athāto'śmarīṇāṃ nidānaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir die Ätiologie der Blasensteine (aśmarī) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Nidanasthana
Das dritte Kapitel widmet sich der Ätiologie der Blasensteine (aśmarī), die in vier Formen auftreten – durch kapha, vāta, pitta und śukra (Samen) verursacht – und deren Sitz stets im kapha liegt. Nach Vorzeichen wie Fieber und schmerzhaftem Harndrang folgt eine genaue Beschreibung von Farbe, Form und Konsistenz der einzelnen Steinarten, etwa des kapha-Steins von der Farbe der Madhūka-Blüte oder des vāta-Steins in Gestalt der Kadamba-Blüte; die drei ersten Formen betreffen vor allem Kinder, während bei Erwachsenen der samenbedingte śukrāśmarī entsteht. Ein eigener Abschnitt behandelt den Grieß (śarkarā) als Vorstufe des Steins sowie die Anatomie der Harnblase, deren Füllung mit dem Bild eines im Wasser stehenden, sich von den Seiten her füllenden Kruges veranschaulicht wird. So verbindet das Kapitel präzise Klinik mit anschaulicher physiologischer Erklärung.
| Art | Farbe/Form | Besonderheit |
|---|---|---|
| Ślaiṣmikī (kapha-bedingt) | weiß, glatt, groß, wie ein Hühnerei oder Madhûka-Blüte | tritt meist bei Kindern auf, durch übermäßige kapha-fördernde Nahrung |
| Paittikī (pitta-bedingt) | blutig gefärbt, gelblich-dunkel, wie die Frucht des Bhallātaka oder honigfarben | Blase fühlt sich wie verbrannt, ausgesaugt, versengt an |
| Vātikī (vāta-bedingt) | bräunlich-grau, rau, unregelmäßig, hart, dornig, wie eine Kadamba-Blüte | heftige, quälende Schmerzen; Wind, Harn und Kot gehen nur mühsam ab |
| Śukrāśmarī (samenbedingt) | entsteht zwischen Glied und Hoden | bei Erwachsenen, durch unterbrochenen oder übermäßigen Geschlechtsverkehr; löst sich beim Drücken wieder auf |
athāto'śmarīṇāṃ nidānaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir die Ätiologie der Blasensteine (aśmarī) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:
catasro'śmaryo bhavanti śleṣmādhiṣṭhānāḥ tadyathā śleṣmaṇā vātena pittena śukreṇa ceti
Es gibt vier Arten von Blasensteinen (aśmarī), deren Sitz im kapha (dem Schleim-Prinzip) liegt, nämlich: durch kapha, durch vāta (den Wind), durch pitta (die Galle) und durch śukra (den Samen) verursachte.
tatrāsaṃśodhanaśīlasyāpathyakāriṇaḥ prakupitaḥ śleṣmā mūtrasaṃpṛkto'nupraviśya bastimaśmarīṃ janayati
Bei einem Menschen, der sich nicht regelmäßig ausleitenden Reinigungskuren unterzieht und Ungesundes zu sich nimmt, dringt der erregte kapha, mit Harn vermischt, in die Harnblase ein und erzeugt dort einen Blasenstein.
tāsāṃ pūrvarūpāṇijvaro bastipīḍārocakau mūtrakṛcchraṃ bastiśiromuṣkaśephasāṃ vedanā kṛcchrāvasādo bastagandhitvaṃ mūtrasyeti
Die Vorzeichen dieser Steine sind: Fieber, Druckgefühl in der Blase, Appetitlosigkeit, schmerzhafter Harndrang, Schmerzen in Blasenhals, Hoden und Glied, mühsame Erschöpfung und ein nach der Blase riechender Harn.
yathāsvavedanāvarṇaṃ duṣṭaṃ sāndra mathāvilam pūrvarūpe'śmanaḥ kṛcchrānmūtraṃ sṛjati mānavaḥ
Im Vorstadium des Steines lässt der Mensch mit Mühe einen verdorbenen Harn, der je nach Schmerz und Farbe verschieden, dickflüssig, aufgewühlt und trüb ist.
atha jātāsu nābhibastisevanīmehaneṣvanyatamasmin mehato vedanā mūtradhārā-saṅgaḥ sarudhiramūtratā mūtravikiraṇaṃ gomedakaprakāśamatyāvilaṃ sasikataṃ visṛjatidhanavanalaṅghanaplavana pṛṣṭhayānoṣṇādhva gamanaiścāsya vedanā bhavanti
Ist der Stein dann in Nabel, Blase, Damm oder Harnröhre entstanden, so treten beim Harnlassen Schmerzen auf, der Harnstrahl stockt, der Harn ist blutig vermengt, versprüht sich, erscheint gomeda-farben, stark getrübt und sandhaltig; durch Bogenspannen, Springen, Schwimmen, Reiten, Fahren sowie durch Gehen bei Hitze treten bei ihm Schmerzen auf.
tatra śleṣmāśmarī śleṣmalamannamabhyavaharato'tyarthamupalipyādhaḥ parivṛddhiṃ prāpya bastimukhamadhiṣṭhāya sroto niruṇaddhi tasya mūtrapratighātāddālyate bhidyate ni-studyata iva ca bastirguruḥ śītaśca bhavati aśmarī cātra śvetā snigdhā mahatī kukkuṭāṇḍapratīkāśā madhūkapuṣpavarṇā vā bhavati tāṃ ślaiṣmikīmiti vidyāt
Bei einem Menschen, der kapha-vermehrende Nahrung übermäßig zu sich nimmt, überzieht sich der Schleim, wächst nach unten heran, setzt sich am Blasenhals fest und verschließt den Kanal; durch den dadurch gestauten Harn wird die Blase wie zerrissen, gespalten, wie von Nadeln durchstochen, schwer und kalt. Der Stein hierbei ist weiß, glatt, groß, einem Hühnerei ähnlich oder von der Farbe der Madhūka-Blüte - diesen erkenne man als den kapha-bedingten (ślaiṣmikī).
pittayutastu śleṣmā saṃghātamupagamya yathoktāṃ parivṛddhiṃ prāpya bastimukhamadhi-ṣṭhāya sroto niruṇaddhi tasya mūtrapratīghātādūṣyate cūṣyate dahyate pacyata iva ba-stiruṣṇavātaśca bhavati aśmarī cātra saraktā pītāvabhāsā kṛṣaṇā bhallātakāsthipratimā madhuvarṇā vā bhavati tāṃ paittikīmiti vidyāt
Verbindet sich kapha mit pitta, so verdichtet er sich, erreicht die genannte Vergrößerung, setzt sich am Blasenhals fest und verschließt den Kanal; durch den gestauten Harn wird die Blase wie verbrannt, ausgesaugt, versengt, wie gekocht, und heißer Wind entsteht in ihr. Der Stein hierbei ist blutig gefärbt, gelblich schimmernd, dunkel, der Frucht des Bhallātaka-Baumes ähnlich oder honigfarben - diesen erkenne man als den pitta-bedingten (paittikī).
vātayutastu śleṣmā saṃghātamupagamya yathoktāṃ parivṛddhiṃ prāpya bastimukhamadhi-ṣṭhāya sroto niruṇaddhi tasya mūtrapratīghātāttīvrā vedanā bhavati tadā'tyarthaṃ pī-ḍyamāno dantān khādati nābhiṃ pīḍayati meḍhraṃ pramṛdgāti pāyuṃ spṛśati viśa-rdhate vidahati vātamūtrapurīṣāṇi kṛcchreṇa cāsya mehato niḥsaranti aśmarī cātra śyāvā paruṣā viṣamā kharā kadambapuṣpavatkaṇṭakācitā bhavati tāṃ vātikīmitividyāt
Verbindet sich kapha mit vāta, so verdichtet er sich, erreicht die genannte Vergrößerung, setzt sich am Blasenhals fest und verschließt den Kanal; durch den gestauten Harn entstehen heftige Schmerzen, von denen über die Maßen gequält der Kranke mit den Zähnen knirscht, sich den Nabel drückt, am Glied reibt, den After betastet, sich windet und brennt; Wind, Harn und Kot gehen nur mühsam aus ihm ab. Der Stein hierbei ist bräunlich-grau, rau, unregelmäßig, hart und wie mit Dornen besetzt, der Kadamba-Blüte gleich - diesen erkenne man als den vāta-bedingten (vātikī).
pāyeṇaitāstisro'śmaryo divāsvapnasamasanādhyaśanaśītasnigdhagurumadhurāhārapri-yatvādviśeṣeṇa bālānāṃ bhavanti teṣāmevālpa bastikāyatvādanupacitamāṃsa-tvācca basteḥ sukhagrahaṇāharaṇā bhavanti mahatāṃ tu śukrāśmarī śukranimittā bhavati
Diese drei Steinarten entstehen meist bei Kindern, weil diese zu Tagesschlaf, Bewegungsarmut, übermäßigem Essen sowie kalter, öliger, schwerer und süßer Nahrung neigen; bei ihnen lassen sich, da ihre Blase klein und noch nicht von viel Fleisch bedeckt ist, die Steine leicht fassen und entfernen. Bei Erwachsenen hingegen entsteht der samenbedingte Stein (śukrāśmarī), dessen Ursache der Same (śukra) ist.
maithunavighātādatimaithunādvā śukraṃ calitamani rgacchadvimārgagamanādanilo'bhi-taḥ saṃgṛhya meḍhravṛṣaṇayorantare saṃharati saṃhṛtya copaśoṣayati sā mūtramārgamāvṛ-ṇoti mūtrakṛcchraṃ bastivedanāṃ vṛṣaṇayośca śvayathumāpādayati pīḍitamātre ca tasminneva pradeśe pravilayamāpadyate tāṃ śukrāśmarīmiti vidyāt
Durch unterbrochenen oder übermäßigen Geschlechtsverkehr in Bewegung geratener, aber nicht austretender Same wird, weil er auf falsche Bahn gerät, von vāta von allen Seiten zusammengefasst und zwischen Glied und Hoden gesammelt; dort lässt vāta ihn austrocknen, sodass er den Harnweg verschließt, schmerzhaften Harndrang, Blasenschmerzen und eine Schwellung der Hoden verursacht; sobald man ihn drückt, löst er sich eben an dieser Stelle wieder auf - diesen erkenne man als den samenbedingten Stein (śukrāśmarī).
bhavanti cātraśarkarā sikatā meho bhasmākhyo'śmarivaikṛtam aśmaryā śarkarā jñeyā tulyavyañjanavedanā
Hierzu gehören auch der Grieß (śarkarā), der Sandharn und der als 'Asche' bezeichnete meha - allesamt Abwandlungen des Steinleidens. Der Grieß ist als kleiner, dem Stein wesensgleicher Vorläufer mit gleichartigen Merkmalen und Schmerzen zu erkennen.
pavane'nuguṇe sā tu niretyalpā viśeṣataḥ sā bhinnamūrtirvātena śarkaretyabhidhīyate
Ist der Wind günstig gerichtet, so geht der Stein in kleinen, durch vāta zersplitterten Teilchen ab - dies nennt man 'Grieß' (śarkarā).
hṛtpīḍā sakthisadanaṃ kukṣiśūlaṃ ca vepathuḥ tṛṣṇordhvago'nilaḥ kārṣṇyaṃ daurbalyaṃ pāṇḍugātratā
Herzbeklemmung, Schwäche der Oberschenkel, Bauchschmerzen, Zittern, Durst, nach oben steigender Wind, Dunkelfärbung, Schwäche und Blässe der Glieder
arocakāvipākau tu śarkarārte bhavanti ca mūtramārgapravṛttā sā saktā kuryādupadra vān
sowie Appetitlosigkeit und Verdauungsstörung treten bei dem vom Grieß Geplagten auf; gerät der Grieß in den Harnweg und bleibt dort stecken, so verursacht er weitere Begleitbeschwerden.
daurbalyaṃ sadanaṃ kārśyaṃ kukṣiśūlamarocakam pāṇḍutvamuṣṇavātaṃ ca tṛṣṇāṃ hṛtpīḍanaṃ vamim
Schwäche, Mattigkeit, Abmagerung, Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit, Blässe, heißer Wind, Durst, Herzbeklemmung und Erbrechen -
nābhipṛṣṭhakaṭīmuṣkagudavaṅkṣaṇaśephasām ekadvārastanutvakko madhye bastiradhomukhaḥ
Nabel, Rücken, Hüfte, Hoden, After, Leiste und Glied stehen mit einer gemeinsamen Öffnung in Verbindung; dazwischen liegt, mit dünner Haut versehen, die nach unten gerichtete Harnblase.
bastirbastiśiraścaiva pauruṣaṃ vṛṣaṇau gudaḥ ekasaṃbandhino hyete gudāsthivivarāśritāḥ
Blase, Blasenhals, männliches Glied, Hoden und After stehen alle miteinander in Verbindung und sind in der Öffnung des Beckenknochens verankert.
alābvā iva rūpeṇa sirāsnāyuparigrahaḥ mūtrāśayo malādhāraḥ prāṇāyatanamuttamam
Die Harnblase (mūtrāśaya), an Gestalt einem Flaschenkürbis gleich, von Adern und Sehnen umschlossen, ist das Behältnis der Ausscheidungen und eine der wichtigsten Stützen des Lebens (prāṇa).
pakvāśayagatāstatra nāḍyo mūtravahāstu yāḥ tarpayanti sadā mūtraṃ saritaḥ sāgaraṃ yathā
Die vom Dickdarm ausgehenden harnleitenden Kanäle (nāḍī) speisen sie ständig mit Harn, so wie die Flüsse das Meer speisen.
sūkṣmatvānnopalabhyante mukhānyāsāṃ sahasraśaḥ nāḍībhirupanītasya mūtrasyāmāśayāntarāt
Wegen ihrer Feinheit sind die tausendfachen Mündungen dieser Kanäle nicht wahrnehmbar, durch die der Harn aus dem Magen herbeigeführt wird -
jāgrataḥ svapataścaiva sa niḥ syandena pūryate āmukhātsalile nyastaḥ pārśvebhyaḥ pūryate navaḥ
ob der Mensch wacht oder schläft, wird die Blase stetig durch diesen Zufluss gefüllt - so wie ein neuer, mit der Öffnung nach oben ins Wasser gestellter Krug sich von den Seiten her füllt.
ghaṭo yathā tathā viddhi bastirmūtreṇa pūryate evameva praveśena vātaḥ pittaṃ kapho'pi vā
So wie ein Krug sich füllt, so wisse, füllt sich die Blase mit Harn; ebenso dringen auch vāta, pitta oder kapha in sie ein.
mūtrayuktamupasnehāt praviśya kurute'śmarīm apsu svacchāsthiā!svipi yathā niṣiktāsu nave ghaṭe
Mit dem Harn vereint, dringt der Doṣa durch dessen Klebrigkeit ein und erzeugt den Stein, so wie sich in klarem, in einen neuen Krug gegossenem Wasser feste Teilchen absetzen.
kālāntareṇa paṅkaḥ syādaśmarīsaṃbhavastathā saṃhantyāpo yathā divyā māruto'gniśca vaidyutaḥ
Mit der Zeit entsteht daraus Bodensatz; ebenso entsteht der Stein. So wie Wind und der Blitzesfeuer das himmlische Regenwasser verdichten,
tadvadbalāsaṃ bastisthamūṣmā saṃhanti sānilaḥ mārute praguṇe bastau mūtraṃ samyak pravartate vikārā vividhāścāpi pratilome bhavanti hi
so verdichten die Körperwärme und der Wind den in der Blase befindlichen Schleim. Ist der Wind in der Blase in seiner natürlichen Richtung, so fließt der Harn ordnungsgemäß ab; ist er aber gegenläufig, so entstehen mannigfache Erkrankungen.
mūtrāghātāḥ pramehāśca śukradoṣāstathaiva ca mūtradoṣāśca ye kecidvastāveva bhavanti hi
Harnverhaltungen, Harnkrankheiten (prameha), Störungen des Samens sowie alle sonstigen Harnstörungen - all diese entstehen eben in der Blase.