Quellen der Menschheit

Prapañcasāra Tantra

Paṭala 1: Prathamaḥ Paṭalaḥ Erster Paṭala – Anrufung der Śāradā (Beginn)

Eröffnungsrahmen des Werks: eine Anrufung der Göttin Śāradā (Vers 1); die Erzählung, wie Brahmā, Hari und Īśvara aus dem Pradhāna entstehen, über ihre Aufgabe nachsinnen und einen unmanifesten Verkünder erkennen, der sich ihnen im Milchozean zeigt und seine wahre Gestalt offenbart (Verse 2–7); eine Kopf-zu-Fuß-Beschreibung dieser Gestalt, die sich als Viṣṇu zu erkennen gibt (Verse 8–14); und der Beginn eines Lehrdialogs, in dem die drei ratlosen Götter das "höchste Licht" nach Ursprung und Aufgabe fragen und eine erste Antwort erhalten (Verse 15–18, dort bricht der bislang erschlossene Quelltext an einer Nachfrage Brahmās ab). Die WebFetch-gestützte Quellenbeschaffung bei diesem sehr umfangreichen Werk ist langsam (Satz-für-Satz-Abfrage nötig, siehe Vorwort); dieser Paṭala wird über die kommenden Sitzungen/den täglichen Übersetzungslauf Vers für Vers fortgesetzt.

akacaṭatapayādyaiḥ saptabhir varṇavargair iva racitamukhabāhāpādamadhyākhyahṛtkā sakalajagadadhīśā śāśvatā viśvayonir iva taratu pariśuddhiṃ cetasaḥ śāradā vaḥ

Durch die sieben Lautgruppen – beginnend mit a, ka, ca, ṭa, ta und pa – gleichsam an Antlitz, Armen, Füßen, Rumpf und Herz gebildet: die Gebieterin der gesamten Welt, die Ewige, der Ursprung des Alls – möge Śāradā euch die Reinigung des Geistes gewähren.

Wort für Wort
akacaṭatapayādyaiḥ
durch die mit a-, ka-, ca-, ṭa-, ta-, pa- beginnenden [Gruppen] (Instr. Pl.)
saptabhiḥ
durch die sieben (Instr. Pl., zu vargaiḥ)
varṇavargaiḥ
Lautgruppen, Phonemklassen (Instr. Pl.)
iva
gleichsam, wie
racita-
gebildet, gefertigt (Part. Perf. Pass.)
mukha-bāhu-pāda-madhya-ākhya-hṛt-kā
[deren] Antlitz, Arme, Füße, Rumpf und Herz [so] genannt/gebildet sind (bahuvrīhi, Nom. Sg. f.)
sakalajagadadhīśā
Gebieterin der gesamten Welt (Nom. Sg. f.)
śāśvatā
die Ewige (Nom. Sg. f.)
viśvayoniḥ
der Ursprung/Schoß des Universums (Nom. Sg. f.)
iva
[?] hier unsicher, s. Anm.
taratu
möge sie hinüberbringen/erretten (3. Sg. Imperativ von √tṝ)
pariśuddhim
die vollständige Reinigung (Akk. Sg. f.)
cetasaḥ
des Geistes, Bewusstseins (Gen. Sg. n., von cetas)
śāradā
Śāradā, Beiname der Sarasvatī (Nom. Sg. f., Eigenname)
vaḥ
euch, für euch (Gen./Dat. Pl., enklitisch)

[?] Das zweite iva (vor taratu) ist syntaktisch auffällig und im Netzquelltext nicht mit letzter Sicherheit zu verifizieren; denkbar wäre eine Sandhi-/Lesart-Variante eva (,gewiss, tatsächlich'), was den Satz glatter machen würde. Hier bewusst offen markiert statt stillschweigend geglättet.

athābhavan brahmahariīśvarākhyāḥ purā pradhānāt pralayāvasāne guṇaprabhinnā jagato 'sya sṛṣṭisthitikṣayaspaṣṭaniviṣṭaceṣṭāḥ

Hierauf entstanden einst, am Ende der [vorangegangenen] Weltauflösung, aus dem Pradhāna [der Urnatur] die mit den Namen Brahmā, Hari und Īśvara [benannten Gottheiten] – durch die Guṇas unterschieden, ihr Wirken deutlich auf Schöpfung, Erhaltung und Vergehen dieser Welt festgelegt.

Wort für Wort
atha
hierauf, nun
abhavan
sie entstanden, wurden (3. Pl. Imperfekt von √bhū)
brahmahariīśvarākhyāḥ
die mit den Namen Brahmā, Hari (Viṣṇu) und Īśvara (Śiva) [benannten] (Nom. Pl. m.)
purā
einst, vordem
pradhānāt
aus dem Pradhāna, der Urnatur/Prakṛti (Abl. Sg. n.)
pralayāvasāne
am Ende der Weltauflösung (Lok. Sg.)
guṇaprabhinnāḥ
durch die drei Guṇas unterschieden/differenziert (Nom. Pl. m.)
jagataḥ asya
dieser Welt (Gen. Sg.)
sṛṣṭisthitikṣaya-
Schöpfung, Erhaltung, Vergehen
spaṣṭaniviṣṭaceṣṭāḥ
deren Wirken deutlich [darauf] festgelegt ist (Nom. Pl. m.)

svaniṣpattiṃ ca kṛtyaṃ ca te vicintya samāvidan vaktāram ajam avyaktam arūpaṃ māyinaṃ vibhum

Nachdem sie über ihre eigene Entstehung und ihre [jeweilige] Aufgabe nachgedacht hatten, erkannten sie den Verkünder – den Ungeborenen, Unentfalteten, Gestaltlosen, mit Māyā begabten, alldurchdringenden Herrn.

Wort für Wort
svaniṣpattim
ihre eigene Entstehung/Hervorbringung (Akk. Sg. f.)
ca ... ca
und ... und
kṛtyam
die [obliegende] Aufgabe (Akk. Sg. n.)
te
sie (Nom. Pl. m., = Brahmā, Hari, Īśvara)
vicintya
nachdem sie nachgedacht hatten (Absolutiv von vi-√cint)
samāvidan
sie erkannten, wurden gewahr (3. Pl. von sam-ā-√vid)
vaktāram
den Verkünder, Sprecher (Akk. Sg. m., von √vac)
ajam
den Ungeborenen
avyaktam
den Unentfalteten, Unmanifesten
arūpam
den Gestaltlosen
māyinam
den mit Māyā [Schöpfungsmacht] Begabten
vibhum
den Alldurchdringenden, Herrn

mūrtyābhāsena dugdhābdhau jhaṣaśaṅkhasamākule marutsaṅghaṭṭanotkīrṇalaharīkaṇaśītale

[erscheinend] mit dem Anschein einer [körperlichen] Gestalt, im Milchozean, der von Fischen und Muschelhörnern wimmelt, gekühlt durch die vom Zusammenprall der Winde aufgeworfenen Wellentröpfchen –

Wort für Wort
mūrtyābhāsena
mit dem Anschein/Aufscheinen einer [körperlichen] Gestalt (Instr. Sg.)
dugdhābdhau
im Milchozean (Lok. Sg.)
jhaṣaśaṅkhasamākule
der von Fischen und Muschelhörnern wimmelt (Lok. Sg. Adj.)
marutsaṅghaṭṭanotkīrṇalaharīkaṇaśītale
gekühlt durch die vom Zusammenprall der Winde aufgeworfenen Wellentröpfchen (Lok. Sg. Adj.)

udyadādityakiraṇapraśāntaśiśirodaye pūrṇacandrakarāmarśapratikṣubdhajalāśaye

bei [jenem] Aufgang, da die Strahlen der aufgehenden Sonne [noch] sanft und kühl waren, [und] dessen Wasserfläche durch die Berührung der Strahlen des Vollmonds aufgewühlt war –

Wort für Wort
udyadādityakiraṇapraśāntaśiśirodaye
beim Aufgang, [als] die Strahlen der aufgehenden Sonne [noch] sanft/mild und kühl waren (Lok. Sg.)
pūrṇacandrakarāmarśapratikṣubdhajalāśaye
dessen Wasserfläche durch die Berührung der Vollmond-Strahlen aufgewühlt war (Lok. Sg. Adj.)

Sonnenaufgang und Vollmondlicht gemeinsam beschrieben: klassisches Bild der Morgendämmerung (saṃdhyā), in der Mond und aufgehende Sonne zugleich sichtbar sind.

anantabhoge vimale phaṇāyutavirājite śayitaṃ śārṅgiṇaṃ śarvaśauripadmabhuvas tadā

[ihn erblickten sie] liegend als den Śārṅgin auf den endlosen, makellosen [Windungen der Schlange], die durch zehntausend Hauben erstrahlt – da [sahen ihn] Śarva, Śauri und der Lotusgeborene.

Wort für Wort
anantabhoge
auf den endlosen Windungen [der Schlange] (Lok. Sg.)
vimale
dem makellosen (Lok. Sg. Adj.)
phaṇāyutavirājite
der durch zehntausend [Schlangen-]Hauben erstrahlt (Lok. Sg. Adj.)
śayitam
den Liegenden, Ruhenden (Akk. Sg. m., Part. Perf. Pass. von √śī)
śārṅgiṇam
den Śārṅgin, Träger des Bogens Śārṅga (Beiname Viṣṇus, Akk. Sg. m.)
śarvaśauripadmabhuvaḥ
Śarva [Śiva], Śauri [Viṣṇu/Hari] und der Lotusgeborene [Brahmā] (Nom. Pl. m.)
tadā
da, zu jener Zeit

[?] Die genaue Beziehung zwischen dem in Vers 3 gesuchten, unmanifesten "Verkünder" und dem hier in der ikonographisch eindeutig auf Viṣṇu bezogenen Anantaśāyin-Bild (liegend als Śārṅgin auf der Schlange Ananta/Śeṣa im Milchozean) beschriebenen Wesen bleibt an dieser frühen Stelle offen; ebenso ist unklar, ob "Śarva-Śauri-Padmabhuvaḥ" (Vers 6) dieselben drei Gottheiten wie "Brahma-Hari-Īśvara" (Vers 2) mit anderen Beinamen meint (wahrscheinlich) oder eine vierte Figur hinzutritt. Spätere Verse/Kapitel könnten diese Identifikation klären.

tuṣṭuvur hṛṣṭamanaso viṣṭaraśravasaṃ vibhum sūktibhiḥ stutibhiḥ prītaḥ svamūrtiṃ sa vyadarśayat

Und sie priesen, frohen Sinnes, den weitgerühmten Herrn mit wohlgesetzten Reden und Lobpreisungen. Erfreut [darüber] zeigte er [ihnen] seine eigene [wahre] Gestalt.

Wort für Wort
tuṣṭuvuḥ
sie priesen, besangen (3. Pl. Perfekt von √stu)
hṛṣṭamanasaḥ
frohen/erfreuten Sinnes (Nom. Pl. m.)
viṣṭaraśravasam
den weitgerühmten, von ausgebreitetem Ruhm (Akk. Sg. m.)
vibhum
den Herrn, Alldurchdringenden
sūktibhiḥ
mit wohlgesetzten Reden, Hymnenversen (Instr. Pl. f.)
stutibhiḥ
mit Lobpreisungen (Instr. Pl. f.)
prītaḥ
erfreut, zufriedengestellt (Nom. Sg. m., Part. Perf. Pass.)
svamūrtim
seine eigene [wahre] Gestalt (Akk. Sg. f.)
saḥ
er (Nom. Sg. m.)
vyadarśayat
er zeigte, ließ erblicken (3. Sg. Kausativ-Imperfekt von vi-√dṛś)

Mit "svamūrtiṃ vyadarśayat" (,er zeigte seine eigene Gestalt') endet der einleitende Rahmen: die Selbstoffenbarung des angerufenen Herrn eröffnet die folgende Beschreibung dieser Gestalt (ab Vers 8).

nīlotpaladalaprakhyāṃ nīlakuñcitamūrdhajām aṣṭamīcandravibhrājallalāṭām āyatabhruvam

[Es war eine Gestalt,] einem blauen Lotosblütenblatt gleich, mit dunklem, gelocktem Haupthaar, deren Stirn wie der Halbmond [der achten Mondphase] erstrahlte, mit langgezogenen Augenbrauen –

Wort für Wort
nīlotpaladalaprakhyām
die einem blauen Lotosblütenblatt gleicht (Akk. Sg. f.)
nīlakuñcitamūrdhajām
die dunkles, gelocktes Haupthaar hat (Akk. Sg. f.)
aṣṭamīcandravibhrājallalāṭām
deren Stirn wie der Halbmond der achten Mondphase erstrahlt (Akk. Sg. f.)
āyatabhruvam
die langgezogene Augenbrauen hat (Akk. Sg. f.)

[?] Die Beschreibung setzt mit femininen Akkusativ-Adjektiven fort, grammatisch an "svamūrtim" (,seine Gestalt', Vers 7, feminines Substantiv mūrti) anknüpfend. Verse 11 (Kaustubha-Juwel, Śrīvatsa-Zeichen – beides exklusive Insignien Viṣṇus) legen inzwischen nahe, dass die geoffenbarte Gestalt trotz der grammatisch femininen Kongruenz tatsächlich Viṣṇu selbst ist, nicht die eingangs angerufene Śāradā; endgültige Bestätigung erst mit weiteren Versen.

raktāravindanayanām unnasīm aruṇādharām mandasmitādharamukhīṃ lasanmakarakuṇḍalām

...mit Augen wie eine rote Lotosblüte, mit hochgewölbter Nase, mit rötlicher Unterlippe, das Antlitz von sanftem Lächeln umspielt, mit schimmernden Makara-Ohrringen –

Wort für Wort
raktāravindanayanām
die Augen wie eine rote Lotosblüte hat (Akk. Sg. f.)
unnasīm
die eine hochgewölbte Nase hat
aruṇādharām
die eine rötliche Unterlippe hat
mandasmitādharamukhīm
deren Antlitz von sanftem Lächeln umspielt ist
lasanmakarakuṇḍalām
die schimmernde Makara-[Fisch-]Ohrringe trägt

kambugrīvāṃ pṛthudvyaṃsavisaradbhujamaṇḍalām anekaratnapratyuptavalayāṅgadamudrikām

mit einer Kehle wie eine [glattgeringelte] Muschel, mit einem von den breiten Schultern sich ausbreitenden Arm-Kreis, mit Armreifen, Oberarmspangen und Ringen, die mit vielerlei Edelsteinen besetzt sind –

Wort für Wort
kambugrīvām
die eine muschelartige [glatte, geringelte] Kehle hat
pṛthudvyaṃsavisaradbhujamaṇḍalām
deren Arm-Kreis sich von den breiten [Doppel-]Schultern ausbreitet
anekaratnapratyuptavalayāṅgadamudrikām
die mit vielerlei Edelsteinen besetzte Armreifen, Oberarmspangen und Ringe trägt

hāratārāvalīrājatpṛthūrovyomamaṇḍalāṃ kaustubhodbhāsitoraskāṃ śrīvatsadyutidīpitām

deren breite, dem Himmelsraum gleichende Brust von Reihen perlenbesetzter Halsketten erstrahlt, deren Brust durch den Kaustubha-Juwel erleuchtet, durch den Glanz des Śrīvatsa-Zeichens erhellt ist.

Wort für Wort
hāratārāvalīrājatpṛthūrovyomamaṇḍalām
deren breite, dem Himmelsraum gleichende Brust von Reihen perlenbesetzter Halsketten erstrahlt
kaustubhodbhāsitoraskām
deren Brust durch den Kaustubha-Juwel erleuchtet ist
śrīvatsadyutidīpitām
die durch den Glanz des Śrīvatsa-Zeichens erhellt ist

Kaustubha (das aus dem Milchozean gewonnene Juwel) und Śrīvatsa (die Locke/das Mal auf der Brust) sind exklusive Insignien Viṣṇus – die in Vers 8 offengelassene Frage ist damit im Wesentlichen beantwortet: die geoffenbarte Gestalt ist Viṣṇu, nicht Śāradā.

lasadaudarikābandhabhāsvarāṃ sambhṛtodarīm gambhīranābhiṃ vipulajaghanāṃ pītavāsasam

die durch ein schimmerndes Bauchband erstrahlt, mit wohlgerundetem Bauch, tiefem Nabel, breiten Hüften – gelb gewandet.

Wort für Wort
lasadaudarikābandhabhāsvarām
die durch ein schimmerndes Bauchband erstrahlt
sambhṛtodarīm
die einen wohlgerundeten/vollen Bauch hat
gambhīranābhim
die einen tiefen Nabel hat
vipulajaghanām
die breite Hüften hat
pītavāsasam
gelb gewandet (pītāmbara – ebenfalls ein Standard-Epitheton Viṣṇus)

pṛthuvṛttorumāpūrṇajānumaṇḍalabandhurām vṛttajaṅghāṃ gūḍhagulphāṃ prapadājitakacchapām

[?] mit einer Kniewölbung, die durch breite, runde und volle Schenkel anmutig ist, mit runden Waden, wohlverborgenen [schlanken] Fußknöcheln, [und] Fußspitzen, deren Wölbung selbst die einer Schildkröte übertrifft.

Wort für Wort
pṛthuvṛttorumāpūrṇajānumaṇḍalabandhurām
[?] deren Knierund durch breite, runde, volle Schenkel anmutig ist – Zusammensetzung von māpūrṇa nicht mit letzter Sicherheit aufgelöst
vṛttajaṅghām
die runde Waden hat
gūḍhagulphām
die wohlverborgene, schlanke Fußknöchel hat
prapadājitakacchapām
deren Fußspitzen-Wölbung die einer Schildkröte übertrifft (kūrma-pṛṣṭha, klassisches Schönheitsbild gewölbter Füße)

[?] Der Kompositionsteil "māpūrṇa" (in pṛthuvṛttoru-māpūrṇa-jānumaṇḍala-) ist nicht restlos sicher aufzulösen (denkbar: "in vollem Maß ausgefüllt"); hier sinngemäß, nicht wörtlich wiedergegeben.

tanudīrghāṅgulībhāsvannakharājivirājitāṃ cakrasvastikaśaṅkhābjadhvajāṅkitapadadvayām

[?] die durch eine Reihe schimmernder Nägel an schlanken, langen Zehen erstrahlt, deren Fußpaar mit den Zeichen von Rad, Svastika, Muschelhorn, Lotos und Banner gekennzeichnet ist.

Wort für Wort
tanudīrghāṅgulībhāsvannakharājivirājitām
die durch eine Reihe schimmernder Nägel an schlanken, langen Zehen erstrahlt
cakrasvastikaśaṅkhābjadhvajāṅkitapadadvayām
[?] deren Fußpaar mit den Zeichen von Rad, Svastika, Muschelhorn, Lotos und Banner gekennzeichnet ist – die im Quelltext auffällige Form "-āj­rtipada-" wurde als wahrscheinliche Verschreibung von "-āṅkitapada-" (,gekennzeichnetes Fußpaar') aufgelöst

Die fünf genannten Zeichen (Rad, Svastika, Muschelhorn, Lotos, Banner) gehören zu den klassischen glückverheißenden Merkmalen (śubha-lakṣaṇa) auf den Fußsohlen Viṣṇus – bestätigt die bereits in Vers 11 (Kaustubha, Śrīvatsa) erkennbare Identifikation. Mit diesem Vers endet die kopf-zu-fuß-Beschreibung der geoffenbarten Gestalt (Verse 8–14).

tāṃ dṛṣṭvā taralātmāno vidhyadhokṣajaśaṅkarāḥ atiṣṭhann itikartavyamūḍhās tatrābravīd ajaḥ

Als sie diese [Gestalt] erblickt hatten, standen Vidhi [Brahmā], Adhokṣaja [Viṣṇu] und Śaṅkara [Śiva], deren Gemüt erregt war, ratlos da, was zu tun sei. Da sprach der Ungeborene [Brahmā]:

Wort für Wort
tām
sie, diese (Akk. Sg. f., bezogen auf die Gestalt)
dṛṣṭvā
nachdem sie gesehen hatten (Absolutiv)
taralātmānaḥ
deren Gemüt erregt/erschüttert war (Nom. Pl. m.)
vidhyadhokṣajaśaṅkarāḥ
Vidhi [Brahmā], Adhokṣaja [Viṣṇu] und Śaṅkara [Śiva] (Nom. Pl. m., drei weitere Beinamen derselben Trias)
atiṣṭhan
sie standen, verharrten (3. Pl. Imperfekt von sthā)
itikartavyamūḍhāḥ
ratlos, was zu tun sei (Nom. Pl. m.)
tatra
da, darauf
abravīt
er sprach (3. Sg. Imperfekt von brū)
ajaḥ
der Ungeborene (Nom. Sg. m., Beiname Brahmās)

[?] Erneut dieselbe Trias mit weiteren Beinamen (Vidhi/Ajaḥ = Brahmā, Adhokṣaja = Viṣṇu, Śaṅkara = Śiva) – Adhokṣaja (Viṣṇu) erscheint hier als einer der drei staunenden Betrachter, obwohl die soeben beschriebene Gestalt selbst eindeutig Viṣṇu-Insignien trägt (V. 11, 14). Diese Spannung (Viṣṇu als Betrachter UND als geoffenbarte Gestalt) wird vom Text nicht aufgelöst und bleibt bewusst offen markiert; denkbar ist eine theologische Aussage über ein Viṣṇu übergeordnetes, ihm selbst erscheinendes Prinzip (param jyotiḥ, s. Vers 17).

svāmin prasīda viśveśa ke vayaṃ kena bhāvitāḥ kinmūlāḥ kiṅkriyāḥ sarvam asmabhyaṃ vaktum arhasi

„O Herr, sei gnädig, Gebieter des Alls! Wer sind wir? Von wem sind wir hervorgebracht? Was ist unsere Wurzel, was unsere Aufgabe? Dies alles mögest du uns verkünden.“

Wort für Wort
svāmin
o Herr (Vok. Sg.)
prasīda
sei gnädig, wohlgesonnen (Imperativ)
viśveśa
o Gebieter des Alls (Vok. Sg.)
ke vayam
wer sind wir
kena bhāvitāḥ
von wem/wodurch hervorgebracht
kinmūlāḥ
was ist unsere Wurzel/unser Ursprung
kiṅkriyāḥ
was ist unsere Aufgabe/Tätigkeit
sarvam asmabhyaṃ vaktum arhasi
dies alles mögest du uns verkünden

iti pṛṣṭaḥ paraṃ jyotir uvāca pramitākṣaram yūyam akṣarasambhūtāḥ sṛṣṭisthityantahetavaḥ

So gefragt, sprach das höchste Licht in wohlgesetzten Worten: „Ihr seid aus dem Unvergänglichen entstanden, die Ursachen von Schöpfung, Erhaltung und Ende [der Welt].“

Wort für Wort
iti pṛṣṭaḥ
so gefragt (Nom. Sg. m. Part.)
paraṃ jyotiḥ
das höchste Licht (Nom. Sg. n., Bezeichnung des Angesprochenen)
uvāca
sprach (3. Sg. Perfekt von vac)
pramitākṣaram
in wohlgesetzten/abgemessenen Worten (Adv.)
yūyam
ihr
akṣarasambhūtāḥ
aus dem Unvergänglichen (Akṣara, dem Absoluten) entstanden
sṛṣṭisthityantahetavaḥ
die Ursachen von Schöpfung, Erhaltung und Ende [der Welt]

Der zuvor als "Verkünder" (V.3), "Śārṅgin" (V.6) bzw. mit Viṣṇu-Insignien (V.11/14) beschriebene Angesprochene wird hier als "param jyotiḥ" (,das höchste Licht') bezeichnet – ein Titel, der über eine bloße Identifikation mit dem Gott Viṣṇu der Trimūrti hinausweist auf ein diesem übergeordnetes Absolutes, das sich in dieser Form zeigt (vgl. Anm. zu Vers 15).

iti tasya vacaḥ śrutvā tam apṛcchat sarojabhūḥ

Als er dessen Worte gehört hatte, befragte ihn der Lotosgeborene [Brahmā] weiter –

Wort für Wort
iti tasya vacaḥ śrutvā
nachdem er dessen Worte gehört hatte
tam apṛcchat
er befragte ihn (3. Sg. Imperfekt von pracch)
sarojabhūḥ
der Lotosgeborene (Nom. Sg. m., Beiname Brahmās)

[Anm.: Der Quelltext lieferte für diesen Vers nur eine einzige Zeile statt der sonst üblichen zwei; ob es sich um einen Vers in kürzerem Versmaß handelt oder eine zweite Zeile fehlt/abgeschnitten wurde, ist offen und in einer künftigen Sitzung anhand der Quelle zu klären.] Fortsetzung (Brahmās Frage und die Antwort) folgt in einer künftigen Sitzung bzw. im täglichen Übersetzungslauf.

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