athāto vidra dhīnāṃ nidānaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir die Ursachenlehre der *vidradhi* (des Abszesses) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Nidanasthana
Das neunte Kapitel behandelt die Ätiologie der vidradhi, des Abszesses, in sechs Arten: durch die drei Doṣas einzeln, durch alle zusammen, durch Verletzung sowie durch verdorbenes Blut, jeweils charakterisiert nach Farbe, Schmerzcharakter und Reifungsgeschwindigkeit. Neben den äußeren werden ausführlich innere vidradhi an Organen wie After, Blase, Nieren, Leber, Milz, Herz und der klom-Region (Kehlkopf-Lungen-Bereich) beschrieben, deren Lokalisation über spezifische Begleitsymptome erschlossen wird. Ein theoretischer Exkurs klärt den Unterschied zur Bauchgeschwulst gulma: Anders als diese, die den Doṣas selbst ohne feste Gewebsanhaftung folgt, dringt die vidradhi fest in Fleisch und Blut ein und reift daher zur Eiterung. Ergänzt wird dies um die geburtsbezogene Blut-vidradhi makkalla sowie um die schmerzhafte Mark-Vereiterung (majja-parīpāka).
| Ursache | Merkmale | Verlauf |
|---|---|---|
| vāta | schwarz oder rötlich, rau, sehr heftiger Schmerz | unregelmäßiges Auftreten und Reifen |
| pitta | der reifen Udumbara-Frucht ähnlich oder bläulich, Fieber, Brennen | rasches Auftreten und rasche Reifung |
| kapha | schalenähnlich, blass, kalt, starr, wenig schmerzhaft, juckend | langsames Auftreten und Reifen |
| alle drei Doṣa zugleich (sannipāta) | vielfarbiger, schmerzhafter Ausfluss, verklebt, groß | unregelmäßige Reifung; unheilbar |
| durch äußere Verletzung | Kennzeichen der pitta-vidradhi, Fieber, Durst, Brennen | – |
| aus verdorbenem Blut | schwarze Pusteln, bläulich, heftiges Brennen, Schmerz, Fieber | Kennzeichen der pitta-vidradhi |
| Sitz | Kennzeichen |
|---|---|
| After | Windverhaltung |
| Blase | schmerzhafter, spärlicher Harnabgang |
| Nabel | Schluckauf, Blähungsgeräusch |
| Unterleib | Erregung des vāta |
| Leistengegend | heftige Steifheit von Hüfte und Rücken |
| Nieren | Zusammenziehen der Flanke |
| Milz | Behinderung der Atmung |
| Herz | heftige Steifheit des ganzen Körpers, furchtbarer Schmerz |
| Leber | Atemnot |
| klom (Kehlkopf-Lungen-Region) | Durst, übermäßiges Verlangen zu trinken |
athāto vidra dhīnāṃ nidānaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir die Ursachenlehre der *vidradhi* (des Abszesses) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So sprach der erhabene Dhanvantari:
sarvāmaraguruḥ śrīmānnimittāntarabhūmipaḥ śiṣyāyovāca nikhilamidaṃ vidra dhilakṣaṇam
Der glorreiche, allen Göttern als Lehrer verehrte, durch besondere Fügung über dieses Wissensgebiet gebietende Dhanvantari sprach zu seinem Schüler dieses vollständige Kennzeichen der *vidradhi* (des Abszesses).
tvagraktamāṃsamedāṃsi pradūṣyāsthisamāśritāḥ doṣāḥ śophaṃ śanairghoraṃ janayantyucchritā bhṛśam
Die *doṣa* (die drei Körpersäfte *vāta*, *pitta* und *kapha*), die sich zu den Knochen begeben haben, verderben Haut, Blut, Muskelfleisch und Fettgewebe und erzeugen, stark angeschwollen, allmählich eine furchtbare Schwellung.
mahāmūlaṃ rujāvantaṃ vṛttaṃ cāpyathavā''yatam tamāhurvidra dhiṃ dhīrā vijñeyaḥ sa ca ṣaḍivadhaḥ
Diese, mit breiter Basis, schmerzhaft, rund oder auch länglich, nennen die Weisen *vidradhi*; und sie ist als sechsfach zu erkennen.
pṛthagdoṣaiḥ samastaiśca kṣatenāpyasṛjā tathā ṣaṇṇāmapi hi teṣāṃ tu lakṣaṇaṃ saṃpravakṣyate
Durch die einzelnen *doṣa*, durch alle zusammen, durch Verletzung sowie durch verdorbenes Blut - so entstehen die sechs Arten; von diesen sechs wird nun das Kennzeichen dargelegt.
kṛṣṇo'ruṇo vā paruṣo bhṛśamatyarthavedanaḥ citrotthānaprapākaśca vidra dhirvātasaṃbhavaḥ
Schwarz oder rötlich, rau, mit sehr heftigem Schmerz, mit unregelmäßigem Auftreten und unregelmäßiger Reifung - das ist die aus *vāta* entstandene *vidradhi*.
pakvodumbarasaṅkāśaḥ śyāvo vā jvaradāhavān kṣiprotthānaprapākaśca vidra dhiḥ pittasaṃbhavaḥ
Der reifen Udumbara-Frucht ähnlich oder bläulich, mit Fieber und Brennen verbunden, mit raschem Auftreten und rascher Reifung - das ist die aus *pitta* entstandene *vidradhi*.
śarāvasadṛśaḥ pāṇḍuḥ śītaḥ stabdho'lpavedanaḥ cirotthānaprapākaśca sakaṇḍuśca kaphotthitaḥ
Einer Schale ähnlich, blass, kalt anzufühlen, starr, wenig schmerzhaft, mit langsamem Auftreten und langsamer Reifung sowie mit Juckreiz verbunden - das ist die aus *kapha* entstandene *vidradhi*.
tanupītasitāścaiṣāmāsrāvāḥ kramaśaḥ smṛtāḥ nānāvarṇarujāsrāvo ghāṭālo viṣamo mahān
Deren Ausflüsse gelten der Reihe nach als dünn, gelblich beziehungsweise weißlich. Die aus allen drei *doṣa* zugleich entstandene hat vielfarbigen, schmerzhaften Ausfluss, ist verklebt, unregelmäßig und groß,
viṣamaṃ pacyate cāpi vidra dhiḥ sānnipātikaḥ taistairbhāvairabhihate kṣate vā'pathyasevinaḥ
und diese aus dem Zusammenwirken aller drei *doṣa* entstandene *vidradhi* reift auch unregelmäßig. Bei einem durch eben diese *doṣa* angegriffenen oder verletzten Menschen, der unzuträgliche Kost genießt,
kṣatoṣmā vāyuvisṛtaḥ saraktaṃ pittamīrayet jvarastṛṣṇā ca dāhaśca jāyate tasya dehinaḥ
treibt die durch die Verletzung entstandene Hitze, vom *vāta* in Bewegung gesetzt und verbreitet, das *pitta* zusammen mit dem Blut hervor; Fieber, Durst und Brennen entstehen bei diesem Menschen -
eṣa vidra dhirāgantuḥ pittavidra dhilakṣaṇaḥ kṛṣṇasphoṭāvṛtaḥ śyāvastīvradāharujājvaraḥ
das ist die durch äußere Verletzung entstandene *vidradhi*, mit den Kennzeichen der *pitta*-*vidradhi*. Die aus Blut entstandene ist von schwarzen Pusteln bedeckt, bläulich, mit heftigem Brennen, Schmerz und Fieber -
pittavidra dhiliṅgastu raktavidra dhirucyate uktā vidra dhayo hyete teṣvasādhyastu sarvajaḥ
diese, mit den Kennzeichen der *pitta*-*vidradhi*, wird als Blut-*vidradhi* bezeichnet. Damit sind diese sechs Arten der *vidradhi* genannt; von ihnen ist die aus allen Ursachen zugleich entstandene unheilbar.
ābhyantarānatastūrdhvaṃ vidra dhīn paricakṣate gurvasātmyaviruddhānnaśuṣkasaṃsṛṣṭabhojanāt
Nun sollen fortan die inneren *vidradhi* beschrieben werden, die entstehen durch schweren, unzuträglichen, unverträglichen, trockenen oder vermischten Speisegenuss,
ativyavāyavyāyāmavegāghātavidāhibhiḥ pṛthak saṃbhūya vā doṣāḥ kupitā gulmarūpiṇam
durch übermäßigen Geschlechtsverkehr, übermäßige körperliche Anstrengung, Unterdrückung natürlicher Dränge, Stoß sowie brennend wirkende Speisen; die *doṣa*, einzeln oder zusammen erregt, bilden dann in Gestalt eines gulma (einer Bauchgeschwulst)
valmīkavatsamunnaddhamantaḥ kurvanti vidra dhim gude bastimukhe nābhyāṃ kukṣau vaṅkṣaṇayostathā
innen eine gleichmäßig aufgetriebene, einem Ameisenhügel ähnliche *vidradhi* - am After, an der Blasenmündung, am Nabel, im Unterleib sowie an beiden Leistengegenden,
vṛkkayoryakṛti plīhni hṛdaye klomni vā tathā teṣāṃ liṅgāni jānīyādbāhyavidra dhilakṣaṇaiḥ
an beiden Nieren, an der Leber, an der Milz, am Herzen oder auch an der klom (der Kehlkopf-Lungen-Region). Deren Kennzeichen erkenne man nach den Merkmalen der äußeren *vidradhi*,
āmapakvaiṣaṇīyācca pakvāpakvaṃ vinirdiśet adhiṣṭhānaviśeṣeṇa liṅgaṃ śṛṇu viśeṣataḥ
und ob sie unreif oder reif ist, bestimme man durch entsprechende Untersuchung. Höre nun das Kennzeichen im Einzelnen, je nach dem besonderen Sitz der *vidradhi*:
gude vātanirodhastu bastau kṛcchrālpamūtratā nābhyāṃ hikkā tathā'ṭopaḥ kukṣau mārutakopanam
Am After besteht Windverhaltung, an der Blase schmerzhafter und spärlicher Harnabgang, am Nabel Schluckauf sowie Blähungsgeräusch, im Unterleib Erregung des *vāta*,
kaṭīpṛṣṭhagrahastīvro vaṅkṣaṇotthe tu vidra dhau vṛkkayoḥ pārśvasaṅkocaḥ plīhnyucchvāsāvarodhanam
bei der in der Leistengegend entstandenen *vidradhi* heftige Steifheit von Hüfte und Rücken; bei der der Nieren ein Zusammenziehen der Flanke; bei der der Milz Behinderung der Atmung,
sarvāṅgapragrahastīvro hṛdi śūlaśca dāruṇaḥ śvāso yakṛti tṛṣṇā ca pipāsā klomaje'dhikā
heftige Steifheit des ganzen Körpers und furchtbarer Schmerz am Herzen; bei der der Leber Atemnot; bei der der klom Durst und übermäßiges Verlangen zu trinken.
āmo vā yadi vā pakvo mahān vā yadi vetaraḥ sarvo marmotthitaścāpi vidra dhiḥ kaṣṭa ucyate
Ob unreif oder reif, ob groß oder klein - jede *vidradhi*, die an einem marman (einem lebenswichtigen Punkt) entstanden ist, gilt als schwerwiegend.
nābheruparijāḥ pakvā yāntyūrdhvamitare tvadhaḥ jīvatyadho niḥsruteṣu sruteṣūrdhvaṃ na jīvati
Die oberhalb des Nabels entstandenen Abszesse gehen, wenn sie gereift sind, nach oben durch, die übrigen nach unten. Bei einem Durchbruch nach unten überlebt der Kranke; bei einem Durchbruch nach oben überlebt er nicht.
hṛnnābhibastivarjyā ye teṣu bhinneṣu bāhyataḥ jīvet kadācit puruṣo netareṣu kadācana
Bei denen, die nicht Herz, Nabel oder Blase betreffen, kann der Mensch, wenn sie sich nach außen öffnen, manchmal am Leben bleiben; bei den anderen niemals.
strīṇāmapaprajātānāṃ prajātānāṃ tathā'hitaiḥ dāhajvarakaro ghoro jāyate raktavidra dhiḥ
Bei Frauen, die nicht entbunden haben, sowie bei entbundenen Frauen entsteht durch schädliches Verhalten eine furchtbare Blut-*vidradhi*, die Brennen und Fieber hervorruft.
api samyakprajātānāmasṛk kāyādaniḥsṛtam raktajaṃ vidra dhiṃ kuryāt kukṣau makkallasaṃjñitam
Auch bei ordnungsgemäß entbundenen Frauen kann Blut, das nicht vollständig aus dem Körper ausgetreten ist, im Unterleib eine aus Blut entstandene *vidradhi* hervorrufen, die makkalla genannt wird.
saptāhānnopaśāntaścettato'sau saṃprapacyate viśeṣamatha vakṣyāmi spaṣṭaṃ vidra dhigulmayoḥ
Wenn diese sich nicht innerhalb von sieben Tagen beruhigt, so reift sie danach vollständig aus. Nun will ich den klaren Unterschied zwischen *vidradhi* und gulma darlegen.
gulmadoṣasamutthānādvidra dhergulmakasya ca kasmānna pacyate gulmo vidra dhiḥ pākameti ca
Da *vidradhi* und gulma aus denselben gestörten *doṣa* entstehen - warum reift dann der gulma nicht zur Eiterung, während die *vidradhi* zur Reifung gelangt?
na nibandho'sti gulmānāṃ vidra dhiḥ sanibandhanaḥ gulmākārāḥ svayaṃ doṣā vidra dhirmāṃsaśoṇite
Die gulma haben keine feste Anhaftung an das Gewebe, die *vidradhi* hingegen hat eine feste Anhaftung. Beim gulma nehmen die *doṣa* selbst unmittelbar die Gestalt der Geschwulst an, bei der *vidradhi* geschieht dies in Muskelfleisch und Blut.
vivarānucaro granthirapsu budbudako yathā evaṃprakāro gulmastu tasmāt pākaṃ na gacchati
Wie ein Knoten, der den leeren Hohlräumen des Körpers folgt, wie eine Blase im Wasser - von solcher Art ist der gulma; daher gelangt er nicht zur Reifung.
māṃsaśoṇitabāhulyāt pākaṃ gacchati vidra dhiḥ māṃsaśoṇitahīnatvādgulmaḥ pākaṃ na gacchati
Wegen des reichlichen Vorhandenseins von Muskelfleisch und Blut gelangt die *vidradhi* zur Reifung; wegen des Fehlens von Muskelfleisch und Blut gelangt der gulma nicht zur Reifung.
gulmastiṣṭhati doṣe sve vidra dhirmāṃsaśoṇite vidra dhiḥ pacyate tasmādgulmaścāpi na pacyate
Der gulma verbleibt in seinem eigenen *doṣa*, die *vidradhi* in Muskelfleisch und Blut; deshalb reift die *vidradhi*, der gulma aber reift nicht.
hṛnnābhibastijaḥ pakvo varjyo yaśca tridoṣajaḥ atha majjaparīpāko ghoraḥ samupajāyate
Die im Herz, Nabel oder in der Blase entstandene, bereits gereifte *vidradhi* sowie die aus allen drei *doṣa* entstandene sind zu meiden. Nun entsteht bisweilen auch die furchtbare majja-parīpāka (die Mark-Vereiterung).
so'sthimāṃsanirodhena dvāraṃ na labhate yadā tataḥ sa vyādhinā tena jvalaneneva dahyate
Wenn diese, durch Knochen und Muskelfleisch behindert, keinen Ausweg findet, dann wird der Kranke von dieser Krankheit wie von Feuer verbrannt,
asthithimijjoṣmaṇā tena śīryate dahyamānavat vikāraḥ śalyabhūto'ya kleśayedāturaṃ ciram
durch die Hitze in Knochen und Mark zerfällt er wie verbrennend; dieses Übel, das im Körper wie ein Fremdkörper wirkt, quält den Kranken lange.
athāsya karmaṇā vyādhirdvāraṃ tu labhate yadā tato medaḥprabhaṃ snigdhaṃ śuklaṃ śītamatho guru
Wenn aber diese Krankheit durch ärztliche Behandlung einen Ausweg findet, dann fließt ein Sekret hervor, das dem Fett ähnlich, ölig, weiß, kühl und zäh ist -
bhinne'nsthi niḥsravet pūyametadasthigataṃ viduḥ vidra dhiṃ śāstrakuśalāḥ sarvadoṣarujāvaham
aus dem geborstenen Knochen fließt dieser Eiter hervor. Dies erkennen die in der Lehre Kundigen als die im Knochen befindliche *vidradhi*, die von allen *doṣa* verursacht Schmerz mit sich bringt.