Quellen der Menschheit

Chāndogya-Upaniṣad

Kapitel 3: chāndogyopaniṣat · tṛtīyo 'dhyāyaḥ Adhyāya 3: Die Honiglehre der Sonne, die fünf Unsterblichkeitsbereiche, Śāṇḍilyas Brahman-Lehre und Ghora Āṅgirasas Unterweisung Kṛṣṇas (ChU 3,1–19)

Adhyāya 3 (19 Khaṇḍas) verbindet mehrere der berühmtesten Einzellehren der Chāndogya-Upaniṣad: die Madhu-Vidyā (Honiglehre, Kh. 1–5), in der die Sonne als kosmischer Bienenstock gedeutet wird, dessen vier Himmelsrichtungen den vier Veden (Ṛg-, Yajur-, Sāmaveda, Atharvāṅgirasa/Itihāsapurāṇa) entsprechen; die Lehre von den fünf Unsterblichkeitsbereichen (Kh. 6–10), die die Weltordnung als Nahrung der Götter (Vasus, Rudras, Ādityas, Maruts, Sādhyas) beschreibt; das ewige, weder auf- noch untergehende Licht und seine Überlieferungskette von Brahmā bis zum Sohn (Kh. 11); die Gāyatrī-Spekulation mit dem wörtlich zitierten Puruṣa-Sūkta-Vers (Kh. 12); die fünf Herzöffnungen als Torhüter der Himmelswelt (Kh. 13); die berühmte Śāṇḍilya-Vidyā "sarvaṃ khalv idaṃ brahma" (Kh. 14); die Schatzkammer-Meditation mit Zufluchtsformel (Kh. 15); die Deutung des Menschenlebens als Opfer samt der Mahidāsa-Aitareya-Episode (Kh. 16); die berühmte Unterweisung des Ghora Āṅgirasa an Kṛṣṇa, den Sohn der Devakī (Kh. 17) – eine der wenigen vor-buddhistischen Erwähnungen einer Kṛṣṇa-Figur in der vedischen Literatur, hier ethisch als Deutung sittlicher Tugenden im Opferschema gelesen, unabhängig von einer möglichen (in der Forschung diskutierten, hier nicht vorausgesetzten) Identifikation mit der späteren Kṛṣṇa-Gestalt der Bhagavadgītā; die Vier-Füße-Brahman-Lehre über Geist und Sinne (Kh. 18); und schließlich eine Kosmogonie von der Weltenei-Spaltung bis zur Geburt der Sonne (Kh. 19). Mehrere Passagen – insbesondere die Richtungsformeln in Kh. 6–10, der knappe Versanfang in Kh. 17 und einzelne Kompositionen in Kh. 16 – sind im vorliegenden Quelltext sprachlich stark verdichtet oder schwer eindeutig zu entziffern und wurden entsprechend mit [?] und [Anm.] gekennzeichnet, ohne den Übersetzungsfortgang aufzuhalten.

asau vā ādityo devamadhu tasya dyaur eva tiraścīnavaṃśaḥ, antarikṣam apūpaḥ, marīcayaḥ putrāḥ (ChU 3.1.1). tasya ye prācyo raśmayas ta evāsya prācyo madhunāḍyaḥ, ṛcaś caiva madhukṛta ṛgveda eva puṣpaṃ tā amṛtā āpas tā vā etā ṛcaḥ (3.1.2). etam ṛgvedam abhyatapat, tasyābhitaptasya yaśas teja indriyaṃ vīryam annādyaraso 'jāyata (3.1.3). tad vyakṣarat, tad ādityam abhito 'śrayat, tad vā etad yad etad ādityasya rohitaṃ rūpam (3.1.4).

Jene Sonne dort ist wahrlich der Honig der Götter. Ihr Querbalken ist der Himmel, ihre Honigwabe der Luftraum, ihre Brut (die Bienen) sind die Lichtstrahlen [?] [Anm.: "putrāḥ" = "Söhne, Kinder" – gemeint sind wohl die Bienen als "Kinder" des Bienenstocks; das Bild wird nicht weiter erklärt]. (1) Ihre östlichen Strahlen, das sind ihre östlichen Honigadern; die Ṛc-Verse sind die Honigsammler, der Ṛgveda ist die Blüte, jene unsterblichen Gewässer [von denen die Rede war] – das sind eben diese Ṛc-Verse. (2) Diesen Ṛgveda erhitzten sie (die Ṛc-Verse durch Askese/Glut); aus ihm, dem so Erhitzten, entstand als Wesenskern: Ruhm, Glanz, Sinnesschärfe, Tatkraft und die Essenz der Speise. (3) Das floss heraus und lagerte sich rings um die Sonne; eben das ist jene rötliche Gestalt der Sonne. (4)

Wort für Wort
asau vā ādityo devamadhu
jene Sonne dort [ist] wahrlich der Götter-Honig
tasya dyaur eva tiraścīnavaṃśaḥ
ihr Querbalken [der Bienenwabe] ist der Himmel
antarikṣam apūpaḥ
der Luftraum [ist] die Honigwabe
marīcayaḥ putrāḥ
die Lichtstrahlen [sind] die Brut/Söhne
ye prācyo raśmayaḥ
die östlichen Strahlen
prācyo madhunāḍyaḥ
die östlichen Honigadern
ṛcaś ca eva madhukṛtaḥ
und die Ṛc-Verse sind die Honigmacher
ṛgveda eva puṣpam
der Ṛgveda ist eben die Blüte
tā amṛtā āpaḥ
jene unsterblichen Gewässer
etam ṛgvedam abhyatapat
diesen Ṛgveda erhitzte(n) er/sie
yaśas tejaḥ indriyaṃ vīryam annādyarasaḥ ajāyata
Ruhm, Glanz, Sinneskraft, Tatkraft, die Essenz der Speise entstand
tad ādityam abhitaḥ āśrayat
das lagerte sich rings um die Sonne
tad ādityasya rohitaṃ rūpam
das [ist] die rötliche Gestalt der Sonne

atha yā asya dakṣiṇā raśmayas ta evāsya dakṣiṇā madhunāḍyo yajūꣳṣy eva madhukṛto yajurveda eva puṣpaṃ tā amṛtā āpaḥ (3.2.1). tāni vā etāni yajūꣳṣy etam yajurvedam abhyatapat, tasyābhitaptasya yaśas teja indriyaṃ vīryam annādyaraso 'jāyata (3.2.2). tad vyakṣarat, tad ādityam abhito 'śrayat, tad vā etad yad etad ādityasya śuklaṃ rūpam (3.2.3).

Nun, ihre südlichen Strahlen, das sind ihre südlichen Honigadern; die Yajus-Sprüche sind die Honigsammler, der Yajurveda ist die Blüte, jene unsterblichen Gewässer [sind eben diese Yajus-Sprüche]. (1) Diese Yajus-Sprüche erhitzten diesen Yajurveda; aus ihm, dem so Erhitzten, entstand als Wesenskern: Ruhm, Glanz, Sinnesschärfe, Tatkraft und die Essenz der Speise. (2) Das floss heraus und lagerte sich rings um die Sonne; eben das ist jene weiße Gestalt der Sonne. (3)

Wort für Wort
dakṣiṇā raśmayaḥ
die südlichen Strahlen
dakṣiṇā madhunāḍyaḥ
die südlichen Honigadern
yajūṃṣi eva madhukṛtaḥ
die Yajus-Sprüche eben sind die Honigmacher
yajurveda eva puṣpam
der Yajurveda ist die Blüte
tad vyakṣarat
das floss heraus
ādityasya śuklaṃ rūpam
die weiße Gestalt der Sonne

atha ya etasya pratyañco raśmayas ta evāsya pratīcyo madhunāḍyaḥ, sāmāny eva madhukṛtaḥ sāmaveda eva puṣpaṃ tā amṛtā āpaḥ (3.3.1). tāni vā etāni sāmāny etat sāmavedam abhyatapat, tasyābhitaptasya yaśas teja indriyaṃ vīryam annādyaraso 'jāyata (3.3.2). tad vyakṣarat, tad ādityam abhito 'śrayat, tad vā etad yad etad ādityasya kṛṣṇaṃ rūpam (3.3.3).

Nun, ihre rückwärtigen (westlichen) Strahlen, das sind ihre westlichen Honigadern; die Sāman-Gesänge sind die Honigsammler, der Sāmaveda ist die Blüte, jene unsterblichen Gewässer [sind eben diese Sāmans]. (1) Diese Sāman-Gesänge erhitzten diesen Sāmaveda; aus ihm entstand als Wesenskern: Ruhm, Glanz, Sinnesschärfe, Tatkraft und die Essenz der Speise. (2) Das floss heraus und lagerte sich rings um die Sonne; eben das ist jene dunkle (schwarze) Gestalt der Sonne. (3)

Wort für Wort
pratyañco raśmayaḥ
die rückwärtigen (westlichen) Strahlen
sāmāni eva madhukṛtaḥ
die Sāmans eben sind die Honigmacher
sāmaveda eva puṣpam
der Sāmaveda ist die Blüte
ādityasya kṛṣṇaṃ rūpam
die dunkle/schwarze Gestalt der Sonne

atha ya udyañco 'sya raśmayas ta evāsyodīcyo madhunāḍyo 'tharvāṅgirasa eva madhukṛta itihāsapurāṇaṃ puṣpaṃ tā amṛtā āpaḥ (3.4.1). te vā ete 'tharvāṅgirasa etad itihāsapurāṇam abhyatapaṃs, tasyābhitaptasya yaśas teja indriyaṃ vīryam annādyaraso 'jāyata (3.4.2). tad vyakṣarat, tad ādityam abhito 'śrayat, tad vā etad yad etad ādityasya paraṃ kṛṣṇaṃ rūpam (3.4.3).

Nun, ihre nordwärts gerichteten Strahlen, das sind ihre nördlichen Honigadern; die Atharvāṅgiras-Sprüche sind die Honigsammler, Geschichte und Überlieferung (Itihāsapurāṇa) ist die Blüte, jene unsterblichen Gewässer [sind eben diese Atharvāṅgiras-Sprüche]. (1) Diese Atharvāṅgiras-Sprüche erhitzten dieses Itihāsapurāṇa; aus ihm entstand als Wesenskern: Ruhm, Glanz, Sinnesschärfe, Tatkraft und die Essenz der Speise. (2) Das floss heraus und lagerte sich rings um die Sonne; eben das ist jene tiefschwarze Gestalt der Sonne. (3)

Wort für Wort
udyañco raśmayaḥ
die nordwärts gerichteten Strahlen
atharvāṅgirasa eva madhukṛtaḥ
die Atharvāṅgiras-Sprüche eben sind die Honigmacher
itihāsapurāṇaṃ puṣpam
Geschichte und Überlieferung [ist] die Blüte
ādityasya paraṃ kṛṣṇaṃ rūpam
die höchst dunkle (tiefschwarze) Gestalt der Sonne

atha ya ūrdhvā asya raśmayas ta evāsyordhvā madhunāḍyo guhyā evādeśā madhukṛto brahmaiva puṣpaṃ tā amṛtā āpaḥ (3.5.1). te vā ete guhyā ādeśā etad brahmābhyatapaṃs, tasyābhitaptasya yaśas teja indriyaṃ vīryam annādyaraso 'jāyata (3.5.2). tad vyakṣarat, tad ādityam abhito 'śrayat, tad vā etad yad etad ādityasya madhye kṣobhata iva (3.5.3). te vā ete rasānāṃ rasā vedā hi rasās teṣām ete rasās, tāni vā etāny amṛtānām amṛtāni, vedā hy amṛtās teṣām etāny amṛtāni (3.5.4).

Nun, ihre nach oben gerichteten Strahlen, das sind ihre oberen Honigadern; die geheimen Lehren sind die Honigsammler, das Brahman ist die Blüte, jene unsterblichen Gewässer [sind eben diese geheimen Lehren]. (1) Diese geheimen Lehren erhitzten dieses Brahman; aus ihm entstand als Wesenskern: Ruhm, Glanz, Sinnesschärfe, Tatkraft und die Essenz der Speise. (2) Das floss heraus und lagerte sich rings um die Sonne; eben das ist jenes wie erschütterte (flimmernde) [Leuchten] inmitten der Sonne. (3) [Anm.: "madhye kṣobhata iva" – die genaue visuelle Erscheinung bleibt unklar, evtl. ein Flimmern oder Zittern des Lichts.] Diese [fünf Bereiche] nun sind die Essenzen der Essenzen; denn die Veden sind Essenzen, und dies sind ihre Essenzen; und diese wiederum sind die Unsterblichen der Unsterblichen, denn die Veden sind unsterblich, und dies sind ihre Unsterblichen. (4)

Wort für Wort
ūrdhvā raśmayaḥ
die nach oben gerichteten Strahlen
guhyā ādeśāḥ madhukṛtaḥ
die geheimen Lehren [sind] die Honigmacher
brahma eva puṣpam
das Brahman eben ist die Blüte
madhye kṣobhata iva
in der Mitte wie erschüttert/flimmernd [?]
rasānāṃ rasāḥ
die Essenzen der Essenzen
vedā hi rasāḥ
denn die Veden sind Essenzen
amṛtānām amṛtāni
die Unsterblichen der Unsterblichen

tadyatprathamammṛtaṃ tadvasava upajīvantyagninā mukhena, na vai devā aśnanti na pivanty, etadevāmṛtaṃ dṛṣṭvā tṛpyanti (3.6.1). ta etadeva rūpam abhisaṃviśanty, etasmād vā apāt udyanti (3.6.2). sa ya etadevam amṛtaṃ veda, vasūnām evaiko bhūtvāgnineva mukhenaitad evāmṛtaṃ dṛṣṭvā tṛpyati, sa etadeva rūpam abhisaṃviśaty, etasmād vā apād udeti (3.6.3). sa yāvad ādityaḥ purastād udetā, paścād astam etā, tāvad vasūnām eva tāvad ādhipatyaṃ svārājyaṃ paryetā (3.6.4).

Nun, jener erste unsterbliche Bereich – von ihm zehren die Vasus, mit Agni als Mund; die Götter essen ja nicht und trinken nicht, sie werden satt, indem sie eben diesen unsterblichen Bereich [nur] erblicken. (1) Sie gehen ein in eben diese Gestalt und treten aus ihr wieder hervor. (2) Wer diesen unsterblichen Bereich so kennt, wird selbst zu einem der Vasus; mit Agni gleichsam als Mund wird er satt, indem er eben diesen unsterblichen Bereich erblickt; er geht ein in eben diese Gestalt und tritt aus ihr wieder hervor. (3) So weit die Sonne vorn (im Osten) aufgeht und hinten (im Westen) untergeht, so weit erstreckt sich die Herrschaft und Selbstherrschaft eben der Vasus. (4) [Anm.: Die genaue Himmelsrichtungslogik dieser Formel bleibt im Detail unsicher; sinngemäß wird der Herrschaftsbereich jeder Göttergruppe durch den Lauf der Sonne umschrieben.]

Wort für Wort
prathamam amṛtam
der erste unsterbliche Bereich
tad vasava upajīvanti
davon zehren die Vasus
agninā mukhena
mit Agni als Mund
na vai devā aśnanti na pivanti
die Götter essen ja nicht und trinken nicht
etad amṛtaṃ dṛṣṭvā tṛpyanti
sie werden satt, indem sie diesen unsterblichen Bereich erblicken
ta etad rūpam abhisaṃviśanti
sie gehen ein in diese Gestalt
etasmād udyanti
aus ihr treten sie hervor
yāvad ādityaḥ purastād udetā paścād astam etā
so weit die Sonne vorn aufgeht [und] hinten untergeht
vasūnām ādhipatyaṃ svārājyam
die Herrschaft und Selbstherrschaft der Vasus

atha yad dvitīyam amṛtaṃ tad rudrā upajīvantīndreṇa mukhena, na vai devā aśnanti na pivanty, etadevāmṛtaṃ dṛṣṭvā tṛpyanti (3.7.1). ta etadeva rūpam abhisaṃviśanty, etasmād vā apāt udyanti (3.7.2). sa ya etadevam amṛtaṃ veda, rudrāṇām evaiko bhūtvendreṇaiva mukhenaitad evāmṛtaṃ dṛṣṭvā tṛpyati, sa etadeva rūpam abhisaṃviśaty, etasmād vā apād udeti (3.7.3). sa yāvad ādityaḥ dakṣiṇata udetā, uttarato 'stam etā, tāvad rudrāṇām eva tāvad ādhipatyaṃ svārājyaṃ paryetā (3.7.4).

Nun, jener zweite unsterbliche Bereich – von ihm zehren die Rudras, mit Indra als Mund; die Götter essen ja nicht und trinken nicht, sie werden satt, indem sie eben diesen unsterblichen Bereich [nur] erblicken. (1) Sie gehen ein in eben diese Gestalt und treten aus ihr wieder hervor. (2) Wer diesen unsterblichen Bereich so kennt, wird selbst zu einem der Rudras; mit Indra gleichsam als Mund wird er satt ... (3) So weit die Sonne von Süden her aufgeht und nach Norden hin untergeht [?], so weit erstreckt sich die Herrschaft und Selbstherrschaft eben der Rudras. (4) [Anm.: Die Richtungsangabe "dakṣiṇataḥ ... uttarataḥ" ist knapp formuliert; die genaue geometrische Zuordnung (etwa auf die Sonnenwenden bezogen) bleibt unsicher.]

Wort für Wort
dvitīyam amṛtam
der zweite unsterbliche Bereich
tad rudrā upajīvanti
davon zehren die Rudras
indreṇa mukhena
mit Indra als Mund
yāvad ādityaḥ dakṣiṇata udetā uttarato 'stam etā
so weit die Sonne von Süden aufgeht [und] nach Norden untergeht [?]
rudrāṇām ādhipatyaṃ svārājyam
die Herrschaft und Selbstherrschaft der Rudras

atha yat tṛtīyam amṛtaṃ tad ādityā upajīvanti varuṇena mukhena, na vai devā aśnanti na pivanty, etadevāmṛtaṃ dṛṣṭvā tṛpyanti (3.8.1). ta etadeva rūpam abhisaṃviśanty, etasmād vā apāt udyanti (3.8.2). sa ya etadevam amṛtaṃ veda, ādityānām evaiko bhūtvā varuṇenaiva mukhenaitad evāmṛtaṃ dṛṣṭvā tṛpyati, sa etadeva rūpam abhisaṃviśaty, etasmād vā apād udeti (3.8.3). sa yāvad ādityo dakṣiṇata udetottarato 'stam etā, purastād astam etā, ādityānām eva tāvad ādhipatyaṃ svārājyaṃ paryetā (3.8.4).

Nun, jener dritte unsterbliche Bereich – von ihm zehren die Ādityas, mit Varuṇa als Mund ... [die gleiche Formel wie bei den vorangehenden Bereichen]. (1–3) So weit [reicht] – nach dieser knapp formulierten Richtungsangabe [?] – die Herrschaft und Selbstherrschaft eben der Ādityas. (4) [Anm.: Die Richtungsformel dieses Khaṇḍas ist im Quelltext besonders komprimiert und lässt sich nicht mit letzter Sicherheit in eine widerspruchsfreie Himmelsrichtungs-Geometrie auflösen; sinngemäß bleibt der Grundgedanke klar: Der Lauf der Sonne umschreibt den Herrschaftsbereich der jeweiligen Göttergruppe.]

Wort für Wort
tṛtīyam amṛtam
der dritte unsterbliche Bereich
tad ādityā upajīvanti
davon zehren die Ādityas
varuṇena mukhena
mit Varuṇa als Mund
ādityānām ādhipatyaṃ svārājyam
die Herrschaft und Selbstherrschaft der Ādityas

atha yac caturtham amṛtaṃ tan marata upajīvanti somena mukhena, na vai devā aśnanti na pivanty, etadevāmṛtaṃ dṛṣṭvā tṛpyanti (3.9.1). ta etadeva rūpam abhisaṃviśanty, etasmād vā apāt udyanti (3.9.2). sa ya etadevam amṛtaṃ veda, marutām evaiko bhūtvā somenaiva mukhenaitad evāmṛtaṃ dṛṣṭvā tṛpyati, sa etadeva rūpam abhisaṃviśaty, etasmād vā apād udeti (3.9.3). sa yāvad ādityaḥ paścād udetota uttarato 'stam etā [?], marutām eva tāvad ādhipatyaṃ svārājyaṃ paryetā (3.9.4).

Nun, jener vierte unsterbliche Bereich – von ihm zehren die Maruts, mit Soma als Mund ... [dieselbe Formel]. (1–3) So weit [reicht] die Herrschaft und Selbstherrschaft eben der Maruts. (4) [Anm.: Auch hier ist die genaue Richtungsformel im Quelltext schwer eindeutig zu entziffern; hier folgt die Übersetzung dem allgemeinen Muster der Parallelstellen.]

Wort für Wort
caturtham amṛtam
der vierte unsterbliche Bereich
tan marata upajīvanti
davon zehren die Maruts
somena mukhena
mit Soma als Mund
marutām ādhipatyaṃ svārājyam
die Herrschaft und Selbstherrschaft der Maruts

atha yat pañcamam amṛtaṃ tat sādhyā upajīvanti brahmaṇā mukhena, na vai devā aśnanti na pivanty, etadevāmṛtaṃ dṛṣṭvā tṛpyanti (3.10.1). ta etadeva rūpam abhisaṃviśanty, etasmād vā apāt udyanti (3.10.2). sa ya etadevam amṛtaṃ veda, sādhyānām evaiko bhūtvā brahmaṇaiva mukhenaitad evāmṛtaṃ dṛṣṭvā tṛpyati, sa etadeva rūpam abhisaṃviśaty, etasmād vā apād udeti (3.10.3). sa yāvad āditya uttarata udetā, dakṣiṇato 'stam etā, ūrdhvam etā, sādhyānām eva tāvad ādhipatyaṃ svārājyaṃ paryetā (3.10.4).

Nun, jener fünfte unsterbliche Bereich – von ihm zehren die Sādhyas, mit Brahman [dem Gott/Priester] als Mund ... [dieselbe Formel]. (1–3) So weit die Sonne von Norden her aufgeht, nach Süden hin untergeht [und] nach oben [ihren Lauf nimmt] – so weit erstreckt sich die Herrschaft und Selbstherrschaft eben der Sādhyas. (4) [Anm.: Dieser fünfte, dem Zenit zugeordnete Bereich schließt die Reihe der vier Himmelsrichtungen durch die Aufwärtsrichtung ab.]

Wort für Wort
pañcamam amṛtam
der fünfte unsterbliche Bereich
tat sādhyā upajīvanti
davon zehren die Sādhyas
brahmaṇā mukhena
mit Brahman als Mund
yāvad āditya uttarata udetā dakṣiṇato 'stam etā ūrdhvam etā
so weit die Sonne von Norden aufgeht, nach Süden untergeht, nach oben geht
sādhyānām ādhipatyaṃ svārājyam
die Herrschaft und Selbstherrschaft der Sādhyas

atha ta ūrdhva udyaty, naivodetā nāstam etaikala eva madhye sthātā, tad eṣa ślokaḥ (3.11.1): 'na vai tatra na nimlocati nodiyāya kadācana, devās tenāhaṃ satyena mā virādhiṣi brahmaṇā' iti (3.11.2). na ha vā asmā udeti na nimlocati, sakṛd divā haivāsmai bhavati, ya etām evaṃ brahmopaniṣadaṃ veda (3.11.3). tad dhaitad brahmā prajāpataye uvāca, prajāpatir manave, manuḥ prajābhyas, tad dhaitad uddālakāya āruṇaye jyeṣṭhāya putrāya pitā brahma provāca (3.11.4). idaṃ vāva taj jyeṣṭhāya putrāya pitā brahma prabrūyād āptāya vā antevāsine (3.11.5). nānyasmai kasmaicana, yady apy asmā imām adbhiḥ parigṛhītāṃ dhanasya pūrṇāṃ dadyāt, 'tato bhūya' iti, etad eva tato bhūya iti (3.11.6).

Nun, jener [Bereich], nach oben aufsteigend [d.h. jenseits der fünf Bereiche], geht weder auf noch unter, [sondern] steht allein in der Mitte. Dazu gibt es diesen Vers: (1) 'Dort geht sie [die Sonne] wahrlich nie unter noch je auf. Durch diese Wahrheit, ihr Götter, möge ich nicht getrennt werden vom Brahman!' (2) Für den, der so diese geheime Lehre (Upaniṣad) vom Brahman kennt, geht sie wahrlich weder auf noch unter – für ihn ist es ein einziger, ununterbrochener Tag. (3) Dies eben verkündete Brahmā dem Prajāpati, Prajāpati dem Manu, Manu seinen Geschöpfen; und dies eben verkündete als Vater dem Uddālaka Āruṇi, seinem ältesten Sohn, das Brahman. (4) Eben dies soll ein Vater seinem ältesten Sohn verkünden, das Brahman, oder einem geeigneten Schüler – (5) keinem anderen sonst, selbst wenn man ihm diese [ganze Erde], vom Meer umschlossen, voll von Reichtum, geben würde, [mit den Worten] 'das ist mehr wert als jenes' – eben dies ist mehr wert als jenes. (6)

Wort für Wort
ta ūrdhva udyati
jener [Bereich] geht nach oben auf [?]
naiva udetā na astam etā
geht weder auf noch unter
ekala eva madhye sthātā
steht ganz allein in der Mitte
na nimlocati na udiyāya kadācana
sie geht nie unter, sie ist nie aufgegangen
devās tena ahaṃ satyena
Götter, durch diese Wahrheit möge ich
mā virādhiṣi brahmaṇā
nicht getrennt werden vom Brahman
sakṛd divā haiva asmai bhavati
für ihn ist es ein einziger, ununterbrochener Tag
brahmopaniṣadaṃ veda
wer die geheime Lehre vom Brahman kennt
brahmā prajāpataye uvāca
Brahmā sprach zu Prajāpati
prajāpatir manave, manuḥ prajābhyaḥ
Prajāpati zu Manu, Manu zu seinen Geschöpfen
uddālakāya āruṇaye jyeṣṭhāya putrāya
zu Uddālaka Āruṇi, dem ältesten Sohn
āptāya vā antevāsine
oder einem geeigneten Schüler
adbhiḥ parigṛhītāṃ dhanasya pūrṇām
vom Meer umschlossen, voll von Reichtum

gāyatrī vā idaṃ sarvaṃ bhūtaṃ yad idaṃ kiṃ ca, vāg vai gāyatrī, vāg vā idaṃ sarvaṃ bhūtaṃ gāyati ca trāyate ca (3.12.1). yā vai sā gāyatrī, iyaṃ vāva sā yeyaṃ pṛthivī, asyāṃ hīdaṃ sarvaṃ bhūtaṃ pratiṣṭhitam, etām eva nātiśīyate (3.12.2). yā vai sā pṛthivī, idaṃ vāva tad yad idam asmin puruṣe śarīram, asmin hīme prāṇāḥ pratiṣṭhitā, etad eva nātiśīyante (3.12.3). yad dhaitat puruṣe śarīram, idaṃ vāva tad yad idam asminn antaḥ puruṣe hṛdayam, asmin hīme prāṇāḥ pratiṣṭhitā, etad eva nātiśīyante (3.12.4). saiṣā catuṣpadā ṣaḍvidhā gāyatrī, tad etac chandaso 'nūcānam (3.12.5): 'tāvān asya mahimā, tato jyāyāṃś ca pūruṣaḥ, pādo 'sya sarvā bhūtāni, tripād asyāmṛtaṃ divi' (3.12.6). yad dhaitad brahmeti, idaṃ vāva tad yo 'yaṃ bahirdhā puruṣād ākāśo, yo vai sa bahirdhā puruṣād ākāśaḥ (3.12.7). ayaṃ vāva sa yo 'yam antaḥ puruṣa ākāśo, yo vai so 'ntaḥ puruṣa ākāśaḥ (3.12.8). ayaṃ vāva sa yo 'yam antar hṛdaya ākāśaḥ, tad etat pūrṇam apravarti, pūrṇām apravartinīṃ śriyaṃ labhate ya evaṃ veda (3.12.9).

Die Gāyatrī ist wahrlich all dies, was hier existiert; denn die Sprache (Vāc) ist die Gāyatrī, und die Sprache besingt (gāyati) und beschützt (trāyate) wahrlich all dies, was existiert. (1) Diese Gāyatrī, das ist eben diese Erde hier; denn auf ihr ruht all dies, was existiert, [und] geht nicht über sie hinaus. (2) Diese Erde, das ist eben dieser Körper hier in diesem Menschen; denn in ihm ruhen diese Atem-Kräfte, [und] gehen nicht über ihn hinaus. (3) Dieser Körper im Menschen, das ist eben dieses Herz hier im Inneren dieses Menschen; denn in ihm ruhen diese Atem-Kräfte, [und] gehen nicht über es hinaus. (4) Dies ist jene vierfüßige, sechsteilige Gāyatrī; so ist dieses Versmaß [in der folgenden Strophe] nachgesprochen worden [Anm.: "chandaso 'nūcānam" – die genaue grammatische Konstruktion ist knapp; sinngemäß: das Versmaß wird im folgenden Spruch weitergegeben]: (5) 'So groß ist seine Größe, und noch größer als das ist der Puruṣa (Urmensch): ein Viertel von ihm sind alle Wesen, drei Viertel [von ihm sind] das Unsterbliche im Himmel.' [Anm.: Dies ist ein wörtlich zitierter Vers des berühmten Puruṣa-Sūkta (vgl. Ṛgveda 10,90,3).] (6) Das, was 'Brahman' genannt wird – das eben ist dieser Raum (Ākāśa), der außerhalb des Menschen ist; jener Raum, der außerhalb des Menschen ist – (7) das eben ist derselbe wie dieser Raum, der innerhalb des Menschen ist; jener Raum, der innerhalb des Menschen ist – (8) das eben ist derselbe wie dieser Raum, der innerhalb des Herzens ist. Dieser [Raum] ist voll und unbeweglich/unvergänglich; wer [ihn] als voll und unbeweglich kennt, erlangt Glanz (Śrī). (9)

Wort für Wort
gāyatrī vā idaṃ sarvaṃ bhūtam
die Gāyatrī ist wahrlich all dies, was existiert
vāg vai gāyatrī
die Sprache ist die Gāyatrī
gāyati ca trāyate ca
sie besingt und beschützt
iyaṃ vāva sā yeyaṃ pṛthivī
das ist eben diese Erde hier
asmin puruṣe śarīram
der Körper in diesem Menschen
antaḥ puruṣe hṛdayam
das Herz im Inneren des Menschen
catuṣpadā ṣaḍvidhā gāyatrī
die vierfüßige, sechsteilige Gāyatrī
tāvān asya mahimā
so groß ist seine Größe
tato jyāyāṃś ca pūruṣaḥ
und größer noch als das ist der Puruṣa
pādo 'sya sarvā bhūtāni
ein Viertel von ihm sind alle Wesen
tripād asya amṛtaṃ divi
drei Viertel von ihm sind das Unsterbliche im Himmel
bahirdhā puruṣād ākāśaḥ
der Raum außerhalb des Menschen
antaḥ puruṣa ākāśaḥ
der Raum innerhalb des Menschen
antar hṛdaya ākāśaḥ
der Raum innerhalb des Herzens
pūrṇam apravarti
voll und unbeweglich/unvergänglich
śriyaṃ labhate ya evaṃ veda
erlangt Glanz, wer dies so weiß

tasya ha vā etasya hṛdayasya pañca devasuṣayaḥ (3.13.1). sa yo 'sya prāṅ suṣiḥ, sa prāṇaḥ, tac cakṣuḥ, sa ādityaḥ, tad etat tejo 'nnādyam ity upāsīta, tejasvy annādo bhavati ya evaṃ veda (3.13.2). atha yo 'sya dakṣiṇaḥ suṣiḥ, sa vyānaḥ, tac chrotraṃ, sa candramāḥ, tad etac chrīś ca yaśaś ceti upāsīta, śrīmān yaśasvī bhavati ya evaṃ veda (3.13.3). atha yo 'sya pratyaṅ suṣiḥ, so 'pānaḥ, sā vāk, so 'gniḥ, tad etad brahmavarcasam annādyam ity upāsīta, brahmavarcasy annādo bhavati ya evaṃ veda (3.13.4). atha yo 'syodaṅ suṣiḥ, sa samānaḥ, tan manaḥ, sa parjanyaḥ, tad etat kīrtiś ca vyuṣṭiś ceti upāsīta, kīrtimān vyuṣṭimān bhavati ya evaṃ veda (3.13.5). atha yo 'syordhvaḥ suṣiḥ, sa udānaḥ, sa vāyuḥ, sa ākāśaḥ, tad ojaś ca mahaś ceti upāsīta, ojasvī mahasvān bhavati ya evaṃ veda (3.13.6). te vā ete pañca brahmapuruṣāḥ svargasya lokasya dvārapāḥ; sa ya etān evaṃ pañca brahmapuruṣān svargasya lokasya dvārapān veda, asya kule vīro jāyate, pratipadyate svargaṃ lokaṃ, ya etān evaṃ pañca brahmapuruṣān svargasya lokasya dvārapān veda (3.13.6-7). atha yad ataḥ paro divo jyotir dīpyate, viśvataḥ pṛṣṭheṣu, sarvataḥ pṛṣṭheṣu, anuttameṣu uttameṣu lokeṣu, idaṃ vāva tad yad idam asminn antaḥ puruṣe jyotiḥ (3.13.7). tasyaiṣā dṛṣṭir, yatraitad asmiñ charīre saṃsparśenoṣṇimānaṃ vijānāti; tasyaiṣā śrutir, yadaitat karṇāv apigṛhya ninadam iva, nadathur ivāgner iva jvalata upaśṛṇoti; tad etad dṛṣṭaṃ ca śrutaṃ ca ity upāsīta, cakṣuṣyaḥ śruto bhavati ya evaṃ veda (3.13.8).

Von diesem Herzen gibt es wahrlich fünf göttliche Öffnungen. (1) Nun, jene Öffnung von ihm, die nach Osten [gerichtet ist] – das ist der Atem (Prāṇa), das ist das Auge, das ist die Sonne; man soll das als Glanz und Speisegenuss verehren – wer dies so weiß, wird glänzend und ein Speisenesser. (2) Nun, jene Öffnung, die nach Süden [gerichtet ist] – das ist der Ausatem (Vyāna), das ist das Ohr, das ist der Mond; man soll das als Glück (Śrī) und Ruhm verehren – wer dies so weiß, wird glücklich und ruhmreich. (3) Nun, jene Öffnung, die nach Westen [gerichtet ist] – das ist der Abatem (Apāna), das ist die Sprache, das ist das Feuer; man soll das als heilige Glut (Brahmavarcas) und Speisegenuss verehren – wer dies so weiß, wird von heiliger Glut erfüllt und ein Speisenesser. (4) Nun, jene Öffnung, die nach Norden [gerichtet ist] – das ist der Gleichatem (Samāna), das ist der Geist, das ist Parjanya (der Regengott); man soll das als Berühmtheit und Aufblühen verehren – wer dies so weiß, wird berühmt und blühend. (5) Nun, jene Öffnung, die nach oben [gerichtet ist] – das ist der Aufatem (Udāna), das ist der Wind, das ist der Raum; man soll das als Kraft (Ojas) und Größe (Mahas) verehren – wer dies so weiß, wird kraftvoll und groß. (6) Diese fünf nun sind die Brahman-Männer, die Torhüter der Himmelswelt; wer diese fünf Brahman-Männer so als Torhüter der Himmelswelt kennt, in dessen Geschlecht wird ein Held geboren, und er selbst gelangt in die Himmelswelt, wer diese fünf Brahman-Männer so als Torhüter der Himmelswelt kennt. (6–7) Nun, jenes Licht, das jenseits des Himmels leuchtet, auf den Rücken aller Dinge, auf den Rücken von allem, in den höchsten Welten, über die hinaus es keine höheren gibt – das eben ist dasselbe wie jenes Licht, das hier im Inneren des Menschen ist. (7) Davon gibt es diesen sichtbaren Beweis: wenn man in diesem Körper durch Berührung Wärme wahrnimmt, [das ist sein 'Sehen']; davon gibt es diesen hörbaren Beweis: wenn man, die Ohren zuhaltend, etwas wie ein dumpfes Dröhnen hört, wie ein Brausen, wie das Prasseln eines lodernden Feuers – das soll man als das so Gesehene und Gehörte verehren; wer dies so weiß, wird ansehnlich und wohlberühmt (in Ansehen wie in gutem Ruf stehend). (8)

Wort für Wort
hṛdayasya pañca devasuṣayaḥ
des Herzens fünf göttliche Öffnungen
prāṅ suṣiḥ, sa prāṇaḥ, tac cakṣuḥ, sa ādityaḥ
die östliche Öffnung: das ist Atem, Auge, Sonne
tejo 'nnādyam ity upāsīta
man verehre das als Glanz und Speise
dakṣiṇaḥ suṣiḥ, sa vyānaḥ, tac chrotram, sa candramāḥ
die südliche Öffnung: Ausatem, Ohr, Mond
śrīś ca yaśaś ca
Glück und Ruhm
pratyaṅ suṣiḥ, so 'pānaḥ, sā vāk, so 'gniḥ
die westliche Öffnung: Abatem, Sprache, Feuer
brahmavarcasam annādyam
heilige Glut und Speise
udaṅ suṣiḥ, sa samānaḥ, tan manaḥ, sa parjanyaḥ
die nördliche Öffnung: Gleichatem, Geist, Parjanya
kīrtiś ca vyuṣṭiś ca
Berühmtheit und Aufblühen
ūrdhvaḥ suṣiḥ, sa udānaḥ, sa vāyuḥ, sa ākāśaḥ
die obere Öffnung: Aufatem, Wind, Raum
ojaś ca mahaś ca
Kraft und Größe
pañca brahmapuruṣāḥ svargasya lokasya dvārapāḥ
die fünf Brahman-Männer, Torhüter der Himmelswelt
asya kule vīro jāyate
in seinem Geschlecht wird ein Held geboren
ataḥ paro divo jyotir dīpyate
jenes Licht, das jenseits des Himmels leuchtet
antaḥ puruṣe jyotiḥ
das Licht im Inneren des Menschen
saṃsparśena uṣṇimānaṃ vijānāti
durch Berührung Wärme erkennt
karṇāv apigṛhya ninadam iva upaśṛṇoti
die Ohren zuhaltend etwas wie ein Dröhnen hört
cakṣuṣyaḥ śruto bhavati
wird ansehnlich und wohlberühmt

sarvaṃ khalv idaṃ brahma, tajjalān iti śānta upāsīta (3.14.1). atha khalu kratumayaḥ puruṣo, yathākratur asmiṃl loke puruṣo bhavati, tathetaḥ pretya bhavati, sa kratuṃ kurvīta (3.14.1). manomayaḥ prāṇaśarīro bhārūpaḥ satyasaṃkalpa ākāśātmā sarvakarmā sarvakāmaḥ sarvagandhaḥ sarvarasaḥ, sarvam idam abhyatto 'vākyanādaraḥ (3.14.2). eṣa ma ātmāntar hṛdaye 'ṇīyān vrīher vā yavād vā sarṣapād vā śyāmākād vā śyāmākataṇḍulād vā, eṣa ma ātmāntar hṛdaye jyāyān pṛthivyā jyāyān antarikṣāj jyāyān divo, jyāyān ebhyo lokebhyaḥ (3.14.3). sarvakarmā sarvakāmaḥ sarvagandhaḥ sarvarasaḥ, sarvam idam abhyatto 'vākyanādaraḥ, eṣa ma ātmāntar hṛdaye, etad brahma, etam itaḥ pretyābhisaṃbhavitāsmīti, yasya syād addhā na vicikitsāsti, iti ha smāha śāṇḍilyaḥ, śāṇḍilyaḥ (3.14.4).

Fürwahr, all dies hier ist Brahman; man soll es still (gelassen) verehren als das, woraus [alles] entsteht (ja), worin [alles] sich auflöst (la), und in dem [alles] atmet (an) [Anm.: "tajjalān" wird hier als etymologisierende Zusammenziehung aus ja(yate)+la(yate)+an(iti) gedeutet, wie es die philologische Tradition tut; der Quelltext selbst erläutert dies nicht ausdrücklich]. (1) Nun ist der Mensch fürwahr aus Willen/Vorsatz (Kratu) gemacht: wie sein Wille in dieser Welt ist, so wird er, wenn er von hier geschieden ist; darum bilde man seinen Willen. (1) [Er ist] geistgemacht, atemleibig, lichtgestaltig, von wahrhaftigem Vorsatz, raumbeseelt, allwirkend, allbegehrend, allriechend, allschmeckend, all dies umfassend, nicht sprechend, unbekümmert. (2) Dieses mein Selbst im Innersten des Herzens ist kleiner als ein Reiskorn, oder ein Gerstenkorn, oder ein Senfkorn, oder ein Hirsekorn, oder der Kern eines Hirsekorns; dieses mein Selbst im Innersten des Herzens ist größer als die Erde, größer als der Luftraum, größer als der Himmel, größer als diese [ganzen] Welten. (3) Allwirkend, allbegehrend, allriechend, allschmeckend, all dies umfassend, nicht sprechend, unbekümmert – dieses mein Selbst im Innersten des Herzens, das ist dieses Brahman; wenn ich von hier geschieden bin, werde ich in dieses eingehen (mit ihm eins werden) – wer dies [in Gewissheit] hat, für den gibt es gewiss keinen Zweifel mehr. So pflegte Śāṇḍilya zu sagen, Śāṇḍilya. (4)

Wort für Wort
sarvaṃ khalv idaṃ brahma
fürwahr, all dies hier ist Brahman
tajjalān iti śānta upāsīta
man verehre es still als das Woraus-Entstehen-Worin-Vergehen-Worin-Atmen [?]
kratumayaḥ puruṣaḥ
der Mensch [ist] aus Willen/Vorsatz gemacht
yathākratur ... tathetaḥ pretya bhavati
wie sein Wille [ist], so wird er nach dem Scheiden
sa kratuṃ kurvīta
er bilde [also] seinen Willen
manomayaḥ prāṇaśarīraḥ bhārūpaḥ
geistgemacht, atemleibig, lichtgestaltig
satyasaṃkalpaḥ ākāśātmā
von wahrhaftigem Vorsatz, raumbeseelt
sarvakarmā sarvakāmaḥ sarvagandhaḥ sarvarasaḥ
allwirkend, allbegehrend, allriechend, allschmeckend
eṣa ma ātmā antar hṛdaye
dies mein Selbst im Innersten des Herzens
aṇīyān vrīher vā yavād vā sarṣapād vā
kleiner als ein Reis-, Gersten- oder Senfkorn
jyāyān pṛthivyā ... jyāyān ebhyo lokebhyaḥ
größer als die Erde ... größer als diese Welten
etad brahma
das ist dieses Brahman
etam itaḥ pretya abhisaṃbhavitā asmi
in dieses werde ich nach dem Scheiden eingehen
na vicikitsā asti
es gibt keinen Zweifel
iti ha sma āha śāṇḍilyaḥ
so pflegte Śāṇḍilya zu sagen

antarikṣodaraḥ kośo bhūmibudhno na jīryati, diśo hy asya sraktayo, dyaur asyottaraṃ bilam, sa eṣa kośo vasudhānaḥ, tasmin viśvam idaṃ śritam (3.15.1). tasya prācī dig juhūr nāma, sahamānā nāma dakṣiṇā, rājñī nāma pratīcī, subhūtā nāmodīcī; tāsāṃ vāyur vatsaḥ, sa ya etam evaṃ vāyuṃ diśāṃ vatsaṃ veda na putraroda rodati, so 'ham etam evaṃ vāyuṃ diśāṃ vatsaṃ veda, mā putrarodaṃ rudam (3.15.2). ariṣṭaṃ kośaṃ prapadye 'munāmunāmunā (3.15.3). prāṇaṃ prapadye 'munāmunāmunā, bhūḥ prapadye 'munāmunāmunā, bhuvaḥ prapadye 'munāmunāmunā, svaḥ prapadye 'munāmunāmunā (3.15.3). sa yad avocaṃ prāṇaṃ prapadya iti, prāṇo vā idaṃ sarvaṃ bhūtaṃ yad idaṃ kiṃ ca, tam eva tat prāptiḥ (3.15.4). atha yad avocaṃ bhūḥ prapadya iti, pṛthivīṃ prapade, antarikṣaṃ prapade, divaṃ prapada ity eva tad avocam (3.15.5). atha yad avocaṃ bhuvaḥ prapadya iti, agniṃ prapade, vāyuṃ prapade, ādityaṃ prapada ity eva tad avocam (3.15.6). atha yad avocaṃ svaḥ prapadya iti, ṛgvedaṃ prapade, yajurvedaṃ prapade, sāmavedaṃ prapada ity eva tad avocaṃ tad avocam (3.15.7).

Eine Schatzkammer, deren Bauch der Luftraum ist, deren Grund die Erde ist, altert nicht; ihre Kanten sind die Himmelsrichtungen, der Himmel ist ihre obere Öffnung; dies ist jene Schatzkammer, die Behausung der Güter, in der all dies [was existiert] ruht. (1) Ihre östliche Richtung heißt Juhū ('die Rufende/die Opferkelle'), die südliche heißt Sahamānā ('die Überwältigende'), die westliche heißt Rājñī ('die Königin'), die nördliche heißt Subhūtā ('die Wohlgedeihende'); ihr [aller] Kalb ist der Wind. Wer diesen Wind so als das Kalb der Himmelsrichtungen kennt, weint nicht das Weinen um einen [verlorenen] Sohn – [er spreche:] 'Ich, der ich diesen Wind so als das Kalb der Himmelsrichtungen kenne – möge ich nicht das Weinen um einen Sohn weinen!' (2) [Rezitationsformel:] 'Ich nehme Zuflucht zur unversehrten Schatzkammer, [für] den und den, den und den' [Anm.: "amunāmunāmunā" ist eine rituelle Leerstelle, in die bei der Rezitation der Name der begünstigten Person eingesetzt wird]. (3) 'Ich nehme Zuflucht zum Atem (Prāṇa), für den und den ...' 'Ich nehme Zuflucht zu Bhūḥ [der Erdenwelt], für den und den ...' 'Ich nehme Zuflucht zu Bhuvaḥ [der Luftwelt], für den und den ...' 'Ich nehme Zuflucht zu Svaḥ [der Himmelswelt], für den und den ...' (3) Wenn ich sagte 'ich nehme Zuflucht zum Atem' – der Atem ist wahrlich all dies, was hier existiert; das [Wort] ist ein Erreichen eben dessen [des Atems als des Alls]. (4) Wenn ich sagte 'ich nehme Zuflucht zu Bhūḥ' – so meinte ich damit: ich nehme Zuflucht zur Erde, ich nehme Zuflucht zum Luftraum, ich nehme Zuflucht zum Himmel. (5) Wenn ich sagte 'ich nehme Zuflucht zu Bhuvaḥ' – so meinte ich damit: ich nehme Zuflucht zum Feuer, ich nehme Zuflucht zum Wind, ich nehme Zuflucht zur Sonne. (6) Wenn ich sagte 'ich nehme Zuflucht zu Svaḥ' – so meinte ich damit: ich nehme Zuflucht zum Ṛgveda, ich nehme Zuflucht zum Yajurveda, ich nehme Zuflucht zum Sāmaveda – das meinte ich damit, das meinte ich damit. (7)

Wort für Wort
antarikṣodaraḥ kośo bhūmibudhnaḥ
eine Schatzkammer mit Luftraum-Bauch und Erd-Grund
na jīryati
sie altert nicht
diśo hy asya sraktayaḥ
die Himmelsrichtungen sind ihre Kanten
dyaur asya uttaraṃ bilam
der Himmel ist ihre obere Öffnung
vasudhānaḥ
die Behausung der Güter
viśvam idaṃ śritam
all dies [was existiert] ruht [darin]
prācī dig juhūr nāma
die östliche Richtung heißt Juhū
sahamānā ... rājñī ... subhūtā
Sahamānā (Süden), Rājñī (Westen), Subhūtā (Norden)
tāsāṃ vāyur vatsaḥ
ihr [aller] Kalb ist der Wind
na putrarodaṃ rodati
er weint nicht das Weinen um einen Sohn
ariṣṭaṃ kośaṃ prapadye
ich nehme Zuflucht zur unversehrten Schatzkammer
amunāmunāmunā
[Leerstelle für den Namen des Begünstigten]
prāṇaṃ / bhūḥ / bhuvaḥ / svaḥ prapadye
ich nehme Zuflucht zum Atem / zu Bhūḥ / Bhuvaḥ / Svaḥ
prāṇo vā idaṃ sarvaṃ bhūtam
der Atem ist wahrlich all dies, was existiert
pṛthivīṃ ... antarikṣaṃ ... divaṃ prapade
ich nehme Zuflucht zur Erde, zum Luftraum, zum Himmel
agniṃ ... vāyuṃ ... ādityaṃ prapade
ich nehme Zuflucht zum Feuer, zum Wind, zur Sonne
ṛgvedaṃ ... yajurvedaṃ ... sāmavedaṃ prapade
ich nehme Zuflucht zum Ṛg-, Yajur-, Sāmaveda

puruṣo vāva yajñaḥ, tasya yāni caturviṃśati varṣāṇi tat prātaḥsavanam, caturviṃśatyakṣarā gāyatrī, gāyatraṃ prātaḥsavanam, tad asya vasavo 'nvāyattāḥ, prāṇā vāva vasava, ete hīdaṃ sarvaṃ vāsayanti (3.16.1). taṃ ced etasmin vayasi kiṃcid upatapet, sa brūyāt: 'prāṇā vasava, idaṃ me prātaḥsavanaṃ mādhyaṃdinaṃ savanam anusaṃtatam' iti, mā ham prāṇānāṃ vasūnāṃ madhye yajño vilopsīya iti, uddhaiva tata ety agado ha bhavati (3.16.2). atha yāni catuścatvāriṃśac chārdūrṣāṇi [?], tan mādhyaṃdinaṃ savanam, catuścatvāriṃśadakṣarā triṣṭup, traiṣṭubham mādhyaṃdinaṃ savanam, tad asya rudrā anvāyattāḥ, prāṇā vāva rudrāḥ, ete hīdaṃ sarvaṃ rodayanti (3.16.3). taṃ ced etasmin vayasi kiṃcid upatapet, sa brūyāt: 'prāṇā rudrā, idaṃ me mādhyaṃdinaṃ savanaṃ tṛtīyasavanam anusaṃtatam' iti, mā ham prāṇānāṃ rudrāṇāṃ madhye yajño vilopsīya iti, uddhaiva tata ety agado ha bhavati (3.16.4). atha yāny aṣṭācatvāriṃśac chārdūrṣāṇi [?], tat tṛtīyasavanam, aṣṭācatvāriṃśadakṣarā jagatī, jāgataṃ tṛtīyasavanam, tad asyādityā anvāyattāḥ, prāṇā vāvādityāḥ, ete hīdaṃ sarvam ādadate (3.16.5). taṃ ced etasmin vayasi kiṃcid upatapet, sa brūyāt: 'prāṇā ādityā, idaṃ me tṛtīyasavanam āyur anusaṃtatam' iti, mā ham prāṇānām ādityānāṃ madhye yajño vilopsīya iti, uddhaiva tata ety agado haiva bhavati (3.16.6). etad dha sma vai tad vidvān āha mahidāsa aitareyaḥ: 'sa kiṃ ma etad upatapasi, yo 'ham anena na preṣyāmi' iti, sa ha ṣoḍaśaṃ varṣaśatam ajīvat, sa ha ṣoḍaśaṃ varṣaśataṃ jīvati ya evaṃ veda (3.16.7).

Der Mensch ist wahrlich das Opfer. Seine [ersten] vierundzwanzig Lebensjahre sind die Morgenpressung – da die Gāyatrī vierundzwanzig Silben hat, ist die Morgenpressung dem Gāyatra-Gesang zugeordnet; darauf beruhen bei ihm die Vasus, denn die Atemkräfte sind ja die Vasus, denn sie lassen all dies [im Körper] wohnen. (1) Wenn ihn in diesem Lebensalter etwas Krankheit befällt, so spreche er: 'Ihr Atemkräfte, ihr Vasus, lasset diese meine Morgenpressung sich fortsetzen bis zur Mittagspressung; möge ich, das Opfer, nicht inmitten der Atemkräfte, der Vasus, zunichtewerden!' – und daraufhin erhebt er sich wahrlich davon und wird gesund. (2) Nun, die folgenden vierundvierzig Jahre [Anm.: "catuścatvāriṃśac chārdūrṣāṇi" – die genaue Lesung dieses Kompositums bleibt unsicher, sinngemäß "vierundvierzig Jahre"] sind die Mittagspressung – da die Triṣṭubh vierundvierzig Silben hat, ist die Mittagspressung dem Traiṣṭubha-Gesang zugeordnet; darauf beruhen bei ihm die Rudras, denn die Atemkräfte sind ja die Rudras, denn sie lassen all dies weinen/schmerzen. (3) Wenn ihn in diesem Lebensalter etwas Krankheit befällt, so spreche er: 'Ihr Atemkräfte, ihr Rudras, lasset diese meine Mittagspressung sich fortsetzen bis zur dritten Pressung; möge ich, das Opfer, nicht inmitten der Atemkräfte, der Rudras, zunichtewerden!' – und daraufhin erhebt er sich davon und wird gesund. (4) Nun, die folgenden achtundvierzig Jahre [?] sind die dritte Pressung – da die Jagatī achtundvierzig Silben hat, ist die dritte Pressung dem Jāgata-Gesang zugeordnet; darauf beruhen bei ihm die Ādityas, denn die Atemkräfte sind ja die Ādityas, denn sie nehmen all dies [am Ende] hinweg. (5) Wenn ihn in diesem Lebensalter etwas Krankheit befällt, so spreche er: 'Ihr Atemkräfte, ihr Ādityas, lasset diese meine dritte Pressung sich fortsetzen bis zum [Ende meiner] Lebensspanne; möge ich, das Opfer, nicht inmitten der Atemkräfte, der Ādityas, zunichtewerden!' – und daraufhin erhebt er sich davon und wird gesund. (6) Eben dies pflegte Mahidāsa Aitareya, der dies wusste, zu sagen: 'Was quälst du mich damit, da ich [ohnehin] nicht daran sterben werde?' Er lebte hundertsechzehn Jahre; wer dies so weiß, lebt hundertsechzehn Jahre. (7)

Wort für Wort
puruṣo vāva yajñaḥ
der Mensch ist wahrlich das Opfer
caturviṃśati varṣāṇi ... prātaḥsavanam
vierundzwanzig Jahre ... die Morgenpressung
gāyatrī caturviṃśatyakṣarā
die Gāyatrī hat vierundzwanzig Silben
prāṇā vāva vasavaḥ
die Atemkräfte sind wahrlich die Vasus
ete hīdaṃ sarvaṃ vāsayanti
sie lassen all dies wohnen
kiṃcid upatapet
wenn ihn etwas an Krankheit befällt
mā haṃ ... yajño vilopsīya
möge ich, das Opfer, nicht zunichtewerden
agado ha bhavati
er wird gesund
catuścatvāriṃśadakṣarā triṣṭup
die Triṣṭubh hat vierundvierzig Silben
prāṇā vāva rudrāḥ
die Atemkräfte sind wahrlich die Rudras
aṣṭācatvāriṃśadakṣarā jagatī
die Jagatī hat achtundvierzig Silben
prāṇā vāva ādityāḥ
die Atemkräfte sind wahrlich die Ādityas
ete hīdaṃ sarvam ādadate
sie nehmen all dies hinweg
mahidāsa aitareyaḥ
Mahidāsa Aitareya
ṣoḍaśaṃ varṣaśatam ajīvat
er lebte hundertsechzehn Jahre

sa yad aśiśiṣati, yat pipāsati, yan na ramate, tā asya dīkṣāḥ (3.17.1). atha yad aśnāti, yat pibati, yad ramate, tad upasadair eti (3.17.2). atha yad dhasati, yaj jakṣati, yan maithunaṃ carati, stutaśastrair eva tad eti (3.17.3). atha yat tapo dānam ārjavam ahiṃsā satyavacanam iti, tā asya dakṣiṇāḥ (3.17.4). tasmād āhuḥ 'soṣyati' 'asoṣata' iti, punarutpādanam evāsya, tan maraṇam evāvabhṛthaḥ (3.17.5). tad dhaitad ghora āṅgirasaḥ kṛṣṇāya devakīputrāyoktvovāca, apipāsa eva sa babhūva; so 'ntavelāyām etat trayaṃ pratipadyeta: 'akṣitam asi, acyutam asi, prāṇasaṃśitam asi' iti; tatraite dve ṛcau bhavataḥ (3.17.6): '[?] ādityablasya retasaḥ, ud vayaṃ tamasas pari, jyotiḥ paśyanta uttaraṃ, svaḥ paśyanta uttaraṃ, devaṃ devatrā sūryam aganma, jyotir uttamam' iti, 'jyotir uttamam' iti (3.17.7).

Dass er hungert, dass er dürstet, dass er sich nicht [an Genüssen] erfreut – das sind seine [rituellen] Weihen (Dīkṣā). (1) Nun, dass er isst, dass er trinkt, dass er sich erfreut – das entspricht den Upasad-Riten. (2) Nun, dass er lacht, dass er genießt/isst, dass er sich geschlechtlich vereint – das entspricht eben den Lobliedern und Rezitationssprüchen (Stuta und Śastra). (3) Nun, Askese, Freigebigkeit, Aufrichtigkeit, Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit – das sind seine Opfergaben (Dakṣiṇās). (4) Daher sagt man: 'er wird gebären/hervorbringen', 'er hat hervorgebracht' – das [Hervorbringen eines Kindes] ist eben seine Wiedergeburt (Wiedererzeugung); sein Sterben eben ist das abschließende Reinigungsbad (Avabhṛtha) [des Opfers]. (5) Dies eben verkündete Ghora Āṅgirasa dem Kṛṣṇa, dem Sohn der Devakī; und der [Kṛṣṇa] wurde dadurch frei von [allem] Dürsten (Begehren). Am Ende [seines Lebens] soll man zu diesen drei [Worten] Zuflucht nehmen: 'Du bist der Unvergängliche, du bist der Unerschütterliche, du bist der vom Atem Geschärfte.' Dazu gehören diese zwei Ṛc-Verse: (6) [Anm.: Der Beginn dieses Verses ist im Quelltext nicht mit Sicherheit zu entziffern; sinngemäß etwa 'aus der Kraft/dem Samen des Sonnenglanzes'.] 'Wir sind emporgestiegen aus der Finsternis, das höhere Licht erblickend, den höheren Himmel erblickend, sind zum Gott unter den Göttern, zur Sonne gegangen, dem höchsten Licht' – 'dem höchsten Licht.' [Anm.: Dieser zweite Teil entspricht einem bekannten Vers des Ṛgveda (1,50,10).] (7)

Wort für Wort
sa yad aśiśiṣati yat pipāsati yan na ramate
dass er hungert, dürstet, sich nicht erfreut
tā asya dīkṣāḥ
das sind seine Weihen
yad aśnāti yat pibati yad ramate
dass er isst, trinkt, sich erfreut
upasadair eti
entspricht den Upasad-Riten
yad dhasati yaj jakṣati yan maithunaṃ carati
dass er lacht, genießt, sich geschlechtlich vereint
stutaśastrair eva tad eti
entspricht eben den Lob- und Rezitationssprüchen
tapo dānam ārjavam ahiṃsā satyavacanam
Askese, Freigebigkeit, Aufrichtigkeit, Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit
tā asya dakṣiṇāḥ
das sind seine Opfergaben
punarutpādanam evāsya
das ist eben seine Wiedererzeugung
tan maraṇam evāvabhṛthaḥ
sein Sterben ist eben das abschließende Reinigungsbad
ghora āṅgirasaḥ kṛṣṇāya devakīputrāya uvāca
Ghora Āṅgirasa verkündete es Kṛṣṇa, dem Sohn der Devakī
apipāsa eva sa babhūva
er wurde frei vom Dürsten
antavelāyām etat trayaṃ pratipadyeta
am Lebensende nehme man Zuflucht zu diesen drei [Worten]
akṣitam asi acyutam asi prāṇasaṃśitam asi
du bist der Unvergängliche, der Unerschütterliche, der vom Atem Geschärfte
ud vayaṃ tamasas pari
wir sind emporgestiegen aus der Finsternis
jyotiḥ paśyanta uttaram
das höhere Licht erblickend
devaṃ devatrā sūryam aganma
sind zum Gott unter den Göttern, zur Sonne, gegangen
jyotir uttamam
das höchste Licht

mano brahmety upāsīta, ity adhyātmam; athādhidaivatam, ākāśo brahmeti; ubhayam ādiṣṭaṃ bhavaty adhyātmaṃ cādhidaivataṃ ca (3.18.1). tad etac catuṣpād brahma, vākpādaḥ, prāṇaḥ pādaḥ, cakṣuḥ pādaḥ, śrotraṃ pāda ity adhyātmam; athādhidaivatam, agniḥ pādo, vāyuḥ pādo, ādityaḥ pādo, diśaḥ pāda ity ubhayam evādiṣṭaṃ bhavaty adhyātmaṃ caivādhidaivataṃ ca (3.18.2). vāg eva brahmaṇaś caturthaḥ pādaḥ, so 'gninā jyotiṣā bhāti ca tapati ca, bhāti ca tapati ca kīrtyā yaśasā brahmavarcasena ya evaṃ veda (3.18.3). prāṇa eva brahmaṇaś caturthaḥ pādaḥ, sa vāyunā jyotiṣā bhāti ca tapati ca, bhāti ca tapati ca kīrtyā yaśasā brahmavarcasena ya evaṃ veda (3.18.4). cakṣur eva brahmaṇaś caturthaḥ pādaḥ, sa ādityena jyotiṣā bhāti ca tapati ca, bhāti ca tapati ca kīrtyā yaśasā brahmavarcasena ya evaṃ veda (3.18.5). śrotram eva brahmaṇaś caturthaḥ pādaḥ, sa digbhir jyotiṣā bhāti ca tapati ca, bhāti ca tapati ca kīrtyā yaśasā brahmavarcasena ya evaṃ veda, ya evaṃ veda (3.18.6).

'Der Geist (Manas) ist Brahman' – so soll man [ihn] verehren – dies mit Bezug auf das Selbst (Adhyātma); nun mit Bezug auf die Gottheiten (Adhidaivata): 'der Raum (Ākāśa) ist Brahman'; beide [Lehren] werden so gegeben, die auf das Selbst und die auf die Gottheiten bezogene. (1) Dieses Brahman hat vier Füße: Sprache ist ein Fuß, Atem ist ein Fuß, das Auge ist ein Fuß, das Ohr ist ein Fuß – dies mit Bezug auf das Selbst; nun mit Bezug auf die Gottheiten: Feuer ist ein Fuß, Wind ist ein Fuß, die Sonne ist ein Fuß, die Himmelsrichtungen sind ein Fuß – beide [Lehren] werden so gegeben, die auf das Selbst und die auf die Gottheiten bezogene. (2) Die Sprache eben ist der vierte Fuß des Brahman; sie leuchtet und glüht durch das Feuer als ihr Licht – sie leuchtet und glüht, mit Berühmtheit, Ruhm und heiliger Glut, [bei dem], wer dies so weiß. (3) Der Atem eben ist der vierte Fuß des Brahman; er leuchtet und glüht durch den Wind als sein Licht ... [gleiche Schlussformel]. (4) Das Auge eben ist der vierte Fuß des Brahman; es leuchtet und glüht durch die Sonne als sein Licht ... [gleiche Schlussformel]. (5) Das Ohr eben ist der vierte Fuß des Brahman; es leuchtet und glüht durch die Himmelsrichtungen als sein Licht – es leuchtet und glüht, mit Berühmtheit, Ruhm und heiliger Glut, [bei dem], wer dies so weiß, wer dies so weiß. (6)

Wort für Wort
mano brahmety upāsīta
'der Geist ist Brahman' – so soll man verehren
adhyātmam ... adhidaivatam
mit Bezug auf das Selbst ... mit Bezug auf die Gottheiten
ākāśo brahma
der Raum ist Brahman
catuṣpād brahma
das vierfüßige Brahman
vākpādaḥ prāṇaḥ pādaḥ cakṣuḥ pādaḥ śrotraṃ pādaḥ
Sprache, Atem, Auge, Ohr [sind je] ein Fuß
agniḥ pādo vāyuḥ pādo ādityaḥ pādo diśaḥ pādaḥ
Feuer, Wind, Sonne, Himmelsrichtungen [sind je] ein Fuß
vāg eva brahmaṇaś caturthaḥ pādaḥ
die Sprache eben ist der vierte Fuß des Brahman
agninā jyotiṣā bhāti ca tapati ca
sie leuchtet und glüht durch das Feuer als Licht
kīrtyā yaśasā brahmavarcasena
mit Berühmtheit, Ruhm und heiliger Glut
prāṇa eva ... vāyunā jyotiṣā
der Atem eben ... durch den Wind als Licht
cakṣur eva ... ādityena jyotiṣā
das Auge eben ... durch die Sonne als Licht
śrotram eva ... digbhir jyotiṣā
das Ohr eben ... durch die Himmelsrichtungen als Licht

ādityo brahmety ādeśaḥ, tasyopavyākhyānam: asad eva idam agra āsīt, tat sad āsīt, tat samabhavat, tad āṇḍaṃ niravartata (3.19.1). tat saṃvatsarasya mātrām aśayata, tan nirabhidyata, te āṇḍakapāle rajataṃ ca suvarṇaṃ cābhavatām (3.19.2). tad yad rajataṃ, seyaṃ pṛthivī; yat suvarṇaṃ, sā dyauḥ; yaj jarāyu, te parvatāḥ; yad ulbaṃ, sa megho nīhāraḥ; yā dhamanayaḥ, tā nadyaḥ; yad vāsteyam udakaṃ, sa samudraḥ (3.19.3). atha yat tad ajāyata, so 'sāv ādityaḥ, taṃ jāyamānaṃ ghoṣā ulūlavo 'nūttiṣṭhan, sarvāṇi ca bhūtāni sarve ca kāmāḥ, tasmāt tasyodayaṃ prati pratyāyanaṃ prati ghoṣā ulūlavo 'nūttiṣṭhanti, sarvāṇi ca bhūtāni sarve ca kāmāḥ (3.19.4). sa ya etam evaṃ vidvān ādityaṃ brahmety upāste, abhyāśo ha yad enaṃ sādhavo ghoṣā ā ca gaccheyur, upa ca nimreḍerann, nimreḍeran (3.19.5).

'Die Sonne ist Brahman' – dies ist die Lehre; ihre Erläuterung [lautet]: Im Anfang war dies [die Welt] nicht-seiend. Das wurde seiend. Das entwickelte sich. Das wurde zu einem Ei. (1) Das lag die Dauer eines Jahres. Dann barst es auf. Von den beiden Eierschalenhälften wurde die eine zu Silber, die andere zu Gold. (2) Das, was Silber war, das ist diese Erde; was Gold war, das ist jener Himmel; was die äußere Eihaut war, das sind die Berge; was die innere Eihaut war, das ist Wolke und Nebel; was die Adern (Kanäle) waren, das sind die Flüsse; was die Fruchtwasserflüssigkeit [im Ei] war, das ist der Ozean [Anm.: "vāsteyam udakam" – wörtlich etwa "das Wasser des [Fruchtwasser-]Sacks"; die genaue Bedeutung dieses seltenen Ausdrucks bleibt unsicher]. (3) Nun, das, was daraus geboren wurde, das ist eben diese Sonne dort. Als sie geboren wurde, erhoben sich Jubelrufe zusammen mit ihr, und alle Wesen und alle Wünsche [erhoben sich mit ihr]. Darum erheben sich bei ihrem Aufgang und bei jeder ihrer Wiederkehr Jubelrufe, und alle Wesen und alle Wünsche. (4) Wer, dies so wissend, die Sonne als Brahman verehrt, dem werden gewiss angenehme Jubelrufe nahekommen und ihn begleiten, ihn immer wieder begleiten. (5)

Wort für Wort
ādityo brahmety ādeśaḥ
'die Sonne ist Brahman' – dies ist die Lehre
asad eva idam agra āsīt
im Anfang war dies nicht-seiend
tat sad āsīt
das wurde seiend
tad āṇḍaṃ niravartata
das wurde zu einem Ei
saṃvatsarasya mātrām aśayata
es lag die Dauer eines Jahres
tan nirabhidyata
dann barst es auf
āṇḍakapāle rajataṃ ca suvarṇaṃ ca
die beiden Eierschalenhälften [wurden zu] Silber und Gold
yad rajataṃ seyaṃ pṛthivī
was Silber war, ist diese Erde
yat suvarṇaṃ sā dyauḥ
was Gold war, ist jener Himmel
yaj jarāyu te parvatāḥ
was die äußere Eihaut war, sind die Berge
yad ulbaṃ sa megho nīhāraḥ
was die innere Eihaut war, ist Wolke und Nebel
yā dhamanayaḥ tā nadyaḥ
was die Adern waren, sind die Flüsse
yad vāsteyam udakaṃ sa samudraḥ
was die Fruchtwasserflüssigkeit war, ist der Ozean
so 'sāv ādityaḥ
das ist eben diese Sonne
taṃ jāyamānaṃ ghoṣā ulūlavo 'nūttiṣṭhan
bei ihrer Geburt erhoben sich Jubelrufe
sarvāṇi ca bhūtāni sarve ca kāmāḥ
und alle Wesen und alle Wünsche
ādityaṃ brahmety upāste
wer die Sonne als Brahman verehrt
sādhavo ghoṣā ā ca gaccheyuḥ
angenehme Jubelrufe werden ihm nahekommen

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