Kapitel 6: chāndogyopaniṣat · ṣaṣṭho 'dhyāyaḥ
Adhyāya 6: Die Sad-Vidya des Uddālaka Āruṇi an Śvetaketu – "Das bist du" (ChU 6,1–16)
Adhyāya 6 (16 Khaṇḍas) ist das philosophisch berühmteste Kapitel der gesamten Chāndogya-Upaniṣad und eine der meistzitierten Passagen der gesamten Upaniṣad-Literatur. Kh. 1 stellt die Rahmenerzählung: der hochmütige, vollständig vedagelehrte, aber unverständige Śvetaketu wird von seinem Vater Uddālaka Āruṇi mit der Frage nach jener einen Unterweisung konfrontiert, durch die alles Ungewusste gewusst wird, veranschaulicht an drei Stoff-Gleichnissen (Ton, Kupfer, Eisen): jede Umwandlung ist nur ein sprachlich begründeter Name, der Stoff selbst allein ist das Wirkliche (vācārambhaṇaṃ vikāro nāmadheyam). Kh. 2 enthält die berühmte Sad-Vidyā: die ausdrückliche Zurückweisung der Lehre, das Sein sei aus dem Nichtsein entstanden, zugunsten eines einzigen, ungeteilten Seins (sat) als Urgrund, aus dem sich durch bloßes Denken Glut, Wasser und Nahrung entfalten. Kh. 3–4 zeigen, wie diese drei Elemente sich, nachdem die Gottheit mit dem "lebendigen Selbst" in sie eingetreten ist, gegenseitig durchdringen (erkennbar an den drei Farben Rot/Weiß/Schwarz in Feuer, Sonne, Mond, Blitz). Kh. 5–7 wenden dies auf den menschlichen Körper an (Nahrung/Wasser/Glut werden zu grobstofflichen und feinstofflichen Bestandteilen bis hin zu Geist, Atem und Rede) und veranschaulichen es experimentell durch die Fastenprobe der "sechzehn Teile" des Menschen. Kh. 8–16 entfalten in neun aufeinanderfolgenden, meist kurzen Lehrabschnitten – Schlaf, Hunger/Durst, Bienenhonig, Flüsse und Ozean, der Lebensbaum, der Banyan-Same, Salzwasser, der blindgeführte Gandhāra-Mann, der Sterbende, die Feuerprobe mit dem erhitzten Beil – je ein neues Gleichnis für dieselbe zentrale Einsicht, die jedes Mal in der berühmten neunfachen Formel gipfelt: "sa ātmā, tat tvam asi, śvetaketo" – "das ist das Selbst, das bist du, Śvetaketu" (Mahāvākya). Einzelne Stellen – die Verszählung in Kh. 6 (Sprung von 6.6.4 zu 6.6.6 in der vorliegenden Textausgabe), die etymologischen Wortspiele in Kh. 8 (svapiti/aśanāyā) und ein unsicheres Verb im Gandhāra-Gleichnis Kh. 14 – sind mit [?]/[Anm.] gekennzeichnet.
śvetaketur ha āruṇeya āsa, taṃ ha pitovāca, śvetaketo vasa brahmacaryaṃ, na vai somya asmatkulīno 'nanūcya brahmabandhur iva bhavatīti (6.1.1). sa ha dvādaśavarṣa upetya caturviṃśatir varṣaḥ sarvān vedān adhītya mahāmanā anūcānamānī stabdha eyāya, taṃ ha pitovāca (6.1.2). śvetaketo yannu somya idaṃ mahāmanyamāno 'nūcānamānī stabdho 'si, uta tam ādeśam aprākṣyaḥ yenāśrutaṃ śrutaṃ bhavati, amataṃ mataṃ, avijñātaṃ vijñātam iti, kathaṃ nu bhagavaḥ sa ādeśo bhavatīti (6.1.3). yathā somyaikena mṛtpiṇḍena sarvaṃ mṛnmayaṃ vijñātaṃ syād, vācārambhaṇaṃ vikāro nāmadheyam, mṛttikety eva satyam (6.1.4). yathā somyaikena lohamaṇinā sarvaṃ lohamayaṃ vijñātaṃ syād, vācārambhaṇaṃ vikāro nāmadheyam, lohamity eva satyam (6.1.5). yathā somyaikena nakhanikṛntanena sarvaṃ kārṣṇāyasaṃ vijñātaṃ syād, vācārambhaṇaṃ vikāro nāmadheyam, kṛṣṇāyasam ity eva satyam, evaṃ somya sa ādeśo bhavatīti (6.1.6). na vai nūnaṃ bhagavantas ta etad avediṣur, yad hy etad avediṣyan, kathaṃ me nāvakṣyann iti, sa bhagavāṃs tv eva me tad bravītv iti, tatheti hovāca (6.1.7).
Śvetaketu war der Sohn des Āruṇi. Zu ihm sprach der Vater: 'Śvetaketu, lebe als Vedaschüler (Brahmacārin); denn wahrlich, mein Lieber, niemand aus unserer Familie wird, ohne studiert zu haben, gleichsam nur dem Namen nach ein Brahmane.' (1) Er nun ging mit zwölf Jahren [zu seinem Lehrer], und mit vierundzwanzig Jahren, nachdem er alle Veden studiert hatte, kehrte er zurück – stolzgesinnt, sich für einen Kenner haltend, hochmütig. Zu ihm sprach der Vater: (2) 'Śvetaketu, weil du nun, mein Lieber, so hochmütig, dich für einen Kenner haltend, so stolz bist – hast du wohl auch nach jener Unterweisung gefragt, durch die man das Ungehörte gehört, das Ungedachte gedacht, das Unerkannte erkannt macht?' 'Wie, ehrwürdiger Herr, kann eine solche Unterweisung sein?' (3) 'Wie, mein Lieber, durch einen einzigen Klumpen Ton alles aus Ton Bestehende erkannt wäre – die Umwandlung ist nur ein sprachlich begründeter Name, "Ton" allein ist das Wirkliche –' (4) 'wie, mein Lieber, durch ein einziges Kupferschmuckstück alles aus Kupfer Bestehende erkannt wäre – die Umwandlung ist nur ein sprachlich begründeter Name, "Kupfer" allein ist das Wirkliche –' (5) 'wie, mein Lieber, durch eine einzige Nagelschere alles aus schwarzem Eisen Bestehende erkannt wäre – die Umwandlung ist nur ein sprachlich begründeter Name, "schwarzes Eisen" allein ist das Wirkliche – so, mein Lieber, ist jene Unterweisung.' (6) 'Wahrlich, jene ehrwürdigen Lehrer haben dies gewiss nicht gewusst; denn hätten sie es gewusst, wie hätten sie es mir nicht gesagt? So möge denn der ehrwürdige Herr selbst es mir sagen.' 'So sei es, mein Lieber', sprach er. (7)
Wort für Wort
śvetaketur ha āruṇeya āsa
Śvetaketu war der Sohn des Āruṇi
vasa brahmacaryam
lebe als Vedaschüler
ananūcya brahmabandhur iva bhavati
ohne studiert zu haben wird man nur dem Namen nach ein Brahmane
mahāmanā anūcānamānī stabdha eyāya
stolzgesinnt, sich für einen Kenner haltend, hochmütig kehrte er zurück
yenāśrutaṃ śrutaṃ bhavati
wodurch das Ungehörte gehört wird
amataṃ mataṃ avijñātaṃ vijñātam
das Ungedachte gedacht, das Unerkannte erkannt
ekena mṛtpiṇḍena sarvaṃ mṛnmayaṃ vijñātaṃ syāt
durch einen Klumpen Ton wäre alles aus Ton Bestehende erkannt
vācārambhaṇaṃ vikāro nāmadheyam
die Umwandlung ist nur ein sprachlich begründeter Name
mṛttikety eva satyam
'Ton' allein ist das Wirkliche
lohamaṇinā sarvaṃ lohamayaṃ vijñātaṃ syāt
durch ein Kupferstück wäre alles aus Kupfer Bestehende erkannt
nakhanikṛntanena sarvaṃ kārṣṇāyasaṃ vijñātaṃ syāt
durch eine Nagelschere wäre alles aus schwarzem Eisen Bestehende erkannt
sad eva somya idam agra āsīd ekam evādvitīyam, tad dhaika āhur, asad evedam agra āsīd ekam evādvitīyaṃ, tasmād asataḥ saj jāyata (6.2.1). kutas tu khalu somya evaṃ syād iti hovāca, kathaṃ asataḥ saj jāyeteti, sat tv eva somya idam agra āsīd ekam evādvitīyam (6.2.2). tad aikṣata bahu syāṃ prajāyeyeti, tat tejo 'sṛjata, tat teja aikṣata bahu syāṃ prajāyeyeti, tad apo 'sṛjata, tasmād yatra kva ca śocati svedate vā puruṣas, tejasa eva tad adhy āpo jāyante (6.2.3). tā āpa aikṣanta bahvyaḥ syāma prajāyemahīti, tā annam asṛjanta, tasmād yatra kva ca varṣati, tad eva bhūyiṣṭham annaṃ bhavati, adbhya eva tad adhy annādyaṃ jāyate (6.2.4).
Sein (Sat) allein, mein Lieber, war dies im Anfang, nur eines, ohne ein Zweites. Manche freilich sagen: Nichtsein (Asat) allein war dies im Anfang, nur eines, ohne ein Zweites; aus jenem Nichtsein sei das Sein geboren worden. (1) 'Aber wie, mein Lieber, könnte dies so sein?', sprach er. 'Wie könnte aus dem Nichtsein das Sein geboren werden? Nein, das Sein allein, mein Lieber, war dies im Anfang, nur eines, ohne ein Zweites.' (2) Es dachte: 'Möge ich viele werden, möge ich mich fortpflanzen.' Es entließ die Glut (Feuer, tejas) aus sich. Jene Glut dachte: 'Möge ich viele werden, möge ich mich fortpflanzen.' Sie entließ das Wasser aus sich. Deshalb entsteht, wo immer ein Mensch sich erhitzt oder schwitzt, gerade daraus, aus der Glut, Wasser. (3) Jene Wasser dachten: 'Mögen wir viele werden, mögen wir uns fortpflanzen.' Sie entließen die Nahrung (die Erde) aus sich. Deshalb entsteht, wo immer und wann immer es regnet, gerade dann am meisten Nahrung; aus dem Wasser eben entsteht die zu essende Speise. (4)
Wort für Wort
sad eva somya idam agra āsīt
Sein allein, mein Lieber, war dies im Anfang
ekam evādvitīyam
nur eines, ohne ein Zweites
asad evedam agra āsīt
Nichtsein allein war dies im Anfang
tasmād asataḥ saj jāyata
aus jenem Nichtsein sei das Sein geboren worden
kathaṃ asataḥ saj jāyeta
wie könnte aus dem Nichtsein das Sein geboren werden
tad aikṣata bahu syāṃ prajāyeya
es dachte: möge ich viele werden, mich fortpflanzen
tat tejo 'sṛjata
es entließ die Glut aus sich
tat apo 'sṛjata
sie entließ das Wasser aus sich
yatra kva ca śocati svedate vā puruṣaḥ
wo immer ein Mensch sich erhitzt oder schwitzt
tejasa eva tad adhy āpo jāyante
gerade aus der Glut entsteht Wasser
tā annam asṛjanta
sie entließen die Nahrung aus sich
yatra kva ca varṣati tad eva bhūyiṣṭham annaṃ bhavati
wo und wann es regnet, entsteht am meisten Nahrung
[Anm.: Dies ist die berühmte Eröffnung der Sad-Vidyā ("Lehre vom Sein"), einer der wirkungsgeschichtlich bedeutendsten Passagen der gesamten Upaniṣad-Literatur. Sie widerlegt ausdrücklich eine ältere kosmogonische Lehrmeinung, wonach das Sein aus dem Nichtsein entstanden sei (vgl. RV 10.72.2-3, Taittirīya-Upaniṣad 2.7), und setzt an ihre Stelle ein einziges, ungeteiltes Sein als Urgrund, aus dem sich Glut/Feuer, Wasser und Nahrung/Erde in einer Schöpfungskette durch bloßes 'Denken' (aikṣata) entfalten - nicht durch Zeugung oder Materialursache im gewöhnlichen Sinn.]
Von diesen Wesen nun gibt es nur drei Arten des Ursprungs: das aus dem Ei Geborene, das lebendig [aus dem Mutterleib] Geborene und das aus dem Keim Gesprossene. (1) Jene Gottheit [das Sein] dachte: 'Wohlan, ich will in diese drei Gottheiten [Glut, Wasser, Nahrung] mit diesem lebendigen Selbst (Jīva-Ātman) eintreten und Namen und Form entfalten.' (2) 'Ich will jede einzelne dieser drei dreifach machen.' Jene Gottheit trat mit ebendiesem lebendigen Selbst in diese drei Gottheiten ein und entfaltete Namen und Form. (3) Sie machte jede einzelne dieser drei dreifach. Wie aber nun, mein Lieber, jede dieser drei Gottheiten, sobald sie im Menschen ankommt, jede für sich dreifach wird – das lerne von mir. (4)
Wort für Wort
trīṇy eva bījāni bhavanty āṇḍajaṃ jīvajam udbhijjam
es gibt nur drei Arten des Ursprungs: Ei-geboren, lebendig-geboren, Keim-gesprossen
seyaṃ devataikṣata
jene Gottheit dachte
imās tisro devatā anena jīvenātmanānupraviśya
in diese drei Gottheiten mit diesem lebendigen Selbst eintretend
yad agne rohitaṃ rūpaṃ tejasas tad rūpaṃ, yac chuklaṃ tad apāṃ, yat kṛṣṇaṃ tad annasya, apāgād agner agnitvaṃ, vācārambhaṇaṃ vikāro nāmadheyaṃ, trīṇi rūpāṇīty eva satyam (6.4.1). yad ādityasya rohitaṃ rūpaṃ tejasas tad rūpaṃ, yac chuklaṃ tad apāṃ, yat kṛṣṇaṃ tad annasya, apāgād ādityād ādityatvaṃ, vācārambhaṇaṃ vikāro nāmadheyaṃ, trīṇi rūpāṇīty eva satyam (6.4.2). yac chandramaso rohitaṃ rūpaṃ tejasas tad rūpaṃ, yac chuklaṃ tad apāṃ, yat kṛṣṇaṃ tad annasya, apāgāc candrāc candratvaṃ, vācārambhaṇaṃ vikāro nāmadheyaṃ, trīṇi rūpāṇīty eva satyam (6.4.3). yad vidyuto rohitaṃ rūpaṃ tejasas tad rūpaṃ, yac chuklaṃ tad apāṃ, yat kṛṣṇaṃ tad annasya, apāgād vidyuto vidyuttvaṃ, vācārambhaṇaṃ vikāro nāmadheyaṃ, trīṇi rūpāṇīty eva satyam (6.4.4). etad dha sma vai tad vidvāṃsa āhuḥ pūrve mahāśālā mahāśrotriyāḥ, na no 'dya kaścana aśrutam amatam avijñātam udāhariṣyatīti, hy ebhyo vidāṃ cakruḥ (6.4.5). yad u rohitam ivābhūd iti tejasas tad rūpam iti tad vidāṃ cakrur, yac chuklam ivābhūd ity apāṃ rūpam iti tad vidāṃ cakrur, yat kṛṣṇam ivābhūd ity annasya rūpam iti tad vidāṃ cakruḥ (6.4.6). yad avijñātam ivābhūd ity etāsām eva devatānāṃ samāsa iti tad vidāṃ cakrur, yathā tu khalu somyemās tisro devatāḥ puruṣaṃ prāpya trivṛt trivṛd ekaikā bhavati, tan me vijānīhīti (6.4.7).
Welche rote Farbe des Feuers ist, das ist die Farbe der Glut; welche weiße, das ist die des Wassers; welche schwarze, das ist die der Nahrung. So ist dem Feuer sein 'Feuer-Sein' entschwunden – die Umwandlung ist nur ein sprachlich begründeter Name, allein die drei Farben sind das Wirkliche. (1) Welche rote Farbe der Sonne ist, das ist die Farbe der Glut ...; so ist der Sonne ihr 'Sonne-Sein' entschwunden – allein die drei Farben sind das Wirkliche. (2) Welche rote Farbe des Mondes ist ...; so ist dem Mond sein 'Mond-Sein' entschwunden – allein die drei Farben sind das Wirkliche. (3) Welche rote Farbe des Blitzes ist ...; so ist dem Blitz sein 'Blitz-Sein' entschwunden – allein die drei Farben sind das Wirkliche. (4) Dies eben wussten und sagten die alten großen Hausväter und großen Vedakenner: 'Uns wird heute niemand mehr etwas Ungehörtes, Ungedachtes, Unerkanntes vorbringen können' – denn sie wussten es eben aus diesen drei Farben heraus. (5) Was ihnen als rötlich erschien, das erkannten sie als Form der Glut; was als weißlich erschien, das erkannten sie als Form des Wassers; was als schwärzlich erschien, das erkannten sie als Form der Nahrung. (6) Was ihnen als unerkennbar erschien, das erkannten sie eben als Verbindung genau dieser Gottheiten untereinander. Wie aber nun, mein Lieber, jede dieser drei Gottheiten, sobald sie im Menschen ankommt, jede für sich dreifach wird – das lerne von mir. (7)
Wort für Wort
yad agne rohitaṃ rūpaṃ tejasas tad rūpam
welche rote Farbe des Feuers ist, das ist die Farbe der Glut
yac chuklaṃ tad apām
welche weiße, das ist die des Wassers
yat kṛṣṇaṃ tad annasya
welche schwarze, das ist die der Nahrung
apāgād agner agnitvam
dem Feuer ist sein 'Feuer-Sein' entschwunden
trīṇi rūpāṇīty eva satyam
allein die drei Farben sind das Wirkliche
etad dha sma vai tad vidvāṃsa āhuḥ pūrve mahāśālā mahāśrotriyāḥ
dies wussten die alten großen Hausväter und Vedakenner
na no 'dya kaścana aśrutam amatam avijñātam udāhariṣyati
uns wird heute niemand Ungehörtes, Ungedachtes, Unerkanntes vorbringen können
yad rohitam ivābhūt tejasas tad rūpam
was rötlich erschien, das war die Form der Glut
yad avijñātam ivābhūd etāsām eva devatānāṃ samāsaḥ
was unerkennbar erschien, war die Verbindung dieser Gottheiten
[Anm.: Die vier parallelen Verse (Feuer, Sonne, Mond, Blitz) zeigen exemplarisch das methodische Grundprinzip dieses Kapitels: jede scheinbare Verschiedenheit der Erscheinungen wird auf die drei Grundfarben/-elemente Glut, Wasser, Nahrung zurückgeführt, die ihrerseits nur 'sprachlich begründete Namen' (vācārambhaṇaṃ vikāro nāmadheyam) für Abwandlungen des einen Seins sind.]
annam aśitaṃ tredhā vidhīyate, tasya yaḥ sthaviṣṭho dhātus tat purīṣaṃ bhavati, yo madhyamas tan māṃsaṃ, yo 'ṇiṣṭhas tan manaḥ (6.5.1). āpaḥ pītāḥ tredhā vidhīyante, tāsāṃ yaḥ sthaviṣṭho dhātus tan mūtraṃ bhavati, yo madhyamas tal lohitaṃ, yo 'ṇiṣṭhaḥ sa prāṇaḥ (6.5.2). tejo 'śitaṃ tredhā vidhīyate, tasya yaḥ sthaviṣṭho dhātus tad asthi bhavati, yo madhyamaḥ sa majjā, yo 'ṇiṣṭhaḥ sā vāk (6.5.3). annamayaṃ hi somya mana, āpomayaḥ prāṇas, tejomayī vāg iti, bhūya eva mā bhagavān vijñāpayatv iti, tathā somyeti hovāca (6.5.4).
Gegessene Nahrung wird dreifach verteilt: ihr gröbster Bestandteil wird zu Kot, ihr mittlerer wird zu Fleisch, ihr feinster wird zu Geist (Manas). (1) Getrunkenes Wasser wird dreifach verteilt: sein gröbster Bestandteil wird zu Urin, sein mittlerer wird zu Blut, sein feinster wird zu Atem (Prāṇa). (2) Verzehrte Glut [Fett, Öl] wird dreifach verteilt: ihr gröbster Bestandteil wird zu Knochen, ihr mittlerer wird zu Mark, ihr feinster wird zu Rede (Vāc). (3) 'Denn aus Nahrung besteht, mein Lieber, der Geist; aus Wasser besteht der Atem; aus Glut besteht die Rede.' – 'Der ehrwürdige Herr möge mich weiter belehren.' – 'So sei es, mein Lieber', sprach er. (4)
Wort für Wort
annam aśitaṃ tredhā vidhīyate
gegessene Nahrung wird dreifach verteilt
yaḥ sthaviṣṭho dhātus tat purīṣaṃ bhavati
der gröbste Bestandteil wird zu Kot
yo madhyamas tan māṃsam
der mittlere wird zu Fleisch
yo 'ṇiṣṭhas tan manaḥ
der feinste wird zu Geist
āpaḥ pītāḥ tredhā vidhīyante ... tan mūtraṃ ... tal lohitaṃ ... sa prāṇaḥ
getrunkenes Wasser dreifach verteilt: Urin, Blut, Atem
tejo 'śitaṃ tredhā vidhīyate ... tad asthi ... sa majjā ... sā vāk
dadhnaḥ somya mathyamānasya yo 'ṇimā sa ūrdhvaḥ samudīṣati tat sarpir bhavati (6.6.1). evam eva khalu somyāśyamānasyānnasya yo 'ṇimā sa ūrdhvaḥ samudīṣati tan mano bhavati (6.6.2). apāṃ somya pīyamānānāṃ yo 'ṇimā sa ūrdhvaḥ samudīṣati sā prāṇo bhavati (6.6.3). tejasaḥ somyāśyamānasya yo 'ṇimā sa ūrdhvaḥ samudīṣati sā vāg bhavati (6.6.4). annamayaṃ hi somya mana āpomayaḥ prāṇas tejomayī vāg iti, bhūya eva mā bhagavān vijñāpayatv iti, tathā somyeti hovāca (6.6.6).
Von gebutterter Dickmilch (Dadhi), mein Lieber, die gequirlt wird, steigt der feine Bestandteil nach oben empor – das wird zu Butterschmalz (Sarpis). (1) Ebenso, mein Lieber, steigt von gegessener Nahrung der feine Bestandteil nach oben empor – das wird zu Geist. (2) Von getrunkenem Wasser, mein Lieber, steigt der feine Bestandteil nach oben empor – das wird zu Atem. (3) Von verzehrter Glut, mein Lieber, steigt der feine Bestandteil nach oben empor – das wird zu Rede. (4) 'Denn aus Nahrung besteht, mein Lieber, der Geist; aus Wasser besteht der Atem; aus Glut besteht die Rede.' – 'Der ehrwürdige Herr möge mich weiter belehren.' – 'So sei es, mein Lieber', sprach er. (6)
Wort für Wort
dadhnaḥ mathyamānasya yo 'ṇimā sa ūrdhvaḥ samudīṣati
von gequirlter Dickmilch steigt der feine Bestandteil nach oben
tat sarpir bhavati
das wird zu Butterschmalz
aśyamānasyānnasya yo 'ṇimā ... tan mano bhavati
von gegessener Nahrung ... das wird zu Geist
apāṃ pīyamānānāṃ yo 'ṇimā ... sā prāṇo bhavati
von getrunkenem Wasser ... das wird zu Atem
tejasaḥ aśyamānasya yo 'ṇimā ... sā vāg bhavati
von verzehrter Glut ... das wird zu Rede
[Anm.: Die Verszählung springt in der vorliegenden Textausgabe von 6.6.4 auf 6.6.6 (ein Vers 6.6.5 fehlt); dies ist vermutlich eine Eigenheit dieser Textrezension, evtl. bedingt durch Auslassung eines mit Vers 4 nahezu identischen Verses. Die Bedeutung des Abschnitts bleibt davon unberührt: er variiert das Butterschmalz-Bild aus Kh. 6.1 (Aufsteigen des feinsten Teils) als Analogie zur Entstehung von Geist, Atem und Rede aus Nahrung, Wasser und Glut, wie bereits in Kh. 5 gelehrt.]
ṣoḍaśakalaḥ somya puruṣaḥ, pañcadaśāhāni mā aśīḥ, kāmam āpaḥ piba, āpomayaḥ prāṇo na pibato vicchetsyata iti (6.7.1). sa ha pañcadaśāhāni nāśa, atha hainam upasasāda, kiṃ bravīmi bho ity, ṛcaḥ somya yajūṃṣi sāmānīti, sa hovāca, na vai mā pratibhānti bho iti (6.7.2). taṃ hovāca, yathā somya mahato 'bhyāhitasyaiko 'ṅgāraḥ khadyotamātraḥ pariśiṣṭaḥ syāt, tena tato 'pi na bahu dahed, evaṃ somya te ṣoḍaśānāṃ kalānām ekā kalātiśiṣṭā syāt, tayā etarhi vedān anubhavasi, na atha me vijñāsyasīti (6.7.3). sa hāśa, atha hainam upasasāda, taṃ ha yat kiṃca papraccha sarvaṃ ha pratipede (6.7.4). taṃ hovāca, yathā somya mahato 'bhyāhitasyaikam aṅgāraṃ khadyotamātraṃ pariśiṣṭaṃ, taṃ tṛṇair upasamādhāya prājvālayet, tena tato 'pi bahu dahet (6.7.5). evaṃ somya te ṣoḍaśānāṃ kalānām ekā kalātiśiṣṭābhūt, sā annena upasamāhitā prājvālī, tayā etarhi vedān anubhavasi, annamayaṃ hi somya mana āpomayaḥ prāṇas tejomayī vāg iti, tad dhāsya vijajñāv iti vijajñāv iti (6.7.6).
'Aus sechzehn Teilen besteht der Mensch, mein Lieber. Fünfzehn Tage lang sollst du nichts essen; Wasser magst du nach Belieben trinken – denn der Atem besteht aus Wasser, er wird bei dem, der trinkt, nicht abreißen.' (1) Er fastete nun fünfzehn Tage lang; dann trat er zu ihm. 'Was soll ich [dir] vortragen, Herr?' 'Die Ṛc-, Yajus- und Sāman-Verse, mein Lieber.' Er sprach: 'Sie fallen mir wahrlich nicht ein, Herr.' (2) Zu ihm sprach er: 'Wie, mein Lieber, von einer großen entfachten Glut eine einzige Kohle, glühwurmgroß, übrig geblieben wäre, mit der man danach nicht mehr viel verbrennen könnte – ebenso, mein Lieber, wäre von deinen sechzehn Teilen nur ein einziger Teil übrig geblieben; mit diesem allein erfasst du jetzt die Veden nicht mehr. Iss nun, dann wirst du mich verstehen.' (3) Er aß nun; dann trat er zu ihm. Was immer er ihn auch fragte, alles wusste er nun zu beantworten. (4) Zu ihm sprach er: 'Wie, mein Lieber, wenn man von einer großen entfachten Glut die einzige, glühwurmgroße, übrig gebliebene Kohle mit Gras umgäbe und zum Aufflammen brächte, man damit danach wieder viel verbrennen könnte –' (5) 'ebenso, mein Lieber, war von deinen sechzehn Teilen nur ein einziger Teil übrig geblieben; dieser wurde durch Nahrung gestärkt und flammte auf; mit ihm erfasst du jetzt wieder die Veden. Denn aus Nahrung besteht, mein Lieber, der Geist; aus Wasser besteht der Atem; aus Glut besteht die Rede.' Das verstand er nun von ihm, das verstand er. (6)
Wort für Wort
ṣoḍaśakalaḥ somya puruṣaḥ
aus sechzehn Teilen besteht der Mensch
pañcadaśāhāni mā aśīḥ
fünfzehn Tage sollst du nichts essen
āpomayaḥ prāṇo na pibato vicchetsyate
der Atem besteht aus Wasser, reißt bei dem Trinkenden nicht ab
na vai mā pratibhānti
sie fallen mir nicht ein
ekaḥ 'ṅgāraḥ khadyotamātraḥ pariśiṣṭaḥ syāt
eine glühwurmgroße Kohle wäre übrig geblieben
ekā kalātiśiṣṭā syāt
ein einziger Teil wäre übrig geblieben
yat kiṃca papraccha sarvaṃ ha pratipede
was er auch fragte, alles wusste er zu beantworten
tṛṇair upasamādhāya prājvālayet
mit Gras umgäbe und zum Aufflammen brächte
sā annena upasamāhitā prājvālī
dieser wurde durch Nahrung gestärkt und flammte auf
tad dhāsya vijajñau
das verstand er nun von ihm
[Anm.: Die Lehre von den 'sechzehn Teilen' des Menschen (ṣoḍaśakalaḥ puruṣaḥ) demonstriert praktisch-experimentell, was zuvor theoretisch gelehrt wurde: da der Geist (und damit das Erinnerungsvermögen für die Veden) aus Nahrung besteht, lässt völliges Fasten - bei erlaubtem Wassertrinken, da der Atem aus Wasser besteht und so am Leben erhält - das Wissen buchstäblich verlöschen, bis erneutes Essen es wieder aufflammen lässt.]
uddālako ha āruṇiḥ śvetaketuṃ putram uvāca, svapnāntaṃ me somya vijānīhīti, yatraitat puruṣaḥ svapiti nāma, sata somya tadā sampanno bhavati, svam apīto bhavati, tasmād enaṃ svapitīty ācakṣate, svaṃ hy apīto bhavati (6.8.1). sa yathā śakuniḥ sūtreṇa prabaddho diśaṃ diśaṃ patitvānyatrāyatanam alabdhvā bandhanam evopaśrayata, evam eva khalu somya tan mano diśaṃ diśaṃ patitvānyatrāyatanam alabdhvā prāṇam evopaśrayate, prāṇabandhanaṃ hi somya mana iti (6.8.2). aśanāpipāse me somya vijānīhīti, yatraitat puruṣo 'śiśiṣati nāma, āpa eva tad aśitaṃ nayante, tad yathā gonāyo 'śvanāyaḥ puruṣanāya ity evaṃ tad apa ācakṣate 'śanāyeti, tatraitac chuṅgam utpatitaṃ somya vijānīhi, nedam amūlaṃ bhaviṣyatīti (6.8.3). tasya kva mūlaṃ syād anyatrānnād, evaṃ khalv asya annena śuṅgena āpo mūlam anviccha, adbhiḥ somya śuṅgena tejo mūlam anviccha, tejasā somya śuṅgena sanmūlam anviccha, sanmūlāḥ somyemāḥ sarvāḥ prajāḥ sadāyatanāḥ satpratiṣṭhāḥ (6.8.4). atha yatraitat puruṣaḥ pipāsati nāma, teja eva tat pītaṃ nayate, tad yathā gonāyo 'śvanāyaḥ puruṣanāya ity evaṃ tad apa ācaṣṭa udanyeti, tatraitad eva śuṅgam utpatitaṃ somya vijānīhi, nedam amūlaṃ bhaviṣyatīti (6.8.5). tasya kva mūlaṃ syād anyatrādbhyaḥ, adbhiḥ somya śuṅgena tejo mūlam anviccha, tejasā somya śuṅgena sanmūlam anviccha, sanmūlāḥ somyemāḥ sarvāḥ prajāḥ sadāyatanāḥ satpratiṣṭhāḥ, yathā tu khalu somyemāstisro devatāḥ puruṣaṃ prāpya trivṛt trivṛd ekaikā bhavati, tad uktaṃ purastād eva bhavati, tasya somya puruṣasya prayato vāṅ manasi sampadyate, manaḥ prāṇe, prāṇas tejasi, tejaḥ parasyāṃ devatāyām (6.8.6). sa ya eṣo 'ṇimaitadātmyam idaṃ sarvaṃ, tat satyaṃ, sa ātmā, tat tvam asi śvetaketo iti, bhūya eva mā bhagavān vijñāpayatv iti, tathā somyeti hovāca (6.8.7).
Uddālaka Āruṇi sprach zu seinem Sohn Śvetaketu: 'Lerne von mir, mein Lieber, das Wesen des Schlafes. Wenn hier ein Mensch das nennt "er schläft" (svapiti), so ist er dann, mein Lieber, mit dem Sein vereint geworden; er ist zu seinem Eigenen gegangen (svam apīta). Deshalb sagt man von ihm "er schläft", denn er ist zu seinem Eigenen gegangen [Wortspiel: sva + apīta = svapiti].' (1) Wie ein Vogel, an einem Faden gebunden, in alle Richtungen fliegt und, da er anderswo keinen Ruheplatz findet, sich schließlich an den Ort seiner Fesselung zurückzieht – ebenso, mein Lieber, zieht sich der Geist, der in alle Richtungen geflogen ist und anderswo keinen Ruheplatz gefunden hat, in den Atem zurück. Denn der Geist, mein Lieber, ist an den Atem gebunden. (2) 'Lerne von mir, mein Lieber, das Wesen von Hunger und Durst. Wenn hier ein Mensch "er hungert" genannt wird, so ist es das Wasser, das das Gegessene fortführt. Wie man da spricht von einem "Kuhführer", einem "Pferdeführer", einem "Menschenführer" – ebenso nennt man dieses Wasser "Speiseführer" [aśanāyā = Hunger]. Erkenne hierin, mein Lieber, diesen Körper als einen aufgesprossenen Trieb; er kann nicht ohne Wurzel sein.' (3) 'Und wo anders sollte seine Wurzel sein als in der Nahrung? Und ebenso, mein Lieber, suche mit der Nahrung als Trieb die Wurzel im Wasser; mit dem Wasser als Trieb, mein Lieber, suche die Wurzel in der Glut; mit der Glut als Trieb, mein Lieber, suche die Wurzel im Sein. Im Sein wurzeln, mein Lieber, alle diese Geschöpfe, im Sein haben sie ihre Wohnstatt, im Sein ihren Grund.' (4) 'Wenn nun hier ein Mensch "er dürstet" genannt wird, so ist es die Glut, die das Getrunkene fortführt. Ebenso nennt man diese Glut "Wasserführerin" [udanyā = Durst]. Erkenne auch hierin, mein Lieber, diesen aufgesprossenen Trieb; er kann nicht ohne Wurzel sein.' (5) 'Und wo anders sollte ihre Wurzel sein als im Wasser? ... Im Sein wurzeln, mein Lieber, alle diese Geschöpfe, im Sein haben sie ihre Wohnstatt, im Sein ihren Grund. Wie aber nun, mein Lieber, jede dieser drei Gottheiten, sobald sie im Menschen ankommt, jede für sich dreifach wird, das ist bereits zuvor gesagt worden. Wenn dieser Mensch von hinnen scheidet, mein Lieber, geht seine Rede auf in den Geist, der Geist in den Atem, der Atem in die Glut, die Glut in die höchste Gottheit.' (6) 'Das, was diese feinste Substanz ist – dessen Wesen hat diese ganze Welt zu ihrem Selbst. Das ist das Wirkliche (Satya). Das ist das Selbst (Ātman). Das bist du (tat tvam asi), Śvetaketu!' – 'Der ehrwürdige Herr möge mich weiter belehren.' – 'So sei es, mein Lieber', sprach er. (7)
Wort für Wort
svapnāntaṃ me somya vijānīhi
lerne von mir das Wesen des Schlafes
sata sampanno bhavati
er ist mit dem Sein vereint
svam apīto bhavati
er ist zu seinem Eigenen gegangen
śakuniḥ sūtreṇa prabaddhaḥ
ein Vogel, an einem Faden gebunden
anyatrāyatanam alabdhvā bandhanam evopaśrayate
keinen Ruheplatz findend, zieht er sich zum Ort der Fesselung zurück
prāṇabandhanaṃ hi somya manaḥ
der Geist ist an den Atem gebunden
aśanāpipāse me vijānīhi
lerne von mir Hunger und Durst
āpa eva tad aśitaṃ nayante
es ist das Wasser, das das Gegessene fortführt
tad apa ācakṣate 'śanāyā
man nennt dieses Wasser 'Speiseführer'
etac chuṅgam utpatitaṃ, nedam amūlaṃ bhaviṣyati
dies ist ein aufgesprossener Trieb, er kann nicht ohne Wurzel sein
annena śuṅgena āpo mūlam anviccha
mit der Nahrung als Trieb suche die Wurzel im Wasser
tejasā śuṅgena sanmūlam anviccha
mit der Glut als Trieb suche die Wurzel im Sein
sanmūlāḥ sarvāḥ prajāḥ sadāyatanāḥ satpratiṣṭhāḥ
im Sein wurzeln alle Geschöpfe, im Sein ihre Wohnstatt und ihr Grund
der Geist im Atem, der Atem in der Glut, die Glut in der höchsten Gottheit
sa ya eṣo 'ṇimā etadātmyam idaṃ sarvam
das, was diese feinste Substanz ist, dessen Wesen hat diese ganze Welt
tat satyaṃ sa ātmā tat tvam asi śvetaketo
das ist das Wirkliche, das ist das Selbst, das bist du, Śvetaketu
[Anm.: Hier erscheint zum ersten Mal die neunfach wiederholte Formel "tat tvam asi" ("das bist du"), die berühmteste Identitätsaussage der gesamten Upaniṣad-Literatur (Mahāvākya). Der Abschnitt enthält zudem zwei etymologische Wortspiele, die im Deutschen nicht direkt nachbildbar sind: "svapiti" (er schläft) wird auf "sva + apīta" (zu seinem Eigenen gegangen) zurückgeführt, und "aśanāyā"/"udanyā" (Hunger/Durst) werden als "Speiseführer"/"Wasserführer" gedeutet, analog zu "gonāya" (Kuhführer). Diese Volksetymologien sind fester Bestandteil der brahmanischen Lehrmethode und philosophisch, nicht nur sprachlich, gemeint.]
yathā somya madhu madhukṛto nistiṣṭhanti nānātyayānāṃ vṛkṣāṇāṃ rasān samavahāram ekatāṃ rasaṃ gamayanti (6.9.1). te yathā tatra na vivekaṃ labhante 'muṣyāhaṃ vṛkṣasya raso 'smi amuṣyāhaṃ vṛkṣasya raso 'smīty, evam eva khalu somyemāḥ sarvāḥ prajāḥ sati sampadya na viduḥ sati sampadyāmaha iti (6.9.2). ta iha vyāghro vā siṃho vā vṛko vā varāho vā kīṭo vā pataṅgo vā daṃśo vā maśako vā yad yad bhavanti tad ābhavanti (6.9.3). sa ya eṣo 'ṇimaitadātmyam idaṃ sarvaṃ, tat satyaṃ, sa ātmā, tat tvam asi śvetaketo iti, bhūya eva mā bhagavān vijñāpayatv iti, tathā somyeti hovāca (6.9.4).
Wie, mein Lieber, die Bienen Honig bereiten, indem sie die Säfte verschiedenster, weit entfernter Bäume sammeln und diesen Saft in eine Einheit zusammenführen – (1) wie diese Säfte dort keine Unterscheidung mehr finden können [zu sagen] 'ich bin der Saft jenes Baumes', 'ich bin der Saft jenes Baumes' – ebenso, mein Lieber, wissen alle diese Geschöpfe, wenn sie im Sein aufgegangen sind, nicht: 'wir sind im Sein aufgegangen'. (2) Was auch immer sie hier sind – sei es Tiger, oder Löwe, oder Wolf, oder Eber, oder Wurm, oder Falter, oder Bremse, oder Mücke –, das werden sie immer wieder. (3) 'Das, was diese feinste Substanz ist – dessen Wesen hat diese ganze Welt zu ihrem Selbst. Das ist das Wirkliche. Das ist das Selbst. Das bist du, Śvetaketu!' – 'Der ehrwürdige Herr möge mich weiter belehren.' – 'So sei es, mein Lieber', sprach er. (4)
imāḥ somya nadyaḥ purastāt prācyaḥ syandante, paścād apratīcyaḥ, tāḥ samudrāt samudram evāpiyanti, sa samudra eva bhavati, tā yathā tatra na vidur iyam aham asmi iyam aham asmīti (6.10.1). evam eva khalu somyemāḥ sarvāḥ prajāḥ sata āgamya na viduḥ sata āgacchāmaha iti, ta iha vyāghro vā siṃho vā vṛko vā varāho vā kīṭo vā pataṅgo vā daṃśo vā maśako vā yad yad bhavanti tad ābhavanti (6.10.2). sa ya eṣo 'ṇimaitadātmyam idaṃ sarvaṃ, tat satyaṃ, sa ātmā, tat tvam asi śvetaketo iti, bhūya eva mā bhagavān vijñāpayatv iti, tathā somyeti hovāca (6.10.3).
Diese Flüsse, mein Lieber, fließen die östlichen ostwärts, die westlichen westwärts; sie gehen vom Ozean zum Ozean, sie werden eben zum Ozean selbst. Wie sie dort nicht wissen 'ich bin dieser', 'ich bin jener' – (1) ebenso, mein Lieber, wissen alle diese Geschöpfe, wenn sie vom Sein hergekommen sind, nicht: 'wir sind vom Sein hergekommen'. Was auch immer sie hier sind – sei es Tiger, oder Löwe, oder Wolf, oder Eber, oder Wurm, oder Falter, oder Bremse, oder Mücke –, das werden sie immer wieder. (2) 'Das, was diese feinste Substanz ist – dessen Wesen hat diese ganze Welt zu ihrem Selbst. Das ist das Wirkliche. Das ist das Selbst. Das bist du, Śvetaketu!' – 'Der ehrwürdige Herr möge mich weiter belehren.' – 'So sei es, mein Lieber', sprach er. (3)
Wort für Wort
imāḥ nadyaḥ purastāt prācyaḥ syandante
diese Flüsse fließen die östlichen ostwärts
samudrāt samudram evāpiyanti
sie gehen vom Ozean zum Ozean
sa samudra eva bhavati
sie werden eben zum Ozean selbst
na vidur iyam aham asmi
sie wissen nicht: ich bin dieser
sata āgamya na viduḥ sata āgacchāmahe
vom Sein hergekommen, wissen sie nicht: wir sind vom Sein hergekommen
asya somya mahato vṛkṣasya yo mūle 'bhyāhanyāj jīvan sravet, yo madhye 'bhyāhanyāj jīvan sravet, yo 'gre 'bhyāhanyāj jīvan sravet, sa eṣa jīvenātmanānuprabhūtaḥ pepīyamāno modamānas tiṣṭhati (6.11.1). asya yad ekāṃ śākhāṃ jīvo jahāty, atha sā śuṣyati, dvitīyāṃ jahāty, atha sā śuṣyati, tṛtīyāṃ jahāty, atha sā śuṣyati, sarvaṃ jahāti sarvaḥ śuṣyati (6.11.2). evam eva khalu somya viddhīti hovāca, jīvāpetaṃ vāva kiledaṃ mriyate, na jīvo mriyata iti, sa ya eṣo 'ṇimaitadātmyam idaṃ sarvaṃ, tat satyaṃ, sa ātmā, tat tvam asi śvetaketo iti, bhūya eva mā bhagavān vijñāpayatv iti, tathā somyeti hovāca (6.11.3).
Wenn man diesen großen Baum, mein Lieber, an der Wurzel schlagen würde, würde er lebend bluten; wenn man ihn in der Mitte schlagen würde, würde er lebend bluten; wenn man ihn an der Spitze schlagen würde, würde er lebend bluten. Durchdrungen von dem lebendigen Selbst steht er da, unaufhörlich trinkend, sich freuend. (1) Wenn das Lebendige (Jīva) einen seiner Zweige verlässt, so verdorrt dieser; verlässt es einen zweiten, so verdorrt dieser; verlässt es einen dritten, so verdorrt dieser; verlässt es den ganzen Baum, so verdorrt der ganze. (2) 'Ebenso, mein Lieber, erkenne', sprach er: 'Dieser Körper hier stirbt wahrlich, wenn das Lebendige ihn verlassen hat; das Lebendige selbst stirbt nicht. Das, was diese feinste Substanz ist – dessen Wesen hat diese ganze Welt zu ihrem Selbst. Das ist das Wirkliche. Das ist das Selbst. Das bist du, Śvetaketu!' – 'Der ehrwürdige Herr möge mich weiter belehren.' – 'So sei es, mein Lieber', sprach er. (3)
Wort für Wort
mahato vṛkṣasya yo mūle 'bhyāhanyāt jīvan sravet
würde man diesen großen Baum an der Wurzel schlagen, würde er lebend bluten
nyagrodhaphalam ata āharetīdaṃ bhagava iti, bhinddhīti, bhinnaṃ bhagava iti, kim atra paśyasīty, aṇvya ivemā dhānā bhagava iti, āsām aṅga ekāṃ bhinddhīti, bhinnā bhagava iti, kim atra paśyasīti, na kiṃcana bhagava iti (6.12.1). taṃ hovāca, yaṃ vai somyaitam aṇimānaṃ na nibhālayasa, etasya vai somyaiṣo 'ṇimna evaṃ mahān nyagrodhas tiṣṭhati, śraddhatsva somyeti (6.12.2). sa ya eṣo 'ṇimaitadātmyam idaṃ sarvaṃ, tat satyaṃ, sa ātmā, tat tvam asi śvetaketo iti, bhūya eva mā bhagavān vijñāpayatv iti, tathā somyeti hovāca (6.12.3).
'Bringe mir eine Frucht dieses Banyanbaumes.' 'Hier ist sie, Herr.' 'Zerbrich sie.' 'Sie ist zerbrochen, Herr.' 'Was siehst du darin?' 'Diese winzig kleinen Samenkörner, Herr.' 'Zerbrich davon eines, wohlan.' 'Es ist zerbrochen, Herr.' 'Was siehst du darin?' 'Nichts, gar nichts, Herr.' (1) Zu ihm sprach er: 'Diese feinste Substanz, mein Lieber, die du nicht wahrnimmst – aus eben dieser feinsten Substanz, mein Lieber, besteht dieser große Banyanbaum. Glaube mir, mein Lieber.' (2) 'Das, was diese feinste Substanz ist – dessen Wesen hat diese ganze Welt zu ihrem Selbst. Das ist das Wirkliche. Das ist das Selbst. Das bist du, Śvetaketu!' – 'Der ehrwürdige Herr möge mich weiter belehren.' – 'So sei es, mein Lieber', sprach er. (3)
Wort für Wort
nyagrodhaphalam ata āhara
bringe mir eine Frucht dieses Banyanbaumes
bhinddhi ... bhinnam
zerbrich ... es ist zerbrochen
aṇvya ivemā dhānāḥ
diese winzig kleinen Samenkörner
na kiṃcana
nichts, gar nichts
yam aṇimānaṃ na nibhālayase
diese feinste Substanz, die du nicht wahrnimmst
etasya vai eṣo 'ṇimna evaṃ mahān nyagrodhas tiṣṭhati
aus eben dieser feinsten Substanz besteht dieser große Banyanbaum
śraddhatsva somya
glaube mir, mein Lieber
[Anm.: Das berühmte Feigensamen-Gleichnis (Nyagrodha-Vidyā): die für das Auge nicht mehr wahrnehmbare 'feinste Substanz' im winzigen Samenkorn wird als Ursache des ganzen mächtigen Baumes gedeutet - ein Bild für das unsichtbare, doch alles tragende Sein.]
lavaṇam etad udake 'vadhāya, mā prātar upasīdathā iti, sa ha tathā cakāra, taṃ hovāca, yad oṣa lavaṇam udake 'vādhā, aṅga tad āharā iti, tad dhāvamṛśya na viveda (6.13.1). yathā vilīnam evāṅga, asyāntād ācāmeti, kathaṃ iti, lavaṇam iti, madhyād ācāmeti, kathaṃ iti, lavaṇam iti, antād ācāmeti, kathaṃ iti, lavaṇam iti, abhiprāsya etad, atha ma upasīdathā iti, tad dha tathā cakāra, tac chaśvat saṃvartate, taṃ hovāca, atra vāva kila tat somya na nibhālayase, atraiva kileti (6.13.2). sa ya eṣo 'ṇimaitadātmyam idaṃ sarvaṃ, tat satyaṃ, sa ātmā, tat tvam asi śvetaketo iti, bhūya eva mā bhagavān vijñāpayatv iti, tathā somyeti hovāca (6.13.3).
'Lege dieses Salz ins Wasser, und komme dann morgen früh zu mir.' Er tat so. Zu ihm sprach er: 'Jenes Salz, das du gestern Abend ins Wasser gelegt hast, wohlan, bring es mir.' Er suchte danach und fand es nicht, denn es hatte sich völlig aufgelöst. (1) 'Nun koste bitte an diesem Rand.' 'Wie ist es?' 'Salzig.' 'Koste in der Mitte.' 'Wie ist es?' 'Salzig.' 'Koste an jenem Rand.' 'Wie ist es?' 'Salzig.' 'Verwirf es und komme zu mir.' Er tat so und sagte: 'Es ist immer dasselbe.' Zu ihm sprach er: 'Wahrlich, du nimmst das Sein hier nicht wahr, mein Lieber, doch wahrlich, es ist eben hier.' (2) 'Das, was diese feinste Substanz ist – dessen Wesen hat diese ganze Welt zu ihrem Selbst. Das ist das Wirkliche. Das ist das Selbst. Das bist du, Śvetaketu!' – 'Der ehrwürdige Herr möge mich weiter belehren.' – 'So sei es, mein Lieber', sprach er. (3)
Wort für Wort
lavaṇam etad udake 'vadhāya
lege dieses Salz ins Wasser
tad āvamṛśya na viveda
er suchte danach und fand es nicht
antād ācāma
koste an diesem Rand
kathaṃ ... lavaṇam
wie ist es ... salzig
tac chaśvat saṃvartate
es ist immer dasselbe
atra vāva kila tat somya na nibhālayase
wahrlich, du nimmst es hier nicht wahr, mein Lieber
yathā somya puruṣaṃ gandhārebhyo 'bhinaddhākṣam ānīya, taṃ tato 'tijane visṛjet, sa yathā tatra prāṅ vodaṅ vā adaṅ vā pratyaṅ vā pradhmāyītābhinaddhākṣa ānīto 'bhinaddhākṣo visṛṣṭaḥ (6.14.1). tasya yathābhinahanaṃ pramucya pra brūyād, etāṃ diśaṃ gandhārā etāṃ diśaṃ vrajeti, sa grāmād grāmaṃ pṛcchan paṇḍito medhāvī gandhārān evopasampadyeta, evam eveha ācāryavān puruṣo veda, tasya tāvad eva ciraṃ yāvan na vimokṣye 'tha sampatsya iti (6.14.2). sa ya eṣo 'ṇimaitadātmyam idaṃ sarvaṃ, tat satyaṃ, sa ātmā, tat tvam asi śvetaketo iti, bhūya eva mā bhagavān vijñāpayatv iti, tathā somyeti hovāca (6.14.3).
Wie wenn man, mein Lieber, einen Menschen aus dem Gandhāra-Land mit verbundenen Augen herführte und ihn dann an einem menschenleeren Ort zurückließe – er würde dort, mit verbundenen Augen hingebracht und mit verbundenen Augen zurückgelassen, bald nach Osten, bald nach Norden, bald nach Süden, bald nach Westen gewendet dastehen und rufen [?, Verb unsicher] – (1) so würde, wenn ihm jemand die Augenbinde löste und ihm sagte: 'In jener Richtung liegt das Gandhāra-Land, gehe in jene Richtung', er, gelehrt und klug, von Dorf zu Dorf fragend, eben ins Gandhāra-Land gelangen. Ebenso weiß hier der Mensch, der einen Lehrer hat: 'Ich gehöre dorthin, solange bis ich befreit sein werde; dann werde ich [dort] ankommen.' (2) 'Das, was diese feinste Substanz ist – dessen Wesen hat diese ganze Welt zu ihrem Selbst. Das ist das Wirkliche. Das ist das Selbst. Das bist du, Śvetaketu!' – 'Der ehrwürdige Herr möge mich weiter belehren.' – 'So sei es, mein Lieber', sprach er. (3)
Wort für Wort
puruṣaṃ gandhārebhyo 'bhinaddhākṣam ānīya
einen Menschen aus dem Gandhāra-Land mit verbundenen Augen herführend
tato 'tijane visṛjet
an einem menschenleeren Ort zurückließe
prāṅ vodaṅ vā adaṅ vā pratyaṅ vā
bald nach Osten, Norden, Süden, Westen
tasya abhinahanaṃ pramucya
ihm die Augenbinde lösend
etāṃ diśaṃ gandhārā etāṃ diśaṃ vraja
in jener Richtung liegt Gandhāra, gehe in jene Richtung
grāmād grāmaṃ pṛcchan paṇḍito medhāvī
von Dorf zu Dorf fragend, gelehrt und klug
ācāryavān puruṣo veda
der Mensch, der einen Lehrer hat, weiß
tāvad eva ciraṃ yāvan na vimokṣye atha sampatsye
so lange, bis ich befreit sein werde, dann werde ich ankommen
[Anm.: Das berühmte Gandhāra-Gleichnis vom Blindgeführten - eines der klarsten Bilder der Upaniṣaden für das Verhältnis von Unwissenheit (Verirrtsein fern der Heimat), Lehrer (der die Fessel löst und die Richtung weist) und Befreiung (Ankunft in der eigentlichen Heimat, d.h. im Sein). Ein Wort in 6.14.1 (pradhmāyīta, etwa 'er würde blasen/rufen') ist in der Bedeutung unsicher.]
puruṣaṃ somyota upatāpinaṃ jñātayaḥ paryupāsate, jānāsi māṃ jānāsi mām iti, tasya yāvan na vāṅ manasi sampadyate, manaḥ prāṇe, prāṇas tejasi, tejaḥ parasyāṃ devatāyāṃ, tāvaj jānāti (6.15.1). atha yadāsya vāṅ manasi sampadyate, manaḥ prāṇe, prāṇas tejasi, tejaḥ parasyāṃ devatāyām, atha na jānāti (6.15.2). sa ya eṣo 'ṇimaitadātmyam idaṃ sarvaṃ, tat satyaṃ, sa ātmā, tat tvam asi śvetaketo iti, bhūya eva mā bhagavān vijñāpayatv iti, tathā somyeti hovāca (6.15.3).
Wenn, mein Lieber, ein kranker Mensch [im Sterben liegt], umringen ihn die Verwandten und fragen: 'Kennst du mich? Kennst du mich?' Solange seine Rede noch nicht im Geist aufgegangen ist, der Geist im Atem, der Atem in der Glut, die Glut in der höchsten Gottheit, so lange kennt er [sie noch]. (1) Wenn dann aber seine Rede im Geist aufgegangen ist, der Geist im Atem, der Atem in der Glut, die Glut in der höchsten Gottheit, dann kennt er [sie] nicht mehr. (2) 'Das, was diese feinste Substanz ist – dessen Wesen hat diese ganze Welt zu ihrem Selbst. Das ist das Wirkliche. Das ist das Selbst. Das bist du, Śvetaketu!' – 'Der ehrwürdige Herr möge mich weiter belehren.' – 'So sei es, mein Lieber', sprach er. (3)
Wort für Wort
puruṣam upatāpinaṃ jñātayaḥ paryupāsate
einen kranken [sterbenden] Menschen umringen die Verwandten
jānāsi māṃ jānāsi mām
kennst du mich, kennst du mich
yāvan na vāṅ manasi sampadyate tāvaj jānāti
solange die Rede nicht im Geist aufgegangen ist, kennt er [sie] noch
yadāsya vāṅ manasi sampadyate atha na jānāti
wenn seine Rede im Geist aufgegangen ist, kennt er [sie] nicht mehr
puruṣaṃ somyota hastagṛhītam ānayanty, apahārṣīt steyam akārṣīt, paraśum asmai tapateti, sa yadi tasya kartā bhavati, tata evānṛtam ātmānaṃ karote, so 'nṛtābhisaṃdho 'nṛtenātmānam antardhāya paraśuṃ taptaṃ pratigṛhṇāti, sa dahyate, atha hanyate (6.16.1). atha yadi tasyākartā bhavati, tata eva satyam ātmānaṃ karote, sa satyābhisaṃdhaḥ satyenātmānam antardhāya paraśuṃ taptaṃ pratigṛhṇāti, sa na dahyate, atha mucyate (6.16.2). sa yathā tatra nādāhyeta, etadātmyam idaṃ sarvaṃ, tat satyaṃ, sa ātmā, tat tvam asi śvetaketo iti, tad dhāsya vijajñāv iti vijajñāv iti (6.16.3).
Wenn man, mein Lieber, einen Menschen, dessen Hand ergriffen wurde, herführt [mit den Worten]: 'Er hat gestohlen, er hat einen Diebstahl begangen, erhitzt für ihn das Beil' – wenn er es getan hat, dann macht er sich selbst zur Unwahrheit; da er sich der Unwahrheit verschrieben hat, verhüllt er sein Selbst mit Unwahrheit und ergreift das erhitzte Beil – er wird verbrannt, und dann wird er getötet. (1) Wenn er es aber nicht getan hat, dann macht er sich eben zur Wahrheit; da er sich der Wahrheit verschrieben hat, verhüllt er sein Selbst mit Wahrheit und ergreift das erhitzte Beil – er wird nicht verbrannt, und dann wird er freigelassen. (2) Wie er dort nicht verbrannt wird – so hat diese ganze Welt jenes [Wahre] zu ihrem Wesen. Das ist das Wirkliche. Das ist das Selbst. Das bist du, Śvetaketu! Das verstand er nun von ihm, das verstand er. (3)
Wort für Wort
puruṣaṃ hastagṛhītam ānayanti
man führt einen Menschen, dessen Hand ergriffen wurde, herbei
mit Unwahrheit sein Selbst verhüllend ergreift er das erhitzte Beil
sa dahyate atha hanyate
er wird verbrannt und dann getötet
satyenātmānam antardhāya
mit Wahrheit sein Selbst verhüllend
sa na dahyate atha mucyate
er wird nicht verbrannt und dann freigelassen
tad dhāsya vijajñau
das verstand er nun von ihm
[Anm.: Der abschließende Vergleich mit der (aus dem altindischen Prozessrecht bekannten) Feuerprobe mittels erhitztem Beil bildet den krönenden Abschluss der neunfachen tat-tvam-asi-Lehrreihe: wie Wahrheit den Unschuldigen unversehrt lässt, so ist das Sein/Wahre (satya) das unzerstörbare Wesen alles Wirklichen. Mit dieser letzten Wiederholung endet der sechste Adhyāya und mit ihm die berühmte Sad-Vidyā-Lehrreihe Uddālaka Āruṇis an seinen Sohn Śvetaketu.]