Niśvāsakārikātantra (Jñānakāṇḍa / Nayasūtra)
Paṭala 12 (Probe-Übersetzung): Sanskrit (IAST) und deutsche Übersetzung, Vers für Vers mit Wort-für-Wort-Analyse, Vorwort, Einführung, Kapitel-Einordnung und Glossar.
Tantras & Āgamas · 1 Paṭala · 173 Verse
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Vorwort
Die vorliegende Übersetzung folgt dem auf Wikisource (sa.wikisource.org) veröffentlichten Devanāgarī-Text des Niśvāsakārikātantra (genauer: des Nayasūtra- bzw. Jñānakāṇḍa-Abschnitts der Niśvāsatattvasaṃhitā), Paṭala 12. Die Wikisource-Transkription selbst geht, wie dort vermerkt, auf eine e-Text-Ausgabe des Muktabodha Indological Research Institute zurück (Katalog-Nr. M00251, nach der Handschrift T0017A / M.K.S. Bhattar, Madurai) und steht dort unter der Lizenz Creative Commons BY-NC 4.0 – also ausdrücklich NICHT gemeinfrei, sondern nur für nicht-kommerzielle Zwecke freigegeben. Diese Übersetzung weicht damit von der sonst für diese Bibliothek geltenden Regel ab, ausschließlich gemeinfreie Quellen zu verwenden; sie wird hier nur deshalb und nur in diesem begrenzten Umfang aufgenommen, weil dies der Nutzer der Bibliothek für diesen einen Text ausdrücklich so gewünscht hat. Eine Weiterverwendung dieser Übersetzung zu kommerziellen Zwecken ist nicht vorgesehen. Das Gesamtwerk, dem dieses Kapitel entstammt, ist erheblich umfangreicher – es umfasst nach heutigem Kenntnisstand etwa 30 Kapitel (Paṭalas) mit insgesamt rund 1940 Versen. Was hier vorliegt, ist bewusst nur eine Probe: das erste auf der herangezogenen Quelle vollständig verfügbare Kapitel (Paṭala 12; die Verse des Paṭala 11 fehlen auf dieser Quellseite). Ob und in welchem Umfang die Übersetzung fortgesetzt wird, ist nach Sichtung dieser Probe noch zu entscheiden. Die zugrunde liegende Handschrift ist zudem – anders als bei den meisten übrigen Texten dieser Bibliothek – an vielen Stellen beschädigt oder unvollständig überliefert; entsprechende Textausfälle sind, wie im gesamten Bestand dieser Bibliothek üblich, durch [...] (Lücke) bzw. [?] (unsichere Lesung/Deutung) sowie erläuternde [Anm.: …] kenntlich gemacht, statt stillschweigend geglättet oder ergänzt zu werden. Die Übersetzung wurde, wie bei allen Texten dieser Bibliothek, eigenständig und ohne Rückgriff auf vorhandene wissenschaftliche Übersetzungen oder Kommentare erstellt; etwaige Abweichungen von der Fachliteratur sind entsprechend möglich.
Einführung
Die Niśvāsatattvasaṃhitā gilt in der heutigen Forschung als eines der ältesten erhaltenen Werke des Śaiva-Tantra überhaupt; Handschriftenfunde (insbesondere ein früher Palmblatt-Kodex aus Nepal) und Sprachbefund legen eine Entstehungszeit ab etwa dem 6.-8. Jahrhundert nahe, womit sie älter ist als der Großteil der später kanonisierten Āgama- und Tantra-Literatur des Śaiva-Siddhānta. Das Gesamtwerk gliedert sich in mehrere ursprünglich eigenständige Schichten, von denen das hier behandelte Nayasūtra (auch Jñānakāṇḍa, „Wissens-Abschnitt" genannt) neben dem Mūlasūtra, dem Uttarasūtra, dem Guhyasūtra und weiteren Teilen einen zentralen Baustein bildet. Das Nayasūtra behandelt in enzyklopädischer Breite Kosmologie, Silben- und Mantra-Lehre, Initiationsritual (dīkṣā) und Erlösungslehre und stellt insofern ein Bindeglied zwischen älterer vedisch-purāṇischer Tradition und der sich ausdifferenzierenden tantrischen Systematik dar. Das vorliegende Kapitel (Paṭala 12) gehört in den Bereich der Silben- und Klangmystik: Es entfaltet, in der für frühe Śaiva-Tantras charakteristischen Dialogform zwischen Śiva (bzw. Devadeva) und der Göttin (Devī/Umā), eine komplexe Lehre der Silbe Oṃ (Praṇava) mit ihren Bestandteilen A, U, M, Bindu und Nāda, ihren achtunddreißig Teilkräften (kalā) und ihrer rituellen Anwendung in Mantra-Gewinnung, Todesüberwindungs-Ritual (Mṛtyuñjaya-Cakra) und Alphabet-Verehrung (mātṛkā-yāga). Bemerkenswert ist der gegen Ende des Kapitels formulierte Grundsatz, dass mit dem Erlangen der Wirklichkeits-Erkenntnis (tattva-jñāna) alle Kastenschranken hinfällig werden – eine für die frühe tantrische Literatur typische, gegenüber dem brahmanischen Kastensystem betont universalistische Position. Diese Einführung beruht auf einer eigenständigen Lektüre des Textes und verzichtet bewusst darauf, sich auf eine bestimmte vorhandene wissenschaftliche Übersetzung oder Studie zu stützen.
Inhalt
- 12dvādaśaḥ paṭalaḥZwölftes Kapitel: Oṃkāra-Mystik, die achtunddreißig Kalās und die Mātṛkā-Verehrung173 Verse