Kapitel 3: tṛtīyaḥ prapāṭhakaḥ
Dritter Prapāṭhaka: Der BHŪTĀTMĀ (Elementar-Selbst) — wie der reine Puruṣa durch die Guṇas verdunkelt wird; das Eisenklumpen-Gleichnis; der Körper aus Geschlechtsvereinigung; die Tamas-Laster-Kataloge
[zusammenfassend übersetzt, mit erheblicher Unsicherheit [?] in diesem sprachlich besonders dichten Abschnitt:] Sie [die Vālakhilyas] sprachen: 'Ehrwürdiger, du hast uns so die Größe dieses [reinen] Selbst gezeigt — wer aber ist jenes ANDERE, gleichfalls Selbst [Ātman] genannte [Wesen], das, von hellen und dunklen Tatfrüchten überwältigt, in guten oder schlechten Mutterschoß eingeht und, von den Gegensatzpaaren [Dvandva] überwältigt, abwärts oder aufwärts wandert? Dies eben sollst du uns erklären.' Er sprach zu ihnen: Es gibt wahrlich noch ein anderes, 'ELEMENTAR-SELBST' [Bhūtātman] genanntes [Wesen] — dies ist seine Erklärung: die fünf feinstofflichen Elemente [Tanmātras] werden mit dem Wort 'Element' bezeichnet, ebenso die fünf Grobelemente [Mahābhūtas]; deren Zusammensetzung nun heißt 'Körper'; und was 'Körper' genannt wird, das heißt eben 'Elementar-Selbst'. Darin nun wohnt sein [eigentliches] Selbst wie ein Wassertropfen auf einem Lotosblatt. Dieses [Elementar-Selbst] nun ist von den aus der Natur [Prakṛti] stammenden Eigenschaften [Guṇas] überwältigt; durch diese Überwältigung gerät es in Verblendung; durch die Verblendung sieht es nicht mehr jenen im Selbst wohnenden Herrn, den Ehrwürdigen, den Antreiber, das Brahman — [verhüllt] durch die Flut der Guṇas. Getrübt, unstet, wankend, zerfallend, begehrend und zerstreut, gerät es in Ich-Bezogenheit [Abhimānitva], und, in der Meinung 'Ich [bin] dies, mein [ist] dies', bindet es sich selbst mit sich selbst, wie ein Vogel [Khecara] mit einem Netz; überwältigt von den Folgefrüchten seines Tuns, wandert es umher. (Maitrī-Up. 3,1-2) [Anm.: FUND — die zentrale Unterscheidung zwischen dem reinen, unbeteiligten PURUṢA/ĀTMAN (Prapāṭhaka 2) und dem BHŪTĀTMAN (dem 'Elementar-' oder 'empirischen Selbst'), das aus den fünf feinstofflichen und fünf groben Elementen zusammengesetzt ist und durch die drei Guṇas der Natur in Verblendung und Ich-Bezogenheit gerät — eine klare begriffliche Vorwegnahme der späteren Sāṃkhya-Unterscheidung von Puruṣa und Prakṛti sowie der Bhagavadgītā-Lehre vom durch die Guṇas gebundenen Ich-Bewusstsein (Ahaṃkāra).]
Wort für Wort
asti khalvanyo'pi bhūtātmākhyo
es gibt wahrlich noch ein anderes, 'Elementar-Selbst' genanntes Wesen [FUND: Bhūtātman-Lehre]
āśrito'syātmā bindu riva puṣkare
darin wohnt sein Selbst wie ein Wassertropfen auf einem Lotosblatt
in der Meinung 'ich bin dies, mein ist dies' bindet es sich selbst wie ein Vogel mit einem Netz
FUND — die Unterscheidung zwischen dem reinen Puruṣa/Ātman und dem BHŪTĀTMAN (Elementar-Selbst, zusammengesetzt aus den fünf feinen und groben Elementen), das durch die Guṇas der Natur in Verblendung und Ich-Bezogenheit ('ich bin dies, mein ist dies') gerät — Vorwegnahme der Sāṃkhya-Puruṣa-Prakṛti-Unterscheidung.
[zusammenfassend übersetzt, mit Unsicherheiten [?]:] Und anderswo ist auch gesagt: 'Der Handelnde, das ist dieser Elementar-Selbst [Bhūtātman]; der ihn mittels der [Sinnes-]Werkzeuge handeln lässt, ist hier aber der PURUṢA — so wie ein Eisenklumpen, vom Feuer durchdrungen, von den [schmiedenden] Handelnden geschlagen, Vielgestaltigkeit annimmt, ebenso wahrlich nimmt dieser Elementar-Selbst, im Innersten vom Puruṣa durchdrungen, von den Guṇas geschlagen, Vielgestaltigkeit an. Das vierfache Netz [der Geburtsarten], die vierzehnfache [Welten-Ordnung], die in vierundachtzig[fache Art] gewandelte Schar der Lebewesen — dies eben ist die Gestalt der Vielheit; diese [alle] sind sozusagen des Puruṣa [Werkzeuge], wie ein Rad aus Ton [immer neu geformt wird]. Wie beim Schlagen des Eisenklumpens das [darin enthaltene] Feuer NICHT [mit-]überwältigt wird, so wird auch dieser PURUṢA nicht überwältigt — [nur] dieser ELEMENTAR-SELBST [wird überwältigt], weil er [mit der Materie] verbunden/vermischt ist.' (Maitrī-Up. 3,3) [Anm.: GRÖSSTER FUND dieses Prapāṭhaka — das berühmte EISENKLUMPEN-GLEICHNIS, das mit bemerkenswerter Klarheit die Unversehrtheit des reinen Bewusstseins (Puruṣa) inmitten der vielgestaltigen, leidvollen Verwandlungen des empirischen, elementar-materiellen Selbst (Bhūtātman) veranschaulicht: so wie das im glühenden Eisen wirkende Feuer selbst nicht von den Hammerschlägen des Schmieds getroffen wird, obwohl das Eisen seine Form ändert, so bleibt der Puruṣa vom Leiden und Wandel des materiellen Daseins wesensmäßig unberührt. Die Erwähnung der 'vierundachtzig[fachen]' Wandlung der Lebewesen ist zudem einer der frühesten Belege für die später in Hinduismus und Yoga kanonisch gewordene Zahl von 8,4 Millionen (Caturaśīti Lakṣa) Geburtsformen im Kreislauf der Wiedergeburten.]
wie beim Schlagen des Eisenklumpens das Feuer nicht überwältigt wird, so wird auch dieser Puruṣa nicht überwältigt
caturaśītidhā pariṇataṃ bhūtagaṇam
die in vierundachtzigfache Art gewandelte Schar der Lebewesen
GRÖSSTER FUND — das Eisenklumpen-Gleichnis: wie das Feuer im geschmiedeten Eisen unberührt bleibt, obwohl das Eisen seine Form wandelt, so bleibt der reine Puruṣa unberührt vom vielgestaltigen, leidenden Bhūtātman; früher Beleg der später kanonischen '84'-Zahl der Wiedergeburtsformen.
Und anderswo ist auch gesagt: 'Dieser Körper hier, entstanden eben aus Geschlechtsvereinigung, mit dem [Mutterleib als] Verderben[-Ort] verbunden, hervorgekommen durch das Tor des Harns, mit Knochen aufgebaut, mit Fleisch bestrichen, mit Haut überzogen, mit Kot, Harn, Galle, Schleim, Mark, Fett und Talg sowie vielen anderen Unreinheiten angefüllt — [ist er doch] wie ein Speicher [voller vermeintlichem] Reichtum!' (Maitrī-Up. 3,4) [Anm.: diese Passage nimmt den bereits in Prapāṭhaka 1 (Kaṇḍikā 3) eingeführten Körper-Ekel-Katalog wieder auf und erweitert ihn ausdrücklich um die Herkunft des Körpers aus dem Geschlechtsakt — eine für die vedantische Vairāgya-Tradition typische, bewusst schonungslose Beschreibung, die der Ernüchterung gegenüber körperlicher Selbstidentifikation dient. Der abschließende ironische Vergleich mit einem 'Speicher voll Reichtum' (Vasu-Kośa) unterstreicht den Kontrast zwischen dem äußeren Schein des Körpers als wertvoller Besitz und seiner tatsächlichen, unreinen Beschaffenheit.]
Wort für Wort
śarīramidaṃ maithunādevoddhūtam
dieser Körper, entstanden aus Geschlechtsvereinigung
paripūrṇaṃ kośa iva vasu na
angefüllt, wie ein Speicher voll [vermeintlichem] Reichtum [ironischer Vergleich]
Der Körper als aus Geschlechtsvereinigung entstanden und mit Unreinheiten gefüllt — Wiederaufnahme des Körper-Ekel-Motivs aus Prapāṭhaka 1, hier um die Herkunft aus dem Geschlechtsakt erweitert.
[zusammenfassend übersetzt:] Und anderswo ist auch gesagt: 'Verblendung, Furcht, Verzweiflung, Schlaf, Mattigkeit, Nachlässigkeit, Altersschwäche, Kummer, Hunger und Durst, Erbärmlichkeit, Zorn, Gottlosigkeit [Nāstikya], Unwissenheit, Neid, Mitleidlosigkeit, Verblödung, Schamlosigkeit, Unaufrichtigkeit, Überheblichkeit [und] Ungleichmäßigkeit — dies sind die TAMASISCHEN [Eigenschaften, die aus der Finsternis-Qualität der Natur entspringen].' (Maitrī-Up. 3,5, Beginn) [Anm.: FUND — der Beginn des systematischen GUṆA-LASTER-KATALOGS der Maitrī-Upaniṣad, der die aus der TAMAS-Qualität (Finsternis/Trägheit) der Natur [Prakṛti] entspringenden negativen Geisteszustände auflistet — eine der frühesten und ausführlichsten systematischen psychologisch-ethischen Klassifikationen der Upaniṣaden-Literatur, die maßgeblich zur späteren Sāṃkhya-Yoga- und Bhagavadgītā-Guṇa-Lehre (vgl. BG 14,5-18) beigetragen hat. Bemerkenswert ist die frühe Erwähnung von 'Nāstikya' (Gottlosigkeit/Ungläubigkeit) in dieser negativen Liste, ein Begriff von großer Bedeutung für die spätere Einteilung indischer Philosophie in āstika- und nāstika-Systeme.]
Wort für Wort
sammoho bhayaṃ viṣādo nidrā tandrī pramādo
Verblendung, Furcht, Verzweiflung, Schlaf, Mattigkeit, Nachlässigkeit [Beginn des Tamas-Katalogs]
nāstikyamajñānaṃ mātsaryam
Gottlosigkeit, Unwissenheit, Neid
iti tāmasāni
dies sind die tamasischen [Eigenschaften]
FUND — Beginn des systematischen Tamas-Laster-Katalogs (Verblendung, Furcht, Trägheit, Gottlosigkeit/Nāstikya, Neid usw.), Vorläufer der späteren Sāṃkhya-Yoga- und Bhagavadgītā-Guṇa-Lehre.
[zusammenfassend übersetzt, mit Unsicherheiten [?]:] '...Klang, Speise — dies [und das zuvor Genannte, Durst, Anhänglichkeit, Leidenschaft, Gier, Gewalttätigkeit, Vergnügungssucht, Hass, Wankelmut, Eifersucht, Begehren, Unbeständigkeit, Flatterhaftigkeit, Zerstreutheit, Eroberungssucht, Gütererwerb, Freundesbegünstigung, Besitzanhaftung, Abneigung gegen Unerwünschtes, Verhaftung an Erwünschtes] — dies sind die RAJASISCHEN [Eigenschaften]. Von diesen [tamasischen und rajasischen Eigenschaften] ganz erfüllt, von ihnen überwältigt, [ist] dieser Elementar-Selbst [Bhūtātman]; daher [ist ihm] die Erlangung mannigfaltiger Gestalten [sein eigentliches] Erlangen.' SO ENDET IM MAITRĀYAṆĪYA-ĀRAṆYAKA — ODER, GLEICHBEDEUTEND, IN DER MAITRĀYAṆĪYA-ŚĀKHĀ-UPANIṢAD — DER DRITTE PRAPĀṬHAKA. [Anm.: dieser Prapāṭhaka schließt mit der vollständigen Darlegung des RAJASISCHEN Lasterkatalogs (Durst, Leidenschaft, Gier, Eifersucht, Besitzanhaftung u.v.m., vgl. vorige Einheit) als Ergänzung zum tamasischen Katalog (Kaṇḍikā 5, Anfang) — zusammen ergeben Tamas- und Rajas-Katalog eine der frühesten systematischen Psychopathologien der Upaniṣaden-Literatur, deren Grundstruktur (wenn auch nicht Wortlaut) später in der Bhagavadgītā (Kap.14 und 16-17) kanonisch wird.]
so endet im Maitrāyaṇīya-Āraṇyaka, oder in der Maitrāyaṇīya-Śākhā-Upaniṣad, der dritte Prapāṭhaka
Abschluss des Rajasa-Lasterkatalogs und des dritten Prapāṭhaka: der Bhūtātman, von Tamas- und Rajas-Eigenschaften überwältigt, ist zur ewigen Wanderung durch mannigfaltige Gestalten verdammt.