Durch wen sind dem Menschen die Fersen gebildet? Durch wen ist das Fleisch zusammengefügt? Durch wen die Knöchel? Durch wen die kunstvoll geformten Finger? Durch wen die Körperöffnungen? Durch wen die beiden Wölbungen? Wer gab ihm in der Mitte den festen Halt? [Anm.: 'ucchlaṅkhau' ist ein seltenes, unsicheres Wort, evtl. eine Bezeichnung für Kniekehlen oder Hüften]
kasmān nu gulphāv adharāv akṛṇvann aṣṭhīvantāv uttarau puruṣasya jaṅghe nirṛtya ny adadhuḥ kva svij jānunoḥ saṃdhī ka u tac ciketa
Wodurch machten sie die Knöchel unten, die Kniescheiben oben? Die Schienbeine des Menschen setzten sie kunstvoll ein — wo aber sind die Gelenke der Knie? Wer nur hat das erkannt? [Anm.: 'nirṛtya' ist mehrdeutig, hier sinngemäß als 'kunstvoll' übersetzt]
catuṣṭayaṃ yujate saṃhitāntaṃ jānubhyām ūrdhvaṃ śithiraṃ kabandham śroṇī yad ūrū ka u taj jajāna yābhyāṃ kusindhaṃ sudṛḍhaṃ babhūva
Vierfach fügt sich das Glied mit verbundenem Ende zusammen, oberhalb der Knie der lose Rumpf — die Hüften und die Schenkel, wer hat sie hervorgebracht? Durch sie ist das Gefüge fest geworden. [Anm.: 'kusindham' ist ein unsicheres, seltenes Wort für eine Gelenk- oder Rumpfpartie (hier als 'Gefüge' wiedergegeben; in Vers 5 auf die Schulterpartie bezogen); 'yābhyāṃ' ('durch sie') bezieht sich zurück auf Hüften und Schenkel, nicht auf eine neue unbekannte Größe]
kati devāḥ katame ta āsan ya uro grīvāś cikyuḥ puruṣasya kati stanau vy adadhuḥ kaḥ kaphodau kati skandhān kati pṛṣṭīr acinvan
Wie viele Götter, welche waren es, die dem Menschen Brust und Nacken gestaltet haben? Wie viele setzten die beiden Brustwarzen ein? Wer die Schulterblätter [Anm.: 'kaphodau', ein seltenes, unsicheres anatomisches Wort]? Wie viele fügten die Schultern, wie viele die Rippen zusammen?
ko asya bāhū sam abharad vīryāṃ karavād iti aṃsau ko asya tad devaḥ kusindhe adhy ā dadhau
Wer hat seine Arme zusammengefügt, auf dass sie Heldenkraft üben könnten? Die Schultern — welcher Gott hat sie ihm auf das Gefüge [Anm.: 'kusindhe', s. Anm. zu 10.2.3] gesetzt?
Wer hat die sieben Öffnungen im Kopf durchbohrt — diese beiden Ohren, die Nasenlöcher, die Augen, den Mund —, durch deren Macht die Vierfüßler und Zweifüßler weithin ihren Weg gehen?
Wort für Wort
kaḥ
wer
sapta
sieben
khāni
Öffnungen (Akk.Pl.)
vi
durch-
tatarda
hat durchbohrt (3.Sg.Perf.)
śīrṣaṇi
im Kopf (Lok.)
karṇāv
Ohren (Akk.Du.)
imau
diese beiden (Akk.Du.)
nāsike
Nasenlöcher (Akk.Du.)
cakṣaṇī
Augen (Akk.Du.)
mukham
Mund (Akk.)
yeṣāṃ
durch deren (Gen.Pl.)
purutrā
weithin
vijayasya
der Macht (Gen.)
mahnani
durch die Größe (Instr.)
catuṣpādo
catus 'vier' + pāda 'Fuß' → die Vierfüßler (Nom.Pl.)
dvipado
dvi 'zwei' + pāda 'Fuß' → die Zweifüßler (Nom.Pl.)
hanvor hi jihvām adadhāt purūcīm adhā mahīm adhi śiśrāya vācam sa ā varīvarti bhuvaneṣv antar apo vasānaḥ ka u tac ciketa
Zwischen die Kiefer hat er die vielgewandte Zunge gesetzt, dann die große Rede hinzugefügt — sie bewegt sich hin und her inmitten der Welten, in Wasser gehüllt. Wer nur hat das erkannt?
mastiṣkam asya yatamo lalātaṃ kakāṭikāṃ prathamo yaḥ kapālam citvā cityaṃ hanvoḥ pūruṣasya divaṃ ruroha katamaḥ sa devaḥ
Wer von den Göttern bildete sein Gehirn, Stirn und Hinterhaupt [Anm.: 'kakāṭikā', ein seltenes Wort, evtl. auch 'Schläfe']? Wer war es, der zuerst, nachdem er den Schädel des Menschen aufgeschichtet und an den Kiefern befestigt hatte, zum Himmel emporstieg — welcher Gott war das?
Wer hat in ihm die Säfte verteilt, nach allen Seiten, vielfach kreisend, zum Strömen wie ein Fluss geboren, scharfe, rötliche, blutrote, kupfer- und rauchfarbene, aufwärts, abwärts, im Menschen quer fließende?
Durch wen hat er die Wasser ausgebreitet? Durch wen den Tag zum Leuchten gebracht? Durch wen die Morgenröte entzündet? Durch wen den Abend eingerichtet?
ko asmin reto ny adadhāt tantur ā tāyatām iti medhāṃ ko asminn adhy auhat ko bāṇaṃ ko nṛto dadhau
Wer hat ihm den Samen eingelegt, auf dass sich der Faden des Geschlechts fortspinne? Wer hat ihm die Weisheit eingegeben? Wer die Musik, wer den Tanz verliehen? [Anm.: 'bāṇam' bedeutet gewöhnlich 'Pfeil', hier im Zusammenhang mit 'Tanz' eher ein Musikinstrument oder Klang — die Deutung ist unsicher]
Durch wen hat er diese Erde bedeckt? Durch wen den Himmel umfasst? Durch wen mit Macht die Berge überragt? Durch wen vollbringt der Mensch seine Werke?
Durch wen erlangt er die heilige Überlieferung? Durch wen diesen Höchsten? Durch wen erlangt der Mensch dieses Feuer? Durch wen hat er das Jahr ausgemessen?
Durch das Brahman erlangt er die heilige Überlieferung, durch das Brahman diesen Höchsten, durch das Brahman erlangt der Mensch dieses Feuer, durch das Brahman hat er das Jahr ausgemessen.
kena devāṃ anu kṣiyati kena daivajanīr viśaḥ kenedam anyan nakṣatraṃ kena sat kṣatram ucyate
Durch wen wohnt er bei den Göttern? Durch wen gelangt er zu den göttlichen Völkern? Durch wen erreicht er jenes andere Gestirn? Durch wen wird einem wahre Herrschaft zuerkannt?
brahma devāṃ anu kṣiyati brahma daivajanīr viśaḥ brahmedam anyan nakṣatraṃ brahma sat kṣatram ucyate
Durch das Brahman wohnt er bei den Göttern, durch das Brahman gelangt er zu den göttlichen Völkern, durch das Brahman erreicht er jenes andere Gestirn, durch das Brahman wird einem wahre Herrschaft zuerkannt.
Durch wen ist diese Erde eingerichtet? Durch wen der Himmel darüber gesetzt? Durch wen ist dieser Luftraum, aufwärts und quer sich erstreckend, als weiter Raum gesetzt?
Durch das Brahman ist diese Erde eingerichtet, durch das Brahman ist der Himmel darüber gesetzt, durch das Brahman ist dieser Luftraum, aufwärts und quer, als weiter Raum gesetzt.
mūrdhānam asya saṃsīvyātharvā hṛdayaṃ ca yat mastiṣkād ūrdhvaḥ prairayat pavamāno 'dhi śīrṣataḥ
Nachdem Atharvan seinen Scheitel zusammengenäht hatte, und auch das Herz — dieses hat der reinigende Hauch, oberhalb des Gehirns, vom Scheitel her in Bewegung gesetzt. [Anm.: der Bezug zwischen 'Herz' und dem folgenden Verb ist im Text verdichtet und nicht ganz eindeutig]
ūrdhvo nu sṛṣṭā3s tiryaṅ nu sṛṣṭā3s sarvā diśaḥ puruṣa ā babhūvā3ṃ puraṃ yo brahmaṇo veda yasyāḥ puruṣa ucyate
Aufwärts erstreckt, quer erstreckt, nach allen Richtungen ist der Puruṣa geworden — für den, der die Burg des Brahman kennt, von der gesagt wird, dass Puruṣa ihr Herr sei. [Anm.: 'yasyāḥ puruṣa ucyate' ist knapp formuliert, wörtl. etwa 'von der Puruṣa gesagt wird' — die genaue Beziehung (Bewohner, Herr, Namensgeber) bleibt im Text offen]
yo vai tāṃ brahmaṇo vedāmṛtenāvṛtāṃ puram tasmai brahma ca brāhmāś ca cakṣuḥ prāṇaṃ prajāṃ daduḥ
Wer wahrlich diese Burg des Brahman kennt, die mit Unsterblichkeit umhüllte, dem geben das Brahman und die Brahman-Mächte [Anm.: 'brāhmāḥ' könnte auch 'die Brahmanen(-Priester)' bedeuten] Sehkraft, Lebensatem und Nachkommenschaft.
Wort für Wort
yo
wer (Nom.)
vai
wahrlich
tāṃ
diese (Akk.f.)
brahmaṇo
des Brahman (Gen.)
vedāmṛtenāvṛtāṃ
kennt, die mit Unsterblichkeit umhüllte (veda+amṛtena+āvṛtām)
na vai tam cakṣur jahāti na prāṇo jarasaḥ purā puraṃ yo brahmaṇo veda yasyāḥ puruṣa ucyate
Ihn verlässt wahrlich nicht die Sehkraft, noch der Lebensatem vor dem hohen Alter — ihn, der die Burg des Brahman kennt, von der gesagt wird, dass Puruṣa ihr Herr sei. [Anm.: s. Anm. zu 10.2.28]
tasmin hiraṇyaye kośe tryare tripratiṣṭhite tasmin yad yakṣam ātmanvat tad vai brahmavido viduḥ
In diesem goldenen Schrein, dreispeichig, auf drei Stützen ruhend — was darin als das beseelte Geheimnisvolle wohnt, das kennen wahrlich die Kenner des Brahman.
Wort für Wort
tasmin
in diesem (Lok.)
hiraṇyaye
goldenen (Lok.)
kośe
Schrein (Lok.)
tryare
dreispeichig (Lok.)
tripratiṣṭhite
tri 'drei' + pratiṣṭhita 'gestützt' → auf drei Stützen ruhend (Lok.)
In die hell erstrahlende, goldgelbe, mit Herrlichkeit ganz umhüllte, unbezwungene goldene Burg ist das Brahman eingegangen. [Anm.: 'brahmā' steht hier in maskuliner Form, meint aber wohl das (neutrische) Brahman-Prinzip, nicht den späteren Schöpfergott Brahmā]
Wort für Wort
prabhrājamānāṃ
die hell erstrahlende (Akk.f.)
hariṇīṃ
die goldgelbe (Akk.f.)
yaśasā
mit Herrlichkeit (Instr.)
saṃparīvṛtām
ganz umhüllte (Akk.f.)
puraṃ
die Burg (Akk.)
hiraṇyayīṃ
goldene (Akk.f.)
brahmā
das Brahman (Nom.)
viveśāparājitām
ist eingegangen, die unbezwungene (viveśa+aparājitām)