Kapitel 7: saptamaḥ prapāṭhakaḥ
Siebter Prapāṭhaka (VOLLSTÄNDIG, letzter Teil des Werks): Sāman-Jahreszeiten-Prāṇa-Korrespondenzen; Wiederholung der Götter-Litanei; die Polemik gegen Häretiker und die Nairātmya-Lehre; der Bṛhaspati-Śukra-Mythos; der Deva-Asura-Prajāpati-Mythos; die Vier-Füße-Doktrin des Brahman
VOLLSTÄNDIG (6 Einheiten) — der letzte und kürzeste Prapāṭhaka der Maitrī-Upaniṣad, mit echtem Schlusskolophon 'iti maitrāyaṇyupaniṣatsu saptamaḥ prapāṭhakaḥ' bestätigt (S.31 der Quelle). Enthält: die Sāman/Jahreszeiten/Prāṇa-Korrespondenztabelle (K.1-6); die Wiederholung der Götter-Litanei aus Prap.6 (K.7); den POLEMISCHEN ABSCHNITT gegen Häretiker (Kāpālikas, vermutlich Buddhisten) und die NAIRĀTMYA-LEHRE (K.8); den BṚHASPATI-ŚUKRA-TÄUSCHUNGSMYTHOS mit Zitaten aus Kaṭha-Up. 1,2,4-5 und Īśā-Up. 11 (K.9); die verkürzte Anspielung auf den DEVA-ASURA-PRAJĀPATI-MYTHOS (≈Chāndogya-Up. 8,7ff) mit der Mahnung, nur Vedisches zu studieren (K.10); und schließlich die physiologische Mātṛkā-(Sprachlaut-)Lehre mit der VIER-FÜSSE-DOKTRIN DES BRAHMAN (≈Māṇḍūkya-Up.: Wachen-Traum-Tiefschlaf-Turīya) und der Dvaita/Advaita-Kontrastformel (K.11). MIT DIESEM PRAPĀṬHAKA IST DIE GESAMTE MAITRĀYAṆĪYA-ĀRAṆYAKA/MAITRĪ-UPANIṢAD VOLLSTÄNDIG ÜBERSETZT (7 Prapāṭhakas insgesamt).
[zusammenfassend übersetzt:] 'AGNI, das GĀYATRĪ-[Versmaß], das TRIVṚT-SĀMAN, das RATHAṂTARA-[Sāman], der FRÜHLING, der PRĀṆA, die NAKṢATRAS [und] die VASUS GEHEN IM OSTEN AUF, glühen, regnen, lobpreisen, kehren zurück [und] wandern im Innern verteilt umher. INDRA, das TRIṢṬUBH, das PAÑCADAŚA-[Sāman], das BṚHAT-[Sāman], der SOMMER, der VYĀNA, SOMA [und] die RUDRAS gehen im SÜDEN auf... Die MARUTS, die JAGATĪ, das SAPTADAŚA-[Sāman], das VAIRŪPA-[Sāman], die REGENZEIT, der APĀNA, ŚUKRA [und] die ĀDITYAS gehen im WESTEN auf... Die ALLGÖTTER, die ANUṢṬUBH, das EKAVIṂŚA-[Sāman], das VAIRĀJA-[Sāman], der HERBST, der SAMĀNA, VARUṆA [und] die SĀDHYAS gehen im NORDEN auf... MITRA UND VARUṆA, die PAṄKTI, das [Sāman] TRAYASTRIṂŚA, das ŚĀKVARA-[Sāman], das RAIVATA-[Sāman], WINTER UND SPÄTWINTER, der UDĀNA, die AṄGIRAS [und] der MOND gehen OBEN auf... [alle] glühen, regnen, lobpreisen, kehren zurück, wandern verteilt umher — [dies ist] der mit Namen PRAṆAVA Bezeichnete, der LEITER, LICHTGESTALTIGE, vom SCHLAF BEFREITE, ALTERSLOSE, TODLOSE, LEIDLOSE. SATURN, RĀHU UND KETU, die [Kometen], die RAKṢAS-DÄMONEN, die VÖGEL, SARABHAS und dergleichen gehen UNTEN auf... [Dies ist] der WEISE TRÄGER [Vidharaṇa], das INNERSTE VON ALLEM, der HÖCHSTE, REINE, LAUTERE, INNERLICH FRIEDVOLLE. Dieser SELBST nämlich, im Innern des Herzens, ist FEINER [ALS FEIN], wie eine glühende Kohle, ALLGESTALTIG; SEINE SPEISE ist all dies; auf IHM ist all dies GEWOBEN, diese Geschöpfe. Dieser SELBST ist frei von Übel, alterslos, todlos, leidlos, zweifellos, fessellos, von WAHREM WILLEN, von WAHREM BEGEHREN; dieser ist der HÖCHSTE HERR, dieser ist der HERR ÜBER DIE WESEN, dieser ist der HÜTER DER WESEN, dieser ist die BRÜCKE UND DER TRÄGER [Setur Vidharaṇa].' (Maitrī-Up. 7, ca. 1-6) [Anm.: eine formelhafte Korrespondenztabelle, die (analog zur Agnicayana-Allegorie aus Prapāṭhaka 6) je eine Gottheit, ein Versmaß, ein Sāman-Lied, eine Jahreszeit, einen Lebenshauch und eine Gestirngruppe den vier Himmelsrichtungen [und der 'Höhe'/'Tiefe'] zuordnet — eine der umfassendsten erhaltenen vedischen Korrespondenzsystematiken, die zugleich die klassische Fünf-Gruppen-Teilung (Vasus-Rudras-Ādityas-Sādhyas-Aṅgiras) der vedischen Göttergruppen widerspiegelt.]
Indra, Triṣṭubh, Pañcadaśa-Sāman, Bṛhat-Sāman, Sommer, Vyāna, Soma, Rudras gehen im Süden auf
eṣa hi khalvātmāntarhṛdaye'ṇīyānindho'gririva viśvarūpaḥ
dieser Selbst im Innern des Herzens ist feiner als fein, wie eine glühende Kohle, allgestaltig
eṣa seturvidharaṇaḥ
dieser ist die Brücke und der Träger
Formelhafte Korrespondenztabelle: Gottheit/Versmaß/Sāman/Jahreszeit/Lebenshauch/Gestirngruppe für jede Himmelsrichtung — analog zur Agnicayana-Allegorie aus Prapāṭhaka 6; abschließende Selbst-Lehre (der innerste, feinere-als-fein glühende Selbst als Brücke und Träger aller Wesen).
'Dieser [Selbst] nämlich ist wahrlich der HERR DES SELBST: ŚAMBHU, BHAVA, RUDRA, PRAJĀPATI, der ALLSCHÖPFER, HIRAṆYAGARBHA, die WAHRHEIT, PRĀṆA, HAṂSA, der LEHRER, der UNFALLENDE, VIṢṆU, NĀRĀYAṆA. Und das, was IM FEUER ist, und das, was HIER IM HERZEN ist, und das, was DORT IN DER SONNE ist — DIES ist EIN UND DASSELBE. DIR, dem ALLGESTALTIGEN, IN WAHRHEIT IM ÄTHER GEGRÜNDETEN, [sei] VEREHRUNG!' (Maitrī-Up. 7,7) [Anm.: diese Kaṇḍikā wiederholt nahezu wortgleich die bereits in Prapāṭhaka 6, Kaṇḍikā 8 und 17 gegebene Götter-Litanei und Feuer-Herz-Sonne-Einheitsformel — ein deutlicher Hinweis auf den kompilatorischen Charakter dieses letzten, kürzeren Prapāṭhaka, der bereits behandelte Materialien resümierend wiederaufgreift, bevor er zum eigenständigen, unten folgenden polemischen Abschnitt übergeht.]
Wort für Wort
eṣa hi khalvātmeśānaḥ śambhurbhavo rudraḥ prajāpatiḥ
dieser ist der Herr des Selbst: Śambhu, Bhava, Rudra, Prajāpati [Wiederholung aus Prap.6,8]
tasmai te viśvarūpāya satye nabhasi hitāya namaḥ
dir, dem Allgestaltigen, in Wahrheit im Äther gegründeten, sei Verehrung
Wiederholung der Götter-Litanei und Feuer-Herz-Sonne-Einheitsformel aus Prapāṭhaka 6,8/17 — Hinweis auf den resümierenden, kompilatorischen Charakter dieses letzten Prapāṭhaka.
[ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen extremer OCR-Unsicherheit bei der Aufzählung, [?] an mehreren Stellen:] atha ye cānye ha nityapramuditā nityapravasitā nityayācakā nityaṃ śilpopajīvino'tha ye cānye ha purayācakā ayājyayājakāḥ śūdraśiṣyāḥ śūdrāś ca śāstravidvāṃso'tha ye cānye ha cāṭajaṭanaṭabhaṭa-pravrajitārthāvatāriṇo rājakarmaṇi patitādayaḥ | atha ye cānye ha yac carācara-bhūtagaṇapiśācoragagrahādīnām arthaṃ puraskṛtya śamayām ity evaṃ bruvāṇā atha ye cānye ha vṛthā kaṣāyakuṇḍalinaḥ [?] kāpālino'tha ye cānye ha vṛthā tarka-dṛṣṭāntakuhakendrajālair vaidikeṣu paristhātum icchanti taiḥ saha na saṃvaset prakāśabhūtā vai te taskarā asvargyā ity evaṃ hy āha | nairātmyavādakuhakair mithyādṛṣṭāntahetubhiḥ bhrāmyal loko na jānāti vedavidyāntaraṃ tu yat || 8 ||
'Und andere wiederum [gibt es], die STÄNDIG AUSGELASSENE, STÄNDIG UMHERZIEHENDE, STÄNDIG BETTELNDE, die STÄNDIG VOM HANDWERK LEBEN; und andere wiederum, die STADTBETTLER, die FÜR UNWÜRDIGE OPFERNDEN, ŚŪDRA-SCHÜLER UND SCHRIFTGELEHRTE ŚŪDRAS; und andere wiederum, SPÄHER [?], VERFILZTHAARIGE ASKETEN, SCHAUSPIELER, SÖLDNER UND WANDERMÖNCHE, DIE [NUR] UM DES GEWINNS WILLEN [DIE ÄUSSEREN ZEICHEN DER ENTSAGUNG] ANGENOMMEN HABEN, sowie SOLCHE, DIE AUS KÖNIGLICHEM DIENST GEFALLEN SIND, und dergleichen. Und andere wiederum, die unter dem Vorwand, wandelnde und unbewegliche Wesenscharen, Piśācas, Schlangendämonen [Nāgas], Planeten-Ergreifungen [Grahas] und dergleichen zu BESÄNFTIGEN, [Geld] verlangen, so sprechend; und andere wiederum, die eitel [nur äußerlich] SAFFRANGEWANDETE MIT OHRRINGEN [?] [sind], KĀPĀLIKAS [Schädelträger-Asketen]; und andere wiederum, die sich mittels falscher Logik, falscher Beispiele, Blendwerk [Kuhaka] und Zauberkunst [Indrajāla] in vedischen Angelegenheiten zu etablieren suchen — MIT DIESEN soll man NICHT ZUSAMMENWOHNEN; SIE SIND OFFENKUNDIGE DIEBE, DES HIMMELS UNWÜRDIG — so wird gesagt. DURCH DIE NAIRĀTMYA-LEHRE [die Lehre vom Nicht-Selbst], DURCH BLENDWERK, DURCH FALSCHE BEISPIELE UND SCHEINGRÜNDE — die IRRENDE WELT ERKENNT NICHT, WAS DOCH EINE VON DER VEDA-WISSENSCHAFT VERSCHIEDENE [LEHRE] IST.' (Maitrī-Up. 7,8) [Anm.: dies ist der Beginn des berühmt-berüchtigten polemischen Abschnitts der Maitrī-Upaniṣad. Die Aufzählung mischt soziale Randgruppen (Bettler, Wanderschauspieler, gefallene Beamte) mit religiösen Konkurrenten: die 'Kaṣāyakuṇḍalinaḥ' (saffrangewandete Ohrringträger) dürften auf buddhistische oder ājīvika Mönche anspielen, die KĀPĀLIKAS sind eine śaivitische Schädelträger-Sekte. Der Schlüsselbegriff NAIRĀTMYA-VĀDA ('Lehre vom Nicht-Selbst') ist mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Anspielung auf die buddhistische Anātman-Lehre — sollte diese Deutung zutreffen, wäre dies eine der explizitesten brahmanischen Buddhismus-Polemiken der gesamten Upaniṣad-Literatur. Die Forschung datiert diesen Abschnitt der Maitrī-Upaniṣad überwiegend später als den Grundtext (nachbuddhistisch). Er wird hier bewusst rein deskriptiv-philologisch übersetzt, ohne die dargestellten Positionen zu bewerten — als historisches Zeugnis innerreligiöser Polemik.]
Wort für Wort
vṛthā kaṣāyakuṇḍalinaḥ kāpālinaḥ
eitel Saffrangewandete mit Ohrringen [und] Kāpālikas
taiḥ saha na saṃvaset
mit diesen soll man nicht zusammenwohnen
nairātmyavādakuhakair mithyādṛṣṭāntahetubhiḥ
durch die Nairātmya-Lehre, durch Blendwerk, durch falsche Beispiele und Scheingründe
bhrāmyalloko na jānāti vedavidyāntaraṃ tu yat
die irrende Welt erkennt nicht, was doch eine von der Veda-Wissenschaft verschiedene [Lehre] ist
Sozial-religiöse Warnliste vor 'falschen Asketen' (u.a. Kāpālikas, vermutlich Buddhisten/Ājīvikas) und der 'Nairātmya-Lehre' (wohl die buddhistische Nicht-Selbst-Lehre); Kernvorwurf: falsche Logik, falsche Beispiele, Blendwerk (Kuhaka) und Zauberkunst (Indrajāla). Deskriptive Wiedergabe ohne Wertung; einer der spätesten und am stärksten sektiererisch gefärbten Abschnitte der Upaniṣad.
'BṚHASPATI, WAHRLICH, wurde zu ŚUKRA und schuf, AUS FURCHT [?] VOR INDRA, für die ASURAS DIESE [FALSCHE] LEHRE; durch sie bezeichnen sie das GLÜCKVERHEISSENDE als UNHEILVOLL und das UNHEILVOLLE als GLÜCKVERHEISSEND. Sie lehren, es gebe eine [erlaubte] MEDITATION ÜBER DIE DEM VEDA UND DEN LEHRSCHRIFTEN ENTGEGENGESETZTE, GEWALTTÄTIGE PFLICHTLEHRE [Hiṃsaka-Dharma] — DAHER SOLLE MAN SIE [DIE WAHRE LEHRE] NICHT [MEHR] ANFÜHREN [Anm.: sinngemäß korrupt/unsicher überliefert, [?]], DENN JENE [FALSCHE LEHRE] SEI FRUCHTBRINGEND [wörtl. 'unfruchtbar', ironisch]; IHR FRUCHT SEI NUR GENUSS, WIE BEI EINEM VOM GELÜBDE ABGEFALLENEN — SIE SOLLE NICHT UNTERNOMMEN WERDEN — so wird gesagt. WEIT AUSEINANDER UND ENTGEGENGESETZT [wie Wege in verschiedene Richtungen] SIND DIESE BEIDEN: DIE UNWISSENHEIT UND DAS, WAS ALS WISSEN ERKANNT WIRD. ICH HALTE NACIKETAS FÜR EINEN, DER NACH WISSEN VERLANGT; DICH LOCKEN NICHT DIE VIELEN BEGIERDEN. WER WISSEN UND UNWISSENHEIT BEIDE ZUSAMMEN KENNT — DURCH DIE UNWISSENHEIT [d.h. das rituelle Handeln] DEN TOD ÜBERQUEREND, GENIESST ER DURCH DAS WISSEN DIE UNSTERBLICHKEIT. IN DER MITTE DER UNWISSENHEIT SICH TUMMELND, SICH SELBST FÜR WEISE UND GELEHRT HALTEND, IRREN DIE TOREN TAUMELND UMHER, GEFÜHRT WIE BLINDE VON EINEM BLINDEN GEFÜHRT WERDEN.' (Maitrī-Up. 7,9) [Anm.: dieser Abschnitt zitiert nahezu wörtlich zwei berühmte Verse — Kaṭha-Up. 1,2,4-5 ('vidyābhīpsataṃ naciketasam...' / 'avidyāyām antare vartamānāḥ...') und Īśā-Up. 11 ('vidyāṃ cāvidyāṃ ca yas tad vedobhayaṃ saha...') — und stellt sie in den Dienst der Polemik gegen die zuvor (K.8) genannten Häretiker. Der BṚHASPATI-ALS-ŚUKRA-MYTHOS ist auch aus dem Mahābhārata und den Purāṇen bekannt: der Götter-Lehrer Bṛhaspati täuscht, als der Asura-Lehrer Śukra verkleidet, die Asuras absichtlich mit einer irreführenden, scheinbar asketischen, tatsächlich gewalttätigen oder nihilistischen Lehre, um Indras Vormacht zu sichern — eine mythologische Ätiologie für die Existenz konkurrierender, aus brahmanischer Sicht 'häretischer' Lehrsysteme.]
Bṛhaspati wurde zu Śukra und schuf aus Furcht vor Indra für die Asuras diese Lehre
dūrametaviparīte viṣūcī avidyā yā ca vidyeti jñātā
weit auseinander und entgegengesetzt sind diese beiden: die Unwissenheit und das als Wissen Erkannte [≈Kaṭha-Up. 1,2,4]
avidyayā mṛtyuṃ tīrtvā vidyayāmṛtamaśnute
durch Unwissenheit den Tod überquerend, genießt er durch Wissen die Unsterblichkeit [=Īśā-Up. 11]
andhenaiva nīyamānā yathāndhāḥ
geführt wie Blinde von einem Blinden geführt werden [=Kaṭha-Up. 1,2,5]
Mythos von Bṛhaspatis Täuschung der Asuras (als Śukra verkleidet); wörtliche Zitate aus Kaṭha-Up. 1,2,4-5 und Īśā-Up. 11 im Dienst der Polemik gegen die in K.8 genannten Häretiker.
devāsurā ha vai ya ātmakāmā brahmaṇo'ntikaṃ prayātās tasmai namaskṛtvocur bhagavan vayam ātmakāmāḥ sa tvaṃ no brūhīty ataś ciraṃ dhyātvā'manyatānyatāt-mano vai te'surā ato'nyatamam eteṣām uktaṃ tad ime mūḍhā upajīvanty abhiṣvaṅgiṇas taryābhighātino'nṛtābhiśaṃsinaḥ satyam ivānṛtaṃ paśyanti | indrajālavad ity ato yad vededeṣv abhihitaṃ tat satyaṃ yad vededeṣūktaṃ tad vidvāṃsa upajīvanti | tasmād brāhmaṇo nāvaidikam adhīyītāyam artha syād iti || 10 ||
'DIE DEVAS UND ASURAS, WAHRLICH, DIE, NACH DEM SELBST BEGEHREND, ZU BRAHMAN [bzw. Prajāpati] GINGEN, sprachen, nachdem sie sich vor ihm verneigt hatten: "EHRWÜRDIGER, WIR BEGEHREN DAS SELBST — DU MÖGEST ES UNS VERKÜNDEN!" — Nachdem er LANGE NACHGEDACHT hatte, dachte er: "DIESE ASURAS FASSEN DAS SELBST WAHRLICH ALS ETWAS ANDERES [AUF]" — DESHALB WURDE IHNEN IRGENDETwas ANDERES VON DIESEN [WAHREN LEHREN] VERKÜNDET; DAVON LEBEN DIESE TOREN, AM [KÖRPER] HAFTEND, [IHRE GEGNER?] GEWALTSAM ANGREIFEND [?], LÜGE VERKÜNDEND — SIE SEHEN DIE UNWAHRHEIT WIE DIE WAHRHEIT AN. [Dies alles] IST WIE ZAUBEREI [Indrajāla]. DESHALB: WAS IN DEN VEDEN GESAGT IST, DAS IST WAHR; WAS IN DEN VEDEN VERKÜNDET IST, DAVON LEBEN DIE WISSENDEN. DESHALB SOLL EIN BRAHMANE NICHTS NICHTVEDISCHES STUDIEREN — DAS IST DER SINN [dieser Lehre].' (Maitrī-Up. 7,10) [Anm.: dies ist eine stark verkürzte, paraphrasierende Anspielung auf den berühmten DEVA-ASURA-PRAJĀPATI-MYTHOS aus Chāndogya-Up. 8,7-8,12, in dem Indra (für die Devas) und Virocana (für die Asuras) zu Prajāpati gehen, um über das Selbst [Ātman] unterwiesen zu werden — Virocana/die Asuras begnügen sich fälschlich mit der Gleichsetzung des Selbst mit dem Körper, während Indra durch beharrliches Nachfragen zur wahren, körperunabhängigen Erkenntnis des Selbst vordringt. Die Maitrī-Upaniṣad verwendet diesen bekannten Mythos hier nur noch als knappe Schlussanspielung, um die zuvor kritisierten Häretiker (K.8-9) mit den getäuschten, körperverhafteten Asuras der älteren Erzählung gleichzusetzen — der Abschnitt schließt mit der unmissverständlichen Schlussmahnung, ein Brahmane dürfe nur vedische, keine nichtvedischen Lehren studieren.]
Wort für Wort
devāsurā ha vai ya ātmakāmā brahmaṇo'ntikaṃ prayātāḥ
die Devas und Asuras, die nach dem Selbst begehrend zu Brahman gingen
anyatātmano vai te'surāḥ
diese Asuras fassen das Selbst als etwas anderes auf
tasmādbrāhmaṇo nāvaidikamadhīyītāyamartha syāditi
deshalb soll ein Brahmane nichts Nichtvedisches studieren — das ist der Sinn
Verkürzte Anspielung auf den Deva-Asura-Prajāpati-Mythos (≈Chāndogya-Up. 8,7ff): die Asuras/Häretiker fassen das Selbst fälschlich als körperlich auf und leben von falscher, zaubereiartiger (indrajālavat) Lehre; abschließende Mahnung, nur Vedisches zu studieren.
etad vāva tat svarūpaṃ nabhasaḥ khe'ntarbhūtasya yat paraṃ tejas tat tredhā abhihitam agnāv āditye prāṇa etad vāva tat svarūpaṃ nabhasaḥ khe'ntarbhūtasya yad om ity etad uccaram | anenaiva tad udbudhyaty udayaty ucchvasity ajasraṃ brahmadhīyālambaṃ vātraiva | etat samīraṇaprakāśapracetakauṣṇyasthānīyam etad dhūmasyeva samīraṇe nabhasi praśākhayaivotkramya skandhāt skandham anusarati | apsu pracetako lavaṇasyeva ghṛtasya cauṣṇyam iva | abhidhyātur vistṛtir ivaitad ity atra udāharanti | atha kasmād ucyate vaidyutaḥ | yasmād uccāritamātra eva sarvaṃ śarīraṃ vidyotayati tasmād om ity anenaitad upāsītāparimitaṃ tejaḥ || puruṣaś cākṣuṣo yo'yaṃ dakṣiṇe'kṣiy avasthitaḥ indro'yam asya jāyā iyaṃ savye cākṣiy avasthitā samāgamas tayor eva hṛdayāntargate suṣau tejas tal lohitasyātra piṇḍa evobhayos tayoḥ hṛdayād āyatā tāv acyuṣyāsmin pratiṣṭhitā sāraṇī sā tayor nāḍī dvayor ekā dvidhā satī manaḥ kāyāgnim āhanti sa prerayati mārutam mārutas tūrasi caran mandraṃ janayati svaram khajāgriyogād dhṛdi saṃprayuktam aṇor hṛṇur dviraṇuḥ kaṇṭhadeśe jihvāgradeśe'ṇukaṃ ca viddhi vinirgataṃ mātṛkam evāhuḥ na paśyan mṛtyuṃ paśyati na rogaṃ nota duḥkhatām || sarvaṃ hi paśyan paśyati sarvam āpnoti sarvaśaḥ cākṣuṣaḥ svapracārī ca sumaḥ sumāt paraś ca yaḥ bhedāś caite'sya catvāras tebhyas turyaṃ mahattaram triṣv ekapāc caret brahma tripāc carati cottare satyānṛtopabhogārtho dvaitībhāvo mahātmana iti advaitībhāvo mahātmana iti [?, Textkorruption: die Wiederholung könnte im Original 'dvaitī-'/'advaitī-bhāva' kontrastieren] || 11 || iti maitrāyaṇyupaniṣatsu saptamaḥ prapāṭhakaḥ
[ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT, mit erheblicher OCR-Unsicherheit, [?]:] 'DIES NÄMLICH IST JENE EIGENGESTALT DES IM RAUM DES ÄTHERS BEFINDLICHEN HÖCHSTEN LICHTES [Tejas], DAS DREIFACH BEZEICHNET WIRD: IM FEUER, IN DER SONNE [UND] IM ATEM [PRĀṆA] — DIES NÄMLICH IST JENE EIGENGESTALT DES IM RAUM DES ÄTHERS BEFINDLICHEN [LICHTES], WAS ALS DIE SILBE OṂ AUSGESPROCHEN WIRD. Durch EBEN DIESE [SILBE] ERWACHT ES, ERHEBT ES SICH, ATMET ES UNAUFHÖRLICH — DIES IST DIE STÜTZE DES BRAHMAN-GEDANKENS. [Es folgt eine physiologische Beschreibung der Laut-Erzeugung, stark verkürzt:] Der PURUṢA IM RECHTEN AUGE — DIES IST INDRA; SEINE GATTIN IST DIE [PURUṢA] IM LINKEN AUGE; IHRE VEREINIGUNG GESCHIEHT IM HERZENSINNEREN, IN DER [ZENTRALEN] HÖHLUNG [Suṣi]. DAS LICHT DORT IST DAS BLUT [bzw. der rote Glanz]; VON DORT, VOM HERZEN AUSGEHEND, IST EINE VERBINDUNGSBAHN — DIES IST DIE NĀḌĪ DER BEIDEN, EINE, [DOCH] ZWEIFACH GETEILT. DER GEIST [Manas] ENTFACHT DAS KÖRPERFEUER, DIESES TREIBT DEN WINDHAUCH [Māruta] AN; DER WINDHAUCH, IN DER BRUST UMHERZIEHEND, ERZEUGT DEN TIEFEN GRUNDTON [Mandra-Svara]; ... IM KEHLBEREICH [UND] AN DER ZUNGENSPITZE — DIES NENNEN SIE DIE 'MUTTERLAUTE' [Mātṛkā]. WER [DIES] SIEHT, SIEHT NICHT [MEHR] DEN TOD, NICHT KRANKHEIT, NICHT LEID. DENN WER ALLES SIEHT, SIEHT [WAHRHAFT]; ER ERLANGT ALLES, IN JEDER HINSICHT — [SOWOHL] DER AUGENHAFTE [BEWUSSTSEINSZUSTAND, Wachen], DER SELBSTBEWEGTE [Traum], DER TRAUMLOSE [Tiefschlaf] ALS AUCH DER, DER JENSEITS DES TRAUMLOSEN IST [Turīya]. DIES SIND SEINE VIER TEILE [Pādas]; VON DIESEN IST DER VIERTE [TURĪYA] DER GRÖSSTE. IN DREIEN [ZUSTÄNDEN] WANDELT DAS BRAHMAN MIT EINEM FUSS, IM HÖCHSTEN [VIERTEN] ABER WANDELT ES MIT DREI FÜSSEN — ZUM GENUSS VON WAHREM UND FALSCHEM WIRD DER GROSSE SELBST [SO] ZWIEFÄLTIG [in den drei niederen Zuständen], [UND] NICHT-ZWIEFÄLTIG [im Turīya] WIRD DER GROSSE SELBST [SO GENANNT].' (Maitrī-Up. 7,11) SO [ENDET] IN DEN MAITRĀYAṆĪ-UPANIṢADEN DER SIEBTE PRAPĀṬHAKA. [Anm.: dies ist der ECHTE, im Quelltext bestätigte SCHLUSSKOLOPHON DES GESAMTEN WERKES ('iti maitrāyaṇyupaniṣatsu saptamaḥ prapāṭhakaḥ', S.31 der Quelle) — die Maitrāyaṇīya-Āraṇyaka/Maitrī-Upaniṣad endet damit nach diesem Fund vollständig. Die Schlusslehre selbst kehrt nach der Polemik gegen die Häretiker (K.8-10) unvermittelt zu einem eigenständigen, esoterischen Thema zurück: einer physiologischen Beschreibung der Erzeugung von Sprachlauten (Mātṛkās) durch das Zusammenwirken von Augen-Puruṣas (als Indra und seine Gattin gedeutet), Herz, Nāḍī, Windhauch [Prāṇa/Māruta] und Kehl-Zungen-Artikulation — und mündet in die berühmte VIER-FÜSSE-DOKTRIN DES BRAHMAN, die fast wörtlich der später kanonisch gewordenen Lehre der Māṇḍūkya-Upaniṣad von den vier Bewusstseinszuständen entspricht: Wachen (Viśva), Traum (Taijasa), Tiefschlaf (Prājña) und der transzendente vierte Zustand Turīya, der als 'der Größte' und als nicht-zwiefältig (advaitībhāva) den drei niederen, zwiefältigen (dvaitībhāva) Zuständen gegenübergestellt wird — die Textstelle selbst ist an dieser entscheidenden Stelle jedoch stark korrupt/unsicher überliefert.]
zwiefältig wird der große Selbst genannt / nicht-zwiefältig wird der große Selbst genannt
iti maitrāyaṇyupaniṣatsu saptamaḥ prapāṭhakaḥ
so [endet] in den Maitrāyaṇī-Upaniṣaden der siebte Prapāṭhaka [SCHLUSSKOLOPHON DES GESAMTEN WERKES]
Physiologische Schlusslehre zur Sprachlaut-Erzeugung (Mātṛkā-Lehre: Augen-Puruṣas/Indra, Herz, Nāḍī, Windhauch, Kehle, Zungenspitze); mündet in die VIER-FÜSSE-DOKTRIN des Brahman (≈Māṇḍūkya-Up.: Wachen-Traum-Tiefschlaf-Turīya) und die Dvaita/Advaita-Kontrastformel. ECHTER SCHLUSSKOLOPHON DES GESAMTEN WERKES bestätigt: 'iti maitrāyaṇyupaniṣatsu saptamaḥ prapāṭhakaḥ' — die Maitrāyaṇīya-Āraṇyaka ist damit vollständig übersetzt.