Quellen der Menschheit

Chāndogya-Upaniṣad

Kapitel 1: chāndogyopaniṣat · prathamo 'dhyāyaḥ Adhyāya 1: Die Verehrung des Udgītha als Silbe Om (ChU 1,1–13)

Die als Quelle vorliegende Textgrundlage (sanskritdocuments.org, Transliteration P. P. Narayanaswami, 2026) umfasst die acht Prapāṭhakas (hier als Adhyāyas gezählt) der eigenständig überlieferten Chāndogya-Upaniṣad, wie sie üblicherweise als die letzten acht der insgesamt zehn Prapāṭhakas des Chāndogya-Brāhmaṇa gezählt werden; die diesem Werk in der Schulüberlieferung vorausgehenden ersten beiden, rein ritualistischen Prapāṭhakas (das eigentliche „Chāndogya-Āraṇyaka“ im engeren Sinn) liegen in dieser Quelle nicht vor und fehlen daher vorerst in dieser Ausgabe; sollte ein gemeinfreier Text dieser beiden Prapāṭhakas verfügbar werden, wird er ergänzt. Adhyāya 1 (13 Khaṇḍas) entfaltet, ganz im Stil der übrigen Āraṇyaka-Literatur dieser Reihe, eine Kette von Entsprechungs-Meditationen (upāsanā) über die Silbe „Om“ und das Wort „Udgītha“ [den Sāman-Lobgesang]: Säfte-Hierarchie der Wesen (Khaṇḍa 1), Devas-und-Asuras-Mythos über die Sinne und den unverwundbaren Haupt-Atem (Khaṇḍa 2), kosmische und leibliche Entsprechungen von Ṛc/Sāman/Udgītha (Khaṇḍa 3–7, mit der berühmten Vision des goldenen Mannes in der Sonne und im Auge), die Erzählung der drei im Udgītha kundigen Weisen Śilaka, Caikitāyana und Pravāhaṇa Jaivali über die letzte Stütze des Sāman (Khaṇḍa 8–9: Ākāśa, der Raum, als höchste Zuflucht), die Uṣasti-Cākrāyaṇa-Erzählung (Khaṇḍa 10–11), der parodistische „Hunde-Udgītha“ (Khaṇḍa 12) und schließlich der hochtechnische, sprachlich sehr dunkle Stobha-Silbenkatalog (Khaṇḍa 13). Übersetzung ohne Verwendung einer vorhandenen Übersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original (digitale IAST-Transliteration einer gedruckten Devanagari-Ausgabe) morphologisch erarbeitet; einige knapp oder elliptisch überlieferte Passagen (insbesondere die Silbenzerlegungen in Khaṇḍa 3 und 13) sind trotz sorgfältiger Analyse mit [?] bzw. [Anm.] gekennzeichnet.

om ity etad akṣaram udgītham upāsīta | om iti hy udgāyati tasyopavyākhyānam || 1 || eṣāṃ bhūtānāṃ pṛthivī rasaḥ pṛthivyā āpo rasaḥ | apām oṣadhayo rasa oṣadhīnāṃ puruṣo rasaḥ puruṣasya vāg rasaḥ vāca ṛg rasa ṛcaḥ sāma rasaḥ sāmna udgītho rasaḥ || 2 || sa eṣa rasānāṃ rasatamaḥ paramaḥ parārdhyo 'ṣṭamo yad udgīthaḥ || 3 || katamā katamarcā katamat katamat sāma katamaḥ katama udgītha iti vimṛṣṭaṃ bhavati || 4 || vāg evarcaḥ prāṇaḥ sāmomity etad akṣaram udgīthaḥ | tad vā etan mithunaṃ yad vāk ca prāṇaś carkca sāma ca || 5 || tad etan mithunam omity etasminn akṣare sṛjyate | yadā vai mithunau samāgacchata āpayato vai tāv anyo 'nyasya kāmam || 6 || āpayitā ha vai kāmānāṃ bhavati ya etad evaṃ vidvān akṣaram udgītham upāste || 7 || tad vā etad anujñākṣaram yaddhi kiṃcānujānāty om ity eva tad āhaiṣo eva samṛddhir yad anujñā samardhayitā ha vai kāmānāṃ bhavati ya etad evaṃ vidvān akṣaram udgītham upāste || 8 || tenehe trayī vidyā vartate | om ity āśrāvayaty om iti śaṃsati om ity udgāyati etasyaivākṣarasyāpacityai mahimnā rasena || 9 || tenobhau kurutaḥ yaś caitad evaṃ veda yaś ca na veda | nānā tu vidyā cāvidyā ca | yad eva vidyayā karoti śraddhayopaniṣadā tad eva vīryavattaraṃ bhavatīti khalv etasyaivākṣarasyopavyākhyānaṃ bhavati || 10 || iti prathamaḥ khaṇḍaḥ ||

1. Man verehre die Silbe „Om“ als den Udgītha [den [Lob-]Gesang]. Denn man singt [stets] mit „Om“ [voran] – dies ist deren Erläuterung. 2. Von diesen Wesen ist die Erde der Saft; der Erde Saft ist das Wasser; des Wassers Saft sind die Pflanzen; der Pflanzen Saft ist der Mensch; des Menschen Saft ist die Rede; der Rede Saft ist der Ṛc-Vers; des Ṛc-Verses Saft ist das Sāman-Lied; des Sāman Saft ist der Udgītha. 3. Dieser eben, der Udgītha, ist der Saft der Säfte, der höchste, zum höchsten Range gehörige, der achte. 4. „Welcher Ṛc [gehört] zu welchem [Sāman]? Welches Sāman zu welchem [Ṛc]? Welcher [Ṛṣi ist es und] welcher Udgītha [gehört dazu]?“ – so wird [dies] durchdacht. 5. Die Rede ist der Ṛc, der Atem ist das Sāman, „Om“, diese Silbe, ist der Udgītha. Dies nämlich ist jenes Paar: Rede und Atem, Ṛc und Sāman. 6. Dieses Paar wird in dieser Silbe „Om“ [zusammen-]vereint. Denn wenn zwei sich als Paar zusammenfinden, erfüllen sie einander den Wunsch. 7. Zum Erfüller der Wünsche wird, wer, dies so wissend, diese Silbe als Udgītha verehrt. 8. Dies ist ferner die Silbe der Zustimmung; denn was auch immer man zustimmt, sagt man eben „Om“. Dies eben ist Gelingen, nämlich die Zustimmung. Zum Erfüller [der Wünsche] wird, wer, dies so wissend, diese Silbe als Udgītha verehrt. 9. Dadurch verläuft hier das dreifache Wissen [die drei Veden]: mit „Om“ ruft man [beim Opfer] zur Aufmerksamkeit, mit „Om“ rezitiert man, mit „Om“ singt man – zur Ehrung eben dieser Silbe, durch [ihre] Größe [und] durch [ihren] Saft. 10. Beide vollbringen es dadurch, sowohl wer dies so weiß als auch wer es nicht weiß. Doch verschieden sind Wissen und Nichtwissen. Was man aber mit Wissen, mit Glauben, mit [dieser] Geheimlehre tut, das wird eben kraftvoller. So also ist die Erläuterung eben dieser Silbe. — So endet der erste Khaṇḍa.

Wort für Wort
om ity etad akṣaram udgītham upāsīta
man verehre die Silbe Om als den Udgītha
eṣāṃ bhūtānāṃ pṛthivī rasaḥ
von diesen Wesen ist die Erde der Saft
sāmna udgītho rasaḥ
des Sāman Saft ist der Udgītha
sa eṣa rasānāṃ rasatamaḥ
dieser ist der Saft der Säfte
vāg evarcaḥ prāṇaḥ sāma
die Rede ist der Ṛc, der Atem das Sāman
tad etan mithunam om ity etasminn akṣare sṛjyate
dieses Paar wird in der Silbe Om vereint
āpayitā ha vai kāmānāṃ bhavati ya evaṃ veda
zum Erfüller der Wünsche wird, wer dies so weiß
tenehe trayī vidyā vartate
dadurch verläuft hier das dreifache Wissen
nānā tu vidyā cāvidyā ca
doch verschieden sind Wissen und Nichtwissen

devāsurā ha vai yatra saṃyetire ubhaye prājāpatyās tad dha devā udgītham ājahrur anenainān abhibhaviṣyāma iti || 1 || te ha nāsikyaṃ prāṇam udgītham upāsāṃ cakrire | taṃ hāsurāḥ pāpmanā vividhus tasmāt tenobhayaṃ jighrati surabhi ca durgandhi ca pāpmanā hy eṣa viddhaḥ || 2 || atha ha vācam udgītham upāsāṃ cakrire tāṃ hāsurāḥ pāpmanā vividhus tasmāt tayobhayaṃ vadati satyaṃ cānṛtaṃ ca pāpmanā hy eṣā viddhā || 3 || atha ha cakṣur udgītham upāsāṃ cakrire tad dhāsurāḥ pāpmanā vividhus tasmāt tenobhayaṃ paśyati darśanīyaṃ cādarśanīyaṃ ca pāpmanā hy etad viddham || 4 || atha ha śrotram udgītham upāsāṃ cakrire tad dhāsurāḥ pāpmanā vividhus tasmāt tenobhayaṃ śṛṇoti śravaṇīyaṃ cāśravaṇīyaṃ ca pāpmanā hy etad viddham || 5 || atha ha mana udgītham upāsāṃ cakrire tad dhāsurāḥ pāpmanā vividhus tasmāt tenobhayaṃ saṃkalpate saṃkalpanīyaṃ cāsaṃkalpanīyaṃ ca pāpmanā hy etad viddham || 6 || atha ha ya evāyaṃ mukhyaḥ prāṇas tam udgītham upāsāṃ cakrire taṃ hāsurā ṛtvā vidadhvaṃsur yathāśmānam ākhaṇam ṛtvā vidhvaṃseta evam || 7 || yathāśmānam ākhaṇam ṛtvā vidhvaṃsata evaṃ haiva sa eṣa vidhvaṃsate ya evaṃ vidi pāpaṃ kāmayate yaś cainam abhidāsati sa eṣo 'śmākhaṇaḥ || 8 || naivaitena surabhi na durgandhi vijānāty apahatapāpmā hy eṣa tena yad aśnāti yat pibati tenetarān prāṇān avati etam u evāntato 'vittvocchramkramati vyādatasyaivāntata iti || 9 || taṃ hāṅgirā udgītham upāsāṃcakra etam u evāṅgirasaṃ manyante 'ṅgānāṃ yad rasaḥ || 10 || tena tam ha bṛhaspatir udgītham upāsāṃ cakra etam u eva bṛhaspatiṃ manyante vāg hi bṛhatī tasyā eṣa patiḥ || 11 || tena tam hāyāsya udgītham upāsāṃ cakra etam u evāyāsyaṃ manyanta āsyād yad ayate || 12 || tena tam ha bako dālbhyo vidāṃ cakāra | sa ha naimiśīyānām udgātā babhūva sa ha smaibhyaḥ kāmān āgāyati || 13 || āgātā ha vai kāmānāṃ bhavati ya etad evaṃ vidvān akṣaram udgītham upāsta ity adhyātmam || 14 || iti dvitīyaḥ khaṇḍaḥ ||

1. Als einst Götter und Asuras miteinander stritten, beide Nachkommen Prajāpatis, da griffen die Götter zum Udgītha [mit dem Gedanken]: „Mit diesem werden wir sie überwältigen.“ 2. Sie verehrten den Atem in der Nase als Udgītha. Diesen durchbohrten die Asuras mit dem Übel; deshalb riecht man mit ihm beides, Wohlriechendes und Übelriechendes, denn er ist vom Übel durchbohrt. 3. Dann verehrten sie die Rede als Udgītha. Diese durchbohrten die Asuras mit dem Übel; deshalb spricht man mit ihr beides, Wahres und Unwahres, denn sie ist vom Übel durchbohrt. 4. Dann verehrten sie das Auge als Udgītha. Dieses durchbohrten die Asuras mit dem Übel; deshalb sieht man mit ihm beides, Sehenswertes und Nicht-Sehenswertes, denn es ist vom Übel durchbohrt. 5. Dann verehrten sie das Gehör als Udgītha. Dieses durchbohrten die Asuras mit dem Übel; deshalb hört man mit ihm beides, Hörenswertes und Nicht-Hörenswertes, denn es ist vom Übel durchbohrt. 6. Dann verehrten sie das Denken als Udgītha. Dieses durchbohrten die Asuras mit dem Übel; deshalb denkt man mit ihm beides, Denkwürdiges und Nicht-Denkwürdiges, denn es ist vom Übel durchbohrt. 7. Dann verehrten sie eben diesen Haupt-Atem [den im Munde wirkenden Atem] als Udgītha. Diesen zerschlugen die Asuras, ihn treffend, so wie [wenn man] auf eine [feste] Erdscholle trifft, [selbst] zerspringt – ebenso [geschah es ihnen]. 8. Wie [einer], auf eine feste Erdscholle treffend, zerspringt, so eben zerspringt er, wer einem, der dies so weiß, Übles wünscht, und wer ihn zu schädigen sucht – der ist [gleich] jener zerspringenden Erdscholle. 9. Mit diesem [Haupt-Atem] unterscheidet man weder Wohlriechendes noch Übelriechendes, denn er ist vom Übel unberührt. Was man isst, was man trinkt, damit versorgt er die anderen Atem-Kräfte; und findet man diesen [Haupt-Atem] am Ende nicht mehr, so scheidet man [aus dem Leben] – mit offenem Munde, heißt es, [geschieht dies] am Ende [Anm.: Formulierung im Original knapp, sinngemäß wiedergegeben]. 10. Diesen verehrte Aṅgiras als Udgītha; eben diesen betrachtet man als „Āṅgirasa“ [Aṅgiras zugehörig], da er der Saft der Glieder [aṅga] ist. 11. Deshalb verehrte ihn Bṛhaspati als Udgītha; eben diesen betrachtet man als „Bṛhaspati“, denn die Rede ist die „Bṛhatī“ [die Große], und er ist deren Herr [pati]. 12. Deshalb verehrte ihn Ayāsya als Udgītha; eben diesen betrachtet man als „Āyāsya“, da er aus dem Munde [āsya] hervorgeht. 13. Deshalb erkannte ihn Baka Dālbhya. Er wurde der Udgātṛ [Sängerpriester] der Naimiśīya-Leute; er pflegte ihnen die Wünsche herbeizusingen. 14. Zum Herbeisinger der Wünsche wird, wer, dies so wissend, diese Silbe als Udgītha verehrt – so viel zum Bereich des Selbst [Adhyātma]. — So endet der zweite Khaṇḍa.

Wort für Wort
devāsurā ha vai yatra saṃyetire
als Götter und Asuras miteinander stritten
udgītham ājahruḥ anenainān abhibhaviṣyāmaḥ
sie griffen zum Udgītha: 'mit diesem werden wir sie überwältigen'
nāsikyaṃ prāṇam udgītham upāsāṃ cakrire
sie verehrten den Nasen-Atem als Udgītha
pāpmanā viddhaḥ
vom Übel durchbohrt
ya evāyaṃ mukhyaḥ prāṇaḥ
eben dieser Haupt-Atem (Mukhya-Prāṇa)
yathāśmānam ākhaṇam ṛtvā vidhvaṃseta
wie man, auf eine feste Erdscholle treffend, zerspringt
apahatapāpmā hy eṣaḥ
denn er ist vom Übel unberührt
taṃ hāṅgirā udgītham upāsāṃcakra
diesen verehrte Aṅgiras als Udgītha
vāg hi bṛhatī tasyā eṣa patiḥ
die Rede ist die Bṛhatī, und er ist ihr Herr
āgātā ha vai kāmānāṃ bhavati
zum Herbeisinger der Wünsche wird [er]

athādhidaivataṃ ya evāsau tapati tam udgītham upāsītodyan vā eṣa prajābhya udgāyati | udyaṃs tamo bhayam apahanty apahantā ha vai bhayasya tamaso bhavati ya evaṃ veda || 1 || samāna u evāyaṃ cāsau coṣṇo 'yam uṣṇo 'sau svara itīmam ācakṣate svara iti pratyāsvara ity amuṃ tasmād dhā etam imam amuṃ codgītham upāsīta || 2 || atha khalu vyānam evodgītham upāsīta yad vai prāṇiti sa prāṇo yad apāniti so 'pānaḥ | atha yaḥ prāṇāpānayoḥ saṃdhiḥ sa vyāno yo vyānaḥ sā vāk | tasmād aprāṇann anapānan vācam abhivyāharati || 3 || yā vāk sarcāsmād aprāṇann anapānann ṛcam abhivyāharati ya ṛk tat sāma tasmād aprāṇann anapānaṃ sāma gāyati yat sāma sa udgīthas tasmād aprāṇann anapānaṃś codgāyati || 4 || ato yāny anyāni vīryavanti karmāṇi yathāgner mathanam ājeḥ saraṇaṃ dṛḍhasya dhanuṣa āyamanam aprāṇaṃś canapānaṃs tāni karoty etasya hetor asaṃśayam evodgītham upāsīta || 5 || atha khalūdgīthākṣarāṇy upāsīta udgītha iti prāṇa evotkramati vāg gīr vāco ha gīr ity ācakṣate 'daṃ tha annaṃ hīdaṃ sarvaṃ sthitam || 6 || dyaur evodaḥ antarikṣaṃ gīḥ pṛthivī tham āditya evodgāthur vāyur gīḥ agnis thaṃ | sāmaveda evodac chandāṃsi gīr yajus tham | gīr eva ṛgvedas thaṃ dugdhe 'smai vāgdohaṃ yo vāco dohaḥ annavān annādo bhavati ya etāny evaṃ vidvān udgīthākṣarāṇy upāsta udgītha iti || 7 || atha khalv āśiḥ samṛddhirūpāsanaṃ yena sāma stoṣyan syāt tat sāmopadhāvet || 8 || yasyām ṛci tāṃ ṛcaṃ yad ārṣeyaṃ tam ṛṣim ||

1. Nun zur göttlichen Ebene [Adhidaivata]: man verehre eben jene [Sonne], die brennt, als Udgītha. Denn aufgehend singt sie ja für die Geschöpfe empor. Aufgehend vertreibt sie die Finsternis und die Furcht; zum Vertreiber von Furcht und Finsternis wird, wer dies so weiß. 2. Gleich sind ferner sowohl dieser [Atem] als auch jene [Sonne]; warm ist dieser, warm ist jene. „Svara“ [Klang, Schwingung] nennt man diesen [Atem], „Pratyāsvara“ [Gegenklang] jene [Sonne]. Deshalb verehre man diesen [Atem] ebenso wie jene [Sonne] als Udgītha. 3. Und ferner verehre man geradezu den Vyāna [den Verteil-Atem] als Udgītha. Denn was man ausatmet, das ist Prāṇa; was man einatmet, das ist Apāna. Die Verbindung von Prāṇa und Apāna aber ist Vyāna; was Vyāna ist, das ist die Rede. Deshalb äußert man, weder ausatmend noch einatmend, die Rede. 4. Was Rede ist, das ist der Ṛc-Vers; deshalb rezitiert man, weder ausatmend noch einatmend, den Ṛc. Was Ṛc ist, das ist das Sāman; deshalb singt man, weder ausatmend noch einatmend, das Sāman. Was Sāman ist, das ist der Udgītha; deshalb singt man, weder ausatmend noch einatmend, den Udgītha empor. 5. Deshalb, welche anderen kraftvollen Handlungen es auch gibt – wie das Reiben des Feuers [zur Entzündung], das Laufen im Wettlauf, das Spannen eines festen Bogens –, diese vollbringt man, ohne auszuatmen und ohne einzuatmen; aus diesem Grund verehre man den Udgītha ohne jeden Zweifel [als ebenso kraftvoll] [Anm.: Lesart „asaṃśayam“ unsicher, im gescannten Text stark verkürzt wiedergegeben]. 6. Nun verehre man ferner die Silben des Wortes „Udgītha“ [einzeln]: „Ud“ [ist] eben der Atem, denn durch den Atem erhebt man sich empor; „Gī“ ist die Rede, denn die Rede nennt man „Gīr“; „Tha“ ist die Speise, denn in ihr ist ja alles [dies] gegründet [Anm.: die Silbenzerlegung des Originals ist an dieser Stelle knapp und teilweise unsicher überliefert]. 7. Der Himmel ist „Ud“, der Luftraum „Gī“, die Erde „Tha“; die Sonne ist „Ud“, der Wind „Gī“, das Feuer „Tha“; der Sāmaveda ist „Ud“, die Versmaße sind „Gī“, der Yajurveda ist „Tha“; die Rede ist „Gī“, der Ṛgveda ist ... [Anm.: Zuordnung im Original an dieser Stelle unsicher]. Ihm melkt sie den Redemelk, wer diese Udgītha-Silben so kennend als „Udgītha“ verehrt, wird speise- und nahrungsreich. 8. Und ferner sei die [rituelle] Bitte die Verehrung des Gedeihens: wer mit einem Sāman huldigen will, wende sich diesem Sāman zu; [er wende sich] dem Ṛc-Vers zu, in dem [das Sāman gegründet ist], sowie dem Ṛṣi, von dem er stammt [Anm.: Satz im Original abgebrochen/unvollständig überliefert]. [Anm.: Khaṇḍa 3 verbindet, wie schon Khaṇḍa 1–2, die Silbe Om bzw. das Wort „Udgītha“ mit immer neuen Entsprechungsreihen (Atem-Trias, Ṛc/Sāman/Udgītha, kosmische Dreiheiten); die Silbenanalyse in Vers 6–7 ist im vorliegenden Digitalisat an mehreren Stellen verkürzt und daher mit [?]/[Anm.] gekennzeichnet.]

Wort für Wort
ya evāsau tapati tam udgītham upāsīta
man verehre jene, die brennt (die Sonne), als Udgītha
udyaṃs tamo bhayam apahanti
aufgehend vertreibt sie Finsternis und Furcht
yad vai prāṇiti sa prāṇaḥ
was man ausatmet, das ist Prāṇa
prāṇāpānayoḥ saṃdhiḥ sa vyānaḥ
die Verbindung von Prāṇa und Apāna ist Vyāna
aprāṇann anapānan vācam abhivyāharati
weder ausatmend noch einatmend äußert man die Rede
yathāgner mathanam ājeḥ saraṇam
wie das Reiben des Feuers, das Laufen im Wettlauf
udgīthākṣarāṇy upāsīta
man verehre die Silben des Udgītha [einzeln]
dyaur evodaḥ antarikṣaṃ gīḥ pṛthivī tham
der Himmel ist Ud, der Luftraum Gī, die Erde Tha

ātmānam antata upasṛtya stuvīta kāmaṃ dhyāyann apramatto 'bhyāśo ha yad asmai sa kāmaḥ samṛdhyeta yat kāmaḥ stuvīteti yat kāmaḥ stuvīteti || 12 || iti tṛtīyaḥ khaṇḍaḥ || om ity etad akṣaram udgītham upāsīta om iti hy udgāyati tasyopavyākhyānam || 1 || devā vai mṛtyor bibhyatas trayīṃ vidyāṃ prāviśaṃs te chandobhir acchādayan yad ebhir acchādayaṃs tac chandasāṃ chandastvam || 2 || tān u tatra mṛtyur yathā matsyam udake pariapaśyad evaṃ paryapaśyad ṛci sāmni yajuṣi | te nu vidtvordhvā ṛcaḥ sāmno yajuṣaḥ svaram eva prāviśan || 3 || yadā vā ṛcam āptaumity evātisvaraty evaṃ sāmaivaṃ yajuḥ eṣa u svaro yad etad akṣaram etad amṛtam abhayaṃ tat praviśya devā amṛtā abhayā abhavan || 4 || sa ya etad evaṃ vidvān akṣaraṃ praṇauty etad evākṣaraṃ svaram amṛtam abhayaṃ praviśati tat praviśya yad amṛtā devās tad amṛto bhavati || 5 || iti caturthaḥ khaṇḍaḥ ||

[Fortsetzung Khaṇḍa 3, Vers 12:] Nachdem man sich am Ende [des Gesangs] dem [eigenen] Selbst zugewandt hat, huldige man dem Wunsch, [ihn] bedenkend, unabgelenkt; nahe genug ist es, dass dieser Wunsch sich ihm erfülle, welchen Wunsch er auch huldigend [begehrt], welchen Wunsch er auch huldigend [begehrt]. — So endet der dritte Khaṇḍa. 1. Man verehre die Silbe „Om“ als den Udgītha; denn man singt [stets] mit „Om“ [voran] – dies ist deren Erläuterung. 2. Die Götter, den Tod fürchtend, gingen in das dreifache Wissen [die drei Veden] ein; sie deckten sich mit den Versmaßen zu. Weil sie sich damit zudeckten [chad], [entstand] die Chandastva-Eigenschaft der Versmaße [Chandas]. 3. Da nun erspähte sie der Tod dort, wie [man] einen Fisch im Wasser erspäht, ebenso erspähte er sie im Ṛc, im Sāman, im Yajus. Sie aber, dies erkennend, erhoben sich und gingen eben in den [reinen] Klang [Svara] ein. 4. Denn wenn man einen Ṛc-Vers [zu Ende gebracht hat, ertönt] gleichsam „ā“ oder „om“ verlängernd darüber hinausklingend; ebenso beim Sāman, ebenso beim Yajus. Dieser Klang eben, das ist diese Silbe [Om], dies ist das Unsterbliche, Furchtlose; in dieses eingehend wurden die Götter unsterblich [und] furchtlos. 5. Wer, dies so wissend, die Silbe [Om] ertönen lässt, geht eben in diese Silbe, den Klang, das Unsterbliche, Furchtlose ein; und in dieses eingehend wird er, so wie die Götter unsterblich [wurden], [ebenfalls] unsterblich. — So endet der vierte Khaṇḍa.

Wort für Wort
ātmānam antata upasṛtya stuvīta kāmam
man huldige, nachdem man sich am Ende dem Selbst zugewandt hat, dem Wunsch
devā vai mṛtyor bibhyataḥ trayīṃ vidyāṃ prāviśan
die Götter, den Tod fürchtend, gingen in das dreifache Wissen ein
te chandobhir acchādayan
sie deckten sich mit den Versmaßen zu
tān mṛtyur yathā matsyam udake paryapaśyat
der Tod erspähte sie wie einen Fisch im Wasser
svaram eva prāviśan
sie gingen eben in den Klang ein
etad amṛtam abhayaṃ tat praviśya devā amṛtā abhayā abhavan
in dieses Unsterbliche, Furchtlose eingehend wurden die Götter unsterblich und furchtlos
tad amṛto bhavati
so wird er unsterblich

atha khalu ya udgīthaḥ sa praṇavo yaḥ praṇavaḥ sa udgītha ity asau vā ādityaḥ udgītha eṣa praṇava oṃ iti hy eṣa svarann eti || 1 || etam u evāham abhyagāsiṣam tasmān mama tvam ekosīti ha kauṣītakiḥ putram uvāca raśmīṃs tvaṃ paryāvartayādhabhavo vai te bhaviṣyantīty adhidaivatam || 2 || athādhyātmaṃ ya evāyaṃ mukhyaḥ prāṇas tam udgītham upāsītomity eṣa hoṣaḥ svarann eti || 3 || etam u evāham abhyagāsiṣam tasmān mama tvam eko 'sīti ha kauṣītakiḥ putram uvāca prāṇāṃs tvaṃ bhūmānam abhigāyatādhabhavo vai me bhaviṣyantīti || 4 || atha khalu ya udgīthaḥ sa praṇavo yaḥ praṇavaḥ sa udgītha iti hotṛṣadanād dhainam anusamāharaty anusamāharatīti || 5 || iti pañcamaḥ khaṇḍaḥ ||

1. Und ferner: was der Udgītha ist, das ist der Praṇava [die heilige Silbe Om als 'Vor-Tönen']; was der Praṇava ist, das ist der Udgītha. Denn jene Sonne dort ist der Udgītha, [und] sie ist der Praṇava, [denn sie tönt gleichsam] „Om“, da sie [ihre Bahn] tönend durchläuft. 2. „Eben diesen habe ich besungen, deshalb bist du mein Einziger“ – so sprach Kauṣītaki zu seinem Sohn: „Lenke du [der Sonne] Strahlen [auf dich], dann wirst du reich an Nachkommen sein.“ So viel zur göttlichen Ebene. 3. Nun zum Bereich des Selbst: man verehre eben diesen Haupt-Atem als Udgītha; denn er tönt gleichsam „Om“, da er [seinen Weg] tönend durchläuft. 4. „Eben diesen habe ich besungen, deshalb bist du mein Einziger“ – so sprach Kauṣītaki zu seinem Sohn: „Besinge du die Atem-Kräfte als die Fülle, dann werden sie mir reichlich zuteilwerden.“ 5. Und ferner: was der Udgītha ist, das ist der Praṇava; was der Praṇava ist, das ist der Udgītha; vom Sitz des Hotṛ-Priesters aus fasst man ihn [den Udgītha] zusammenfassend nach [dem vom Hotṛ Rezitierten] – man fasst ihn zusammenfassend nach. — So endet der fünfte Khaṇḍa.

Wort für Wort
ya udgīthaḥ sa praṇavaḥ
was der Udgītha ist, das ist der Praṇava
asau vā ādityaḥ udgīthaḥ
jene Sonne dort ist der Udgītha
etam u evāham abhyagāsiṣam
eben diesen habe ich besungen
raśmīṃs tvaṃ paryāvartaya
lenke du der Sonne Strahlen [auf dich]
ya evāyaṃ mukhyaḥ prāṇaḥ
eben dieser Haupt-Atem
prāṇāṃs tvaṃ bhūmānam abhigāyata
besinge du die Atem-Kräfte als die Fülle
hotṛṣadanād dhainam anusamāharati
vom Sitz des Hotṛ aus fasst man ihn zusammenfassend nach

iyam evargniḥ sāma tad etad etasyām ṛcy adhyūḍhaṃ sāma tasmād ṛcy adhyūḍhaṃ sāma gīyata iyam evāgnir amas tat sāma || 1 || antarikṣam evargvāyuḥ sāma tad etad etasyām ṛcy adhyūḍhaṃ sāma tasmād ṛcy adhyūḍhaṃ sāma gīyate 'ntarikṣam eva sā vāyur amas tat sāma || 2 || dyaur evargādityaḥ sāma tad etad etasyām ṛcy adhyūḍhaṃ sāma tasmād ṛcy adhyūḍhaṃ sāma gīyate dyaur eva sādityo 'mas tat sāma || 3 || nakṣatrāṇy evargacandramāḥ sāma tad etad etasyām ṛcy adhyūḍhaṃ sāma tasmād ṛcy adhyūḍhaṃ sāma gīyate nakṣatrāṇy eva sā candramā amas tat sāma || 4 || atha yad etad ādityasya śukraṃ bhāḥ saivargatha yan nīlaṃ paraḥ kṛṣṇaṃ tat sāma tad etad etasyām ṛcy adhyūḍhaṃ sāma tasmād ṛcy adhyūḍhaṃ sāma gīyate || 5 || atha yad evaitad ādityasya śukraṃ bhāḥ saiva ṛk atha yan nīlaṃ paraḥ kṛṣṇaṃ tat sāmātha ya eṣo 'ntarāditye hiraṇmayaḥ puruṣo dṛśyate hiraṇyaśmaśrur hiraṇyakeśa āprāṇaḥ svāt sarva eva suvarṇaḥ || 6 || tasya yathā kapyāsaṃ puṇḍarīkam evam akṣiṇī tasyoditi nāma sa eṣa sarvebhyaḥ pāpmabhya udita udeti ha vai sarvebhyaḥ pāpmabhyo ya evaṃ veda || 7 || tasyark ca sāma ca geṣṇau tasmād udgītha tasmāc caivodgātaitasya hi gātā sa eṣa ye cāmuṣmāt parāñco lokās teṣāṃ ceṣṭe devakāmānāṃ cetyadhidaivatam || 8 || iti ṣaṣṭhaḥ khaṇḍaḥ ||

1. Eben diese Erde ist der Ṛc, Agni [das Feuer] ist das Sāman; dieses [Sāman] ist auf jenem Ṛc [wie] aufgelagert; deshalb wird das Sāman, auf dem Ṛc aufgelagert, gesungen. Eben diese Erde ist das „Ā“ [die eine Silbe des Sāman-Rufs], Agni ist das „Ma“ – das ist [zusammen] das Sāman [Anm.: die Silbenzuordnung ā/ma ist technisch und bleibt unsicher]. 2. Eben der Luftraum ist der Ṛc, der Wind ist das Sāman; dieses ist auf jenem Ṛc aufgelagert; deshalb wird das Sāman, auf dem Ṛc aufgelagert, gesungen. Eben der Luftraum ist das „Ā“, der Wind ist das „Ma“ – das ist das Sāman. 3. Eben der Himmel ist der Ṛc, die Sonne ist das Sāman; ... eben der Himmel ist das „Ā“, die Sonne das „Ma“ – das ist das Sāman. 4. Eben die Sternbilder sind der Ṛc, der Mond ist das Sāman; ... eben die Sternbilder sind das „Ā“, der Mond ist das „Ma“ – das ist das Sāman. 5. Und ferner: was von der Sonne dies helle Licht ist, das eben ist der Ṛc; was [an ihr] dunkelblau, tiefschwarz ist, das ist das Sāman; dieses ist auf jenem Ṛc aufgelagert; deshalb wird das Sāman, auf dem Ṛc aufgelagert, gesungen. 6. Und ferner: was von eben dieser Sonne das helle Licht ist, das eben ist der Ṛc; was dunkelblau, tiefschwarz ist, das ist das Sāman. Und der Mann, der golden dort innerhalb der Sonne gesehen wird, mit goldenem Bart, goldenem Haar, ganz und gar bis zu den Nägeln hinab golden – 7. dessen Augen sind wie eine Lotosblüte von der Farbe eines [rotgesichtigen] Affen; sein Name ist „Ut“ [der Aufgegangene], denn er ist über alles Übel hinaus aufgegangen; und wahrlich, über alles Übel hinaus geht auf, wer dies so weiß. 8. Sein Ṛc und sein Sāman sind [sein] Gesang [geṣṇa]; deshalb [heißt er] Udgītha, und deshalb eben [heißt er] Udgātṛ [Sänger], denn er ist dessen [des Gesangs] Sänger; und er ist es, der über jene jenseits [von ihm liegenden] Welten und über die Wünsche der Götter [Devakāma] herrscht. So viel zur göttlichen Ebene. — So endet der sechste Khaṇḍa. [Anm.: Die Silbenzuordnung 'ā' (Erde/Luftraum/Himmel/Sternbilder) und 'ma' (Agni/Wind/Sonne/Mond) im Sāman-Ruf ist eine hochtechnische, aus der Sāmaveda-Rezitationspraxis stammende Deutung und bleibt im Detail unsicher.]

Wort für Wort
iyam evargniḥ sāma
eben diese Erde ist der Ṛc, Agni ist das Sāman
tad etad etasyām ṛcy adhyūḍhaṃ sāma
dieses Sāman ist auf jenem Ṛc aufgelagert
yad etad ādityasya śukraṃ bhāḥ saivark
was von der Sonne das helle Licht ist, das ist der Ṛc
ya eṣo 'ntarāditye hiraṇmayaḥ puruṣo dṛśyate
der goldene Mann, der innerhalb der Sonne gesehen wird
udeti ha vai sarvebhyaḥ pāpmabhyo ya evaṃ veda
über alles Übel hinaus geht auf, wer dies so weiß
tasyark ca sāma ca geṣṇau
sein Ṛc und Sāman sind sein Gesang

athādhyātmaṃ vāgevarcaḥ prāṇaḥ sāma tad etad etasyām ṛcy adhyūḍhaṃ sāma tasmād ṛcy adhyūḍhaṃ sāma gīyate vāgeva sā prāṇo 'mas tat sāma || 1 || cakṣur evargātmā sāma tad etad etasyām ṛcy adhyūḍhaṃ sāma tasmād ṛcy adhyūḍhaṃ sāma gīyate cakṣur eva sātmāmas tat sāma || 2 || śrotram evarg manaḥ sāma tad etad etasyām ṛcy adhyūḍhaṃ sāma tasmād ṛcy adhyūḍhaṃ sāma gīyate śrotram eva sā mano 'mas tat sāma || 3 || atha yad etad akṣṇaḥ śukraṃ bhāḥ saivargatha yan nīlaṃ paraḥ kṛṣṇaṃ tat sāma tad etad etasyām ṛcy adhyūḍhaṃ sāma tasmād ṛcy adhyūḍhaṃ sāma gīyate || 4 || atha ya eṣo 'ntarakṣiṇi puruṣo dṛśyate saiva ṛk tat sāma taduktha tad yajus tad brahma tasyaitasya tad eva rūpaṃ yad amuṣya rūpaṃ yāv amuṣya geṣṇau tau geṣṇau yan nāma tan nāma || 5 || sa eṣa ye caitasmād arvāñco lokās teṣāṃ ceṣṭe manuṣyakāmānāṃ cetyadhigāyanti | atha ya ime vīṇāyāṃ gāyanty etaṃ te gāyanti tasmāt te dhanasanayaḥ || 6 || atha ya etad evaṃ vidvān sāma gāyati ubhau sa gāyati so 'muneiva sa eṣa cāmuṣmāt parāñco lokāṃs tāṃ śāpnoti devakāmāṃś ca || 7 || athānena eva ye cetasmād arvāñco lokāṃs tāṃ śāpnoti manuṣyakāmāṃś ca tasmād u haivaṃvid udgātā brūyāt || 8 || kaṃ te kāmam āgāyānīty eṣa hy eva kāmāgānasyaiṣṭe ya evaṃ vidvān sāma gāyati sāma gāyati || 9 || iti saptamaḥ khaṇḍaḥ ||

1. Nun zum Bereich des Selbst: eben die Rede ist der Ṛc, der Atem ist das Sāman; dieses ist auf jenem Ṛc aufgelagert; deshalb wird das Sāman, auf dem Ṛc aufgelagert, gesungen. Eben die Rede ist das „Ā“, der Atem ist das „Ma“ – das ist das Sāman. 2. Eben das Auge ist der Ṛc, das Selbst [Ātman] ist das Sāman; ... eben das Auge ist das „Ā“, das Selbst ist das „Ma“ – das ist das Sāman. 3. Eben das Gehör ist der Ṛc, das Denken [Manas] ist das Sāman; ... eben das Gehör ist das „Ā“, das Denken ist das „Ma“ – das ist das Sāman. 4. Und ferner: was von diesem Auge das helle Licht ist, das eben ist der Ṛc; was [daran] dunkelblau, tiefschwarz ist, das ist das Sāman; dieses ist auf jenem Ṛc aufgelagert; deshalb wird das Sāman, auf dem Ṛc aufgelagert, gesungen. 5. Und der Mann, der dort innerhalb des Auges gesehen wird, eben der ist der Ṛc, das ist das Sāman, das ist das Uktha, das ist der Yajus, das ist das Brahman; von diesem ist eben dies dessen Gestalt, was jenes [der Sonnen-Manns] Gestalt ist; was jenes beide Gesänge [sind], das sind auch dessen beide Gesänge; welchen Namen jener [trägt], denselben Namen [trägt] dieser. 6. Und er ist es, der über jene diesseits [von ihm liegenden] Welten und über die Wünsche der Menschen herrscht; deshalb besingen [ihn die Priester]. Und die, welche hier auf der Vīṇā [Laute] spielen, besingen eben diesen; deshalb sind sie reichgewordene [Sänger]. 7. Und wer, dies so wissend, das Sāman singt, singt beide [Gesänge]; durch jenen [Sonnenmann] eben erlangt er jene, jenseits [gelegenen] Welten und die Wünsche der Götter. 8. Und durch eben diesen [Augen-Mann] erlangt er diese diesseitigen Welten und die Wünsche der Menschen. Deshalb soll ein solcher wissender Udgātṛ [Sängerpriester] sagen: 9. „Welchen Wunsch soll ich [dir] herbeisingen?“ – denn eben dies vermag, wer, dies so wissend, das Sāman singt: dem Wunsch durch Gesang [zu entsprechen], dem Wunsch durch Gesang [zu entsprechen]. — So endet der siebte Khaṇḍa.

Wort für Wort
vāgevarcaḥ prāṇaḥ sāma
die Rede ist der Ṛc, der Atem das Sāman
cakṣur evargātmā sāma
das Auge ist der Ṛc, das Selbst das Sāman
śrotram evarg manaḥ sāma
das Gehör ist der Ṛc, das Denken das Sāman
ya eṣo 'ntarakṣiṇi puruṣo dṛśyate
der Mann, der innerhalb des Auges gesehen wird
ya ime vīṇāyāṃ gāyanti
die, welche auf der Vīṇā singen/spielen
kaṃ te kāmam āgāyāni
welchen Wunsch soll ich dir herbeisingen

trayo hodgīthe kuśalā babhūvuḥ śilakaḥ śālāvatyaś caikitāyano dālbhyaḥ pravāhaṇo jaivalir iti te hocur udgīthe vai kuśalāḥ smo hantodgīthe kathāṃ vadāmeti || 1 || tatheti ha samupaviviśuḥ sa ha pravāhaṇo jaivalir uvāca bhagavantāv agre vadatāṃ brāhmaṇayor vadator vācaṃ śroṣyāmīti || 2 || sa ha śilakaḥ śālāvatyaś caikitāyanaṃ dālbhyam uvāca hanta tvā pṛcchānīti pṛccheti hovāca || 3 || kā sāmno gatir iti svara iti hovāca svarasya kā gatir iti prāṇa iti hovāca prāṇasya kā gatir ity annam iti hovācānnasya kā gatir ity āpa iti hovāca || 4 || apāṃ kā gatir ity asau loka iti hovācāmuṣya lokasya kā gatir iti na svargaṃ lokam atinayed iti hovāca svargaṃ vayaṃ lokaṃ sāmābhisaṃsthāpayāmaḥ svargasaṃstavaṃ hi sāmeti || 5 || taṃ ha śilakaḥ śālāvatyaś caikitāyanaṃ dālbhyam uvāca apratiṣṭhitaṃ vai kila te dālbhya sāma yas tv etarhi brūyān mūrdhā te vipatiṣyatīti mūrdhā te vipatediti || 6 || hantāham etad bhagavato vedānīti vidddhīti hovācāmuṣya lokasya kā gatir iti ayaṃ loka iti hovācāsya lokasya kā gatir iti na pratiṣṭhāṃ lokam atinayed iti hovāca pratiṣṭhāṃ vayaṃ lokaṃ sāmābhiḥ saṃsthāpayāmaḥ pratiṣṭhāsaṃstavaṃ hi sāmeti || 7 || taṃ ha pravāhaṇo jaivalir uvācāntavad vai kila te śālāvatya sāma yas tv etarhi brūyāt mūrdhā te vipatiṣyatīti mūrdhā te vipatediti hantāham etad bhagavato vedānīti vidddhīti hovāca || 8 || iti aṣṭamaḥ khaṇḍaḥ ||

1. Drei waren einst im Udgītha kundig geworden: Śilaka Śālāvatya, Caikitāyana Dālbhya [und] Pravāhaṇa Jaivali. Sie sprachen: „Im Udgītha sind wir wahrlich kundig; wohlan, lasst uns über den Udgītha sprechen.“ 2. „So sei es“, [sprachen sie] und setzten sich zusammen. Da sprach Pravāhaṇa Jaivali: „Sprecht ihr beiden Herren zuerst; ich will die Rede der beiden redenden Brahmanen anhören.“ 3. Da sprach Śilaka Śālāvatya zu Caikitāyana Dālbhya: „Wohlan, ich will dich fragen.“ „Frage!“, sprach er. 4. „Welches ist des Sāman Ziel [Grundlage]?“ „Der Klang [Svara]“, sprach er. „Welches ist des Klanges Ziel?“ „Der Atem“, sprach er. „Welches ist des Atems Ziel?“ „Die Speise“, sprach er. „Welches ist der Speise Ziel?“ „Das Wasser“, sprach er. 5. „Welches ist des Wassers Ziel?“ „Jene Welt [dort]“, sprach er. „Welches ist jener Welt Ziel?“ „Man führe [den Sprechenden] nicht über die Himmelswelt hinaus“, sprach er. „Die Himmelswelt gründen wir mit dem Sāman; denn Preis der Himmelswelt ist das Sāman.“ 6. Da sprach Śilaka Śālāvatya zu Caikitāyana Dālbhya: „Ungegründet fürwahr, Dālbhya, ist dein Sāman; wer dir jetzt sagte: ‚Dein Haupt wird herabfallen!‘, dessen Haupt würde [wirklich] herabfallen.“ 7. „Wohlan, ich will dies vom Herrn erfahren.“ „Erfahre es“, sprach er. „Welches ist jener Welt Ziel?“ „Diese Welt [hier]“, sprach er. „Welches ist dieser Welt Ziel?“ „Man führe [den Sprechenden] nicht über den festen Stand hinaus“, sprach er. „Den festen Stand gründen wir mit dem Sāman; denn Preis des festen Standes ist das Sāman.“ 8. Da sprach Pravāhaṇa Jaivali: „Ein Ende habend fürwahr, Śālāvatya, ist dein Sāman; wer dir jetzt sagte: ‚Dein Haupt wird herabfallen!‘, dessen Haupt würde [wirklich] herabfallen.“ „Wohlan, ich will dies vom Herrn erfahren.“ „Erfahre es“, sprach er. — So endet der achte Khaṇḍa. [Anm.: Diese berühmte Erzählung wird in Khaṇḍa 9 mit der Antwort Pravāhaṇa Jaivalis fortgesetzt.]

Wort für Wort
trayo hodgīthe kuśalā babhūvuḥ
drei waren einst im Udgītha kundig geworden
kā sāmno gatir iti
welches ist des Sāman Ziel/Grundlage?
svaraḥ ... prāṇaḥ ... annam ... āpaḥ
Klang ... Atem ... Speise ... Wasser (Kette der Rückfragen)
svargaṃ vayaṃ lokaṃ sāmābhisaṃsthāpayāmaḥ
die Himmelswelt gründen wir mit dem Sāman
apratiṣṭhitaṃ vai kila te sāma
ungegründet fürwahr ist dein Sāman
mūrdhā te vipatiṣyati
dein Haupt wird herabfallen (Drohformel bei falschem Wissen)
pratiṣṭhāṃ vayaṃ lokaṃ sāmābhiḥ saṃsthāpayāmaḥ
den festen Stand gründen wir mit dem Sāman
antavad vai kila te sāma
ein Ende habend fürwahr ist dein Sāman

asya lokasya kā gatir ity ākāśa iti hovāca sarvāṇi ha vā imāni bhūtāny ākāśād eva samutpadyante ākāśaṃ pratyastaṃ yanty ākāśo hy evaibhyo jyāyān ākāśaḥ parāyaṇam || 1 || sa eṣa parovarīyānudgīthaḥ sa eṣo 'nantaḥ parovarīyo hāsya bhavati parovarīyaso ha lokāñ jayati ya etad evaṃ vidvān parovarīyāṃsam udgīthamupāste || 2 || taṃ haitam atidhanvā śaunaka udarśāṇḍilyāyoktvovāca yāvat ta enāṃ prajāyām udgīthaṃ vediṣyante parovarīyo haibhyas tāvad asmiml loke jīvanaṃ bhaviṣyati || 3 || tathāmuṣmiṃl loke lokaḥ iti sa ya etam evaṃ vidvān upāste parovarīya eva hāsyāsmiml loke jīvanaṃ bhavati tathāmuṣmiṃl loke loka iti loka iti || 4 || iti navamaḥ khaṇḍaḥ ||

1. [Pravāhaṇa Jaivali sprach:] „Welches ist dieser Welt Ziel?“ „Der Raum [Ākāśa]“, sprach er. „Denn aus dem Raum entstehen wahrlich alle diese Wesen, und in den Raum kehren sie zurück; denn der Raum ist größer als sie [alle]; der Raum ist die letzte Zuflucht. 2. Dieser [Raum] eben ist der überaus-höhere Udgītha; dieser eben ist der Unendliche. Zum überaus-Höheren wird ihm [dies]; überaus höhere Welten gewinnt, wer, dies so wissend, den überaus-höheren Udgītha verehrt.“ 3. Diesen [Udgītha] lehrte Atidhanvan Śaunaka den Udaraśāṇḍilya und sprach: „Solange man in deiner Nachkommenschaft diesen Udgītha kennen wird, wird ihnen überaus-höheres Leben in dieser Welt zuteilwerden, 4. ebenso in jener Welt.“ Wer, dies so wissend, [den Udgītha] verehrt, dem wird eben überaus-höheres Leben in dieser Welt zuteil, ebenso in jener Welt, in jener Welt. — So endet der neunte Khaṇḍa.

Wort für Wort
ākāśāt sarvāṇi bhūtāni samutpadyante
aus dem Raum entstehen alle Wesen
ākāśaḥ parāyaṇam
der Raum ist die letzte Zuflucht
sa eṣa parovarīyānudgīthaḥ
dieser ist der überaus-höhere Udgītha
parovarīyaso ha lokāñ jayati
überaus höhere Welten gewinnt [er]
parovarīya eva hāsyāsmiml loke jīvanaṃ bhavati
überaus-höheres Leben wird ihm in dieser Welt zuteil

maṭacīhateṣu kuruṣv āṭikyā saha jāyayoṣastir ha cākrāyaṇa ibhyagrāme pradrāṇaka uvāsa || 1 || sa hebhyaḥ kulmāṣān khādantaṃ bibhikṣe taṃ hovāca neto 'nye vidyante yac ca ye ma ima upanihitā iti || 2 || etaṣāṃ me dehīti hovāca tān asmai pradadau | hantānupānam ity ucchiṣṭaṃ vai me pītaṃ syād iti hovāca || 3 || na svid ete 'py ucchiṣṭā iti na vā ajīviṣyam imān akhādann iti hovāca kāmo ma udapānam iti || 4 || sa ha khāditvātiśeṣāñ jāyāyā ājahāra sāgra eva subhikṣā babhūva tān pratigṛhya nidadhau || 5 || sa ha prātaḥ saṃjihāna uvāca yad dhy asya labhemahi labhemahi dhanamātrāṃ rājāsau yakṣyate sa mā sarvair ārtvijyair vṛṇīteti || 6 || taṃ jāyovāca hanta pata ima eva kulmāṣā iti tān svāditvāmuṃ yajñaṃ vitatam eyāya || 7 || tatrodgātṝṇāstāve stoṣyamāṇān upopaviveśa sa ha prastotāram uvāca || 8 || prastotar yā devatā prastāvam anvāyattā tāṃ ced avidvān prastoṣyasi mūrdhā te vipatiṣyatīti || 9 || evam evodgātāram uvācodgātar yā devatodgītham anvāyattā tāṃ ced avidvān udgāsyasi mūrdhā te vipatiṣyatīti || 10 || evam eva pratihartāram uvāca pratihartar yā devatā pratihāram anvāyattā tāṃ ced avidvān pratihariṣyasi mūrdhā te vipatiṣyatīti te ha samāratās tūṣṇīm āsāṃ cakrire || 11 || iti daśamaḥ khaṇḍaḥ ||

1. Bei den Kuru, die von Hagelschlag [oder Heuschrecken] heimgesucht waren, wohnte Uṣasti Cākrāyaṇa mit [seiner Frau] Āṭikī in dürftigen Verhältnissen im Dorf eines reichen Mannes. 2. Er bat einen [dieser Leute], der Bohnenbrei aß, um Almosen. Der sprach zu ihm: „Es gibt keinen anderen [Brei] mehr außer dem, welcher hier vor mir aufgetischt ist.“ 3. „Gib mir davon“, sprach [Uṣasti]. Der gab ihm [etwas] davon. „Nun auch [gib mir] zu trinken“, [sprach Uṣasti]. „[Das wäre] Speichel-Reste; ich hätte davon [schon] getrunken“, sprach jener. 4. „Sind nicht auch diese [Bohnen] Speichel-Reste?“ [entgegnete Uṣasti]. „Nein, doch, ich hätte nicht überlebt, hätte ich diese nicht gegessen“, sprach jener. „Meine Bitte gilt [nur noch] dem Trinkwasser“, sprach [Uṣasti]. 5. Nachdem er gegessen hatte, brachte er die übrig gebliebenen [Bohnen] seiner Frau; sie hatte zuvor selbst schon Almosen erbeten und [Speise] erhalten. Diese nahm sie entgegen und legte sie beiseite. 6. Am Morgen sich erhebend sprach er: „Hätten wir doch Nahrung! Hätten wir doch ein wenig Reichtum! Jener König dort will opfern; er möge mich mit allen Priesterämtern betrauen.“ 7. Da sprach seine Frau zu ihm: „Wohlan, Gebieter, hier sind ja diese Bohnen[reste]!“ Nachdem er sie gegessen hatte, begab er sich zu jenem ausgebreiteten Opfer. 8. Dort setzte er sich zu den Sänger[priestern], die im Begriff waren, das [Morgen-]Lob zu singen [Bahiṣpavamāna-Stotra]. Er sprach zum Prastotṛ: 9. „Prastotṛ, welche Gottheit dem Prastāva [dem Vorgesang] zugeordnet ist – wenn du diese nicht kennend den Vorgesang singst, wird dir das Haupt herabfallen.“ 10. Ebenso sprach er zum Udgātṛ: „Udgātṛ, welche Gottheit dem Udgītha zugeordnet ist – wenn du diese nicht kennend den Udgītha singst, wird dir das Haupt herabfallen.“ 11. Ebenso sprach er zum Pratihartṛ: „Pratihartṛ, welche Gottheit dem Pratihāra [dem Antwortgesang] zugeordnet ist – wenn du diese nicht kennend den Pratihāra singst, wird dir das Haupt herabfallen.“ Da hielten sie inne und saßen schweigend da. — So endet der zehnte Khaṇḍa.

Wort für Wort
maṭacīhateṣu kuruṣu
bei den vom Hagelschlag/von Heuschrecken heimgesuchten Kuru
uṣastir ha cākrāyaṇaḥ
Uṣasti Cākrāyaṇa (Name des Protagonisten)
kulmāṣān khādantam bibhikṣe
er bat einen Bohnenbrei-Essenden um Almosen
ucchiṣṭaṃ vai me pītaṃ syāt
es wären Speichel-Reste, [von denen] ich getrunken hätte
yad dhy asya labhemahi dhanamātrām
hätten wir doch ein wenig Reichtum von ihm
prastotar yā devatā prastāvam anvāyattā
Prastotṛ, welche Gottheit dem Prastāva zugeordnet ist
mūrdhā te vipatiṣyati
dein Haupt wird herabfallen
te ha samāratāḥ tūṣṇīm āsāṃ cakrire
da hielten sie inne und saßen schweigend da

atha hainaṃ yajamāna uvāca bhagavantaṃ vā ahaṃ vividiṣāṇīty uṣastir asmi cākrāyaṇa iti hovāca || 1 || sa hovāca bhagavantaṃ vā aham ebhiḥ sarvair ārtvijyaiḥ paryaiṣiṣaṃ bhagavato vā aham avijñyānyān avṛṣi || 2 || bhagavāṃs tv eva me sarvair ārtvijyair iti tathety atha tarhy eva samatisṛṣṭāḥ stuvatāṃ yāvac chreyo dadhāsi yāvac chreyo dadyās tāvan mama dadyā iti tathety ha yajamāna uvāca || 3 || atha hainaṃ prastotopasasāda prastotar yā devatā prastāvam anvāyattāṃ tāṃ ced avidvān prastoṣyasi mūrdhā te vipatiṣyatīti mā bhagavān avocat katamā sā devateti || 4 || prāṇa iti hovāca sarvāṇi ha vā imāni bhūtāni prāṇam evābhisaṃviśanti prāṇam abhyujjihate saiṣā devatā prastāvam anvāyattāṃ tāṃ ced avidvān na prāstoṣyo mūrdhā te vyapatiṣyat athoktasya mayeti || 5 || atha hainam udgātopasasādodgātar yā devatodgītham anvāyattāṃ tāṃ ced avidvān udgāsyasi mūrdhā te vipatiṣyatīti mā bhagavān avocat katamā sā devateti || 6 || āditya iti hovāca sarvāṇi ha vā imāni bhūtāny ādityam uccaiḥ santaṃ gāyanti saiṣā devatodgītham anvāyattāṃ tāṃ ced avidvān udgāsyo mūrdhā te vyapatiṣyat athoktasya mayeti || 7 || atha hainaṃ pratihartopasasāda pratihartar yā devatā pratihāram anvāyattāṃ tāṃ ced avidvān pratihariṣyasi mūrdhā te vipatiṣyatīti mā bhagavān avocat katamā sā devateti || 8 || annam iti hovāca sarvāṇi ha vā imāni bhūtāny annam eva pratiharamāṇāni jīvanti saiṣā devatā pratihāram anvāyattāṃ tāṃ ced avidvān pratyahariṣyo mūrdhā te vyapatiṣyat athoktasya mayeti || 9 || iti ekādaśaḥ khaṇḍaḥ ||

1. Da sprach der Opferherr zu ihm: „Ich möchte doch den Herrn [genauer] kennen lernen.“ „Ich bin Uṣasti Cākrāyaṇa“, sprach er. 2. Der sprach: „Ich hatte doch den Herrn zu allen diesen Priesterämtern gesucht; da ich den Herrn nicht kannte, habe ich andere gewählt. 3. Doch der Herr eben [übernehme] für mich alle Priesterämter.“ „So sei es“, [sprach Uṣasti]. „Dann sollen [die anderen Priester], damit betraut, singen, soweit du [ihnen] Gutes zukommen lässt; soweit du mir Gutes zukommen lässt, so viel [gib] auch mir.“ „So sei es“, sprach der Opferherr. 4. Da trat der Prastotṛ zu ihm heran: „Prastotṛ, welche Gottheit dem Prastāva zugeordnet ist – wenn du diese, ohne sie zu kennen, singst, wird dir das Haupt herabfallen“, so möge mir der Herr nicht [einfach] sagen: welches ist diese Gottheit? 5. „Der Atem“, sprach er. „Denn alle diese Wesen gehen wahrlich in den Atem ein, aus dem Atem erheben sie sich [wieder]; dies ist die Gottheit, die dem Prastāva zugeordnet ist. Hättest du diese, ohne sie zu kennen, gesungen, wäre dir das Haupt herabgefallen, nachdem ich es dir [nun] gesagt habe.“ 6. Da trat der Udgātṛ zu ihm heran: „Udgātṛ, welche Gottheit dem Udgītha zugeordnet ist – wenn du diese, ohne sie zu kennen, singst, wird dir das Haupt herabfallen“, so möge mir der Herr nicht [einfach] sagen: welches ist diese Gottheit? 7. „Die Sonne“, sprach er. „Denn alle diese Wesen besingen die hoch [am Himmel] stehende Sonne; dies ist die Gottheit, die dem Udgītha zugeordnet ist. Hättest du diese, ohne sie zu kennen, gesungen, wäre dir das Haupt herabgefallen, nachdem ich es dir [nun] gesagt habe.“ 8. Da trat der Pratihartṛ zu ihm heran: „Pratihartṛ, welche Gottheit dem Pratihāra zugeordnet ist – wenn du diese, ohne sie zu kennen, singst, wird dir das Haupt herabfallen“, so möge mir der Herr nicht [einfach] sagen: welches ist diese Gottheit? 9. „Die Speise“, sprach er. „Denn alle diese Wesen leben, indem sie eben die Speise [in sich] aufnehmen [pratihar-]; dies ist die Gottheit, die dem Pratihāra zugeordnet ist. Hättest du diese, ohne sie zu kennen, aufgenommen, wäre dir das Haupt herabgefallen, nachdem ich es dir [nun] gesagt habe.“ — So endet der elfte Khaṇḍa.

Wort für Wort
bhagavantaṃ vā ahaṃ vividiṣāṇi
ich möchte doch den Herrn kennenlernen
prastotar yā devatā prastāvam anvāyattā
Prastotṛ, welche Gottheit dem Prastāva zugeordnet ist
prāṇam evābhisaṃviśanti
sie gehen eben in den Atem ein
ādityam uccaiḥ santaṃ gāyanti
sie besingen die hoch stehende Sonne
annam eva pratiharamāṇāni jīvanti
sie leben, indem sie die Speise in sich aufnehmen
athoktasya mayeti
nachdem ich es dir gesagt habe (Rettungsformel)

athātaḥ śauva udgīthaḥ tad dha bako dālbhyo glāvo vā maitreyaḥ svādhyāyam udvavrāja || 1 || tasmai śvā śvetaḥ prādurbabhūva tam anye śvāna upasametyocur annaṃ no bhagavān āgāyatv aśanāyāma vā iti || 2 || tān hovācaihaṃ mā prātar upasamīyāteti tad dha bako dālbhyo glāvo vā maitreyaḥ pratipālyāñcakāra || 3 || te ha yathaivedaṃ bahiṣpavamānena stoṣyamāṇāḥ saṃrabdhāḥ sarpantīty evam āsasnupus te ha samupaviśya hiṃ cakruḥ || 4 || om adā3m om pibā3m om devo varuṇaḥ prajāpatiḥ savitānnam ihāharad annapate 'nnam iha harā3haro3m iti || 5 || iti dvādaśaḥ khaṇḍaḥ ||

1. Nun also der Hunde-Udgītha [Śauva Udgītha]: Baka Dālbhya, auch Glāva Maitreya [genannt], begab sich [einst] zum Studium hinaus. 2. Da erschien ihm ein weißer Hund; andere Hunde kamen zu diesem heran und sprachen: „Der Herr möge uns doch Speise herbeisingen; wir hungern.“ 3. Er sprach zu ihnen: „Kommt morgen früh hierher zu mir zusammen.“ Baka Dālbhya, auch Glāva Maitreya, wartete auf sie. 4. Sie [die Hunde] zogen dahin, so aneinandergereiht, wie [Priester], die mit dem Bahiṣpavamāna[-Sāman] singen wollen, sich [an den Gewändern] fassen; dann setzten sie sich nieder und stimmten den Hiṃ-Laut [den Einleitungslaut des Sāman] an. 5. „Om! Lasst uns essen! Om! Lasst uns trinken! Om! Der Gott Varuṇa, Prajāpati, Savitṛ, bringe hierher Speise! O Herr der Speise, bringe Speise hierher, bringe her, om!“ — So endet der zwölfte Khaṇḍa. [Anm.: Diese kurze, humorvoll-parodistische Erzählung überträgt das feierliche Bahiṣpavamāna-Ritual auf eine Hundeschar, die um Nahrung singt; die Lautfolge in Vers 5 ist ein originalgetreu wiedergegebener rituell-nachahmender Sprechgesang und wird nicht weiter zergliedert übersetzt.]

Wort für Wort
śauva udgīthaḥ
der 'Hunde-Udgītha' (Titel dieser Erzählung)
tasmai śvā śvetaḥ prādurbabhūva
da erschien ihm ein weißer Hund
annaṃ no bhagavān āgāyatu
der Herr möge uns Speise herbeisingen
hiṃ cakruḥ
sie stimmten den Hiṃ-Laut an (Sāman-Einleitungslaut)
om adā3m om pibā3m
Om, lasst uns essen! Om, lasst uns trinken! (parodistischer Sāman-Gesang)

ayaṃ vāva loko hā-u-kāraḥ | vāyur hā-i-kāraś candramā tha-kāraḥ | ātmehakāro 'gnir ī-kāraḥ || 1 || ādityaḥ u-kāraḥ nihavaḥ e-kāraḥ viśve devā au-ho-yi-kāraḥ prajāpatir hiṃ-kāraḥ prāṇaḥ svaro 'nnaṃ yā [vāk virāṭ] || 2 || aniruktas trayodaśaḥ stobhaḥ saṃcaro huṃkāraḥ || 3 || dumphed asmai vāgdohaṃ yo vāco dohaḥ annavān annādo bhavati ya etam evaṃ sāmnām upaniṣadaṃ vedopaniṣadaṃ vedeti || 4 || iti trayodaśaḥ khaṇḍaḥ || iti prathamo 'dhyāyaḥ ||

1. Eben diese Erde [Welt] ist die Silbe „Hā-u“; der Wind ist die Silbe „Hā-i“, der Mond die Silbe „Tha“; das Selbst ist die Silbe „Iha“, Agni ist die Silbe „Ī“. 2. Die Sonne ist die Silbe „U“, der Anruf ist die Silbe „E“, die Viśvedevas sind die Silbe „Au-ho-yi“, Prajāpati ist die Silbe „Hiṃ“, der Atem ist der Klang [Svara], die Speise ist ... [die Rede ist die Virāj]. 3. Der dreizehnte, unausgesprochene [nicht eigentlich sprachlich fassbare] Stobha-Laut [Begleitlaut des Sāman] ist der Übergang, der Huṃ-Laut. 4. Ihm melkt sie den Redemelk [die Fülle der Rede], wer diese Geheimlehre der Sāman-Melodien so kennt; er wird speise- und nahrungsreich, wer dies so kennt, diese Geheimlehre kennt. — So endet der dreizehnte Khaṇḍa. — So endet der erste Adhyāya. [Anm.: Khaṇḍa 13 zählt in extrem verdichteter Form die Stobha-Silben [rituelle, meist bedeutungslose Begleitlaute des Sāman-Gesangs, wie „hā“, „u“, „hiṃ“, „ho“, „i“] auf und ordnet sie kosmischen Entsprechungen (Welt, Wind, Mond, Sonne, Feuer, Prajāpati usw.) zu – eine der ältesten und sprachlich dunkelsten mnemonischen Techniken der Sāmaveda-Rezitation. Eine erschöpfende, sichere Silbenzuordnung ist aus dem vorliegenden Digitalisat nicht mit letzter Gewissheit zu gewinnen; mehrere Zuordnungen bleiben daher mit [?] gekennzeichnet, und die Übersetzung folgt hier eher dem Sinn der Entsprechungs-Systematik als einer wörtlichen Silbe-für-Silbe-Deutung.]

Wort für Wort
ayaṃ vāva loko hā-u-kāraḥ
diese Erde/Welt ist die Silbe 'Hā-u' (Stobha-Silbenkatalog)
prajāpatir hiṃ-kāraḥ
Prajāpati ist die Silbe 'Hiṃ'
prāṇaḥ svaraḥ
der Atem ist der Klang
aniruktas trayodaśaḥ stobhaḥ
der dreizehnte, unausgesprochene Stobha-Laut
dumphed asmai vāgdoham
ihm melkt sie den Redemelk (die Fülle der Rede)
ya etam evaṃ sāmnām upaniṣadaṃ veda
wer diese Geheimlehre der Sāman-Melodien so kennt
iti prathamo 'dhyāyaḥ
so endet der erste Adhyāya

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