Prapañcasāra Tantra
Paṭala 1: Prathamaḥ Paṭalaḥ
Erster Paṭala – Anrufung der Śāradā (Beginn)
Eröffnungsrahmen des Werks: eine Anrufung der Göttin Śāradā (Vers 1); die Erzählung, wie Brahmā, Hari und Īśvara aus dem Pradhāna entstehen, über ihre Aufgabe nachsinnen und einen unmanifesten Verkünder erkennen, der sich ihnen im Milchozean zeigt und seine wahre Gestalt offenbart (Verse 2–7); eine Kopf-zu-Fuß-Beschreibung dieser Gestalt, die sich als Viṣṇu zu erkennen gibt (Verse 8–14); und der Beginn eines Lehrdialogs, in dem die drei ratlosen Götter das "höchste Licht" nach Ursprung und Aufgabe fragen und eine erste Antwort erhalten (Verse 15–18, dort bricht der bislang erschlossene Quelltext an einer Nachfrage Brahmās ab). Die WebFetch-gestützte Quellenbeschaffung bei diesem sehr umfangreichen Werk ist langsam (Satz-für-Satz-Abfrage nötig, siehe Vorwort); dieser Paṭala wird über die kommenden Sitzungen/den täglichen Übersetzungslauf Vers für Vers fortgesetzt.
akacaṭatapayādyaiḥ saptabhir varṇavargair iva racitamukhabāhāpādamadhyākhyahṛtkā sakalajagadadhīśā śāśvatā viśvayonir iva taratu pariśuddhiṃ cetasaḥ śāradā vaḥ
Durch die sieben Lautgruppen – beginnend mit a, ka, ca, ṭa, ta und pa – gleichsam an Antlitz, Armen, Füßen, Rumpf und Herz gebildet: die Gebieterin der gesamten Welt, die Ewige, der Ursprung des Alls – möge Śāradā euch die Reinigung des Geistes gewähren.
Wort für Wort
- akacaṭatapayādyaiḥ
- durch die mit a-, ka-, ca-, ṭa-, ta-, pa- beginnenden [Gruppen] (Instr. Pl.)
- saptabhiḥ
- durch die sieben (Instr. Pl., zu vargaiḥ)
- varṇavargaiḥ
- Lautgruppen, Phonemklassen (Instr. Pl.)
- iva
- gleichsam, wie
- racita-
- gebildet, gefertigt (Part. Perf. Pass.)
- mukha-bāhu-pāda-madhya-ākhya-hṛt-kā
- [deren] Antlitz, Arme, Füße, Rumpf und Herz [so] genannt/gebildet sind (bahuvrīhi, Nom. Sg. f.)
- sakalajagadadhīśā
- Gebieterin der gesamten Welt (Nom. Sg. f.)
- śāśvatā
- die Ewige (Nom. Sg. f.)
- viśvayoniḥ
- der Ursprung/Schoß des Universums (Nom. Sg. f.)
- iva
- [?] hier unsicher, s. Anm.
- taratu
- möge sie hinüberbringen/erretten (3. Sg. Imperativ von √tṝ)
- pariśuddhim
- die vollständige Reinigung (Akk. Sg. f.)
- cetasaḥ
- des Geistes, Bewusstseins (Gen. Sg. n., von cetas)
- śāradā
- Śāradā, Beiname der Sarasvatī (Nom. Sg. f., Eigenname)
- vaḥ
- euch, für euch (Gen./Dat. Pl., enklitisch)
[?] Das zweite iva (vor taratu) ist syntaktisch auffällig und im Netzquelltext nicht mit letzter Sicherheit zu verifizieren; denkbar wäre eine Sandhi-/Lesart-Variante eva (,gewiss, tatsächlich'), was den Satz glatter machen würde. Hier bewusst offen markiert statt stillschweigend geglättet.
athābhavan brahmahariīśvarākhyāḥ purā pradhānāt pralayāvasāne guṇaprabhinnā jagato 'sya sṛṣṭisthitikṣayaspaṣṭaniviṣṭaceṣṭāḥ
Hierauf entstanden einst, am Ende der [vorangegangenen] Weltauflösung, aus dem Pradhāna [der Urnatur] die mit den Namen Brahmā, Hari und Īśvara [benannten Gottheiten] – durch die Guṇas unterschieden, ihr Wirken deutlich auf Schöpfung, Erhaltung und Vergehen dieser Welt festgelegt.
Wort für Wort
- atha
- hierauf, nun
- abhavan
- sie entstanden, wurden (3. Pl. Imperfekt von √bhū)
- brahmahariīśvarākhyāḥ
- die mit den Namen Brahmā, Hari (Viṣṇu) und Īśvara (Śiva) [benannten] (Nom. Pl. m.)
- purā
- einst, vordem
- pradhānāt
- aus dem Pradhāna, der Urnatur/Prakṛti (Abl. Sg. n.)
- pralayāvasāne
- am Ende der Weltauflösung (Lok. Sg.)
- guṇaprabhinnāḥ
- durch die drei Guṇas unterschieden/differenziert (Nom. Pl. m.)
- jagataḥ asya
- dieser Welt (Gen. Sg.)
- sṛṣṭisthitikṣaya-
- Schöpfung, Erhaltung, Vergehen
- spaṣṭaniviṣṭaceṣṭāḥ
- deren Wirken deutlich [darauf] festgelegt ist (Nom. Pl. m.)
svaniṣpattiṃ ca kṛtyaṃ ca te vicintya samāvidan vaktāram ajam avyaktam arūpaṃ māyinaṃ vibhum
Nachdem sie über ihre eigene Entstehung und ihre [jeweilige] Aufgabe nachgedacht hatten, erkannten sie den Verkünder – den Ungeborenen, Unentfalteten, Gestaltlosen, mit Māyā begabten, alldurchdringenden Herrn.
Wort für Wort
- svaniṣpattim
- ihre eigene Entstehung/Hervorbringung (Akk. Sg. f.)
- ca ... ca
- und ... und
- kṛtyam
- die [obliegende] Aufgabe (Akk. Sg. n.)
- te
- sie (Nom. Pl. m., = Brahmā, Hari, Īśvara)
- vicintya
- nachdem sie nachgedacht hatten (Absolutiv von vi-√cint)
- samāvidan
- sie erkannten, wurden gewahr (3. Pl. von sam-ā-√vid)
- vaktāram
- den Verkünder, Sprecher (Akk. Sg. m., von √vac)
- ajam
- den Ungeborenen
- avyaktam
- den Unentfalteten, Unmanifesten
- arūpam
- den Gestaltlosen
- māyinam
- den mit Māyā [Schöpfungsmacht] Begabten
- vibhum
- den Alldurchdringenden, Herrn
mūrtyābhāsena dugdhābdhau jhaṣaśaṅkhasamākule marutsaṅghaṭṭanotkīrṇalaharīkaṇaśītale
[erscheinend] mit dem Anschein einer [körperlichen] Gestalt, im Milchozean, der von Fischen und Muschelhörnern wimmelt, gekühlt durch die vom Zusammenprall der Winde aufgeworfenen Wellentröpfchen –
Wort für Wort
- mūrtyābhāsena
- mit dem Anschein/Aufscheinen einer [körperlichen] Gestalt (Instr. Sg.)
- dugdhābdhau
- im Milchozean (Lok. Sg.)
- jhaṣaśaṅkhasamākule
- der von Fischen und Muschelhörnern wimmelt (Lok. Sg. Adj.)
- marutsaṅghaṭṭanotkīrṇalaharīkaṇaśītale
- gekühlt durch die vom Zusammenprall der Winde aufgeworfenen Wellentröpfchen (Lok. Sg. Adj.)
udyadādityakiraṇapraśāntaśiśirodaye pūrṇacandrakarāmarśapratikṣubdhajalāśaye
bei [jenem] Aufgang, da die Strahlen der aufgehenden Sonne [noch] sanft und kühl waren, [und] dessen Wasserfläche durch die Berührung der Strahlen des Vollmonds aufgewühlt war –
Wort für Wort
- udyadādityakiraṇapraśāntaśiśirodaye
- beim Aufgang, [als] die Strahlen der aufgehenden Sonne [noch] sanft/mild und kühl waren (Lok. Sg.)
- pūrṇacandrakarāmarśapratikṣubdhajalāśaye
- dessen Wasserfläche durch die Berührung der Vollmond-Strahlen aufgewühlt war (Lok. Sg. Adj.)
Sonnenaufgang und Vollmondlicht gemeinsam beschrieben: klassisches Bild der Morgendämmerung (saṃdhyā), in der Mond und aufgehende Sonne zugleich sichtbar sind.
anantabhoge vimale phaṇāyutavirājite śayitaṃ śārṅgiṇaṃ śarvaśauripadmabhuvas tadā
[ihn erblickten sie] liegend als den Śārṅgin auf den endlosen, makellosen [Windungen der Schlange], die durch zehntausend Hauben erstrahlt – da [sahen ihn] Śarva, Śauri und der Lotusgeborene.
Wort für Wort
- anantabhoge
- auf den endlosen Windungen [der Schlange] (Lok. Sg.)
- vimale
- dem makellosen (Lok. Sg. Adj.)
- phaṇāyutavirājite
- der durch zehntausend [Schlangen-]Hauben erstrahlt (Lok. Sg. Adj.)
- śayitam
- den Liegenden, Ruhenden (Akk. Sg. m., Part. Perf. Pass. von √śī)
- śārṅgiṇam
- den Śārṅgin, Träger des Bogens Śārṅga (Beiname Viṣṇus, Akk. Sg. m.)
- śarvaśauripadmabhuvaḥ
- Śarva [Śiva], Śauri [Viṣṇu/Hari] und der Lotusgeborene [Brahmā] (Nom. Pl. m.)
- tadā
- da, zu jener Zeit
[?] Die genaue Beziehung zwischen dem in Vers 3 gesuchten, unmanifesten "Verkünder" und dem hier in der ikonographisch eindeutig auf Viṣṇu bezogenen Anantaśāyin-Bild (liegend als Śārṅgin auf der Schlange Ananta/Śeṣa im Milchozean) beschriebenen Wesen bleibt an dieser frühen Stelle offen; ebenso ist unklar, ob "Śarva-Śauri-Padmabhuvaḥ" (Vers 6) dieselben drei Gottheiten wie "Brahma-Hari-Īśvara" (Vers 2) mit anderen Beinamen meint (wahrscheinlich) oder eine vierte Figur hinzutritt. Spätere Verse/Kapitel könnten diese Identifikation klären.
tuṣṭuvur hṛṣṭamanaso viṣṭaraśravasaṃ vibhum sūktibhiḥ stutibhiḥ prītaḥ svamūrtiṃ sa vyadarśayat
Und sie priesen, frohen Sinnes, den weitgerühmten Herrn mit wohlgesetzten Reden und Lobpreisungen. Erfreut [darüber] zeigte er [ihnen] seine eigene [wahre] Gestalt.
Wort für Wort
- tuṣṭuvuḥ
- sie priesen, besangen (3. Pl. Perfekt von √stu)
- hṛṣṭamanasaḥ
- frohen/erfreuten Sinnes (Nom. Pl. m.)
- viṣṭaraśravasam
- den weitgerühmten, von ausgebreitetem Ruhm (Akk. Sg. m.)
- vibhum
- den Herrn, Alldurchdringenden
- sūktibhiḥ
- mit wohlgesetzten Reden, Hymnenversen (Instr. Pl. f.)
- stutibhiḥ
- mit Lobpreisungen (Instr. Pl. f.)
- prītaḥ
- erfreut, zufriedengestellt (Nom. Sg. m., Part. Perf. Pass.)
- svamūrtim
- seine eigene [wahre] Gestalt (Akk. Sg. f.)
- saḥ
- er (Nom. Sg. m.)
- vyadarśayat
- er zeigte, ließ erblicken (3. Sg. Kausativ-Imperfekt von vi-√dṛś)
Mit "svamūrtiṃ vyadarśayat" (,er zeigte seine eigene Gestalt') endet der einleitende Rahmen: die Selbstoffenbarung des angerufenen Herrn eröffnet die folgende Beschreibung dieser Gestalt (ab Vers 8).
nīlotpaladalaprakhyāṃ nīlakuñcitamūrdhajām aṣṭamīcandravibhrājallalāṭām āyatabhruvam
[Es war eine Gestalt,] einem blauen Lotosblütenblatt gleich, mit dunklem, gelocktem Haupthaar, deren Stirn wie der Halbmond [der achten Mondphase] erstrahlte, mit langgezogenen Augenbrauen –
Wort für Wort
- nīlotpaladalaprakhyām
- die einem blauen Lotosblütenblatt gleicht (Akk. Sg. f.)
- nīlakuñcitamūrdhajām
- die dunkles, gelocktes Haupthaar hat (Akk. Sg. f.)
- aṣṭamīcandravibhrājallalāṭām
- deren Stirn wie der Halbmond der achten Mondphase erstrahlt (Akk. Sg. f.)
- āyatabhruvam
- die langgezogene Augenbrauen hat (Akk. Sg. f.)
[?] Die Beschreibung setzt mit femininen Akkusativ-Adjektiven fort, grammatisch an "svamūrtim" (,seine Gestalt', Vers 7, feminines Substantiv mūrti) anknüpfend. Verse 11 (Kaustubha-Juwel, Śrīvatsa-Zeichen – beides exklusive Insignien Viṣṇus) legen inzwischen nahe, dass die geoffenbarte Gestalt trotz der grammatisch femininen Kongruenz tatsächlich Viṣṇu selbst ist, nicht die eingangs angerufene Śāradā; endgültige Bestätigung erst mit weiteren Versen.
raktāravindanayanām unnasīm aruṇādharām mandasmitādharamukhīṃ lasanmakarakuṇḍalām
...mit Augen wie eine rote Lotosblüte, mit hochgewölbter Nase, mit rötlicher Unterlippe, das Antlitz von sanftem Lächeln umspielt, mit schimmernden Makara-Ohrringen –
Wort für Wort
- raktāravindanayanām
- die Augen wie eine rote Lotosblüte hat (Akk. Sg. f.)
- unnasīm
- die eine hochgewölbte Nase hat
- aruṇādharām
- die eine rötliche Unterlippe hat
- mandasmitādharamukhīm
- deren Antlitz von sanftem Lächeln umspielt ist
- lasanmakarakuṇḍalām
- die schimmernde Makara-[Fisch-]Ohrringe trägt
kambugrīvāṃ pṛthudvyaṃsavisaradbhujamaṇḍalām anekaratnapratyuptavalayāṅgadamudrikām
mit einer Kehle wie eine [glattgeringelte] Muschel, mit einem von den breiten Schultern sich ausbreitenden Arm-Kreis, mit Armreifen, Oberarmspangen und Ringen, die mit vielerlei Edelsteinen besetzt sind –
Wort für Wort
- kambugrīvām
- die eine muschelartige [glatte, geringelte] Kehle hat
- pṛthudvyaṃsavisaradbhujamaṇḍalām
- deren Arm-Kreis sich von den breiten [Doppel-]Schultern ausbreitet
- anekaratnapratyuptavalayāṅgadamudrikām
- die mit vielerlei Edelsteinen besetzte Armreifen, Oberarmspangen und Ringe trägt
hāratārāvalīrājatpṛthūrovyomamaṇḍalāṃ kaustubhodbhāsitoraskāṃ śrīvatsadyutidīpitām
deren breite, dem Himmelsraum gleichende Brust von Reihen perlenbesetzter Halsketten erstrahlt, deren Brust durch den Kaustubha-Juwel erleuchtet, durch den Glanz des Śrīvatsa-Zeichens erhellt ist.
Wort für Wort
- hāratārāvalīrājatpṛthūrovyomamaṇḍalām
- deren breite, dem Himmelsraum gleichende Brust von Reihen perlenbesetzter Halsketten erstrahlt
- kaustubhodbhāsitoraskām
- deren Brust durch den Kaustubha-Juwel erleuchtet ist
- śrīvatsadyutidīpitām
- die durch den Glanz des Śrīvatsa-Zeichens erhellt ist
Kaustubha (das aus dem Milchozean gewonnene Juwel) und Śrīvatsa (die Locke/das Mal auf der Brust) sind exklusive Insignien Viṣṇus – die in Vers 8 offengelassene Frage ist damit im Wesentlichen beantwortet: die geoffenbarte Gestalt ist Viṣṇu, nicht Śāradā.
lasadaudarikābandhabhāsvarāṃ sambhṛtodarīm gambhīranābhiṃ vipulajaghanāṃ pītavāsasam
die durch ein schimmerndes Bauchband erstrahlt, mit wohlgerundetem Bauch, tiefem Nabel, breiten Hüften – gelb gewandet.
Wort für Wort
- lasadaudarikābandhabhāsvarām
- die durch ein schimmerndes Bauchband erstrahlt
- sambhṛtodarīm
- die einen wohlgerundeten/vollen Bauch hat
- gambhīranābhim
- die einen tiefen Nabel hat
- vipulajaghanām
- die breite Hüften hat
- pītavāsasam
- gelb gewandet (pītāmbara – ebenfalls ein Standard-Epitheton Viṣṇus)
pṛthuvṛttorumāpūrṇajānumaṇḍalabandhurām vṛttajaṅghāṃ gūḍhagulphāṃ prapadājitakacchapām
[?] mit einer Kniewölbung, die durch breite, runde und volle Schenkel anmutig ist, mit runden Waden, wohlverborgenen [schlanken] Fußknöcheln, [und] Fußspitzen, deren Wölbung selbst die einer Schildkröte übertrifft.
Wort für Wort
- pṛthuvṛttorumāpūrṇajānumaṇḍalabandhurām
- [?] deren Knierund durch breite, runde, volle Schenkel anmutig ist – Zusammensetzung von māpūrṇa nicht mit letzter Sicherheit aufgelöst
- vṛttajaṅghām
- die runde Waden hat
- gūḍhagulphām
- die wohlverborgene, schlanke Fußknöchel hat
- prapadājitakacchapām
- deren Fußspitzen-Wölbung die einer Schildkröte übertrifft (kūrma-pṛṣṭha, klassisches Schönheitsbild gewölbter Füße)
[?] Der Kompositionsteil "māpūrṇa" (in pṛthuvṛttoru-māpūrṇa-jānumaṇḍala-) ist nicht restlos sicher aufzulösen (denkbar: "in vollem Maß ausgefüllt"); hier sinngemäß, nicht wörtlich wiedergegeben.
tanudīrghāṅgulībhāsvannakharājivirājitāṃ cakrasvastikaśaṅkhābjadhvajāṅkitapadadvayām
[?] die durch eine Reihe schimmernder Nägel an schlanken, langen Zehen erstrahlt, deren Fußpaar mit den Zeichen von Rad, Svastika, Muschelhorn, Lotos und Banner gekennzeichnet ist.
Wort für Wort
- tanudīrghāṅgulībhāsvannakharājivirājitām
- die durch eine Reihe schimmernder Nägel an schlanken, langen Zehen erstrahlt
- cakrasvastikaśaṅkhābjadhvajāṅkitapadadvayām
- [?] deren Fußpaar mit den Zeichen von Rad, Svastika, Muschelhorn, Lotos und Banner gekennzeichnet ist – die im Quelltext auffällige Form "-ājrtipada-" wurde als wahrscheinliche Verschreibung von "-āṅkitapada-" (,gekennzeichnetes Fußpaar') aufgelöst
Die fünf genannten Zeichen (Rad, Svastika, Muschelhorn, Lotos, Banner) gehören zu den klassischen glückverheißenden Merkmalen (śubha-lakṣaṇa) auf den Fußsohlen Viṣṇus – bestätigt die bereits in Vers 11 (Kaustubha, Śrīvatsa) erkennbare Identifikation. Mit diesem Vers endet die kopf-zu-fuß-Beschreibung der geoffenbarten Gestalt (Verse 8–14).
tāṃ dṛṣṭvā taralātmāno vidhyadhokṣajaśaṅkarāḥ atiṣṭhann itikartavyamūḍhās tatrābravīd ajaḥ
Als sie diese [Gestalt] erblickt hatten, standen Vidhi [Brahmā], Adhokṣaja [Viṣṇu] und Śaṅkara [Śiva], deren Gemüt erregt war, ratlos da, was zu tun sei. Da sprach der Ungeborene [Brahmā]:
Wort für Wort
- tām
- sie, diese (Akk. Sg. f., bezogen auf die Gestalt)
- dṛṣṭvā
- nachdem sie gesehen hatten (Absolutiv)
- taralātmānaḥ
- deren Gemüt erregt/erschüttert war (Nom. Pl. m.)
- vidhyadhokṣajaśaṅkarāḥ
- Vidhi [Brahmā], Adhokṣaja [Viṣṇu] und Śaṅkara [Śiva] (Nom. Pl. m., drei weitere Beinamen derselben Trias)
- atiṣṭhan
- sie standen, verharrten (3. Pl. Imperfekt von sthā)
- itikartavyamūḍhāḥ
- ratlos, was zu tun sei (Nom. Pl. m.)
- tatra
- da, darauf
- abravīt
- er sprach (3. Sg. Imperfekt von brū)
- ajaḥ
- der Ungeborene (Nom. Sg. m., Beiname Brahmās)
[?] Erneut dieselbe Trias mit weiteren Beinamen (Vidhi/Ajaḥ = Brahmā, Adhokṣaja = Viṣṇu, Śaṅkara = Śiva) – Adhokṣaja (Viṣṇu) erscheint hier als einer der drei staunenden Betrachter, obwohl die soeben beschriebene Gestalt selbst eindeutig Viṣṇu-Insignien trägt (V. 11, 14). Diese Spannung (Viṣṇu als Betrachter UND als geoffenbarte Gestalt) wird vom Text nicht aufgelöst und bleibt bewusst offen markiert; denkbar ist eine theologische Aussage über ein Viṣṇu übergeordnetes, ihm selbst erscheinendes Prinzip (param jyotiḥ, s. Vers 17).
svāmin prasīda viśveśa ke vayaṃ kena bhāvitāḥ kinmūlāḥ kiṅkriyāḥ sarvam asmabhyaṃ vaktum arhasi
„O Herr, sei gnädig, Gebieter des Alls! Wer sind wir? Von wem sind wir hervorgebracht? Was ist unsere Wurzel, was unsere Aufgabe? Dies alles mögest du uns verkünden.“
Wort für Wort
- svāmin
- o Herr (Vok. Sg.)
- prasīda
- sei gnädig, wohlgesonnen (Imperativ)
- viśveśa
- o Gebieter des Alls (Vok. Sg.)
- ke vayam
- wer sind wir
- kena bhāvitāḥ
- von wem/wodurch hervorgebracht
- kinmūlāḥ
- was ist unsere Wurzel/unser Ursprung
- kiṅkriyāḥ
- was ist unsere Aufgabe/Tätigkeit
- sarvam asmabhyaṃ vaktum arhasi
- dies alles mögest du uns verkünden
iti pṛṣṭaḥ paraṃ jyotir uvāca pramitākṣaram yūyam akṣarasambhūtāḥ sṛṣṭisthityantahetavaḥ
So gefragt, sprach das höchste Licht in wohlgesetzten Worten: „Ihr seid aus dem Unvergänglichen entstanden, die Ursachen von Schöpfung, Erhaltung und Ende [der Welt].“
Wort für Wort
- iti pṛṣṭaḥ
- so gefragt (Nom. Sg. m. Part.)
- paraṃ jyotiḥ
- das höchste Licht (Nom. Sg. n., Bezeichnung des Angesprochenen)
- uvāca
- sprach (3. Sg. Perfekt von vac)
- pramitākṣaram
- in wohlgesetzten/abgemessenen Worten (Adv.)
- yūyam
- ihr
- akṣarasambhūtāḥ
- aus dem Unvergänglichen (Akṣara, dem Absoluten) entstanden
- sṛṣṭisthityantahetavaḥ
- die Ursachen von Schöpfung, Erhaltung und Ende [der Welt]
Der zuvor als "Verkünder" (V.3), "Śārṅgin" (V.6) bzw. mit Viṣṇu-Insignien (V.11/14) beschriebene Angesprochene wird hier als "param jyotiḥ" (,das höchste Licht') bezeichnet – ein Titel, der über eine bloße Identifikation mit dem Gott Viṣṇu der Trimūrti hinausweist auf ein diesem übergeordnetes Absolutes, das sich in dieser Form zeigt (vgl. Anm. zu Vers 15).
iti tasya vacaḥ śrutvā tam apṛcchat sarojabhūḥ
Als er dessen Worte gehört hatte, befragte ihn der Lotosgeborene [Brahmā] weiter –
Wort für Wort
- iti tasya vacaḥ śrutvā
- nachdem er dessen Worte gehört hatte
- tam apṛcchat
- er befragte ihn (3. Sg. Imperfekt von pracch)
- sarojabhūḥ
- der Lotosgeborene (Nom. Sg. m., Beiname Brahmās)
[Anm.: Der Quelltext lieferte für diesen Vers nur eine einzige Zeile statt der sonst üblichen zwei; ob es sich um einen Vers in kürzerem Versmaß handelt oder eine zweite Zeile fehlt/abgeschnitten wurde, ist offen und in einer künftigen Sitzung anhand der Quelle zu klären.] Fortsetzung (Brahmās Frage und die Antwort) folgt in einer künftigen Sitzung bzw. im täglichen Übersetzungslauf.
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