athāto mūḍhagarbhanidānaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir die Ursachenlehre des *mūḍhagarbha* (des im Mutterleib verwirrten, steckengebliebenen Fötus) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Nidanasthana
Das achte Kapitel widmet sich der Ätiologie des mūḍhagarbha, des im Mutterleib steckengebliebenen oder falsch gelagerten Fötus, und gehört zu den geburtshilflichen Abschnitten des Nidānasthāna. Beschrieben werden die Ursachen des vorzeitigen Lösens des Fötus – von Geschlechtsverkehr über Stürze bis zu fruchtabtreibenden Mitteln – sowie acht mögliche Fehllagen bei der Geburt, wobei ältere Vierergliederungen (kīla, pratikhura, bījaka, parigha) ausdrücklich als unzureichend zurückgewiesen werden. Weitere Themen sind die Unterscheidung von Fehlgeburt und Totgeburt nach Schwangerschaftsmonat, die Anzeichen des intrauterinen Fruchttodes sowie ungünstige Zeichen bei der Mutter während der Wehen. Der Abschnitt schließt mit der bemerkenswerten Anweisung, bei einer während der Geburt verstorbenen, aber noch zuckenden Frau sofort einen Bauchschnitt zur Rettung des Kindes vorzunehmen – ein früher Beleg für den postmortalen Kaiserschnitt.
athāto mūḍhagarbhanidānaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir die Ursachenlehre des *mūḍhagarbha* (des im Mutterleib verwirrten, steckengebliebenen Fötus) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So sprach der erhabene Dhanvantari:
grāmyadharmayānavāhanādhvagamanapraskhalanaprapatanaprapīḍanadhāvanābhighātaviṣamaśayanāsanopavāsavegābhighātātirūkṣakaṭutiktabhojanaśokātikṣārasevanātisāravamanavirecanapreṅkholanājīrṇagarbhaśātanaprabhṛtibhirviśeṣairbandhanānmucyate garbhaḥ pha-lamiva vṛntabandhanādabhighātaviśeṣaiḥ sa vimuktabandhano garbhāśayama tikramya yakṛtplīhāntravivarairavasraṃsamānaḥ koṣṭhasaṃkṣobhamāpādayati tasyā jaṭharasaṃkṣo-bhādvāyurapāno mūḍhaḥpārśvabastiśīrṣodarayoniśūlānāhamūtrasaṅgā nāmanyatamamā-pādya garbhaṃ cyāvayati taruṇaṃ śoṇitasrāveṇa tameva kadā cidvivṛddhamasamyagā-gatamapatyapathamanuprāptamanirasyamānaṃ viguṇāpānasaṃmohitaṃ garbhaṃ mūḍhagarbhamityācakṣate
Durch Geschlechtsverkehr, Fahren auf Fahrzeugen und Reittieren, Wandern auf Wegen, Stolpern, Hinstürzen, Quetschung, Laufen, Zusammenstöße, unregelmäßiges Liegen und Sitzen, Fasten, Unterdrückung natürlicher Dränge, allzu trockene, scharfe oder bittere Speisen, Kummer, übermäßigen Genuss von Laugenmitteln, Durchfall, Erbrechen, Abführmittel, Schaukeln, Verdauungsstörung, fruchtabtreibende Mittel und ähnliche besondere Einwirkungen löst sich der Fötus aus seiner Verankerung, wie eine Frucht sich durch besondere Erschütterungen vom Stielansatz löst. Dieser, von seiner Bindung befreit, überschreitet die Gebärmutter und gleitet durch die Zwischenräume von Leber, Milz und Darm herab, wodurch er eine Erschütterung des Bauchraums hervorruft. Durch diese Erschütterung des Bauches gerät der *apāna* (der abwärtsgerichtete *vāta*, einer der drei Körpersäfte) in Verwirrung und verursacht eines der folgenden: Schmerzen in Flanke, Blase, Kopf, Bauch oder Scheide, Verstopfung oder Harnverhaltung; dadurch löst er den noch jungen Fötus unter Blutfluss. Eben diesen Fötus, wenn er bereits herangewachsen ist, nicht recht in Lage gekommen ist, zwar den Geburtsweg erreicht hat, aber nicht ausgestoßen wird, sondern durch den gestörten *apāna* wie betäubt im Mutterleib verharrt, nennt man den *mūḍhagarbha*.
tataḥ kīlaḥ pratikhuro bījakaḥ parigha iti tatra ūrdhvabāhuśiraḥpādo yo yo-nimukhaṃ niruṇaddhi kīla iva sa kīlaḥ niḥsṛtahastapādaśirāḥ kāyasaṅgī pra-tikhuraḥ yo nirgacchatyeka śirobhujaḥ sa bījakaḥyastu parigha iva yonimukha-māvṛtya tiṣṭhati sa parighaḥ iti caturvidho bhavatītyeke bhāṣante tattu na samyak kasmāt sa yadā viguṇānilaprapīḍito'patyapathamanekadhā prapadyate tadā saṅkhyā hīyate
Danach unterscheidet man: kīla (der Pflock), pratikhura (die Gegenklaue), bījaka (der Keim) und parigha (der Riegel). Dabei ist der kīla jener, der mit erhobenen Armen, Kopf und Füßen die Mündung des Mutterschoßes verschließt wie ein Pflock. Der pratikhura ist jener, dessen Hände, Füße und Kopf bereits hervorgetreten sind, während der Rumpf noch festhängt. Der bījaka ist jener, der mit Kopf und Armen allein voraus hervortritt. Der parigha aber ist jener, der wie ein Riegel die Mündung des Mutterschoßes quer verlegt und so verharrt. So gebe es, sagen einige, vier Arten. Das aber ist nicht richtig. Warum? Weil, wenn der Fötus, vom gestörten Wind bedrängt, den Geburtsweg auf vielfache Weise einnimmt, die feste Zahl der Typen hinfällig wird.
tatra kaściddvābhyāṃ sakthibhyāṃ yonimukhaṃ pratipadyate kaścidābhugnaikasakthirekena kaścidābhugnasakthiśarīraḥ sphigdeśena tiryagāgataḥ kaściduraḥ pārśvapṛṣṭhānāmanya-tamena yonidvarāṃ pidhāyāvatiṣṭhate antaḥpārśvapavṛttaśirāḥ kaścidekena bāhunā kaścidābhugnaśirā bāhudvayena kaścidābhugnamadhyo hastapādaśirobhiḥ kaścidekena sankathā yonimukhaṃ pratipadyate'pareṇa pāyum ityaṣṭavidhā mūḍhagarbhagatiruddiṣṭā samāsena
Dabei tritt mancher Fötus mit beiden Schenkeln voran in die Mündung des Mutterschoßes; mancher mit nur einem gebeugten Schenkel; mancher, dessen Körper mit gebeugtem Schenkel quer zu liegen gekommen ist, mit der Gesäßgegend voran; mancher verschließt und verharrt mit Brust, Flanke oder Rücken vor der Mündung des Mutterschoßes, den Kopf zur Seite gewendet; mancher kommt mit einem Arm voran; mancher mit gebeugtem Kopf zwischen beiden Armen; mancher, dessen Mitte gebeugt ist, mit Händen, Füßen und Kopf zugleich; mancher tritt mit einem Schenkel in die Mündung des Mutterschoßes, ein anderer mit dem After. So wird die Lage des *mūḍhagarbha* kurz gefasst in acht Arten dargestellt.
tatra dvāvantyāvasādhyau mūḍhagarbhau śeṣānapi viparītendri yārthākṣepakayonibhraṃśasaṃvaraṇamakkallaśvāsakāsabhramanipīḍitān pariharet
Von diesen sind die beiden letztgenannten unheilbare Fälle von *mūḍhagarbha*; auch die übrigen Fälle meide man, wenn die Frau von verkehrter Sinneswahrnehmung, Krämpfen, Gebärmuttervorfall, Verschluss, makkalla (einer Eiteransammlung im Unterleib), Atemnot, Husten oder Schwindel befallen ist.
bhavanti cātra kālasya pariṇāmena muktaṃ vṛntādyathā phalam prapadyate svabhāvena nānyathā patituṃ dhruvam
Hierzu gibt es folgende Verse: Wie eine Frucht, durch den Ablauf der Zeit vom Stiel gelöst, von selbst zu Boden fällt und gewiss nicht anders herabfallen kann,
evaṃ kālaprakarṣeṇa mukto nāḍīnibandhanāt garbhāśayastho yo garbho jananāya prapadyate
ebenso gelangt der in der Gebärmutter befindliche Fötus, wenn er durch den Fortgang der Zeit von der Bindung der Nabelschnur gelöst ist, zur Geburt.
kṛmivātābhighātaistu tadevopadrutaṃ phalam patatyakāle'pi yathā tathā syādgarbhavicyutiḥ
Wie aber eben diese Frucht, von Würmern, Wind oder Stoß heimgesucht, auch zur Unzeit abfällt, ebenso kann es zum vorzeitigen Abgang des Fötus kommen.
ācaturthāttato māsāt prasravedgarbhavicyutiḥ tataḥ sthiraśarīrasya pātaḥ pañcamaṣaṣṭhayoḥ
Vom vierten Monat an kann der Abgang des Fötus als Fehlgeburt erfolgen; danach, im fünften und sechsten Monat, erfolgt der Fall des Fötus, dessen Körper bereits fest gebildet ist, als Totgeburt.
pravidhyati śiro yā tu śītāṅgī nirapatrapā nīloddhatasirā hanti sā garbhaṃ sa ca tāṃ tathā
Die Frau, die bei den Wehen mit dem Kopf umherschlägt, deren Glieder kalt sind, die ohne Scham ist und deren Adern bläulich hervortreten - sie tötet den Fötus, und ebenso tötet er sie.
garbhāspandanamāvīnāṃ praṇāśaḥ śyāvapāṇḍutā bhavatyucchvāsapūtitvaṃ śūlaṃ cāntarmṛte śiśau
Wenn das Kind im Mutterleib abgestorben ist, treten auf: das Ausbleiben der Kindsbewegung, das Erlöschen der Wehen, bläulich-blasse Verfärbung, übler Geruch des Atems sowie Schmerzen.
mānasāgantubhirmāturupatāpaiḥ prapīḍitaḥ garbho vyāpadyate kukṣau vyādhibhiśca prapīḍitaḥ
Durch seelische und äußere Leiden der Mutter bedrängt, geht der Fötus im Bauch zugrunde; ebenso geht er zugrunde, wenn er von Krankheiten bedrängt wird.
bastamāravipannāyāḥ kukṣiḥ praspandate yadi tatkṣaṇājjanmakāle taṃ pāṭayitvoddharedbhiṣak
Ist eine Frau am Versagen der Blase gestorben, zuckt ihr Leib aber dennoch, so soll der Arzt sie im selben Augenblick zur Zeit der Geburt aufschneiden und das Kind herausholen.