Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Nidanasthana

Adhyāya 10: visarpanāḍīstanaroganidānaṃ Ursachen von Wundrose, Fistel und Brusterkrankungen

Das zehnte Kapitel fasst drei verwandte Krankheitsbilder zusammen: visarpa, die sich rasch über den Körper ausbreitende Wundrose, nāḍī, die eitrig sezernierende Fistelbahn, sowie die Brusterkrankungen der Frau. Alle drei werden aus demselben Prinzip erklärt – wandernde, sich ausbreitende Doṣas in Haut, Fleisch und Blut –, jeweils nach Doṣa-Zuordnung, Ausbreitungsgeschwindigkeit und Sekretbeschaffenheit unterschieden; besonders gefährlich gelten die aus allen drei Doṣas zugleich oder durch Verletzung entstandenen Formen. Die Brusterkrankungen werden physiologisch hergeleitet: Wie der Same im ganzen Körper vorhanden, aber unsichtbar ist, entsteht auch die Muttermilch (stanya) aus dem Nahrungssaft und wird durch Berührung und Zuneigung zum Kind in Bewegung gesetzt; ihre Störung durch die drei Doṣas wird an Geschmack und Verhalten im Wasser geprüft. Erst mit der Öffnung der Milchgefäße bei Schwangerschaft und Geburt werden Brusterkrankungen überhaupt möglich.

VISARPA UND NĀḌĪ NACH DOṢA (Vers 4–14)
KrankheitTypMerkmaleHeilbarkeit
visarpavātaschwärzlich, weich, rau, Gliederschmerz, Stechenheilbar, außer bei unregelmäßigen Beulen
visarpapittabreitet sich rasch aus, Fieber, Brennen, aufplatzende Pustelnheilbar, außer bei geschädigten Blutgefäßen
visarpakaphabreitet sich langsam aus, ölig, weißliche Schwellung, Juckreizheilbar
visarpaalle drei Doṣa / durch Verletzungdreifache Farbe und Schmerzart, tiefsitzendunheilbar
nāḍīvātaraue, enge Öffnung, schmerzhaft, nachts schaumiges Sekret–
nāḍīpittaDurst, Brennen, Fieber, tagsüber gelbliches, heißes Sekret–
nāḍīkaphareichliches, weißliches, schleimiges Sekret nachts, dumpfer Schmerz–
nāḍīalle drei Doṣa zugleichBrennen, Fieber, Atemnot, Ohnmacht, Austrocknung des Mundes„wie die alles vernichtende Todesnacht“
nāḍīFremdkörperplötzliches, schaumiges, blutig-heißes Sekret–
Die Brusterkrankungen der Frau (Vers 15–27) folgen denselben Ursachen: gestörte Muttermilch (stanya) erkennt man an ihrem Verhalten in Wasser – vāta-gestörte Milch schwimmt obenauf, pitta-gestörte bildet gelbliche Streifen, kapha-gestörte sinkt zu Boden (Vers 23–24).

athāto visarpanāḍīstanaroganidānaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir die Ursachenlehre von *visarpa* (der Wundrose, dem Erysipel), nāḍī (der Fistel) und den Brusterkrankungen erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So sprach der erhabene Dhanvantari:

tvaṅmāṃsaśoṇitagatāḥ kupitāstu doṣāḥ sarvāṅgasāriṇamihāsthitamātmaliṅgam kurvanti vistṛtamanunnatamāśu śophaṃ taṃ sarvato visaraṇācca visarpamāhuḥ

Die in Haut, Muskelfleisch und Blut befindlichen, erregten *doṣa* erzeugen rasch eine über den ganzen Körper wandernde, an keiner Stelle verharrende, mit ihren eigenen Kennzeichen versehene, ausgebreitete, nicht erhabene Schwellung; und weil sie sich nach allen Seiten ausbreitet, nennt man sie *visarpa*.

vātātmako'sitamṛduḥ paruṣo'ṅgamardasaṃbhedatodapavanajvaraliṅgayuktaḥ gaṇḍairyadā tu viṣamairatidūṣitatvādyuktaḥ sa eva kathitaḥ khalu varjanīyaḥ

Die auf *vāta* beruhende *visarpa* ist schwärzlich, weich und rau, verbunden mit Gliederschmerz, einem Zerbersten des Gefühls, Stechen und den Kennzeichen von Windfieber; wenn eben diese aber mit unregelmäßigen Beulen einhergeht, ist sie wegen übermäßiger Verderbnis unheilbar.

pittātmako drutagatirjvaradāhapākasphoṭaprabhedabahulaḥ kṣatajaprakāśaḥ doṣapravṛddhihatamāṃsasiro yadā syāt srotojakardamanibho na tadā sa sidhyet

Die auf *pitta* beruhende *visarpa* breitet sich rasch aus, ist reich an Fieber, Brennen, Reifung und aufplatzenden Pusteln, gleicht in der Farbe einer blutenden Verletzung; wenn aber durch das Anwachsen des *doṣa* Muskelfleisch und Blutgefäße geschädigt sind und der Ausfluss einem schlammigen Sekret aus den Körperkanälen gleicht, dann ist sie nicht heilbar.

śleṣmātmakaḥ sarati mandamaśīghrapākaḥ snigdhaḥ sitaśvayathuralparugugrakaṇḍuḥ sarvātmakastrividhavarṇarujo'vagāḍhaḥ pakvo na sidhyati ca māṃsasirāpraśātāt

Die auf *kapha* beruhende *visarpa* breitet sich langsam aus, reift nicht rasch, ist ölig, mit weißlicher Schwellung, geringem Schmerz und heftigem Juckreiz. Die aus allen drei *doṣa* zugleich entstandene hat dreifache Farbe und Schmerzart, ist tiefsitzend, und wenn sie gereift ist, heilt sie wegen der Zerstörung von Muskelfleisch und Blutgefäßen nicht.

sadyaḥkṣatavraṇamupetya narasya pittaṃ raktaṃ ca doṣabahulasya karoti śopham śyāvaṃ salohitamatijvaradāhapākaṃ sphoṭaiḥ kulatthasadṛśairasitaiśca kīrṇam

Bei einem Menschen, dessen Wunde frisch ist und der reichlich gestörte *doṣa* hat, erzeugen *pitta* und Blut, indem sie in die Wunde eindringen, eine bläuliche, blutunterlaufene Schwellung mit heftigem Fieber, Brennen und Eiterung, übersät mit schwärzlichen Pusteln von der Größe von Kulattha-Bohnen.

sidhyanti vātakaphapittakṛtā visarpāḥ sarvātmakaḥ kṣatakṛtaśca na siddhimeti paittānilāvapi ca darśitapūrvaliṅgau sarve ca marmasu bhavanti hi kṛcchrasādhyāḥ

Die durch *vāta*, *kapha* oder durch *pitta* je einzeln verursachten *visarpa* heilen; die aus allen drei zugleich sowie die durch Verletzung entstandene heilen nicht; auch die durch *pitta* und *vāta* gemeinsam entstandene, mit den vorhin genannten Kennzeichen, heilt nicht; und alle, die an marman-Punkten entstehen, sind nur schwer heilbar.

śophaṃ na pakvamiti pakvamupekṣate yo yo vā vraṇaṃ pracurapūyamasādhuvṛttaḥ abhyantaraṃ praviśati pravidārya tasya sthānāni pūrvavihitāni tataḥ sa pūyaḥ

Wer die bereits gereifte Schwellung für nicht gereift hält und sie vernachlässigt, oder wer eine Wunde mit reichlichem Eiter unsachgemäß behandelt - bei dem dringt dieser Eiter, nachdem er die Gewebe durchbrochen hat, in vorher schon geschwächte innere Bereiche ein.

tasyātimātragamanādgatirityataśca nāḍīva yadvahati tena matā tu nāḍī doṣaistribhirbhavati sā pṛthagekaśaśca saṃmūrcchitairapi ca śalyanimittato'nyā

Weil sich dieser Eiter übermäßig weit fortbewegt, heißt sein Weg gati (Bahn); und weil er dabei wie durch ein Rohr fließt, wird er als *nāḍī* bezeichnet. Diese entsteht durch die drei *doṣa*, einzeln oder auch zusammenwirkend, sowie in einer weiteren Art durch einen Fremdkörper verursacht.

tatrānilāt paruṣasūkṣmamukhī saśūlā phenānuviddhamadhikaṃ sravati kṣapāyām tṛṭtāpatodasadanajvarabhedahetuḥ pītaṃ sravatyadhikamuṣṇamahaḥsu pittāt

Die durch *vāta* verursachte *nāḍī* hat eine raue, enge Öffnung, ist schmerzhaft und sondert nachts vermehrt schaumig durchsetztes Sekret ab; die durch *pitta* verursachte ist Ursache von Durst, Brennen, Stechen, Mattigkeit, Fieber und einem Zerbersten des Gefühls und sondert tagsüber vermehrt gelbliches, heißes Sekret ab -

jñeyā kaphādbahughanārjunapicchilāsrā rātrisrutiḥ stimitarukkaṭhinā sakaṇḍūḥ doṣadvayābhihitalakṣaṇadarśanena tisro gatīrvyatikaraprabhavāstu vidyāt

diese ist als die *pitta*-*nāḍī* zu erkennen. Die durch *kapha* verursachte ist an reichlichem, dichtem, weißlichem, schleimigem Sekret zu erkennen, das nachts fließt, mit dumpfem Schmerz, Härte und Juckreiz. Durch das gemeinsame Auftreten der bei zwei *doṣa* genannten Kennzeichen erkenne man die drei weiteren, aus dem Zusammenwirken der *doṣa* entstandenen Bahnen.

dāhajvaraśvasanamūrcchanavaktraśoṣā yasyāṃ bhavantyabhihitāni ca lakṣaṇāni tāmādiśet pavanapittakaphaprakopādghorāmasukṣayakarīmiva kālarātrim

Diejenige *nāḍī*, bei der Brennen, Fieber, Atemnot, Ohnmacht und Austrocknung des Mundes auftreten, zusammen mit den schon genannten Kennzeichen aller drei *doṣa* - diese bezeichne man, entstanden aus der Erregung von *vāta*, *pitta* und *kapha* zugleich, als furchtbar, gleich der alles vernichtenden Todesnacht, die rasch dem Verfall entgegenführt.

naṣṭaṃ kathaṃcidanumārgamudīriteṣu sthāneṣu śalyamacireṇa gatiṃ karoti sā phenilaṃ mathitamacchamasṛgvimiśramuṣṇaṃ sraveta sahasā sarujā ca nityam

Die durch einen Fremdkörper verursachte *nāḍī*, deren Weg irgendwie verlorengegangen ist, bildet an den genannten Stellen in kurzer Zeit eine eigene Bahn; sie sondert plötzlich und beständig unter Schmerzen ein schaumiges, aufgewühltes, klares, mit Blut vermischtes, heißes Sekret ab.

yāvatyo gatayo yaiśca kāraṇaiḥ saṃbhavanti hi tāvantaḥ stanarogāḥ syuḥ strīṇāṃ taireva hetubhiḥ

So viele Bahnen es gibt und aus welchen Ursachen sie entstehen, ebenso viele Brusterkrankungen gibt es bei Frauen, aus eben denselben Ursachen.

dhamanyaḥ saṃvṛtadvārāḥ kanyānāṃ stanasaṃśritāḥ doṣāvisaraṇāttāsāṃ na bhavanti stanāmayāḥ

Bei jungen Mädchen sind die zu den Brüsten führenden Gefäße mit verschlossener Mündung; weil sich dort die *doṣa* nicht ausbreiten können, treten bei ihnen keine Brusterkrankungen auf.

tāsāmeva prajātānāṃ garbhiṇīnāṃ ca tāḥ punaḥ svabhāvādeva vivṛtā jāyante saṃbhavantyataḥ

Bei eben diesen Frauen aber, sobald sie entbunden haben oder schwanger sind, öffnen sich diese Gefäße von selbst; daher können bei ihnen Brusterkrankungen entstehen.

rasaprasādo madhuraḥ pakvāhāranimittajaḥ kṛtsnadehāt stanau prāptaḥ stanyamityabhidhīyate

Das aus verdauter Nahrung entstehende, süße, klare Wesen des Nahrungssaftes, das vom ganzen Körper zu den Brüsten gelangt, wird als stanya (Muttermilch) bezeichnet.

viśasteṣvapi gātreṣu yathā śukraṃ na dṛśyate sarvadehāśritatvācca śukralakṣaṇamucyate

Wie der Same, obwohl er den ganzen Körper durchdringt, in den einzelnen Gliedern nicht sichtbar ist, so wird er, weil er im ganzen Körper vorhanden ist, mit diesem Merkmal bezeichnet -

tadeva ceṣṭayuvaterdarśanāt smaraṇādapi śabdasaṃśravaṇāt sparśāt saṃharṣācca pravartate

eben dieser Same kommt bei einem jungen Mann durch den Anblick, auch durch die Erinnerung an eine Frau, durch das Hören von Worten, durch Berührung und durch Erregung in Bewegung.

suprasannaṃ manastatra harṣaṇe heturucyate āhārarasayonitvādevaṃ stanyamapi striyāḥ

Dabei gilt ein wohlgestimmtes Gemüt als Ursache der Erregung. Ebenso hat auch die stanya der Frau ihren Ursprung im Nahrungssaft -

tadevāpatyasaṃsparśāddarśanāt smaraṇādapi grahaṇācca śarīrasya śukravat saṃpravartate

eben diese kommt durch die Berührung des Kindes, durch dessen Anblick, auch durch Erinnerung sowie durch das Erfassen des kindlichen Körpers mit den Sinnen, wie der Same, in Bewegung.

sneho nirantarastatra prasrave heturucyate tat kaṣāyaṃ bhavedvātāt kṣiptaṃ ca plavate'mbhasi

Dabei gilt ununterbrochene Zuneigung als Ursache des Milchflusses. Ist die Milch durch *vāta* gestört, so ist sie herb im Geschmack und schwimmt, ins Wasser geworfen, obenauf.

pittādamlaṃ sakaṭukaṃ rājyo'mbhasi ca pītikāḥ kaphādghanaṃ picchilaṃ ca jale cāpyavasīdati sarvairduṣṭaiḥ sarvaliṅgamabhighātācca duṣyati

Durch *pitta* gestört ist sie sauer und leicht scharf und bildet im Wasser gelbliche Streifen; durch *kapha* gestört ist sie dicklich und schleimig und sinkt im Wasser zu Boden. Durch alle drei zugleich verdorben zeigt sie alle genannten Merkmale; auch durch äußere Verletzung wird sie verdorben.

yat kṣīramudake kṣiptamekībhavati pāṇḍuram madhuraṃ cāvivarṇaṃ ca prasannaṃ tadvinirdiśet

Milch, die, ins Wasser geworfen, sich mit ihm vereinigt, blass, süß, von unveränderter Farbe und klar ist, gilt als gesund.

sakṣīrau vā'pyadugdhau vā prāpya doṣaḥ stanau striyāḥ raktaṃ māṃsaṃ ca sandūṣya stanarogāya kalpate

Wenn ein gestörter *doṣa* die milchführenden oder auch die nicht mehr milchführenden Brüste der Frau erreicht und Blut und Muskelfleisch dort verdirbt, führt dies zu einer Brusterkrankung.

pañcānāmapi teṣāṃ tu hitvā śoṇitavidra dhim lakṣaṇāni samānāni bāhyavidra dhilakṣaṇaiḥ

Von diesen fünf Arten der Brusterkrankung - abgesehen von der Blut-*vidradhi* - sind die Kennzeichen den Kennzeichen der äußeren *vidradhi* gleich.

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