffen, der Reihe nach
eteṣām aviśeṣeṇa mantra-uddhāraṃ vadasva me | īśvaraḥ | śṛṇu devi paraṃ guhyaṃ mantra-sadbhāvam uttamam |
– sage mir ohne Unterschied die Extraktion der Mantras für diese. — Īśvara (sprach): Höre, o Göttin, das höchste Geheimnis, das erhabene wahre Wesen der Mantras.
Wort für Wort
- eteṣām aviśeṣeṇa
- für diese, ohne Unterschied
- mantra-uddhāram vadasva me
- sage mir die Extraktion der Mantras
- īśvaraḥ
- Īśvara (sprach)
- śṛṇu devi param guhyam
- höre, o Göttin, das höchste Geheimnis
- mantra-sadbhāvam uttamam
- das erhabene wahre Wesen der Mantras
praṇave sarva-mantrās tu pravakṣyāmi vara-ānane | a-kāras tu bhaven antaḥ prathamaṃ yaḥ prakīrtitaḥ |
Alle Mantras im Praṇava will ich darlegen, o Schönantlitzige. Der Laut A aber sei innen (im Lotus-Diagramm), er, der als erstes genannt wird –
Wort für Wort
- praṇave sarva-mantrāḥ tu
- alle Mantras im Praṇava aber
- pravakṣyāmi vara-ānane
- will ich darlegen, o Schönantlitzige
- a-kāraḥ tu bhavet antaḥ
- der Laut A aber sei innen
- prathamam yaḥ prakīrtitaḥ
- der als erstes genannt wird
dharma-ādyas tu dvitīyo vai chādanāni tathaiva ca | tṛtīyaṃ kalpayet padmaṃ sa-anusvāraṃ ca sad bhavet |
– Dharma und die anderen (Kalās) fürwahr als zweites, ebenso die Umhüllungen (chādana); als drittes gestalte man das Lotus(-Diagramm), mit Anusvāra versehen soll es sein –
Wort für Wort
- dharma-ādyaḥ tu dvitīyaḥ vai
- Dharma und die anderen fürwahr als zweites
- chādanāni tathā eva ca
- ebenso die Umhüllungen
- tṛtīyam kalpayet padmam
- als drittes gestalte man das Lotus(-Diagramm)
- sa-anusvāram ca sat bhavet
- mit Anusvāra versehen soll es sein
caturthena tu bījena vinyased nava śaktayaḥ | ma-kāraḥ karṇikā-ākhyātaṃ tasya padmasya nityaśaḥ |
– mit dem vierten Keimlaut setze man die neun Śaktis; der Laut M gilt für immer als die Blütenkarpelle jenes Lotus.
Wort für Wort
- caturthena tu bījena
- mit dem vierten Keimlaut aber
- vinyaset nava śaktayaḥ
- setze man die neun Śaktis
- ma-kāraḥ karṇikā-ākhyātam
- der Laut M gilt als die Blütenkarpelle
- tasya padmasya nityaśaḥ
- jenes Lotus, für immer
etasmin aṃśakāḥ proktā u-kāra-ādi samāsataḥ | oṃkāra-antena deveśi puṣkara-antena kalpayet |
An diesem (Lotus) werden, kurz gesagt, die Teile genannt, beginnend mit dem Laut U; mit dem Oṃkāra endend, o Herrin der Götter, gestalte man (die Blütenblätter) bis zum Ende der Lotusblätter.
Wort für Wort
- etasmin aṃśakāḥ proktāḥ
- an diesem werden die Teile genannt
- u-kāra-ādi samāsataḥ
- beginnend mit dem Laut U, kurz gesagt
- oṃkāra-antena deveśi
- mit dem Oṃkāra endend, o Herrin der Götter
- puṣkara-antena kalpayet
- gestalte man bis zum Ende der Lotusblätter
ḷ-kāra-ādyās tu ye proktā e-kāra-ante pratiṣṭhitāḥ | kesarās te tu vijñeyāḥ tasya padmasya śobhane |
Die aber, die vom Laut Ḷ beginnend genannt werden, bis zum Ende beim Laut E feststehend – diese sind als die Staubfäden jenes Lotus zu erkennen, o Schöne.
Wort für Wort
- ḷ-kāra-ādyāḥ tu ye proktāḥ
- die aber, die vom Laut Ḷ beginnend genannt werden
- e-kāra-ante pratiṣṭhitāḥ
- bis zum Ende beim Laut E feststehend
- kesarāḥ te tu vijñeyāḥ
- diese sind als die Staubfäden zu erkennen
- tasya padmasya śobhane
- jenes Lotus, o Schöne
evaṃ vinyasya yatnena mūrtiṃ vinyasya pūrvavat | nivṛttiś ca pratiṣṭhā ca vidyā-śāntis tathaiva ca |
So mit Sorgfalt angeordnet, die Gestalt wie zuvor gesetzt: Nivṛtti, Pratiṣṭhā, Vidyā und ebenso Śānti –
Wort für Wort
- evam vinyasya yatnena
- so mit Sorgfalt angeordnet
- mūrtim vinyasya pūrvavat
- die Gestalt wie zuvor gesetzt
- nivṛttiḥ ca pratiṣṭhā ca
- Nivṛtti und Pratiṣṭhā
- vidyā-śāntiḥ tathā eva ca
- und ebenso Vidyā-Śānti
śānti-atītaś ca deveśi pañca brahmā prakīrtitāḥ | vāyavyam āditaḥ kṛtvā śa-kāra-antāt pratiṣṭhitāḥ |
– und Śāntyatīta (das Jenseits-des-Friedens), o Herrin der Götter, werden als die fünf Brahmans genannt; von der Vāyu-Richtung beginnend, bis zum Laut Śa reichend, sind sie festgesetzt.
Wort für Wort
- śānti-atītaḥ ca deveśi
- und Śāntyatīta, o Herrin der Götter
- pañca brahmā prakīrtitāḥ
- werden als die fünf Brahmans genannt
- vāyavyam āditaḥ kṛtvā
- von der Vāyu-Richtung beginnend
- śa-kāra-antāt pratiṣṭhitāḥ
- bis zum Laut Śa reichend festgesetzt
śiva-aṅgāni tu vijñeyāḥ kathitās tu samāsataḥ | ṣa-kāras tu bhaven netraṃ sā gāyatrī prakīrtitā |
Als die Glieder Śivas sind sie zu erkennen, kurz dargelegt; der Laut Ṣa aber sei das Auge, das (dann) als Gāyatrī bezeichnet wird.
Wort für Wort
- śiva-aṅgāni tu vijñeyāḥ
- als die Glieder Śivas sind sie zu erkennen
- kathitāḥ tu samāsataḥ
- kurz dargelegt
- ṣa-kāraḥ tu bhavet netram
- der Laut Ṣa aber sei das Auge
- sā gāyatrī prakīrtitā
- das wird als Gāyatrī bezeichnet
kṣas sāvitrī sadā jñeyā asmin tantre vara-ānane | saṃpūjya deva-deveśi haṃsa-ākhyaṃ ca sadāśivam |
Kṣa ist stets als Sāvitrī zu erkennen in diesem Tantra, o Schönantlitzige. Nachdem man verehrt hat, o Herrin der Götter der Götter, den unter dem Namen ‚Haṃsa' bekannten Sadāśiva –
Wort für Wort
- kṣaḥ sāvitrī sadā jñeyā
- Kṣa ist stets als Sāvitrī zu erkennen
- asmin tantre vara-ānane
- in diesem Tantra, o Schönantlitzige
- saṃpūjya deva-deveśi
- nachdem man verehrt hat, o Herrin der Götter der Götter
- haṃsa-ākhyam ca sadāśivam
- den unter dem Namen ‚Haṃsa' bekannten Sadāśiva
parama-akṣaraḥ paro devaḥ sarva-tantra-samanvitaḥ | tena saṃcintya deveśaṃ pūjayeta yathā-kramam |
– den höchsten unvergänglichen (Laut), den höchsten Gott, verbunden mit allen Tantras: durch dieses (Mittel) den Herrn der Götter erwägend, verehre man ihn der Reihe nach.
Wort für Wort
- parama-akṣaraḥ paraḥ devaḥ
- den höchsten unvergänglichen, höchsten Gott
- sarva-tantra-samanvitaḥ
- verbunden mit allen Tantras
- tena saṃcintya deveśam
- durch dieses den Herrn der Götter erwägend
- pūjayeta yathā-kramam
- verehre man ihn der Reihe nach
prathame vinyased garbhaṃ dvitīye cakravartinām | tṛtīye loka-pālāṃś ca caturthe astrāṇi vinyaset |
An erster Stelle setze man den Keim; an zweiter die (Mantras) der Cakravartins (Weltherrscher); an dritter die Weltenhüter, an vierter setze man die Waffen.
Wort für Wort
- prathame vinyaset garbham
- an erster (Stelle) setze man den Keim
- dvitīye cakravartinām
- an zweiter die (Mantras) der Cakravartins
- tṛtīye loka-pālān ca
- an dritter die Weltenhüter
- caturthe astrāṇi vinyaset
- an vierter setze man die Waffen
ka-kāra-ādi ja-kāra-antā aṣṭau vai cakravartinaḥ | jha-kāra-ādi ta-kāra-antā loka-pālāḥ prakīrtitāḥ |
Von K beginnend bis J endend – dies sind die acht Cakravartins, fürwahr; von Jha beginnend bis Ta endend werden die Weltenhüter genannt.
Wort für Wort
- ka-kāra-ādi ja-kāra-antāḥ
- von K beginnend bis J endend
- aṣṭau vai cakravartinaḥ
- (dies sind) die acht Cakravartins, fürwahr
- jha-kāra-ādi ta-kāra-antāḥ
- von Jha beginnend bis Ta endend
- loka-pālāḥ prakīrtitāḥ
- werden die Weltenhüter genannt
tha-kāra-ādi bha-kāra-antā astrāṇi tu yathā-kramam | a-kāreṇa samāyuktā vidyeśāḥ parikīrtitāḥ |
Von Tha beginnend bis Bha endend sind der Reihe nach die Waffen; mit dem Laut A verbunden werden die Vidyeśvaras genannt.
Wort für Wort
- tha-kāra-ādi bha-kāra-antāḥ
- von Tha beginnend bis Bha endend
- astrāṇi tu yathā-kramam
- sind der Reihe nach die Waffen
- a-kāreṇa samāyuktāḥ
- mit dem Laut A verbunden
- vidyeśāḥ parikīrtitāḥ
- werden die Vidyeśvaras genannt
bindunā loka-pālās tu visarge astrāṇi yojayet | praṇavena tu sarveṣāṃ gandha-dhūpa-vidhi-kramāt |
Mit dem Bindu (verbinde man) die Weltenhüter, mit dem Visarga verbinde man die Waffen; mit dem Praṇava aber (verrichte man) für alle die Ritualfolge von Duftstoff und Räucherwerk –
Wort für Wort
- bindunā loka-pālāḥ tu
- mit dem Bindu aber die Weltenhüter
- visarge astrāṇi yojayet
- mit dem Visarga verbinde man die Waffen
- praṇavena tu sarveṣām
- mit dem Praṇava aber für alle
- gandha-dhūpa-vidhi-kramāt
- nach der Ritualfolge von Duftstoff und Räucherwerk
kartavyaṃ sarvathā devi ānupūrveṇa yatnataḥ | praṇavena tu kāryāṇi sarvāṇi uktāni yāni vai |
– es ist auf jede Weise auszuführen, o Göttin, der Reihe nach, mit Sorgfalt. Mit dem Praṇava aber (sind) alle Handlungen auszuführen, welche fürwahr genannt wurden –
Wort für Wort
- kartavyam sarvathā devi
- es ist auf jede Weise auszuführen, o Göttin
- ānupūrveṇa yatnataḥ
- der Reihe nach, mit Sorgfalt
- praṇavena tu kāryāṇi sarvāṇi
- mit dem Praṇava aber alle Handlungen
- uktāni yāni vai
- welche fürwahr genannt wurden
kartavyaṃ sarva-kāryāṇi avikalpena bhāvini | pṛthivī-ādi śiva-antaṃ ca ye tattvāḥ parikīrtitāḥ |
– alle Handlungen sind ohne Unterscheidung auszuführen, o du Werdende (Göttin); von der Erde an bis Śiva reichend, welche Tattvas auch genannt werden –
Wort für Wort
- kartavyam sarva-kāryāṇi
- auszuführen (sind) alle Handlungen
- avikalpena bhāvini
- ohne Unterscheidung, o Werdende
- pṛthivī-ādi śiva-antam ca
- von der Erde an bis Śiva reichend
- ye tattvāḥ parikīrtitāḥ
- welche Tattvas auch genannt werden
praṇavena tu sarveṣāṃ pūjā homa-vidhi-kriyā | kartavyaṃ sarva-kāryāṇi japa-dhyāna-ādir eva ca |
– mit dem Praṇava (geschehe) für alle (Tattvas) die Verehrung, die Feueropfer-Ritualhandlung; auszuführen sind alle Handlungen, Japa, Meditation und so fort.
Wort für Wort
- praṇavena tu sarveṣām
- mit dem Praṇava aber für alle
- pūjā homa-vidhi-kriyā
- die Verehrung, die Feueropfer-Ritualhandlung
- kartavyam sarva-kāryāṇi
- auszuführen sind alle Handlungen
- japa-dhyāna-ādiḥ eva ca
- Japa, Meditation und so fort
śata-triṃśac ca hotavyaṃ pūrṇa-āhutyā krameṇa ca | eṣa te mātṛkā yāgo durlabhaḥ tridaśair api |
Hundertdreißig(mal) ist mit der Vollopfergabe der Reihe nach zu opfern. Dies ist dir der Mātṛkā-Yāga (das Alphabet-Opfer), schwer erreichbar selbst für die Dreißig (Götter).
Wort für Wort
- śata-triṃśat ca hotavyam
- hundertdreißig(mal) ist zu opfern
- pūrṇa-āhutyā krameṇa ca
- mit der Vollopfergabe der Reihe nach
- eṣaḥ te mātṛkā yāgaḥ
- dies ist dir der Mātṛkā-Yāga
- durlabhaḥ tridaśaiḥ api
- schwer erreichbar selbst für die Dreißig (Götter)
eṣa te mātṛkā-yāgo kṛta-arthaś chinna-saṃśayaḥ | vrajate śiva-sāyujyaṃ nirmalo vigata-jvaraḥ |
Dies ist dir der Mātṛkā-Yāga: sein Ziel erreicht, seinen Zweifel abgeschnitten, geht (der Vollziehende) ein in die Sāyujya (Vereinigung) mit Śiva, makellos, von aller Fieberglut befreit.
Wort für Wort
- eṣaḥ te mātṛkā-yāgaḥ
- dies ist dir der Mātṛkā-Yāga
- kṛta-arthaḥ chinna-saṃśayaḥ
- sein Ziel erreicht, seinen Zweifel abgeschnitten
- vrajate śiva-sāyujyam
- er geht ein in die Vereinigung mit Śiva
- nirmalaḥ vigata-jvaraḥ
- makellos, von aller Fieberglut befreit
āditaḥ kathito devi parama-akṣara-saṃjñitaḥ | tasya api ca īdṛśaṃ proktaṃ yāgaṃ devena śobhane |
Von Anfang an wurde er dargelegt, o Göttin, unter dem Namen des höchsten unvergänglichen (Lautes); und von diesem wurde ebenso ein solcher Yāga vom Gott verkündet, o Schöne.
Wort für Wort
- āditaḥ kathitaḥ devi
- von Anfang an wurde er dargelegt, o Göttin
- parama-akṣara-saṃjñitaḥ
- unter dem Namen des höchsten Unvergänglichen
- tasya api ca īdṛśam proktam
- und von diesem wurde ebenso ein solcher
- yāgam devena śobhane
- Yāga vom Gott verkündet, o Schöne
eṣa mantra-vibhāgas tu praṇavasya udāhṛtaḥ | paścāt [...] jaya-ātmakam |
Dies ist die Aufteilung der Mantras des Praṇava, wie sie dargelegt wurde. Danach [Lücke im Manuskript] – von der Natur des Sieges –
Wort für Wort
- eṣaḥ mantra-vibhāgaḥ tu
- dies ist die Aufteilung der Mantras
- praṇavasya udāhṛtaḥ
- des Praṇava, wie dargelegt
- paścāt
- danach
- […]
- [Lücke: zehn Akṣaras unleserlich]
- jaya-ātmakam
- von der Natur des Sieges
Zweite Vershälfte bis auf das Schlusswort verloren.
acireṇa eva kālena kāla-mṛtyuṃ jayiṣyati | māse varṣa-śataṃ proktaṃ māse dvi [...] |
In gar nicht langer Zeit wird er den zeitgemäßen Tod besiegen. In einem Monat wird (die Wirkung von) hundert Jahren erklärt; in zwei Monaten [Lücke im Manuskript] –
Wort für Wort
- acireṇa eva kālena
- in gar nicht langer Zeit
- kāla-mṛtyum jayiṣyati
- wird er den zeitgemäßen Tod besiegen
- māse varṣa-śatam proktam
- in einem Monat wird (die Wirkung von) hundert Jahren erklärt
- māse dvi[…]
- in zwei Monaten [Lücke]
Zweite Vershälfte ab der Mitte im Manuskript verloren.
[?] tena atra saṃdehaḥ [?] satyaṃ devi vadāmy aham | japa-arcana-vidhānena abdena ekena sidhyati |
[?] Deshalb besteht hierin kein Zweifel – die Wahrheit sage ich, o Göttin. Durch die vorgeschriebene Ausführung von Japa und Verehrung erlangt man in einem einzigen Jahr Erfolg.
Wort für Wort
- [?]
- [ein Wort unleserlich]
- tena atra saṃdehaḥ [na]
- deshalb besteht hierin [kein] Zweifel [?]
- satyam devi vadāmi aham
- die Wahrheit sage ich, o Göttin
- japa-arcana-vidhānena
- durch die vorgeschriebene Ausführung von Japa und Verehrung
- abdena ekena sidhyati
- in einem einzigen Jahr erlangt man Erfolg
Anfang des Verses unleserlich; die Wendung „tenātra saṃdehaḥ“ („deshalb besteht hierin Zweifel“) ergäbe im Zusammenhang mit „satyaṃ vadāmi“ keinen Sinn – vermutlich ist ein verlorenes „na“ ergänzt zu denken („kein Zweifel“).
ataḥ paraṃ pravakṣyāmi nyāsa-cakre yathā-kramam | pūrvaṃ vinyased deva-deveśi yāvat sarvaṃ samāpyate |
Danach will ich der Reihe nach das Nyāsa-Cakra (Diagramm der rituellen Berührung) darlegen. Zunächst setze man (die Mantras), o Herr der Götter der Götter, bis alles vollendet ist.
Wort für Wort
- ataḥ param pravakṣyāmi
- danach will ich darlegen
- nyāsa-cakre yathā-kramam
- das Nyāsa-Cakra, der Reihe nach
- pūrvam vinyaset deva-deveśi
- zunächst setze man, o Herr der Götter der Götter
- yāvat sarvam samāpyate
- bis alles vollendet ist
evaṃ varga-krameṇa eva vinyaset su-samāhitaḥ | kṣa-kāra-ekena kartavyaṃ saptadhā [...] |
So, nach der Reihenfolge der Lautklassen, setze man, wohlgesammelt; mit dem einen Laut Kṣa ist es siebenfach auszuführen [Lücke im Manuskript].
Wort für Wort
- evam varga-krameṇa eva
- so, nach der Reihenfolge der Lautklassen
- vinyaset su-samāhitaḥ
- setze man, wohlgesammelt
- kṣa-kāra-ekena kartavyam saptadhā
- mit dem einen Laut Kṣa ist es siebenfach auszuführen
- […]
- [Lücke: fünf Akṣaras unleserlich]
Zweite Vershälfte ab der Mitte im Manuskript verloren.
[a]ṣṭa-patreṣu karṇike ca tathaiva hi | rudra-bīja-samāyuktā ṣaḍ-aṅgena samanvitā |
– auf den acht Blütenblättern sowie ebenso auf der Blütenkarpelle, ja; verbunden mit dem Rudra-Keimlaut, versehen mit den sechs Gliedern (ṣaḍaṅga) –
Wort für Wort
- [a]ṣṭa-patreṣu
- auf den acht Blütenblättern
- karṇike ca tathā eva hi
- sowie ebenso auf der Blütenkarpelle, ja
- rudra-bīja-samāyuktā
- verbunden mit dem Rudra-Keimlaut
- ṣaḍ-aṅgena samanvitā
- versehen mit den sechs Gliedern
Anfang der ersten Vershälfte unleserlich (drei Sternchen); zu „aṣṭa-patreṣu“ ergänzt.
juṃ-kāram āditaḥ kṛtvā sa-kāra-antena śobhane | eke mṛtyuñjayaṃ teṣu catuṣ-ṣaṣṭyā samāsataḥ |
– mit dem Laut Juṃ beginnend, mit dem Laut Sa endend, o Schöne; unter diesen (Silben) ist, mit vierundsechzig (Wiederholungen), zusammengefasst, der eine Mṛtyuñjaya (der Todbesieger, das Mantra) –
Wort für Wort
- juṃ-kāram āditaḥ kṛtvā
- mit dem Laut Juṃ beginnend
- sa-kāra-antena śobhane
- mit dem Laut Sa endend, o Schöne
- eke mṛtyuñjayam teṣu
- unter diesen der eine Mṛtyuñjaya
- catuṣ-ṣaṣṭyā samāsataḥ
- mit vierundsechzig (Wiederholungen), zusammengefasst
uccāreṇa japaṃ kuryāt ānupūrveṇa yoga-vit | dhyānaṃ ca satataṃ kuryāt mārga-vic cakra-saṃsthitaḥ |
Mit lautem Aussprechen führe der Yoga-Kundige die Rezitation der Reihe nach aus; und beständig führe die Meditation aus, wer den rechten Weg kennt, im Cakra befindlich.
Wort für Wort
- uccāreṇa japam kuryāt
- mit lautem Aussprechen führe er die Rezitation aus
- ānupūrveṇa yoga-vit
- der Reihe nach, der Yoga-Kundige
- dhyānam ca satatam kuryāt
- und beständig führe er die Meditation aus
- mārga-vit cakra-saṃsthitaḥ
- wer den Weg kennt, im Cakra befindlich
śuddha-sphaṭika-saṃkāśo jñeyo mantra-gaṇas tu vai | dhyānena manasā [...] na saṃśayaḥ |
Wie reiner Bergkristall leuchtend ist die Mantra-Schar zu erkennen, fürwahr. Durch Meditation, mit dem Geist [Lücke im Manuskript] – kein Zweifel (besteht).
Wort für Wort
- śuddha-sphaṭika-saṃkāśaḥ
- wie reiner Bergkristall leuchtend
- jñeyaḥ mantra-gaṇaḥ tu vai
- ist die Mantra-Schar zu erkennen, fürwahr
- dhyānena manasā
- durch Meditation, mit dem Geist
- […]
- [Lücke: sechs Akṣaras unleserlich]
- na saṃśayaḥ
- kein Zweifel (besteht)
Zweite Vershälfte in der Mitte durch eine Lücke unterbrochen.
kāla-kṣetraṃ yadā gacchet yogī mṛtyuñjaya-eṣiṇaḥ | saṃpuṭaṃ cintayec ca am uparisthād dvitīyakam |
Wenn der Yogi, der den Mṛtyuñjaya begehrt, in das Feld der Zeit (d.h. in Todesnähe) gerät, bedenke er die Umschließung (saṃpuṭa) und darüber das Zweite –
Wort für Wort
- kāla-kṣetram yadā gacchet
- wenn er in das Feld der Zeit gerät
- yogī mṛtyuñjaya-eṣiṇaḥ
- der Yogi, der den Mṛtyuñjaya begehrt
- saṃpuṭam cintayet
- bedenke er die Umschließung
- ca uparisthāt dvitīyakam [?]
- und darüber das Zweite [?]
Zweite Vershälfte syntaktisch unsicher überliefert.
evaṃ kṛtvā tu deveśi adhvānaṃ tu vrajet sadā | lakṣa-ekaṃ japate [...] |
Dies so ausgeführt, o Herrin der Götter, gehe man stets den (rechten) Weg. Man rezitiere hunderttausendmal [Lücke im Manuskript].
Wort für Wort
- evam kṛtvā tu deveśi
- dies so ausgeführt, o Herrin der Götter
- adhvānam tu vrajet sadā
- gehe man stets den Weg
- lakṣa-ekam japate
- man rezitiere hunderttausendmal
- […]
- [Lücke: zehn Akṣaras unleserlich]
Zweite Vershälfte bis auf die ersten drei Worte verloren.
viṣayasya hanen mṛtyu-pratirodhī-vaśena tu | eṣa te kathito devi cakra-mṛtyuñjayaṃ prati |
Er zerstöre die (Macht) über das Sinnesobjekt mittels der Herrschaft des todabwehrenden (Mantra). Dies ist dir, o Göttin, in Bezug auf das Mṛtyuñjaya-Cakra dargelegt.
Wort für Wort
- viṣayasya hanet
- er zerstöre (die Macht) über das Sinnesobjekt
- mṛtyu-pratirodhī-vaśena tu
- mittels der Herrschaft des Todabwehrenden
- eṣaḥ te kathitaḥ devi
- dies ist dir, o Göttin, dargelegt
- cakra-mṛtyuñjayam prati
- in Bezug auf das Mṛtyuñjaya-Cakra
mucyate sarva-rogais tu amṛta-īśa-samo bhavet | punar eva pravakṣyāmi dīkṣāṃ cakre vara-ānane |
Er wird von allen Krankheiten befreit und wird dem Herrn der Unsterblichkeit gleich. Wiederum will ich die Dīkṣā (Initiation) im Cakra darlegen, o Schönantlitzige.
Wort für Wort
- mucyate sarva-rogaiḥ tu
- er wird von allen Krankheiten befreit
- amṛta-īśa-samaḥ bhavet
- wird dem Herrn der Unsterblichkeit gleich
- punaḥ eva pravakṣyāmi
- wiederum will ich darlegen
- dīkṣām cakre vara-ānane
- die Dīkṣā im Cakra, o Schönantlitzige
jana[?] [...] kṣepa-vivarjitām | saṃhṛtya sarva-saṃhāraṃ vidhiṃ kuryāt samāsataḥ |
– der Menschen [Lücke im Manuskript], frei von Verwerfung. Nachdem man die gesamte Zurücknahme (saṃhāra) vollzogen hat, führe man das Ritual kurz zusammengefasst aus.
Wort für Wort
- jana[?]
- der Menschen [?]
- […]
- [Lücke: acht Akṣaras unleserlich]
- kṣepa-vivarjitām
- frei von Verwerfung/Ablenkung
- saṃhṛtya sarva-saṃhāram
- nachdem man die gesamte Zurücknahme vollzogen hat
- vidhim kuryāt samāsataḥ
- führe man das Ritual kurz zusammengefasst aus
Erste Vershälfte bis auf Anfangs- und Schlusswort verloren.
parama-akṣareṇa deveśi prokṣaṇa-abhirakṣaṇaṃ smṛtam | pūjya-saṃskāra-śuddhy-arthaṃ paśūnāṃ lambhanaṃ tathā |
Mit dem höchsten unvergänglichen (Laut), o Herrin der Götter, gelten Besprengung und Schutz (als auszuführen); zum Zweck der Reinigung der Weihe des zu Verehrenden, ebenso das Herbeibringen der (dem Ritual zugeführten) Seelen.
Wort für Wort
- parama-akṣareṇa deveśi
- mit dem höchsten Unvergänglichen, o Herrin der Götter
- prokṣaṇa-abhirakṣaṇam smṛtam
- gelten Besprengung und Schutz (als auszuführen)
- pūjya-saṃskāra-śuddhi-artham
- zum Zweck der Reinigung der Weihe des zu Verehrenden
- paśūnām lambhanam tathā
- ebenso das Herbeibringen der Seelen
sarvam anena kartavyaṃ [...] | kramam manasā ālokya dhyāyec ca eva yathā-kramam |
Alles ist mit diesem (Mittel) auszuführen [Lücke im Manuskript]. Die Reihenfolge im Geiste betrachtend, meditiere man ebenso der Reihe nach.
Wort für Wort
- sarvam anena kartavyam
- alles ist mit diesem auszuführen
- […]
- [Lücke: acht Akṣaras unleserlich]
- kramam manasā ālokya
- die Reihenfolge im Geiste betrachtend
- dhyāyet ca eva yathā-kramam
- meditiere man ebenso der Reihe nach
Erste Vershälfte ab der Mitte verloren.
agnau ca eva tu deveśi paśu-dehe viśeṣataḥ | dhyātvā cakraṃ yathāvasthaṃ karma kuryād yathā-kramam |
Und ebenso im Feuer, o Herrin der Götter, insbesondere im Leib des Opfertiers: nachdem man das Cakra, wie es beschaffen ist, meditiert hat, verrichte man das Ritual der Reihe nach.
Wort für Wort
- agnau ca eva tu deveśi
- und ebenso im Feuer, o Herrin der Götter
- paśu-dehe viśeṣataḥ
- insbesondere im Leib des Opfertiers
- dhyātvā cakram yathāvastham
- nachdem man das Cakra, wie es beschaffen ist, meditiert hat
- karma kuryāt yathā-kramam
- verrichte man das Ritual der Reihe nach
pūrva-patrāt tu ārabhya yāvat sarvaṃ samāpyate | [...] tyavicakṣaṇaḥ |
Vom östlichen Blütenblatt beginnend, bis alles vollendet ist – [Lücke im Manuskript] –, der (darin) Kundige.
Wort für Wort
- pūrva-patrāt tu ārabhya
- vom östlichen (ersten) Blütenblatt beginnend
- yāvat sarvam samāpyate
- bis alles vollendet ist
- […]
- [Lücke: elf Akṣaras unleserlich]
- […]tya-vicakṣaṇaḥ
- der (darin) Kundige
Zweite Vershälfte bis auf das Schlusswort verloren.
hṛc-cakre yojayitvā tu homaṃ tatra samārabhet | śataṃ śataṃ ca hotavyaṃ pūrṇa-āhutyā krameṇa tu |
Nachdem man (die Mantras) im Herz-Cakra verbunden hat, beginne man dort das Feueropfer. Je hundert(mal) ist mit der Vollopfergabe der Reihe nach zu opfern.
Wort für Wort
- hṛc-cakre yojayitvā tu
- nachdem man im Herz-Cakra verbunden hat
- homam tatra samārabhet
- beginne man dort das Feueropfer
- śatam śatam ca hotavyam
- je hundert(mal) ist zu opfern
- pūrṇa-āhutyā krameṇa tu
- mit der Vollopfergabe der Reihe nach
nāḍi-mārgeṇa saṃyojya yas te tu [?] viśed dhanaḥ | tatra pūrṇa-āhutir deyā punar anyeṣu yojayet |
Durch den Weg der Nāḍī verbunden – welcher [?] reich eindringt –, dort ist die Vollopfergabe zu geben; wiederum lenke man (sie) auf andere.
Wort für Wort
- nāḍi-mārgeṇa saṃyojya
- durch den Weg der Nāḍī verbunden
- yaḥ te tu [?] viśet dhanaḥ
- welcher [?] reich eindringt
- tatra pūrṇa-āhutiḥ deyā
- dort ist die Vollopfergabe zu geben
- punaḥ anyeṣu yojayet
- wiederum lenke man (sie) auf andere
Ein Wort der ersten Vershälfte im Manuskript unleserlich; Syntax unsicher.
pūrakeṇa evam ākṛṣya hṛdi cakre praveśayet | [?] vakena eva deveśi [?] laḥ smṛtaḥ |
Durch die Einatmung (pūraka) so heranziehend, führe man (den Atem) in das Herz-Cakra ein. [Lücke im Manuskript], o Herrin der Götter, [Lücke] gilt als (das Ziel).
Wort für Wort
- pūrakeṇa evam ākṛṣya
- durch die Einatmung so heranziehend
- hṛdi cakre praveśayet
- führe man in das Herz-Cakra ein
- [?] vakena eva deveśi
- [Lücke], o Herrin der Götter
- [?] laḥ smṛtaḥ
- [Lücke] gilt als (das Ziel)
Zweite Vershälfte an zwei Stellen im Manuskript unleserlich.
evaṃ nāḍīṣu saṃyojyam ānupūrveṇa suvrate | eṣa yāga-vidhānaṃ tu na dadyād yasya kasyacit |
So ist es in den Nāḍīs zu verbinden, der Reihe nach, o du Tugendreiche. Diese Anordnung des Opfers aber gebe man nicht irgendwem.
Wort für Wort
- evam nāḍīṣu saṃyojyam
- so ist es in den Nāḍīs zu verbinden
- ānupūrveṇa suvrate
- der Reihe nach, o Tugendreiche
- eṣaḥ yāga-vidhānam tu
- diese Anordnung des Opfers aber
- na dadyāt yasya kasyacit
- gebe man nicht irgendwem
eka[?] kaṃ ca [...] | [?] jvara-tyakto sva-śarīreṇa suvrate |
Der eine [?] [Lücke im Manuskript]. [?], vom Fieber befreit, mit dem eigenen Körper, o Tugendreiche.
Wort für Wort
- eka[?]
- der eine [?]
- kam ca
- und was [?]
- […]
- [Lücke: mehrere Akṣaras unleserlich, beidseitig]
- jvara-tyaktaḥ
- vom Fieber befreit
- sva-śarīreṇa suvrate
- mit dem eigenen Körper, o Tugendreiche
Vers an mehreren Stellen unleserlich; Gesamtsinn nicht sicher zu rekonstruieren.
devaiś ca samatāṃ yāti mat-samīpe na saṃśayaḥ | etad guhya-antaraṃ sarvam ā-prema-atula [...] |
Und er gelangt zur Gleichheit mit den Göttern, in meiner Nähe, kein Zweifel (besteht). Dies ist das ganze innerste Geheimnis, von unvergleichlicher Liebe [Lücke im Manuskript] –
Wort für Wort
- devaiḥ ca samatām yāti
- und er gelangt zur Gleichheit mit den Göttern
- mat-samīpe na saṃśayaḥ
- in meiner Nähe, kein Zweifel
- etat guhya-antaram sarvam
- dies ist das ganze innerste Geheimnis
- ā-prema-atula
- von unvergleichlicher Liebe
- […]
- [Lücke: drei Akṣaras unleserlich]
Zweite Vershälfte am Ende unleserlich (drei Sternchen).
[...] devī ataḥ param | aṣṭa-patraṃ likhet padmaṃ mantraṃ vinyasya yatnataḥ |
[Lücke im Manuskript] – o Göttin, danach (folgt): Man zeichne den achtblättrigen Lotus, nachdem man das Mantra mit Sorgfalt gesetzt hat.
Wort für Wort
- […]
- [Lücke: neun Akṣaras unleserlich]
- devī ataḥ param
- o Göttin, danach
- aṣṭa-patram likhet padmam
- man zeichne den achtblättrigen Lotus
- mantram vinyasya yatnataḥ
- nachdem man das Mantra mit Sorgfalt gesetzt hat
Erste Vershälfte bis auf die letzten beiden Worte verloren.
hṛc-cakre sarvam etat tu pūrva-ukta-vidhim ācaret | yad iṣṭaṃ taṃ yajen mantrī sidhyato na atra saṃśayaḥ |
Im Herz-Cakra vollziehe man dies alles nach dem zuvor genannten Ritual. Was auch immer erwünscht ist, das verehre der Mantra-Kundige – am Erfolg besteht dabei kein Zweifel.
Wort für Wort
- hṛc-cakre sarvam etat tu
- im Herz-Cakra dies alles aber
- pūrva-ukta-vidhim ācaret
- vollziehe man nach dem zuvor genannten Ritual
- yat iṣṭam tam yajet mantrī
- was erwünscht ist, das verehre der Mantra-Kundige
- sidhyataḥ na atra saṃśayaḥ
- am Erfolg besteht dabei kein Zweifel
avikalpena deveśi sa siddhi-phala-bhāk bhavet | hṛc-cakre devatā-nyāsaṃ kṛtvā pūrvaṃ varānane ||
Ohne Zweifel, o Herrin der Götter, wird er zum Träger der Frucht der Vollendung (siddhi), wenn er zuvor im Herz-Cakra die Götter-Einsetzung (nyāsa) vollzogen hat, o Schönantlitzige.
Wort für Wort
- avikalpena
- ohne Zweifel/Schwanken (Instr.)
- deveśi
- o Herrin der Götter (Vok.)
- sa
- er
- siddhi-phala-bhāk
- Träger der Frucht der Vollendung
- bhavet
- er würde werden
- hṛc-cakre
- im Herz-Cakra
- devatā-nyāsaṃ
- die Götter-Einsetzung
- kṛtvā
- getan habend
- pūrvaṃ
- zuvor
- varānane
- o Schönantlitzige (Vok.)
maṇḍalānāṃ tu vinyāsaṃ pūrvavat kārayet priye | etad guhyatamaṃ devi na deyaṃ parikīrtitam ||
Die Anordnung der Maṇḍalas aber soll er wie zuvor [beschrieben] ausführen lassen, o Geliebte. Dies, o Göttin, wird als das Geheimste erklärt, das nicht [wahllos] weiterzugeben ist.
Wort für Wort
- maṇḍalānāṃ
- der Maṇḍalas (Gen.)
- tu
- aber
- vinyāsaṃ
- die Anordnung
- pūrvavat
- wie zuvor
- kārayet
- er soll ausführen lassen
- priye
- o Geliebte (Vok.)
- etad
- dies
- guhyatamaṃ
- das Geheimste
- devi
- o Göttin (Vok.)
- na deyaṃ
- nicht zu geben
- parikīrtitam
- verkündet, erklärt
parīkṣya ca dātavyaṃ na nāstika-nindake | tarka-anumāna-budhyā tu nigṛhya arthī iva śāsanam ||
Und nach Prüfung ist es nicht einem Ungläubigen [oder] Schmäher [der Lehre] zu geben; mit dem durch Folgerung und logisches Schließen geschulten Verstand aber soll er die Lehre festhalten wie einer, der [aufrichtig] danach verlangt.
Wort für Wort
- parīkṣya
- geprüft habend
- ca
- und
- dātavyaṃ
- zu geben
- na
- nicht
- nāstika-nindake
- einem Ungläubigen/Schmäher (Lok. mit dat. Sinn) [?]
- tarka-anumāna-budhyā
- mit dem Verstand von Logik und Schlussfolgerung
- tu
- aber
- nigṛhya
- ergriffen/festgehalten habend
- arthī iva
- wie ein [aufrichtig] Verlangender
- śāsanam
- die Lehre, Unterweisung
[Anm.: Die Satzkonstruktion dieses Verses ist unklar überliefert; „nāstika-nindake" (etwa „einem ungläubigen Schmäher") und die Fügung „arthī iva śāsanam" wurden nach bestem Sinnzusammenhang, aber mit Vorbehalt übersetzt.]
gṛhītaṃ na eva sidhyeta tasmāt taṃ parivarjayet | tri-guṇaḥ sa-guṇo vā api sarva-avastho api deśikaḥ ||
Was [ein Unwürdiger] empfängt, würde überhaupt nicht gelingen; darum meide man einen solchen. Der Lehrer (deśika) aber, [ob] von den drei Guṇas [bestimmt] oder mit [besonderen] Eigenschaften [versehen], in welchem Zustand auch immer –
Wort für Wort
- gṛhītaṃ
- das Empfangene
- na eva
- überhaupt nicht
- sidhyeta
- würde gelingen
- tasmāt
- deshalb
- taṃ
- diesen
- parivarjayet
- man soll meiden
- tri-guṇaḥ
- von den drei Guṇas [bestimmt]
- sa-guṇo vā api
- oder auch mit Eigenschaften versehen
- sarva-avastho api
- in jedem Zustand auch
- deśikaḥ
- der Lehrer
[Anm.: Der Satz setzt sich sinngemäß in Vers 155 fort.]
pūjanīyaḥ sadā [...] śiva-tattva-vidaiḥ sadā | nyāsaṃ pūrvaṃ mayā proktaṃ sūtra uttara-saṃjñite ||
– ist stets von denen zu verehren, die die Wirklichkeit Śivas kennen. Die Einsetzung (nyāsa) wurde von mir bereits zuvor im Sūtra namens „Uttara" (das „nachfolgende [Sūtra]") gelehrt.
Wort für Wort
- pūjanīyaḥ
- zu verehren
- sadā
- stets
- [...]
- [Lücke in der Handschrift]
- śiva-tattva-vidaiḥ
- von den Kennern der Wirklichkeit Śivas
- sadā
- stets
- nyāsaṃ
- die Einsetzung
- pūrvaṃ
- zuvor
- mayā
- von mir
- proktaṃ
- gelehrt, verkündet
- sūtra uttara-saṃjñite
- im Sūtra, das „Uttara" genannt wird
[Anm.: An der mit [...] markierten Stelle weist die Handschrift eine Lücke von zwei Silben auf.]
tad eva tasmin vijñeyaṃ mudrās tā evaṃ kīrtitāḥ | na kuryād anyathā devi ājñā eṣā pārameśvarī ||
Eben dies ist darin zu erkennen; die Mudrās (rituellen Handgesten) sind so verkündet worden. Man soll nicht anders handeln, o Göttin – dies ist der höchste Befehl des höchsten Herrn.
Wort für Wort
- tad eva
- eben dies
- tasmin
- in jenem, darin
- vijñeyaṃ
- zu erkennen
- mudrās
- die Mudrās, Handgesten
- tā
- diese
- evaṃ
- so
- kīrtitāḥ
- verkündet
- na kuryāt
- man soll nicht tun
- anyathā
- anders
- devi
- o Göttin (Vok.)
- ājñā eṣā
- dies ist der Befehl
- pārameśvarī
- des höchsten Herrn (Śiva)
aviditvā tu yo mohād vidhim etad anuttamam | mṛtyu-nāśana-hetv-arthaṃ sa snigdha-phala-bhāk bhavet ||
Wer aber, ohne es [recht] zu kennen, aus Verblendung diese unübertreffliche Vorschrift zum Zweck der Vernichtung des Todes [übt], der erlangt nur eine geringe (dürftige) Frucht.
Wort für Wort
- aviditvā
- ohne erkannt zu haben
- tu
- aber
- yo
- wer
- mohād
- aus Verblendung
- vidhim etad
- diese Vorschrift
- anuttamam
- unübertrefflich
- mṛtyu-nāśana-hetv-arthaṃ
- zum Zweck der Ursache der Todesvernichtung
- sa
- der
- snigdha-phala-bhāk
- Träger einer geringen/„öligen" Frucht [?]
- bhavet
- würde werden
[Anm.: „snigdha-phala" bedeutet wörtlich „ölige/glatte Frucht"; die Bedeutung ist unsicher, hier sinngemäß als „geringer/unvollständiger Erfolg" (im Gegensatz zur vollen Siddhi) wiedergegeben.]
āpyāyana-vidhi-jñaś ca nyāsa-yoga-vidhāna-vit | nāḍī-sañcāra-tattva-jñaḥ sa mṛtyuṃ vijayiṣyati ||
Wer aber die Vorschrift der Kräftigung (āpyāyana) kennt, das Verfahren von Nyāsa und Yoga kennt, [und] die Wirklichkeit der Bewegung in den Nāḍīs (feinstofflichen Kanälen) kennt – der wird den Tod besiegen.
Wort für Wort
- āpyāyana-vidhi-jñaḥ
- Kenner der Vorschrift der Kräftigung/Nährung
- ca
- und
- nyāsa-yoga-vidhāna-vit
- Kenner des Verfahrens von Nyāsa und Yoga
- nāḍī-sañcāra-tattva-jñaḥ
- Kenner der Wirklichkeit der Bewegung in den Nāḍīs
- sa
- der
- mṛtyuṃ
- den Tod
- vijayiṣyati
- wird besiegen
dāha-śoṣa-parikṣīṇaḥ ardha-anena-apakāmataḥ | dhū [...] varānena ha suṣumnā-bhinna-mastakam ||
Erschöpft/verzehrt durch Brennen und Austrocknen [?] ... [Lücke] ... durch die Suṣumnā [mit] durchstoßenem Scheitel [tritt er aus].
Wort für Wort
- dāha-śoṣa-parikṣīṇaḥ
- erschöpft durch Brennen und Austrocknen [?]
- ardha-anena-apakāmataḥ
- unsicher; Wortform und Bedeutung unklar [?]
- dhū [...]
- Lücke/unklare Silben in der Handschrift
- varānena
- unklar, evtl. „durch das Vortreffliche" [?]
- ha
- wahrlich (Partikel)
- suṣumnā-bhinna-mastakam
- [mit] durch die Suṣumnā durchstoßenem Scheitel
[Anm.: Dieser Vers ist in der Vorlage stark beschädigt (Textlücken, unklare Wortformen wie „apakāmataḥ", „dhū") und wurde nur sinngemäß in Umrissen übersetzt. Inhaltlich scheint er den yogischen Auszug der Lebenskraft im Todesaugenblick durch die Suṣumnā-Nāḍī und die Schädeldecke (Brahmarandhra) zu beschreiben, wie er in der Tradition mit dem Mṛtyuñjaya-Ritual verbunden wird.]
evam-ādi vibhāgena yaḥ kaścit tattva-vedikaḥ | sa mukta iti vijñeyaḥ śeṣa-ādyā ātma-viḍambakāḥ ||
Wer auch immer durch solche und ähnliche Unterscheidungen ein Kenner der Wirklichkeit (tattva) ist, der ist als befreit (mukta) zu erkennen; alle übrigen [sind] von Anfang an nur Verspotter (Nachäffer) des Selbst.
Wort für Wort
- evam-ādi vibhāgena
- durch solche und ähnliche Unterscheidungen
- yaḥ kaścit
- wer auch immer
- tattva-vedikaḥ
- Kenner der Wirklichkeit
- sa
- der
- mukta
- befreit
- iti vijñeyaḥ
- so ist zu erkennen
- śeṣa-ādyā
- die übrigen von Anfang an [?]
- ātma-viḍambakāḥ
- Verspotter/Nachäffer des Selbst
[Anm.: Die Fügung „śeṣa-ādyā ātma-viḍambakāḥ" ist grammatisch schwierig; sinngemäß übersetzt als „alle anderen sind bloße Nachahmer/Verspotter der Selbst-Erkenntnis".]
tattvāni yo vijānāti tattvānāṃ vyāptir uttamam | dharma-adharmān na lipyeta sa sarva-anugrahe kṣamaḥ ||
Wer die Wirklichkeiten (tattvas) erkennt – die höchste Durchdringung der Wirklichkeiten –, der wird nicht von Verdienst und Unverdienst (dharma und adharma) befleckt; er ist fähig, allen Gnade zu erweisen.
Wort für Wort
- tattvāni
- die Wirklichkeiten
- yo vijānāti
- wer erkennt
- tattvānāṃ vyāptiḥ
- die Durchdringung der Wirklichkeiten
- uttamam
- die höchste
- dharma-adharmān
- von Verdienst und Unverdienst
- na lipyeta
- wird nicht befleckt
- sa
- er
- sarva-anugrahe
- in der Gnadenerweisung an alle
- kṣamaḥ
- fähig
brāhmaṇa-kṣatriyo veśyaḥ śūdro vā tattva-vid yadā | vibhaktiṃ na eva vidyeta yathā agnāv agnir eva hi ||
Wenn ein Brahmane, ein Kṣatriya, ein Vaiśya oder ein Śūdra ein Kenner der Wirklichkeit (tattva) wird, dann besteht [zwischen ihnen] überhaupt kein Unterschied mehr – so wie Feuer im Feuer eben [nur] Feuer ist.
Wort für Wort
- brāhmaṇa-kṣatriyo veśyaḥ śūdro vā
- ein Brahmane, Kṣatriya, Vaiśya oder Śūdra
- tattva-vid
- Kenner der Wirklichkeit
- yadā
- wenn
- vibhaktiṃ na eva vidyeta
- es besteht überhaupt kein Unterschied
- yathā
- wie
- agnāv agnir eva hi
- im Feuer eben nur Feuer [ist]
kṣīre kṣīraṃ yathā nyastaṃ toye toyam iva arpitam | vibhāgo na eva vidyeta tattvam īśvara-bhāvitam ||
Wie Milch, die in Milch gegossen wird, [oder] Wasser, das gleichsam in Wasser dargebracht wird – so besteht keinerlei Unterschied bei der Wirklichkeit (tattva), die vom Herrn (Śiva) durchdrungen ist.
Wort für Wort
- kṣīre kṣīraṃ yathā nyastaṃ
- wie Milch, in Milch gegossen
- toye toyam iva arpitam
- wie Wasser, in Wasser dargebracht
- vibhāgo na eva vidyeta
- es besteht überhaupt kein Unterschied
- tattvam
- die Wirklichkeit
- īśvara-bhāvitam
- vom Herrn durchdrungen/erfüllt
yathā hi saritaḥ sarvāḥ sāgara-āśraya-saṃsthitāḥ | vivekan tu na śakyante rasa-bhāvaṃ pṛthak pṛthak ||
Denn so wie alle Flüsse, wenn sie in ihrer Zuflucht, dem Ozean, angelangt sind, hinsichtlich ihres eigentlichen Wesens (rasa-bhāva) nicht mehr einzeln voneinander unterschieden werden können –
Wort für Wort
- yathā hi
- denn so wie
- saritaḥ sarvāḥ
- alle Flüsse
- sāgara-āśraya-saṃsthitāḥ
- im Ozean als ihrer Zuflucht angelangt/befindlich
- vivekan
- die Unterscheidung
- tu na śakyante
- aber sie können nicht [unterschieden werden]
- rasa-bhāvaṃ
- hinsichtlich des Wesens/Geschmacks
- pṛthak pṛthak
- je einzeln, gesondert
tadvad varṇa-āśramā devi dīkṣito yadi va paśuḥ | śiva-bhāva samāyukto tulyam etan na saṃśayaḥ ||
– ebenso, o Göttin, [gilt für die] Kasten und Lebensstadien (varṇāśrama): Ob [einer] initiiert ist oder [noch] gebundene Seele (paśu) [war] – sobald er mit dem Zustand Śivas vereint ist, ist dies gleich; daran besteht kein Zweifel.
Wort für Wort
- tadvad
- ebenso
- varṇa-āśramā
- Kasten und Lebensstadien
- devi
- o Göttin (Vok.)
- dīkṣito yadi va paśuḥ
- ob initiiert oder [noch] gebundene Seele
- śiva-bhāva samāyukto
- mit dem Zustand Śivas vereint
- tulyam etan
- dies ist gleich
- na saṃśayaḥ
- kein Zweifel
śiva-tantraṃ samāśritya vibhaktiṃ yaḥ kariṣyati | sa pacyen naro ghoreṣu dvātriṃśan narakeṣu ca ||
Wer, sich auf das Śiva-Tantra berufend, [dennoch] einen [Kasten-]Unterschied macht, jener Mensch soll in den zweiunddreißig schrecklichen Höllen geschmort werden.
Wort für Wort
- śiva-tantraṃ samāśritya
- sich auf das Śiva-Tantra berufend
- vibhaktiṃ yaḥ kariṣyati
- wer einen Unterschied machen wird
- sa naro
- jener Mensch
- pacyet
- soll geschmort/gekocht werden
- ghoreṣu dvātriṃśan narakeṣu ca
- in den zweiunddreißig schrecklichen Höllen
brahmaṇas tu dināḥ pañca dināḥ pañca ca keśave | dina-trayaṃ tu rudrasya prāyaścittīyate naraḥ ||
Fünf Tage [gelten] für Brahmā, [und] fünf Tage auch für Keśava (Viṣṇu), drei Tage aber für Rudra – [so lange] leistet ein Mensch [entsprechende] Buße.
Wort für Wort
- brahmaṇas tu dināḥ pañca
- für Brahmā aber fünf Tage
- dināḥ pañca ca keśave
- und fünf Tage für Keśava (Viṣṇu)
- dina-trayaṃ tu rudrasya
- aber drei Tage für Rudra
- prāyaścittīyate naraḥ
- ein Mensch leistet Buße
[Anm.: Der inhaltliche Bezug dieses Verses zum unmittelbar vorangehenden und folgenden Text (über die Gleichheit aller Kasten) ist nicht klar erkennbar; vermutlich handelt es sich um eine an dieser Stelle eingeschobene, eigenständige Regel zu Bußzeiten (prāyaścitta), deren ursprünglicher Zusammenhang durch die fragmentarische Überlieferung verloren gegangen ist.]
tasmāt sarva-prayatnena iti avivekī sadā bhavet | vivekī gacchate adhastāt avivekī [...] jayet ||
Deshalb soll man sich mit allem Eifer bemühen, stets „nicht-unterscheidend" [d.h. hinsichtlich der Kasten] zu sein. Der Unterscheidende (vivekī) sinkt hinab, der Nicht-Unterscheidende (avivekī) [...] wird siegreich sein.
Wort für Wort
- tasmāt
- deshalb
- sarva-prayatnena
- mit allem Eifer/Bemühen
- iti avivekī sadā bhavet
- so soll man stets nicht-unterscheidend sein
- vivekī gacchate adhastāt
- der Unterscheidende geht hinab
- avivekī [...] jayet
- der Nicht-Unterscheidende [...] soll siegen
[Anm.: Kleine Textlücke vor „jayet"; Sinn im Kontext der vorangehenden Verse über die Gleichheit der Kasten nach der Initiation.]
etat te kathitaṃ devi tattvānāṃ vyāptir uttamā | tvayā guptataraṃ kāryaṃ na dadyāḥ para-dīkṣite ||
Dies wurde dir, o Göttin, verkündet: die höchste Durchdringung der Wirklichkeiten. Von dir ist es streng geheim zu halten; du sollst es nicht einem von anderen Initiierten geben.
Wort für Wort
- etat te kathitaṃ
- dies wurde dir verkündet
- devi
- o Göttin (Vok.)
- tattvānāṃ vyāptir uttamā
- die höchste Durchdringung der Wirklichkeiten
- tvayā guptataraṃ kāryaṃ
- von dir ist es geheimer zu halten
- na dadyāḥ
- du sollst nicht geben
- para-dīkṣite
- einem von einem anderen [Lehrer] Initiierten
daśa-dvādaśabhiḥ ṣaḍbhiḥ tribhir varṇām anuttarāt | athavā satya eva syāt viditā ārādhitā tad yadā ||
Mit zehn, mit zwölf, mit sechs, mit drei Buchstaben, vom Unübertrefflichen [ausgehend] [?] – oder aber es wäre [nur] wahr, wenn [dies] erkannt [und] verehrt worden ist [?].
Wort für Wort
- daśa-dvādaśabhiḥ ṣaḍbhiḥ tribhir
- mit zehn, zwölf, sechs, drei [Silben/Buchstaben] [?]
- varṇām anuttarāt
- von Buchstaben, vom Unübertrefflichen [?]
- athavā
- oder aber
- satya eva syāt
- es wäre nur wahr
- viditā ārādhitā
- erkannt, verehrt
- tad yadā
- wenn dies [geschehen ist] [?]
[Anm.: Dieser Vers ist in der Vorlage schwer verderbt und grammatisch nicht sicher aufzulösen; vermutlich bezieht er sich – wie der Kontext der vorangehenden Verse über die fünfzig Praṇava-Formen nahelegt – auf unterschiedliche Silbenzahlen (10, 12, 6, 3) einzelner Praṇava-Mantras. Die Übersetzung ist entsprechend unsicher und nur sinngemäß.]
[...] śiva-tattvaṃ vinirdiśet | na likhet puṇya-pāpebhyaḥ satyaṃ devi udāhṛtam ||
[Lücke] ... soll er die Wirklichkeit Śivas darlegen. Man soll [es] nicht niederschreiben um Verdienst oder Sünde willen – [dies ist] die Wahrheit, o Göttin, wie [sie] dargelegt wurde.
Wort für Wort
- [...]
- [Lücke in der Handschrift]
- śiva-tattvaṃ vinirdiśet
- er soll die Wirklichkeit Śivas darlegen
- na likhet
- man soll nicht niederschreiben
- puṇya-pāpebhyaḥ
- um Verdienst und Sünde willen
- satyaṃ devi udāhṛtam
- die Wahrheit, o Göttin, ist [so] dargelegt
[Anm.: Der erste Versfuß fehlt in der Handschrift vollständig (Lücke von ca. sieben Silben).]
cic-chakty-āgame ca uktaṃ vidhinā anena su-vṛte | sarve te praṇavā jñeyāḥ kāma-mukti-phala-pradāḥ ||
Und im Cicchakty-Āgama (der „Schrift von der Kraft des Bewusstseins") wurde nach ebendieser Vorschrift gelehrt, o Tugendhafte: All jene Praṇavas sind zu erkennen als solche, die die Frucht von [weltlichem] Verlangen und Erlösung gewähren.
Wort für Wort
- cic-chakty-āgame
- im Cicchakty-Āgama (der Schrift von der Bewusstseinskraft)
- ca uktaṃ
- und es wurde gelehrt
- vidhinā anena
- nach ebendieser Vorschrift
- su-vṛte
- o Tugendhafte (Vok.)
- sarve te praṇavā jñeyāḥ
- all jene Praṇavas sind zu erkennen
- kāma-mukti-phala-pradāḥ
- als Gewährer der Frucht von Verlangen und Erlösung
eṣa te mātṛkā-yāgaḥ kathitas tava śobhane | yena iṣṭo iṣṭaṃ vā a[...] ||
Dies ist die Verehrung der Mātṛkā (der Buchstaben-Göttin), die dir, o Schöne, verkündet worden ist, durch die [der Verehrer] verehrt/erwünscht [wird], oder das Gewünschte ... [Text bricht ab].
Wort für Wort
- eṣa te mātṛkā-yāgaḥ
- dies ist die Verehrung der Mātṛkā für dich
- kathitas tava śobhane
- verkündet dir, o Schöne
- yena
- durch die/wodurch
- iṣṭo iṣṭaṃ vā
- [der Verehrer] erwünscht [wird], oder das Gewünschte
- a[...]
- [Text bricht in einer Lücke ab]
[Anm.: Der Vers bricht in der Vorlage nach „a" in einer längeren Lücke ab; der unmittelbar folgende Kolophon „iti niśvāsakārikāyāṃ jñānakāṇḍa-prakaraṇe dvādaśaḥ paṭalaḥ" markiert das Ende des Kapitels.]
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