Quellen der Menschheit

Chāndogya-Upaniṣad

Kapitel 2: chāndogyopaniṣat · dvitīyo 'dhyāyaḥ Adhyāya 2: Das fünffache und zusammengesetzte Sāman in Welt, Ritual und Leib (ChU 2,1–24)

Adhyāya 2 (24 Khaṇḍas, der umfangreichste Adhyāya der Chāndogya-Upaniṣad) entfaltet systematisch die Verehrung des Sāman als Ganzem (Khaṇḍa 1) und sodann, in einer langen Reihe fast identisch aufgebauter Khaṇḍas, das 'fünffache Sāman' (Hiṃkāra – Prastāva – Udgītha – Pratihāra – Nidhana), angewandt auf die Welten, Regen, Gewässer, Jahreszeiten, Tiere und Atem-Kräfte (Khaṇḍa 2–7), das 'zusammengesetzte' Sāman in Rede und Sonnenlauf (Khaṇḍa 8–10), sowie mehrere benannte Sāman-Melodien (Gāyatra, Rathantara, Vāmadevya, Bṛhat, Vairūpa, Vairāja, Śakvarī, Revatī), eingewoben in Atem, Feuer, geschlechtliche Vereinigung, Sonnenlauf, Regen, Jahreszeiten, Welten und Tiere (Khaṇḍa 11–18), gefolgt vom Opferablauf im Leib (Khaṇḍa 19), dem 'Königlichen' Sāman in den Gottheiten (Khaṇḍa 20) und dem alles umfassenden Sāman (Khaṇḍa 21). Khaṇḍa 22 behandelt die rechte Aussprache der Sprachlaute (Vokale/Zischlaute/Konsonanten als Wesensformen Indras, Prajāpatis und des Todes), Khaṇḍa 23 die drei Pflichtenstämme sowie den kosmogonischen Ursprung der Silbe Om aus Prajāpatis Askese, und der lange, dreiteilig-parallele Khaṇḍa 24 schließt mit den 'Tor-der-Welt'-Rufen der drei Somapressungen, die dem Opferherrn seinen eigenen Weltanteil sichern. Übersetzung ohne Verwendung einer vorhandenen Übersetzung als Ausgangspunkt, aus dem Sanskrit-Original morphologisch erarbeitet; die stark elliptische Silben-Arithmetik in Khaṇḍa 10 und die rituellen Dehnungslaute in Khaṇḍa 24 sind mit [?]/[Anm.] gekennzeichnet.

samastasya khalu sāmna upāsanaṃ sādhu yat khalu sādhu tat sāmety ācakṣate yad asādhu tad asāmeti || 1 || tad utāpy āhuḥ sāmnainam upāgād iti sādhunainam upāgād ity eva tad āhur asāmnainam upāgād ity asādhunainam upagād ity eva tad āhuḥ || 2 || athotāpy āhuḥ sāma no bateti yat sādhu bhavati sādhu batety eva tad āhur asāma no bateti yad asādhu bhavaty asādhu batety eva tad āhuḥ || 3 || sa ya etad evaṃ vidvān sādhu sāmety upāste 'bhyāśo hy ainaṃ sādhavo dharmā ā ca gaccheyur upa ca nameyuḥ || 4 || iti prathamaḥ khaṇḍaḥ ||

1. Nun [zum Thema] der Verehrung des Sāman als Ganzem: „gut“ [sādhu] – was gut ist, das nennt man „Sāma“ [wohlklingend, wörtlich: sā-ma]; was schlecht ist, das [nennt man] „Asāma“. 2. Und ferner sagt man auch: „Mit dem Sāman ist er zu ihm gekommen“ – das heißt eben: „mit dem Guten ist er zu ihm gekommen“; „mit dem Asāman ist er zu ihm gekommen“ – das heißt eben: „mit dem Schlechten ist er zu ihm gekommen“. 3. Und ferner sagt man auch: „Ach, dies ist [uns] Sāma [wohlgetan]!“ – das heißt eben, wenn es gut ist: „Ach, [das ist] gut!“; „Ach, dies ist [uns] Asāma!“ – das heißt eben, wenn es schlecht ist: „Ach, [das ist] schlecht!“ 4. Wer, dies so wissend, das Sāman als das Gute verehrt, dem nähern und neigen sich fürwahr die guten Eigenschaften zu. — So endet der erste Khaṇḍa.

Wort für Wort
yat khalu sādhu tat sāmety ācakṣate
was gut ist, das nennt man 'Sāma'
sāmnainam upāgāt = sādhunainam upāgāt
'mit dem Sāman kam er' bedeutet 'mit dem Guten kam er'
sādhu sāmety upāste
er verehrt das Sāman als das Gute
abhyāśo hy ainaṃ sādhavo dharmā ā ca gaccheyuḥ
die guten Eigenschaften nähern sich ihm

lokeṣu pañcavidhaṃ sāmopāsīta pṛthivī hiṃkāraḥ | agniḥ prastāvo 'ntarikṣam udgītha ādityaḥ pratihāro dyaur nidhanam ity ūrdhveṣu || 1 || athāvṛtteṣu dyaur hiṃkāra ādityaḥ prastāvo 'ntarikṣam udgītho 'gniḥ pratihāraḥ pṛthivī nidhanam || 2 || kalpante hāsmai lokā ūrdhvāś cāvṛttāś ca ya etad evaṃ vidvāl lokeṣu pañcavidhaṃ sāmopāste || 3 || iti dvitīyaḥ khaṇḍaḥ ||

1. In den Welten verehre man das fünffache Sāman: die Erde ist der Hiṃkāra [Einleitungslaut], Agni der Prastāva [Vorgesang], der Luftraum der Udgītha, die Sonne der Pratihāra [Antwortgesang], der Himmel das Nidhana [Schlusslaut] – so [bei den] aufsteigenden [Welten]. 2. Und ferner bei den umgekehrten [absteigenden Welten]: der Himmel ist der Hiṃkāra, die Sonne der Prastāva, der Luftraum der Udgītha, Agni der Pratihāra, die Erde das Nidhana. 3. Es gedeihen ihm die Welten, die aufsteigenden wie die umgekehrten, wer, dies so wissend, in den Welten das fünffache Sāman verehrt. — So endet der zweite Khaṇḍa.

Wort für Wort
pṛthivī hiṃkāraḥ
die Erde ist der Hiṃkāra
agniḥ prastāvaḥ
Agni ist der Prastāva
antarikṣam udgīthaḥ
der Luftraum ist der Udgītha
ādityaḥ pratihāraḥ
die Sonne ist der Pratihāra
dyaur nidhanam
der Himmel ist das Nidhana
kalpante hāsmai lokāḥ
es gedeihen ihm die Welten

vṛṣṭau pañcavidhaṃ sāmopāsīta purovāto hiṃkāro megho jāyate sa prastāvo varṣati sa udgītho vidyotate stanayati sa pratihāra ud gṛhṇāti tan nidhanam || 2.3.1 || varṣati hāsmai varṣayati ha ya etad evaṃ vidvān vṛṣṭau pañcavidhaṃ sāmopāste || 2.3.2 || iti tṛtīyaḥ khaṇḍaḥ || sarvāsv apsu pañcavidhaṃ sāmopāsīta megho yat saṃplavate sa hiṃkāro yad varṣati sa prastāvo yāḥ prācyaḥ syandante sa udgīthaḥ yāḥ pratīcyaḥ sa pratihāraḥ samudro nidhanam || 2.4.1 || na hāpsu praiti apsumān bhavati ya etad evaṃ vidvān sarvāsv apsu pañcavidhaṃ sāmopāste || 2.4.2 || iti caturthaḥ khaṇḍaḥ ||

[Khaṇḍa 3] 1. Beim Regen verehre man das fünffache Sāman: der Vorwind ist der Hiṃkāra; die Wolke entsteht – das ist der Prastāva; es regnet – das ist der Udgītha; es blitzt und donnert – das ist der Pratihāra; [die Wolke] zieht sich zusammen – das ist das Nidhana. 2. Es regnet ihm, ja er lässt regnen, wer, dies so wissend, beim Regen das fünffache Sāman verehrt. — So endet der dritte Khaṇḍa. [Khaṇḍa 4] 1. In allen Gewässern verehre man das fünffache Sāman: wenn die Wolke sich zusammenballt, das ist der Hiṃkāra; wenn es regnet, das ist der Prastāva; die [Flüsse], die nach Osten fließen, das ist der Udgītha; die, welche nach Westen [fließen], das ist der Pratihāra; das Meer ist das Nidhana. 2. Er geht nicht in den Gewässern unter [Anm.: wörtlich unsicher, sinngemäß wiedergegeben], [sondern] wird wasserreich, wer, dies so wissend, in allen Gewässern das fünffache Sāman verehrt. — So endet der vierte Khaṇḍa.

Wort für Wort
purovāto hiṃkāraḥ
der Vorwind ist der Hiṃkāra
megho jāyate sa prastāvaḥ
die Wolke entsteht, das ist der Prastāva
varṣati hāsmai varṣayati ha
es regnet ihm, er lässt regnen
yāḥ prācyaḥ syandante sa udgīthaḥ
die nach Osten fließenden Flüsse, das ist der Udgītha
samudro nidhanam
das Meer ist das Nidhana

ṛtuṣu pañcavidhaṃ sāmopāsīta vasanto hiṃkāraḥ grīṣmaḥ prastāvo varṣā udgīthaḥ śarat pratihāro hemanto nidhanam || 2.5.1 || kalpante hāsmā ṛtava ṛtumān bhavati ya etad evaṃ vidvān ṛtuṣu pañcavidhaṃ sāmopāste || 2.5.2 || iti pañcamaḥ khaṇḍaḥ || paśuṣu pañcavidhaṃ sāmopāsītājā hiṃkāro 'vayaḥ prastāvo gāva udgītho 'śvāḥ pratihāraḥ puruṣo nidhanam || 2.6.1 || bhavanti hāsya paśavaḥ paśumān bhavati ya etad evaṃ vidvān paśuṣu pañcavidhaṃ sāmopāste || 2.6.2 || iti ṣaṣṭhaḥ khaṇḍaḥ || prāṇeṣu pañcavidhaṃ parovarīyaḥ sāmopāsīta prāṇo hiṃkāro vāk prastāvaś cakṣur udgīthaḥ śrotraṃ pratihāro mano nidhanam parovarīyāṃsi vā etāni || 2.7.1 || parovarīyo hāsya bhavati parovarīyaso ha lokāñ jayati ya etad evaṃ vidvān prāṇeṣu pañcavidhaṃ parovarīyaḥ sāmopāsta iti tu pañcavidhasya || 2.7.2 || iti saptamaḥ khaṇḍaḥ ||

[Khaṇḍa 5] 1. Bei den Jahreszeiten verehre man das fünffache Sāman: der Frühling ist der Hiṃkāra, der Sommer der Prastāva, die Regenzeit der Udgītha, der Herbst der Pratihāra, der Winter das Nidhana. 2. Es gedeihen ihm die Jahreszeiten, [er selbst wird] jahreszeitenreich, wer, dies so wissend, bei den Jahreszeiten das fünffache Sāman verehrt. — So endet der fünfte Khaṇḍa. [Khaṇḍa 6] 1. Bei den Tieren verehre man das fünffache Sāman: die Ziegen sind der Hiṃkāra, die Schafe der Prastāva, die Rinder der Udgītha, die Pferde der Pratihāra, der Mensch das Nidhana. 2. Es werden ihm die Tiere [zahlreich], er wird tierreich, wer, dies so wissend, bei den Tieren das fünffache Sāman verehrt. — So endet der sechste Khaṇḍa. [Khaṇḍa 7] 1. Bei den Atem-Kräften verehre man das fünffache, überaus-höhere Sāman: der Atem ist der Hiṃkāra, die Rede der Prastāva, das Auge der Udgītha, das Gehör der Pratihāra, das Denken das Nidhana – überaus-höher fürwahr sind diese [Sinneskräfte, verglichen mit den vorigen Reihen]. 2. Zum überaus-Höheren wird ihm [dies]; überaus höhere Welten gewinnt, wer, dies so wissend, bei den Atem-Kräften das fünffache, überaus-höhere Sāman verehrt – [dies gilt] jedoch [nur] für den, der das fünffache [im vollen Verständnis erfasst hat]. — So endet der siebte Khaṇḍa.

Wort für Wort
vasanto hiṃkāraḥ
der Frühling ist der Hiṃkāra
ajā hiṃkāraḥ
die Ziegen sind der Hiṃkāra
prāṇeṣu pañcavidhaṃ parovarīyaḥ sāma
bei den Atem-Kräften das fünffache, überaus-höhere Sāman
parovarīyaso ha lokāñ jayati
überaus höhere Welten gewinnt er

atha saṃvidhasya vāci saṃvidham upāsīta yat kiṃca vāco hum iti sa hiṃkāro yat prati sa prastāvo yad iti sa ādiḥ || 1 || yad udīti sa udgītho yat pratīti sa pratihāro yad upadravo yac chāntaṃ tan nidhanam || 2 || dugdhe 'smai vāgdohaṃ yo vāco dohaḥ annavān annādo bhavati ya etam evaṃ vidvān vāci saṃvidhaṃ sāmopāste || 3 || iti aṣṭamaḥ khaṇḍaḥ ||

1. Nun [zum] in sich zusammengesetzten [Sāman]: in der Rede verehre man das Zusammengesetzte. Was auch immer von der Rede „Hum“ [ist], das ist der Hiṃkāra; was „Prati“ [Antwort ist], das ist der Prastāva; was [der] Beginn [ist], das ist der Ādi. 2. Was [das] Aufsteigen [ist], das ist der Udgītha; was [die] Erwiderung [ist], das ist der Pratihāra; was [der] Ansturm [ist], [und] was [die] Beruhigung [ist], das ist das Nidhana. 3. Ihm melkt sie den Redemelk, wer, dies so wissend, in der Rede das Zusammengesetzte als Sāman verehrt; er wird speise- und nahrungsreich. — So endet der achte Khaṇḍa. [Anm.: Diese Zergliederung der Rede in sāman-analoge Phasen (Hum/Prati/Ādi/Udgītha usw.) ist knapp und teils dunkel überliefert; die Übersetzung folgt dem Sinnzusammenhang der Analogie.]

Wort für Wort
yat kiṃca vāco hum iti sa hiṃkāraḥ
was von der Rede 'Hum' ist, das ist der Hiṃkāra
dugdhe 'smai vāgdoham
ihm melkt sie den Redemelk

atha khalv amum ādityaṃ saṃvidhaṃ sāmopāsīta sarvadā samastena sāma māṃ prati māṃ pratīti sarveṇa samastena sāma || 1 || tasminn imāni sarvāṇi bhūtāny anvāyattānīti vidyāt tasya yat purodayāt sa hiṃkāras tad asya paśavo 'nvāyattās tasmāt te hiṃ kurvanti hiṃkārabhājino hy etasya sāmnaḥ || 2 || atha yat prathamodite sa prastāvas tad asya manuṣyā anvāyattās tasmāt prastutikāmāḥ praśaṃsākāmāḥ prastāvabhājino hy etasya sāmnaḥ || 3 || atha yat saṃgavavelāyāṃ sa ādis tadasya vayāṃsy anvāyattāni tasmād antarikṣe 'nārambhaṇāny anādāyātmānaṃ paripatanty ādibhājīni hy etasya sāmnaḥ || 4 || atha yat sampratimadhyaṃdine sa udgīthas tadasya devā anvāyattāstasmāt sattamāḥ prājāpatyānām udgīthabhājino hy etasya sāmnaḥ || 5 || atha yad ūrdhvaṃ madhyaṃdināt prāg aparāhṇāt sa pratihāras tadasya garbhā anvāyattāstasmāt pratihṛtā nāvapadyante pratihārabhājino hy etasya sāmnaḥ || 6 || atha yad ūrdhvam aparāhṇāt prāg astamayāt sa upadravas tadasyāraṇyā anvāyattāstasmāt puruṣaṃ dṛṣṭvā kakṣaśvabhram ity upadravanty upadravabhājino hy etasya sāmnaḥ || 7 || atha yat prathamāstamite tan nidhanaṃ tadasya pitaro 'nvāyattāstasmāt tān nidadhati nidhanabhājino hy etasya sāmnaḥ evaṃ khalv amum ādityaṃ saṃvidhaṃ sāmopāste || 8 || iti navamaḥ khaṇḍaḥ ||

1. Und ferner verehre man jene Sonne dort als das Zusammengesetzte: „allzeit mit dem Gesamten [bin ich] Sāman, mir entgegen, mir entgegen“ – so [ist es] mit dem Gesamten, dem Ganzen, Sāman. 2. Man wisse: an ihr sind alle diese Wesen abhängig. Was vor ihrem Aufgang [ist], das ist der Hiṃkāra; davon sind die Tiere abhängig; deshalb machen sie „Hiṃ“ [Laute von sich]; denn sie haben Anteil am Hiṃkāra dieses Sāman. 3. Was beim ersten Aufgehen [ist], das ist der Prastāva; davon sind die Menschen abhängig; deshalb sind sie begierig nach Lob und Preis; denn sie haben Anteil am Prastāva dieses Sāman. 4. Was zur Zeit des Zusammentreibens [der Herden, d.h. am Vormittag ist], das ist der Ādi; davon sind die Vögel abhängig; deshalb schweben sie, ohne Halt und ohne Stütze, im Luftraum umher; denn sie haben Anteil am Ādi dieses Sāman. 5. Was genau zur Mittagszeit [ist], das ist der Udgītha; davon sind die Götter abhängig; deshalb sind sie die Besten unter Prajāpatis [Geschöpfen]; denn sie haben Anteil am Udgītha dieses Sāman. 6. Was zwischen Mittag und Nachmittag [ist], das ist der Pratihāra; davon sind die Ungeborenen [im Mutterleib] abhängig; deshalb fallen sie, [einmal] aufgenommen, nicht [vorzeitig aus dem Mutterleib]; denn sie haben Anteil am Pratihāra dieses Sāman. 7. Was zwischen Nachmittag und Sonnenuntergang [ist], das ist der Upadrava [Nachgesang]; davon sind die Wildtiere abhängig; deshalb stürzen sie, einen Menschen erblickend, zum Dickicht [und] zur Höhle; denn sie haben Anteil am Upadrava dieses Sāman. 8. Was beim ersten Untergehen [ist], das ist das Nidhana; davon sind die Väter [die Verstorbenen Ahnen] abhängig; deshalb legt man sie [ins Grab]; denn sie haben Anteil am Nidhana dieses Sāman. So verehrt man jene Sonne dort als das Zusammengesetzte. — So endet der neunte Khaṇḍa.

Wort für Wort
amum ādityaṃ saṃvidhaṃ sāmopāsīta
man verehre jene Sonne als das zusammengesetzte Sāman
yat purodayāt sa hiṃkāraḥ, paśavo 'nvāyattāḥ
was vor dem Aufgang ist, ist der Hiṃkāra; die Tiere sind davon abhängig
prathamodite sa prastāvaḥ, manuṣyā anvāyattāḥ
beim ersten Aufgehen ist der Prastāva; die Menschen sind davon abhängig
sampratimadhyaṃdine sa udgīthaḥ, devā anvāyattāḥ
genau zur Mittagszeit ist der Udgītha; die Götter sind davon abhängig
prathamāstamite tan nidhanam, pitaro 'nvāyattāḥ
beim ersten Untergehen ist das Nidhana; die Väter sind davon abhängig

atha khalv ātmasaṃmitam atimṛtyu saṃvidhaṃ sāmopāsīta hiṃkāra iti dvyakṣaraṃ prastāva iti tryakṣaraṃ tat samam || 1 || ādir iti dvyakṣaraṃ pratihāra iti caturakṣaraṃ tat ihaikaṃ tat samam || 2 || udgītha iti tryakṣaram upadrava iti caturakṣaraṃ triśribhiḥ samaṃ bhavaty akṣaram atiśiṣyate tryakṣaraṃ tat samam || 3 || nidhanam iti tryakṣaraṃ tat samam eva bhavati tāni ha vā etāni dvāviṃśatiḥ akṣarāṇi || 4 || ekaviṃśatyā ādityam āpnoty ekaviṃśo vā ito 'sāv ādityo dvāviṃśena param ādityāj jayati tan nākaṃ tad viśokam || 5 || āpnoti hādityasya jayaṃ paro hāsyādityajayāj jayo bhavati ya etad evaṃ vidvān ātmasaṃmitam atimṛtyu saṃvidhaṃ sāmopāste sāmopāste || 6 || iti daśamaḥ khaṇḍaḥ ||

1. Und ferner verehre man das am [eigenen] Selbst [Silbenzahl-]bemessene, den Tod überwindende, zusammengesetzte Sāman: „Hiṃkāra“ [hat] zwei Silben, „Prastāva“ [hat] drei Silben – das ist gleich [nach Abzug einer Silbe je Wort]. 2. „Ādi“ [hat] zwei Silben, „Pratihāra“ [hat] vier Silben – hier [bleibt nach Abzug] eine [Silbe übrig], das ist gleich. 3. „Udgītha“ [hat] drei Silben, „Upadrava“ [hat] vier Silben; mit drei [Silben Rest bei Prastāva-Gruppe] wird es gleich, eine Silbe bleibt übrig; drei Silben – das ist gleich. 4. „Nidhana“ [hat] drei Silben, das ist von sich aus schon gleich. Diese [alle zusammengenommen] sind zweiundzwanzig Silben. 5. Mit einundzwanzig [Silben] erreicht man die Sonne; denn einundzwanzigfach [von der Erde her gezählt liegt] ja jene Sonne dort; mit der zweiundzwanzigsten [Silbe] siegt man über die Sonne hinaus; das ist die schmerzensfreie Himmelswölbung. 6. Er erlangt den Sieg über die Sonne, [ja] ein höherer Sieg als der Sieg über die Sonne wird ihm zuteil, wer, dies so wissend, das am Selbst bemessene, den Tod überwindende, zusammengesetzte Sāman verehrt, verehrt. — So endet der zehnte Khaṇḍa. [Anm.: Die Silbenzähl-Arithmetik in Vers 1–4 ist im Original sehr knapp formuliert und lässt sich nicht in jedem Schritt restlos nachvollziehen; die Übersetzung gibt den erkennbaren Sinn – ein Silbenausgleich zwischen den Sāman-Gliedern, der insgesamt 22 Silben ergibt – wieder, einzelne Zwischenschritte bleiben mit [?] zu kennzeichnen.]

Wort für Wort
ātmasaṃmitam atimṛtyu saṃvidhaṃ sāma
das am Selbst bemessene, den Tod überwindende, zusammengesetzte Sāman
hiṃkāra iti dvyakṣaram
'Hiṃkāra' hat zwei Silben
tāni ha vā etāni dvāviṃśatiḥ akṣarāṇi
diese [Silben] sind insgesamt zweiundzwanzig
ekaviṃśatyā ādityam āpnoti
mit 21 [Silben] erreicht man die Sonne
dvāviṃśena param ādityāj jayati
mit der 22. siegt man über die Sonne hinaus

mano hiṃkāro vāk prastāvaś cakṣur udgīthaḥ śrotraṃ pratihāraḥ prāṇo nidhanam etad gāyatraṃ prāṇeṣu protam || 2.11.1 || sa evam etad gāyatraṃ prāṇeṣu protaṃ veda prāṇī bhavati sarvam āyur eti jyogjīvati mahān prajayā paśubhir bhavati mahān kīrtyā mahāmanāḥ syād avratam || 2.11.2 || iti ekādaśaḥ khaṇḍaḥ || abhimanthati sa hiṃkāro dhūmo jāyate sa prastāvo jvalati sa udgītho 'ṅgārā bhavanti sa pratihāra upaśāmyati tan nidhanaṃ saṃśāmyati tan nidhanam etad rathantaram agnau protam || 2.12.1 || sa ya evam etad rathantaram agnau protaṃ veda brahmavarcasyannādo bhavati sarvam āyur eti jyogjīvati mahān prajayā paśubhir bhavati mahān kīrtyā na pratyaṅṅaṅgāram āmātrayed doṣaṃ nirasyec chraddadhānas tad vratam || 2.12.2 || iti dvādaśaḥ khaṇḍaḥ || upamantrayate sa hiṃkāro jñapayate sa prastāvaḥ striyā saha śete sa udgīthaḥ prati strī saha śete sa pratihāraḥ kālaṃ gacchati tan nidhanaṃ pāraṃ gacchati tan nidhanam etad vāmadevyaṃ mithune protam || 2.13.1 || sa ya evam etad vāmadevyaṃ mithune protaṃ veda mithunī bhavati mithunān mithunāt prajāyate sarvam āyur eti jyogjīvati mahān prajayā paśubhir bhavati mahān kīrtyā na kāñcana pariharec chraddadhānas tad vratam || 2.13.2 || iti trayodaśaḥ khaṇḍaḥ || udyan hiṃkāra uditaḥ prastāvo madhyaṃdina udgītho 'parāhṇaḥ pratihāro 'staṃ yann apahnadam etad bṛhad ādityaje protam || 2.14.1 || sa ya evam etad bṛhad ādityaje protaṃ veda tejasvyannādo bhavati sarvam āyur eti jyogjīvati mahān prajayā paśubhir bhavati mahān kīrtyā tapantaṃ na nindet tad vratam || 2.14.2 || iti caturdaśaḥ khaṇḍaḥ ||

[Khaṇḍa 11] 1. Das Denken ist der Hiṃkāra, die Rede der Prastāva, das Auge der Udgītha, das Gehör der Pratihāra, der Atem das Nidhana – dies ist das Gāyatra-[Sāman], in die Atem-Kräfte eingewoben. 2. Wer dies, das Gāyatra-Sāman, so in die Atem-Kräfte eingewoben, weiß, wird atemkräftig, erlangt volles Leben, lebt lange, wird groß durch Nachkommenschaft und Vieh, groß durch Ruhm, [und] werde großgesinnt – das ist [seine] Gelübde-Regel. — So endet der elfte Khaṇḍa. [Khaṇḍa 12] 1. Man quirlt [das Feuerholz] – das ist der Hiṃkāra; Rauch entsteht – das ist der Prastāva; es entflammt – das ist der Udgītha; glühende Kohlen entstehen – das ist der Pratihāra; es erlischt – das ist das [erste] Nidhana; es verglimmt vollends – das ist das [zweite] Nidhana: dies ist das Rathantara-[Sāman], in das Feuer eingewoben. 2. Wer dies, das Rathantara, so in das Feuer eingewoben, weiß, wird glanzvoll-geistig und nahrungsreich, erlangt volles Leben, lebt lange, wird groß durch Nachkommenschaft und Vieh, groß durch Ruhm; er berühre keine [schon erloschene, kalte] Kohle von vorn, [sondern] werfe [jede] Unreinheit hinweg, gläubig – das ist [seine] Gelübde-Regel. — So endet der zwölfte Khaṇḍa. [Khaṇḍa 13] 1. Man wirbt [um die Frau] – das ist der Hiṃkāra; man macht [ihr die Absicht] bekannt – das ist der Prastāva; man liegt mit der Frau zusammen – das ist der Udgītha; man liegt der Frau entgegen zusammen – das ist der Pratihāra; man kommt zur Zeit [der Vollendung] – das ist das [erste] Nidhana; man gelangt ans Ziel – das ist das [zweite] Nidhana: dies ist das Vāmadevya-[Sāman], in die geschlechtliche Vereinigung eingewoben. 2. Wer dies, das Vāmadevya, so in die Vereinigung eingewoben, weiß, wird [selbst] paarungsfähig, zeugt aus Vereinigung zu Vereinigung [Nachkommen], erlangt volles Leben, lebt lange, wird groß durch Nachkommenschaft und Vieh, groß durch Ruhm; er meide keine [Frau], gläubig – das ist [seine] Gelübde-Regel. — So endet der dreizehnte Khaṇḍa. [Khaṇḍa 14] 1. [Die Sonne] aufgehend – das ist der Hiṃkāra; aufgegangen – das ist der Prastāva; Mittag – das ist der Udgītha; Nachmittag – das ist der Pratihāra; untergehend, sich verbergend – das ist das Nidhana: dies ist das Bṛhat-[Sāman], in den Lauf der Sonne eingewoben. 2. Wer dies, das Bṛhat, so in den Sonnenlauf eingewoben, weiß, wird glanzreich und nahrungsreich, erlangt volles Leben, lebt lange, wird groß durch Nachkommenschaft und Vieh, groß durch Ruhm; er tadle nicht die brennende [Sonne] – das ist [seine] Gelübde-Regel. — So endet der vierzehnte Khaṇḍa.

Wort für Wort
mano hiṃkāraḥ, gāyatraṃ prāṇeṣu protam
das Denken ist der Hiṃkāra; das Gāyatra-Sāman, in die Atem-Kräfte eingewoben
abhimanthati sa hiṃkāraḥ, rathantaram agnau protam
man quirlt das Feuerholz; das Rathantara, in das Feuer eingewoben
upamantrayate sa hiṃkāraḥ, vāmadevyaṃ mithune protam
man wirbt um die Frau; das Vāmadevya, in die Vereinigung eingewoben
udyan hiṃkāraḥ, bṛhad ādityaje protam
die Sonne aufgehend; das Bṛhat, in den Sonnenlauf eingewoben
tad vratam
das ist die [zugehörige] Gelübde-Regel (wiederkehrender Abschluss)

abhrāṇi saṃplavante sa hiṃkāro megho jāyate sa prastāvo varṣati sa udgītho vidyotate stanayati sa pratihāra ud gṛhṇāti tan nidhanam etad vairūpaṃ parjanye protam || 2.15.1 || sa ya evam etad vairūpaṃ parjanye protaṃ veda virūpāṃś ca surūpāṃś ca paśūn avarundhe sarvam āyur eti jyogjīvati mahān prajayā paśubhir bhavati mahān kīrtyā varṣantaṃ na nindet tad vratam || 2.15.2 || iti pañcadaśaḥ khaṇḍaḥ || vasanto hiṃkāraḥ grīṣmaḥ prastāvo varṣā udgīthaḥ śarat pratihāro hemanto nidhanam etad vairājam ṛtuṣu protam || 2.16.1 || sa ya evam etad vairājam ṛtuṣu protaṃ veda virājati prajayā paśubhir brahmavarcasena sarvam āyur eti jyogjīvati mahān prajayā paśubhir bhavati mahān kīrtyā ṛtūn na nindet tad vratam || 2.16.2 || iti ṣoḍaśaḥ khaṇḍaḥ || pṛthivī hiṃkāro 'ntarikṣaṃ prastāvo dyaur udgītho diśaḥ pratihāraḥ samudro nidhanam etāḥ śakvaryo lokeṣu protāḥ || 2.17.1 || sa ya evam etāḥ śakvaryo lokeṣu protā veda loki bhavati sarvam āyur eti jyogjīvati mahān prajayā paśubhir bhavati mahān kīrtyā lokān na nindet tad vratam || 2.17.2 || iti saptadaśaḥ khaṇḍaḥ || ajā hiṃkāro 'vayaḥ prastāvo gāva udgītho 'śvāḥ pratihāraḥ puruṣo nidhanam etā revatyaḥ paśuṣu protāḥ || 2.18.1 || sa ya evam etā revatyaḥ paśuṣu protā veda paśumān bhavati sarvam āyur eti jyogjīvati mahān prajayā paśubhir bhavati mahān kīrtyā paśūn na nindet tad vratam || 2.18.2 || iti aṣṭādaśaḥ khaṇḍaḥ ||

[Khaṇḍa 15] 1. Die Wolken ziehen zusammen – das ist der Hiṃkāra; eine Gewitterwolke entsteht – das ist der Prastāva; es regnet – das ist der Udgītha; es blitzt und donnert – das ist der Pratihāra; [die Wolke] löst sich auf – das ist das Nidhana: dies ist das Vairūpa-[Sāman], in den Regen eingewoben. 2. Wer dies, das Vairūpa, so in den Regen eingewoben, weiß, gewinnt unförmige wie wohlgeformte Tiere, erlangt volles Leben, lebt lange, wird groß durch Nachkommenschaft und Vieh, groß durch Ruhm; er tadle nicht den Regen – das ist [seine] Gelübde-Regel. — So endet der fünfzehnte Khaṇḍa. [Khaṇḍa 16] 1. Der Frühling ist der Hiṃkāra, der Sommer der Prastāva, die Regenzeit der Udgītha, der Herbst der Pratihāra, der Winter das Nidhana: dies ist das Vairāja-[Sāman], in die Jahreszeiten eingewoben. 2. Wer dies, das Vairāja, so in die Jahreszeiten eingewoben, weiß, herrscht [virāj-] durch Nachkommenschaft, Vieh und geistlichen Glanz, erlangt volles Leben, lebt lange, wird groß durch Nachkommenschaft und Vieh, groß durch Ruhm; er tadle nicht die Jahreszeiten – das ist [seine] Gelübde-Regel. — So endet der sechzehnte Khaṇḍa. [Khaṇḍa 17] 1. Die Erde ist der Hiṃkāra, der Luftraum der Prastāva, der Himmel der Udgītha, die Himmelsrichtungen der Pratihāra, das Meer das Nidhana: dies sind die Śakvarī-[Verse], in die Welten eingewoben. 2. Wer dies, die Śakvarī, so in die Welten eingewoben, weiß, wird weltbesitzend, erlangt volles Leben, lebt lange, wird groß durch Nachkommenschaft und Vieh, groß durch Ruhm; er tadle nicht die Welten – das ist [seine] Gelübde-Regel. — So endet der siebzehnte Khaṇḍa. [Khaṇḍa 18] 1. Die Ziegen sind der Hiṃkāra, die Schafe der Prastāva, die Rinder der Udgītha, die Pferde der Pratihāra, der Mensch das Nidhana: dies sind die Revatī-[Verse], in die Tiere eingewoben. 2. Wer dies, die Revatī, so in die Tiere eingewoben, weiß, wird tierreich, erlangt volles Leben, lebt lange, wird groß durch Nachkommenschaft und Vieh, groß durch Ruhm; er tadle nicht die Tiere – das ist [seine] Gelübde-Regel. — So endet der achtzehnte Khaṇḍa.

Wort für Wort
vairūpaṃ parjanye protam
das Vairūpa-Sāman, in den Regen eingewoben
vairājam ṛtuṣu protam
das Vairāja-Sāman, in die Jahreszeiten eingewoben
śakvaryo lokeṣu protāḥ
die Śakvarī-Verse, in die Welten eingewoben
revatyaḥ paśuṣu protāḥ
die Revatī-Verse, in die Tiere eingewoben
tad vratam
das ist die zugehörige Gelübde-Regel

loma hiṃkāras tvak prastāvo māṃsam udgītho 'sthi pratihāro majjā nidhanam etad yajñakrama madhyeṣu protam || 2.19.1 || sa ya evam etad yajñakrama madhyeṣu protaṃ veda aṅgī bhavati nāṅgena vihūrchati sarvam āyur eti jyogjīvati mahān prajayā paśubhir bhavati mahān kīrtyā saṃvatsaraṃ majjño nāśnīyāt tad vratam majjño nāśnīyād iti vā || 2.19.2 || iti ekonaviṃśaḥ khaṇḍaḥ || agnir hiṃkāro vāyuḥ prastāva ādityaḥ udgīthaḥ nakṣatrāṇi pratihāraś candramā nidhanam etad rājanaṃ devatāsu protam || 2.20.1 || sa ya evam etad rājanaṃ devatāsu protaṃ vedaitāsām eva devatānāṃ salokatāṃ sārṣṭitāṃ sāyujyaṃ gacchati sarvam āyur eti jyogjīvati mahān prajayā paśubhir bhavati mahān kīrtyā brāhmaṇān na nindet tad vratam || 2.20.2 || iti viṃśaḥ khaṇḍaḥ || trayī vidyā hiṃkāraḥ trayo hīme lokāḥ sa prastāvo 'gnir vāyur ādityaḥ sa udgītho nakṣatrāṇi vayāṃsi marīcayaḥ sa pratihāraḥ sarpā gandharvāḥ pitaras tan nidhanam etat sāma sarvasmin protam || 2.21.1 || sa ya evam etat sāma sarvasmin protaṃ veda sarva ha bhavati || 2.21.2 || tad eṣa ślokaḥ yāni pañcadhā trīṇi trīṇi tebhyo na jyāyaḥ param anyad asti || 2.21.3 || yas tad veda sa veda sarvaṃ sarvā diśo balim asmai haranti sarvam asmīty upāsita tad vratam tad vratam || 2.21.4 || iti ekaviṃśaḥ khaṇḍaḥ ||

[Khaṇḍa 19] 1. Die Haare sind der Hiṃkāra, die Haut der Prastāva, das Fleisch der Udgītha, der Knochen der Pratihāra, das Mark das Nidhana: dies ist der Opferablauf, in die Mitte [des Körpers/der Wesen] eingewoben. 2. Wer dies, den Opferablauf, so in die Mitte eingewoben, weiß, wird vollgliedrig, verkümmert an keinem Glied, erlangt volles Leben, lebt lange, wird groß durch Nachkommenschaft und Vieh, groß durch Ruhm; er esse ein Jahr lang kein Mark – das ist [seine] Gelübde-Regel, [oder auch:] „er esse [überhaupt] kein Mark“. — So endet der neunzehnte Khaṇḍa. [Khaṇḍa 20] 1. Agni ist der Hiṃkāra, der Wind der Prastāva, die Sonne der Udgītha, die Sternbilder der Pratihāra, der Mond das Nidhana: dies ist das „Königliche“ [Sāman], in die Gottheiten eingewoben. 2. Wer dies, das Königliche, so in die Gottheiten eingewoben, weiß, gelangt zur Gemeinschaft der Welt, zur Gleichrangigkeit [und] zur Vereinigung mit eben diesen Gottheiten, erlangt volles Leben, lebt lange, wird groß durch Nachkommenschaft und Vieh, groß durch Ruhm; er tadle nicht die Brahmanen – das ist [seine] Gelübde-Regel. — So endet der zwanzigste Khaṇḍa. [Khaṇḍa 21] 1. Das dreifache Wissen [ist] der Hiṃkāra; diese drei Welten sind der Prastāva; Agni, Wind, Sonne sind der Udgītha; die Sternbilder, Vögel [und] Lichtstrahlen sind der Pratihāra; Schlangen, Gandharven [und] Väter sind das Nidhana: dies ist das Sāman, in das Ganze [Alles] eingewoben. 2. Wer dies, das Sāman, so in das Ganze eingewoben, weiß, wird [selbst zum] Ganzen. 3. Dazu [gibt es] diesen Vers: „Was fünffach [und zugleich] je dreifach ist – über diese [Dinge] hinaus gibt es nichts Höheres, nichts anderes.“ 4. Wer dies weiß, weiß das Ganze; alle Himmelsrichtungen bringen ihm Tribut dar. „Ich bin das Ganze“ – so verehre man [sich]; das ist [seine] Gelübde-Regel, das ist [seine] Gelübde-Regel. — So endet der einundzwanzigste Khaṇḍa.

Wort für Wort
loma hiṃkāraḥ, yajñakrama madhyeṣu protam
die Haare sind der Hiṃkāra; der Opferablauf, in die Mitte eingewoben
rājanaṃ devatāsu protam
das 'Königliche' Sāman, in die Gottheiten eingewoben
salokatāṃ sārṣṭitāṃ sāyujyaṃ gacchati
er gelangt zu Weltgemeinschaft, Gleichrang und Vereinigung [mit den Göttern]
trayī vidyā hiṃkāraḥ, sāma sarvasmin protam
das dreifache Wissen ist der Hiṃkāra; das Sāman, in das Ganze eingewoben
sarvam asmīty upāsita
'ich bin das Ganze' - so verehre man sich

vinardi sāmno vṛṇe paśavyam ity agner udgītho 'niruktaḥ prajāpater niruktaḥ somasya mṛdu ślakṣṇaṃ vāyoḥ śakṣṇaṃ balavad indrasya kaubhaṃ bṛhaspater apadhvāntaṃ varuṇasya tān sarvān eva upaseveta vāraṇaṃ tv eva varjayet || 2.22.1 || amṛtatvaṃ devebhya āgāyānītyāgāyet svadhāṃ pitṛbhya āśām manuṣyebhyas tṛṇodakaṃ paśubhyaḥ svargaṃ lokaṃ yajamānāyānnam ātmana āgāyānītyetāni manasā dhyāyann apramattaḥ stuvīta || 2.22.2 || sarve svarā indrasyātmānaḥ sarva ūṣmāṇaḥ prajāpater ātmānaḥ sarve sparśā mṛtyor ātmānas taṃ yadi svareṣu pālam ete na śaraṇaṃ prapanno bhūvaṃ sa tvā prati vakṣyatīty evaṃ brūyāt || 2.22.3 || atha yady enam ūṣmasu pālam ete prajāpataye śaraṇaṃ prapanno bhūvaṃ sa tvā pratipekṣyatīty evaṃ brūyād atha yady enaṃ sparśeṣu pālam ete mṛtyave śaraṇaṃ prapanno bhūvaṃ sa tvā pratidhakṣyatīty evaṃ brūyāt || 2.22.4 || sarve svarā ghoṣavantaḥ balavanto vaktavyā indre balaṃ dadānīti sarve ūṣmāṇo 'grastā anirastā vivṛtā vaktavyāḥ prajāpater ātmānaṃ paridadānīti sarve sparśā leśenā nabhinihitā vaktavyā mṛtyor ātmānaṃ pariharāṇīti || 2.22.5 || iti dvāviṃśaḥ khaṇḍaḥ || trayo dharmaskandhā yajño 'dhyayanaṃ dānam iti prathamas tapa eva dvitīyo brahmacāryācāryakulavāsī tṛtīyo 'tyantam ātmānam ācāryakule 'vasādayan sarva ete puṇyalokā bhavanti brahmasaṃstho 'mṛtatvam eti || 2.23.1 || prajāpatir lokān abhitatapaḥ tebhyo 'bhitaptebhyas trayī vidyā saṃprāsravat tām abhitatapaḥ tasyā abhitaptāyā etāny akṣarāṇi saṃprāsravanta bhūr bhuvaḥ svar iti || 2.23.2 || tāny abhyatapat tebhyo 'bhitaptebhya oṃkāraḥ saṃprāsravat tad yathā śaṅkunā sarvāṇi parṇāni saṃtṛṇṇāny evam oṃkāreṇa sarvā vāk saṃtṛṇṇā oṃkāra evedaṃ sarvam || 2.23.3 || iti trayoviṃśaḥ khaṇḍaḥ ||

[Khaṇḍa 22] 1. Für den Klangreichen [Anteil] des Sāman wähle ich den [Vers], der Vieh bringt; der Udgītha Agnis ist nicht [genau] herausgesprochen [undeutlich], der Prajāpatis herausgesprochen [deutlich]; der Somas ist weich, sanft; der des Windes rasch; der Indras kraftvoll; der Bṛhaspatis geformt-schön; der Varuṇas [wie] erlöschende Glut. Diesen allen soll man huldigen, den Vāraṇa [Varuṇas] jedoch meiden. 2. „Unsterblichkeit will ich für die Götter herbeisingen“ – so singe man; „Svadhā [Opferspeise] für die Väter“, „Hoffnung für die Menschen“, „Gras und Wasser für das Vieh“, „die Himmelswelt für den Opferherrn“, „Speise für mich selbst will ich herbeisingen“ – dies bedenke man im Geiste, unabgelenkt, [wenn man] huldigt. 3. Alle Vokale sind Wesensformen Indras, alle Zischlaute [Sibilanten] Wesensformen Prajāpatis, alle Berührungslaute [Konsonanten] Wesensformen des Todes. Wenn ihn jemand wegen [eines Fehlers] bei den Vokalen tadeln wollte, spreche man: „Ich bin zu Indra als Zuflucht gegangen; er wird dir erwidern.“ 4. Und wenn man ihn wegen der Zischlaute [tadeln wollte], spreche man: „Ich bin zu Prajāpati als Zuflucht gegangen; er wird dich zurückweisen.“ Und wenn man ihn wegen der Berührungslaute [tadeln wollte], spreche man: „Ich bin zum Tod als Zuflucht gegangen; er wird dich verbrennen.“ 5. Alle Vokale sollen klangvoll, kraftvoll gesprochen werden, [mit dem Gedanken]: „Indra gebe ich Kraft“; alle Zischlaute sollen [weder] verschluckt noch [zu scharf] ausgestoßen, [sondern] offen gesprochen werden, [mit dem Gedanken]: „Prajāpati übergebe ich [mein] Selbst“; alle Berührungslaute sollen mit Zurückhaltung, nicht zu stark aufgesetzt, gesprochen werden, [mit dem Gedanken]: „vom Tod bewahre ich [mein] Selbst.“ — So endet der zweiundzwanzigste Khaṇḍa. [Khaṇḍa 23] 1. Drei sind die Stämme der Pflicht: Opfer, Studium [und] Freigebigkeit ist der erste; Askese eben der zweite; der im Hause des Lehrers wohnende Keuschheitsschüler der dritte, der bis ans Ende seinen Leib im Hause des Lehrers zur Ruhe bringt. Alle diese erlangen verdienstvolle Welten; wer aber im Brahman fest gegründet ist, erlangt die Unsterblichkeit. 2. Prajāpati erhitzte die Welten [durch Askese]; aus ihnen, den erhitzten, floss das dreifache Wissen hervor. Er erhitzte dieses; aus ihm, dem erhitzten, flossen diese Silben hervor: „Bhūr, Bhuvaḥ, Svar“. 3. Er erhitzte diese; aus ihnen, den erhitzten, floss die Silbe „Om“ hervor. So wie durch einen [Nadel-]Stachel alle Blätter durchbohrt [zusammengehalten] werden, so ist durch die Silbe Om alle Rede durchdrungen; die Silbe Om ist eben dies Ganze. — So endet der dreiundzwanzigste Khaṇḍa.

Wort für Wort
sarve svarā indrasyātmānaḥ
alle Vokale sind Wesensformen Indras
sarva ūṣmāṇaḥ prajāpater ātmānaḥ
alle Zischlaute sind Wesensformen Prajāpatis
sarve sparśā mṛtyor ātmānaḥ
alle Berührungslaute (Konsonanten) sind Wesensformen des Todes
trayo dharmaskandhāḥ
drei sind die Stämme der Pflicht
brahmasaṃstho 'mṛtatvam eti
wer im Brahman fest gegründet ist, erlangt Unsterblichkeit
prajāpatir lokān abhitatapat
Prajāpati erhitzte die Welten (durch Askese)
oṃkāra evedaṃ sarvam
die Silbe Om ist eben dies Ganze

brahmavādino vadanti yad ṛtusnātām prātaḥ savanaṃ rudrāṇāṃ mādhyaṃdinaṃ savanam ādityānāṃ ca viśveṣāṃ ca devānāṃ tṛtīyasavanam || 1 || kva tarhi yajamānasya loka iti sa yas tan na vidyāt kathaṃ kuryāt atha vidvān kuryāt || 2 || purā prātar anuvākasyopākaraṇāj jaghanena gārhapatyasyodaṅmukha upaviśya sa vāsavaṃ sāmābhigāyati || 3 || lokadvāram apāvārṇu paśyema tvā vayaṃ rājan vaiśvānara hu3m ā3jyo3 āsvargataṃ 3 lokam iti || 4 || atha juhoti namo 'gnaye pṛthivīkṣite lokakṣite lokaṃ me yajamānāya vindeṣa vai yajamānasya loka etāsmin || 5 || atra yajamānaḥ parastād āyuṣaḥ svāhāpajahi parighamityuktvottiṣṭhati tasmai vasavaḥ prātaḥsavanaṃ sampratyacchanti || 6 || purā mādhyaṃdinasya savanasyopākaraṇāj jaghanenāgnīdhrīyasyodaṅmukha upaviśya sa raudraṃ sāmābhigāyati || 7 || lokadvāram apāvārṇu paśyema tvā vayaṃ vairāja hu3m ā3jyo3 āsvargataṃ 3 lokam iti || 8 || atha juhoti namo vāyave 'ntarikṣakṣite lokakṣite lokaṃ me yajamānāya vindeṣa vai yajamānasya loka etāsmin || 9 || atra yajamānaḥ parastād āyuṣaḥ svāhāpajahi parighamityuktvottiṣṭhati tasmai rudrā mādhyaṃdinaṃ savanaṃ sampratyacchanti || 10 || purā tṛtīyasavanasyo-pākaraṇāj jaghanenāhavanīyasyodaṅmukha upaviśya sa ādityaṃ sa vaiśvadevaṃ sāmābhigāyati || 11 || lokadvāram apāvārṇu paśyema tvā vayaṃ svāra hu3m ā3jyo3 āsvargataṃ 3 lokam iti | ādityam atha vaiśvadevaṃ lokadvāram apāvārṇu paśyema tvā vayaṃ sāmrāja hu3m ā3jyo3 āsvargataṃ 3 lokam iti || 12-13 || atha juhoti nama ādityebhyaś ca viśvebhyaś ca devebhyo divikṣibhyo lokakṣibhyo lokaṃ me yajamānāya vindata || 14 || eṣa vai yajamānasya loka etāsminn eva yajamānaḥ parastād āyuṣaḥ svāhāpajahi parighamityuktvottiṣṭhati || 15 || tasmā ādityāś ca viśve ca devās tṛtīyasavanaṃ sampratyacchanty eṣa ha vai yajñasya mātrāṃ veda ya evaṃ veda ya evaṃ veda || 16 || iti caturviṃśaḥ khaṇḍaḥ || iti dvitīyo 'dhyāyaḥ ||

1. Die Brahman-Kenner sagen: die Morgenpressung [des Soma gehöre] den gebadeten Rudras, die Mittagspressung den Ādityas, die dritte Pressung den Viśvedevas [den All-Göttern]. 2. Wo aber [bleibt] dann des Opferherrn [eigener] Anteil an der Welt? Wer dies nicht weiß, wie sollte er [das Opfer] vollziehen? Der Wissende aber vollziehe es [wie folgt]: 3. Bevor man mit dem Vortrag des Morgen-Anuvāka beginnt, setzt er sich hinter das Gārhapatya-Feuer, nach Norden gewandt, und singt das Vāsava-Sāman [den Vasus geweiht]: 4. „Öffne das Tor der Welt! Lasst uns dich sehen, o König, du Vaiśvānara [Allmensch-Feuer]! Hu, ā, jyo – gelangt zur Himmelswelt, zur Welt!“ 5. Dann opfert er: „Verehrung dem Agni, der die Erde bewohnt, der die Welt bewohnt! Verschaffe mir, dem Opferherrn, eine Welt – dies eben ist des Opferherrn Anteil an dieser [Welt].“ 6. Dabei spricht der Opferherr, sich erhebend: „Jenseits meiner Lebensspanne [gelegen] – Svāhā! Beseitige die Schranke!“ Ihm gewähren daraufhin die Vasus die Morgenpressung. 7. Bevor man mit der Mittagspressung beginnt, setzt er sich hinter das Āgnīdhra-Feuer, nach Norden gewandt, und singt das Raudra-Sāman [den Rudras geweiht]: 8. „Öffne das Tor der Welt! Lasst uns dich sehen, du Vairāja! Hu, ā, jyo – gelangt zur Himmelswelt, zur Welt!“ 9. Dann opfert er: „Verehrung dem Vāyu, der den Luftraum bewohnt, der die Welt bewohnt! Verschaffe mir, dem Opferherrn, eine Welt – dies eben ist des Opferherrn Anteil an dieser [Welt].“ 10. Dabei spricht der Opferherr, sich erhebend, [dieselbe Formel]. Ihm gewähren daraufhin die Rudras die Mittagspressung. 11. Bevor man mit der dritten Pressung beginnt, setzt er sich hinter das Āhavanīya-Feuer, nach Norden gewandt, und singt das Āditya- und Vaiśvadeva-Sāman: 12–13. „Öffne das Tor der Welt! Lasst uns dich sehen, du Svāra! Hu, ā, jyo – gelangt zur Himmelswelt, zur Welt!“ [und ebenso für den Vaiśvadeva-Teil:] „Öffne das Tor der Welt! Lasst uns dich sehen, du Sāmrāja! Hu, ā, jyo – gelangt zur Himmelswelt, zur Welt!“ 14. Dann opfert er: „Verehrung den Ādityas und den All-Göttern, den Bewohnern des Himmels, den Bewohnern der Welt! Verschafft mir, dem Opferherrn, eine Welt!“ 15. Dies eben ist des Opferherrn Anteil an dieser [Welt]. Dabei spricht der Opferherr, sich erhebend, [wiederum dieselbe Formel]. 16. Ihm gewähren daraufhin die Ādityas und die All-Götter die dritte Pressung. Er kennt fürwahr das rechte Maß des Opfers, wer dies so weiß, wer dies so weiß. — So endet der vierundzwanzigste Khaṇḍa. — So endet der zweite Adhyāya. [Anm.: Die drei Blöcke dieses Khaṇḍa (Vasus/Morgenpressung, Rudras/Mittagspressung, Ādityas-Viśvedevas/dritte Pressung) sind im Original streng parallel aufgebaut; die 'Tor-der-Welt'-Rufe enthalten rituelle Dehnungslaute (hu3m, ā3, jyo3 u.ä.), die als Gesangs-Notation und nicht als eigenständige Wortbedeutung zu verstehen sind und daher unübersetzt wiedergegeben werden.]

Wort für Wort
prātaḥ savanaṃ rudrāṇām
die Morgenpressung [gehört] den Rudras
mādhyaṃdinaṃ savanam ādityānām
die Mittagspressung [gehört] den Ādityas
tṛtīyasavanaṃ viśveṣāṃ devānām
die dritte Pressung [gehört] den All-Göttern
lokadvāram apāvārṇu
öffne das Tor der Welt (Refrain der drei Sāman-Rufe)
lokaṃ me yajamānāya vinda
verschaffe mir, dem Opferherrn, eine Welt
eṣa vai yajamānasya lokaḥ
dies eben ist des Opferherrn Anteil an der Welt
eṣa ha vai yajñasya mātrāṃ veda
er kennt fürwahr das rechte Maß des Opfers
iti dvitīyo 'dhyāyaḥ
so endet der zweite Adhyāya

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