Kapitel 4: caturthaḥ prapāṭhakaḥ
Vierter Prapāṭhaka: Die Ūrdhvaretas-Asketen fragen nach der Erlösung; die große Gleichnis-Kaskade über Tod und Trug; die drei Heilmittel (Gotteserkenntnis, Pflichterfüllung, Lebensstufen-Ordnung) und der Stufenweg Tapas→Sattva→Manas→Ātman
[ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen unsicherer Lesung, [?]:] te ha khalu vā ūrdhvaretaso'titṛptāḥ samabhisametya ūcur — bhagavan namas te'stv, anuśādhi tvam asmākaṃ gatir anyā na vidyata iti, asya ko vidhir bhūtātmano yenedaṃ hitvātmany eva sāyujyam upaiti, tān hovācety || 1 ||
[zusammenfassend übersetzt, mit Unsicherheiten [?]:] Da nun traten die 'aufwärtsgerichteten' [Ūrdhvaretas — die ihren Lebenssamen 'aufwärts lenkenden', d.h. streng enthaltsam lebenden] Weisen, [von großer Sehnsucht erfüllt,] zusammen vor ihn und sprachen: 'Ehrwürdiger, Verehrung sei dir; belehre du uns — wir kennen keinen anderen Zufluchtsort. Welches ist die Methode für diesen Elementar-Selbst [Bhūtātman], durch die man, dieses [den Bhūtātman] ablegend, Einswerdung [Sāyujya] mit dem [reinen] Selbst allein erlangt?' Er sprach zu ihnen: (Maitrī-Up. 4,1) [Anm.: 'Ūrdhvaretas' ('deren Same aufwärts [sublimiert] ist') ist ein feststehender Begriff für vollkommen keuschheitswahrende Asketen bzw. bestimmte mythische Weisen (u.a. die sieben Ṛṣis werden gelegentlich so bezeichnet); hier eröffnet ihre Frage den vierten Prapāṭhaka und führt zur zentralen soteriologischen Lehre über den Weg vom Elementar-Selbst zur Einheit [Sāyujya] mit dem reinen Selbst.]
Wort für Wort
asya ko vidhirbhūtātmano yenedaṃ hitvātmanyeva sāyujyamupaiti
welches ist die Methode für diesen Bhūtātman, durch die man, ihn ablegend, Einswerdung mit dem Selbst erlangt
Die Ūrdhvaretas-Asketen fragen nach der Methode zur Erlösung vom Bhūtātman — Eröffnung des vierten Prapāṭhaka.
Und anderswo ist auch gesagt: 'Wie [der Lauf] großer Ströme unumkehrbar ist, was man einst getan hat, [so folgt es]; wie eine Meeresflut schwer aufzuhalten ist das Herannahen des Todes für diesen [Bhūtātman]; wie [gefesselt] eines in Fesseln Liegenden ist [seine] Unabhängigkeit, [er ist] gebunden wie mit fünf Schlingen aus guten und schlechten Tatfrüchten; wie bei einem im Reiche Yamas Weilenden ist [sein] Zustand voller Furcht; wie durch Rauschtrank Berauschter ist [seine] Verblendung; wie von einem Übel Ergriffener wird er umhergewirbelt; wie von einer großen Schlange Gebissener ist er von den Sinnesobjekten gebissen; wie große Finsternis ist [seine] durch Leidenschaft verursachte Blindheit; wie ein Zauberspiel [Indrajāla] ist [sein Dasein] trugbildhaft; wie ein Traum ist [sein] falsches Sehen; wie das Innere eines Bananenstamms [Kadalīgarbha] ist es ohne Substanz; wie [das] eines Schauspielers ist [sein Dasein nur ein] Augenblicks-Kostüm; wie eine bemalte Wand ist [seine] trügerische Anmut.' So ist gesagt: 'Klang, Berührung und die anderen [Sinnes-]Gegenstände stehen für den Sterblichen da wie [wirkliche, aber in Wahrheit nur] geringfügige [atomare, Aṇu-]Dinge; wer aber an ihnen haftet — dieser Elementar-Selbst gedenkt nicht des höchsten Zustandes [Paraṃ Padam].' (Maitrī-Up. 4,2) [Anm.: GRÖSSTER FUND dieses Prapāṭhaka — eine der eindrucksvollsten und literarisch dichtesten Gleichnis-Kaskaden der gesamten Upaniṣaden-Literatur: zwölf aufeinanderfolgende Vergleiche veranschaulichen die Ausweglosigkeit, Täuschung und Substanzlosigkeit des unerlösten, an die Sinnesobjekte gebundenen Daseins. Mehrere dieser Bilder — der Bananenstamm ohne festen Kern [Kadalīgarbha/Kadalīstambha], das Zauberspiel des Indrajāla, das flüchtige Schauspielerkostüm, die bemalte Wand [Citrabhitti] — werden in der gesamten späteren Sanskrit-Literatur (Kāvya, Vedānta-Traktate wie das Yogavāsiṣṭha, buddhistische Mādhyamaka-Gleichnisse) zu Standardmetaphern für die Scheinhaftigkeit (Māyā) der Erscheinungswelt; diese Passage der Maitrī-Upaniṣad gehört zu ihren frühesten und dichtesten Belegen.]
Wort für Wort
samudraveleva durnivāryamasya mṛtyorāgamanam
wie eine Meeresflut schwer aufzuhalten ist das Herannahen des Todes
kadalīgarbhasyevāsāram
wie das Innere eines Bananenstamms ist es ohne Substanz [GRÖSSTER FUND: Māyā-Gleichnis-Kaskade]
wie das eines Schauspielers ein Augenblicks-Kostüm, wie eine bemalte Wand trügerisch anmutig
saktastu bhūtātmā na smaret paraṃ padam
wer aber [an den Sinnesobjekten] haftet, gedenkt nicht des höchsten Zustandes
GRÖSSTER FUND — die große Gleichnis-Kaskade (Tod wie eine Meeresflut, Fesselung durch fünf Schlingen der Tatfrüchte, Verblendung wie Rausch, Dasein trugbildhaft wie Zauberspiel/Traum/Bananenstamm/Schauspielerkostüm/bemalte Wand) — eine der dichtesten Māyā-Metaphern-Sammlungen der Upaniṣaden-Literatur.
[ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen Formeldichte, [?]:] trayaṃ vāva khalv asya pratividhir bhūtātmano yad daivavidyādhigamaḥ svadharmasyānucaraṇaṃ svāśrameṣv evānukramaṇam, svadharmo vā etad vratam, stambaśākheva itarāyaṇenordhvabhāgo bhavaty, anyathā vāṅmātraṃ pated, eṣa svadharmo'bhihito yo vedeṣu, na svadharmātikrameṇāśramī bhavaty, āśrameṣv evāvasthitas tapasvī vety ucyate, ity etad ayuktam, nātapaskasyātmajñāne'dhigamaḥ, karmasiddhir vety eva hy āha — tapasā prāpyate sattvaṃ, sattvāt samprāpyate manaḥ, manasaḥ prāpyate hy ātmā, yam āptvā na nivartata iti || 3 ||
[zusammenfassend übersetzt, mit Unsicherheiten [?]:] 'DREI [Dinge] nun sind die Heilmittel [Pratividhi] gegen diesen Elementar-Selbst: die Erlangung des Wissens über das Göttliche, die Befolgung der eigenen Pflicht [Svadharma], und das Verbleiben eben in den eigenen Lebensstufen [Āśramas]. Der eigene Dharma nämlich ist dieses Gelübde: wie [ein Zweig] am [Baum-]Stamm wird man durch das rechte [Fort-]Gehen [in seiner Ordnung] aufwärts-teilhaftig; andernfalls fällt [man] nur wie [ein loses] Wort. Dies ist der Svadharma, der in den Veden verkündet ist. Nicht wird man durch Übertretung des Svadharma ein [wahrer] Āśramī [Ordensangehöriger]; eben im Verbleiben innerhalb der Āśramas heißt man ein Asket [Tapasvī].' [Manche sagen jedoch]: 'Dies ist nicht richtig — nicht kommt einem, der keine Askese übt, die Erkenntnis des Selbst zu, sondern [nur] die Vollendung der [rituellen] Werke.' Denn so ist gesagt: 'Durch ASKESE [Tapas] wird SATTVA [Reinheit/Wesenhaftigkeit] erlangt, aus Sattva wird der GEIST [Manas] erlangt, aus dem Geist wird wahrlich das SELBST [Ātman] erlangt — hat man dieses erreicht, kehrt man nicht [mehr in den Kreislauf] zurück.' (Maitrī-Up. 4,3) [Anm.: FUND — die 'drei Heilmittel' (Gotteserkenntnis, Svadharma, Āśrama-Treue) formulieren früh eine für die spätere Dharmaśāstra-Ethik zentrale Position (Pflichterfüllung als Heilsweg), die unmittelbar von einer skeptischen Gegenposition (nur Askese führt zur Selbsterkenntnis) relativiert wird — ein seltenes Beispiel für einen offen ausgetragenen Meinungsstreit ('ity etad ayuktam', 'dies ist nicht richtig') innerhalb einer Upaniṣad. Der abschließende Stufenweg-Vers 'tapasā prāpyate sattvam...' ist einer der bekanntesten kurzen Lehrverse der Maitrī-Upaniṣad und beschreibt eine klare Kausalkette Askese→Reinheit→Geist→Selbst.]
Wort für Wort
trayaṃ vāva khalvasya pratividhirbhūtātmanaḥ
drei [Dinge] sind die Heilmittel gegen diesen Bhūtātman
durch Askese wird Sattva erlangt, aus Sattva der Geist, aus dem Geist das Selbst [FUND: Stufenweg-Vers]
yamāptvā na nivartate
hat man dieses erreicht, kehrt man nicht mehr zurück
FUND — die drei Heilmittel gegen den Bhūtātman (Gotteserkenntnis, Svadharma, Āśrama-Treue) und ein offen ausgetragener Meinungsstreit mit der Gegenposition, dass nur Askese zur Selbsterkenntnis führt; Abschluss mit dem berühmten Stufenweg-Vers 'durch Askese wird Sattva erlangt, aus Sattva der Geist, aus dem Geist das Selbst'.
[ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen Formeldichte, [?]:] asti brahmeti brahmavidyāvido brahmavit, brahmadvāram idam ity evaitad āha yas tapasāpahatapāpmā, oṃ brahmaṇo mahimā ity evaitad āha yas tv yukto'jasraṃ cintayati, tasmād dvidhā — tapasā cintayā copalabhyate brahma, sad brahmaṇaḥ param uta bhavaty adhidaivataṃ devebhyaś caitad avyayam aparimitam anāmayaṃ sukham aśnute, ya evaṃ vidvān etena trikeṇa brahmopāsta iti, yaiḥ paripūrṇo'bhibhūto'yaṃ rathī, tais tair evam uktas tv ātmany eva sāyujyam upaiti || 4 ||
[zusammenfassend übersetzt, mit Unsicherheiten [?]:] 'Es gibt Brahman' — so sagen die Kenner der Brahman-Wissenschaft, [das ist] der Brahman-Kenner. 'Dies hier [Askese] ist das Tor zum Brahman' — so sagt, wer durch Askese seine Sünde abgestreift hat. 'OṂ ist die Größe des Brahman' — so sagt, wer, [in Meditation] geeint, unablässig [darüber] nachsinnt. Deshalb wird auf zweifache Weise — durch Askese und durch Nachsinnen — das Brahman erlangt: [das] Seiende [Sad-Brahman bzw. das niedere, wort-vermittelte Brahman] wird [dabei erreicht], oder [man gelangt] jenseits des Brahman [im engeren Sinn], zum Über-Göttlichen [Adhidaivata] — und erlangt so, unvergänglich, unbegrenzt, makellos, Glückseligkeit von den Göttern her. Wer dies weiß, verehrt das Brahman mit dieser DREIHEIT [wohl: Oṃ, Askese, Meditation]. Durch diese und jene [drei Heilmittel bzw. diese Dreiheit] solchermaßen angesprochen, gelangt der von ihnen erfüllte, [zuvor] überwältigte 'Wagenlenker' [Rathin, das individuelle Selbst] eben zur Einswerdung [Sāyujya] mit dem [höchsten] Selbst. (Maitrī-Up. 4,4, Beginn) [Anm.: FUND — hier erscheint bereits eine frühe Vorform der berühmten, an anderer Stelle der Maitrī-Upaniṣad (6,22) klassisch formulierten Zwei-Brahman-Lehre ('dve brahmaṇī veditavye — śabdabrahma paraṃ ca yat', 'zwei Brahman sind zu erkennen: das Wort-Brahman und das höchste [Brahman jenseits der Worte]'): das niedere, durch die Silbe OṂ vermittelte 'Wort-Brahman' und das höhere, transzendente Brahman jenseits selbst der Götter [Adhidaivata]. Bemerkenswert ist die Verbindung beider Erkenntniswege — Askese (Tapas) und meditatives Nachsinnen (Cintā über Oṃ) — zu einem gemeinsamen Erkenntnisweg zum Brahman.]
Wort für Wort
oṃ brahmaṇo mahimā
Oṃ ist die Größe des Brahman
dvidhā tapasā cintayā copalabhyate brahma
auf zweifache Weise, durch Askese und Nachsinnen, wird das Brahman erlangt [FUND: Vorform der Zwei-Brahman-Lehre]
FUND — frühe Vorform der später klassischen Zwei-Brahman-Lehre (Wort-Brahman Oṃ und höchstes, transzendentes Brahman), erreicht durch die Verbindung von Askese und Oṃ-Meditation.
[zusammenfassend übersetzt:] Sie sprachen: 'Ehrwürdiger, du bist der Verehrung würdig, wahrlich der Verehrung würdig bist du; dies ist von uns, wie es sich gebührt, gesagt und dem Herzen eingeprägt worden. So beantworte uns nun eine weitere Frage: Agni, Vāyu, Āditya, ferner die Zeit [Kāla], der Lebenshauch [Prāṇa], die Speise, Brahmā, Rudra, Viṣṇu — manche sinnen über den einen [als höchste Gottheit] nach, andere über einen anderen; welcher von diesen ist der vorzüglichste? Dies sage uns.' Er sprach zu ihnen: (Maitrī-Up. 4,5) [Anm.: eine klassische komparativ-theologische Frage, wie sie ähnlich auch in der Praśna- und Śvetāśvatara-Upaniṣad auftritt — welche unter den zahlreichen als höchste Gottheit verehrten Größen (Naturgottheiten wie Agni/Vāyu/Āditya, abstrakte Prinzipien wie Zeit/Prāṇa/Speise, und die 'großen Götter' Brahmā/Rudra/Viṣṇu) die eigentlich höchste sei. Die Antwort in der folgenden, abschließenden Kaṇḍikā löst diese Frage auf originelle Weise auf.]
'Diese [Götter] eben sind die vorzüglichsten KÖRPER/GESTALTEN [Tanu] des höchsten, unsterblichen, körperlosen Brahman; in dessen Welt eben erfreut sich hier, wer immer welchem [dieser Gestalten] anhängt — so ist gesagt. Dieses All wahrlich ist Brahman; welche seiner vorzüglichsten Gestalten man auch betrachte, verehre oder [sogar] verwerfe — mit diesen [Verdiensten] wandert man eben in immer höhere Welten. Die VÖLLIGE AUFLÖSUNG [Kṣaya] aber führt zur EINSWERDUNG des Puruṣa mit dem [höchsten] PURUṢA.' SO ENDET IM MAITRĀYAṆĪYA-ĀRAṆYAKA — ODER, GLEICHBEDEUTEND, IN DER MAITRĀYAṆĪYA-ŚĀKHĀ-UPANIṢAD — DER VIERTE PRAPĀṬHAKA. [Anm.: GRÖSSTER FUND dieses Prapāṭhaka — eine bemerkenswert tolerante, inklusivistische Lösung der vorangehenden Frage nach der 'höchsten' Gottheit: alle genannten Götter (Agni, Vāyu, Āditya, Brahmā, Rudra, Viṣṇu usw.) werden als gleichrangige 'Körper/Erscheinungsformen' [Tanu] des einen, letztlich körperlosen und unsterblichen Brahman erklärt — wer irgendeiner dieser Formen anhängt, gelangt entsprechend in höhere Welten, doch das eigentliche Endziel, die völlige Auflösung [Kṣaya] und Einswerdung des individuellen mit dem höchsten Puruṣa, übersteigt jede Einzelform-Verehrung. Diese Lehre nimmt damit bereits die später in Bhagavadgītā (9,23) und in zahlreichen Purāṇas kanonisch werdende 'Iṣṭadevatā'-Theologie (freie Wahl der persönlichen Verehrungsform bei gleichzeitigem Festhalten an einem letztlich einen, alle Formen übersteigenden Absoluten) in bemerkenswert klarer Form vorweg.]
so endet im Maitrāyaṇīya-Āraṇyaka, oder in der Maitrāyaṇīya-Śākhā-Upaniṣad, der vierte Prapāṭhaka
GRÖSSTER FUND — die inklusivistische Lösung der Götterfrage: alle Götter sind gleichrangige Erscheinungsformen (Tanu) des einen körperlosen Brahman; wer einer Form anhängt, gelangt in höhere Welten, doch die völlige Auflösung führt zur Einswerdung des Puruṣa mit dem Puruṣa — früher Vorläufer der Iṣṭadevatā-Theologie.