Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Nidanasthana

Adhyāya 7: udaranidānaṃ Die Ursachen der Bauchleiden (Udara)

Das siebte Kapitel behandelt die Ätiologie der Bauchleiden (udara), die Dhanvantari seinem Schüler Suśruta darlegt. Acht Formen werden unterschieden: die drei doṣa-bedingten, die aus allen Doṣas zusammen entstandene sowie vier weitere – das giftbedingte dūṣyodara, das Milzbauch-Leiden (plīhodara) mit seiner Variante am Leberspalt, das durch verlegten Darm entstehende baddhagudodara und, durch einen den Darm durchbohrenden Fremdkörper beziehungsweise das Trinken kalten Wassers nach Ölbehandlung verursacht, das sickernde und das Wasserbauch-Leiden (dakodara). Jede Form wird nach Farbe, Konsistenz und Wachstumsgeschwindigkeit des angeschwollenen Bauches sowie nach begleitenden Symptomen wie Fieber, Gelbfärbung oder Aderzeichnung unterschieden. Der Text betont, dass alle Bauchleiden im Endstadium den Charakter einer Wasseransammlung annehmen und dann als unheilbar gelten – ein deutlicher Bezug zum klinischen Bild des Aszites.

DIE ACHT BAUCHLEIDEN (UDARA) (Vers 4, 9–23)
NameUrsache/DoṣaKennzeichen
vāta-bedingtes udaravātadunkle Adern, kolikartige Schmerzen mit Geräusch, stechend-spaltender Schmerz
pitta-bedingtes udarapittagelblich, brennendes Verlangen, Durst, Fieber, wächst rasch
kapha-bedingtes udarakaphaöligglänzend, kalt, weiße Adern, wächst nur langsam
dūṣyodaraGift / verdorbenes Blut und WasserBrennen, wiederholte Bewusstlosigkeit, Blässe, Auszehrung durch Durst
plīhodaraBlut und kapha (Milz)ständiges Anwachsen der Milz, meist linksseitig, leichtes Fieber, Blässe
yakṛddālyudarawie plīhodara, rechtsseitigverdorbene Leber statt Milz
baddhagudodaraverlegter Darm (Speisereste, Sand, Steinchen)Stuhl im After zurückgehalten, Bauch wächst zwischen Herz und Nabel
parisrāvyudara („sickerndes Bauchleiden“)Fremdkörper durchbohrt den Darmwasserähnliche Flüssigkeit tritt durch den After aus, Bauch brennt und wächst unterhalb des Nabels
dakodara (Wasserbauch)kaltes Wasser nach Ölbehandlung/Reinigungöligglänzend, groß, vorgewölbter Nabel, schwappt wie ein Wasserschlauch
Am Ende nehmen alle Bauchleiden den Charakter einer Wasseransammlung an und gelten dann als unheilbar (Vers 25).

athāta udarāṇāṃ nidānaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir die Ätiologie der Bauchleiden (udara) erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:

dhanvantarirdharmabhṛtāṃ variṣṭho rājarṣirindra pratimo'bhavadyaḥ brahmarṣiputraṃ vinayopapannaṃ śiṣyaṃ śubhaṃ suśrutamanvaśāt saḥ

Dhanvantari, der Trefflichste der Wahrer des Dharma, der königliche Seher, Indra gleich, unterwies seinen edlen, disziplinierten Schüler Suśruta, den Sohn eines brahmanischen Sehers.

pṛthak samastairapi ceha doṣaiḥ plīhodaraṃ baddhagudaṃ tathaiva āgantukaṃ saptamamaṣṭamaṃ ca dakodaraṃ ceti vadanti tāni

Man unterscheidet die Bauchleiden, die einzeln durch jeden der Doṣas sowie durch alle zusammen entstehen, dazu das Milzbauch-Leiden (plīhodara), das 'Verstopftafter'-Leiden (baddhagudodara) sowie, als siebte und achte Art, das durch äußere Einwirkung entstandene (āgantuka) und das Wasserbauch-Leiden (dakodara).

sudurbalāgnerahitāśanasya saṃśuṣkapūtyannaniṣevaṇādvā snehādimithyācaraṇācca jantorvṛddhiṃ gatāḥ koṣṭhamabhiprapannāḥ

Bei einem Menschen mit sehr geschwächtem Verdauungsfeuer, der ungesunde oder ausgetrocknete, verdorbene Speisen isst, oder der nach Ölbehandlung und dergleichen sich falsch verhält, gelangen die Doṣas, zunehmend vermehrt, in den Bauchraum

gulmākṛtivyañjitalakṣaṇāni kurvanti ghorāṇyudarāṇi doṣāḥ koṣṭhādupasnehavadannasāro niḥsṛtya duṣṭo'nilaveganunnaḥ

und erzeugen dort die schrecklichen Bauchleiden, deren Merkmale sich zunächst wie eine Bauchgeschwulst (gulma) äußern. Der verdorbene Nahrungssaft, vom erregten Wind getrieben, tritt wie eine Ölschicht aus dem Bauchraum hervor

tvacaḥ samunnamya śanaiḥ samantādvivardhamāno jaṭharaṃ karoti tatpūrvarūpaṃ balavarṇakāṅkṣāvalīvināśo jaṭhare hi rājyaḥ

und hebt die Haut allmählich von allen Seiten an, wächst weiter und bildet so das Bauchleiden. Dessen Vorzeichen sind: Verlust von Kraft, Hautfarbe und Appetit sowie das Verschwinden der Bauchfalten; später erscheinen Streifen auf dem Bauch.

jīrṇāparijñānavidāhavatyo bastau rujaḥ pādagataśca śophaḥ saṃgṛhya pārśvodarapṛṣṭhanābhīryadvardhate kṛṣṇasirāvanaddham

Nicht mehr wahrnehmbare Verdauung, brennende Schmerzen, Schmerzen in der Blase, Schwellung der Füße - und wenn der Bauch, Seiten, Rücken und Nabel umfassend, wächst und dabei von dunklen Adern durchzogen erscheint,

saśūlamānāhavadugraśabdaṃ satodabhedaṃ pavanātmakaṃ tat yaccoṣatṛṣṇājvaradāhayuktaṃ pītaṃ sirā bhānti ca yatra pītāḥ

und dabei kolikartige Schmerzen mit heftigem Geräusch sowie stechendem und spaltendem Schmerz aufweist, so ist dies das vāta-bedingte Bauchleiden. Dasjenige aber, das mit brennendem Verlangen, Durst, Fieber und Brennen einhergeht, gelblich gefärbt ist und dessen Adern gelblich schimmern -

pītākṣiviṇmūtranakhānanasya pittodaraṃ tattvacirābhivṛddhi yacchītalaṃ śuklasirāvanaddhaṃ guru sthiraṃ śuklanakhānanasya

und bei dem Augen, Stuhl, Harn, Nägel und Gesicht gelblich sind, ist das pitta-bedingte Bauchleiden, das rasch wächst. Dasjenige aber, das kalt anzufühlen, von weißen Adern durchzogen, schwer und fest ist, verbunden mit weißen Nägeln und weißem Gesicht -

snigdhaṃ mahacchophayutaṃ sasādaṃ kaphodaraṃ tattu cirābhivṛddhi striyo'nnapānaṃ nakharomamūtraviḍārtavairyuktamasādhuvṛttāḥ

öligglänzend, groß, mit Schwellung und Mattigkeit verbunden, ist das kapha-bedingte Bauchleiden, das nur langsam wächst. Wenn Frauen mit unangemessenem Verhalten im Zusammenhang mit Nahrung und Trank, mit Nägeln, Körperhaaren, Harn, Kot oder Menstrualblut Schädliches anwenden,

yasmai prayacchantyarayo garāṃśca duṣṭāmbudūṣīviṣasevanādvā tenāśu raktaṃ kupitāśca doṣāḥ kurvanti ghoraṃ jaṭharaṃ triliṅgam

oder wenn Feinde jemandem heimlich Gift beibringen, oder durch den Genuss von verdorbenem Wasser oder verdorbenen Speisen - dadurch werden rasch Blut und Doṣas erregt und verursachen ein schreckliches, mit den Merkmalen aller drei Doṣas verbundenes Bauchleiden.

tacchītavātābhrasamudbhaveṣu viśeṣataḥ kupyati dahyate ca sa cāturo mūrcchati saṃprasaktaṃ pāṇḍuḥ kṛśaḥ śuṣyati tṛṣṇayā ca

Dieses verschlimmert sich besonders bei kaltem Wind und bewölktem Wetter; der Kranke leidet an Brennen, verfällt wiederholt in Bewusstlosigkeit, wird blass, mager und trocknet durch anhaltenden Durst aus.

prakīrtitaṃ dūṣyudaraṃ tu ghoraṃ plīhodaraṃ kīrtayato nibodha vidāhyabhiṣyandiratasya jantoḥ praduṣṭamatyarthamasṛk kaphaśca

Dies ist das sogenannte 'giftbedingte Bauchleiden' (dūṣyodara). Vernimm nun, während wir das schreckliche Milzbauch-Leiden (plīhodara) beschreiben: Bei einem Menschen, der reizende, verschleimende Speisen liebt, werden Blut und kapha übermäßig verdorben

plīhābhivṛddhiṃ satataṃ karoti plīhodaraṃ tat pravadanti tajjñāḥ vāme ca pārśve parivṛddhimeti viśeṣataḥ sīdati cāturo'tra

und verursachen ständiges Anwachsen der Milz; dies nennen die Kundigen plīhodara. Es wächst besonders auf der linken Seite, und der Kranke wird dabei geschwächt.

mandajvarāgniḥ kaphapittaliṅgairupadrutaḥ kṣīṇabalo'tipāṇḍuḥ savyetarasmin yakṛti praduṣṭe jñeyaṃ yakṛddālyudaraṃ tadeva

Leichtes Fieber, geschwächtes Verdauungsfeuer, begleitet von kapha- und pitta-Zeichen, geschwundene Kraft und starke Blässe kennzeichnen dies. Ist statt der Milz die rechtsseitige Leber verdorben, so ist eben dies als 'Leberspalt-Bauchleiden' (yakṛddālyudara) zu erkennen.

yasyāntramannairupalepibhirvā bālāśmabhirvā sahitaiḥ pṛthagvā saṃcīyate tatra malaḥ sadoṣaḥ krameṇa nāḍyāmiva saṃkaro hi

Bei wem sich der Darm mit anhaftenden Speiseresten oder mit verschluckten Sandkörnern oder Steinchen, zusammen oder einzeln, verlegt, dort sammelt sich allmählich, wie Schlamm in einem Rohr, Kot zusammen mit dem Doṣa an.

nirudhyate cāsya gude purīṣaṃ nireti kṛcchrādapi cālpamalpam hṛnnābhimadhye parivṛddhimeti taccodaraṃ viṭsamagandhikaṃ ca

So wird bei ihm der Stuhl im After zurückgehalten und geht nur mühsam, in kleinen Mengen ab; der Bauch wächst zwischen Herz und Nabel an - dies ist das nach Kot riechende Bauchleiden (baddhagudodara).

pracchardayan baddhagudī vibhāvyaḥ tataḥ parisrāvyudaraṃ nibodha śalyaṃ yadannopahitaṃ tadantraṃ bhinatti yasyāgatamanyathā vā

Wer sich erbricht und dabei verstopften Stuhlgang hat, ist so zu erkennen. Nun vernimm das 'sickernde Bauchleiden' (parisrāvyudara): Wenn ein mit der Nahrung verschluckter Fremdkörper den Darm dessen durchbohrt, bei dem er auf falschem Weg eingedrungen oder anders unrichtig gewandert ist,

tasmāt sruto'ntrāt salilaprakāśaḥ srāvaḥ sravedvai gudatastu bhūyaḥ nābheradhaścodarameti vṛddhiṃ nistudyate'tīva vidahyate ca

so tritt aus diesem Darm eine wasserähnliche Flüssigkeit aus, die vor allem durch den After abgeht; unterhalb des Nabels wächst der Bauch dabei an, wird heftig durchstochen und brennt sehr.

etat parisrāvyudaraṃ pradiṣṭaṃ dakodaraṃ kīrtayato nibodha yaḥ snehapīto'pyanuvāsito vā vānto virikto'pyathavā nirūḍhaḥ

Dies wird als das 'sickernde Bauchleiden' bezeichnet. Vernimm nun, während wir das Wasserbauch-Leiden (dakodara) beschreiben: Wer, nachdem er eine Ölbehandlung getrunken, einen öligen Einlauf erhalten, ein Brech- oder Abführmittel genommen oder einen reinigenden Einlauf bekommen hat,

pibejjalaṃ śītalamāśu tasya srotāṃsi duṣyanti hi tadvahāni snehopalipteṣvathavā'pi teṣu dakodaraṃ pūrvavadabhyupaiti

und sogleich danach kaltes Wasser trinkt - bei ihm werden die dieses Wasser transportierenden Kanäle verdorben, auch wenn sie noch mit Öl überzogen sind; so entsteht auf die zuvor beschriebene Weise das Wasserbauch-Leiden.

snigdhaṃ mahat saṃparivṛttanābhi bhṛśonnataṃ pūrṇamivāmbunā ca yathā dṛtiḥ kṣubhyati kampate ca śabdāyate cāpi dakodaraṃ tat

Öligglänzend, groß, mit vorgewölbtem Nabel, stark aufgetrieben, wie mit Wasser gefüllt - und so wie ein Wasserschlauch schwappt, zittert und dabei ein Geräusch von sich gibt, so verhält sich das Wasserbauch-Leiden.

ādhmānaṃ gamane'śaktirdaurbalyaṃ durbalāgnitā śophaḥ sadanamaṅgānāṃ saṅgo vātapurīṣayoḥ dāhastṛṣṇā ca sarveṣu jaṭhareṣu bhavanti hi

Blähung, Gehunfähigkeit, Schwäche, geschwächtes Verdauungsfeuer, Schwellung, Mattigkeit der Glieder, Stauung von Wind und Kot sowie Brennen und Durst treten bei allen Bauchleiden auf.

ante salilabhāvaṃ hi bhajante jaṭharāṇi tu sarvāṇyeva parīpākāttadā tāni vivarjayet

Am Ende nehmen alle Bauchleiden durch vollständige Ausreifung den Charakter einer Wasseransammlung an; dann soll man sie als unheilbar meiden.

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