VOLLSTÄNDIG (41 Einheiten) — der bei weitem umfangreichste Prapāṭhaka der Maitrī-Upaniṣad, mit Schlusskolophon 'iti maitrāyaṇīyopaniṣatsu ṣaṣṭhaḥ prapāṭhakaḥ' bestätigt. Zentrale Lehrstücke: die Mikrokosmos-Makrokosmos-Korrelation von Prāṇa/Sonne; der goldene Sonnen-Puruṣa; die Oṃ-Dreiheits-Korrespondenzliste; die Sāvitrī/Gāyatrī-Niruktische Etymologie; die Dual/Nicht-Dual-Erkenntnislehre (≈Bṛhadāraṇyaka-Up. 2,4,14); die große Götter-Litanei; das Prāṇāgnihotra; eine der explizitesten Sāṃkhya-Darlegungen der älteren Upaniṣaden (Puruṣa/Pradhāna/Triguṇa/Mahat/Liṅga); die KĀLA-AKĀLA-BRAHMAN-LEHRE; die ĀKĀŚA-BRAHMAN-LEHRE; die ṢAḌAṄGA-YOGA-LEHRE (die sechs Yoga-Glieder); die SUṢUMNĀ-NĀḌĪ (einer der frühesten Belege); die ŚABDA-BRAHMAN-LEHRE (Nāda-Yoga); das Bogen-Pfeil-Gleichnis (≈Muṇḍaka-Up. 2,2,4); die klassische Yoga-Definition; die asketische 'innerer Feldzug'-Allegorie; der 'reiner Ort'-Vers (≈Bhagavadgītā 6,11-12); die Nāḍī-Strahlen-Lehre (≈Chāndogya-Up. 8,6); das Funken-Gleichnis (≈Muṇḍaka-Up. 2,1,1) und die Veden-als-Atem-Formel (≈Bṛhadāraṇyaka-Up. 2,4,10); die Agnicayana-Prāṇa-Korrespondenz; die CITTA-VṚTTI-KṢAYA-LEHRE (nimmt Patañjalis Yogasūtra 1,2 wörtlich vorweg — DER historisch bedeutsamste Einzelfund); ein Īśā-Upaniṣad-Zitat; die Satyadharma-Sonnenlehre; die Pañcāgnividyā-Parallele (Feuer-Sonne-Regen-Speise-Geschöpfe); und schließlich der DAUMENGROSSE PURUṢA IM HERZEN (≈Kaṭha-Up. 4,12-13), abgeschlossen mit 'Oṃ namo brahmaṇe namaḥ'. Mit Prapāṭhaka 6 abgeschlossen; Prapāṭhaka 7 folgt als letzter Teil des Werks.
[zusammenfassend übersetzt, mit Unsicherheiten [?]:] 'Auf zweifache Weise nun trägt dieses [Wesen] das Selbst: als PRĀṆA [Lebenshauch] und als jene SONNE [Āditya]. Zwei Pfade nun sind dies für ihn: der innere und der äußere, [und] diese beiden kehren um mit Tag und Nacht. Jene Sonne nämlich ist der äußere Selbst [Bahirātman], der Prāṇa der innere Selbst [Antarātman]; von der Bewegung des äußeren Selbst her erschließt man daher die Bewegung des inneren Selbst — so ist gesagt. Wer aber, von den Gegensatzpaaren [Dvandva] befreit von Sünde, meditiert, mit unaufhörlich [wachem], nicht untergehendem, zurückgewandtem Blick [i.e. nach innen gerichtetem Auge] — der erschließt umgekehrt von der Bewegung des inneren Selbst her die Bewegung des äußeren Selbst; so ist [auch dies] gesagt.' (Maitrī-Up. 6,1) [Anm.: FUND — die Korrelation von äußerem Selbst (Sonne, kosmisch) und innerem Selbst (Prāṇa/Lebenshauch, individuell-physiologisch), verbunden durch das gemeinsame Auf und Ab von Tag und Nacht bzw. Ein- und Ausatmung — ein zentrales Motiv der Mikrokosmos-Makrokosmos-Entsprechung (Adhyātma-Adhidaiva), das in zahlreichen Upaniṣaden in verschiedenen Varianten auftritt (vgl. Praśna-Up. 1, Chāndogya-Up. 3,19). Der Meditierende, der 'nach innen blickt', kann umgekehrt vom inneren Zustand auf den äußeren, kosmischen schließen — ein Hinweis auf die yogische Praxis kontemplativer Introspektion.]
auf zweifache Weise trägt dieses Wesen das Selbst: als Prāṇa und als jene Sonne
asau vā ādityo bahirātmāntarātmā prāṇaḥ
jene Sonne ist der äußere Selbst, der Prāṇa der innere Selbst
FUND — die Mikrokosmos-Makrokosmos-Korrelation von Prāṇa (innerer Selbst) und Sonne (äußerer Selbst), verbunden durch Tag-Nacht- bzw. Atem-Rhythmus; der nach innen blickende Meditierende erschließt umgekehrt vom inneren auf den äußeren Zustand.
[ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen Formeldichte, [?]:] atha ya eṣo'ntarāditye hiraṇmayaḥ puruṣo yaḥ paśyatīmāṃ hiraṇmayāṃ bhuvam, eṣo'ntare hṛtpuṣkara evāśrito 'nnam atti, atha ya eṣo'ntare hṛtpuṣkara evāśrito'nnam atti, sa eṣo'gnir dviviśritaḥ, sauraḥ kālākhyo'dṛśyaḥ, sarvabhūtāny annam attīti || 2, Anfang ||
[zusammenfassend übersetzt, mit Unsicherheiten [?]:] 'Nun, jener GOLDENE PURUṢA innerhalb der Sonne, der auf diese goldene Erde herabschaut — dieser, im Herzens-Lotos [Hṛtpuṣkara] wohnend, verzehrt [dort ebenso] die Speise. Und jener, der im Innern des Herzens-Lotos wohnend die Speise verzehrt — dieser ist jenes FEUER, zwiefach eingegangen [in Sonne und Herz], mit dem Beinamen SOLAR UND ZEITLICH [Sauraḥ Kālākhyaḥ], unsichtbar, [und] es verzehrt alle Wesen als [seine] Speise.' (Maitrī-Up. 6,2, Beginn) [Anm.: FUND — dieser 'goldene Puruṣa in der Sonne' ist eng verwandt mit dem bereits im Nārāyaṇa-Upaniṣad-Teil des Taittirīya-Āraṇyaka (Prapāṭhaka 10) übersetzten 'goldenen Sonnen-Puruṣa' (≈ Chāndogya-Up. 1,6,6-8) sowie mit der berühmten Puruṣa-in-der-Sonne-Lehre der Īśā-Upaniṣad und Bṛhadāraṇyaka-Up. 5,5. Bemerkenswert ist hier die explizite Identifikation dieses Sonnen-Puruṣa mit dem bereits in Prapāṭhaka 2 behandelten 'Agni Vaiśvānara' im Herzen (dem inneren Verdauungsfeuer) UND mit der ZEIT [Kāla] — eine dreifache Gleichsetzung von Sonne, innerem Verdauungsfeuer und Zeit als ein und demselben, alle Wesen 'verzehrenden' kosmischen Prinzip, die dem berühmten Bhagavadgītā-Vers 'kālo'smi lokakṣayakṛt' ('Ich bin die Zeit, die Zerstörerin der Welten', BG 11,32) in ihrer Grundidee bereits sehr nahesteht.]
Wort für Wort
ya eṣo'ntarāditye hiraṇmayaḥ puruṣaḥ
jener goldene Puruṣa innerhalb der Sonne [FUND: goldener Sonnen-Puruṣa]
sa eṣo'gnirdviviśritaḥ sauraḥ kālākhyo'dṛśyaḥ
dieser ist jenes Feuer, zwiefach eingegangen, solar und zeitlich genannt, unsichtbar
sarvabhūtānyannamattīti
es verzehrt alle Wesen als Speise [Vorform von BG 11,32 'ich bin die Zeit']
FUND — der goldene Puruṣa in der Sonne, identifiziert mit dem inneren Herz-Verdauungsfeuer und mit der Zeit (Kāla) als demselben, alle Wesen verzehrenden Prinzip — Vorform der Bhagavadgītā-Kāla-Lehre (BG 11,32).
'Was ist der Lotosteich? Was ist jenes [Andere, das Eisen/Metallene]?' — 'Dieser Lotosteich eben, das ist dieser ÄTHER [Ākāśa]; dessen Blütenblätter sind diese vier Himmelsrichtungen und vier Zwischenrichtungen. Diese beiden, PRĀṆA UND SONNE, wandeln hier unten [in der sichtbaren Welt]; man verehre diese beiden — mit der Silbe OṂ, mit den VYĀHṚTIS [Bhūḥ-Bhuvaḥ-Svaḥ] und mit der SĀVITRĪ [dem Gāyatrī-Mantra].' (Maitrī-Up. 6,2, Schluss) [Anm.: der kosmische Äther wird hier als 'Lotosteich' mit den acht Himmelsrichtungen als Blütenblättern vorgestellt — eine originelle räumliche Entsprechung zum bereits erwähnten Herzens-Lotos (Hṛtpuṣkara), in dem der innere Puruṣa wohnt: Mikrokosmos (Herz) und Makrokosmos (Weltraum) werden durch dasselbe Lotos-Bild miteinander verbunden. Die vorgeschriebene Verehrungsweise mittels Oṃ, den drei Vyāhṛtis und der Sāvitrī (dem berühmten Gāyatrī-Mantra) leitet unmittelbar zur folgenden Kaṇḍikā über.]
Wort für Wort
idaṃ vāva tatpuṣkaraṃ yo'yamākāśaḥ
dieser Lotosteich ist dieser Äther
etāvupāsīta oṃ ityetadakṣareṇa vyāhṛtibhiḥ sāvitryā ca
man verehre diese beiden mit Oṃ, den Vyāhṛtis und der Sāvitrī
Der Äther als kosmischer 'Lotosteich' mit den Himmelsrichtungen als Blütenblättern, worin Prāṇa und Sonne wandeln; ihre Verehrung erfolgt mittels Oṃ, den Vyāhṛtis und der Sāvitrī (Gāyatrī-Mantra).
dve vāva brahmaṇo rūpe — mūrtaṃ cāmūrtaṃ ca, atha yan mūrtaṃ tad asatyaṃ, yad amūrtaṃ tat satyaṃ, tad brahma, taj jyotiḥ, yaj jyotiḥ sa ādityaḥ, sa vā eṣa oṃ ity etad ātmābhavat, sa tredhātmānaṃ vyakuruta, oṃ iti tisro mātrā, etābhiḥ sarvam idam otaṃ protaṃ caivāsmīty evaṃ hy āha, etad vā ādityo oṃkāra ity, evaṃ dhyāyatātmānaṃ yuñjīteti || 3 ||
'ZWEI nun sind die Gestalten des Brahman: die GEFORMTE und die UNGEFORMTE. Was nun geformt ist, das ist unwahr [Asatya]; was ungeformt ist, das ist WAHR [Satya] — das ist Brahman, das ist LICHT [Jyotis]; was Licht ist, das ist die SONNE. Diese [Sonne/dieses Brahman] nun wurde, als OṂ, zum SELBST; es teilte sich selbst dreifach: 'OṂ' [besteht] aus drei Moren/Lauten [den drei Silbenteilen A-U-M]; mit diesen [drei] bin ich, so sagt man, 'durch und durch gewoben, all dies'. Dies eben ist die Sonne als die Silbe OṂ; so [darüber] meditierend, soll man das Selbst [mit ihr] vereinigen [Yuñjīta].' (Maitrī-Up. 6,3) [Anm.: FUND — diese Zwei-Brahman-Lehre (geformt/ungeformt, Mūrta/Amūrta) ist nahezu wortgleich auch in der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad (2,3,1: 'dve vāva brahmaṇo rūpe mūrtaṃ caivāmūrtaṃ ca') belegt und gehört damit zu den ältesten und am weitesten verbreiteten Formulierungen dieser für die spätere Vedānta-Philosophie grundlegenden Unterscheidung zwischen dem mit Attributen versehenen (Saguṇa/Mūrta) und dem attributlosen (Nirguṇa/Amūrta) Brahman. Die Verbindung dieser Lehre mit der SILBE OṂ und ihren DREI MĀTRĀS (A-U-M) sowie deren Identifikation mit der Sonne ist zugleich eine wichtige Vorstufe zur ausführlichen Oṃkāra-Mātrā-Lehre der Māṇḍūkya-Upaniṣad.]
Wort für Wort
dve vāva brahmaṇo rūpe mūrtaṃ cāmūrtaṃ ca
zwei sind die Gestalten des Brahman: die geformte und die ungeformte [FUND: ≈Bṛhadāraṇyaka-Up. 2,3,1]
was geformt ist, ist unwahr; was ungeformt ist, ist wahr — das ist Brahman, das ist Licht
sa tredhātmānaṃ vyakuruta oṃ iti tisro mātrāḥ
es teilte sich selbst dreifach: Oṃ besteht aus drei Moren [A-U-M]
FUND — die Zwei-Brahman-Lehre (geformt/ungeformt = Mūrta/Amūrta), fast wortgleich mit Bṛhadāraṇyaka-Up. 2,3,1, verbunden mit der Drei-Mātrā-Lehre der Silbe Oṃ (A-U-M) und ihrer Identifikation mit der Sonne — Vorstufe zur Māṇḍūkya-Upaniṣad.
yad asāv ādityaḥ oṃ ity etad akṣarasya caitat, tasmād oṃ ity anenaitad upāsītājasram iti, eko'sya saṃbodhayed ity evaṃ hy āha, etad evākṣaraṃ puṇyam, etad evākṣaraṃ param, etad evākṣaraṃ jñātvā yo yad icchati tasya tat || 4, Schluss ||
'Weil jene Sonne dies, [nämlich] die Silbe OṂ, ist — deshalb soll man dies mit 'Oṃ' unablässig verehren.' 'Man selbst soll sich dessen bewusst werden' — so ist gesagt. Diese Silbe eben ist heilig [Puṇya], diese Silbe eben ist die höchste [Para]; wer diese Silbe kennend wünscht, was auch immer, dem [wird] das [zuteil].' (Maitrī-Up. 6,4, Schluss) [Anm.: Abschluss der ausführlichen Oṃ-Sonnen-Identifikations-Lehre mit der Zusicherung, dass die Kenntnis dieser heiligen Silbe jeden Wunsch erfüllt — ein häufiges Motiv am Ende von Mantra-Lehren in der Upaniṣaden-Literatur.]
Wort für Wort
etadevākṣaraṃ puṇyam etadevākṣaraṃ param
diese Silbe ist heilig, diese Silbe ist die höchste
Abschluss der Oṃ-Sonnen-Lehre: die Silbe Oṃ ist heilig und höchste, ihre Kenntnis erfüllt jeden Wunsch.
[zusammenfassend als Liste übersetzt:] Und anderswo ist auch gesagt: 'Klanghaft ist sein [des Oṃ] Leib' — [dieser besitzt folgende Dreiheits-Aspekte, jeweils den drei Mātrās A-U-M entsprechend]: Weiblich-Männlich-Sächlich — dies ist ihr GESCHLECHTS-Aspekt; Agni-Vāyu-Āditya — ihr LEUCHT-Aspekt; Brahmā-Rudra-Viṣṇu — ihr HERRSCHER-Aspekt (Trimūrti); Gārhapatya-Dakṣiṇāgni-Āhavanīya [die drei Opferfeuer] — ihr MUND-Aspekt; Ṛc-Yajus-Sāman [die drei Veden] — ihr ERKENNTNIS-Aspekt; Bhūr-Bhuvaḥ-Svar — ihr WELTEN-Aspekt; Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft — ihr ZEIT-Aspekt; Prāṇa-Agni-Sonne — ihr HITZE-Aspekt; Speise-Wasser-Mond — ihr NÄHRUNGS-Aspekt; Buddhi-Manas-Ahaṃkāra [Intellekt-Geist-Ichbewusstsein] — ihr BEWUSSTSEINS-Aspekt; Prāṇa-Apāna-Vyāna — ihr ATEM-Aspekt. Diese [Dreiheiten], solchermaßen dargelegt, verehrt und dargebracht, werden [zur Wirklichkeit] — so ist gesagt. Dies ist das zweifache Brahman, [Ziel] wahren Verlangens [Satyakāma], das höhere und das niedere — [nämlich] diese Silbe OṂ.' (Maitrī-Up. 6,5) [Anm.: FUND — eine der umfassendsten Korrespondenz-Listen der gesamten Upaniṣaden-Literatur, die praktisch alle bedeutenden vedischen Dreiheiten (Geschlechter, Leuchtkörper, Trimūrti-Götter, Opferfeuer, Veden, Welten, Zeiten, Wärmequellen, Nährstoffe, das Sāṃkhya-Bewusstseinstrio Buddhi-Manas-Ahaṃkāra, und die Atemfunktionen) auf die drei Mātrās der heiligen Silbe OṂ (A-U-M) zurückführt — eine systematische, geradezu enzyklopädische Darstellung des Oṃkāra als universales Ordnungsprinzip des Kosmos.]
Wort für Wort
brahmā rudro viṣṇuriti adhipativatyeṣā
Brahmā-Rudra-Viṣṇu — ihr Herrscher-Aspekt [Trimūrti-Zuordnung zu Oṃ]
buddhirmano'haṃkāra iti cetanavatyeṣā
Buddhi-Manas-Ahaṃkāra — ihr Bewusstseins-Aspekt [Sāṃkhya-Trio]
etaddvai satyakāmaṃ paraṃ cāparaṃ ca brahma yadoṃ ityetadakṣaram
dies ist das zweifache Brahman, das höhere und niedere — diese Silbe Oṃ
FUND — eine umfassende Korrespondenz-Liste, die praktisch alle wichtigen vedischen Dreiheiten (Trimūrti, drei Veden, drei Welten, drei Zeiten, Sāṃkhya-Bewusstseinstrio Buddhi-Manas-Ahaṃkāra u.a.) auf die drei Mātrās der Silbe Oṃ zurückführt.
[ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen Formeldichte, [?]:] athāvyāhṛtaṃ vā idam āsīt, sa tapas taptvānuvyāharad — bhūrbhuvaḥsvar iti, eṣaivāsya prajāpateḥ sthaviṣṭhā tanūr yā lokavatī, tasyāḥ śiro dyaur, nābhir bhuvo, bhūḥ pādāḥ, ādityaś cakṣuḥ, cakṣurāyattā hi puruṣasya mahatī mātrā, cakṣuṣā hy ayaṃ mātrāṃ śrayati, satyaṃ vai cakṣuḥ, tasmāc cakṣur avasthito hi puruṣaḥ sarvo'artheṣu carati, etasmād bhūrbhuvaḥsvar ity upāsīta, anena hi prajāpatir viśvātmā viśvacakṣur ivopāsito bhavatīty evaṃ hy āha, eṣā vai prajāpater viśvabhṛn nūretasyām idaṃ sarvam antarhitam, asmiṃś ca sarvasminn eṣāntarhitā, tasmād eṣopāsīta || 6 ||
[zusammenfassend übersetzt, mit Unsicherheiten [?]:] 'Zuvor war dies [die Welt] unausgesprochen; er [Prajāpati], Askese geübt habend, sprach hervor: Bhūḥ-Bhuvaḥ-Svaḥ. Dies eben ist die gröbste Gestalt [Sthaviṣṭhā Tanū] dieses Prajāpati, die welthaltige: ihr Haupt ist der HIMMEL, ihr Nabel ist der LUFTRAUM, ihre Füße [sind] die ERDE, die SONNE [ist] ihr Auge. Denn vom Auge hängt die große 'Messung' [Mātrā, Erfassungsvermögen] des Menschen ab; durch das Auge nämlich erlangt dieser [Mensch] Maß; das Auge wahrlich ist die Wahrheit [Satya]; deshalb wandelt der im Auge gegründete Mensch in allen Dingen. Deswegen soll man Bhūḥ-Bhuvaḥ-Svaḥ verehren; dadurch nämlich wird Prajāpati, der Allselbst, gleichsam als 'Allauge' verehrt — so ist gesagt. Diese [Trias] nämlich ist Prajāpatis welttragender Same [Viśvabhṛt Nūretas]; in ihr ist all dies verborgen, und in diesem Allen ist sie verborgen; darum soll man diese [Trias] verehren.' (Maitrī-Up. 6,6) [Anm.: die Beschreibung von Prajāpatis kosmischem Körper (Haupt=Himmel, Nabel=Luftraum, Füße=Erde, Auge=Sonne) reiht sich in die weitverbreitete Puruṣa-Kosmos-Körper-Tradition ein (vgl. Puruṣa-Sūkta ṚV 10,90, bereits im Taittirīya-Āraṇyaka Prap.3 vollständig übersetzt); die besondere Betonung des AUGES als Sitz der 'Wahrheit' und Erkenntnis-Instanz des Menschen ist ein eigenständiger, an anderer Stelle der Upaniṣaden-Literatur (z.B. Chāndogya-Up. 4,15, wo das Auge als 'Puruṣa' bezeichnet wird) wiederkehrendes Motiv.]
ihr Haupt ist der Himmel, ihr Nabel der Luftraum, die Erde ihre Füße, die Sonne ihr Auge
satyaṃ vai cakṣuḥ
das Auge wahrlich ist die Wahrheit
Prajāpatis kosmischer Körper (Himmel=Haupt, Luftraum=Nabel, Erde=Füße, Sonne=Auge) und die Bhūr-Bhuvaḥ-Svar-Trias als sein 'welttragender Same', verbunden mit der Lehre vom Auge als Sitz der Wahrheit.
[?, OCR-Lesung unsicher:] devas tato yo'sya bhargākhyaṃ taṃ cintayāmīty āhur brahmavādinaḥ, atha dhiyo yo naḥ pracodayād iti buddhayo vai dhiyas tā yo'smākaṃ pracodayād ity āhur brahmavādinaḥ | atha bharga iti yo ha vā amuṣminn āditye nihitas tārako'kṣiṇy eṣa bhargākhyaḥ | bhā bhargater asya hrīti bhargaḥ | bharjayatīti vaiṣa bharga iti rudro brahmavādinaḥ | atha bha iti bhāsayatīmāḻ lokān iti, rañjayatīmā bhūtāni, ga iti gacchanty asminn āgacchanty asmād imāḥ prajās, tasmād bhargatvād bhargaḥ | śaśvat sūyamānāt sūryaḥ, savanāt savitā, dānād ādityaḥ, pavanāt pāvanaḥ, athāpo'py āyanād ity evaṃ hy āha | khalv ātmana ātmā netāmṛtākhyaḥ śvetā mantā gantā sraṣṭānandayitā kartā vaktā rasayitā ghrātā draṣṭā śrotā spraṣṭā ca vibhur vigrahe saṃniviṣṭa ity evaṃ hy āha ||
[Lesung stellenweise unsicher, [?]:] Die Brahman-Kenner sagen: 'Dasjenige [am Göttlichen], das BHARGA genannt wird — DAS erwäge/betrachte ich [dhīmahi]'; und 'die Gedanken [Dhī], die uns antreiben mögen [pracodayāt]' — [dazu] sagen die Brahman-Kenner: 'Gedanken [Dhī] eben sind die Verstandeskräfte [Buddhi]; DAS [Bharga] möge diese unsere [Gedanken] antreiben.' Was nun BHARGA betrifft: das, was in jener Sonne verankert ist, der [leuchtende] Kern im Auge [Tāraka] — DAS wird Bharga genannt. '[Von] BHĀ [Leuchten] her, weil es glüht/scheint [Bhargati] — daher Bharga.' 'Weil es RÖSTET/VERSENGT [Bharjayati], darum eben ist es Bharga' — so [nennen] die Brahman-Kenner [ihn, identifiziert mit] RUDRA. Und: [die Silbe] 'BHA' [bedeutet]: 'es erleuchtet [Bhāsayati] diese Welten'; ['RA']: 'es erfreut/färbt [Rañjayati] diese Wesen'; ['GA']: 'diese Geschöpfe GEHEN [Gacchanti] in dieses [hinein] und KOMMEN [Āgacchanti] aus diesem [hervor]' — daher, aus diesem [dreifachen] Bharga-Sein, [heißt es] BHARGA. Vom stetigen Angetrieben-Werden [Sūyamāna] her [ist er] SŪRYA; vom Antreiben/Hervorbringen [Savana] her SAVITṚ; vom Geben [Dāna] her ĀDITYA; vom Reinigen/Wehen [Pavana] her PĀVANA; und auch als die WASSER [Āpaḥ], vom Fließen [Āyana] her — so ist gesagt. Wahrlich, der Selbst DES Selbst [innerster Ātman] ist: der Führer, der als Unsterblich Bezeichnete, der Reine/Weiße, der Denker, der Gehende, der Schöpfer, der Beglückende, der Handelnde, der Sprecher, der Schmeckende, der Riechende, der Sehende, der Hörende und der Berührende — und [dieser] Alldurchdringende ist im Leib niedergelassen. So ist gesagt. [Anm.: FUND — dies ist die berühmte NIRUKTA-ETYMOLOGIE DER SĀVITRĪ (des Gāyatrī-Mantra, ṚV 3,62,10: 'tat savitur vareṇyaṃ bhargo devasya dhīmahi, dhiyo yo naḥ pracodayāt'), Wort für Wort entfaltet: 'Bharga' wird zugleich mit der Sonnenpupille, mit Rudra und mit einer Silbenzerlegung Bha-Ra-Ga (Leuchten-Erfreuen-Gehen/Kommen) gedeutet, während Sūrya, Savitṛ, Āditya, Pāvana und Āpaḥ auf ähnliche Weise volksetymologisch von Verben abgeleitet werden, die ihre jeweilige kosmische Funktion beschreiben. Diese Kaṇḍikā setzt die in der vorigen Kaṇḍikā begonnene Verehrung der Bhūr-Bhuvaḥ-Svar-Trias samt Sāvitrī unmittelbar fort und bildet mit ihr eine der ausführlichsten erhaltenen vedantischen Auslegungen des Gāyatrī-Mantra.]
Wort für Wort
dhiyo yo naḥ pracodayāt
die Gedanken, die uns antreiben mögen [Zitat aus der Gāyatrī/Sāvitrī, ṚV 3,62,10]
bharjayatīti vaiṣa bharga iti rudro brahmavādinaḥ
weil es versengt, ist es Bharga — so die Brahman-Kenner, [identifiziert mit] Rudra
bha iti bhāsayati, ra iti rañjayati, ga iti gacchantyāgacchanti
Bha: es erleuchtet; Ra: es erfreut; Ga: die Wesen gehen und kommen [Silbenzerlegung von Bharga]
khalvātmana ātmā netāmṛtākhyaḥ śvetā mantā gantā
der Selbst des Selbst ist: Führer, als unsterblich Bezeichneter, Reiner, Denker, Gehender
FUND — die Niruktische (volksetymologische) Deutung des Gāyatrī/Sāvitrī-Mantra: Bharga (verbunden mit der Sonnenpupille, mit Rudra und der Silbenzerlegung Bha-Ra-Ga), sowie Sūrya, Savitṛ, Āditya, Pāvana, Āpaḥ; anschließend eine Liste der Funktionsbezeichnungen des inneren Selbst.
atha yatra dvaitībhūtaṃ vijñānaṃ tatra hi śṛṇoti paśyati jighrati rasayati caiva spṛśati, sarvam ātmā jānātīti, yatrādvaitībhūtaṃ vijñānaṃ kāryakāraṇakarmanirmuktaṃ nirvacanam anaupamyaṃ nirupākhyaṃ kiṃ tad vācyam || 7 ||
'Nun, WO die Erkenntnis [Vijñāna] DUAL [Dvaitībhūta] geworden ist, DA hört er, sieht er, riecht er, schmeckt er, und ebenso berührt er — [dort] erkennt der Selbst alles [als getrennt von sich]. WO aber die Erkenntnis NICHT-DUAL [Advaitībhūta] geworden ist — frei von Ursache, Wirkung und Handlung, unaussprechlich, unvergleichlich, unbeschreibbar — WAS wäre DAS zu nennen?' (Maitrī-Up. 6,7, Schluss) [Anm.: GRÖSSTER FUND — diese Formulierung der DUAL/NICHT-DUAL-UNTERSCHEIDUNG der Erkenntnis ist nahezu wortgleich mit der berühmten Stelle der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad (2,4,14 und wiederholt 4,5,15: 'yatra hi dvaitam iva bhavati tad itara itaraṃ paśyati... yatra tv asya sarvam ātmaivābhūt tat kena kaṃ paśyet') und gehört zu den ältesten und klarsten Vorformen der später in der Advaita-Vedānta-Philosophie zentralen Unterscheidung zwischen dualer (subjekt-objekt-getrennter) und nicht-dualer (subjekt-objekt-loser) Erkenntnis: im Zustand der Dualität funktionieren die Sinne normal (Hören/Sehen/Riechen/Schmecken/Berühren als getrennte Akte), im nicht-dualen Zustand aber ist jede Kausalitäts-, Wirkungs- und Handlungsbeziehung aufgehoben — ein Zustand, der sich jeder sprachlichen Beschreibung entzieht und daher nur mit einer offenen Frage ('was wäre das zu nennen?') beschlossen werden kann.]
Wort für Wort
yatra dvaitībhūtaṃ vijñānaṃ tatra hi śṛṇoti paśyati
wo die Erkenntnis dual geworden ist, da hört und sieht er [GRÖSSTER FUND: ≈Bṛhadāraṇyaka-Up. 2,4,14]
wo die Erkenntnis nicht-dual geworden ist, frei von Ursache, Wirkung und Handlung
nirvacanamanaupamyaṃ nirupākhyaṃ kiṃtadvācyam
unaussprechlich, unvergleichlich, unbeschreibbar — was wäre das zu nennen?
GRÖSSTER FUND — die Dual/Nicht-Dual-Unterscheidung der Erkenntnis, nahezu wortgleich mit Bṛhadāraṇyaka-Up. 2,4,14/4,5,15: im dualen Zustand funktionieren die Sinne normal, im nicht-dualen Zustand ist jede Kausal-, Wirk- und Handlungsbeziehung aufgehoben — unbeschreibbar, unvergleichlich.
'Dieser [innere Selbst] nämlich ist der HERR DES SELBST [Ātmeśāna]: ŚAMBHU, BHAVA, RUDRA, PRAJĀPATI, der ALLSCHÖPFER [Viśvasṛj], HIRAṆYAGARBHA, die WAHRHEIT [Satya], PRĀṆA, HAṂSA, der LEHRER/HERRSCHER [Śāstṛ], VIṢṆU, NĀRĀYAṆA, der STRAHLENDE [Arka], SAVITṚ, DHĀTṚ, VIDHĀTṚ, der WELTHERRSCHER [Samrāj], INDRA [und] INDU [der Mond] — so [heißt er]. Er, der so glüht wie Feuer, ist umhüllt vom tausendstrahligen GOLDENEN EI [Hiraṇmaya Aṇḍa] [?, Lesung unsicher]. Dieser eben ist zu erforschen und zu suchen: nachdem man allen Wesen Furchtlosigkeit gewährt und sich in die WALDEINSAMKEIT begeben hat, und nachdem man die Sinnesobjekte nach außen [entlassen, d.h. die Sinne zurückgezogen] hat, erfasse man DIESEN aus dem eigenen Leibe. [Lobpreis:] 'Den Allgestaltigen, Goldgelben, Allwissenden [Jātavedas], die letzte Zuflucht, das eine glühende Licht — mit tausend Strahlen, in hundertfacher Weise bestehend: dies ist der PRĀṆA [Lebenshauch] der Geschöpfe, [dies] ist die aufgehende SONNE.' (Maitrī-Up. 6,8) [Anm.: GRÖSSTER FUND — diese Litanei reiht praktisch alle großen Gottheiten des klassischen Pantheons (Rudra/Śiva-Formen wie Śambhu/Bhava, den Schöpfergott Prajāpati/Hiraṇyagarbha, Viṣṇu/Nārāyaṇa, Indra u.a.) als gleichwertige Namen EINES einzigen inneren Selbst auf — eine der explizitesten inklusivistischen Gottheiten-Gleichsetzungen der gesamten Upaniṣad-Literatur, die unmittelbar an die bereits in Prapāṭhaka 4 gefundene Tanu-Lehre und an die Rudra-Brahmā-Viṣṇu-Guṇa-Trimūrti-Lehre aus Prapāṭhaka 5 anknüpft. Bemerkenswert ist zudem die explizite ANWEISUNG ZUR WALDEINSAMKEIT [Araṇya-Gamana] verbunden mit Sinnes-Zurückziehung [Pratyāhāra] als Methode der Selbst-Erkenntnis — ein früher Beleg der später im klassischen Yoga (Patañjali) systematisierten Pratyāhāra-Praxis, hier bereits mit dem Vorsatz kombiniert, zuvor 'allen Wesen Furchtlosigkeit' [Sarvabhūtebhyo'bhayam] zu gewähren — ein ethisches Vorzeichen der asketischen Praxis.]
Wort für Wort
eṣa hi khalvātmeśānaḥ śambhurbhavo rudraḥ prajāpatiḥ
dieser ist der Herr des Selbst: Śambhu, Bhava, Rudra, Prajāpati [GRÖSSTER FUND: Götter-Litanei]
Viṣṇu, Nārāyaṇa, der Strahlende, Savitṛ, Dhātṛ, Vidhātṛ, der Weltherrscher, Indra, der Mond
sarvabhūtebhyo'bhayaṃ dattvāraṇyaṃ gatvā
nachdem man allen Wesen Furchtlosigkeit gewährt und sich in die Waldeinsamkeit begeben hat
prāṇaḥ prajānāmudayatyeṣa sūryaḥ
dies ist der Prāṇa der Geschöpfe, dies ist die aufgehende Sonne
GRÖSSTER FUND — die große Götter-Litanei (Śambhu/Bhava/Rudra/Prajāpati/Hiraṇyagarbha/Viṣṇu/Nārāyaṇa/Indra u.a. als Namen des einen inneren Selbst), verbunden mit der Anweisung zu Waldeinsamkeit und Sinnes-Zurückziehung (früher Pratyāhāra-Beleg) sowie einem Sonnen-Hymnus.
[ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen ritueller Formeldichte und unsicherer OCR-Lesung, [?]:] tasmād vā eṣa ubhayātmaivaṃ vid ātmann evābhidhyāyaty ātmann eva yajatīti dhyānam | prayogastha manaḥ vidvadbhiḥ ṛtaṃ manaḥ pūtim ucchiṣṭopahatam ity anena tat pāvayet | mantraṃ paṭhati — ucchiṣṭocchiṣṭopahataṃ yac ca pāpena dattaṃ mṛtasūtakād vā vasoḥ pavitram agniḥ savituś ca raśmayaḥ punantv annaṃ mama duṣkṛtaṃ ca yad anyat, adbhiḥ purastāt paridadhāti | prāṇāya svāhā, apānāya svāhā, vyānāya svāhā, samānāya svāhā, udānāya svāhā iti pañcabhir abhijuhoti | prāṇo'gnir viśvo'sīti ca dvābhyām ātmānam abhidhyāyet | prāṇo'gniḥ paramātmā vai pañcavāyuḥ samāśritaḥ, sa prītaḥ prīṇātu viśvaṃ viśvabhuk | viśvo'si vaiśvānaro'si, viśvaṃ tvayā dhāryate jāyamānam, viśantu tvām āhutayaś ca sarvāḥ, prajās tatra tatra viśvāmṛto'sīti | evaṃ na vidhinā khalv annenānnatvaṃ punarupaiti || 9 ||
[zusammenfassend übersetzt, mit Unsicherheiten [?]:] 'Deshalb meditiert dieser [Mensch], der so das ZWEI-SELBST-SEIN [Ubhayātman, äußeres und inneres Selbst, vgl. Kaṇḍikā 1] kennt, auf den Selbst IM Selbst und opfert allein dem Selbst [im Selbst] — dies ist [wahre] MEDITATION. Bevor er zur [Speise-]Anwendung schreitet, reinige der Wissende den Geist mit dem Gedanken, dass der Geist durch Speisereste befleckt sein könnte, mittels folgender [Formel]. Er rezitiert den Spruch: 'Was auch immer durch Speisereste oder Rest-vom-Rest befleckt, was durch Sünde gegeben, oder durch Tod- oder Geburtsbefleckung [an Reichtum/Wesen anhaftet] — Agni sei die Reinigung, und die Strahlen Savitṛs mögen meine Speise reinigen, und was sonst noch mein Fehlverhalten ist [reinigen]' — mit Wasser legt er [dies] sich voran hin. [Dann opfert er:] 'Dem PRĀṆA — Svāhā! Dem APĀNA — Svāhā! Dem VYĀNA — Svāhā! Dem SAMĀNA — Svāhā! Dem UDĀNA — Svāhā!' — mit diesen FÜNF [Opferformeln] vollzieht er das Opfer [das PRĀṆĀGNIHOTRA]. Mit den zwei [weiteren Formeln] 'Prāṇa ist Agni' und 'du bist das All [Viśva]' meditiere er auf das Selbst: 'Prāṇa, das Feuer, ist wahrlich der höchste Selbst, gestützt auf die fünf Lebenshauche; er, zufrieden, möge das All erfreuen, er, der das All verzehrt. Du bist das All, du bist VAIŚVĀNARA; das entstehende All wird von dir getragen. In dich mögen eingehen alle Opfergaben und Geschöpfe allüberall — du bist die Unsterblichkeit des Alls.' So erlangt die Speise, gemäß dieser Vorschrift, ihr [bloßes] Speise-Sein nicht mehr zurück [d.h.: durch dieses Ritual wird gewöhnliches Essen zum heiligen Akt, der nicht in profane 'bloße Nahrungsaufnahme' zurückfällt].' (Maitrī-Up. 6,9) [Anm.: FUND — dies ist das klassische PRĀṆĀGNIHOTRA, das rituelle 'Feueropfer der fünf Lebenshauche' vor jeder Mahlzeit (Prāṇa, Apāna, Vyāna, Samāna, Udāna als die fünf Vitalfunktionen, bereits aus Prapāṭhaka 2 bekannt), das jede Nahrungsaufnahme in ein Opfer an das innere Selbst/Feuer verwandelt — eine Praxis, die in zahlreichen späteren Dharmaśāstra- und Yoga-Texten als tägliche Pflicht des Hausvaters vorgeschrieben wird und die Identifikation von Prāṇa, Agni und Vaiśvānara (dem allverzehrenden, alldurchdringenden Feuer) unmittelbar mit dem vorausgehenden Sonnen-Prāṇa-Feuer-Komplex dieses Prapāṭhaka verknüpft.]
du bist das All, du bist Vaiśvānara, das entstehende All wird von dir getragen
FUND — das Prāṇāgnihotra: rituelle Reinigung der Speise und Opfer an die fünf Lebenshauche (Prāṇa/Apāna/Vyāna/Samāna/Udāna) als tägliches Feueropfer, das gewöhnliches Essen in einen heiligen Akt verwandelt; Identifikation von Prāṇa, Agni und Vaiśvānara.
'Nun ist ferner Folgendes zu wissen: die weitere Ausgestaltung dieses SELBST-OPFERS [Ātmayajña], wie [sie] im Speise-Mantra usw. dargelegt [ist] — dies [nun] ist dessen [nähere] Erklärung. Der PURUṢA ist der WAHRNEHMENDE [Cetā], im PRADHĀNA [Urstoff/Prakṛti] befindlich; er allein ist der GENIESSER [Bhoktā], [er] genießt die aus Prakṛti bestehende Speise. Dessen ELEMENT-SELBST [Bhūtātman] ist zwar der 'Täter' dieser [Verarbeitung der] Speise, [doch] das PRADHĀNA [selbst ist der eigentliche] Handelnde [Kartṛ]. Deshalb ist das zu GENIESSENDE [Bhojya] DREIGUNIG [Triguṇa], der GENIESSER aber ist der Puruṣa, innen befindlich — hier ist [dies] als das UNMITTELBAR WAHRGENOMMENE [Dṛṣṭa] bekannt. Da die Geschöpfe [Paśu] nämlich aus dem SAMEN [Bīja] entstehen, ist der Same das zu Genießende; damit eben ist die Genießbarkeit [Bhojyatva] des Pradhāna erklärt. Deshalb: Genießer ist der Puruṣa, das zu Genießende ist die PRAKṚTI [Natur]; in ihr befindlich genießt er [sie] — so [heißt es]. Die aus Prakṛti bestehende Speise ist, da sie eine nach den drei Guṇas differenzierte TRANSFORMATION ist, [in ihrem ganzen Umfang] von MAHAT [dem 'Großen', der kosmischen Erst-Intelligenz] bis hinab zu den [gröbsten] Einzeldingen [Viśeṣa] das [sogenannte] LIṄGA [der Subtilkörper]. Damit eben ist zugleich eine Erklärung des VIERZEHNFACHEN DASEINSPFADES [Caturdaśavidha Mārga, die 14 Daseinsbereiche] gegeben. Diese Welt, gekennzeichnet durch Lust, Leid und Verblendung, besteht [ganz] aus GEGENSATZPAAREN [Dvandva]. Denn der Same hat kein [Erleben von] Wohlgeschmack, solange keine Keimung/Geburt [Prasūti] [erfolgt] ist. Auch bei ihm [dem Leib] gibt es so in DREI ZUSTÄNDEN [Kindheit, Jugend, Alter] ein 'Speise-Sein' [Annatva]: KINDHEIT, JUGEND, ALTER — wegen [ihres] Wandels [Pariṇāma] ist dies [ihr jeweiliges] Speise-Sein. So kommt es, wenn das Pradhāna in die MANIFESTATION [Vyaktatā] eingetreten ist, zur [unmittelbaren] Wahrnehmung; darin werden der Buddhi [Intellekt] und dergleichen zu den 'Wohlschmeckenden' [d.h. den Objekten des Genusses].' (Maitrī-Up. 6,9-10) [Anm.: GRÖSSTER FUND — eine der explizitesten und technisch entwickeltsten SĀṂKHYA-DARLEGUNGEN der gesamten älteren Upaniṣad-Literatur: Puruṣa (der reine Genießer/Zuschauer) und Prakṛti/Pradhāna (der dreigunige Urstoff, zugleich das Genossene) werden klar als Genießer und Genossenes unterschieden; MAHAT (die kosmische Erst-Intelligenz, im klassischen Sāṃkhya die erste Evolute der Prakṛti) und das LIṄGA (der Subtilkörper, der durch alle Wiedergeburten wandert) werden ausdrücklich genannt — beides Kernbegriffe des klassischen, später von Īśvarakṛṣṇas Sāṃkhyakārikā systematisierten Sāṃkhya-Systems. Der 'Same' als Bild für das noch unentfaltete Pradhāna, das erst in der Manifestation 'genießbar' bzw. wahrnehmbar wird, sowie die Drei-Lebensphasen-Analogie (Kindheit/Jugend/Alter als Ausdruck ständigen Wandels) und der Verweis auf einen 'vierzehnfachen Daseinspfad' [die 14 traditionellen Daseinsbereiche/Lokas] zeigen, dass die Maitrāyaṇīya-Śākhā zu den am stärksten vom klassischen Sāṃkhya-Yoga beeinflussten Upaniṣaden zählt — ein Umstand, der in der Forschung seit langem als eines ihrer charakteristischsten Merkmale gilt.]
Wort für Wort
puruṣaścetā pradhānāntasthaḥ sa eva bhoktā prākṛtamannaṃ bhuṅkta iti
der Puruṣa ist der Wahrnehmende, im Pradhāna befindlich; er ist der Genießer der aus Prakṛti bestehenden Speise [GRÖSSTER FUND: Sāṃkhya-Terminologie]
tasmāttriguṇaṃ bhojyaṃ bhoktā puruṣo'ntaḥsthaḥ
deshalb ist das Genossene dreigunig, der Genießer ist der Puruṣa, innen befindlich
damit ist eine Erklärung des vierzehnfachen Daseinspfades gegeben
kaumāraṃ yauvanaṃ jarāpariṇāmatvāttadannatvam
Kindheit, Jugend, Alter — wegen ihres Wandels ist dies ihr Speise-Sein
GRÖSSTER FUND — explizite Sāṃkhya-Terminologie (Puruṣa als Genießer/Cetā, Pradhāna/Prakṛti als Genossenes, Triguṇa, Mahat, Liṅga als Subtilkörper, vierzehnfacher Daseinspfad) — eine der technisch am weitesten entwickelten Sāṃkhya-Darlegungen der älteren Upaniṣad-Literatur.
[zusammenfassend übersetzt:] 'Entschlusskraft, Wille und Ich-Bewusstsein' [Buddhi, Manas, Ahaṃkāra] — so werden die fünf Sinnesobjekte zu 'Wohlschmeckendem'. So sind alle Sinnestätigkeiten eben Tätigkeiten des PRĀṆA; [es gibt] das Manifeste innen, das Unmanifeste dessen Innerstes; der GENIESSER [Puruṣa] ist frei von Guṇas [Nirguṇa], seine Bewusstheit [Caitanya] ist gerade DURCH sein Genießer-Sein bekannt. Wie Agni der Speise-Esser der Götter ist [und] Soma [seine] Speise — [doch] durch Agni eben [geschieht] die Speise[-Aufnahme] — wer dies so weiß: dieses Elementar-Selbst, 'Soma' genannt, wird auch 'Agni' genannt und hat das Unmanifeste als sein 'Mundwerkzeug' [Mukha]; damit ist gesagt: der Puruṣa genießt durch das 'Mundwerkzeug' des Unmanifesten das Dreigunige. Wer dies so weiß, ist ein RENUNZIANT [Saṃnyāsī], ein YOGI und ein SELBST-OPFERER [Ātmayājī]. Und: so wie jemand, wenn in ein leeres Haus verführerische Frauen eingetreten sind [und] die Sinnesobjekte berühren, von diesen Eingetretenen NICHT berührt wird — [ebenso bleibt der Wissende unberührt]: [er ist] Renunziant, Yogi und Selbst-Opferer.' (Maitrī-Up. 6,10) [Anm.: das Gleichnis vom unberührt bleibenden Bewohner eines Hauses, in das verführerische Frauen eindringen, illustriert eindrücklich die angestrebte innere Unberührtheit des wissenden Puruṣa inmitten der Sinnesreize — ein frühes asketisches Bild für das später zentrale Yoga-Konzept der Vairāgya (Leidenschaftslosigkeit).]
der Genießer ist frei von Guṇas; seine Bewusstheit ist durch sein Genießer-Sein bekannt
yo haivaṃ veda saṃnyāsī yogī cātmayājī ceti
wer dies so weiß, ist Renunziant, Yogi und Selbst-Opferer
Der nirguṇe Genießer und die Agni-Soma-Analogie; Definition von Saṃnyāsī/Yogī/Ātmayājī; Gleichnis vom Unberührtbleiben bei verführerischen Eindringlingen im leeren Haus als Bild der Vairāgya.
paraṃ vā etad ātmano rūpaṃ yad annam, ayo hy ayaṃ prāṇaḥ | atha na yad aśnāty amantāḥ śrotā spraṣṭā draṣṭā vaktā ghrātā rasayitā bhavati, prāṇāṃ chṛt srjatīty evaṃ hy āha | atha yadi khalv aśnāti prāṇasamṛddho bhūtvā mantā bhavati śrotā bhavati spraṣṭā bhavati vaktā bhavati rasayitā bhavati ghrātā bhavati draṣṭā bhavatīti | evaṃ hy āha — annād vai prajāḥ prajāyante yāḥ kāś cit pṛthivīṃ śritāḥ, ato'nnenaiva jīvanty athaitad api yanty antataḥ || 11 ||
'Dies, die SPEISE [Anna], ist nämlich die HÖCHSTE FORM des Selbst — denn aus ihr [besteht] dieser Prāṇa [Lebenshauch]. Wenn man aber NICHT isst, wird man kein Denker, Hörer, Berührer, Seher, Sprecher, Riecher [oder] Schmecker — [denn ohne Nahrung] löst [der Mangel] den Prāṇa auf — so ist gesagt. Wenn man aber ISST, wird man, mit Prāṇa erfüllt, [wieder] zum Denker, Hörer, Berührer, Sprecher, Schmecker, Riecher [und] Seher — so ist gesagt. Aus der SPEISE nämlich werden die Geschöpfe geboren, wie viele auch immer auf der Erde weilen; von der Speise allein leben sie, und in sie gehen sie am Ende auch wieder ein.' (Maitrī-Up. 6,11) [Anm.: FUND — der Schlussvers 'annād vai prajāḥ prajāyante yāḥ kāś cit pṛthivīṃ śritāḥ...' findet sich nahezu wortgleich auch in der Taittirīya-Upaniṣad (2,2,1 und 3,2,1: 'annādvai prajāḥ prajāyante yāḥ kāścit pṛthivīṃ śritāḥ') — beide Traditionen (Taittirīya- und Maitrāyaṇīya-Śākhā) teilen damit denselben Speise-Lobpreis-Vers, was auf einen gemeinsamen älteren liturgischen Fundus beider Yajurveda-Schulen hinweist.]
aus der Speise werden die Geschöpfe geboren, wie viele auch auf der Erde weilen [FUND: ≈Taittirīya-Up. 2,2,1]
ato'nnenaiva jīvantyathaitadapiyantyantataḥ
von der Speise allein leben sie, und in sie gehen sie am Ende wieder ein
FUND — Speise als höchste Form des Selbst; ohne Essen versagen alle Sinnesfunktionen; der Vers 'annād vai prajāḥ prajāyante...' ist nahezu wortgleich mit Taittirīya-Up. 2,2,1/3,2,1 belegt.
'Nun, anderswo ist auch gesagt: Alle diese Wesen stürzen Tag für Tag [danach], die Speise zu ergreifen; die SONNE nimmt mit ihren Strahlen die Speise, und dadurch glüht sie; von diesem [Glühen] geweiht/durchdrungen kochen [verdauen] diese Lebenshauche [die Speise]; oder: Agni [das Verdauungsfeuer] entflammt durch die Speise, [gleichsam] speise-begierig — dies alles ist von Brahman [so] eingerichtet worden. Darum verehre man die SPEISE ALS SELBST — so ist gesagt. Aus der Speise werden die Wesen geboren; geboren, wachsen sie durch sie; sie VERZEHRT [Atti] die Wesen UND WIRD [von ihnen] VERZEHRT [Adyate] — deshalb wird sie ANNAM [Speise, von der Wurzel Ad-, 'essen'] genannt.' (Maitrī-Up. 6,12) [Anm.: FUND — der Schlussvers 'adyate'tti ca bhūtāni tasmād annaṃ tad ucyate' ist beinahe wortgleich mit dem berühmten Speise-Etymologie-Vers der Taittirīya-Upaniṣad (2,2,1: '...tad yad idam adyate yena tad annaṃ tad ucyate'), ein weiterer Beleg für den gemeinsamen älteren Speise-Hymnen-Fundus beider Yajurveda-Śākhās.]
Wort für Wort
sarvāṇi ha vā imāni bhūtānyaharahaḥ prapatantyannamabhijighṛkṣamāṇāni
alle diese Wesen stürzen Tag für Tag danach, die Speise zu ergreifen
ato'nnamātmetyupāsīta
darum verehre man die Speise als Selbst
adyate'tti ca bhūtāni tasmādannaṃ taducyate
sie verzehrt und wird verzehrt von den Wesen — deshalb wird sie Annam genannt [FUND: ≈Taittirīya-Up. 2,2,1]
FUND — Sonne und Verdauungsfeuer als von Brahman eingerichtete Speise-Verzehrer; die Anweisung 'Speise als Selbst verehren'; die Speise-Etymologie (Annam = das, was verzehrt und verzehrt wird), fast wortgleich mit Taittirīya-Up. 2,2,1.
athānyatrāpy uktaṃ — viśvabhṛd vai nāmaiṣā tanūr bhagavato viṣṇor yad idam annam, prāṇo vā annasya rasaḥ, manaḥ prāṇasya, vijñānaṃ manasaḥ, ānandaṃ vijñānasyety annavān prāṇavān manasvān vijñānavān ānandavāṃś ca bhavati yo haivaṃ veda | yāvantīha vai bhūtāny annam adanti tāvat svantaḥstho'nnam atti yo haivaṃ veda | annam eva vijaram annaṃ saṃvananaṃ smṛtam | annaṃ paśūnāṃ prāṇo'nnaṃ jyeṣṭham annaṃ bhiṣaksmṛtam || 13 ||
'Nun, anderswo ist auch gesagt: 'DIE WELT TRAGENDE' [Viśvabhṛt] ist der Name dieses Leibes des ehrwürdigen VIṢṆU, [nämlich] diese SPEISE. PRĀṆA nun ist die ESSENZ [Rasa] der Speise, das DENKEN [Manas] die [Essenz] des Prāṇa, die ERKENNTNIS [Vijñāna] die [Essenz] des Denkens, die WONNE [Ānanda] die [Essenz] der Erkenntnis; speisereich, prāṇareich, denkreich, erkenntnisreich und wonnereich wird, wer dies so weiß. Wie viele Wesen hier auch die Speise verzehren — ebenso viele verzehrt, in ihnen allen wohnend, [auch] er als Speise — wer dies so weiß. Die Speise allein wird die ALTERSLOSE [Vijara] genannt, die Speise gilt als die VERBINDENDE [Saṃvanana]; die Speise ist der Lebenshauch der Tiere, die Speise ist die ÄLTESTE, die Speise gilt als der ARZT [Bhiṣaj].' (Maitrī-Up. 6,13) [Anm.: FUND — die hier genannte Stufenfolge SPEISE → PRĀṆA → MANAS → VIJÑĀNA → ĀNANDA als aufeinanderfolgende 'Essenzen' [Rasa] entspricht exakt der berühmten PAÑCAKOŚA-LEHRE der Taittirīya-Upaniṣad (Brahmānanda-Vallī 2,1-5: Annamaya-, Prāṇamaya-, Manomaya-, Vijñānamaya- und Ānandamaya-Kośa) — ein weiterer bedeutsamer Beleg für den engen inhaltlichen Zusammenhang zwischen der Maitrāyaṇīya- und der bereits vollständig übersetzten Taittirīya-Śākhā. Die Identifikation der Speise mit dem 'Leib' Viṣṇus [Viśvabhṛt] ist zugleich ein früher Beleg vaiṣṇavitischer Theologie innerhalb dieser sonst stark śivaitisch/rudraitisch geprägten Upaniṣad.]
die Speise ist der Lebenshauch der Tiere, die Älteste, gilt als der Arzt
FUND — die Speise als Leib Viṣṇus (Viśvabhṛt); die Stufenfolge Speise-Prāṇa-Manas-Vijñāna-Ānanda entspricht exakt der Pañcakośa-Lehre der Taittirīya-Up. (Brahmānanda-Vallī 2,1-5).
[zusammenfassend übersetzt:] 'Nun, anderswo ist auch gesagt: die SPEISE ist der URSPRUNG [Yoni] dieses ganzen [Alls], die ZEIT [Kāla] der Ursprung der Speise, die SONNE der Ursprung der Zeit. Die GESTALT der Zeit ist diese: aus den Zeit-Einheiten, beginnend mit dem Augenblick [Nimeṣa], zusammengesetzt, [bildet sie] das aus zwölf [Monaten] bestehende JAHR [Vatsara]; von diesem ist die eine Hälfte, von Maghā bis zur Hälfte des Śraviṣṭhā-Nakṣatra, die 'VĀRUṆA/AGNEYA'-[Hälfte, das Uttarāyaṇa]; und, in umgekehrter Reihenfolge, von Sarpa bis zum Ende der Śraviṣṭhā-Hälfte, die 'SAUMYA'-[Hälfte, das Dakṣiṇāyana]. Wie viele Teile [Kalā] die Zeit hat, in ebenso vielen bewegt sich jene [Sonne]; wer die ZEIT ALS BRAHMAN VEREHRT — von dem weicht die Zeit fern — so ist gesagt. Aus der ZEIT fließen die Wesen hervor, durch die Zeit gelangen sie zum Wachstum, und in der Zeit gehen sie unter [Astam]; die Zeit ist [zugleich] GEFORMT [Mūrti] und UNGEFORMT [Amūrtimant].' (Maitrī-Up. 6,14) [Anm.: FUND — eine Ursprungskette Speise←Zeit←Sonne wird hier aufgestellt, verbunden mit einer detaillierten kalendarisch-astronomischen Beschreibung des Jahres (Einteilung in zwei Halbjahre nach Nakṣatras, entsprechend Uttarāyaṇa und Dakṣiṇāyana). Die abschließende Formel 'die Zeit ist geformt und ungeformt' bereitet unmittelbar die berühmte KĀLA-AKĀLA-BRAHMAN-LEHRE der folgenden, abschließenden Kaṇḍikā vor.]
Wort für Wort
annaṃ vā asya sarvasya yoniḥ kālaścānnasya sūryo yoniḥ kālasya
Speise ist der Ursprung von allem, Zeit der Ursprung der Speise, die Sonne der Ursprung der Zeit
wer die Zeit als Brahman verehrt, dem weicht die Zeit fern
kālo mūrtiramūrtimān
die Zeit ist geformt und ungeformt
FUND — die Ursprungskette Speise-Zeit-Sonne; detaillierte kalendarische Beschreibung des Jahres (Uttarāyaṇa/Dakṣiṇāyana nach Nakṣatras); 'wer die Zeit als Brahman verehrt, dem weicht die Zeit fern'; die Zeit als geformt und ungeformt zugleich.
dve vāva brahmaṇo rūpe — kālaś cākālaś ca, atha yaḥ prāg ādityāt so'kālo'kalaḥ, atha ya ādityādyaḥ sa kālaḥ sakalaḥ, sakalasya vā etad rūpaṃ yat saṃvatsaraḥ, saṃvatsarāt khalv imāḥ prajāḥ prajāyante, saṃvatsareṇeha vai jātā vivardhante, saṃvatsare praty astaṃ yanti, tasmāt saṃvatsaro vai prajāpatiḥ kālo'nnaṃ brahmanīḍam ātmā cety evaṃ hy āha | kālaḥ pacati bhūtāni sarvāṇy eva mahātmani | yasmiṃs tu pacyate kālo yas taṃ veda sa vedavit || 15 ||
'ZWEI nun sind die Formen des BRAHMAN: die ZEIT [Kāla] und die ZEITLOSIGKEIT [Akāla]. Was nun VOR der Sonne [existiert] — das ist das Zeitlose, das TEILLOSE [Akala]. Was aber MIT der Sonne beginnt — das ist die Zeit, das [in] TEILE [Gegliederte, Sakala]. Und von dieser [Zeit]-mit-Teilen ist DIES die Gestalt: das JAHR [Saṃvatsara]. Aus dem Jahr nämlich werden diese Geschöpfe geboren; durch das Jahr wachsen die hier Geborenen; im Jahr gehen sie wieder unter. Deshalb ist das Jahr eben: PRAJĀPATI, ZEIT, SPEISE, das 'NEST DES BRAHMAN' [Brahmanīḍa] UND das SELBST [Ātman] — so ist gesagt. Die ZEIT KOCHT ALLE WESEN im GROSSEN SELBST [Mahātman]. WER ABER WEISS, WORIN die Zeit SELBST GEKOCHT WIRD — DER ist der [wahre] KENNER DES VEDA [Vedavit].' (Maitrī-Up. 6,15) [Anm.: GRÖSSTER FUND — dies ist die weithin berühmte KĀLA-AKĀLA-BRAHMAN-LEHRE (Maitrī-Up. 6,15), eine der meistzitierten Stellen der gesamten Upaniṣad und eine der klarsten Unterscheidungen zwischen einem 'zeitlichen' und einem 'zeitlosen' Aspekt des Brahman in der gesamten vedischen Literatur: alles, was 'vor der Sonne' bzw. jenseits ihrer war, gilt als das teillose Zeitlose, während alles, was mit der Sonne (und damit mit messbarer Bewegung) beginnt, als die gegliederte Zeit gilt, deren konkreteste Form der Jahreslauf ist. Die Gleichsetzung des Jahres mit Prajāpati, Zeit, Speise und Ātman fasst die gesamte vorangehende Speise-Zeit-Kausalkette (Kaṇḍikā 11-14) zusammen. Der abschließende Paradox-Satz — 'die Zeit kocht alle Wesen im Großen Selbst, doch wer weiß, WORIN die Zeit SELBST gekocht wird, ist der wahre Kenner' — postuliert damit implizit eine Realität JENSEITS der Zeit selbst (das Akala/Zeitlose Brahman), die selbst die Zeit noch 'verdaut' bzw. enthält, und gehört zu den philosophisch kühnsten Formulierungen der Maitrī-Upaniṣad. KORREKTUR: Kaṇḍikā 15 beschließt NICHT den sechsten Prapāṭhaka insgesamt — dieser ist, wie die Kapitel-Anmerkung erläutert, der bei weitem umfangreichste Prapāṭhaka und wird in den folgenden Einheiten mit Kaṇḍikā 16 fortgesetzt (Kāla-Sindhurāja-Lehre, Ākāśa-Brahman, Ṣaḍaṅga-Yoga, Suṣumnā-Nāḍī, Śabda-/Aśabda-Brahman u.a.).]
Wort für Wort
dve vāva brahmaṇo rūpe kālaścākālaśca
zwei sind die Formen des Brahman: Zeit und Zeitlosigkeit [GRÖSSTER FUND: Kāla-Akāla-Lehre]
yaḥ prāgādityāt so'kālo'kalaḥ atha ya ādityādyaḥ sa kālaḥ sakalaḥ
was vor der Sonne ist, ist das teillose Zeitlose; was mit der Sonne beginnt, ist die gegliederte Zeit
tasmātsaṃvatsaro vai prajāpatiḥ kālo'nnaṃ brahmanīḍamātmā ceti
deshalb ist das Jahr Prajāpati, Zeit, Speise, das Nest des Brahman und das Selbst
kālaḥ pacati bhūtāni sarvāṇyeva mahātmani
die Zeit kocht alle Wesen im Großen Selbst
yasmiṃstu pacyate kālo yastaṃ veda sa vedavit
wer aber weiß, worin die Zeit selbst gekocht wird, ist der wahre Kenner des Veda
GRÖSSTER FUND — die Kāla-Akāla-Brahman-Lehre (Maitrī-Up. 6,15): Zeit und Zeitlosigkeit als zwei Formen des Brahman, das Jahr als Prajāpati/Zeit/Speise/Brahmanīḍa/Ātman; der Schluss-Paradox 'wer weiß, worin die Zeit selbst gekocht wird, ist der wahre Vedavit' — Abschluss des sechsten Prapāṭhaka. [Kaṇḍikā 15 beschließt NICHT den ganzen Prapāṭhaka 6 — dieser wird fortgesetzt.]
[Lesung stellenweise unsicher, [?]:] 'Diese ZEIT [Kāla], mit [greifbarer] Gestalt versehen, ist der SINDHURĀJA [Strom-/Meer-König] der Geschöpfe; sie, in jenem [Gestirn] verankert, ist SAVITṚ, von dem eben Monate, Mond, [Kometen-]Strahlen, Planeten, Jahre und dergleichen hervorgebracht werden; und von diesen [wiederum] all dies [hier] — was auch immer an Gutem oder Schlechtem hier in dieser Welt erscheint, das [kommt] von diesen. Deshalb ist die SONNE der Selbst, das BRAHMAN. So verehre man die mit dem Namen der Zeit [bezeichnete] Sonne: 'Die Sonne ist Brahman' — als EINES — so ist gesagt. [Lobpreis:] 'Der Opferer [Hotṛ], der Genießer, die Opfergabe, der Spruch, das Opfer, Viṣṇu, Prajāpati — jeder [und] alles, der Herr, der Zeuge [Sākṣin] — [das ist] er, der in jenem [Sonnen-]Rund erscheint.' (Maitrī-Up. 6,16) [Anm.: die Zeit wird hier zunächst als eigenständige kosmische Macht ('Sindhurāja', wörtlich etwa 'König der Ströme/des Meeres', vermutlich als Bild für den unaufhaltsamen 'Strom' der Zeit) mit der Sonne (Savitṛ) gleichgesetzt, aus der alle kalendarischen Einheiten und in der Folge alles Weltgeschehen — Gutes wie Schlechtes — hervorgehen; daraus wird die Formel 'die Sonne ist Brahman' abgeleitet und die Sonne zugleich als Inbegriff aller Opfer-Rollen (Opferer, Genießer, Gabe, Spruch, Opfer selbst) sowie der großen Götter Viṣṇu und Prajāpati und als universaler Zeuge [Sākṣin] gepriesen.]
Wort für Wort
vigrahavāneṣa kālaḥ sindhurājaḥ prajānām
diese Zeit, mit Gestalt versehen, ist der Sindhurāja der Geschöpfe
tasmādādityātmā brahma
deshalb ist die Sonne der Selbst, das Brahman
hotā bhoktā havirmantro yajño viṣṇuḥ prajāpatiḥ
der Opferer, der Genießer, die Opfergabe, der Spruch, das Opfer, Viṣṇu, Prajāpati
Die Zeit als 'Sindhurāja' der Geschöpfe, mit der Sonne (Savitṛ) identifiziert, aus der alle kalendarischen Einheiten und alles Weltgeschehen hervorgehen; 'die Sonne ist Brahman', zugleich Inbegriff aller Opfer-Rollen und universaler Zeuge.
brahma ha vā idam agra āsīt, eko'nantaḥ, prāg anantaḥ, dakṣiṇato'nantaḥ, pratīcyanantaḥ, udīcyanantaḥ, ūrdhvaṃ cāvāṅ ca sarvato'nantaḥ | na hy asya prācyādi diśaḥ kalpante, atha tiryag vāvāṅ vordhvaṃ vānūhya eṣa parātmā aparimito'jaḥ | atarkyo'cintya eṣa ākāśātmā, evaiṣa kṛtsnaś ca eko jāgarti | ity etasmād ākāśād eṣa khalv idaṃ cetāmātraṃ bodhayaty, anenaiva cedaṃ dhyāyate'smiṃś ca pratyastaṃ yāti | asyaitad dāsvaraṃ rūpaṃ yad amuṣminn āditye tapaty, agnau cāthūmake, yajñe jyotiś citram udarasthaṃ, atha vā yaḥ pacaty annam ity evaṃ hy āha | yaś caiṣo'gnau yaś cāyaṃ hṛdaye yaś cāsāv āditye sa eṣa eka ity ekasya haikatvam eti ya evaṃ veda || 17 ||
'BRAHMAN war dies wahrlich im ANFANG: EINES, UNENDLICH — unendlich nach Osten, unendlich nach Süden, unendlich nach Westen, unendlich nach Norden, [und] unendlich nach oben und unten [und] nach allen Seiten. Denn für dieses gelten nicht die Richtungen wie Osten usw., noch [gilt für es] quer, unten oder oben — dieser HÖCHSTE SELBST ist UNERMESSLICH [Aparimita], UNGEBOREN [Aja]. UNAUSDENKBAR [Atarkya], UNVORSTELLBAR [Acintya] ist dieser ÄTHER-SELBST [Ākāśātman]; so bleibt dieser GANZE [Kosmos], der EINE, WACH [Jāgarti]. Aus diesem ÄTHER heraus erweckt dieser [Selbst] eben dieses [All] als BLOSSES BEWUSSTSEIN [Cetāmātra]; durch eben dieses [Bewusstsein] wird dieses [All] gedacht/betrachtet, und in dieses [Bewusstsein] geht es [am Ende] auch wieder unter. Dessen STRAHLENDE FORM ist jene, die in jener SONNE glüht, und im rauchlosen FEUER, [und] im Opfer als das wundersame Licht, das im Bauch wohnt — oder auch das, was die Speise kocht — so ist gesagt. Und das, was IM FEUER ist, und das, was HIER IM HERZEN ist, und das, was DORT IN DER SONNE ist — DAS ist EIN UND DASSELBE; und wer dies so weiß, erlangt die EINSWERDUNG MIT DEM EINEN.' (Maitrī-Up. 6,17) [Anm.: GRÖSSTER FUND — die ĀKĀŚA-BRAHMAN-LEHRE: Brahman als das ursprüngliche, nach allen Richtungen unendliche, richtungslose, unermessliche und ungeborene Prinzip, das als 'Äther-Selbst' [Ākāśātman] alles Sein als bloßes Bewusstsein 'erweckt' und in das am Ende alles wieder eingeht — eine der klarsten kosmologisch-idealistischen Formulierungen der Upaniṣaden-Literatur, eng verwandt mit ähnlichen Ākāśa-Lehren der Chāndogya-Upaniṣad (3,14; 8,1). Die abschließende FEUER-HERZ-SONNE-EINHEITSFORMEL knüpft unmittelbar an das bereits in Prapāṭhaka 2 behandelte 'Agni-Vaiśvānara-Ohr-Experiment' und an die in Kaṇḍikā 6 dieses Prapāṭhaka entfaltete Sonnen-Puruṣa-Feuer-Identifikation an und bildet damit einen der zentralen Kulminationspunkte der gesamten Maitrī-Upaniṣad-Kosmologie.]
Wort für Wort
brahma ha vā idamagra āsīt eko'nantaḥ
Brahman war dies im Anfang, eines, unendlich [GRÖSSTER FUND: Ākāśa-Brahman-Lehre]
dieser höchste Selbst ist unermesslich, ungeboren, unausdenkbar, unvorstellbar — dieser Äther-Selbst
evaiṣa kṛtsnaśca eko jāgarti
so bleibt dieser ganze Kosmos, der Eine, wach
yaścaiṣo'gnau yaścāyaṃ hṛdaye yaścāsāvāditye sa eṣa eka
was im Feuer ist, was im Herzen ist, was in der Sonne ist — das ist eines
GRÖSSTER FUND — die Ākāśa-Brahman-Lehre: Brahman als das ursprüngliche, nach allen Richtungen unendliche, richtungslose, unermessliche, ungeborene Äther-Selbst, das als bloßes Bewusstsein alles Sein erweckt; die Feuer-Herz-Sonne-Einheitsformel.
'So [ist] dort die praktische Methode [Prayogakalpa]: PRĀṆĀYĀMA [Atemkontrolle], PRATYĀHĀRA [Sinnes-Zurückziehung], DHYĀNA [Meditation], DHĀRAṆĀ [Konzentration], TARKA [Erwägung/Reflexion] [und] SAMĀDHI [Versenkung] — diese SECHS GLIEDER werden YOGA genannt. Wenn der Schauende durch diesen [Sechsgliedrigen Yoga] den GOLDFARBENEN [Rukmavarṇa] SCHÖPFER [Kartṛ], den HERRN [Īśa], den PURUṢA, den URSPRUNG DES BRAHMAN [Brahmayoni], schaut — dann legt der Wissende Verdienst und Sünde [Puṇya und Pāpa] ab und macht alles EINS im höchsten Unvergänglichen [Para Avyaya] — so ist gesagt. So wie wilde Tiere und Vögel einen BRENNENDEN BERG nicht aufsuchen, so suchen FEHLER [Doṣa] die Kenner des Brahman niemals auf.' (Maitrī-Up. 6,18) [Anm.: GRÖSSTER FUND — dies ist die berühmte ṢAḌAṄGA-YOGA-LEHRE, eine der frühesten und einflussreichsten formalen Aufzählungen der Glieder des Yoga in der gesamten Sanskrit-Literatur. Sie unterscheidet sich bezeichnend vom später kanonisch gewordenen ACHTGLIEDRIGEN YOGA [Aṣṭāṅga-Yoga] des Patañjali (der zusätzlich Yama, Niyama und Āsana voranstellt und stattdessen 'Tarka' durch 'Niyama' u.a. ersetzt): hier bilden PRĀṆĀYĀMA, PRATYĀHĀRA, DHYĀNA, DHĀRAṆĀ, TARKA und SAMĀDHI die sechs Stufen, wobei TARKA (das rationale Erwägen/Reflektieren) eine im klassischen Yoga-System spätere nicht mehr eigenständig geführte Stufe darstellt. Diese Kaṇḍikā gilt in der Yoga-Forschung als einer der ältesten Belege für ein systematisches, mehrstufiges Yoga-Modell überhaupt und wird in praktisch jeder Geschichte des klassischen Yoga zitiert. Das abschließende Gleichnis vom brennenden Berg, den Tiere meiden, illustriert eindrücklich, wie moralische Verfehlungen [Doṣa] den Brahman-Kenner nicht mehr berühren.]
wie wilde Tiere und Vögel einen brennenden Berg nicht aufsuchen, so suchen Fehler die Brahman-Kenner niemals auf
GRÖSSTER FUND — die Ṣaḍaṅga-Yoga-Lehre: die sechs Glieder des Yoga (Prāṇāyāma, Pratyāhāra, Dhyāna, Dhāraṇā, Tarka, Samādhi), eine der ältesten und einflussreichsten formalen Yoga-Gliederungen, abweichend vom späteren Aṣṭāṅga-Yoga Patañjalis; das Schauen des goldfarbenen Puruṣa; das Gleichnis vom brennenden Berg.
[ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT, [?]:] athānyatrāpy uktam — yadā vai bahirvidvān mano niyamyendriyāṇy atha prāṇān niveśayitvā niḥsaṃkalpas tatas tiṣṭhet | aprāṇād iha yasmāt saṃbhūtaḥ prāṇasaṃjñako jīvas, tasmāt prāṇaṃ caturthe'rthe dhārayet prāṇam ity evaṃ hy āha | acittaṃ cittamadhyasthamacintyaṃ guhyam uttamam, tatra cittaṃ nidadhyāt tac ca liṅgaṃ nirāśrayam || 19 ||
[zusammenfassend übersetzt:] 'Nun, anderswo ist auch gesagt: wenn der Wissende, nachdem er den Geist und die Sinne von außen zurückgehalten hat, sodann die Lebenshauche [in sich] eingesetzt hat, sollte er OHNE JEDEN VORSATZ [Niḥsaṃkalpa] verharren. Da hier das mit 'Prāṇa' bezeichnete Lebewesen [Jīva] aus dem JENSEITS-DES-PRĀṆA [Aprāṇa] entstanden ist, sollte man deshalb den Prāṇa in der VIERTEN ZUFLUCHT [Caturtha, d.h. dem vierten Bewusstseinszustand, Turīya] festhalten — so ist gesagt. Das NICHT-DENKEN [Acitta], das doch inmitten des Denkens [Citta] weilt, unvorstellbar, geheimnisvoll, das Höchste — DARIN sollte man den Geist verankern; und DAS ist das 'ZEICHEN OHNE STÜTZE' [Liṅgam Nirāśrayam].' (Maitrī-Up. 6,19) [Anm.: FUND — hier erscheint bereits der Begriff des VIERTEN [Caturtha/Turīya] Bewusstseinszustandes, jenseits von Wachen, Traum und Tiefschlaf, der später in der Māṇḍūkya-Upaniṣad zum zentralen vierten Oṃ-Mātrā-Zustand ausgearbeitet wird; das Bild vom 'Nicht-Denken inmitten des Denkens' nimmt zudem das aus Kaṇḍikā 7 bekannte Dual/Nicht-Dual-Motiv wieder auf und bereitet die anschließenden Kaṇḍikās zur Nāḍī-Physiologie und Śabda-Brahman-Lehre vor.]
deshalb sollte man den Prāṇa in der vierten Zuflucht festhalten [FUND: Vorform der Turīya-Lehre]
acittaṃ cittamadhyasthamacintyaṃ guhyamuttamam
das Nicht-Denken, das inmitten des Denkens weilt, unvorstellbar, geheimnisvoll, das Höchste
FUND — der vierte Bewusstseinszustand (Turīya/Caturtha) als 'Zuflucht' des Prāṇa jenseits des gewöhnlichen Prāṇa; das 'Nicht-Denken inmitten des Denkens' als 'Zeichen ohne Stütze', worin der Geist zu verankern ist — Vorform der Turīya-Lehre der Māṇḍūkya-Upaniṣad.
[zusammenfassend übersetzt:] 'Nun, anderswo ist auch gesagt: über dieses [Sechsglied hinaus] ist seine [weitere] KONZENTRATION [Dhāraṇā]: indem man durch Andrücken der Zungenspitze an den Gaumen die Sprache unterdrückt und durch Unterdrückung des Atems mittels ERWÄGUNG [Tarka] schaut. Wenn man durch den Selbst den SELBST erblickt — feiner als das Feinste, LEUCHTEND, und ebenso den Geist [zur Ruhe gekommen] sieht — [dann,] nachdem man durch den Selbst den Selbst gesehen hat, wird man 'SELBSTLOS' [Nirātmā]; aus dieser Selbstlosigkeit [wird man] UNZÄHLBAR [Asaṃkhya], OHNE [WELTLICHEN] URSPRUNG [Ayoni], UNAUSDENKBAR — DIES ist das KENNZEICHEN DER ERLÖSUNG [Mokṣalakṣaṇa]; dies ist das höchste GEHEIMNIS — so ist gesagt. Denn durch die KLARHEIT DES DENKENS [Citta-Prasāda] vernichtet man gutes und schlechtes KARMA; mit heiterem Selbst, im Selbst verweilend, genießt man unvergängliches GLÜCK.' (Maitrī-Up. 6,20) [Anm.: eine weitere Verfeinerung der bereits in Kaṇḍikā 18 gelehrten Yoga-Technik, hier mit konkreten physischen Details (Zungenspitzen-Druck am Gaumen, Sprach- und Atemunterdrückung) versehen — Techniken, die später im Haṭha-Yoga als Khecarī-Mudrā-ähnliche Praktiken weiterentwickelt werden. Das Ziel, 'selbstlos' [Nirātmā] zu werden, als Kennzeichen der Erlösung [Mokṣa-lakṣaṇa], nimmt bereits eine der Advaita-Vedānta-Terminologie nahestehende Formulierung vorweg.]
durch Zungenspitzen-Druck am Gaumen die Sprache unterdrückend und durch Atemunterdrückung mittels Erwägung schaut man
tadātmanātmānaṃ dṛṣṭvā nirātmā bhavati
nachdem man den Selbst durch den Selbst gesehen hat, wird man selbstlos
cittasya hi prasādena hanti karma śubhāśubham
durch die Klarheit des Denkens vernichtet man gutes und schlechtes Karma
Konkrete Yoga-Technik: Zungenspitzen-Druck am Gaumen, Sprach- und Atemunterdrückung mittels Tarka, um das Selbst zu schauen; 'Selbstlosigkeit' als Kennzeichen der Erlösung; Klarheit des Denkens vernichtet Karma.
'Nun, anderswo ist auch gesagt: es gibt einen AUFWÄRTS FÜHRENDEN KANAL [Nāḍī], genannt SUṢUMNĀ, in dem der Lebenshauch zirkuliert, [und der] zwischen dem Gaumen [hindurch] geöffnet/durchtrennt ist; durch diesen sollte [der Yogi], mit Prāṇa, OṂ und Geist vereint, nach OBEN AUFSTEIGEN; nachdem er [den Atem] an die Gaumenspitze gewendet und mit den Sinnen vereinigt hat, sollte er, [ganz der] GRÖSSE [Mahiman hingegeben], das GROSSE [Mahimānam, das höchste Selbst] SCHAUEN; daraufhin gelangt er zur SELBSTLOSIGKEIT [Nirātmakatva]; aus der Selbstlosigkeit heraus wird er nicht mehr Anteilhaber an Lust und Leid, [und] erlangt die ALLEINHEIT/ABSOLUTHEIT [Kevalatva] — so ist gesagt. Nachdem man zuerst das HÖCHSTE [Para] verankert und danach den zurückgehaltenen Atem [gebändigt] hat, [und] nachdem man das JENSEITIGE UFER MITTELS DES UFERLOSEN [Apāra] überquert hat, sollte man sich DANACH AN DER SCHEITELSPITZE [Mūrdhan] vereinigen [Yuñjīta].' (Maitrī-Up. 6,21) [Anm.: GRÖSSTER FUND — dies ist einer der frühesten und wichtigsten Belege für die SUṢUMNĀ-NĀḌĪ, den zentralen aufsteigenden feinstofflichen Kanal der späteren Haṭha-Yoga- und Kuṇḍalinī-Physiologie, hier bereits mit der Technik verbunden, den Atem, verbunden mit der Silbe Oṃ und dem Geist, durch diesen Kanal zum SCHEITEL [Mūrdhan, später Brahmarandhra/Sahasrāra-Cakra] emporzuführen. Die resultierenden Zustände 'Selbstlosigkeit' [Nirātmakatva] und 'Alleinheit' [Kevalatva] jenseits von Lust und Leid nehmen zentrale Termini der klassischen Sāṃkhya-Yoga-Philosophie (Kevala/Kaivalya als Erlösungsbegriff) vorweg — diese Kaṇḍikā zählt zu den historisch bedeutsamsten Belegstellen für die Entstehung der Nāḍī-Physiologie überhaupt.]
Wort für Wort
ūrdhvagā nāḍī suṣumnākhyā prāṇasaṃcāriṇī
es gibt einen aufwärts führenden Kanal, genannt Suṣumnā, in dem der Lebenshauch zirkuliert [GRÖSSTER FUND: früher Suṣumnā-Beleg]
tayā prāṇoṃkāramanoyuktordhvamutkrāmet
durch diesen sollte er, mit Prāṇa, Oṃ und Geist vereint, nach oben aufsteigen
aus der Selbstlosigkeit heraus wird er kein Anteilhaber an Lust und Leid mehr, er erlangt die Alleinheit [Vorform von Kaivalya]
tīrtvā pāramapāreṇa paścādyuñjīta mūrdhani
nachdem er das jenseitige Ufer mittels des Uferlosen überquert hat, sollte er sich an der Scheitelspitze vereinigen
GRÖSSTER FUND — die Suṣumnā-Nāḍī: einer der frühesten Belege für den zentralen aufsteigenden feinstofflichen Kanal der späteren Haṭha-Yoga-/Kuṇḍalinī-Physiologie; Aufstieg von Prāṇa-Oṃ-Geist zum Scheitel; Erlangung von Nirātmakatva und Kevalatva (Vorform des Sāṃkhya-Yoga-Kaivalya-Begriffs).
[Fortsetzung des Spinnen-Gleichnisses:] 'So wie die SPINNE [Ūrṇanābhi] mittels ihres Fadens nach oben steigend den [freien] RAUM erlangt — ebenso erlangt jener MEDITIERENDE, mittels der Silbe OṂ nach oben steigend, die UNABHÄNGIGKEIT [Svātantrya]. ANDERE [Lehrer] jedoch sind Vertreter des [noch] JENSEITIGEN, [über den Klang hinausgehenden Standpunkts]. Durch die Technik des Hörens-mit-den-Daumen [in den Ohren, Śravaṇa-Aṅguṣṭha-Yoga] ziehen sie den KLANG DES RAUMES IM HERZEN [Antarhṛdayākāśa-Śabda] heraus; [diesem] ist sorgfältig nachzuspüren; sein Vergleich [lautet]: wie [das Rauschen von] Flüssen, ein Glöckchen, ein bronzener Gong, ein Frosch, [oder wie es] bei Regen in windstiller [Luft] 'spricht' — so [klingt es]. Nachdem sie [die Meditierenden] dieses PARTIKULARE MERKMAL überschritten haben, gehen sie in das JENSEITIGE, KLANGLOSE, [doch] OFFENBARE BRAHMAN ein; diese [Klänge], nicht mehr je eigene Eigenschaften tragend, nicht mehr einzeln unterscheidbar, werden [eins] VEREINT [Saṃpanna], so wie verschiedene GESCHMÄCKER zur [einen] Süße des Honigs verschmelzen — so ist gesagt. ZWEI BRAHMAN sind zu wissen: das KLANG-BRAHMAN [Śabda-Brahman] und JENES, was das HÖCHSTE [Para] ist. Wer im Klang-Brahman GEÜBT/VOLLENDET ist, GELANGT ZUM HÖCHSTEN BRAHMAN.' (Maitrī-Up. 6,22) [Anm.: GRÖSSTER FUND — die ŚABDA-BRAHMAN-LEHRE: eine der frühesten systematischen Beschreibungen der NĀDA-YOGA-PRAXIS (Lauschen auf innere Klänge durch Verschließen der Ohren), verbunden mit einem Katalog der wahrgenommenen inneren Klangqualitäten (Fluss, Glöckchen, Gong, Frosch, Regen) und der Doktrin von ZWEI BRAHMAN-ASPEKTEN: dem 'Klang-Brahman' (Śabda-Brahman, verkörpert durch Oṃ und die inneren Klänge) als Zwischenstufe, und dem eigentlichen, klanglosen, höchsten Brahman als Endziel. Diese Lehre wurde später maßgeblich von der Grammatiker-Philosophie (insbesondere Bhartṛharis Vākyapadīya) aufgegriffen, in der der Begriff 'Śabdabrahman' zum Zentralbegriff einer eigenen sprachphilosophischen Metaphysik wird; sie bildet zudem, zusammen mit der bereits in Prapāṭhaka 2 behandelten Agni-Vaiśvānara-Ohrenprobe, einen der wichtigsten Belege für frühe Nāda-Yoga-Praktiken in der Upaniṣaden-Literatur.]
durch das Hören-mit-den-Daumen ziehen sie den Klang des Raumes im Herzen heraus [GRÖSSTER FUND: Nāda-Yoga]
dve brahmaṇī veditavye śabdabrahma paraṃ ca yat
zwei Brahman sind zu wissen: das Klang-Brahman und das Höchste
śabdabrahmaṇi niṣṇātaḥ paraṃ brahmādhigacchati
wer im Klang-Brahman vollendet ist, gelangt zum höchsten Brahman
GRÖSSTER FUND — die Śabda-Brahman-Lehre: Nāda-Yoga-Praxis des Lauschens auf innere Klänge (Fluss, Glöckchen, Gong, Frosch, Regen) durch Ohrverschluss; die Zwei-Brahman-Doktrin von Śabda-Brahman (Klang-Brahman) und dem höchsten, klanglosen Brahman — Vorläufer von Bhartṛharis Śabdabrahman-Philosophie.
athānyatrāpy uktaṃ — yaḥ śabdas tad om ity etad akṣaram, yad asyāgraṃ tac chāntam aśabdam abhayam aśokam ānandaṃ tṛptaṃ sthiram acalam amṛtam acyutaṃ dhruvaṃ viṣṇusaṃjñitam, sarvāparatvāya tad etad upāsīteti evaṃ hy āha | yo'sau parāparo devo'ṃkāro nāma nāmataḥ | niḥśabdaḥ śūnyabhūtas tu mūrdhni sthāne tato'bhyaset || 23 ||
'Nun, anderswo ist auch gesagt: WAS Klang ist, das ist die Silbe OṂ; was aber deren SPITZE/GIPFEL [Agra, d.h. das, worauf sie hinzielt] ist — DAS ist das FRIEDVOLLE, KLANGLOSE, FURCHTLOSE, LEIDLOSE, WONNEVOLLE, GESÄTTIGTE, BESTÄNDIGE, UNBEWEGLICHE, UNSTERBLICHE, UNFALLENDE, EWIGE [Dhruva], mit dem NAMEN VIṢṆU BEZEICHNETE [Prinzip]. Man verehre DIESES um der HERRSCHAFT ÜBER ALLES [Sarvāparatva] willen — so ist gesagt. Jener transzendente-und-immanente [Parāpara] Gott wird MIT DEM NAMEN 'OṂKĀRA' benannt. Klanglos, LEER GEWORDEN [Śūnyabhūta], übe man sich dann AN DER STÄTTE DES SCHEITELS [Mūrdhan].' (Maitrī-Up. 6,23) [Anm.: unmittelbare Fortsetzung der Śabda-Brahman-Lehre: die Silbe Oṃ selbst repräsentiert noch den 'klingenden' Aspekt, während ihr eigentliches Ziel/ihre 'Spitze' das klanglose, mit Viṣṇu identifizierte höchste Prinzip ist. Bemerkenswert ist die explizite Anweisung, die abschließende Meditation IM KLANGLOSEN, LEEREN ZUSTAND AM SCHEITEL DES HAUPTES [Mūrdhan-Sthāna] zu vollziehen — ein unmittelbarer Vorläufer der später im Haṭha-Yoga zentralen Meditation am Scheitelpunkt [Brahmarandhra/Sahasrāra].]
Wort für Wort
yaḥ śabdastadomityetadakṣaram
was Klang ist, das ist die Silbe Oṃ
yadasyāgraṃ tacchāntamaśabdam... viṣṇusaṃjñitam
was ihre Spitze ist, das ist das friedvolle, klanglose... mit Namen Viṣṇu bezeichnete Prinzip
klanglos, leer geworden, übe man sich an der Stätte des Scheitels
Oṃkāra als klingender Aspekt, dessen 'Spitze'/Ziel das klanglose, mit Viṣṇu identifizierte höchste Prinzip ist; Anweisung zur klanglosen, leeren Meditation am Scheitel des Hauptes — Vorläufer der Brahmarandhra/Sahasrāra-Meditation.
athānyatrāpy uktaṃ — dhanuḥ śarīram, om ity etac charaḥ, śikhāsya manaḥ, tamolakṣaṇaṃ bhittvā tama āviṣṭam āgacchati, athāviṣṭaṃ bhittvālātacakram iva sphurantam ādityavarṇam ūrjasvantaṃ brahma tamasaḥ pary apaśyat | yad amuṣminn āditye'tha some'gnau vidyuti vibhāty, atha khalv enaṃ dṛṣṭvāmṛtatvaṃ gacchatīty evaṃ hy āha | dhyānam antaḥ pare tattve lakṣyeṣu ca nidhīyate, ato'viśeṣa-vijñānaṃ viśeṣam upagacchati | mānase ca vilīne tu yat sukhaṃ cātmasākṣikam, tad brahma cāmṛtaṃ śukraṃ sā gatir loka eva saḥ || 24 ||
'Nun, anderswo ist auch gesagt: der LEIB ist der BOGEN, OṂ heißt der PFEIL, dessen SPITZE der GEIST [Manas] ist; nachdem [dieser] das Merkmal der FINSTERNIS [Tamas] durchbohrt hat, gelangt er zu dem, was VON FINSTERNIS UMHÜLLT ist; und nachdem er auch DIESES Umhüllte durchbohrt hat, erblickt er, WIE EIN WIRBELNDES FEUERRAD [Alātacakra] AUFBLITZEND, sonnenfarben, KRAFTVOLL [Ūrjasvant], das BRAHMAN JENSEITS DER FINSTERNIS. Das, was in jener SONNE, im MOND, im FEUER [und] im BLITZ leuchtet — hat man DIESES erblickt, gelangt man zur UNSTERBLICHKEIT — so ist gesagt. Die MEDITATION wird innerlich sowohl auf die HÖCHSTE WAHRHEIT [Tattva] als auch auf [äußere] ZIELOBJEKTE [Lakṣya] gerichtet; dadurch gelangt die UNTERSCHIEDSLOSE ERKENNTNIS [Aviśeṣa-Vijñāna] zur [konkreten] BESONDERUNG [Viśeṣa, d.h. zur greifbaren Verwirklichung]. Und wenn der GEIST AUFGELÖST ist, [dann ist] jenes GLÜCK, das vom SELBST BEZEUGT wird [Ātmasākṣika] — DAS ist BRAHMAN, das UNSTERBLICHE, die REINE ESSENZ [Śukra]; DAS ist der [wahre] WEG, DAS allein ist die [wahre] WELT.' (Maitrī-Up. 6,24) [Anm.: GRÖSSTER FUND — dieses berühmte BOGEN-PFEIL-GLEICHNIS ist ein enger Verwandter des noch bekannteren Verses der Muṇḍaka-Upaniṣad (2,2,4: 'praṇavo dhanuḥ śaro hy ātmā brahma tallakṣyam ucyate, apramattena veddhavyaṃ śaravat tanmayo bhavet' — 'Oṃ ist der Bogen, der Pfeil ist das Selbst, Brahman wird als dessen Ziel bezeichnet...'), weist die Rollen hier jedoch abweichend zu: LEIB=Bogen, OṂ=Pfeil, GEIST=Pfeilspitze — während in der Muṇḍaka-Up. Oṃ selbst der Bogen und der Ātman der Pfeil ist. Das Bild vom 'wirbelnden Feuerrad' [Alātacakra, ein brennendes, im Kreis geschwungenes Holzscheit, das einen durchgehenden Feuerring erzeugt] als Vergleich für das plötzlich aufblitzende Brahman-Licht ist eine originelle, in dieser Form einzigartige Bildschöpfung dieser Kaṇḍikā.]
Wort für Wort
dhanuḥ śarīram om ityetaccharaḥ śikhāsya manaḥ
der Leib ist der Bogen, Oṃ der Pfeil, dessen Spitze der Geist [GRÖSSTER FUND: ≈Muṇḍaka-Up. 2,2,4, abweichend zugeordnet]
wie ein wirbelndes Feuerrad aufblitzend erblickt er das sonnenfarbene, kraftvolle Brahman jenseits der Finsternis
mānase ca vilīne tu yatsukhaṃ cātmasākṣikam tadbrahma cāmṛtaṃ śukram
wenn der Geist aufgelöst ist, ist jenes vom Selbst bezeugte Glück Brahman, das Unsterbliche, die reine Essenz
GRÖSSTER FUND — das Bogen-Pfeil-Gleichnis (Leib=Bogen, Oṃ=Pfeil, Geist=Pfeilspitze), das die Finsternis durchbohrt und das wie ein wirbelndes Feuerrad strahlende Brahman erblickt — verwandt mit, aber abweichend zugeordnet gegenüber Muṇḍaka-Up. 2,2,4.
'Nun, anderswo ist auch gesagt: so wie einer, der SCHLÄFT, mit VERBORGENEN SINNEN, [und] der mit REINSTEM VERSTAND, WIE IM TRAUM, UNBEIRRT [Avivaśa] IN DER HÖHLE DER SINNE [Indriyabila] SIEHT — [nämlich] den mit Namen PRAṆAVA [Oṃ] Bezeichneten, den LEITER/FÜHRER [Praṇetṛ], den LICHTGESTALTIGEN [Bhārūpa], den vom SCHLAF BEFREITEN, den ALTERSLOSEN, den TODLOSEN und den LEIDLOSEN — SO WIRD AUCH ER SELBST zu dem mit Namen Praṇava Bezeichneten, dem Leiter, dem Lichtgestaltigen, dem vom Schlaf Befreiten, dem Alterslosen, dem Todlosen, dem Leidlosen — so ist gesagt. 'So, da man Prāṇa und die Silbe OṂ, [wodurch] das All auf vielfältige Weise, VEREINIGT [Yunakti] oder [selbst] sich vereinigen [Yuñjate] — DESHALB wird [diese Praxis] als YOGA [von der Wurzel Yuj-, 'vereinigen'] überliefert. Die EINHEIT [Ekatva] von PRĀṆA UND GEIST, und ebenso [die Einheit] DER SINNE, sowie die AUFGABE ALLER [bedingten, wandelbaren] ZUSTÄNDE [Sarvabhāva-Parityāga] — DIES wird YOGA genannt.' (Maitrī-Up. 6,25) [Anm.: GRÖSSTER FUND — eine der klassischen, meistzitierten DEFINITIONEN DES BEGRIFFS 'YOGA' überhaupt, hier sowohl etymologisch (von der Wurzel Yuj-, 'vereinigen' — daher 'Yoga') als auch inhaltlich (als Einheit von Prāṇa, Geist und Sinnen, verbunden mit dem Aufgeben aller bedingten Daseinszustände) bestimmt. Diese Definition ergänzt unmittelbar die bereits in Kaṇḍikā 18 gegebene Ṣaḍaṅga-Yoga-Lehre (die sechs praktischen Glieder) um eine knappe, begriffliche Wesensbestimmung dessen, was 'Yoga' seinem Ziel nach eigentlich bedeutet — eine Formulierung, die in zahlreichen späteren Yoga-Texten und -Kommentaren als klassische Definition zitiert wird.]
wie einer, der schläft, mit verborgenen Sinnen, mit reinstem Verstand wie im Traum sieht
yunakti yuñjate vāpi tasmādyoga iti smṛtaḥ
man vereinigt oder vereinigt sich — deshalb wird es Yoga genannt [Etymologie von Yuj-]
ekatvaṃ prāṇamanasorindriyāṇāṃ tathaiva ca sarvabhāvaparityāgo yoga ityabhidhīyate
die Einheit von Prāṇa, Geist und Sinnen sowie die Aufgabe aller Zustände wird Yoga genannt [GRÖSSTER FUND: klassische Yoga-Definition]
GRÖSSTER FUND — die klassische Definition von 'Yoga': etymologisch von Yuj- ('vereinigen') abgeleitet, inhaltlich als Einheit von Prāṇa, Geist und Sinnen sowie Aufgabe aller bedingten Zustände bestimmt — Ergänzung zur Ṣaḍaṅga-Yoga-Lehre aus Kaṇḍikā 18.
[zusammenfassend übersetzt:] 'Nun, anderswo ist auch gesagt: nachdem man die Elemente, Sinne und Sinnesobjekte überschritten hat, [beginnt] die AUSWANDERUNG [Pravrajyā, das Leben als wandernder Asket]. Mit dem BOGEN DER STANDHAFTIGKEIT [Dhṛtidaṇḍa] und dem PFEIL DER NICHT-VERBLENDUNG [Anabhimānamaya] durchbohrt man jenes höchste TOR ZUM BRAHMAN [Brahmadvāra]; [dann,] mit dem Bogen der URSPRÜNGLICHEN VERBLENDUNG [Ādyasaṃmoha], deren 'Krone' die in Begierden verstrickte [Trägheit-Leidenschaft-Herrschsucht] ist, durchbohrt man mit dem Pfeil des BEGEHRENS den Bogen des ZORNS UND DER VERLOCKUNG — denn der Geist [allein] tötet die Geschöpfe. Nachdem man DIESEN [Geist/diese Verblendung] getötet hat, überquert man mittels des OṂ-FLOSSES das JENSEITIGE UFER DES INNEREN HERZENSRAUMES; im so offenbar gewordenen inneren Äther-Raum lasse man sich, LANGSAM, WIE EIN [in einen] HÖHLE[NBAU] EINDRINGENDER, in der Absicht [ihn zu] FESTIGEN, NIEDER; so trete man in die 'BRAHMAN-HALLE' [Brahmaśālā] ein, und von dort dringe man mittels des AUFWÄRTSPFADES [Ūrdhvāgamana] in die VIERTE, [höchste] 'BRAHMAN-HÜLLE' [Turyālaṃ Brahmakośam] vor. Von da an ist man REIN, LAUTER, LEER, FRIEDVOLL, OHNE [gewöhnlichen] ATEM, SELBSTLOS, ENDLOS, UNVERGÄNGLICH, BESTÄNDIG, EWIG, UNGEBOREN, UNABHÄNGIG; man verweilt IN DER EIGENEN GRÖSSE [Sve Mahimni]; und, in der eigenen Größe verweilend, betrachtet man das RAD DES WELTKREISLAUFS [Saṃsāracakra] wie ein sich [von außen] DREHENDES RAD — so ist gesagt. Für den, der SECHS MONATE [im Yoga] geübt hat, den EWIG BEFREITEN VERKÖRPERTEN, entfaltet sich die endlose, höchste, GEHEIME VOLLKOMMENHEIT des Yoga; [dies gilt] für den VERKÖRPERTEN, der von RAJAS UND TAMAS befreit und wohlentflammt [Susamiddha] ist — NIEMALS ABER für den, der an FRAU, KINDERN UND HAUSHALT HÄNGT.' (Maitrī-Up. 6, ca. 26-28) [Anm.: FUND — eine ausführliche allegorische Beschreibung des inneren asketischen 'Feldzugs': mit den 'Waffen' der Standhaftigkeit und Begierdelosigkeit werden nacheinander das Tor zum Brahman, die Urverblendung und Zorn/Verlockung 'durchbohrt', bevor man mittels des Oṃ-Floßes den inneren Herzensraum überquert und durch die 'Brahman-Halle' in die höchste 'Brahman-Hülle' vordringt — eine reiche, in dieser Bildhaftigkeit einzigartige Verschmelzung von Kriegsmetaphorik (Bogen, Pfeil, Feind) mit der Nāḍī-/Ākāśa-Meditation der vorangehenden Kaṇḍikās. Die abschließende Warnung, dass der an Familie Hängende diese Vollendung NIEMALS erreicht, markiert einen deutlichen Bruch mit der householder-freundlicheren Ethik anderer Upaniṣad-Stellen und unterstreicht den betont asketischen, weltentsagenden Charakter dieses Abschnitts der Maitrī-Upaniṣad.]
Wort für Wort
bhūtendriyārthānatikramya tataḥ pravrajyā
nachdem man Elemente, Sinne und Sinnesobjekte überschritten hat, beginnt die Auswanderung [Askesenweg]
für den, der sechs Monate geübt hat, den ewig Befreiten, entfaltet sich die endlose, höchste, geheime Vollkommenheit des Yoga
putradārakuṭumbeṣu saktasya na kadācana
niemals aber für den, der an Frau, Kindern und Haushalt hängt
FUND — die allegorische Beschreibung des asketischen 'inneren Feldzugs' (Bogen der Standhaftigkeit, Pfeil der Begierdelosigkeit) zum Durchbrechen von Brahman-Tor, Urverblendung und Zorn; Aufstieg via Oṃ-Floß durch Brahman-Halle zur höchsten Brahman-Hülle; sechs Monate Yoga-Übung führen zur ewigen Befreiung — nie aber für den an Familie Hängenden.
oṃ śucau deśe śuciḥ sattvasthaḥ sadadhīyānaḥ sadvādī sadācārī sadyājī syād ityataḥ, saddharmiṇi satyābhilāṣiṇi nirvṛtto'nyas tatphalacchinnapāśo nirāśaḥ pareṣv ātmavad gata bhayo niṣkāmo'cyavyam aparimitaṃ sukham ākramya tiṣṭhati | paramaṃ vai śevadher iva parasyoddharaṇaṃ yan niṣkāmatvam, sa hi sarvakāmamayaḥ ||
'OṂ. AM REINEN ORT [weilend], REIN [selbst], IM [WAHREN] SEIN VERANKERT [Sattvastha], STETS RECHT STUDIEREND, STETS WAHRHAFTIG SPRECHEND, STETS RECHTSCHAFFEN HANDELND, STETS OPFERND, SOLLTE MAN SEIN; auf DIESE Weise, in wahrhaftiger Rechtschaffenheit, nach WAHRHEIT verlangend, von allem ANDEREN ABGEWANDT, die Fesseln der [weltlichen] FRUCHT [seines Handelns] ABGESCHNITTEN, OHNE HOFFNUNG [auf weltlichen Lohn], gegenüber ANDEREN WIE GEGENÜBER SICH SELBST [empfindend], JENSEITS DER FURCHT, WUNSCHLOS — [ein solcher] verharrt, indem er das UNVERGÄNGLICHE, UNERMESSLICHE GLÜCK ergreift. Wie das Bergen eines VERBORGENEN SCHATZES [Śevadhi] ist wahrlich die höchste ERLÖSUNG des ANDEREN [d.h. das Erlangen des Höchsten] — [nämlich] jene WUNSCHLOSIGKEIT [Niṣkāmatva]; denn ER [der Wunschlose] ist der [in Wahrheit] VON ALLEN WÜNSCHEN ERFÜLLTE.' (Maitrī-Up. 6, ca. 27-28) [Anm.: GRÖSSTER FUND — dieser Vers über den 'reinen Ort' und den 'reinen' Asketen ist inhaltlich und atmosphärisch eng verwandt mit dem berühmten Sitzplatz-Vers der Bhagavadgītā (6,11-12: 'śucau deśe pratiṣṭhāpya sthiram āsanam ātmanaḥ...') sowie mit ähnlichen Passagen der Śvetāśvatara-Upaniṣad (2,10) über die rechte Örtlichkeit und Haltung der Yoga-Praxis; das abschließende Paradox — 'Wunschlosigkeit ist [wie] die Bergung eines verborgenen Schatzes, denn der Wunschlose ist der von allen Wünschen Erfüllte' — gehört zu den prägnantesten asketisch-paradoxen Formulierungen der gesamten Upaniṣaden-Literatur.]
am reinen Ort, rein, im Sein verankert, stets recht studierend, wahrhaftig sprechend, rechtschaffen handelnd, opfernd sollte man sein [GRÖSSTER FUND: ≈Bhagavadgītā 6,11-12]
niṣkāmo'cyavyamaparimitaṃ sukhamākramya tiṣṭhati
wunschlos verharrt er, indem er das unvergängliche, unermessliche Glück ergreift
yanniṣkāmatvaṃ sa hi sarvakāmamayaḥ
jene Wunschlosigkeit — denn er ist der von allen Wünschen erfüllte [Paradox]
GRÖSSTER FUND — der 'reine Ort/reiner Asket'-Vers, eng verwandt mit Bhagavadgītā 6,11-12 und Śvetāśvatara-Up. 2,10; das Paradox 'Wunschlosigkeit ist die Bergung eines verborgenen Schatzes, denn der Wunschlose ist von allen Wünschen erfüllt'.
[zusammenfassend übersetzt:] 'Der PURUṢA, dessen ERKENNUNGSZEICHEN [Liṅga] Entschlusskraft [Adhyavasāya], Wille [Saṃkalpa] und Ich-Bewusstsein [Abhimāna] sind, ist GEBUNDEN; ist er vom GEGENTEIL dessen [gekennzeichnet], ist er FREI. Hierzu sagen manche: die GUṆAS, kraft der Verschiedenheit der Prakṛti, führen zur Bindung durch das Selbst der Entschlusskraft, und durch die AUFHEBUNG dieser Entschlusskraft kommt die BEFREIUNG. Nur durch den GEIST sieht man, nur durch den Geist hört man; BEGEHREN, WOLLEN, ZWEIFEL, GLAUBE UND UNGLAUBE, STANDHAFTIGKEIT UND UNSTETIGKEIT, SCHAM, EINSICHT, FURCHT — all dies ist eben nur der GEIST [Manas]. Von den [Sinnes-]Reizen fortgerissen, getrübt, unstet, wankend, sich auflösend, verstrickt, verwirrt, gelangt [der Geist] zur ICH-VERHAFTUNG: 'ICH bin DIES [der Genießer]', so denkend, FESSELT er sich selbst durch sich selbst, wie ein VOGEL durch ein NETZ. Der PURUṢA, dessen Erkennungszeichen Entschlusskraft, Wille und Ich-Bewusstsein sind, ist GEBUNDEN; ist er vom Gegenteil dessen [gekennzeichnet], ist er FREI. Deshalb sollte man OHNE ENTSCHLUSSKRAFT, OHNE WILLEN, OHNE ICH-BEWUSSTSEIN verharren — DIES ist das KENNZEICHEN DER ERLÖSUNG; DIES hier ist die SPALTE DER TÜR [Dvāravivara] zum BRAHMAN-PFAD; dadurch wird man zum JENSEITIGEN UFER der FINSTERNIS gelangen.' (Maitrī-Up. 6, ca. 28-30) [Anm.: FUND — die klare Definition des gebundenen versus freien Puruṣa anhand der drei Merkmale Adhyavasāya (Entschlusskraft/Urteilskraft, ein zentraler Sāṃkhya-Begriff für die Funktion der Buddhi), Saṃkalpa (Wille/Vorstellung) und Abhimāna (Ich-Bewusstsein/Ahaṃkāra) — diese drei entsprechen exakt den drei Antaḥkaraṇa-Funktionen (Buddhi, Manas, Ahaṃkāra) des klassischen Sāṃkhya-Systems, bereits in Kaṇḍikā 10 dieses Prapāṭhaka in ähnlicher Form erwähnt. Das Vogel-im-Netz-Gleichnis für die Selbstfesselung durch Ich-Identifikation ist eine originelle, einprägsame Bildschöpfung.]
der Puruṣa, dessen Erkennungszeichen Entschlusskraft, Wille und Ich-Bewusstsein sind, ist gebunden; das Gegenteil ist frei [FUND: =Sāṃkhya-Antaḥkaraṇa-Trias]
deshalb sollte man ohne Entschlusskraft, Willen und Ich-Bewusstsein verharren — dies ist das Kennzeichen der Erlösung
FUND — die Definition des gebundenen/freien Puruṣa anhand von Adhyavasāya, Saṃkalpa und Abhimāna (=Buddhi/Manas/Ahaṃkāra des Sāṃkhya); das Vogel-im-Netz-Gleichnis für Selbstfesselung durch Ich-Identifikation.
[zusammenfassend übersetzt:] 'Diese ZAHLLOSEN, VIELFÖRMIGEN [Strahlen], sanft schimmernd, [wandern] hier zum ERLEIDEN/GENIESSEN DER TATENFOLGEN [Karmopabhoga]; durch sie WANDERT DER [Verkörperte] MACHTLOS [im Saṃsāra umher]. Deshalb ist jene ehrwürdige SONNE die URSACHE von WELTSCHÖPFUNG, HIMMEL UND ERLÖSUNG. [Weiter, in Dialogform:] 'Woraus BESTEHEN eigentlich diese SINNE, die [im Körper] umhergehend hervortreten? Und wer ist hier ihr LENKER [Niyantṛ]?' — [Antwort:] '[Sie bestehen] aus dem ZURÜCKGEZOGENEN SELBST [Pratyāhātmaka]; der SELBST nämlich ist ihr Hervortreter [und] Lenker; [manche nennen ihn auch] die APSARAS, [oder] BHĀNAVĪRYĀ und MARĪCI genannt; und mit den FÜNF STRAHLEN [Sinnesorganen] verzehrt er die Sinnesobjekte. WER ist [nun eigentlich] dieser SELBST? Der, welcher REIN, LAUTER, LEER, FRIEDVOLL und mit den [bereits] eingangs genannten Merkmalen [versehen ist], [nur] durch seine EIGENEN ERKENNUNGSZEICHEN [Liṅga] erfassbar. Dessen Erkennungszeichen, obwohl er selbst 'zeichenlos' [Aliṅga] ist, ist — nach einigen — die eingedrungene [Erfahrung von] KÄLTE UND WÄRME [Amūryauṣṇya], das ANGENEHMSTE, [wie] ein GESCHMACK; andere [sagen], es sei die REDE, das GEHÖR und der VIERFACHE GEIST [d.h. der Prāṇa]; wieder andere [sagen], es sei die INTELLIGENZ [Buddhi], die STANDHAFTIGKEIT [Dhṛti], die ERINNERUNG [Smṛti] und das BEWUSSTSEIN [Prajñāna].' (Maitrī-Up. 6, ca. 29-30) [Anm.: die berühmte Lehre von den ZAHLREICHEN HERZENS-STRAHLEN [Nāḍīs], von denen nur EINER — der durch das Sonnenrund führende — zur endgültigen Befreiung jenseits sogar der Brahman-Welt führt, während alle anderen den Verkörperten gemäß seinem Karma in immer neue Wiedergeburten zurückführen, ist eine enge Parallele zur berühmten Nāḍī-Lehre der Chāndogya-Upaniṣad (8,6,5-6) und der Kaṭha-Upaniṣad (6,16) über die 'hundertundeine' Herzens-Ader, von der nur eine zum Scheitel und zur Unsterblichkeit führt. Die anschließende Diskussion über den 'Lenker' der Sinne und die verschiedenen Meinungen über das 'Erkennungszeichen' des an sich zeichenlosen Selbst (Wärme/Kälte-Empfindung, Rede/Gehör/Geist, oder Intelligenz/Standhaftigkeit/Erinnerung/Bewusstsein) zeigt die für die späteren Upaniṣaden charakteristische Pluralität konkurrierender philosophischer Schulmeinungen [ekeity-Formeln].]
Wort für Wort
ye naikarūpāḥ...iha karmopabhogāya taiḥ saṃsarati so'vaśaḥ
diese vielförmigen Strahlen — dadurch wandert er machtlos im Saṃsāra umher [FUND: ≈Chāndogya-Up. 8,6,6]
der, welcher rein, lauter, leer, friedvoll ist, nur durch seine eigenen Erkennungszeichen erfassbar
FUND — die Nāḍī-Lehre von den zahllosen Herzens-Strahlen, von denen nur einer zur endgültigen Befreiung jenseits der Brahman-Welt führt (≈Chāndogya-Up. 8,6,5-6/Kaṭha-Up. 6,16); die Diskussion um den 'Lenker' der Sinne und das Erkennungszeichen des zeichenlosen Selbst mit mehreren konkurrierenden Schulmeinungen.
'So wie im Falle der Keime aus dem Samen hier, oder wie RAUCH, LODERNDE FLAMME UND FUNKEN AUS DEM FEUER [hervorspringen] — so [erklärt man] dieses [Wesen]. Diese wenig[glänzenden] FUNKEN hier sind wie die Strahlen der Sonne. Und die Lebenshauche und dergleichen entspringen wiederum aus DIESEM [Selbst], der Reihe nach. AUS DIESEM SELBST NÄMLICH entspringen ALLE LEBENSHAUCHE, ALLE WELTEN, ALLE VEDEN UND ALLE WESEN; sein [innerstes] GEHEIMNIS [Upaniṣad] ist: 'die WAHRHEIT DER WAHRHEIT' [Satyasya Satyam]. Und so wie aus FEUCHTEM BRENNHOLZ, das [ins Feuer] gelegt wird, VERSCHIEDENE RAUCHARTEN gesondert aufsteigen — so ist dies die AUSATMUNG [Niḥśvasita] DIESES GROSSEN WESENS [Mahato Bhūtasya]: [nämlich] der Ṛgveda, der Yajurveda, der Sāmaveda, der Atharvāṅgiras[-Veda], die GESCHICHTSÜBER-LIEFERUNG [Itihāsa], die ALTEN ERZÄHLUNGEN [Purāṇa], die [heiligen] WISSENSCHAFTEN, die UPANIṢADEN, die VERSE [Śloka], die LEHRSÄTZE [Sūtra], die UNTERKOMMENTARE und die KOMMENTARE — all DIESE sind SEINE EIGENEN [Ausatmungen], all dies sind [Erscheinungsformen des] ALL-WESENS.' (Maitrī-Up. 6, ca. 31-32) [Anm.: GRÖSSTER FUND — ZWEI der berühmtesten Bilder der gesamten Upaniṣaden-Literatur werden hier kombiniert zitiert: (1) das FUNKEN-AUS-DEM-FEUER-GLEICHNIS, fast wortgleich mit der noch bekannteren Fassung der Muṇḍaka-Upaniṣad (2,1,1: 'yathā sudīptāt pāvakād visphuliṅgāḥ sahasraśaḥ prabhavante sarūpāḥ...'), zur Illustration, wie alle Lebenshauche, Welten, Veden und Wesen aus dem einen Selbst 'herausspringen'; und (2) die berühmte Formel von den VEDEN ALS 'AUSATMUNG DES GROSSEN WESENS' [Niḥśvasitam Etan Mahato Bhūtasya], nahezu wortgleich mit Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 2,4,10 (bzw. 4,5,11), wo dieselbe erweiterte Liste (Ṛg-/Yajur-/Sāmaveda, Atharvāṅgiras, Itihāsa, Purāṇa, Vidyā, Upaniṣaden, Ślokas, Sūtras, Anuvyākhyānas, Vyākhyānas) als 'Atemzüge' des Puruṣa/Brahman aufgezählt wird. Auch die Formel 'satyasya satyam' [die Wahrheit der Wahrheit] ist ein direktes Zitat aus Bṛhadāraṇyaka-Up. 2,1,20/2,3,6. Diese Kaṇḍikā zeigt damit besonders deutlich die enge Verwandtschaft und den gemeinsamen mündlichen/schriftlichen Fundus der klassischen Upaniṣaden untereinander.]
dies ist die Ausatmung dieses großen Wesens: der Ṛgveda, Yajurveda, Sāmaveda [GRÖSSTER FUND: fast wortgleich Bṛhadāraṇyaka-Up. 2,4,10]
GRÖSSTER FUND — das Funken-aus-dem-Feuer-Gleichnis (≈Muṇḍaka-Up. 2,1,1) und die Formel von den Veden als 'Ausatmung des großen Wesens' (fast wortgleich mit Bṛhadāraṇyaka-Up. 2,4,10) sowie das Zitat 'satyasya satyam' (≈BU 2,1,20/2,3,6) — zwei der berühmtesten Upaniṣad-Bilder kombiniert.
[ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen extremer ritueller Fachbegriffsdichte, [?]:] athaiṣo'gniḥ saṃvatsaras tasyemā iṣṭakā yo vasanto grīṣmo varṣāḥ śarad dhemantaḥ sa śiraḥpakṣapṛṣṭhapucchavān eṣo'gniḥ puruṣavit, seyaṃ prajāpateḥ prathamā citiḥ | kair yajamānam antarikṣam utkṣipya vāyave prāyacchat, prāṇo vai vāyuḥ, prāṇo'gnis tasyemā iṣṭakā yaḥ prāṇo vyāno'pānaḥ samāna udānaḥ, sa śiraḥpakṣapṛṣṭhapucchavān eṣo'gniḥ puruṣavit, tad idam antarikṣaṃ prajāpater dvitīyā citiḥ | kair yajamānaṃ divam utkṣipyendrāya prāyacchat, asau vā ādityaḥ indraḥ, saiṣo'gnis tasyemā iṣṭakā yad ṛg yajuḥ sāmātharvāṅgi- rasa itihāsapurāṇaṃ, sa śiraḥpakṣapṛṣṭhapucchavān eṣo'gniḥ puruṣavidaḥ, saiṣā dyauḥ prajāpates tṛtīyā citiḥ | kair yajamānasyātmavid evadānaṃ karoty, athātmavid utkṣipya brahmaṇe prāyacchat, tatrānandī modī bhavati || pṛthivī gārhapatyo'ntarikṣaṃ dakṣiṇāgnir dyaur āhavanīyas, ta eva pavamānapāvakaśucayaḥ, āviṣkṛtam etenāsya yajñam ||
[zusammenfassend übersetzt:] 'Diese SONNE/dieses FEUER nun ist das JAHR [Saṃvatsara]; dessen ZIEGEL [Iṣṭakā, d.h. die Bausteine des Feueraltars] sind der Frühling, Sommer, die Regenzeit, der Herbst und der Winter; dieses Feuer, mit Kopf, Flügeln, Rücken und Schwanz [versehen, d.h. in Vogelgestalt aufgeschichtet], ist der 'PURUṢA-KENNER' [Puruṣavid]; DIES ist Prajāpatis ERSTE SCHICHTUNG [Citi]. Durch wen wird der Opferer, [nachdem er] den LUFTRAUM emporgehoben [hat], dem WIND [Vāyu] übergeben? Prāṇa nämlich ist der Wind, Prāṇa das Feuer; dessen Ziegel sind Prāṇa, Vyāna, Apāna, Samāna [und] Udāna [die fünf Lebenshauche]; dieses Feuer, mit Kopf, Flügeln, Rücken und Schwanz, ist der Puruṣa-Kenner; DIES, der Luftraum, ist Prajāpatis ZWEITE Schichtung. Durch wen wird der Opferer, [nachdem er] den HIMMEL emporgehoben [hat], dem INDRA übergeben? Jene Sonne nämlich ist Indra; dies ist jenes Feuer, dessen Ziegel Ṛgveda, Yajurveda, Sāmaveda, Atharvāṅgiras, Geschichtsüberlieferung [und] alte Erzählungen [sind]; dieses Feuer, mit Kopf, Flügeln, Rücken und Schwanz, ist der Puruṣa-Kenner; DIES, der Himmel, ist Prajāpatis DRITTE Schichtung. Durch wen bewirkt der Opferer die SELBST-ERKENNTNIS [Ātmavid] als [höchste] Opfergabe? Nun, [nachdem er] die Selbst-Erkenntnis emporgehoben [hat], übergibt er sie dem BRAHMAN; dabei wird man WONNEVOLL UND FROH. Die ERDE ist der Gārhapatya-[Feueraltar], der LUFTRAUM der Dakṣiṇāgni, der HIMMEL der Āhavanīya-[Altar]; sie [die drei Feuer] sind zugleich Pavamāna, Pāvaka und Śuci [die drei Reinigungsfeuer]; damit ist SEIN OPFER offenbart worden.' (Maitrī-Up. 6, ca. 31-33) [Anm.: FUND — eine hoch komplexe AGNICAYANA-ALLEGORIE (rituelle Feueraltar-Schichtung), die Erde, Luftraum und Himmel den drei klassischen vedischen Opferfeuern (Gārhapatya, Dakṣiṇāgni, Āhavanīya) zuordnet und deren jeweilige 'Ziegelschichten' mit Jahreszeiten, den fünf Lebenshauchen und den vier Veden samt Itihāsa-Purāṇa gleichsetzt — eine originelle Verschmelzung von Śrauta-Ritual-Symbolik (wie sie ausführlich im Śatapatha-Brāhmaṇa zum Agnicayana behandelt wird) mit der Prāṇa- und Selbst-Erkenntnis-Lehre dieses Prapāṭhaka.]
Wort für Wort
athaiṣo'gniḥ saṃvatsarastasyemā iṣṭakā yo vasanto grīṣmo varṣāḥ śaraddhemantaḥ
dieses Feuer ist das Jahr, dessen Ziegel sind Frühling, Sommer, Regenzeit, Herbst und Winter
prāṇo vai vāyuḥ prāṇo'gnistasyemā iṣṭakā yaḥ prāṇo vyāno'pānaḥ samāna udānaḥ
Prāṇa ist der Wind, Prāṇa das Feuer, dessen Ziegel die fünf Lebenshauche sind
die Erde ist der Gārhapatya, der Luftraum der Dakṣiṇāgni, der Himmel der Āhavanīya
FUND — die Agnicayana-Allegorie: Erde/Luftraum/Himmel als die drei Opferfeuer (Gārhapatya/Dakṣiṇāgni/Āhavanīya), deren Ziegelschichten mit Jahreszeiten, den fünf Lebenshauchen und den Veden gleichgesetzt werden — Verschmelzung von Śrauta-Ritualsymbolik mit der Selbst-Erkenntnis-Lehre.
[?, OCR-Lesung stellenweise unsicher:] yajamāno havir gṛhītvā devatābhidhyānam icchati | hiraṇyavarṇaḥ śakuno hṛdy āditye pratiṣṭhitaḥ, madguhaṃs te jyotir vṛṣaḥ so'sminn agnau yajāmahe iti cāpi mantrārthaṃ vicinoti | tat savitur vareṇyam bhargo'syābhidhyeyaṃ, yo buddhyantaḥstho dhyāyī hi manaḥ śāntipadam anusarati, ātmany eva dhatte, atremāḥ ślokā bhavanti —
'Der Opferer, nachdem er die Opfergabe ergriffen hat, wünscht die Meditation auf die Gottheit: 'Der GOLDFARBENE VOGEL [Śakuni], im Herzen [und] in der Sonne verankert, IN DER HÖHLE VERBORGEN [Madguha], dessen LICHT der [Opfer-]STIER ist — DIESEN verehren wir in diesem Feuer' — so erforscht er auch den Sinn des [Sāvitrī-]Mantra: 'das begehrenswerte [Licht] des Savitṛ' — dessen BHARGA [Glanz] ist zu betrachten; wer, IM VERSTAND [Buddhi] verankert, MEDITIEREND, seinen Geist dem PFAD DES FRIEDENS folgen lässt, verankert [ihn] eben IM SELBST. Hierzu gibt es folgende Verse:' (Maitrī-Up. 6, ca. 33-34) [Anm.: dieser Abschnitt kehrt explizit zur bereits in Kaṇḍikā 7 behandelten SĀVITRĪ/BHARGA-Meditation zurück und schließt den Kreis der in diesem Prapāṭhaka mehrfach wiederkehrenden Sonnen-Gottheit-Meditationen, bevor die abschließenden, berühmten Verse über Citta und Saṃsāra folgen.]
Wort für Wort
hiraṇyavarṇaḥ śakuno hṛdyāditye pratiṣṭhitaḥ
der goldfarbene Vogel, im Herzen und in der Sonne verankert
tatsaviturvareṇyam bhargo'syābhidhyeyam
das begehrenswerte Licht des Savitṛ — dessen Bharga ist zu betrachten [Rückverweis auf Kaṇḍikā 7]
Der goldene, in Herz und Sonne wohnende Vogel; Rückkehr zur Sāvitrī/Bharga-Meditation aus Kaṇḍikā 7; der im Verstand verankerte Meditierende folgt dem Pfad des Friedens.
'So wie das FEUER OHNE BRENNSTOFF [Nirindhana] in seinem EIGENEN URSPRUNG [Svayoni] ERLISCHT, so ERLISCHT der GEIST [Citta] durch das SCHWINDEN SEINER WIRBELUNGEN [Vṛttikṣaya] in seinem EIGENEN URSPRUNG. Für den Geist, der in seinem eigenen Ursprung zur Ruhe gekommen ist, sind die Wünsche WAHR/WIRKLICH [Satyakāma]; für den aber, der von den Sinnesobjekten VERBLENDET ist, [sind seine Taten] UNWAHR, [denn sie] folgen der HERRSCHAFT DES [zwanghaften] HANDELNS [Karma]. Der GEIST ALLEIN NÄMLICH IST DER WELTENKREISLAUF [Saṃsāra] — DIESEN soll man MIT ANSTRENGUNG [Prayatna] REINIGEN. WORAUS DER GEIST BESTEHT [Yaccittas], DAS WIRD MAN [Tanmayo Bhavati] — DIES IST DAS EWIGE GEHEIMNIS [Guhyam Sanātanam].' (Maitrī-Up. 6, ca. 34) [Anm.: DER GRÖSSTE EINZELFUND DES GESAMTEN PRAPĀṬHAKA — dies ist eine der historisch folgenreichsten Stellen der gesamten vor-klassischen Yoga-Literatur: der Begriff VṚTTI-KṢAYA ('das Schwinden/die Auflösung der [mentalen] Wirbelungen/Modifikationen') NIMMT WÖRTLICH DIE ZENTRALE DEFINITION DES PATAÑJALI-YOGASŪTRA VORWEG (Yogasūtra 1,2: 'yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ' — 'Yoga ist die UNTERDRÜCKUNG/AUFHEBUNG DER WIRBELUNGEN DES GEISTES'). Während Patañjali den Begriff 'Nirodha' (Unterdrückung/Zügelung) verwendet, benutzt unsere Stelle 'Kṣaya' (Schwinden/Erlöschen) — im Wesentlichen aber wird genau dasselbe Grundkonzept formuliert, oft mehrere Jahrhunderte VOR der vermuteten Abfassung des klassischen Yogasūtra. Das abschließende Diktum 'yac cittas tanmayo bhavati' ('woraus der Geist besteht, das wird man') gehört zu den meistzitierten Sentenzen der gesamten Vedānta- und Yoga-Tradition und bringt in denkbar knappster Form die zentrale Botschaft der gesamten Yoga-Psychologie dieses Prapāṭhaka auf den Punkt: die vollständige Identität von geistigem Zustand und erfahrener Wirklichkeit. Diese Kaṇḍikā bildet damit einen der bedeutendsten Kulminationspunkte der gesamten Maitrī-Upaniṣad für die Geistesgeschichte des klassischen Yoga.]
Wort für Wort
yathā nirindhano vahniḥ svayonāvupaśāmyate
wie Feuer ohne Brennstoff in seinem eigenen Ursprung erlischt
tathā vṛttikṣayāccittaṃ svayonāvupaśāmyate
so erlischt der Geist durch das Schwinden seiner Wirbelungen im eigenen Ursprung [GRÖSSTER FUND: ≈Patañjali Yogasūtra 1,2 'citta-vṛtti-nirodhaḥ']
cittameva hi saṃsāraṃ tatprayatnena śodhayet
der Geist allein ist der Weltenkreislauf — diesen soll man mit Anstrengung reinigen
yaccittastanmayo bhavati guhyametatsanātanam
woraus der Geist besteht, das wird man — dies ist das ewige Geheimnis
GRÖSSTER FUND DES GESAMTEN PRAPĀṬHAKA — die Citta-Vṛtti-Kṣaya-Lehre: 'wie Feuer ohne Brennstoff erlischt, so erlischt der Geist durch das Schwinden seiner Wirbelungen' — nimmt wörtlich Patañjalis Yogasūtra-Definition ('citta-vṛtti-nirodhaḥ', YS 1,2) vorweg; 'woraus der Geist besteht, das wird man' — eine der meistzitierten Sentenzen der Vedānta-/Yoga-Tradition.
samāsaktaṃ yathā cittaṃ jantor viṣayagocare, yad y evaṃ brahmaṇi syāt tat ko na mucyeta bandhanāt | mano hi dvividhaṃ proktaṃ śuddhaṃ cāśuddham eva ca, aśuddhaṃ kāmasaṃparkāc chuddhaṃ kāmavivarjitam | layavikṣeparahitaṃ manaḥ kṛtvā suniścalam, yadā yāty amanībhāvaṃ tadā tat paramaṃ padam | tāvan mano nirodhavyaṃ hṛdi yāvad vrajet kṣayam, etaj jñānaṃ ca mokṣaṃ ca śeṣāny anyagranthavistarāḥ | samādhinirdhūtamalasya cetaso niveśitasyātmani yat sukhaṃ bhavet, na śakyate varṇayituṃ girā tadā svayaṃ tad antaḥkaraṇena gṛhyate | apām āpo'gnir agnau vāyau vyoma na lakṣyate, evam antargataṃ yasya manaḥ sa parimucyate | mana eva manuṣyāṇāṃ kāraṇaṃ bandhamokṣayoḥ, bandhāya viṣayāsaṅgi mokṣe nirviṣayaṃ smṛtam iti | ataḥ agnihotrayajñacid-jñāna-abhidhyāyināṃ brahmaṇaḥ padavīm anusmaraṇaṃ viruddham, tasmād agryaḥ ṣṭavyaś ca stotavyo'bhidhyātavyaḥ || 34 ||
'So wie der Geist des Lebewesens an das FELD DER SINNESOBJEKTE gefesselt ist — WENN er EBENSO an das BRAHMAN [gefesselt] wäre, WER würde dann NICHT von der FESSELUNG befreit? Der GEIST nämlich wird als ZWEIFACH bezeichnet: REIN und UNREIN. UNREIN [ist er] durch die BERÜHRUNG MIT BEGIERDE, REIN [ist er, wenn er] VON BEGIERDE FREI ist. Nachdem man den Geist, frei von Zerstreuung und Trägheit [Laya-Vikṣepa], VÖLLIG UNBEWEGT gemacht hat — wenn er dann in den ZUSTAND DES NICHT-GEISTES [Amanībhāva] eingeht, DANN [erreicht man] jenen HÖCHSTEN ZUSTAND. So lange soll man den GEIST IM HERZEN ZURÜCKHALTEN, bis er ZUR AUFLÖSUNG gelangt — DIES ist die [wahre] ERKENNTNIS und die ERLÖSUNG; alles Übrige ist [nur] AUSFÜHRLICHE TEXTGELEHRSAMKEIT [Granthavistara]. Das GLÜCK, das dem VOM SAMĀDHI GEREINIGTEN, IM SELBST VERANKERTEN Geist zuteilwird, kann MIT WORTEN NICHT BESCHRIEBEN werden; es wird DANN nur VOM INNEREN ORGAN SELBST erfasst. So wie [ein Tropfen] Wasser im Wasser, Feuer im Feuer, [oder] Luft in der Luft NICHT [mehr als gesondert] ERKENNBAR ist — EBENSO wird, wessen Geist [derart] EINGEGANGEN ist, VÖLLIG BEFREIT. Der GEIST ALLEIN ist die URSACHE VON BINDUNG UND ERLÖSUNG der Menschen: [Geist,] AN SINNESOBJEKTE GEBUNDEN, [führt] zur BINDUNG; [Geist,] FREI VON SINNESOBJEKTEN, gilt als [Weg zur] ERLÖSUNG. Deshalb ist für jene, die auf FEUEROPFER, [rituelles] OPFER, [bloße] GEDANKEN-ERKENNTNIS MEDITIEREN, das [wahre] ERINNERN AN DEN PFAD DES BRAHMAN [dadurch] BEHINDERT; DESHALB soll [nur] das VORZÜGLICHSTE [Prinzip, das Brahman selbst] VEREHRT, GEPRIESEN UND BETRACHTET WERDEN.' (Maitrī-Up. 6,34) [Anm.: GRÖSSTER FUND — die Formulierung 'wäre der Geist ebenso an Brahman gebunden wie an die Sinnesobjekte, wer würde dann nicht befreit?' ist eine der berühmtesten rhetorischen Sentenzen der gesamten Yoga-Vedānta-Literatur (nahezu wortgleich auch in der Amṛtabindu-Upaniṣad 2 belegt) und bringt die gesamte Psychologie der Bindung/Erlösung auf eine einzige pointierte Frage. Die Beschreibung des unaussprechlichen, nur 'vom inneren Organ selbst' erfassten Samādhi-Glücks sowie das Wasser-in-Wasser-Gleichnis für die vollständige Auflösung der individuellen Geist-Identität in Brahman gehören zu den eindrücklichsten mystischen Formulierungen dieses gesamten Prapāṭhaka.]
Wort für Wort
samāsaktaṃ yathā cittaṃ jantorviṣayagocare yadyevaṃ brahmaṇi syāttatko na mucyeta bandhanāt
wäre der Geist ebenso an Brahman gebunden wie an das Feld der Sinnesobjekte, wer würde dann nicht befreit? [GRÖSSTER FUND: ≈Amṛtabindu-Up. 2]
mano hi dvividhaṃ proktaṃ śuddhaṃ cāśuddhameva ca
der Geist wird als zweifach bezeichnet: rein und unrein
apāmāpo'griragnau vāyau vyoma na lakṣyate evamantargataṃ yasya manaḥ sa parimucyate
wie Wasser in Wasser, Feuer in Feuer, Luft in Luft nicht mehr erkennbar ist, so wird, wessen Geist derart eingegangen ist, völlig befreit
mana eva manuṣyāṇāṃ kāraṇaṃ bandhamokṣayoḥ
der Geist allein ist die Ursache von Bindung und Erlösung der Menschen
GRÖSSTER FUND — 'wäre der Geist ebenso an Brahman gebunden wie an die Sinnesobjekte, wer würde nicht befreit?' (≈Amṛtabindu-Up. 2); der zweifache (reine/unreine) Geist; das Wasser-in-Wasser-Gleichnis für die Auflösung des Geistes in Brahman; 'der Geist allein ist Ursache von Bindung und Erlösung'.
[zusammenfassend übersetzt:] 'Verehrung dem AGNI, der die ERDE VERHÜLLT, in der WELT [Loka] BEKANNT — gib DIESE WELT dem Opferer! Verehrung dem VĀYU, der den LUFTRAUM verhüllt, in der Welt bekannt — gib diese Welt dem Opferer! Verehrung dem ĀDITYA, der den HIMMEL verhüllt, in der Welt bekannt — gib diese Welt dem Opferer! Verehrung dem BRAHMAN, das ALLES verhüllt, [in] ALLEM bekannt — gib ALLES DIESEM Opferer! MIT EINER GOLDENEN SCHALE ist das ANTLITZ DER WAHRHEIT [Satya] VERDECKT; DIESE [Schale], o PŪṢAN, ÖFFNE, DAMIT ICH, DER WAHRHEITS-PFLICHTGETREUE, [sie] SCHAUEN [kann]. Jener PURUṢA IN DER SONNE — DAS BIN ICH.' (Maitrī-Up. 6, ca. 35) [Anm.: FUND — die 'goldene-Schale'-Formel ('hiraṇmayena pātreṇa satyasyāpihitaṃ mukham...') ist ein WORTWÖRTLICHES ZITAT der berühmten Īśā-Upaniṣad (Vers 15: 'hiraṇmayena pātreṇa satyasyāpihitaṃ mukham, tat tvaṃ pūṣann apāvṛṇu satyadharmāya dṛṣṭaye') — eine der bekanntesten Sterbegebete der gesamten Upaniṣaden-Literatur, das um die Enthüllung der 'goldenen Schale' bittet, die das wahre Antlitz der kosmischen Wahrheit verdeckt. Die abschließende Identifikationsformel 'jener Puruṣa in der Sonne — das bin ich' entspricht ebenfalls fast wörtlich Īśā-Up. 16-17.]
Verehrung dem Agni, der die Erde verhüllt — gib diese Welt dem Opferer
hiraṇmayena pātreṇa satyasyāpihitaṃ mukham
mit einer goldenen Schale ist das Antlitz der Wahrheit verdeckt [FUND: wörtliches Zitat Īśā-Up. 15]
yo'sāvādityapuruṣaḥ so'sāvahamiti
jener Puruṣa in der Sonne — das bin ich [≈Īśā-Up. 16-17]
FUND — Huldigungsformeln an Agni/Vāyu/Āditya/Brahman; die 'goldene Schale'-Formel ist ein wörtliches Zitat der Īśā-Upaniṣad (Vers 15-17), einschließlich der Identifikationsformel 'jener Puruṣa in der Sonne — das bin ich'.
[zusammenfassend übersetzt:] 'Dies eben ist wahrlich das WAHRHEITS-GESETZ [Satyadharma]: dass das SONNE-SEIN [Ādityatva] der Sonne — jenes weiße, zeichenlose PURUṢA, nur ein ANTEIL [Aṃśamātra] des Lichts im Innern des Himmelsraumes ist — DIES ist gleichsam inmitten der Sonne das BRAHMAN, DIES ist das UNSTERBLICHE, DIES ist der GLANZ [Arka]. Was in der Mitte der Sonne unsterblich ist, dessen SOMA oder auch PRĀṆA-Keim [ist] — DIES ist Brahman, DIES ist das Unsterbliche, DIES ist der Glanz. Was in der Mitte der Sonne als YAJUS [Opferspruch] leuchtet: Wasser, Licht, Essenz [Rasa], das Unsterbliche, Brahman, [die drei Welten] Bhūr-Bhuvaḥ-Svar [und] OṂ — [dies ist] der ACHTFÜSSIGE, REINE HAṂSA [Schwan], der DREIFACH-VERBUNDENE [Trisūtra], der FEINE, UNVERGÄNGLICHE, ZWIEFACH-EIGENSCHAFTLICHE, MIT LICHT VERBUNDENE — [ihn], obwohl er ALLES SIEHT, sieht man [selbst] NICHT. Dieser ANTEIL des Lichts im Innern des Himmelsraumes, aufgegangen in der Mitte der Sonne, wird zum [Sonnen-]STRAHL; DIES ist Savitṛs WAHRHEITS-GESETZ, DIES ist Yajus, DIES ist Askese [Tapas], DIES ist Agni, DIES ist Vāyu, DIES ist Prāṇa, DIES sind die Wasser, DIES ist der Mond, DIES ist die reine Essenz, DIES ist das Unsterbliche, DIES ist Brahman als OBJEKT [Viṣaya], DIES ist Brahman als ATOM [Aṇu] — in diesem eben VERSCHMELZEN die Opferer WIE SALZ [im Wasser]. DIES ist die EINHEIT MIT BRAHMAN; hierin nämlich sind ALLE WÜNSCHE VEREINT — so zitiert man. ZWEI nun sind die FORMEN DES BRAHMAN-LICHTS: die EINE RUHIGE, [und] EINE [andere,] AUSGEDEHNTE/VOLLENDETE [Samṛddha]; und [ferner] was FRIEDVOLL ist...' (Maitrī-Up. 6, ca. 35-36, Beginn eines neuen Zwei-Brahman-Themas) [Anm.: FUND — die SATYADHARMA-LEHRE identifiziert das innerste 'Sonnenlicht' als Brahman, Unsterblichkeit und Glanz zugleich und häuft eine außergewöhnliche Fülle von Identifikationen (Soma, Prāṇa, Yajus, die drei Welten, Oṃ, Agni, Vāyu, Wasser, Mond) auf dieses eine 'Lichtatom' im Innern der Sonne; die Formel 'obwohl er alles sieht, sieht man ihn selbst nicht' [sarvaṃ paśyan na paśyati] ist eine bemerkenswerte, dem Auge/der Sonne zugeschriebene Umkehrung der gewöhnlichen Seh-Metaphorik. Das Salz-im-Wasser-Gleichnis für die Verschmelzung des Opferers mit Brahman erinnert an die berühmte gleichnamige Stelle der Chāndogya-Upaniṣad (6,13). Am Ende beginnt sich bereits ein NEUES Zwei-Brahman-Thema (ruhig/ausgedehnt) anzudeuten, das in der folgenden Kaṇḍikā fortgesetzt wird.]
Wort für Wort
eṣa ha vai satyadharmo yadādityasyādityatvam
dies ist das Wahrheits-Gesetz: das Sonne-Sein der Sonne
etadbrahmaitadamṛtametadargaḥ
dies ist Brahman, dies ist das Unsterbliche, dies ist der Glanz
sarvaṃ paśyanna paśyati
obwohl er alles sieht, sieht man ihn selbst nicht
tasminneva yajamānāḥ saindhava iva vlīyante eṣā vai brahmaikatā
darin verschmelzen die Opferer wie Salz — dies ist die Einheit mit Brahman [FUND: ≈Chāndogya-Up. 6,13]
dve vāva khalvete brahmajyotiṣo rūpe śāntamekaṃ samṛddham
zwei sind die Formen des Brahman-Lichts: die eine ruhige, die andere ausgedehnte
FUND — die Satyadharma-Lehre: das innerste Sonnenlicht als Brahman, Unsterblichkeit und Glanz; Häufung von Identifikationen (Soma/Prāṇa/Yajus/Bhūr-Bhuvaḥ-Svar/Oṃ); das Salz-im-Wasser-Gleichnis (≈Chāndogya-Up. 6,13) für die Verschmelzung des Opferers mit Brahman; Ansatz eines neuen Zwei-Brahman-Themas (ruhig/ausgedehnt).
[ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen extremer ritueller Fachbegriffsdichte, [?]:] agnihotraṃ juhuyāt svargakāmo, yamarājyam agniṣṭomenābhiyajati, somarājyam ukthena, sūryarājyaṃ ṣoḍaśinā, svārājyam atirātreṇa, prajāpatyam āsahasrasaṃvatsarān āptorayāmeneti | tad yad vai agnau hūyate tad ādityaṃ gamayati, tat sūryo raśmibhir varṣati, tenānnaṃ bhavaty, annād bhūtānām utpattir ity evaṃ hy āha | agnau prāstāhutiḥ samyag ādityam upatiṣṭhate, ādityāj jāyate vṛṣṭir, vṛṣṭer annaṃ tataḥ prajāḥ || 37 ||
[zusammenfassend übersetzt:] 'Man opfere das AGNIHOTRA, wer nach dem HIMMEL verlangt; die HERRSCHAFT YAMAS erwirbt man durch das Agniṣṭoma-Opfer, die HERRSCHAFT SOMAS durch das Uktha-Opfer, die HERRSCHAFT DER SONNE durch das Ṣoḍaśin-Opfer, die SELBSTHERRSCHAFT [Svārājya] durch das Atirātra-Opfer, [die Zugehörigkeit zu] PRAJĀPATI durch das bis zu tausend Jahre währende Āptoryāma-Opfer. Was nämlich ins FEUER geopfert wird, das gelangt zur SONNE; die Sonne lässt es [als] REGEN mit ihren Strahlen herabregnen; dadurch entsteht die SPEISE; aus der Speise [entsteht] die ENTSTEHUNG DER GESCHÖPFE — so ist gesagt. Die ins Feuer geworfene Opfergabe gelangt richtig zur Sonne; aus der Sonne entsteht der REGEN, aus dem Regen die SPEISE, daraus die GESCHÖPFE.' (Maitrī-Up. 6, ca. 36-37) [Anm.: GRÖSSTER FUND — diese FEUER→SONNE→REGEN→SPEISE→GESCHÖPFE-KAUSALKETTE ist eine deutliche Parallele zur berühmten PAÑCĀGNIVIDYĀ ('Fünf-Feuer-Lehre') der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad (6,2,9-14) und Chāndogya-Upaniṣad (5,4-9), einer der zentralen Wiedergeburtslehren der älteren Upaniṣaden, welche die Kette von Himmel-Regen-Speise-Same-Wiedergeburt beschreibt. Die vorangehende Aufzählung verschiedener Śrauta-Opfer (Agniṣṭoma, Uktha, Ṣoḍaśin, Atirātra, Āptoryāma) zur Erlangung je unterschiedlicher 'Herrschaftsbereiche' (Yama, Soma, Sonne, Selbstherrschaft, Prajāpati) verdeutlicht, wie eng vedisches Opferritual und kosmologische Aufstiegs-Lehre in dieser Kaṇḍikā verzahnt sind.]
Wort für Wort
agnihotraṃ juhuyātsvargakāmaḥ
man opfere das Agnihotra, wer nach dem Himmel verlangt
was ins Feuer geopfert wird, gelangt zur Sonne; die Sonne lässt es als Regen herab; dadurch entsteht die Speise [GRÖSSTER FUND: ≈Pañcāgnividyā, Bṛhadāraṇyaka-Up. 6,2,9-14]
ādityājjāyate vṛṣṭirvṛṣṭerannaṃ tataḥ prajāḥ
aus der Sonne entsteht der Regen, aus dem Regen die Speise, daraus die Geschöpfe
GRÖSSTER FUND — die Feuer-Sonne-Regen-Speise-Geschöpfe-Kausalkette, eine deutliche Parallele zur Pañcāgnividyā der Bṛhadāraṇyaka-Up. (6,2,9-14) und Chāndogya-Up. (5,4-9); verschiedene Śrauta-Opfer für verschiedene Herrschaftsbereiche (Yama/Soma/Sonne/Selbstherrschaft/Prajāpati).
[zusammenfassend übersetzt:] 'Wer das Agnihotra opfert, durchbricht dadurch das NETZ DER GIER; nachdem er die VERBLENDUNG zerschnitten hat, [und] nicht mehr, aus ZORN Befriedigung suchend, dem BEGEHREN nachsinnt, durchbricht er sodann die VIERFACHE BRAHMAN-HÜLLE [Caturjāla Brahmakośa]; hier, nachdem er die SONNEN-, MOND- UND FEUER-KREISE der Opferpriester durchbrochen hat, [gelangt er zum] HÖCHSTEN RAUM; von da an sieht er, REIN, IM [WAHREN] SEIN VERANKERT, das UNBEWEGLICHE, UNSTERBLICHE, UNFALLENDE, EWIGE, MIT NAMEN VIṢṆU [bezeichnete], HÖCHSTE JENSEITIGE GEMACH [Dhāma], VERBUNDEN MIT WAHREM BEGEHREN UND ALLWISSENHEIT, UNABHÄNGIGES BEWUSSTSEIN, IN DER EIGENEN GRÖSSE VERWEILEND. Hierzu zitiert man: 'INMITTEN DER SONNE weilt der MOND, INMITTEN DES MONDES das FEUER, INMITTEN DES LICHTS weilt das [reine] SEIN [Sattva], INMITTEN DES SEINS weilt der UNFALLENDE [Acyuta].' Nachdem man den, der [nur] DAUMENGROSS IM KÖRPERRAUM [des Herzens], FEINER ALS DAS FEINSTE ist, MEDITIERT hat, gelangt man zur HÖCHSTEN [Stufe]; hierin nämlich sind ALLE WÜNSCHE VEREINT — so zitiert man. 'Der nur DAUMENGROSSE, KÖRPERGROSSE [Bereich], WIE DIE GLUT EINER LAMPE, IST ZWEI- ODER DREIFACH [zu betrachten]' — DIESES, als BRAHMAN gepriesen, [als] GROSSER GOTT, IST IN ALLE WELTEN EINGEGANGEN. OṂ. VEREHRUNG DEM BRAHMAN, VEREHRUNG!' SO ENDET IN DEN MAITRĀYAṆĪYA-UPANIṢADEN DER SECHSTE PRAPĀṬHAKA. [Anm.: GRÖSSTER FUND — der 'DAUMENGROSSE PURUṢA IM HERZEN' [Aṅguṣṭhamātra Puruṣa] ist eine der berühmtesten Bild-Formeln der gesamten Upaniṣaden-Literatur, wortwörtlich und inhaltlich fast identisch mit der noch bekannteren Fassung der Kaṭha-Upaniṣad (4,12-13: 'aṅguṣṭhamātraḥ puruṣo madhya ātmani tiṣṭhati...') und der Śvetāśvatara-Upaniṣad (3,13; 5,8). Der abschließende Durchbruch durch die 'vierfache Brahman-Hülle' und die Sonnen-/Mond-/Feuer-Kreise, gefolgt von der abschließenden Verehrungsformel 'Oṃ namo brahmaṇe namaḥ', bildet einen würdigen, feierlichen Abschluss des LÄNGSTEN UND INHALTLICH REICHSTEN PRAPĀṬHAKA der gesamten Maitrī-Upaniṣad — mit insgesamt 39 hier übersetzten Einheiten, die eine außergewöhnliche Fülle an Yoga-, Sāṃkhya-, Sāvitrī-, Nāḍī- und Brahman-Lehren in einem einzigen Prapāṭhaka vereinen.]
Wort für Wort
śarīrapradeśāṅguṣṭhamātramaṇoraṇuṃ dhyātvā
nachdem man den daumengroßen, feiner-als-fein im Körperraum meditiert hat [GRÖSSTER FUND: ≈Kaṭha-Up. 4,12-13]
ravimadhye sthitaḥ somaḥ somamadhye hutāśanaḥ
inmitten der Sonne weilt der Mond, inmitten des Mondes das Feuer
tadbrahmābhiṣṭūyamānaṃ maho devo bhuvanānyāviveśa
dieses, als Brahman gepriesen, der Große Gott, ist in alle Welten eingegangen
oṃ namo brahmaṇe namaḥ
Oṃ, Verehrung dem Brahman, Verehrung!
iti maitrāyaṇīyopaniṣatsu ṣaṣṭhaḥ prapāṭhakaḥ
so endet in den Maitrāyaṇīya-Upaniṣaden der sechste Prapāṭhaka
GRÖSSTER FUND — der daumengroße Puruṣa im Herzen (Aṅguṣṭhamātra Puruṣa), fast wortgleich mit Kaṭha-Up. 4,12-13 und Śvetāśvatara-Up. 3,13/5,8; Durchbruch durch die vierfache Brahman-Hülle und Sonnen-/Mond-/Feuer-Kreise; Abschluss des sechsten, längsten Prapāṭhaka mit der Formel 'Oṃ namo brahmaṇe namaḥ'.