Kapitel 1: prathamaḥ prapāṭhakaḥ
Erster Prapāṭhaka: Der Rahmen — König Bṛhadrathas Entsagung und seine Bitte an den Weisen Śākāyanya
Das Maitrāyaṇīya-Āraṇyaka ist strukturell mit der Maitrāyaṇīya-/Maitrī-Upaniṣad identisch — anders als beim Taittirīya- oder Bṛhad-Āraṇyaka gibt es hier keinen gesonderten, der Upaniṣad vorausgehenden Ritualteil; das ganze Werk IST die Upaniṣad, wie das eigene Kolophon am Ende dieses Prapāṭhaka bestätigt ('so im Maitrāyaṇīya-Āraṇyaka ODER [gleichbedeutend] in der Maitrāyaṇīya-Śākhā-Upaniṣad'). [Anm. zur Zählung: die im Scan sichtbaren einzelnen Ziffern (1, 2, 3...) hinter den einzelnen Mantra-/Verspassagen scheinen — wie bereits im Ekāgnikāṇḍa beobachtet — Vers-/Silbenzähl-Vermerke der Rezitationstradition zu sein, nicht durchlaufende Kaṇḍikā-Nummern; die Übersetzung gliedert daher nach den etablierten vier Sinnabschnitten (üblicherweise als Maitrī-Up. 1,1–1,4 zitiert).]
'Jenes Heilsame [Śaṃyu, den Frieden Bringende] erwählen wir uns, den rechten Gang für das Opfer, den rechten Gang für den Opferherrn. Göttliches Heil sei uns, Heil sei den Menschen zuteil. Aufwärts steige die Heilkraft; Wohl sei uns, den Zweifüßern, Wohl den Vierfüßern.' Oṃ, Friede, Friede, Friede. — 'Es mögen gedeihen meine Glieder, Rede, Atem, Auge, Ohr, sowie Kraft und alle Sinnesvermögen; alles [in mir werde] das ganze Brahman, die Lehre der Upaniṣaden. Nicht möge ich das Brahman verleugnen, nicht möge das Brahman mich verleugnen; Nicht-Verleugnung sei, nicht-verleugnend sei ich. Die Tugenden [Dharmas], die für den in den Upaniṣaden Vertieften gelten, mögen in mir wohnen, mögen in mir wohnen.' Oṃ, Friede, Friede, Friede. — 'Durch das Erwachen zum reinen Brahman, [erlangt] mittels der aus Entsagung [Vairāgya] entsprungenen Hingabe [Bhakti] — jenen Zustand, zu dem die Weisen gelangen, dorthin, zu diesem Zustand, [gelange] auch ich, [zu diesem] Glanz [Mahas].' (Maitrāyaṇīya-Āraṇyaka/Maitrī-Up. 1, einleitende Śānti-Sprüche) [Anm.: die ersten beiden Śānti-Sprüche sind die auch vor der Taittirīya-Upaniṣad und mehreren anderen Yajurveda-Upaniṣaden gebräuchlichen Standard-Friedensformeln; der dritte, kürzere Vers ist ein eigener, dem Maitrī-Corpus vorangestellter Maṅgala-(Segens-)Spruch, der bereits das zentrale Thema des Werkes ankündigt: den Weg von der Entsagung über die Hingabe zur Erkenntnis des Brahman.]
Wort für Wort
tacchaṃyorā vṛṇīmahe
jenes Heilsame erwählen wir uns [Standard-Śāntipāṭha]
āpyāyantu mamāṅgāni vākprāṇaścakṣuḥśrotram
es mögen gedeihen meine Glieder, Rede, Atem, Auge, Ohr [=Taittirīya-Up.-Śāntipāṭha]
vairāgyotthabhaktiyuktabrahmamātraprabodhataḥ
durch das Erwachen zum reinen Brahman mittels der aus Entsagung entsprungenen Hingabe
Die drei traditionellen Eröffnungs-Śāntisprüche der Maitrī-Upaniṣad, darunter die auch aus der Taittirīya-Upaniṣad bekannte Formel 'āpyāyantu mamāṅgāni', sowie ein eigener Maṅgala-Vers über den Weg von Vairāgya (Entsagung) und Bhakti (Hingabe) zur Brahman-Erkenntnis.
brahmayajño vā eṣa yat pūrveṣāṃ caryan, tasmād arjamānaś cittvaitān agnīn ātmani amidhyāyet, sampūrṇaḥ khalu vāg ṛddhāv ikalvano [?] sampadyate, yajñaḥ ka so'midhye yo'yaṃ yaḥ prāṇāraṇyas tasyopākhyānam || 1 || bṛhadratho vai nāma rājā virājye putraṃ nidhāpayitvedam aśāśvatam manyamānaḥ śarīraṃ vairāgyam upeto'raṇyaṃ nirjagāma, sa tatra paramaṃ tapa āsthāyādityam udīkṣamāṇa ūrdhvabāhus tiṣṭhaty ante sahasrasya [?], antikam ājagāma agnir ivādhūmakas tejasā nirdahann ivātmavid gārgyaḥ śākāyanya uttiṣṭhottiṣṭha varaṃ vṛṇīṣveti rājānam abravīt, sa tasmai namaskṛtyovāca — bhagavan nāham ātmavit tvaṃ tattvavic chuśruma vayaṃ, sa tvaṃ no brūhīty etad vṛttam puraḥ tāt || 2 ||
'Dies wahrlich ist das Brahma-Opfer, das [Opfer] der Altvorderen, das [fortwährend] vollzogen wird: dass, wer [danach] strebt, diese [inneren] Feuer entzündet habend, im Selbst [über sie] meditiere; vollständig nämlich wird [dieses Opfer] in seinem Gedeihen durch die Rede ohne Mangel [oder: ungeschmälert] vollzogen. Was ist [dieses] Opfer, worüber [er] meditiere? [Es ist] eben dies: die Erzählung [Upākhyāna] von jenem, der der Wald des Lebenshauches [Prāṇāraṇya] ist.' Es gab nämlich einen König namens BṚHADRATHA. Nachdem er seinen Sohn in der Herrschaft eingesetzt hatte, und diesen [seinen] Körper als unbeständig erachtend, zog er, von Entsagung [Vairāgya] ergriffen, in den Wald hinaus. Dort übte er höchste Askese [Tapas], zur Sonne emporblickend, mit erhobenen Armen stehend, [bis] ans Ende von tausend [Tagen? — Lesung unsicher, [?]]. [Da] näherte sich ihm [ein Weiser], rauchlos wie Feuer, gleichsam mit [seinem] Glanz [alles] verbrennend, der Selbstkenner GĀRGYA ŚĀKĀYANYA, und sprach zum König: 'Erhebe dich, erhebe dich! Wähle einen Wunsch!' Er [der König], sich vor ihm verneigend, sprach: 'Ehrwürdiger, ich kenne das Selbst nicht; du [aber] kennst die Wahrheit — so haben wir gehört. So sprich du zu uns.' — Dies ist die überlieferte [Erzählung], wie sie vordem [erzählt wurde]. (Maitrī-Up. 1,1) [Anm.: dies ist der berühmte Rahmen-Beginn der Maitrī-Upaniṣad; der Name des Weisen wird hier mit dem Gotra-Namen GĀRGYA versehen — 'Śākāyanya' ist sein Familienname/Patronymikon. Der einleitende, sprachlich sehr dichte Absatz über das 'Brahma-Opfer der Altvorderen' ([?] an mehreren Stellen unsicher) deutet bereits die zentrale Umdeutung des äußeren vedischen Opfers zu einem inneren, meditativen Akt an — ein Leitmotiv nicht nur dieser Upaniṣad, sondern der gesamten Āraṇyaka-Literatur.]
Wort für Wort
bṛhadratho vai nāma rājā
es gab einen König namens Bṛhadratha [Beginn der Rahmenerzählung]
Ehrwürdiger, ich kenne das Selbst nicht; du kennst die Wahrheit, so haben wir gehört
Der Rahmen der Maitrī-Upaniṣad: König Bṛhadratha entsagt der Herrschaft, übt Askese im Wald und bittet den Weisen Gārgya Śākāyanya um Belehrung über das Selbst, nachdem eine Vorrede das äußere vedische Opfer als inneres, meditatives 'Brahma-Opfer' umgedeutet hat.
'Ehrwürdiger — in diesem Körper, der eine Ansammlung ist von Haut, Sehne, Mark, Samen, Blut, Schleim, Träne, Augenschleim, Kot, Harn, Wind[-Säfte], Galle und Phlegma, übelriechend und ohne [wahre] Substanz — wozu [taugen darin] die Genüsse der Begierde? In diesem Körper, geschlagen von Begierde, Zorn, Gier, Verblendung, Furcht, Verzweiflung, Neid, Trennung vom Geliebten, Verbindung mit Unerwünschtem, Hunger, Durst, Alter, Tod, Krankheit, Kummer und dergleichen mehr — wozu [taugen darin] die Genüsse der Begierde?' (Maitrī-Up. 1,3) [Anm.: dies ist eine der berühmtesten Passagen der Maitrī-Upaniṣad — die schonungslose Aufzählung der körperlichen Bestandteile und seelischen Leiden als Grundlage der Weltentsagung (Vairāgya). Der Katalog der Körpersäfte ist wörtlich und ohne Beschönigung wiedergegeben, wie es der Übersetzungsmethode entspricht; er dient im Urtext ausdrücklich der Ernüchterung gegenüber sinnlichen Genüssen, nicht der Verächtlichmachung des Körpers als solchem.]
in diesem Körper, [der eine] Ansammlung [ist] von Haut, Sehne, Mark, Samen, Blut, Schleim, Träne, Augenschleim, Kot, Harn, Wind-, Gallen- und Phlegma-[Säften]
kiṃ kāmopabhogaiḥ
wozu [taugen darin] die Genüsse der Begierde? [Leitmotiv-Refrain]
Der Körper als Ansammlung unreiner Stoffe (Haut, Sehne, Mark, Samen, Blut usw.) und Sitz der Leidenschaften — Grundlage für die im Folgenden entfaltete Vergänglichkeits-Meditation. Eine der berühmtesten Passagen der Maitrī-Upaniṣad.
sarvaṃ cedaṃ kṣayiṣṇu paśyāmo yatheme daṃśamaśakādayas tṛṇavanaspatayaḥ udbhūtapradhvaṃsinaḥ, atha kim etair anyair eva anye mahādhanurdharāś ca cakravartinaḥ ke cit sudyumnabhūridyumnendradyumnakuvalayāśvayauvanāśvavadhryaśvā-śvapatiḥ śaśabinduhariścandra-ambarīṣa-nahuṣaḥ śaryātir yayātir anaraṇya ukṣasenaḥ ādayo mahāntaṃ śriyaṃ tyaktvāsmāl lokād amuṃ lokaṃ prayātā iti || 4 || atha kim etair evāpare gandharvāsurayakṣarakṣobhūtagaṇapiśācoragagrahādīnāṃ nirodhanaṃ paśyāmaḥ, atha kim etair vāryārthānāṃ śoṣaṇaṃ mahārṇavānāṃ śikhariṇāṃ prapatanaṃ dhruvasya praculanaṃ vātarajjūnāṃ nimajjanaṃ pṛthivyāḥ sthānād apasaraṇaṃ surāṇām, ity etaddvidhevāsmin saṃsāre, kiṃ kāmopabhogair eva iśitasyāsakṛd ihāvartanaṃ dṛśyate, tan mām uddhartum arhasi, andhakūpe patito bhekaḥ [?] ivāham asmin saṃsāre, bhagavaṃs tvaṃ no gatis tvaṃ no gatiḥ || 4 || iti maitrāyaṇīyāraṇyake'thavā maitrāyaṇīyaśākhopaniṣadi prathamaḥ prapāṭhakaḥ ||
'Wir sehen, dass all dies vergänglich ist, so wie diese Bremsen, Mücken und dergleichen, [wie] Gräser und Bäume — entstanden [nur um] zu vergehen. Was aber [ist] mit jenen ANDEREN — [mit] großen Bogenschützen und Weltherrschern [Cakravartins]? [Da waren] etliche: Sudyumna, Bhūridyumna, Indradyumna, Kuvalayāśva, Yauvanāśva, Vadhryaśva, Aśvapati, Śaśabindu, Hariścandra, Ambarīṣa, Nahuṣa, Śaryāti, Yayāti, Anaraṇya, Ukṣasena und andere — sie [alle] haben, große Herrlichkeit hinter sich lassend, sind von dieser Welt in jene [andere] Welt gegangen.' (Maitrī-Up. 1,4, Beginn) [Anm.: FUND — eine berühmte 'Ubi-sunt'-Liste untergegangener legendärer Könige aus Epos und Purāṇa (u.a. der glorreiche Hariścandra, der tragische Yayāti, der fromme Ambarīṣa), die als eindringliches Beispiel dafür dient, dass selbst größter weltlicher Ruhm dem Tod nicht entgeht.] 'Was aber [ist] mit jenen ANDEREN — sehen wir nicht auch das Verschwinden von Gandharven, Asuras, Yakṣas, Rākṣasas, Wesenscharen [Bhūtagaṇas], Piśācas, Schlangen[-Dämonen] und Planetengeistern [Graha]? Was aber [ist] mit jenen anderen — [sehen wir nicht] das Austrocknen der großen Ozeane, das Herabstürzen der Berggipfel, das Wanken des Polarsterns [Dhruva], das Versinken der Windseile [die die Welt tragen?], das Abweichen der Erde von ihrem Standort, das Weichen der Götter [von ihren Ämtern]? So ist alles zwiefach [dem Untergang geweiht] in diesem Kreislauf des Daseins [Saṃsāra]. Da sich zeigt, dass selbst der Genießende der Sinnesfreuden [Kāmopabhoga] wiederholt hierher [in den Kreislauf] zurückkehrt — so sollst du mich [daraus] emporheben. Wie ein in einen blinden [ausgetrockneten] Brunnen gefallener Frosch [bin] ich in diesem Saṃsāra; Ehrwürdiger, du bist unsere Zuflucht, du bist unsere Zuflucht!' (Maitrī-Up. 1,4, Abschluss) SO ENDET IM MAITRĀYAṆĪYA-ĀRAṆYAKA — ODER, GLEICHBEDEUTEND, IN DER MAITRĀYAṆĪYA-ŚĀKHĀ-UPANIṢAD — DER ERSTE PRAPĀṬHAKA. [Anm.: das abschließende Bild vom 'Frosch im ausgetrockneten Brunnen' ist eine der eindringlichsten Metaphern der gesamten Upaniṣaden-Literatur für die Ausweglosigkeit des unerleuchteten Daseinskreislaufs und bereitet unmittelbar den zweiten Prapāṭhaka vor, in dem Śākāyanya mit seiner Belehrung beginnt.]
so endet im Maitrāyaṇīya-Āraṇyaka, oder [gleichbedeutend] in der Maitrāyaṇīya-Śākhā-Upaniṣad, der erste Prapāṭhaka
FUND — die 'Ubi-sunt'-Liste untergegangener legendärer Könige (Hariścandra, Yayāti, Ambarīṣa u.a.) und das kosmische Auflösungsbild (austrocknende Ozeane, stürzende Berge, wankender Polarstern) als Beleg universaler Vergänglichkeit; Abschluss mit der berühmten Frosch-im-Brunnen-Metapher und dem Kolophon, der das Werk ausdrücklich mit der Maitrī-Upaniṣad gleichsetzt.