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Chāndogya-Upaniṣad

Kapitel 7: chāndogyopaniṣat · saptamo 'dhyāyaḥ Adhyāya 7: Sanatkumāra und Nārada – die Stufenleiter zur Bhūman-Lehre und zum Selbst (ChU 7,1–26)

Adhyāya 7 (26 Khaṇḍas) enthält die berühmte Lehrreihe des Sanatkumāra an Nārada. Kh. 1 stellt die Rahmenerzählung: der in allen traditionellen Wissenszweigen (den vier Veden, Itihāsa-Purāṇa als "fünftem Veda", Grammatik, Ahnenrechnung, Vorzeichenlehre, Dialektik, Ethik, Theologie u.a.) gelehrte, aber unglückliche Nārada bekennt sich als bloßen "Kenner der Mantras", nicht als "Kenner des Selbst", und bittet, über das Ufer des Kummers geführt zu werden. Kh. 2–15 entfalten eine Kette von fünfzehn zunehmend subtileren Prinzipien - Name, Rede, Geist, Wille (Saṃkalpa), Denken (Citta), Meditation (Dhyāna), Erkennen (Vijñāna), Kraft (Bala), Nahrung, Wasser, Glut, Raum, Erinnerung (Smara), Hoffnung (Āśā), Lebensatem (Prāṇa) -, von denen jeweils gezeigt wird, dass ein noch umfassenderes Prinzip existiert, bis Kh. 15 in der pointierten Lehre gipfelt, dass der Lebensatem alle familiären Bindungen (Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Lehrer, Brahmane) konstituiert und wer dies erkennt zum "Übertreffend-Sagenden" (Ativādin) wird. Kh. 16–23 setzen mit einer zweiten, kürzeren Kette fort (Wahrheit, Erkennen, Denken, Glaube, feste Gründung, Tätigkeit, Glück), die in der zentralen Bhūman-Lehre mündet: "was die Fülle ist, das ist Glück; im Geringen gibt es kein Glück" (Kh. 22–23). Kh. 24 definiert die Fülle (Bhūman) als jenen Zustand, in dem nichts anderes mehr gesehen, gehört oder erkannt wird - eine frühe Formulierung der nicht-dualen (Advaita-)Einsicht - und weist Nāradas naheliegende, aber unzureichende Deutung von "Größe" als weltlichem Besitz zurück. Kh. 25 führt in drei Stufen (kosmische Allgegenwart, Ich-Bewusstsein, Selbst-Lehre) zur Erkenntnis, dass das Selbst (Ātman) allein diese Fülle ist, verbunden mit der Unterscheidung zwischen dem selbstherrschenden "Svarāj" und den von anderen beherrschten "Anyarājan". Kh. 26 fasst zusammen, dass alle fünfzehn zuvor durchlaufenen Prinzipien letztlich aus dem Selbst entspringen, und endet mit einem stark verdichteten, in der Deutung unsicheren Zahlenvers sowie der Kette Nahrungsreinheit → Wesensreinheit (Sattva) → standhafte Erinnerung → Lösung aller Herzensknoten, bevor Sanatkumāra dem so Geläuterten das jenseitige Ufer der Finsternis zeigt und - bemerkenswert - unter dem Beinamen "Skanda" genannt wird. Mehrere Stellen (der Ausdruck in Kh. 15.3, der Zahlenvers in Kh. 26.2, der Skanda-Beiname) sind mit [?]/[Anm.] gekennzeichnet.

adhīhi bhagava iti hopasasāda sanatkumāraṃ nāradas, taṃ hovāca, yad vettha tena mopasīda, tatas ta ūrdhvaṃ vakṣyāmīti, sa hovāca (7.1.1). ṛgvedaṃ bhagavo 'dhyemi, yajurvedaṃ sāmavedam ātharvaṇaṃ caturtham, itihāsapurāṇaṃ pañcamaṃ vedānāṃ vedaṃ, pitryaṃ rāśiṃ, daivaṃ nidhiṃ, vākovākyam ekāyanaṃ, devavidyāṃ, brahmavidyāṃ, bhūtavidyāṃ, kṣatravidyāṃ, nakṣatravidyāṃ, sarpadevajanavidyām, etad bhagavo 'dhyemi (7.1.2). so 'haṃ bhagavo mantravid evāsmi, nātmavit, śrutaṃ hy eva me bhagavaddṛśebhyas, tarati śokam ātmavid iti, so 'haṃ bhagavaḥ śocāmi, taṃ mā bhagavāṃch chokasya pāraṃ tārayatv iti, taṃ hovāca, yad vai kiṃca etad adhyagīṣā nāmaivaitat (7.1.3). nāma vai ṛgvedo yajurvedaḥ sāmaveda ātharvaṇaś caturtha itihāsapurāṇaḥ pañcamo vedānāṃ vedaḥ pitryo rāśir daivo nidhir vākovākyam ekāyanaṃ devavidyā brahmavidyā bhūtavidyā kṣatravidyā nakṣatravidyā sarpadevajanavidyā, nāmaivaitat, nāma tvam upāsveti (7.1.4). sa yo nāma brahmety upāste yāvan nāmno gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati, yo nāma brahmety upāste 'sti bhagavo nāmno bhūya iti, nāmno vāva bhūyo 'stīti, tan me bhagavān bravītv iti (7.1.5).

'Belehre mich, ehrwürdiger Herr' – so nahte sich Nārada dem Sanatkumāra. Zu ihm sprach er: 'Nahe mir mit dem, was du weißt; danach werde ich dir das Weitere sagen.' Er sprach: (1) 'Den Ṛgveda studiere ich, ehrwürdiger Herr, den Yajurveda, den Sāmaveda, den Atharvan als vierten, die Itihāsa-Purāṇa als fünften – den Veda der Veden [die Grammatik], die Ahnenrechnung, die Vorzeichenlehre, die Schatzwissenschaft, die Wortkunst/Dialektik, die Ethik/Staatskunst, die Gotteslehre, die Brahmanlehre, die Geisterlehre, die Kriegskunst, die Sternkunde, die Schlangen- und Genienlehre – dies alles studiere ich, ehrwürdiger Herr.' (2) 'Ich nun, ehrwürdiger Herr, bin nur ein Kenner der Mantras, kein Kenner des Selbst; von Männern wie Euch, ehrwürdiger Herr, habe ich nämlich gehört, dass ein Kenner des Selbst über den Kummer hinaus gelangt. Ich also, ehrwürdiger Herr, bin bekümmert; möge der ehrwürdige Herr mich über das jenseitige Ufer des Kummers hinüberführen.' Zu ihm sprach er: 'Was du auch immer da studiert hast – das ist alles nur Name (Nāma).' (3) 'Denn Name ist der Ṛgveda, der Yajurveda, der Sāmaveda, der Atharvan als vierter, die Itihāsa-Purāṇa als fünfter, der Veda der Veden, die Ahnenrechnung, die Vorzeichenlehre, die Schatzwissenschaft, die Wortkunst, die Ethik, die Gotteslehre, die Brahmanlehre, die Geisterlehre, die Kriegskunst, die Sternkunde, die Schlangen- und Genienlehre – all dies ist eben nur Name. Verehre den Namen.' (4) Wer den Namen als Brahman verehrt, dem steht freie Bewegung zu, soweit der Name reicht. 'Wer den Namen als Brahman verehrt – gibt es, ehrwürdiger Herr, etwas Größeres als den Namen?' 'Es gibt wahrlich etwas Größeres als den Namen.' 'Das möge mir der ehrwürdige Herr sagen.' (5)

Wort für Wort
adhīhi bhagavaḥ
belehre mich, ehrwürdiger Herr
yad vettha tena mopasīda
nahe mir mit dem, was du weißt
ṛgvedaṃ bhagavo 'dhyemi
den Ṛgveda studiere ich, ehrwürdiger Herr
itihāsapurāṇaṃ pañcamaṃ vedānāṃ vedam
die Itihāsa-Purāṇa als fünften, den Veda der Veden
devavidyāṃ brahmavidyāṃ bhūtavidyāṃ kṣatravidyāṃ nakṣatravidyāṃ sarpadevajanavidyām
Gotteslehre, Brahmanlehre, Geisterlehre, Kriegskunst, Sternkunde, Schlangen- und Genienlehre
so 'haṃ bhagavo mantravid evāsmi nātmavit
ich bin nur ein Kenner der Mantras, kein Kenner des Selbst
tarati śokam ātmavit
ein Kenner des Selbst gelangt über den Kummer hinaus
taṃ mā śokasya pāraṃ tārayatu
möge er mich über das Ufer des Kummers führen
yad vai kiṃca etad adhyagīṣāḥ nāmaivaitat
was du auch studiert hast, ist alles nur Name
nāma tvam upāssva
verehre den Namen
yāvan nāmno gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati
soweit der Name reicht, steht ihm freie Bewegung zu
asti bhagavo nāmno bhūyaḥ
gibt es etwas Größeres als den Namen
nāmno vāva bhūyo 'sti
es gibt wahrlich etwas Größeres als den Namen

[Anm.: Dies eröffnet die berühmte Sanatkumāra-Nārada-Lehrreihe, die den gesamten siebten Adhyāya bildet: Nārada, obwohl er alle traditionellen Wissenszweige beherrscht, erkennt sich als bloßen 'Kenner der Mantras' ohne Selbsterkenntnis und bittet um Führung 'über das Ufer des Kummers'. Es folgt eine Kette von 15 zunehmend subtileren Prinzipien (Name, Rede, Geist, Wille, Denken, Meditation, Erkennen, Kraft, Nahrung, Wasser, Glut, Raum, Erinnerung, Hoffnung, Lebensatem), von denen jedes als 'größer' denn das vorige entlarvt wird, bis die Reihe in der Bhūman-Lehre (Kh. 23-24) und der abschließenden Selbst-Lehre (Kh. 25-26) gipfelt.]

devāṃś ca manuṣyāṃś ca paśūṃś ca vayāṃsi ca tṛṇavanaspatīn api ca ākīṭapataṅgapipīlakaṃ, dharmaṃ cādharmaṃ ca, satyaṃ cānṛtaṃ ca, sādhu cāsādhu ca, hṛdayajñaṃ cāhṛdayajñaṃ ca, yad dhi vāṅ nābhaviṣyan na dharmo nādharmo vyājāpayiṣyan, na satyaṃ nānṛtaṃ, na sādhu nāsādhu, na hṛdayajño nāhṛdayajño, vāg evaitat sarvaṃ vijñāpayati, vācam upāssveti (7.2.1). sa yo vācaṃ brahmety upāste yāvad vāco gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati, yo vācaṃ brahmety upāste 'sti bhagavo vāco bhūya iti, vāco vāva bhūyo 'stīti, tan me bhagavān bravītv iti (7.2.2).

Götter und Menschen, Vieh und Vögel, Gräser und Bäume bis hinab zu Würmern, Faltern und Ameisen, Recht und Unrecht, Wahres und Unwahres, Gutes und Schlechtes, das dem Herzen Genehme und das ihm nicht Genehme – all dies wird durch die Rede (Vāc) kundgetan. Denn gäbe es keine Rede, so gäbe es kein Kundmachen von Recht oder Unrecht, von Wahrem oder Unwahrem, von Gutem oder Schlechtem, von dem dem Herzen Genehmen oder Ungenehmen; die Rede allein macht dies alles kund. Verehre die Rede. (1) Wer die Rede als Brahman verehrt, dem steht freie Bewegung zu, soweit die Rede reicht. 'Wer die Rede als Brahman verehrt – gibt es, ehrwürdiger Herr, etwas Größeres als die Rede?' 'Es gibt wahrlich etwas Größeres als die Rede.' 'Das möge mir der ehrwürdige Herr sagen.' (2)

Wort für Wort
devāṃś ca manuṣyāṃś ca paśūṃś ca vayāṃsi ca
Götter, Menschen, Vieh und Vögel
tṛṇavanaspatīn api ca ākīṭapataṅgapipīlakam
Gräser und Bäume bis hinab zu Würmern, Faltern und Ameisen
dharmaṃ cādharmaṃ ca satyaṃ cānṛtaṃ ca
Recht und Unrecht, Wahres und Unwahres
yad dhi vāṅ nābhaviṣyat na dharmo nādharmo vyājāpayiṣyat
gäbe es keine Rede, gäbe es kein Kundmachen von Recht oder Unrecht
vāg evaitat sarvaṃ vijñāpayati
die Rede allein macht dies alles kund
vācam upāssva
verehre die Rede

mano vāva vāco bhūyo, yathā vai dve vāmalake dve vā kole dvau vāśmau muṣṭir anubhavaty, evaṃ vācaṃ ca nāma ca mano 'nubhavati, sa yadā manasā manasyati mantrān adhīyīya ity, adhīte, karmāṇi kurvīyety, atha kurute, putrāṃś ca paśūṃś cecchayety, atheccheta, imaṃ ca lokam amuṃ cecchayety, atheccheta, mano hy ātmā, mano hi loko, mano hi brahma, mana upāssveti (7.3.1). sa yo mano brahmety upāste yāvan manaso gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati, yo mano brahmety upāste 'sti bhagavo manaso bhūya iti, manaso vāva bhūyo 'stīti, tan me bhagavān bravītv iti (7.3.2).

Der Geist (Manas) ist größer als die Rede. Wie zwei Myrobalanen-Früchte, oder zwei Jujube-Früchte, oder zwei Nüsse in einer Faust Platz finden, so umfasst der Geist Rede und Namen zugleich. Wenn einer mit dem Geist beabsichtigt 'ich will die Mantras rezitieren', dann rezitiert er sie; beabsichtigt er 'ich will die Riten vollziehen', dann vollzieht er sie; wünscht er sich Söhne und Vieh, dann wünscht er sie; wünscht er sich diese Welt und jene, dann wünscht er sie. Denn der Geist ist das Selbst, der Geist ist die Welt, der Geist ist Brahman. Verehre den Geist. (1) Wer den Geist als Brahman verehrt, dem steht freie Bewegung zu, soweit der Geist reicht. 'Wer den Geist als Brahman verehrt – gibt es, ehrwürdiger Herr, etwas Größeres als den Geist?' 'Es gibt wahrlich etwas Größeres als den Geist.' 'Das möge mir der ehrwürdige Herr sagen.' (2)

Wort für Wort
mano vāva vāco bhūyaḥ
der Geist ist größer als die Rede
dve vāmalake dvau vāśmau muṣṭir anubhavati
zwei Myrobalanen oder zwei Nüsse fasst eine Faust
vācaṃ ca nāma ca mano 'nubhavati
der Geist umfasst Rede und Namen zugleich
mano hy ātmā mano hi loko mano hi brahma
der Geist ist das Selbst, die Welt, Brahman

saṃkalpo vāva manaso bhūyān, yadā vai saṃkalpayate 'tha manasyaty, atha vācam īrayati, tām u nāmni īrayati, nāmni mantrā ekaṃ bhavanti, mantreṣu karmāṇi (7.4.1). tāni ha vā etāni saṃkalpyaikāyanāni saṃkalpātmakāni saṃkalpe pratiṣṭhitāni, samakalpetāṃ dyāvāpṛthivī, samakalpetāṃ vāyuś cākāśaṃ ca, samakalpantāpaś ca tejaś ca, teṣāṃ saṃkṛtyā varṣaṃ saṃkalpate, varṣasya saṃkṛtyānnaṃ saṃkalpate, annasya saṃkṛtye prāṇāḥ saṃkalpante, prāṇānāṃ saṃkṛtye mantrāḥ saṃkalpante, mantrāṇāṃ saṃkṛtye karmāṇi saṃkalpante, karmaṇāṃ saṃkalpya lokaḥ saṃkalpate, lokasya saṃkṛtye sarvaṃ saṃkalpate, sa eṣa saṃkalpaḥ, saṃkalpam upāssveti (7.4.2). sa ya eṣa saṃkalpaṃ brahmety upāste, saṃkalpitān vai sa lokān dhruvān dhruvaḥ pratiṣṭhitān pratiṣṭhito 'vyathamānān avyathamāno 'bhisidhyati, yāvat saṃkalpasya gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati, yaḥ saṃkalpaṃ brahmety upāste 'sti bhagavaḥ saṃkalpād bhūya iti, saṃkalpād bhūya eva astīti, tan me bhagavān bravītv iti (7.4.3).

Der Wille/Entschluss (Saṃkalpa) ist größer als der Geist. Denn wenn einer einen Entschluss fasst, dann denkt er; dann setzt er die Rede in Bewegung, und diese setzt er im Namen um; im Namen vereinigen sich die Mantras, in den Mantras die Riten. (1) Diese alle nun kommen aus dem Willen, sind vom Willen durchdrungen, im Willen gegründet: Himmel und Erde entstanden durch Willen, Wind und Raum entstanden durch Willen, Wasser und Glut entstanden durch Willen; durch deren Zusammenwirken entsteht der Regen durch Willen; durch das Zusammenwirken des Regens die Nahrung; durch das Zusammenwirken der Nahrung die Lebenskräfte; durch das Zusammenwirken der Lebenskräfte die Mantras; durch das Zusammenwirken der Mantras die Riten; durch den Willen der Riten die Welt; durch das Zusammenwirken der Welt entsteht alles durch Willen. Das ist der Wille. Verehre den Willen. (2) Wer den Willen als Brahman verehrt, gelangt, selbst fest gegründet, zu den durch Willen geschaffenen, festen und gegründeten, unerschütterten Welten – selbst unerschüttert. Ihm steht freie Bewegung zu, soweit der Wille reicht. 'Wer den Willen als Brahman verehrt – gibt es, ehrwürdiger Herr, etwas Größeres als den Willen?' 'Es gibt wahrlich etwas Größeres als den Willen.' 'Das möge mir der ehrwürdige Herr sagen.' (3)

Wort für Wort
saṃkalpo vāva manaso bhūyān
der Wille ist größer als der Geist
yadā saṃkalpayate 'tha manasyati
wenn einer einen Entschluss fasst, dann denkt er
saṃkalpyaikāyanāni saṃkalpātmakāni saṃkalpe pratiṣṭhitāni
alle kommen aus dem Willen, sind vom Willen durchdrungen, im Willen gegründet
samakalpetāṃ dyāvāpṛthivī
Himmel und Erde entstanden durch Willen
saṃkalpitān lokān dhruvān pratiṣṭhitān abhisidhyati
er gelangt zu den durch Willen geschaffenen, festen, gegründeten Welten

cittaṃ vāva saṃkalpād bhūyo, yadā vai cetayate 'tha saṃkalpayate 'tha manasyaty, atha vācam īrayati, tām u nāmni īrayati, nāmni mantrā ekaṃ bhavanti, mantreṣu karmāṇi (7.5.1). tāni ha vā etāni cittaikāyanāni cittātmāni citte pratiṣṭhitāni, tasmād apy adhi bahuvid apy acitto bhavati, nāyam astīty evainam āhuḥ, yad dhy ayaṃ vidyāt tīvraṃ haiva tad avijñātavān bhavati, yady alpavic cittavān bhavati tasmā evota śṛṇvanti, cittaṃ hy evaiṣām āyatanaṃ cittam ātmā cittaṃ pratiṣṭhā, cittam upāssveti (7.5.2). sa ya eṣa cittaṃ brahmety upāste cittān vai sa lokān dhruvān dhruvaḥ pratiṣṭhitān pratiṣṭhito 'vyathamānān avyathamāno 'bhisidhyati, yāvac cittasya gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati, yaś cittaṃ brahmety upāste 'sti bhagavaś cittād bhūya iti, cittād bhūya eva astīti, tan me bhagavān bravītv iti (7.5.3).

Das Denken/Bewusstsein (Citta) ist größer als der Wille. Denn wenn einer denkt, dann fasst er einen Entschluss; dann denkt er im engeren Sinn; dann setzt er die Rede in Bewegung, und diese setzt er im Namen um; im Namen vereinigen sich die Mantras, in den Mantras die Riten. (1) Diese alle nun kommen aus dem Denken, sind vom Denken durchdrungen, im Denken gegründet; deshalb sagt man selbst von einem Vielwissenden, wenn er ohne Achtsamkeit ist, 'er ist nichts' – denn was er auch wüsste, wäre, wenn er unaufmerksam wäre, gleichsam ungewusst geblieben; wenn hingegen jemand wenig weiß, aber achtsam ist, so hört man gerade auf ihn. Denn das Denken ist ihr Sitz, das Denken ihr Selbst, das Denken ihr Halt. Verehre das Denken. (2) Wer das Denken als Brahman verehrt, gelangt, selbst fest gegründet, zu den durch Denken geschaffenen, festen und gegründeten, unerschütterten Welten. Ihm steht freie Bewegung zu, soweit das Denken reicht. 'Wer das Denken als Brahman verehrt – gibt es, ehrwürdiger Herr, etwas Größeres als das Denken?' 'Es gibt wahrlich etwas Größeres als das Denken.' 'Das möge mir der ehrwürdige Herr sagen.' (3)

Wort für Wort
cittaṃ vāva saṃkalpād bhūyaḥ
das Denken ist größer als der Wille
yadā cetayate 'tha saṃkalpayate
wenn einer denkt, dann fasst er einen Entschluss
bahuvid apy acitto bhavati nāyam astīti
selbst ein Vielwissender ohne Achtsamkeit gilt als 'er ist nichts'
cittaṃ hy evaiṣām āyatanam ātmā pratiṣṭhā
das Denken ist ihr Sitz, Selbst und Halt

dhyānaṃ vāva cittād bhūyo, dhyāyatīva pṛthivī, dhyāyatīvāntarikṣaṃ, dhyāyatīva dyaur, dhyāyantīvāpo, dhyāyantīva parvatā, devamanuṣyās, tasmād iha manuṣyāṇāṃ mahattvaṃ prāpnuvanti, dhyānāpadāṃśā ivaiva te bhavanti, atha ye 'lpāḥ kalahinaḥ piśunā upavādinas te 'dhy eva bhavo, dhyānāpadāṃśā ivaiva te bhavanti, dhyānam upāssveti (7.6.1). sa yo dhyānaṃ brahmety upāste yāvad dhyānasya gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati, yo dhyānaṃ brahmety upāste 'sti bhagavo dhyānād bhūya iti, dhyānād bhūya eva astīti, tan me bhagavān bravītv iti (7.6.2).

Die Meditation (Dhyāna) ist größer als das Denken. Es meditiert gleichsam die Erde, es meditiert gleichsam der Luftraum, es meditiert gleichsam der Himmel, es meditieren gleichsam die Wasser, es meditieren gleichsam die Berge, ebenso Götter und Menschen; deshalb erlangen unter den Menschen hier diejenigen Größe, die gleichsam einen Anteil an der Meditation haben; wer aber gering, streitsüchtig, verleumderisch, tadelsüchtig ist, hat gleichsam nur einen geringen Anteil an der Meditation. Verehre die Meditation. (1) Wer die Meditation als Brahman verehrt, dem steht freie Bewegung zu, soweit die Meditation reicht. 'Wer die Meditation als Brahman verehrt – gibt es, ehrwürdiger Herr, etwas Größeres als die Meditation?' 'Es gibt wahrlich etwas Größeres als die Meditation.' 'Das möge mir der ehrwürdige Herr sagen.' (2)

Wort für Wort
dhyānaṃ vāva cittād bhūyaḥ
die Meditation ist größer als das Denken
dhyāyatīva pṛthivī dhyāyatīvāntarikṣam
es meditiert gleichsam die Erde, der Luftraum
iha manuṣyāṇāṃ mahattvaṃ prāpnuvanti dhyānāpadāṃśāḥ
unter Menschen erlangen Größe, die Anteil an der Meditation haben

vijñānaṃ vāva dhyānād bhūyo, vijñānena vā ṛgvedaṃ vijānāti, yajurvedaṃ sāmavedam ātharvaṇaṃ caturtham, itihāsapurāṇaṃ pañcamaṃ vedānāṃ vedaṃ, pitryaṃ rāśiṃ, daivaṃ nidhiṃ, vākovākyam ekāyanaṃ, devavidyāṃ, brahmavidyāṃ, bhūtavidyāṃ, kṣatravidyāṃ, nakṣatravidyāṃ, sarpadevajanavidyāṃ, divaṃ ca pṛthivīṃ ca vāyuṃ cākāśaṃ cāpaś ca tejaś ca, devāṃś ca manuṣyāṃś ca paśūṃś ca vayāṃsi ca tṛṇavanaspatīn api ca ākīṭapataṅgapipīlakaṃ, dharmaṃ cādharmaṃ ca satyaṃ cānṛtaṃ ca sādhu cāsādhu ca hṛdayajñaṃ cāhṛdayajñaṃ ca, annaṃ ca rasaṃ ca imaṃ ca lokam amuṃ ca vijñānenaiva vijānāti, vijñānam upāssveti (7.7.1). sa yo vijñānaṃ brahmety upāste vijñānavato vai sa lokāñ jñānavato 'bhisidhyati, yāvad vijñānasya gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati, yo vijñānaṃ brahmety upāste 'sti bhagavo vijñānād bhūya iti, vijñānād bhūya eva astīti, tan me bhagavān bravītv iti (7.7.2).

Das Erkennen/Verstehen (Vijñāna) ist größer als die Meditation. Durch Erkennen nämlich erkennt man den Ṛgveda, den Yajurveda, den Sāmaveda, den Atharvan als vierten, die Itihāsa-Purāṇa als fünften, den Veda der Veden, die Ahnenrechnung, die Vorzeichenlehre, die Schatzwissenschaft, die Wortkunst, die Ethik, die Gotteslehre, die Brahmanlehre, die Geisterlehre, die Kriegskunst, die Sternkunde, die Schlangen- und Genienlehre – Himmel und Erde, Wind und Raum, Wasser und Glut, Götter und Menschen, Vieh und Vögel, Gräser und Bäume bis hinab zu Würmern, Faltern und Ameisen, Recht und Unrecht, Wahres und Unwahres, Gutes und Schlechtes, das dem Herzen Genehme und Ungenehme, Speise und Geschmack, diese Welt und jene – all dies erkennt man eben durch Erkennen. Verehre das Erkennen. (1) Wer das Erkennen als Brahman verehrt, gelangt zu den erkenntnisreichen, wissensreichen Welten. Ihm steht freie Bewegung zu, soweit das Erkennen reicht. 'Wer das Erkennen als Brahman verehrt – gibt es, ehrwürdiger Herr, etwas Größeres als das Erkennen?' 'Es gibt wahrlich etwas Größeres als das Erkennen.' 'Das möge mir der ehrwürdige Herr sagen.' (2)

Wort für Wort
vijñānaṃ vāva dhyānād bhūyaḥ
das Erkennen ist größer als die Meditation
vijñānena vā ṛgvedaṃ vijānāti
durch Erkennen erkennt man den Ṛgveda
divaṃ ca pṛthivīṃ ca vāyuṃ cākāśaṃ cāpaś ca tejaś ca vijānāti
Himmel, Erde, Wind, Raum, Wasser, Glut erkennt man
vijñānavato lokān jñānavato 'bhisidhyati
er gelangt zu erkenntnisreichen, wissensreichen Welten

balaṃ vāva vijñānād bhūyo, api ha śataṃ vijñānavatām eko balavān ākampayate, sa yadā balī bhavaty athotthātā bhavaty, utthiṣṭhan paricaritā bhavati, paricarann upasattā bhavati, upasīdan draṣṭā bhavati, śrotā bhavati, mantā bhavati, boddhā bhavati, kartā bhavati, vijñātā bhavati, balena vai pṛthivī tiṣṭhati, balenāntarikṣaṃ, balena dyaur, balena parvatā, balena devamanuṣyā, balena paśavaś ca vayāṃsi ca tṛṇavanaspatayaḥ śvāpadāny ākīṭapataṅgapipīlakaṃ, balena lokas tiṣṭhati, balam upāssveti (7.8.1). sa yo balaṃ brahmety upāste yāvad balasya gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati, yo balaṃ brahmety upāste 'sti bhagavo balād bhūya iti, balād bhūya eva astīti, tan me bhagavān bravītv iti (7.8.2).

Die Kraft (Bala) ist größer als das Erkennen. Sogar hundert Erkennende bringt ein einziger Kraftvoller zum Zittern. Wenn einer kraftvoll wird, dann wird er einer, der sich erhebt; sich erhebend wird er ein Dienender; dienend wird er ein Naher; nahend wird er ein Sehender, ein Hörender, ein Denkender, ein Verstehender, ein Handelnder, ein Erkennender. Durch Kraft besteht die Erde, durch Kraft der Luftraum, der Himmel, die Berge, Götter und Menschen, das Vieh und die Vögel, die Gräser und Bäume, die Raubtiere bis hinab zu Würmern, Faltern und Ameisen; durch Kraft besteht die Welt. Verehre die Kraft. (1) Wer die Kraft als Brahman verehrt, dem steht freie Bewegung zu, soweit die Kraft reicht. 'Wer die Kraft als Brahman verehrt – gibt es, ehrwürdiger Herr, etwas Größeres als die Kraft?' 'Es gibt wahrlich etwas Größeres als die Kraft.' 'Das möge mir der ehrwürdige Herr sagen.' (2)

Wort für Wort
balaṃ vāva vijñānād bhūyaḥ
die Kraft ist größer als das Erkennen
śataṃ vijñānavatām eko balavān ākampayate
hundert Erkennende bringt ein Kraftvoller zum Zittern
balena vai pṛthivī tiṣṭhati
durch Kraft besteht die Erde
balena lokas tiṣṭhati
durch Kraft besteht die Welt

annaṃ vāva balād bhūyas, tasmād yady api daśa rātrīr nāśnīyād, yad u ha vā api jīvet, athāśnann eva draṣṭā bhavati śrotā bhavati mantā bhavati boddhā bhavati kartā bhavati vijñātā bhavati, annam upāssveti (7.9.1). sa yo 'nnaṃ brahmety upāste 'nnavato vai sa lokān pānavato 'bhisidhyati, yāvad annasya gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati, yo 'nnaṃ brahmety upāste 'sti bhagavo 'nnād bhūya ity, annād bhūya eva astīti, tan me bhagavān bravītv iti (7.9.2).

Die Nahrung (Anna) ist größer als die Kraft. Deshalb, selbst wenn einer zehn Nächte lang nichts essen sollte – und selbst wenn er dabei am Leben bliebe –, würde er doch nur essend zu einem Sehenden, Hörenden, Denkenden, Verstehenden, Handelnden, Erkennenden. Verehre die Nahrung. (1) Wer die Nahrung als Brahman verehrt, gelangt zu den nahrungsreichen, trankreichen Welten. Ihm steht freie Bewegung zu, soweit die Nahrung reicht. 'Wer die Nahrung als Brahman verehrt – gibt es, ehrwürdiger Herr, etwas Größeres als die Nahrung?' 'Es gibt wahrlich etwas Größeres als die Nahrung.' 'Das möge mir der ehrwürdige Herr sagen.' (2)

Wort für Wort
annaṃ vāva balād bhūyaḥ
die Nahrung ist größer als die Kraft
daśa rātrīr nāśnīyāt
zehn Nächte lang nichts essen
athāśnann eva draṣṭā bhavati
nur essend wird er zu einem Sehenden

āpo vāvānnād bhūyas, tasmād yadā suvṛṣṭir na bhavati vyādhīyante prāṇā, annaṃ kanīyo bhaviṣyatīti, atha yadā suvṛṣṭir bhavaty ānandinaḥ prāṇā bhavanty, annaṃ bahu bhaviṣyatīty, āpa evemā mūrtā yam iyaṃ pṛthivī, yad antarikṣaṃ, yad dyaur, yat parvatā, yad devamanuṣyā, yat paśavaś ca vayāṃsi ca tṛṇavanaspatayaḥ śvāpadāny ākīṭapataṅgapipīlakam, āpa evemā mūrtāḥ, āpa upāssveti (7.10.1). sa ya āpo brahmety upāsta āpnoti sarvāṃ kāmāṃs tṛptimān bhavati, yāvad apāṃ gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati, ya āpo brahmety upāste 'sti bhagavo 'dbhyo bhūya ity, adbhyo vāva bhūyo 'stīti, tan me bhagavān bravītv iti (7.10.2).

Das Wasser (Āpas) ist größer als die Nahrung. Deshalb, wenn es nicht ausreichend regnet, erkranken die Lebenskräfte aus Sorge, die Nahrung werde geringer werden; wenn es aber ausreichend regnet, werden die Lebenskräfte freudig, in Erwartung reichlicher Nahrung. Das Wasser eben ist es, das diese Gestalten angenommen hat: diese Erde, der Luftraum, der Himmel, die Berge, Götter und Menschen, das Vieh und die Vögel, die Gräser und Bäume, die Raubtiere bis hinab zu Würmern, Faltern und Ameisen – eben das Wasser sind diese Gestalten. Verehre das Wasser. (1) Wer das Wasser als Brahman verehrt, erlangt alle Wünsche und wird zufrieden. Ihm steht freie Bewegung zu, soweit das Wasser reicht. 'Wer das Wasser als Brahman verehrt – gibt es, ehrwürdiger Herr, etwas Größeres als das Wasser?' 'Es gibt wahrlich etwas Größeres als das Wasser.' 'Das möge mir der ehrwürdige Herr sagen.' (2)

Wort für Wort
āpo vāvānnād bhūyaḥ
das Wasser ist größer als die Nahrung
yadā suvṛṣṭir na bhavati vyādhīyante prāṇāḥ
regnet es nicht ausreichend, erkranken die Lebenskräfte
āpa evemā mūrtāḥ
das Wasser eben sind diese Gestalten
āpnoti sarvāṃ kāmāṃs tṛptimān bhavati
er erlangt alle Wünsche und wird zufrieden

tejo vāvadbhyo bhūyas, tad dhā etad dyum āgṛhya ākāśam abhitapati, tad āhur niśocati nitapati varṣiṣyati vā iti, teja eva tat pūrvaṃ darśayitvātha āpaḥ sṛjate, tad etad ūrdhvābhiś ca tiraścībhiś ca vidyudbhir ārohantyaś ca, tasmād āhur vidyotate stanayati varṣiṣyati vā iti, teja eva tat pūrvaṃ darśayitvātha āpaḥ sṛjate, teja upāssveti (7.11.1). sa yas tejo brahmety upāste tejasvī vai sa tejasvato lokān bhāsvato 'pahatatamaskān abhisidhyati, yāvat tejaso gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati, yas tejo brahmety upāste 'sti bhagavas tejaso bhūya iti, tejaso vāva bhūyo 'stīti, tan me bhagavān bravītv iti (7.11.2).

Die Glut/das Feuer (Tejas) ist größer als das Wasser. Diese Glut nämlich, den Himmel ergreifend, erhitzt den Luftraum; dann sagt man: 'es ist schwül, es glüht, es wird wohl regnen' – denn zuerst zeigt sich eben die Glut, und dann erst erschafft sie die Wasser. Und ferner: mit aufsteigenden und quer fahrenden Blitzen zuckt es empor; deshalb sagt man: 'es blitzt, es donnert, es wird wohl regnen' – denn zuerst zeigt sich eben die Glut, und dann erst erschafft sie die Wasser. Verehre die Glut. (1) Wer die Glut als Brahman verehrt, wird selbst glutvoll und gelangt zu den glutvollen, leuchtenden, dunkelvertreibenden Welten. Ihm steht freie Bewegung zu, soweit die Glut reicht. 'Wer die Glut als Brahman verehrt – gibt es, ehrwürdiger Herr, etwas Größeres als die Glut?' 'Es gibt wahrlich etwas Größeres als die Glut.' 'Das möge mir der ehrwürdige Herr sagen.' (2)

Wort für Wort
tejo vāvadbhyo bhūyaḥ
die Glut ist größer als das Wasser
dyum āgṛhya ākāśam abhitapati
den Himmel ergreifend erhitzt sie den Luftraum
teja eva tat pūrvaṃ darśayitvātha āpaḥ sṛjate
zuerst zeigt sich die Glut, dann erschafft sie die Wasser
ūrdhvābhiś ca tiraścībhiś ca vidyudbhir ārohantyaḥ
mit aufsteigenden und quer fahrenden Blitzen

ākāśo vāva tejaso bhūyān, ākāśe vai sūryācandramasāv ubhau, vidyun nakṣatrāṇy agnir ākāśenāhvayaty, ākāśena śṛṇoty, ākāśena pratiśṛṇoty, ākāśe ramata, ākāśe na ramata, ākāśe jāyata, ākāśam abhijāyata, ākāśam upāssveti (7.12.1). sa ya ākāśaṃ brahmety upāsta ākāśavato vai sa lokān prakāśavato 'saṃbādhān urugāyavato 'bhisidhyati, yāvad ākāśasya gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati, ya ākāśaṃ brahmety upāste 'sti bhagava ākāśād bhūya ity, ākāśād bhūya eva astīti, tan me bhagavān bravītv iti (7.12.2).

Der Raum (Ākāśa) ist größer als die Glut. Im Raum nämlich sind Sonne und Mond, Blitz, Sterne und Feuer; durch den Raum ruft man, durch den Raum hört man, durch den Raum erwidert man den Ruf; im Raum freut man sich, im Raum freut man sich nicht [entsteht auch Unlust]; im Raum wird man geboren, dem Raum entgegen wird man geboren. Verehre den Raum. (1) Wer den Raum als Brahman verehrt, gelangt zu den raumreichen, lichtvollen, unbehinderten, weiträumigen Welten. Ihm steht freie Bewegung zu, soweit der Raum reicht. 'Wer den Raum als Brahman verehrt – gibt es, ehrwürdiger Herr, etwas Größeres als den Raum?' 'Es gibt wahrlich etwas Größeres als den Raum.' 'Das möge mir der ehrwürdige Herr sagen.' (2)

Wort für Wort
ākāśo vāva tejaso bhūyān
der Raum ist größer als die Glut
ākāśe vai sūryācandramasāv ubhau
im Raum sind Sonne und Mond beide
ākāśena śṛṇoti ākāśena pratiśṛṇoti
durch den Raum hört man, erwidert man
ākāśe jāyata ākāśam abhijāyata
im Raum wird man geboren, dem Raum entgegen

smaro vāvākāśād bhūyas, tasmād yady api bahava āsīran, na smaranto naiva te kaṃcana śṛṇyuyur na manvīran na vijānīran, yadā vāva te smareyur atha śṛṇyuyur atha manvīran atha vijānīran, smareṇa vai putrān vijānāti smareṇa paśūn, smaram upāssveti (7.13.1). sa yaḥ smaraṃ brahmety upāste yāvat smarasya gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati, yaḥ smaraṃ brahmety upāste 'sti bhagavaḥ smarād bhūya iti, smarād bhūya eva astīti, tan me bhagavān bravītv iti (7.13.2).

Die Erinnerung (Smara) ist größer als der Raum. Deshalb: selbst wenn viele Menschen beisammen wären, würden sie, wenn ihnen die Erinnerung fehlte, gar nichts hören, nichts denken, nichts erkennen können; wenn sie sich aber erinnerten, dann würden sie hören, dann denken, dann erkennen. Durch die Erinnerung erkennt man die Söhne, durch die Erinnerung das Vieh. Verehre die Erinnerung. (1) Wer die Erinnerung als Brahman verehrt, dem steht freie Bewegung zu, soweit die Erinnerung reicht. 'Wer die Erinnerung als Brahman verehrt – gibt es, ehrwürdiger Herr, etwas Größeres als die Erinnerung?' 'Es gibt wahrlich etwas Größeres als die Erinnerung.' 'Das möge mir der ehrwürdige Herr sagen.' (2)

Wort für Wort
smaro vāvākāśād bhūyaḥ
die Erinnerung ist größer als der Raum
na smaranto naiva te kaṃcana śṛṇyuyuḥ
ohne Erinnerung würden sie gar nichts hören
smareṇa vai putrān vijānāti
durch die Erinnerung erkennt man die Söhne

āśā vāva smarād bhūyasy, āśiddho vai smaro mantrān adhīte, karmāṇi kurute, putrāṃś ca paśūṃś cecchata, imaṃ ca lokam amuṃ cecchata, āśām upāssveti (7.14.1). sa ya āśāṃ brahmety upāsta āśayāsya sarve kāmāḥ samṛdhyanty, amoghā hāsyāśiṣo bhavanti, yāvad āśāyā gataṃ tatrāsya yathākāmacāro bhavati, ya āśāṃ brahmety upāste 'sti bhagava āśāyā bhūya ity, āśāyā vāva bhūyo 'stīti, tan me bhagavān bravītv iti (7.14.2).

Die Hoffnung (Āśā) ist größer als die Erinnerung. Von Hoffnung entzündet nämlich rezitiert die Erinnerung die Mantras, vollzieht sie die Riten, wünscht sie sich Söhne und Vieh, wünscht sie sich diese Welt und jene. Verehre die Hoffnung. (1) Wer die Hoffnung als Brahman verehrt, dem gedeihen durch die Hoffnung alle Wünsche, seine Bitten werden nicht vergeblich. Ihm steht freie Bewegung zu, soweit die Hoffnung reicht. 'Wer die Hoffnung als Brahman verehrt – gibt es, ehrwürdiger Herr, etwas Größeres als die Hoffnung?' 'Es gibt wahrlich etwas Größeres als die Hoffnung.' 'Das möge mir der ehrwürdige Herr sagen.' (2)

Wort für Wort
āśā vāva smarād bhūyasī
die Hoffnung ist größer als die Erinnerung
āśiddho vai smaro mantrān adhīte
von Hoffnung entzündet rezitiert die Erinnerung die Mantras
āśayāsya sarve kāmāḥ samṛdhyanti
durch die Hoffnung gedeihen alle Wünsche
amoghā hāsyāśiṣo bhavanti
seine Bitten werden nicht vergeblich

prāṇo vai āśāyā bhūyān, yathā vā arā nābhau samarpitā evam asmin prāṇe sarvaṃ samarpitam, prāṇaḥ prāṇena yāti, prāṇaḥ prāṇaṃ dadāti prāṇāya dadāti, prāṇo ha pitā, prāṇo mātā, prāṇo bhrātā, prāṇaḥ svasā, prāṇa ācāryaḥ, prāṇo brāhmaṇaḥ (7.15.1). sa yadi pitaraṃ vā mātaraṃ vā bhrātaraṃ vā svasāraṃ vā ācāryaṃ vā brāhmaṇaṃ vā kiṃcid rūśam iva pratyāha, dhik tvāstv evainam āhuḥ, pitṛhā vai tvam asi, mātṛhā vai tvam asi, bhrātṛhā vai tvam asi, svasṛhā vai tvam asi, ācāryahā vai tvam asi, brāhmaṇahā vai tvam asīti (7.15.2). atha yady apy enān utkrāntaprāṇāṃś cūlena samāraṃ vyatiṣan dahen naivainaṃ brūyuḥ, pitṛhāsīti, na mātṛhāsīti, na bhrātṛhāsīti, na svasṛhāsīti, nācāryahāsīti, na brāhmaṇahāsīti (7.15.3). prāṇo hy evaitāni sarvāṇi bhavati, sa vā eṣa evaṃ paśyann evaṃ manvāna evaṃ vijānann ativādī bhavati, taṃ ced brūyur ativādy asīty, ativādy asmīti brūyān nāpahnuvīta (7.15.4).

Der Lebensatem (Prāṇa) ist größer als die Hoffnung. Wie die Speichen in der Nabe befestigt sind, so ist in diesem Lebensatem alles befestigt. Der Lebensatem geht durch den Lebensatem; der Lebensatem gibt den Lebensatem, dem Lebensatem gibt er. Der Lebensatem ist der Vater, der Lebensatem die Mutter, der Lebensatem der Bruder, der Lebensatem die Schwester, der Lebensatem der Lehrer, der Lebensatem der Brahmane. (1) Wenn er dem Vater oder der Mutter oder dem Bruder oder der Schwester oder dem Lehrer oder einem Brahmanen etwas Grobes/Hartes erwidert, so sagt man ihm: 'Schande über dich! Du bist ein Vatermörder, du bist ein Muttermörder, du bist ein Brudermörder, du bist ein Schwestermörder, du bist ein Lehrermörder, du bist ein Brahmanenmörder.' (2) Wenn er sie aber, nachdem der Lebensatem aus ihnen gewichen ist, mit einem Feuerbrand gänzlich verbrennen würde, so würde man ihm keineswegs sagen: 'Du bist ein Vatermörder', 'du bist ein Muttermörder', 'du bist ein Brudermörder', 'du bist ein Schwestermörder', 'du bist ein Lehrermörder', 'du bist ein Brahmanenmörder'. (3) Denn der Lebensatem ist eben all diese Gestalten. Wer so sieht, so denkt, so erkennt, wird zu einem 'Übertreffend-Sagenden' (Ativādin). Wenn man ihm sagt: 'Du bist ein Übertreffend-Sagender', so soll er sagen: 'Ich bin ein Übertreffend-Sagender', und es nicht leugnen. (4)

Wort für Wort
prāṇo vai āśāyā bhūyān
der Lebensatem ist größer als die Hoffnung
yathā arā nābhau samarpitāḥ
wie die Speichen in der Nabe befestigt sind
prāṇo ha pitā prāṇo mātā
der Lebensatem ist der Vater, die Mutter
dhik tvāstu pitṛhā vai tvam asi
Schande über dich, du bist ein Vatermörder
utkrāntaprāṇāṃś ... dahet naivainaṃ brūyuḥ pitṛhāsi
verbrennt man die vom Atem Verlassenen, sagt man nicht 'du bist Vatermörder'
prāṇo hy evaitāni sarvāṇi bhavati
der Lebensatem ist eben all diese Gestalten
ativādī bhavati
er wird zu einem Übertreffend-Sagenden

[Anm.: Der Ausdruck 'cūlena samāraṃ vyatiṣan dahet' (7.15.3, etwa: 'mit einem Feuerbrand ineinandergefügt verbrennen') ist textlich unsicher [?]. Die paradoxe Pointe des Abschnitts: verbale Kränkung eines lebenden Angehörigen gilt sprachlich als 'Mord', da im lebenden Menschen der Lebensatem mit Vater, Mutter usw. identifiziert wird; die tatsächliche Verbrennung eines bereits vom Lebensatem verlassenen Leichnams dagegen nicht, da der Atem selbst all diese Beziehungen konstituiert und mit seinem Entweichen erlischt auch ihre Bezeichnung.]

eṣa tu vā ativadati yaḥ satyenātivadati, so 'haṃ bhagavaḥ satyenātivadānīti, satyaṃ tv eva vijijñāsitavyam iti, satyaṃ bhagavo vijijñāsa iti (7.16.1).

Wer aber wahrhaft übertreffend spricht (Ativādin), der übertrifft durch Wahrheit (Satya). 'So will ich denn, ehrwürdiger Herr, durch Wahrheit übertreffend sprechen.' 'Doch die Wahrheit muss man zu erkennen suchen.' 'Die Wahrheit, ehrwürdiger Herr, möchte ich zu erkennen suchen.' (1)

Wort für Wort
eṣa tu vā ativadati yaḥ satyenātivadati
wer wahrhaft übertreffend spricht, übertrifft durch Wahrheit
satyaṃ tv eva vijijñāsitavyam
die Wahrheit muss man zu erkennen suchen

[Anm.: Ab hier (Kh. 16-23) wechselt das Muster der Lehrreihe: statt der Frage 'gibt es etwas Größeres als X?' fragt Nārada nun nach dem, was jeweils 'erkannt werden muss' (vijijñāsitavya), um zur nächsthöheren Stufe zu gelangen - Wahrheit, Erkennen, Denken, Glaube, feste Gründung, Tätigkeit, Glück -, bis die Reihe in der Bhūman-Lehre mündet.]

yadā vai vijānāty atha satyaṃ vadati, nāvijānan satyaṃ vadati, vijānann eva satyaṃ vadati, vijñānaṃ tv eva vijijñāsitavyam iti, vijñānaṃ bhagavo vijijñāsa iti (7.17.1).

Wenn man erkennt, dann spricht man wahr; wer nicht erkennt, spricht nicht wahr; nur wer erkennt, spricht wahr. Doch das Erkennen muss man zu erkennen suchen.' 'Das Erkennen, ehrwürdiger Herr, möchte ich zu erkennen suchen.' (1)

Wort für Wort
yadā vijānāty atha satyaṃ vadati
wenn man erkennt, spricht man wahr
vijñānaṃ tv eva vijijñāsitavyam
das Erkennen muss man zu erkennen suchen

yadā vai manute 'tha vijānāti, nāmatvā vijānāti, matvaiva vijānāti, matis tv eva vijijñāsitavyeti, matiṃ bhagavo vijijñāsa iti (7.18.1).

Wenn man denkt/erwägt, dann erkennt man; ohne zu denken, erkennt man nicht; nur denkend erkennt man. Doch das Denken/Erwägen (Mati) muss man zu erkennen suchen.' 'Das Denken, ehrwürdiger Herr, möchte ich zu erkennen suchen.' (1)

Wort für Wort
yadā manute 'tha vijānāti
wenn man denkt, dann erkennt man
matis tv eva vijijñāsitavyā
das Denken muss man zu erkennen suchen

yadā vai śraddhatty atha manute, nāśraddadhan manute, śraddadhad eva manute, śraddhā tv eva vijijñāsitavyeti, śraddhāṃ bhagavo vijijñāsa iti (7.19.1).

Wenn man Glauben/Vertrauen hat, dann denkt man; ohne Glauben denkt man nicht; nur gläubig denkt man. Doch der Glaube (Śraddhā) muss man zu erkennen suchen.' 'Den Glauben, ehrwürdiger Herr, möchte ich zu erkennen suchen.' (1)

Wort für Wort
yadā śraddhatty atha manute
wenn man Glauben hat, dann denkt man
śraddhā tv eva vijijñāsitavyā
der Glaube muss man zu erkennen suchen

yadā vai nistiṣṭhaty atha śraddadhāti, nānistiṣṭhañ chraddadhāti, nistiṣṭhann eva śraddadhāti, niṣṭhā tv eva vijijñāsitavyeti, niṣṭhāṃ bhagavo vijijñāsa iti (7.20.1).

Wenn man fest gegründet ist (Niṣṭhā), dann glaubt man; ohne fest gegründet zu sein, glaubt man nicht; nur fest gegründet glaubt man. Doch die feste Gründung muss man zu erkennen suchen.' 'Die feste Gründung, ehrwürdiger Herr, möchte ich zu erkennen suchen.' (1)

Wort für Wort
yadā nistiṣṭhaty atha śraddadhāti
wenn man fest gegründet ist, glaubt man
niṣṭhā tv eva vijijñāsitavyā
die feste Gründung muss man zu erkennen suchen

yadā vai karoty atha nistiṣṭhati, nākṛtvā nistiṣṭhati, kṛtvaiva nistiṣṭhati, kṛtis tv eva vijijñāsitavyeti, kṛtiṃ bhagavo vijijñāsa iti (7.21.1).

Wenn man handelt, dann ist man fest gegründet; ohne zu handeln, ist man nicht fest gegründet; nur handelnd ist man fest gegründet. Doch das Handeln (Kṛti) muss man zu erkennen suchen.' 'Das Handeln, ehrwürdiger Herr, möchte ich zu erkennen suchen.' (1)

Wort für Wort
yadā karoty atha nistiṣṭhati
wenn man handelt, ist man fest gegründet
kṛtis tv eva vijijñāsitavyā
das Handeln muss man zu erkennen suchen

yadā vai sukhaṃ labhate 'tha karoti, nāsukhaṃ labdhvā karoti, sukham eva labdhvā karoti, sukhaṃ tv eva vijijñāsitavyam iti, sukhaṃ bhagavo vijijñāsa iti (7.22.1).

Wenn man Glück erlangt, dann handelt man; ohne Glück zu erlangen, handelt man nicht so; nur Glück erlangend handelt man. Doch das Glück (Sukha) muss man zu erkennen suchen.' 'Das Glück, ehrwürdiger Herr, möchte ich zu erkennen suchen.' (1)

Wort für Wort
yadā sukhaṃ labhate 'tha karoti
wenn man Glück erlangt, dann handelt man
sukhaṃ tv eva vijijñāsitavyam
das Glück muss man zu erkennen suchen

yo vai bhūmā tat sukhaṃ, nālpe sukham asti, bhūmaiva sukhaṃ, bhūmā tv eva vijijñāsitavya iti, bhūmānaṃ bhagavo vijijñāsa iti (7.23.1).

Was die Fülle (Bhūman, das Unendliche) ist, das ist Glück; im Geringen (Kleinen) gibt es kein Glück; die Fülle allein ist Glück. Doch die Fülle muss man zu erkennen suchen.' 'Die Fülle, ehrwürdiger Herr, möchte ich zu erkennen suchen.' (1)

Wort für Wort
yo vai bhūmā tat sukham
was die Fülle ist, das ist Glück
nālpe sukham asti
im Geringen gibt es kein Glück
bhūmā tv eva vijijñāsitavyaḥ
die Fülle muss man zu erkennen suchen

[Anm.: Hier erreicht die Kette ihren entscheidenden Wendepunkt: das Glück (Sukha) selbst wird auf die 'Fülle' (Bhūman, wörtlich 'das Ausgedehnte, Unendliche') zurückgeführt - jenes Prinzip, das im folgenden Khaṇḍa positiv definiert wird und das Ziel der gesamten Lehrreihe bildet.]

yatra nānyat paśyati nānyac chṛṇoti nānyad vijānāti sa bhūmā, atha yatrānyat paśyaty anyac chṛṇoty anyad vijānāti tad alpaṃ, yo vai bhūmā tad amṛtam, atha yad alpaṃ tan martyaṃ, sa bhagavaḥ kasmin pratiṣṭhita iti, sve mahimni, yadi vā na mahimnīti (7.24.1). goaśvam iha mahimety ācakṣate, hastihiraṇyaṃ, dāsabhāryaṃ, kṣetrāṇy āyatanānīti, nāham evaṃ bravīmi, bravīmīti hovāca, anyo hy anyasmin pratiṣṭhita iti (7.24.2).

Wo man nichts anderes sieht, nichts anderes hört, nichts anderes erkennt, das ist die Fülle. Wo man aber etwas anderes sieht, etwas anderes hört, etwas anderes erkennt, das ist das Geringe (Alpa). Was die Fülle ist, das ist unsterblich; was das Geringe ist, das ist sterblich. 'Worauf, ehrwürdiger Herr, ist die Fülle gegründet?' 'Auf ihrer eigenen Größe – oder auch nicht einmal auf Größe.' (1) 'Rinder und Pferde nennt man hier "Größe" – oder auch Elefanten und Gold, Sklaven und Ehefrau, Ländereien und Besitztümer.' 'So spreche ich nicht', sprach er, 'ich meine etwas anderes; denn in jenem Sinn ist eines im anderen gegründet [jedes dieser Dinge ist auf etwas anderes angewiesen, nicht auf sich selbst].' (2)

Wort für Wort
yatra nānyat paśyati sa bhūmā
wo man nichts anderes sieht, das ist die Fülle
yatrānyat paśyati tad alpam
wo man etwas anderes sieht, das ist das Geringe
yo vai bhūmā tad amṛtam
was die Fülle ist, das ist unsterblich
yad alpaṃ tan martyam
was das Geringe ist, das ist sterblich
sa kasmin pratiṣṭhitaḥ sve mahimni
worauf ist sie gegründet - auf ihrer eigenen Größe
goaśvam iha mahima ity ācakṣate
Rinder und Pferde nennt man hier 'Größe'
anyo hy anyasmin pratiṣṭhitaḥ
eines ist im anderen gegründet [relational]

[Anm.: Die berühmte Kerndefinition der Bhūman-Lehre (7.24.1): Fülle/Unendlichkeit ist dort, wo kein zweites, anderes Ding mehr wahrgenommen wird - eine klare Vorwegnahme der späteren Advaita-Formel von der nicht-dualen Wirklichkeit. In 7.24.2 lehnt Sanatkumāra Nāradas naheliegende, aber unzureichende Deutung von 'Größe' als weltlichem Besitz (Vieh, Gold, Sklaven, Land) ausdrücklich ab: solcher Besitz ist stets auf anderes angewiesen (relational), während die wahre Fülle 'auf sich selbst' gegründet ist.]

sa evādhastāt sa upariṣṭāt sa paścāt sa purastāt sa dakṣiṇataḥ sa uttarataḥ sa evedaṃ sarvam ity, athāto 'haṃkārādeśa eva, aham evādhastād aham upariṣṭād ahaṃ paścād ahaṃ purastād ahaṃ dakṣiṇato 'ham uttarato 'ham evedaṃ sarvam iti (7.25.1). athāta ātmādeśa evātmaivādhastād ātmopariṣṭād ātmā paścād ātmā purastād ātmā dakṣiṇata ātmottarata ātmaivedaṃ sarvam iti, sa vā eṣa evaṃ paśyann evaṃ manvāna evaṃ vijānann ātmaratir ātmakrīḍa ātmamithuna ātmānandaḥ, sa svarāḍ bhavati, tasya sarveṣu lokeṣu kāmacāro bhavati, atha ye 'nyathāto vidur anyarājānas te kṣayyalokā bhavanti, teṣāṃ sarveṣu lokeṣv akāmacāro bhavati (7.25.2).

Sie [die Fülle] ist unten, sie ist oben, sie ist hinten, sie ist vorne, sie ist im Süden, sie ist im Norden – sie eben ist dies alles. Nun folgt die Belehrung in der Form des Ich-Bewusstseins: Ich bin unten, ich bin oben, ich bin hinten, ich bin vorne, ich bin im Süden, ich bin im Norden – ich eben bin dies alles. (1) Nun folgt die Belehrung in der Form des Selbst: Das Selbst allein ist unten, das Selbst oben, das Selbst hinten, das Selbst vorne, das Selbst im Süden, das Selbst im Norden – das Selbst eben ist dies alles. Wer so sieht, so denkt, so erkennt, dessen Freude ist das Selbst, dessen Spiel ist das Selbst, dessen Gattenpaar ist das Selbst, dessen Wonne ist das Selbst – der wird selbst-herrschend (Svarāj); ihm steht in allen Welten freie Bewegung nach Belieben zu. Wer aber anders als so die Wirklichkeit kennt, für den herrschen andere (Anyarājan), dessen Welten sind vergänglich; ihm steht in keiner Welt freie Bewegung nach Belieben zu. (2)

Wort für Wort
sa evādhastāt sa upariṣṭāt
sie ist unten, sie ist oben
sa evedaṃ sarvam
sie eben ist dies alles
ahaṃkārādeśaḥ
die Belehrung in der Form des Ich-Bewusstseins
ātmādeśa eva ātmaivādhastāt
die Belehrung des Selbst: das Selbst allein ist unten
ātmaratir ātmakrīḍa ātmamithuna ātmānandaḥ
dessen Freude, Spiel, Gattenpaar, Wonne das Selbst ist
sa svarāḍ bhavati
der wird selbst-herrschend
tasya sarveṣu lokeṣu kāmacāro bhavati
ihm steht in allen Welten freie Bewegung zu
ye 'nyathāto vidur anyarājānas te kṣayyalokā bhavanti
wer anders erkennt, für den herrschen andere, dessen Welten sind vergänglich

[Anm.: Die dreistufige Formel (7.25.1-2) führt vom räumlichen 'sie ist überall' über das noch objekthafte Ich-Bewusstsein (ahaṃkāra) zur endgültigen Selbst-Lehre (ātmādeśa): nicht 'ich' im gewöhnlichen Sinn, sondern das Selbst (Ātman) selbst ist die alldurchdringende Fülle. Wer dies erkennt, wird 'Svarāj' (Selbst-Herrscher) mit unbeschränkter Freiheit in allen Welten; wer die Wirklichkeit anders auffasst, bleibt 'von anderen beherrscht' (Anyarājan) und an vergängliche Welten gebunden.]

tasya ha vā etasyaivaṃ paśyata evaṃ manvānasyaivaṃ vijānata ātmataḥ prāṇa, ātmata āśā, ātmataḥ smara, ātma ākāśa, ātmatas teja, ātmata āpa, āvirbhāvatirobhāvāv, ātmato 'nnam, ātmato balam, ātmato vijñānam, ātmato dhyānam, ātmataś cittam, ātmataḥ saṃkalpa, ātmato manaḥ, ātmato vāg, ātmato nāma, ātmato mantrā, ātmataḥ karmāṇy, ātmata evedaṃ sarvam iti (7.26.1). tad eṣa ślokaḥ, na paśyo mṛtyuṃ paśyati na rogaṃ nota duḥkhatāṃ, sarvaṃ ha paśyaḥ paśyati sarvam āpnoti sarvaśa iti, sa ekadhā bhavati tridhā bhavati pañcadhā saptadhā navadhā ca, punaś caikādaśa smṛtaḥ, śataṃ ca daśa caikaś ca, sahasrāṇi ca viṃśatir, āhāraśuddhau sattvaśuddhir, dhruvā smṛtiḥ, smṛtilambhe sarvagranthīnāṃ vipramokṣas, tasmai mṛditakaṣāyāya tamasas pāraṃ darśayati bhagavān sanatkumāras, taṃ skanda ity ācakṣate, taṃ skanda ity ācakṣate (7.26.2).

Für ihn, der so sieht, so denkt, so erkennt, entsteht aus dem Selbst der Lebensatem, aus dem Selbst die Hoffnung, aus dem Selbst die Erinnerung, aus dem Selbst der Raum, aus dem Selbst die Glut, aus dem Selbst das Wasser, das Erscheinen und Verschwinden [der Formen], aus dem Selbst die Nahrung, aus dem Selbst die Kraft, aus dem Selbst das Erkennen, aus dem Selbst die Meditation, aus dem Selbst das Denken, aus dem Selbst der Wille, aus dem Selbst der Geist, aus dem Selbst die Rede, aus dem Selbst der Name, aus dem Selbst die Mantras, aus dem Selbst die Riten – aus dem Selbst eben ist all dies. (1) Dazu gibt es diesen Vers: Wer wahrhaft sieht, sieht nicht den Tod, nicht Krankheit, noch Elend; wer wahrhaft sieht, sieht alles, erlangt alles auf jede Weise. Dies wird einfach, wird dreifach, wird fünffach, siebenfach, neunfach, und wiederum wird es elffach genannt, und hundertundzehnfach, und tausendundzwanzigfach. Durch die Reinheit der Nahrung [wird] die Reinheit des Wesens (Sattva); [dadurch wird] die Erinnerung standhaft; durch die Erlangung der Erinnerung erfolgt die Loslösung von allen Knoten [des Herzens]. Diesem, dessen Trübungen zermahlen sind, zeigt der ehrwürdige Sanatkumāra das jenseitige Ufer jenseits der Finsternis. Ihn nennt man Skanda, ihn nennt man Skanda. (2)

Wort für Wort
tasya evaṃ paśyata ātmataḥ prāṇa
für den so Sehenden entsteht aus dem Selbst der Lebensatem
ātmata evedaṃ sarvam
aus dem Selbst eben ist all dies
na paśyo mṛtyuṃ paśyati na rogaṃ nota duḥkhatām
wer wahrhaft sieht, sieht nicht Tod, Krankheit noch Elend
sarvaṃ ha paśyaḥ paśyati sarvam āpnoti sarvaśaḥ
wer wahrhaft sieht, sieht alles, erlangt alles auf jede Weise
sa ekadhā bhavati tridhā bhavati pañcadhā saptadhā navadhā
es wird einfach, dreifach, fünffach, siebenfach, neunfach
āhāraśuddhau sattvaśuddhiḥ
durch Reinheit der Nahrung die Reinheit des Wesens
dhruvā smṛtiḥ smṛtilambhe sarvagranthīnāṃ vipramokṣaḥ
standhafte Erinnerung; durch ihre Erlangung Loslösung von allen Knoten
mṛditakaṣāyāya tamasas pāraṃ darśayati
dem, dessen Trübungen zermahlen sind, zeigt er das Ufer jenseits der Finsternis
taṃ skanda ity ācakṣate
ihn nennt man Skanda

[Anm.: Der Schlusskhaṇḍa fasst die gesamte Lehrreihe zusammen: alle 15 zuvor durchlaufenen Prinzipien (Lebensatem bis Riten) entspringen letztlich dem Selbst. Der abschließende, stark verdichtete Zahlenvers (7.26.2: einfach, dreifach, fünffach ... bis tausendundzwanzigfach) ist in seiner genauen Bedeutung unsicher überliefert und wird traditionell verschieden gedeutet [?]; sein Grundgedanke - Reinheit der Nahrung führt über Reinheit des Wesens zu standhafter Erinnerung und schließlich zur Lösung aller 'Herzensknoten' - ist jedoch klar. Bemerkenswert ist der abschließende Beiname 'Skanda' für Sanatkumāra: dies ist einer der ältesten Belege für eine Verbindung des vedischen Weisen/Kumāra-Gottes Sanatkumāra mit dem später eigenständigen Kriegsgott Skanda-Kārttikeya, dessen genauer Sinn hier philologisch nicht restlos geklärt ist [?]. Mit diesem Khaṇḍa endet der siebte Adhyāya und damit die gesamte Sanatkumāra-Nārada-Lehrreihe.]

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