Quellen der Menschheit

Maitrāyaṇīya-Āraṇyaka

Kapitel 5: pañcamaḥ prapāṭhakaḥ Fünfter Prapāṭhaka: Die Kautsāryāṇī-Stuti (Allgott-Hymnus) und die GUṆA-TRIMŪRTI-LEHRE — Rudra=Tamas, Brahmā=Rajas, Viṣṇu=Sattva

atha yatheyaṃ kautsāryaṇī stutiḥ — tvaṃ brahmā tvaṃ ca vai viṣṇus tvaṃ rudras tvaṃ prajāpatiḥ, tvam agnir varuṇo vāyus tvam indras tvaṃ niśākaraḥ, tvaṃ manas tvaṃ yamas tvaṃ pṛthivī tvaṃ viśvaṃ kham athācyutaḥ, svārthe svābhāvike'rthe ca bahudhā saṃsthitis tvayi, viśveśvara namas tubhyaṃ viśvātmā viśvakarmakṛt, viśvabhug viśvamāyus tvaṃ viśvakrīḍāratiḥ prabhuḥ, namaḥ śāntātmane tubhyaṃ namo guhyatamāya ca, acintyāyāprameyāya anādinidhanāya ca || iti || 1 ||

Und hier nun ist diese KAUTSĀRYĀṆĪ-STUTI [der Hymnus des Kautsāryaṇi/Nachkommen des Kutsa]: 'Du bist Brahmā, und du bist wahrlich Viṣṇu, du bist Rudra, du bist Prajāpati; du bist Agni, Varuṇa, Vāyu, du bist Indra, du bist der Mond [Niśākara, 'Nacht-Macher']. Du bist der Geist [Manas], du bist Yama, du bist die Erde, du bist das All und der unvergängliche Äther [Kham]. Im eigenen Zweck und im naturgegebenen Zweck [ist deine] Existenz mannigfach in dir gegründet. Allherrscher [Viśveśvara], Verehrung sei dir; Allselbst, Allwirker, Allgenießer, Allleben bist du, Herr allen Spiels und allen Leidens. Verehrung dem Friedvoll-Wesenhaften, dir; Verehrung dem Allergeheimsten; dem Unfassbaren, Unermesslichen, Anfang- und Endlosen [Verehrung].' (Maitrī-Up. 5,1) [Anm.: FUND — dieser universale Anrufungs-Hymnus fasst die am Ende des vorigen Prapāṭhaka entfaltete inklusivistische Theologie (alle Götter als Formen des einen Brahman) in hymnischer Form zusammen und identifiziert das angerufene höchste Wesen der Reihe nach mit sämtlichen großen vedischen und purāṇischen Gottheiten (Brahmā, Viṣṇu, Rudra, Prajāpati, Agni, Varuṇa, Vāyu, Indra, Mond, Yama) sowie mit kosmischen Prinzipien (Geist, Erde, Weltall, Äther) — eine frühe Form der später in zahllosen Purāṇa-Hymnen wiederkehrenden 'Allgott'-Anrufung.]

Wort für Wort
tvaṃ brahmā tvaṃ ca vai viṣṇustvaṃ rudrastvaṃ prajāpatiḥ
du bist Brahmā, und du bist Viṣṇu, du bist Rudra, du bist Prajāpati [Beginn der Allgott-Anrufung]
viśveśvara namastubhyaṃ viśvātmā viśvakarmakṛt
Allherrscher, Verehrung sei dir, Allselbst, Allwirker

FUND — die Kautsāryāṇī-Stuti, ein Allgott-Hymnus, der die höchste Gottheit mit allen großen vedischen Göttern identifiziert und damit die inklusivistische Theologie des vorigen Prapāṭhaka hymnisch bekräftigt.

[ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen sprachlicher Dichte, [?]:] tamo vā idam agra āsīd ekaṃ, tat pare'sminn āyattaṃ preritaṃ viṣamatvaṃ prayāty, etad rūpaṃ vai rajas, taj jaḍaṃ kharvam iti viṣamatvaṃ prayāty, etad dvai sattvasya rūpaṃ, tat sattvam eva ṛtaṃ rasaḥ samprāsravat, so'ṃśo'yaṃ pretāmātraḥ pratipuruṣaṃ kṣetrajñaḥ, saṅkalpādhyavasāyābhimānaliṅgaḥ, prajāpatir viśveṣv asya prāguktā etās tanavaḥ, atha yo hu khalu vāvāsya tāmasa'ṃśo'sāv, asau brahmacāriṇo'yaṃ rudraḥ, atha yo hu khalu vāvāsya rājasa'ṃśo'sāv, asau brahmacāriṇo'yaṃ brahmā, atha yo hu khalu vāvāsya sāttvika'ṃśo'sāv, asau brahmacāriṇo'yaṃ viṣṇuḥ, sa vā eṣa eka eva tridhā bhūto'ṣṭadhaikādaśadhā dvādaśadhāparimitadhā vā bhūtvota bhūtatvād udbhūtatvād udbhūteṣu carati praviṣṭaḥ, sa bhūtānām adhipatir bhūva ity, asāv ātmāntar bahiś cāntar bahiś ca || 2 || iti maitrāyaṇīyāraṇyake'thavā maitrāyaṇīyaśākhopaniṣadi pañcamaḥ prapāṭhakaḥ ||

[zusammenfassend übersetzt, mit Unsicherheiten [?] an mehreren Stellen dieses sprachlich sehr dichten Abschnitts:] 'Finsternis [Tamas] wahrlich war dies zu Anfang, allein [und ungeteilt]; diese, im höchsten [Wesen] ruhend, angetrieben, geht in einen Zustand der Ungleichheit über — diese Gestalt [dabei entstehend] ist wahrlich RAJAS; jenes [Tamas, für sich betrachtet, bleibt] träge, verkümmert. Geht [die Bewegung] in Gleichmaß über, ist dies die Gestalt des SATTVA; dieses Sattva eben, [als] Wahrheit [Ṛta], floss als Essenz [Rasa] hervor — dieser Anteil [davon], nur wie ein Hauch, ist, bezogen auf jeden einzelnen Puruṣa, der 'FELDKENNER' [Kṣetrajña], gekennzeichnet durch Entschluss, Entscheidung und Ich-Bezogenheit; Prajāpati [ist er] unter den Universalwesen — dies sind seine vorhin genannten Erscheinungsformen [Tanu]. Nun: welcher sein TAMASISCHER Anteil ist — das, o Brahmacārin, ist RUDRA. Welcher sein RAJASISCHER Anteil ist — das, o Brahmacārin, ist BRAHMĀ. Welcher sein SATTVISCHER Anteil ist — das, o Brahmacārin, ist VIṢṆU. Er nun, EIN [und derselbe], dreifach geworden, [ebenso] achtfach, elffach, zwölffach oder in unbegrenzter Vielfalt geworden — aus [seinem früheren, ungeteilten] Sein heraus, durch [dieses] Hervortreten, wandelt er, eingegangen, unter den hervorgetretenen [Geschöpfen]. Er, der Oberherr der Geschöpfe geworden, [ist] dieses [eine] Selbst, [zugleich] innen und außen, innen und außen.' SO ENDET IM MAITRĀYAṆĪYA-ĀRAṆYAKA — ODER, GLEICHBEDEUTEND, IN DER MAITRĀYAṆĪYA-ŚĀKHĀ-UPANIṢAD — DER FÜNFTE PRAPĀṬHAKA. [Anm.: GRÖSSTER FUND dieses Prapāṭhaka und einer der bedeutendsten Funde des gesamten Werkes — hier erscheint eine der FRÜHESTEN BELEGTEN FORMEN DER GUṆA-TRIMŪRTI-KORRELATION, die in der späteren Purāṇa-Literatur zur festen theologischen Formel wird: RUDRA/ŚIVA = TAMAS, BRAHMĀ = RAJAS, VIṢṆU = SATTVA. Die drei großen Götter des klassischen Hinduismus werden hier explizit als die drei Erscheinungsformen der drei Natur-Qualitäten (Guṇas) EINES ungeteilten Urwesens erklärt, das ursprünglich als reines Tamas (Finsternis) existierte und durch innere Bewegung/Antrieb in Rajas und schließlich Sattva überging. Bemerkenswert ist auch die Einführung des Sāṃkhya-Begriffs 'Kṣetrajña' ('Feldkenner', d.h. das individuelle Bewusstsein gegenüber dem 'Feld' des Körpers/der Materie — ein Begriff, der später in der Bhagavadgītā, Kap.13, zentral wird) sowie der Rückverweis auf die verschiedenen Vielheits-Gruppierungen des Göttlichen (dreifach als Trimūrti, achtfach als Aṣṭamūrti-Rudra — bereits im Ekāgnikāṇḍa-Anhang des Taittirīya-Āraṇyaka übersetzt —, elffach als die Ekādaśa-Rudras, zwölffach als die Dvādaśa-Ādityas).]

Wort für Wort
yo hu khalu vāvāsya tāmasa'ṃśo'sāv asau brahmacāriṇo'yaṃ rudraḥ
welcher sein tamasischer Anteil ist, das ist Rudra [GRÖSSTER FUND: Guṇa-Trimūrti-Lehre]
yo hu khalu vāvāsya rājasa'ṃśo'sāv asau brahmacāriṇo'yaṃ brahmā
welcher sein rajasischer Anteil ist, das ist Brahmā
yo hu khalu vāvāsya sāttvika'ṃśo'sāv asau brahmacāriṇo'yaṃ viṣṇuḥ
welcher sein sattvischer Anteil ist, das ist Viṣṇu
pratipuruṣaṃ kṣetrajñaḥ
bezogen auf jeden einzelnen Puruṣa, der Feldkenner [Sāṃkhya-Begriff Kṣetrajña]
iti maitrāyaṇīyāraṇyake'thavā maitrāyaṇīyaśākhopaniṣadi pañcamaḥ prapāṭhakaḥ
so endet im Maitrāyaṇīya-Āraṇyaka, oder in der Maitrāyaṇīya-Śākhā-Upaniṣad, der fünfte Prapāṭhaka

GRÖSSTER FUND — eine der frühesten Belege der später kanonischen Guṇa-Trimūrti-Korrelation (Rudra=Tamas, Brahmā=Rajas, Viṣṇu=Sattva) als drei Erscheinungsformen eines ungeteilten Urwesens; Einführung des Sāṃkhya-Begriffs Kṣetrajña (später zentral in Bhagavadgītā 13) und Rückbezug auf die Aṣṭamūrti-Rudra-Lehre (vgl. Ekāgnikāṇḍa).

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