Kapitel 8: chāndogyopaniṣat · aṣṭamo 'dhyāyaḥ
Adhyāya 8: Die Dahara-Vidyā, Indras und Virocanas Suche nach dem wahren Selbst bei Prajāpati (ChU 8,1–15) — Abschluss der Chāndogya-Upaniṣad
Adhyāya 8 (15 Khaṇḍas), der letzte der Chāndogya-Upaniṣad, beginnt mit der berühmten Dahara-Vidyā: im winzigen Raum innerhalb des Herzens ist die gesamte kosmische Wirklichkeit enthalten, und darin wohnt das vom Wandel unberührte, wunschlos-wahre Selbst (Kh. 1). Kh. 2 zeigt, wie im Zustand der Selbst-Erkenntnis jeder Wunsch durch bloßen Willen (Saṃkalpa) unmittelbar Wirklichkeit wird. Kh. 3 lehrt, dass diese wahren Wünsche im gewöhnlichen Leben von Unwahrheit verhüllt sind (Goldschatz-Gleichnis) und enthält die berühmte Silbenanalyse des Wortes "satya" (Wahrheit: sat-tī-yam). Kh. 4–5 beschreiben das Selbst als "Damm/Brücke" (Setu), der die Welten trennt und frei von allem Übel ist, sowie sechs etymologisierende Gleichsetzungen von Brahmacarya mit rituellen Praktiken. Kh. 6 behandelt die Herzadern (Nāḍīs), ihre Verbindung mit den Sonnenstrahlen, den Zustand des traumlosen Schlafs und enthält den berühmten Vers von den "hundertundein" Herzadern, von denen nur eine zum Scheitel und zur Unsterblichkeit führt (später fast wortgleich in der Kaṭha-Upaniṣad zitiert). Kh. 7–12 bilden die zentrale erzählende Selbst-Lehre des Werks: Indra (für die Götter) und Virocana (für die Dämonen) suchen bei Prajāpati nach dem wahren Selbst und erhalten zunächst drei unzureichende Antworten (Spiegelbild im Wasser, Traum-Selbst, traumloses Tiefschlaf-Selbst) - Virocana akzeptiert bereits die erste und begründet damit die materialistische "Lehre der Dämonen" (Körperkult), während Indra nach insgesamt 101 Jahren Vedaschülerschaft die endgültige Lehre vom körperlosen, unsterblichen Selbst empfängt, das wie Wind, Wolke und Blitz "aus dem Körper aufsteigt" und als eigentlicher Träger von Sehen, Hören, Riechen und Denken fungiert, ohne selbst deren Objekt zu sein. Kh. 13 ist ein knapper meditativer Schlussvers (Rāhu-Mond-Gleichnis). Kh. 14 enthält eine kurze Ākāśa-Formel, deren Schlussteil im vorliegenden Scan zu beschädigt ist, um sicher übersetzt zu werden (entsprechend mit [?] markiert statt geraten). Kh. 15 schließt mit der Überlieferungskette Brahman→Prajāpati→Manu→Geschöpfe, dem Idealbild des frommen, gewaltlosen Haushalt-Vedakenners, der nicht wiedergeboren wird, und der traditionellen Śānti-Schlussformel ("Oṃ āpyāyantu..."), mit der die gesamte Chāndogya-Upaniṣad endet. Mit diesem Kapitel ist die gesamte in der vorliegenden Quelle (PDF, sanskritdocuments.org, transliteriert von P. P. Narayanaswami) enthaltene Chāndogya-Upaniṣad vollständig übersetzt; die dieser Upaniṣad im engeren Sinn vorausgehenden zwei ritualistischen Prapāṭhakas, die manche Traditionen zum eigentlichen Chāndogya-Āraṇyaka zählen, fehlen in dieser Quelle (s. Hinweis in Kapitel 1) und bleiben eine mögliche spätere Ergänzung, sollte gemeinfreies Quellmaterial dafür verfügbar werden.
atha yad idam asmin brahmapure daharaṃ puṇḍarīkaṃ veśma, daharo 'smin antar ākāśas, tasmin yad antas tad anveṣṭavyaṃ, tad dhāva vijijñāsitavyam iti (8.1.1). taṃ ced brūyur, yad idam asmin brahmapure daharaṃ puṇḍarīkaṃ veśma daharo 'smin antar ākāśaḥ, kiṃ tad atra vidyate yad anveṣṭavyaṃ, yad vāva vijijñāsitavyam iti, sa brūyāt (8.1.2). yāvān vā ayam ākāśas, tāvān eṣo 'ntar hṛdaya ākāśaḥ, ubhe asmin dyāvāpṛthivī antar eva samāhite, ubhāv agniś ca vāyuś ca sūryācandramasāv ubhau, vidyun nakṣatrāṇi, yac cāsyehāsti yac ca nāsti, sarvaṃ tad asmin samāhitam iti (8.1.3). taṃ ced brūyur, asmiṃś ced idaṃ brahmapure sarvaṃ samāhitaṃ, sarvāṇi ca bhūtāni sarve ca kāmāḥ, yadaitaj jarā vā prāpnoti pramṛyate vā, kiṃ tato 'tiśiṣyata iti (8.1.4). sa brūyān naitaj jarayaitaj jīryati, na vadhenāsya hanyate, etat satyaṃ brahmapuram, asmin kāmāḥ samāhitāḥ, eṣa ātmāpahatapāpmā, vijaro, vimṛtyur, viśoko, vijighatso 'pipāsaḥ, satyakāmaḥ, satyasaṃkalpo, yathā hy eveha prajā anvidiśanti yathānuśāsanaṃ, yaṃ yam antam abhikāmā bhavanti, yaṃ janapadaṃ, yaṃ kṣetrabhāgaṃ, taṃ tam evopajīvanti (8.1.5). tathehātmāpahatapāpmā vijaro vimṛtyur viśoko vijighatso 'pipāsaḥ satyakāmaḥ satyasaṃkalpaḥ, anvidiśanti yathānuśāsanaṃ, tam ittha karmajito lokaḥ kṣīyate, evam evāmutra puṇyajito lokaḥ kṣīyate; atha ya ihātmānam anavidya vrajanty etāṃś ca satyān kāmāṃs, teṣāṃ sarveṣu lokeṣv akāmacāro bhavati, atha ya ihātmānam anuvidya vrajanty etāṃś ca satyān kāmāṃs, teṣāṃ sarveṣu lokeṣu kāmacāro bhavati (8.1.6).
Nun, was hier in dieser Brahman-Stadt [dem Körper] eine kleine Lotusblüten-Wohnung ist, darin ist ein kleiner Raum (Ākāśa); was in diesem ist, das ist zu suchen, das ist zu erkennen zu suchen. (1) Wenn man ihm sagt: 'Was hier in dieser Brahman-Stadt eine kleine Lotusblüten-Wohnung ist, worin ein kleiner Raum ist – was gibt es da, das zu suchen, das zu erkennen zu suchen wäre?' – so soll er antworten: (2) 'So groß wie dieser [äußere] Raum ist, so groß ist eben dieser Raum im Innern des Herzens; in diesem sind beide zugleich enthalten: Himmel und Erde, Feuer und Wind, Sonne und Mond beide, Blitz und Sterne; und was hier von ihm ist und was nicht ist – all das ist in diesem enthalten.' (3) Wenn man ihm sagt: 'Wenn in dieser Brahman-Stadt alles enthalten ist, alle Wesen und alle Wünsche – wenn dies dann Alter erreicht oder stirbt, was bleibt dann von ihm übrig?' (4) Er soll antworten: 'Nicht altert dies durch Altern, nicht wird dies durch Töten getötet; dies ist die wahre Brahman-Stadt, in ihr sind die Wünsche enthalten. Dieses Selbst ist frei von Übel, frei von Alter, frei von Tod, frei von Kummer, frei von Hunger, frei von Durst; sein Wunsch ist die Wahrheit, sein Entschluss ist die Wahrheit. Wie hier die Untertanen nach der Anweisung [des Königs] handeln – welches Ende auch immer sie begehren, welches Land, welchen Feldanteil – eben davon leben sie –' (5) '– ebenso hängen von diesem Selbst, das frei von Übel, frei von Alter, frei von Tod, frei von Kummer, frei von Hunger, frei von Durst ist, dessen Wunsch die Wahrheit, dessen Entschluss die Wahrheit ist, [alle Wünsche ab]. Wie hier die durch Werke erworbene Welt schwindet, ebenso schwindet dort die durch Verdienst erworbene Welt. Wer von hier fortgeht, ohne das Selbst und diese wahren Wünsche gefunden zu haben, dem steht in keiner Welt freie Bewegung nach Belieben zu; wer aber von hier fortgeht, nachdem er das Selbst und diese wahren Wünsche gefunden hat, dem steht in allen Welten freie Bewegung nach Belieben zu.' (6)
Wort für Wort
idam asmin brahmapure daharaṃ puṇḍarīkaṃ veśma
hier in dieser Brahman-Stadt eine kleine Lotusblüten-Wohnung
so groß wie dieser Raum, so groß der Raum im Herzen
ubhe asmin dyāvāpṛthivī antar eva samāhite
Himmel und Erde sind beide darin enthalten
yac cāsyehāsti yac ca nāsti sarvaṃ tad asmin samāhitam
was ist und was nicht ist, all das ist darin enthalten
naitaj jarayaitaj jīryati na vadhenāsya hanyate
nicht altert dies durch Altern, nicht wird es durch Töten getötet
eṣa ātmāpahatapāpmā vijaro vimṛtyur viśoko
dieses Selbst ist frei von Übel, Alter, Tod, Kummer
satyakāmaḥ satyasaṃkalpaḥ
dessen Wunsch die Wahrheit, dessen Entschluss die Wahrheit ist
ye ihātmānam anuvidya vrajanti teṣāṃ sarveṣu lokeṣu kāmacāro bhavati
wer das Selbst gefunden hat, dem steht in allen Welten freie Bewegung zu
[Anm.: Dies eröffnet den achten und letzten Adhyāya mit der berühmten Dahara-Vidyā ("Lehre vom kleinen Raum"): im winzigen Raum innerhalb des Herzens ist die gesamte kosmische Wirklichkeit enthalten, und dort wohnt das vom Wandel unberührte, wunschloswahre Selbst.]
Wenn er die Welt der Väter zu erlangen wünscht, erstehen ihm allein durch seinen Willen die Väter; damit versehen, wird er verherrlicht. (1) Wenn er die Welt der Mütter zu erlangen wünscht, erstehen ihm allein durch seinen Willen die Mütter; damit versehen, wird er verherrlicht. (2) Ebenso die Welt der Brüder (3), der Schwestern (4), der Freunde (5), von Duft und Blumengirlanden (6), von Speise und Trank (7), von Gesang und Musikinstrumenten (8), der Frauen (9) – jeweils ersteht ihm allein durch seinen Willen, womit versehen er verherrlicht wird. Welches Ende auch immer er begehrt, welchen Wunsch er auch wünscht – er ersteht ihm allein durch seinen Willen; damit versehen, wird er verherrlicht. (10)
Wort für Wort
pitṛlokakāmo bhavati
wünscht er die Welt der Väter
saṃkalpād evāsya pitaraḥ samuttiṣṭhanti
durch seinen Willen allein erstehen ihm die Väter
tena pitṛlokena sampanno mahīyate
damit versehen wird er verherrlicht
yaṃ yam antam abhikāmo bhavati yaṃ kāmaṃ kāmayate
welches Ende er auch begehrt, welchen Wunsch er wünscht
ta ime satyāḥ kāmā anṛtāpidhānās, teṣāṃ satyānāṃ satām anṛtam apidhānaṃ, yo yo hy asyetaḥ praiti na tam iha darśanāya labhate (8.3.1). atha ye cāsyeha jīvā, ye ca pretā, yac cānyad icchan na labhate, sarvaṃ tad atra gatvā vindate, atra hy asya ete satyāḥ kāmā anṛtāpidhānāḥ, tad yathāpi hiraṇyanidhiṃ nihitam akṣetrajñā upary upari sañcaranto na vindeyur, evam evemāḥ sarvāḥ prajā ahar ahar gacchantya etaṃ brahmalokaṃ na vindanty anṛtena hi pratyūḍhāḥ (8.3.2). sa vā eṣa ātmā hṛdi, tasyaitad eva niruktaṃ hṛdy ayam iti, tasmād dhṛdayam, ahar ahar vā evaṃvit svargaṃ lokam eti (8.3.3). atha ya eṣa saṃprasādo 'smāc charīrāt samutthāya paraṃ jyotir upasampadya svena rūpeṇābhiniṣpadyate, eṣa ātmeti hovāca, etad amṛtam abhayam, etad brahma, tasya ha vā etasya brahmaṇo nāma satyam iti (8.3.4). tāni ha vā etāni trīṇy akṣarāṇi satīyam iti, sad ity ekam akṣaraṃ, tīti ekam akṣaraṃ, yam ity ekam akṣaraṃ, prathamottame akṣare satyaṃ, madhyato 'nṛtaṃ, tad etad anṛtam ubhayataḥ satyena parigṛhītaṃ, satyabhūyam eva bhavati, naitaṃ vidvāṃsam anṛtaṃ hinasti (8.3.5).
Diese wahren Wünsche sind mit Unwahrheit verhüllt; obwohl sie wahr, wirklich seiend sind, ist Unwahrheit ihre Hülle. Wer immer nämlich von hier fortgeht, den erlangt man hier nicht mehr zu Gesicht. (1) Und was auch immer von seinen Lebenden hier oder von seinen Verstorbenen existiert, und was er sonst wünscht, aber nicht erlangt – all das findet er, wenn er dorthin gegangen ist; denn dort eben sind diese seine wahren, mit Unwahrheit verhüllten Wünsche. Wie etwa Leute, die den Ort eines vergrabenen Goldschatzes nicht kennen, wiederholt gerade darüber hinweggehen, ohne ihn zu finden – ebenso finden alle diese Geschöpfe, obwohl sie Tag für Tag dorthin gehen [im Tiefschlaf], diese Brahman-Welt nicht, weil sie von der Unwahrheit in die Irre geführt werden. (2) Dieses Selbst nun ist im Herzen; dies ist seine wörtliche Erklärung: 'dies (ayam) ist im Herzen (hṛdi)' – daher [das Wort] 'Herz' (hṛdayam). Wer dies so weiß, geht Tag für Tag in die Himmelswelt. (3) Nun aber, wenn diese Heiterkeit, nachdem sie aus diesem Körper aufgestanden ist und das höchste Licht erreicht hat, in ihrer eigenen Gestalt erscheint – das ist das Selbst, so sprach er; das ist das Unsterbliche, Furchtlose; das ist Brahman. Und dieses Brahman heißt eben 'Wahrheit' (Satyam). (4) Nämlich dieses Wort hat drei Silben: 'sa-tī-yam'. 'Sat' ist eine Silbe, 'tī' ist eine Silbe, 'yam' ist eine Silbe. Die erste und die letzte Silbe sind Wahrheit, die mittlere ist Unwahrheit; diese Unwahrheit ist auf beiden Seiten von Wahrheit umschlossen und geht so vorwiegend in Wahrheit auf. Wer dies weiß, den verletzt die Unwahrheit nicht. (5)
Wort für Wort
ta ime satyāḥ kāmā anṛtāpidhānāḥ
diese wahren Wünsche sind mit Unwahrheit verhüllt
yo yo hy asyetaḥ praiti na tam iha darśanāya labhate
wer von hier fortgeht, den erlangt man hier nicht mehr zu Gesicht
hiraṇyanidhiṃ nihitam akṣetrajñā upary upari sañcaranto na vindeyuḥ
einen vergrabenen Goldschatz finden Unkundige nicht, obwohl sie darüber gehen
anṛtena hi pratyūḍhāḥ
weil sie von der Unwahrheit in die Irre geführt werden
die Heiterkeit, aus dem Körper aufgestanden, das höchste Licht erreichend
etad amṛtam abhayam etad brahma
das ist das Unsterbliche, Furchtlose, das ist Brahman
trīṇy akṣarāṇi sad tī yam
drei Silben: sat, tī, yam
prathamottame akṣare satyaṃ madhyato 'nṛtam
die erste und letzte Silbe Wahrheit, die mittlere Unwahrheit
naitaṃ vidvāṃsam anṛtaṃ hinasti
den Wissenden verletzt die Unwahrheit nicht
[Anm.: Die berühmte Silbenanalyse von "satyam" (Wahrheit) in 8.3.5 – sat/tī/yam, mit dem mittleren, 'unwahren' Element von zwei 'wahren' Elementen umschlossen – ist im vorliegenden Scan an dieser Stelle nur schwer lesbar; die Übersetzung folgt hier der aus dem sichtbaren Silbenbestand zweifelsfrei erschließbaren traditionellen Textgestalt dieses vielzitierten Wortspiels, nicht einer vorhandenen Übersetzung.]
atha ya ātmā, sa setur dhṛtir eṣāṃ lokānām asambhedāya, naitaṃ setum ahorātre tarato, na jarā, na mṛtyur, na śoko, na sukṛtaṃ, na duṣkṛtaṃ, sarve pāpmāno 'to nivartante, apahatapāpmā hy eṣa brahmalokaḥ (8.4.1). tasmād vā etaṃ setuṃ tīrtvāndhaḥ san anandho bhavati, viddhaḥ san aviddho bhavaty, upatāpī san anupatāpī bhavati, tasmād vā etaṃ setuṃ tīrtvāpi naktam ahar evābhiniṣpadyate, sakṛd vibhāto hy evaiṣa brahmalokaḥ (8.4.2). tad ya evaitaṃ brahmalokaṃ brahmacaryeṇānuvindanti, teṣām evaiṣa brahmalokas, teṣāṃ sarveṣu lokeṣu kāmacāro bhavati (8.4.3).
Nun ist dieses Selbst der Damm/die Brücke (Setu), das Halten dieser Welten, damit sie nicht ineinander verschmelzen. Weder Tag noch Nacht überschreiten diesen Damm, noch Alter, noch Tod, noch Kummer, noch gute noch schlechte Tat; alle Übel kehren von hier zurück, denn diese Brahman-Welt ist frei von Übel. (1) Deshalb wird, wer diesen Damm überschritten hat, wenn er blind war, nicht mehr blind; wenn er verletzt war, nicht mehr verletzt; wenn er leidend war, nicht mehr leidend. Deshalb erscheint, wer diesen Damm überschritten hat, selbst die Nacht als Tag, denn ein für allemal erleuchtet ist eben diese Brahman-Welt. (2) Diejenigen, die diese Brahman-Welt durch Keuschheit/Schülerschaft (Brahmacarya) finden, ihnen allein gehört diese Brahman-Welt; ihnen steht in allen Welten freie Bewegung nach Belieben zu. (3)
Wort für Wort
sa setur dhṛtir eṣāṃ lokānām asambhedāya
es ist der Damm, das Halten dieser Welten, damit sie nicht verschmelzen
naitaṃ setum ahorātre tarataḥ
weder Tag noch Nacht überschreiten diesen Damm
apahatapāpmā hy eṣa brahmalokaḥ
diese Brahman-Welt ist frei von Übel
etaṃ setuṃ tīrtvāndhaḥ san anandho bhavati
wer diesen Damm überschritten hat, wird, war er blind, nicht mehr blind
sakṛd vibhāto hy evaiṣa brahmalokaḥ
ein für allemal erleuchtet ist diese Brahman-Welt
ye brahmalokaṃ brahmacaryeṇānuvindanti teṣāṃ sarveṣu lokeṣu kāmacāro bhavati
wer sie durch Brahmacarya findet, dem steht überall freie Bewegung zu
atha yad yajña ity ācakṣate, brahmacaryam eva tad; brahmacaryeṇa hy eva yo jñātā taṃ vindate. atha yad iṣṭam ity ācakṣate, brahmacaryam eva tad; brahmacaryeṇa hy eṣṭvātmānam anuvindate (8.5.1). atha yat sattrāyaṇam ity ācakṣate, brahmacaryam eva tad; brahmacaryeṇa hy eva sata ātmanas trāṇaṃ vindate. atha yan maunam ity ācakṣate, brahmacaryam eva tad; brahmacaryeṇa hy evātmānam anuvidya manute (8.5.2). atha yad anāśakāyanam ity ācakṣate, brahmacaryam eva tad, eṣa hy ātmā na naśyati yaṃ brahmacaryeṇānuvindate. atha yad araṇyāyanam ity ācakṣate, brahmacaryam eva tad, araṇyaś ca ha vai āyanaś ca ha vā arṇavau brahmaloke tṛtīyasyām ito divi, tad airammadīyaṃ saras, tad aśvatthaḥ somasavanas, tad aparājitā pūr brahmaṇaḥ, prabhuvimitaṃ hiraṇmayam (8.5.3). tad ya evaitāv arṇavau brahmaloke, tad ya eva araṇyaś ca āyanaś ca, brahmacaryeṇānuvindanti, teṣām evaiṣa brahmalokas, teṣāṃ sarveṣu lokeṣu kāmacāro bhavati (8.5.4).
Was man 'Opfer' (Yajña) nennt, das ist eben Brahmacarya; denn nur durch Brahmacarya findet der Wissende jenes Selbst. Was man 'Verehrung' (Iṣṭa) nennt, das ist eben Brahmacarya; denn nur durch Brahmacarya, [das Selbst] suchend, findet man das Selbst. (1) Was man 'Sattra' (die lange Opfersitzung) nennt, das ist eben Brahmacarya; denn nur durch Brahmacarya findet man die Bewahrung des seienden Selbst. Was man 'Schweigen' (Mauna) nennt, das ist eben Brahmacarya; denn nur durch Brahmacarya, das Selbst gefunden habend, sinnt man. (2) Was man 'Fasten-Wandeln' (Anāśakāyana) nennt, das ist eben Brahmacarya; denn dieses Selbst, das man durch Brahmacarya findet, geht nicht zugrunde. Was man 'Waldwandeln' (Araṇyāyana) nennt, das ist eben Brahmacarya; denn 'Araṇya' und 'Ayana' sind fürwahr zwei Meere in der Brahman-Welt, im dritten Himmel von hier: das eine der 'Airammadīya'-See, das andere der Soma spendende Aśvattha-Baum; dort ist 'Aparājitā', die Stadt Brahmans, und die vom Herrn erbaute goldene Halle. (3) Wer diese beiden Meere in der Brahman-Welt, das heißt eben 'Araṇya' und 'Ayana', durch Brahmacarya findet, ihnen allein gehört diese Brahman-Welt; ihnen steht in allen Welten freie Bewegung nach Belieben zu. (4)
Wort für Wort
yad yajña ity ācakṣate brahmacaryam eva tat
was man Opfer nennt, ist eben Brahmacarya
yad iṣṭam ity ācakṣate
was man Verehrung nennt
yat sattrāyaṇam ity ācakṣate
was man die Opfersitzung nennt
yan maunam ity ācakṣate
was man Schweigen nennt
yad anāśakāyanam ity ācakṣate
was man Fasten-Wandeln nennt
yad araṇyāyanam ity ācakṣate
was man Waldwandeln nennt
araṇyaś ca āyanaś ca arṇavau brahmaloke tṛtīyasyām ito divi
Araṇya und Ayana sind zwei Meere in der Brahman-Welt, im dritten Himmel von hier
tad airammadīyaṃ saras tad aśvatthaḥ somasavanaḥ
der Airammadīya-See, der Soma spendende Aśvattha-Baum
tad aparājitā pūr brahmaṇaḥ
die Stadt Aparājitā Brahmans
[Anm.: Dieser Khaṇḍa identifiziert Brahmacarya (Vedaschülerschaft/Enthaltsamkeit) etymologisierend mit sechs verschiedenen rituellen und asketischen Praktiken (Opfer, Verehrung, Opfersitzung, Schweigen, Fasten, Waldwandeln) und deutet den letzten Begriff, "Araṇyāyana", allegorisch als zwei mystische Meere/Orte in der Brahman-Welt selbst – eine der eigentümlichsten Wortspiel-Passagen des Kapitels.]
atha yā etā hṛdayasya nāḍyas tāḥ piṅgalasyāṇimnas tiṣṭhanti, śuklasya, nīlasya, pītasya, lohitasyety, asau vā ādityaḥ piṅgala, eṣa śuklaḥ, eṣa nīlaḥ, eṣa pītaḥ, eṣa lohitaḥ (8.6.1). tad yathā mahāpatha ātata ubhau grāmau gacchatīmaṃ cāmuṃ ca, evam evaitā ādityasya raśmaya ubhau lokau gacchantīmaṃ cāmuṃ ca, amuṣmād ādityāt pratāyante, tā āsu nāḍīṣu sṛptāḥ, ābhyo nāḍībhyaḥ pratāyante, tā amuṣmin āditye sṛptāḥ (8.6.2). tad yatraitat suptaḥ samastaḥ saṃprasannaḥ svapnaṃ na vijānāty āsu tadā nāḍīṣu sṛpto bhavati, taṃ na kaścana pāpmā spṛśati, tejasā hi tadā sampanno bhavati (8.6.3). atha yatraitad balimānaṃ nīto bhavati, tam abhita āsīnā āhur, jānāsi māṃ, jānāsi mām iti, sa yāvad asmāc charīrād anutkrānto bhavati, tāvaj jānāti (8.6.4). atha yatraitad asmāc charīrād utkrāmaty, athaitair eva raśmibhir ūrdhvam ākramate, sa oṃ iti vā hovā dhyāyate, sa yāvat kṣipyen manas, tāvad ādityaṃ gacchati, etad vai khalu lokadvāraṃ viduṣāṃ prapadanaṃ, nirodho 'viduṣām (8.6.5). tad eṣa ślokaḥ, śataṃ caikā ca hṛdayasya nāḍyas, tāsāṃ mūrdhānam abhiniḥsṛtaikā, tayordhvam āyann amṛtatvam eti, viṣvaṅṅanyā utkramaṇe bhavanty utkramaṇe bhavanti (8.6.6).
Nun, jene Adern (Nāḍīs) des Herzens bestehen aus der feinen Substanz des Braunen, des Weißen, des Blauen, des Gelben, des Roten. Jene Sonne dort ist braun, sie ist weiß, sie ist blau, sie ist gelb, sie ist rot. (1) Wie eine große Landstraße sich zwischen zwei Dörfern erstreckt, zu diesem und zu jenem führend – ebenso erstrecken sich diese Strahlen der Sonne zu beiden Welten, zu dieser und zu jener. Sie breiten sich von jener Sonne aus, sind in diese Adern eingedrungen; sie breiten sich von diesen Adern aus, sind in jene Sonne eingedrungen. (2) Wenn er so schläft, ganz gesammelt, völlig heiter, keinen Traum wahrnimmt, dann ist er in diese Adern eingedrungen; dann berührt ihn kein Übel, denn dann ist er mit der Glut vereint. (3) Wenn er aber schwach geworden ist, umringen ihn die Umsitzenden und sagen: 'Kennst du mich? Kennst du mich?' Solange er noch nicht aus diesem Körper ausgetreten ist, kennt er sie noch. (4) Wenn er aber aus diesem Körper austritt, dann steigt er eben durch diese Strahlen empor; er murmelt entweder 'Om', oder er denkt daran. So schnell wie er den Geist entsenden kann, so schnell gelangt er zur Sonne. Dies nämlich ist das Tor der Welt, ein Eingang für die Wissenden, eine Absperrung für die Nichtwissenden. (5) Dazu gibt es diesen Vers: Hundertundeine sind die Adern des Herzens; eine von ihnen führt hinauf zum Scheitel. Durch diese aufsteigend gelangt man zur Unsterblichkeit; die anderen, nach allen Seiten hin, dienen dem gewöhnlichen Hinausgehen, dienen dem Hinausgehen. (6)
diese Adern des Herzens bestehen aus feiner brauner Substanz
asau vā ādityaḥ piṅgala eṣa śuklaḥ
jene Sonne ist braun, sie ist weiß
mahāpatha ātata ubhau grāmau gacchati
eine große Landstraße erstreckt sich zwischen zwei Dörfern
ādityasya raśmaya ubhau lokau gacchanti
die Strahlen der Sonne gehen zu beiden Welten
suptaḥ samastaḥ saṃprasannaḥ svapnaṃ na vijānāti
er schläft gesammelt, heiter, ohne Traum
tejasā hi tadā sampanno bhavati
dann ist er mit der Glut vereint
jānāsi māṃ jānāsi mām
kennst du mich, kennst du mich
oṃ iti vā hovā dhyāyate
er murmelt Om, oder denkt daran
etad vai khalu lokadvāraṃ viduṣāṃ prapadanaṃ nirodho 'viduṣām
dies ist das Tor der Welt, Eingang für Wissende, Sperre für Nichtwissende
śataṃ caikā ca hṛdayasya nāḍyaḥ
hundertundeine Adern des Herzens
tāsāṃ mūrdhānam abhiniḥsṛtaikā tayordhvam āyann amṛtatvam eti
eine führt zum Scheitel, durch sie aufsteigend gelangt man zur Unsterblichkeit
[Anm.: Die berühmte Verszeile von den "hundertundein" Herzadern, von denen nur eine einzige – die durch den Scheitel führende – zur Unsterblichkeit leitet, wird später auch in der Kaṭha-Upaniṣad (6.16) fast wortgleich zitiert.]
ya ātmāpahatapāpmā vijaro vimṛtyur viśoko vijighatso 'pipāsaḥ satyakāmaḥ satyasaṃkalpaḥ, so 'nveṣṭavyaḥ, sa vijijñāsitavyaḥ, sa sarvāṃś ca lokān āpnoti sarvāṃś ca kāmān yas tam ātmānam anuvidya vijānātīti, ha prajāpatir uvāca (8.7.1). tad dhobhaye devāsurā anubudhire, te hocuḥ, hanta tam ātmānam anvicchāmo yam ātmānam anvicchya sarvāṃś ca lokān āpnoti sarvāṃś ca kāmān iti; indro haiva devānām abhipravavrāja, virocano 'surāṇāṃ, tau ha asaṃvidānāv eva samitpāṇī prajāpatisakāśam ājagmatuḥ (8.7.2). tau ha dvātriṃśataṃ varṣāṇi brahmacaryam ūṣatuḥ, tau ha prajāpatir uvāca, kim icchantāv avāstham iti, tau hocatuḥ, ya ātmāpahatapāpmā vijaro vimṛtyur viśoko vijighatso 'pipāsaḥ satyakāmaḥ satyasaṃkalpaḥ, sa vedayante, tam icchantāv āvāsteti (8.7.3). tau ha prajāpatir uvāca, ya eṣo 'kṣiṇi puruṣo dṛśyata eṣa ātmeti hovāca, etad amṛtam abhayam, etad brahmeti, atha yo 'yaṃ, bhagavaḥ, apsu pariskhāyate, yaś cāyam ādarśe, katama eṣa iti, eṣa u evaiṣu sarveṣv antareṣu pariskhāyata iti hovāca (8.7.4).
'Das Selbst, das frei von Übel, frei von Alter, frei von Tod, frei von Kummer, frei von Hunger, frei von Durst ist, dessen Wunsch die Wahrheit, dessen Entschluss die Wahrheit ist – das ist zu suchen, das ist zu erkennen zu suchen. Wer jenes Selbst gefunden und erkannt hat, erlangt alle Welten und alle Wünsche' – so sprach Prajāpati. (1) Dies vernahmen beide, Götter und Dämonen (Asuras); sie sprachen: 'Wohlan, lasst uns jenes Selbst suchen, durch dessen Suchen man alle Welten und alle Wünsche erlangt.' So zog Indra von den Göttern, Virocana von den Dämonen aus; beide, ohne sich abzusprechen, kamen mit Brennholz in den Händen zu Prajāpati. (2) Beide lebten nun zweiunddreißig Jahre als Vedaschüler. Da sprach Prajāpati zu ihnen: 'Was wünschend habt ihr hier verweilt?' Beide sprachen: 'Das Selbst, das frei von Übel, frei von Alter, frei von Tod, frei von Kummer, frei von Hunger, frei von Durst ist, dessen Wunsch die Wahrheit, dessen Entschluss die Wahrheit ist – man verkündet davon; dieses ersehnend haben wir hier verweilt.' (3) Zu ihnen sprach Prajāpati: 'Diese Person, die im Auge gesehen wird – das ist das Selbst', sprach er, 'das ist das Unsterbliche, Furchtlose; das ist Brahman.' 'Aber, ehrwürdiger Herr, dieses hier, das im Wasser gespiegelt erscheint, und dieses, das im Spiegel erscheint – welches von beiden ist es?' 'Eben dieses selbst erscheint in allen diesen Spiegelungen', sprach er. (4)
Wort für Wort
ya ātmāpahatapāpmā ... so 'nveṣṭavyaḥ sa vijijñāsitavyaḥ
das vom Übel freie Selbst ist zu suchen, zu erkennen zu suchen
Indra zog von den Göttern aus, Virocana von den Dämonen
asaṃvidānāv eva samitpāṇī prajāpatisakāśam ājagmatuḥ
ohne Absprache kamen beide mit Brennholz zu Prajāpati
dvātriṃśataṃ varṣāṇi brahmacaryam ūṣatuḥ
sie lebten 32 Jahre als Vedaschüler
ya eṣo 'kṣiṇi puruṣo dṛśyata eṣa ātmā
die im Auge gesehene Person ist das Selbst
yo 'yam apsu pariskhāyate yaś cāyam ādarśe katama eṣaḥ
was im Wasser und im Spiegel erscheint - welches ist es
eṣa u evaiṣu sarveṣv antareṣu pariskhāyate
eben dieses erscheint in all diesen Spiegelungen
[Anm.: Hier beginnt die berühmte Indra-Virocana-Prajāpati-Erzählung (Kh. 7-12), die zentrale narrative Selbst-Lehre des gesamten Werks: Götter und Dämonen suchen gemeinsam nach dem wahren Selbst, erhalten aber zunächst drei zunehmend verfeinerte, doch letztlich unzureichende Antworten (Spiegelbild, Traum-Selbst, Tiefschlaf-Selbst), bevor Prajāpati Indra allein die endgültige Lehre vom körperlosen, unsterblichen Selbst offenbart.]
udaśarāva ātmānam avekṣya, yad ātmano na vijānītha stan me pra brūtam iti; tau hodaśarāve 'vaikṣāṃcakāte; tau ha prajāpatir uvāca, kiṃ paśyatha iti; tau hocatuḥ, sarvam evedaṃ, bhagavaḥ, ātmānaṃ paśyāva ā lomabhya ā nakhebhyaḥ, pratirūpam iti (8.8.1). tau ha prajāpatir uvāca, sādhv alaṃkṛtau suvasanau pariṣkṛtau bhūtvodaśarāve 'vekṣethām iti; tau ha sādhv alaṃkṛtau suvasanau pariṣkṛtau bhūtvodaśarāve 'vaikṣāṃcakāte; tau ha prajāpatir uvāca, kiṃ paśyatha iti (8.8.2). tau hocatuḥ, yathaiva khalv idaṃ, bhagavaḥ, sādhv alaṃkṛtau suvasanau pariṣkṛtau, evam evemau, bhagavaḥ, sādhv alaṃkṛtau suvasanau pariṣkṛtāv iti; eṣa ātmeti hovāca, etad amṛtam abhayam, etad brahmeti; tau ha śāntahṛdayau pravavrajatuḥ (8.8.3). tau hānvīkṣya prajāpatir uvāca, anupalabhyātmānam anuvidya vrajatas, tau yatarāv etad upaniṣado bhaviṣyanti devā vāsurā vā, te parābhaviṣyantīti; sa ha śāntahṛdaya eva virocano 'surān ājagāma; tebhyo hitām upaniṣadaṃ provāca, ātmaiveha mahayya, ātmā paricaryaḥ, ātmānam eveha mahayann, ātmānaṃ paricarann, ubhau lokāv avāpnotīmaṃ ca amuṃ ceti (8.8.4). tasmād apy adyeha adānam aśraddadhānam ayajamānaṃ āhur āsuraṃ, hy eṣopaniṣat asurāṇāṃ, tasya śarīraṃ bhikṣayā vāsasenālaṃkāreṇa saṃskurvantīty, ete hy amuṃ lokaṃ jeṣyanto manyante (8.8.5).
'Schaut in eine Wasserschale auf euch selbst; was ihr vom Selbst nicht erkennt, das teilt mir mit.' Da schauten beide in die Wasserschale. Prajāpati sprach zu ihnen: 'Was seht ihr?' Beide sprachen: 'Wir sehen, ehrwürdiger Herr, das ganze Selbst hier, ein genaues Abbild bis hin zu den Haaren und Nägeln.' (1) Prajāpati sprach zu ihnen: 'Schmückt euch gut, kleidet euch gut, putzt euch gut heraus, und schaut dann in die Wasserschale.' Beide schmückten sich gut, kleideten sich gut, putzten sich gut heraus und schauten in die Wasserschale. Prajāpati sprach zu ihnen: 'Was seht ihr?' (2) Beide sprachen: 'Ganz genau so, wie wir hier, ehrwürdiger Herr, gut geschmückt, gut gekleidet, gut geputzt sind, ebenso sind auch diese beiden [im Wasser], ehrwürdiger Herr, gut geschmückt, gut gekleidet, gut geputzt.' 'Das ist das Selbst', sprach er, 'das ist das Unsterbliche, Furchtlose; das ist Brahman.' Da gingen beide mit zufriedenem Herzen fort. (3) Prajāpati sah ihnen nach und sprach: 'Sie gehen fort, ohne den wahren Ātman erlangt oder erkannt zu haben; welche auch immer diese Lehre annehmen werden, Götter oder Dämonen, sie werden zugrunde gehen.' Da kam Virocana, ganz zufriedenen Herzens, zu den Dämonen und verkündete ihnen diese Lehre: 'Das Selbst allein ist hier zu verherrlichen, das Selbst allein ist zu bedienen; wer hier das Selbst allein verherrlicht, das Selbst bedient, gewinnt beide Welten, diese und jene.' (4) Deshalb nennt man auch heute noch hier einen Menschen, der nicht gibt, der glaubenslos ist, der nicht opfert, 'dämonisch' – denn dies ist die Lehre der Dämonen. Sie schmücken den Leib des Verstorbenen mit Erbetteltem, mit Kleidung, mit Schmuck, denn sie glauben, dadurch jene Welt zu gewinnen. (5)
wir sehen das ganze Selbst, ein Abbild bis zu Haaren und Nägeln
sādhv alaṃkṛtau suvasanau pariṣkṛtau bhūtvā
gut geschmückt, gut gekleidet, gut geputzt
tau ha śāntahṛdayau pravavrajatuḥ
beide gingen mit zufriedenem Herzen fort
anupalabhyātmānam anuvidya vrajataḥ
sie gehen fort, ohne das Selbst erlangt zu haben
ātmaiveha mahayyaḥ ātmā paricaryaḥ
das Selbst [der Körper] allein ist zu verherrlichen, zu bedienen
ubhau lokāv avāpnotīmaṃ ca amuṃ ca
er gewinnt beide Welten, diese und jene
adānam aśraddadhānam ayajamānam āhur āsuram
man nennt einen Nicht-Gebenden, Glaubenslosen, Nicht-Opfernden dämonisch
śarīraṃ bhikṣayā vāsasenālaṃkāreṇa saṃskurvanti
sie schmücken den Leib mit Erbetteltem, Kleidung, Schmuck
[Anm.: Die erste, verworfene 'Selbst'-Lehre – das bloße Spiegelbild des Körpers im Wasser – wird von Virocana unkritisch angenommen und zur materialistischen 'Lehre der Dämonen' (Körperkult) verabsolutiert; diese Passage ist eine der ältesten expliziten Polemiken der indischen Literatur gegen eine rein körperbezogene Selbst-Auffassung.]
Da erblickte Indra, noch bevor er zu den Göttern gelangte, diese Gefahr: 'Wie dieses Abbild gut geschmückt ist, wenn dieser Körper gut geschmückt ist, gut gekleidet, wenn er gut gekleidet ist, gut geputzt, wenn er gut geputzt ist – ebenso wird dieses Abbild auch blind, wenn dieser Körper blind ist, dunkel, wenn er dunkel ist, verkrüppelt, wenn er verkrüppelt ist, und geht gerade dann zugrunde, wenn dieser Körper zugrunde geht. Ich sehe darin keinen Nutzen.' (1) Er kam nun mit Brennholz in der Hand zurück. Zu ihm sprach Prajāpati: 'Maghavan, du bist doch mit zufriedenem Herzen zusammen mit Virocana fortgegangen – was begehrend bist du nun zurückgekommen?' Er sprach: 'Wie dieses Abbild, ehrwürdiger Herr, gut geschmückt ist, wenn dieser Körper gut geschmückt ist ... und geht gerade dann zugrunde, wenn dieser Körper zugrunde geht. Ich sehe darin keinen Nutzen.' (2) 'Es verhält sich in der Tat so, Maghavan', sprach er, 'doch ich werde dir dies noch weiter erklären; lebe weitere zweiunddreißig Jahre.' Er lebte weitere zweiunddreißig Jahre. Zu ihm sprach er dann: (3)
Wort für Wort
hendro 'prāpyaiva devān etad bhayaṃ dadarśa
Indra erblickte, bevor er zu den Göttern gelangte, diese Gefahr
ya eṣa svapne mahīyamānaś caraty, eṣa ātmeti hovāca, etad amṛtam abhayam, etad brahmeti; sa ha śāntahṛdayaḥ pravavrāja; sa hāprāpyaiva devān etad bhayaṃ dadarśa, yady apy asya idaṃ śarīram andhaṃ bhavaty ananddhaḥ sa bhavati, yadi śrāmaḥ, aśrāmo naivaiṣo doṣeṇa dṛṣyati (8.10.1). na vadhenāsya hanyate, nāsya śrāmyeṇa śrāmo bhavati, hantīva enaṃ, vicchādayantīva vāpriyam iva bhavaty, api roditīva, nāham atra bhogyaṃ paśyāmīti (8.10.2). sa samitpāṇiḥ punar eyāya, taṃ ha prajāpatir uvāca, maghavan, yac chāntahṛdayaḥ prāvrājīḥ, kim icchan punar āgama iti, sa hovāca, yady apīdaṃ, bhagavaḥ, śarīram andhaṃ bhavati, tad ananddho bhavati, yadi śrāmaḥ, sa aśrāmo, naivaiṣo doṣeṇa dṛṣyati (8.10.3). na vadhenāsya hanyate, nāsya śrāmyeṇa śrāmo bhavati, hantīva enaṃ, vicchādayantīvāpriyam iva bhavaty, api roditīva, nāham atra bhogyaṃ paśyāmīty; evam evaiṣa, maghavann, iti hovāca, etaṃ tv eva te bhūyo 'nuvyākhyāsyāmi, vasa aparāṇi dvātriṃśataṃ varṣāṇīti, sa hāparāṇi dvātriṃśataṃ varṣāṇy uvāsa, tasmai hovāca (8.10.4).
'Der, welcher im Traum, sich glücklich fühlend, umherwandelt – das ist das Selbst', sprach er, 'das ist das Unsterbliche, Furchtlose; das ist Brahman.' Da ging er mit zufriedenem Herzen fort. Aber noch bevor er zu den Göttern gelangte, erblickte er diese Gefahr: 'Selbst wenn dieser Körper blind ist, wird jenes Traum-Selbst nicht blind; wenn er verkrüppelt ist, wird es nicht durch dessen Mangel beeinträchtigt gesehen.' (1) 'Es wird nicht durch das Töten getötet; es wird nicht durch dessen Verkrüppelung verkrüppelt. Doch sie scheinen es zu schlagen, verhüllen es gleichsam, es wird gleichsam wie unglücklich, es weint sogar wie es scheint. Ich sehe darin keinen Nutzen.' (2) Er kam nun mit Brennholz in der Hand zurück. Zu ihm sprach Prajāpati: 'Maghavan, du bist doch mit zufriedenem Herzen fortgegangen – was begehrend bist du nun zurückgekommen?' Er sprach: 'Selbst wenn dieser Körper, ehrwürdiger Herr, blind ist, wird jenes nicht blind; wenn er verkrüppelt ist, wird es nicht durch dessen Mangel beeinträchtigt gesehen.' (3) 'Es wird nicht durch das Töten getötet; es wird nicht durch dessen Verkrüppelung verkrüppelt. Doch sie schlagen es gleichsam, verhüllen es gleichsam, es wird gleichsam unglücklich, es weint sogar wie es scheint. Ich sehe darin keinen Nutzen.' 'Es verhält sich in der Tat so, Maghavan', sprach er, 'doch ich werde dir dies noch weiter erklären; lebe weitere zweiunddreißig Jahre.' Er lebte weitere zweiunddreißig Jahre. Zu ihm sprach er dann: (4)
Wort für Wort
ya eṣa svapne mahīyamānaś carati
der im Traum sich glücklich fühlend umherwandelt
yady apy asya idaṃ śarīram andhaṃ bhavaty ananddhaḥ sa bhavati
selbst wenn dieser Körper blind ist, wird jenes nicht blind
na vadhenāsya hanyate nāsya śrāmyeṇa śrāmo bhavati
es wird nicht durch Töten getötet, nicht durch Verkrüppelung verkrüppelt
hantīva enaṃ vicchādayantīva
sie scheinen es zu schlagen, zu verhüllen
api roditīva
es weint sogar wie es scheint
[Anm.: Die zweite verworfene Lehre – das Traum-Selbst – ist bereits eine Verbesserung (es teilt nicht die körperlichen Gebrechen), doch Indra erkennt, dass es dennoch scheinbar leidet, geschlagen wird und weint, also noch nicht das wahre, leidfreie Selbst sein kann.]
yatraitat suptaḥ samastaḥ saṃprasannaḥ svapnaṃ na vijānāty, eṣa ātmeti hovāca, etad amṛtam abhayam, etad brahmeti, sa ha śāntahṛdayaḥ pravavrāja, sa hāprāpyaiva devān etad bhayaṃ dadarśa, na vā ayam evaṃ sampraty ātmānaṃ jānāty ayam aham asmīti, no eva imāni bhūtāni, vināśam evāpīto bhavati, nāham atra bhogyaṃ paśyāmīti (8.11.1). sa samitpāṇiḥ punar eyāya, taṃ ha prajāpatir uvāca, maghavan, yac chāntahṛdayaḥ prāvrājīḥ, kim icchan punar āgama iti, sa hovāca, na vā eṣa evaṃ sampraty ātmānaṃ jānāty ayam aham asmīti, no eva imāni bhūtāni, vināśam evāpīto bhavati, nāham atra bhogyaṃ paśyāmīti (8.11.2). evam evaiṣa, maghavann, iti hovāca, no evaitasmād dhi na sampāraṇi, pañca varṣāṇīti; sa hāparāṇi pañca varṣāṇy uvāsa, tāny ekaśataṃ sampeduḥ; etad dhāhur ekaśataṃ ha vai varṣāṇi maghavann brahmacaryam uvāsa; tasmai hovāca (8.11.3).
'Wenn man so schläft, ganz gesammelt, völlig heiter, keinen Traum wahrnimmt – das ist das Selbst', sprach er, 'das ist das Unsterbliche, Furchtlose; das ist Brahman.' Da ging er mit zufriedenem Herzen fort. Aber noch bevor er zu den Göttern gelangte, erblickte er diese Gefahr: 'Wahrlich, dieser kennt sich in diesem Zustand nicht als "ich bin dieser", noch kennt er diese Geschöpfe; er ist zur völligen Vernichtung gelangt. Ich sehe darin keinen Nutzen.' (1) Er kam nun mit Brennholz in der Hand zurück. Zu ihm sprach Prajāpati: 'Maghavan, du bist doch mit zufriedenem Herzen fortgegangen – was begehrend bist du nun zurückgekommen?' Er sprach: 'Wahrlich, er kennt sich in diesem Zustand nicht als "ich bin dieser", noch kennt er diese Geschöpfe; er ist zur völligen Vernichtung gelangt. Ich sehe darin keinen Nutzen.' (2) 'Es verhält sich in der Tat so, Maghavan', sprach er, 'doch es gibt nichts, das darüber hinausginge; lebe noch fünf Jahre.' Er lebte weitere fünf Jahre; diese ergaben zusammen hundertundeins. Deshalb sagt man: hundertundein Jahr lang lebte Maghavan als Vedaschüler bei Prajāpati. Zu ihm sprach er dann: (3)
Wort für Wort
yatraitat suptaḥ samastaḥ saṃprasannaḥ svapnaṃ na vijānāti
wenn man traumlos, gesammelt, heiter schläft
na vā ayam evaṃ sampraty ātmānaṃ jānāty ayam aham asmi
er kennt sich in diesem Zustand nicht als 'ich bin dieser'
vināśam evāpīto bhavati
er ist zur völligen Vernichtung gelangt
no evaitasmād dhi na sampāraṇi
es gibt nichts, das darüber hinausginge
tāny ekaśataṃ sampeduḥ
diese ergaben zusammen hundertundeins [Jahre]
ekaśataṃ ha vai varṣāṇi maghavann brahmacaryam uvāsa
hundertundein Jahr lebte Maghavan als Vedaschüler
[Anm.: Die dritte verworfene Lehre – das traumlose Tiefschlaf-Selbst – ist zwar frei von Leiden, doch Indra erkennt darin nur völlige Bewusstlosigkeit/Vernichtung, kein wahres Selbst-Bewusstsein. Die Gesamtsumme von 32+32+32+5=101 Jahren Vedaschülerschaft ist eine der berühmtesten Zeitangaben der Upaniṣad-Literatur.]
maghavan, martyaṃ vā idaṃ śarīram āttaṃ mṛtyunā, tad asyāmṛtasyāśarīrasyātmano 'dhiṣṭhānam, ātto vai sa śarīrī priyāpriyābhyāṃ, na vai sa śarīrasya sataḥ priyāpriyayor apahatir asti; aśarīraṃ vāva santaṃ na priyāpriye spṛśataḥ (8.12.1). aśarīro vāyuḥ, abhraṃ, vidyut, stanayitnur aśarīrāṇy etāni; tad yathaitāny amuṣmād ākāśāt samutthāya paraṃ jyotir upasampadya svena rūpeṇābhiniṣpadyante (8.12.2). evam evaiṣa saṃprasādo 'smāc charīrāt samutthāya paraṃ jyotir upasampadya svena rūpeṇābhiniṣpadyate, sa uttamapuruṣaḥ; sa tatra paryeti, jakṣat krīḍan ramamāṇaḥ strībhir vā yānair vā jñātibhir vā, nopajanaṃ smarann idaṃ śarīram; sa yathā prayogya ācaraṇe yuktaḥ evam evāyam asmiñ charīre prāṇo yuktaḥ (8.12.3). atha yatraitad ākāśam anuviṣaṇṇaṃ cakṣuḥ, sa cākṣuṣaḥ puruṣo darśanāya cakṣuḥ; atha yo vededaṃ jighrāṇīti, sa ātmā, gandhāya ghrāṇam; atha yo vededam abhivyāharāṇīti, sa ātmā, vāg abhivyāhārāya; atha yo vededaṃ śṛṇavānīti, sa ātmā, śravaṇāya śrotram (8.12.4). atha yo vededaṃ manvānīti sa ātmā, manaḥ asya daivaṃ cakṣuḥ, sa vā eṣa etena daivena cakṣuṣā manasaitān kāmān paśyan ramate ya ete brahmaloke (8.12.5). taṃ vā etam devā ātmānam upāsate, tasmāt teṣāṃ sarve ca lokā āttāḥ, sarve ca kāmāḥ; sa sarvāṃś ca lokān āpnoti sarvāṃś ca kāmān yas tam ātmānam anuvidya vijānātīti ha prajāpatir uvāca, prajāpatir uvāca (8.12.6).
'Maghavan, sterblich fürwahr ist dieser Körper, vom Tod ergriffen; er ist die Stätte des unsterblichen, körperlosen Selbst. Der Verkörperte ist wahrlich von Angenehmem und Unangenehmem ergriffen; denn für den, der einen Körper hat, gibt es keine Abwehr von Angenehmem und Unangenehmem. Wer aber körperlos ist, den berühren Angenehmes und Unangenehmes nicht.' (1) 'Körperlos ist der Wind, die Wolke, der Blitz, der Donner – körperlos sind diese. Wie diese, aus jenem Raum aufgestanden, das höchste Licht erreicht haben, in ihrer eigenen Gestalt erscheinen –' (2) '– ebenso erscheint diese Heiterkeit, nachdem sie aus diesem Körper aufgestanden ist und das höchste Licht erreicht hat, in ihrer eigenen Gestalt; das ist die höchste Person (Uttamapuruṣa). Diese wandelt dort umher, lachend, spielend, sich vergnügend, sei es mit Frauen, mit Wagen oder mit Verwandten, ohne sich an den Anhang zu erinnern, der dieser Körper ist. Wie ein Zugtier ins Geschirr eingespannt ist, so ist eben der Lebensatem in diesen Körper eingespannt.' (3) 'Nun, wo dieses in den Raum eingesenkte Auge schaut – das ist die sehende Person, das Auge dient dem Sehen. Wer weiß "das will ich riechen" – das ist das Selbst, die Nase dient dem Riechen. Wer weiß "das will ich aussprechen" – das ist das Selbst, die Rede dient dem Aussprechen. Wer weiß "das will ich hören" – das ist das Selbst, das Ohr dient dem Hören.' (4) 'Wer weiß "das will ich denken" – das ist das Selbst; der Geist ist sein göttliches Auge. Er, mit diesem göttlichen Auge, dem Geist, diese Wünsche schauend, die in der Brahman-Welt sind, ergötzt sich daran.' (5) 'Dieses Selbst nun verehren die Götter; deshalb gehören ihnen alle Welten, alle Wünsche. Wer jenes Selbst gefunden und erkannt hat, erlangt alle Welten und alle Wünsche' – so sprach Prajāpati, so sprach Prajāpati. (6)
Wort für Wort
martyaṃ vā idaṃ śarīram āttaṃ mṛtyunā
sterblich ist dieser Körper, vom Tod ergriffen
tad asyāmṛtasyāśarīrasyātmano 'dhiṣṭhānam
er ist die Stätte des unsterblichen, körperlosen Selbst
aśarīraṃ vāva santaṃ na priyāpriye spṛśataḥ
den Körperlosen berühren Angenehmes und Unangenehmes nicht
die Heiterkeit, aus dem Körper aufgestanden, das höchste Licht erreichend, erscheint in eigener Gestalt
sa uttamapuruṣaḥ
das ist die höchste Person
jakṣat krīḍan ramamāṇaḥ
lachend, spielend, sich vergnügend
nopajanaṃ smarann idaṃ śarīram
ohne sich an diesen Körper-Anhang zu erinnern
prāṇo yuktaḥ
der Lebensatem ist eingespannt [wie ein Zugtier]
yo vededaṃ jighrāṇīti sa ātmā gandhāya ghrāṇam
wer 'das will ich riechen' weiß, ist das Selbst; die Nase dient dem Riechen
manaḥ asya daivaṃ cakṣuḥ
der Geist ist sein göttliches Auge
taṃ vā etam devā ātmānam upāsate
dieses Selbst verehren die Götter
[Anm.: Dies ist die endgültige, von Prajāpati gebilligte Lehre: das wahre Selbst ist das körperlose Bewusstsein selbst, das nach dem Tod (oder in reiner Kontemplation) 'aus dem Körper aufsteigt' und, wie Wind, Wolke, Blitz und Donner (die selbst 'körperlos', d.h. formlos-elementar sind), in seiner eigenen Gestalt als 'höchste Person' erscheint - jenseits von Freude und Leid, Sehen, Riechen, Hören und Denken als deren eigentlicher Träger, nicht als deren Objekt. Damit schließt die gesamte Indra-Virocana-Prajāpati-Lehrreihe.]
Vom Dunklen gehe ich zum Bunten über, vom Bunten gehe ich zum Dunklen über. Wie ein Pferd sein Fell abschüttelt, das Übel abschüttelnd; wie der Mond sich aus dem Rachen Rāhus [des Verfinsterungs-Dämons] befreit; den Körper abgeschüttelt habend, ungeschaffen, vollendeten Selbst, gelange ich zur Brahman-Welt, gelange ich dorthin. (1)
Wort für Wort
śyāmāc chabalaṃ prapadye
vom Dunklen gehe ich zum Bunten über
aśva iva romāṇi vidhūya pāpam
wie ein Pferd sein Fell abschüttelt, das Übel abschüttelnd
candra iva rāhor mukhāt pramucya
wie der Mond sich aus Rāhus Rachen befreit
dhūtvā śarīram akṛtaṃ kṛtātmā
den Körper abgeschüttelt, ungeschaffen, vollendeten Selbst
brahmalokam abhisambhavāmi
gelange ich zur Brahman-Welt
[Anm.: Ein knapper, meditativer Vers, dessen Bildpaar (dunkel/bunt) wohl auf den Wechsel von Nacht/Tag oder Unwissenheit/Erkenntnis anspielt; "Rāhu" ist der Verfinsterungs-Dämon der indischen Mythologie, aus dessen Rachen sich Sonne und Mond bei einer Finsternis wieder befreien.]
ākāśo vai nāma nāmarūpayor nirvahitā, te yad antarā tad brahma, tad amṛtaṃ, sa ātmā; prajāpateḥ sabhāṃ veśma prapadye, yaśo 'haṃ bhavāmi brāhmaṇānāṃ, yaśo rājñāṃ, yaśo viśāṃ, yaśo 'ham anuprāpsi, sa hy ahaṃ yaśasāṃ yaśaḥ [?] (8.14.1).
Der Raum (Ākāśa) ist der Vollzieher von Namen und Form; was zwischen diesen beiden ist, das ist Brahman, das ist das Unsterbliche, das ist das Selbst. Ich betrete die Versammlungshalle des Prajāpati, ich werde zum Ruhm der Brahmanen, zum Ruhm der Könige, zum Ruhm der Bürger; Ruhm erlange ich, denn ich bin der Ruhm der Ruhmreichen. [?]
Wort für Wort
ākāśo vai nāma nāmarūpayor nirvahitā
der Raum ist der Vollzieher von Namen und Form
te yad antarā tad brahma tad amṛtaṃ sa ātmā
was zwischen diesen ist, ist Brahman, das Unsterbliche, das Selbst
[Anm.: Der Schlussteil dieses Verses (nach "yaśasāṃ yaśaḥ") ist im vorliegenden gescannten Text so stark verstümmelt, dass er keine sichere sprachliche Rekonstruktion zulässt; er wird daher hier nicht übersetzt, sondern mit [?] gekennzeichnet, statt eine geratene Bedeutung zu unterstellen. Der übersetzte Teil enthält die kurze Ākāśa-Formel (Raum als 'Vollzieher' von Namen und Form, das Dazwischenliegende als Brahman) sowie eine Ruhmes-Formel, die den in der Dahara-Vidyā (Kh. 1) und der Brahman-Halle (Kh. 5) angelegten Motivkreis der 'Versammlungshalle des Prajāpati' aufgreift.]
tad dhaitad brahmā prajāpataye uvāca, prajāpatir manave, manuḥ prajābhyaḥ; ācāryakulād vedam adhītya yathāvidhānaṃ guroḥ karmātiśeṣeṇābhisamāvṛtya, kuṭumbe śucau deśe svādhyāyam adhīyānaḥ, dhārmikān vidadhad ātmani sarvendriyāṇi sampratiṣṭhāpya, ahiṃsan sarvabhūtāny anyatra tīrthebhyaḥ, sa khalv evaṃ vartayan yāvad āyuṣaṃ brahmalokam abhisampadyate, na ca punarāvartate, na ca punarāvartata iti (8.15.1). oṃ āpyāyantu mama āṅgāni vākprāṇaścakṣuḥśrotram atho balam indriyāṇi ca sarvāṇi, sarvaṃ brahmopaniṣadaṃ, māhaṃ brahma nirākuryāṃ, mā mā brahma nirākarod, anirākaraṇam astv anirākaraṇaṃ me 'stu, tad ātmani nirate ya upaniṣatsu dharmās te mayi santu, te mayi santu; oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ.
Dies verkündete Brahman dem Prajāpati; Prajāpati [verkündete es] Manu; Manu [verkündete es] den Geschöpfen. Wer, nachdem er im Hause seines Lehrers den Veda vorschriftsmäßig studiert hat, nach Erfüllung des dem Lehrer geschuldeten Dienstes zurückgekehrt ist, im Familienleben, an reinem Ort, das heilige Studium fortsetzend, fromme Schüler unterweisend, alle Sinne wohlgegründet in sich selbst, keinem Geschöpf Gewalt antuend außer bei den heiligen Riten – wer so lebt, solange sein Leben währt, der gelangt zur Brahman-Welt und kehrt nicht wieder zurück, kehrt nicht wieder zurück. (1) Om! Es mögen gestärkt werden meine Glieder, Rede und Atem, Auge und Ohr, sowie Kraft und alle Sinnesorgane. Alles ist das Brahman der Upaniṣaden. Möge ich niemals das Brahman verleugnen, möge das Brahman mich niemals verleugnen. Es gebe kein Verleugnen, kein Verleugnen sei mir beschieden. Die Tugenden, die in den Upaniṣaden für den im Selbst Verweilenden genannt werden, mögen in mir sein, mögen in mir sein. Om, Friede, Friede, Friede!
Wort für Wort
tad dhaitad brahmā prajāpataye uvāca
dies verkündete Brahman dem Prajāpati
prajāpatir manave manuḥ prajābhyaḥ
Prajāpati Manu, Manu den Geschöpfen
ācāryakulād vedam adhītya yathāvidhānam
nachdem er im Haus des Lehrers den Veda vorschriftsmäßig studiert hat
kuṭumbe śucau deśe svādhyāyam adhīyānaḥ
im Familienleben, an reinem Ort, das Studium fortsetzend
ahiṃsan sarvabhūtāny anyatra tīrthebhyaḥ
keinem Geschöpf Gewalt antuend außer bei den heiligen Riten
brahmalokam abhisampadyate na ca punarāvartate
er gelangt zur Brahman-Welt und kehrt nicht wieder zurück
āpyāyantu mama āṅgāni vākprāṇaścakṣuḥśrotram
es mögen gestärkt werden meine Glieder, Rede, Atem, Auge, Ohr
sarvaṃ brahmopaniṣadam
alles ist das Brahman der Upaniṣaden
māhaṃ brahma nirākuryāṃ mā mā brahma nirākarot
möge ich Brahman nie verleugnen, möge Brahman mich nie verleugnen
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ
Om, Friede, Friede, Friede
[Anm.: Khaṇḍa 15 schließt mit der Überlieferungskette Brahman→Prajāpati→Manu→Geschöpfe (eine ganz ähnliche Kette wie am Ende von Adhyāya 3, dort Brahmā→Prajāpati→Manu→Uddālaka) und dem Idealbild des tugendhaften, Ahiṃsā übenden Haushalt führenden Vedakenners, der nicht wiedergeboren wird. Die abschließende Śānti-Formel ("Oṃ āpyāyantu...") ist der traditionelle, der Chāndogya-Upaniṣad seit alters zugeordnete Friedensspruch, mit dem Rezitation und Studium des Werkes gerahmt werden; er ist kein eigener Khaṇḍa, sondern die überlieferte Schlussformel des gesamten Werks und wird hier mitübersetzt, um die vorliegende Quelle vollständig wiederzugeben. Mit diesem Khaṇḍa endet die gesamte Chāndogya-Upaniṣad, wie sie in der vorliegenden Quelle (PDF, sanskritdocuments.org) überliefert ist - und damit auch das gesamte, in dieser Quelle verfügbare Chāndogya-Āraṇyaka-Material dieser Ausgabe.]