athāto bhagnānāṃ nidānaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir die Ätiologie der Knochenbrüche (*bhagna*) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Nidanasthana
Das fünfzehnte Kapitel legt die Ätiologie der Knochenbrüche (bhagna) dar und unterscheidet grundsätzlich zwei Kategorien: die Gelenkverrenkung (sandhimukta) mit sechs Unterarten – darunter utpiṣṭa (zerquetscht), viśliṣṭa (auseinandergerissen) und vivartita (verdreht) – sowie den Schaftbruch (kāṇḍabhagna) mit zwölf Unterarten wie cūrṇita (zersplittert), majjānugata (mit Markaustritt) oder atipātita (vollständig durchtrennt). Jede Form wird nach Schwellung, Beweglichkeit, Schmerzcharakter und tastbarem Befund präzise beschrieben. Ein eigener Abschnitt widmet sich der Prognose: bestimmte Bruchtypen, Brüche an Schädel, Hüfte oder Gelenken sowie schlecht eingerichtete oder wieder verschobene Brüche gelten als zu meiden, und altersabhängige Unterschiede werden benannt – bei Kindern biegen sich die Knochen, bei alten Menschen brechen die Röhrenknochen und der Schädel spaltet sich. Das Kapitel zeigt die hoch entwickelte traumatologische Systematik der Suśruta-Schule.
| Name | Merkmale |
|---|---|
| utpiṣṭa (zerquetscht) | Schwellung auf beiden Seiten des Gelenks, nachts besonders vielfältige Schmerzen |
| viśliṣṭa (auseinandergerissen) | geringe Schwellung, anhaltender Schmerz, Fehlstellung des Gelenks |
| vivartita (verdreht) | Abweichen der Gelenkseite, Ungleichmäßigkeit des Gliedes |
| avakṣipta (herabgeworfen) | Auseinanderweichen des Gelenks, heftiger Schmerz |
| atikṣipta (übermäßig verschoben) | Hinausragen der Gelenkenden beider Knochen |
| tiryakkṣipta (seitlich verschoben) | sehr starkes Abweichen der einen Knochenseite |
| Name | Merkmale |
|---|---|
| karkaṭaka | in der Mitte auf beiden Seiten unklar gebrochen, wie ein verbogener Knoten |
| aśvakarṇaka | hervorstehend wie ein Pferdeohr |
| cūrṇita | gibt bei Berührung ein Knirschen von sich; schwer heilbar |
| piccita | verbreitert, starke Schwellung |
| asthicchallita | an beiden Seiten ungleich hervorstehend |
| kāṇḍabhagna | wackelt und zittert |
| majjānugata | Knochenstück dringt in die Mitte des Knochens ein, drängt das Mark hervor; schwer heilbar |
| atipātita | vollständig durchtrennter Knochen; schwer heilbar |
| vakra | gebogen, aber nicht vollständig gelöst |
| chinna | nur auf einer Seite noch verbunden; schwer heilbar |
| pāṭita | in viele feine Splitter zerteilt |
| sphuṭita | schmerzhaft angeschwollen wie ein aufgeblähter Sack |
athāto bhagnānāṃ nidānaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir die Ätiologie der Knochenbrüche (*bhagna*) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So sprach der erhabene Dhanvantari:
patanapīḍanaprahārākṣepaṇavyālamṛgadaśanaprabhṛtibhirabhighātaviśeṣairanekavidhamansthāṃ bhaṅgamupadiśanti
Durch besondere Formen der Gewalteinwirkung wie Sturz, Quetschung, Schlag, Schleudern, Bisse von Schlangen und wilden Tieren und Ähnliches lehrt man den vielfältigen Bruch der Knochen.
tatra bhaṅgajātamanusāryamāṇaṃ dvividhamevopapadyate sandhimuktaṃ kāṇḍabhagnaṃ ca tatra ṣaḍvidhaṃ sandhimuktaṃ dvādaśavidhaṃ kāṇḍabhagnaṃ bhavati
Verfolgt man dabei die Art des Bruches, so ergeben sich nur zwei Arten: die Verrenkung (*sandhimukta*) und der Schaftbruch (*kāṇḍabhagna*); von diesen gibt es sechs Arten der *sandhimukta* und zwölf Arten des *kāṇḍabhagna*.
tatra sandhimuktamutpiṣṭaṃ viśliṣṭaṃ vivartitam avakṣiptam atikṣiptaṃ tiryakkṣiptamiti ṣaḍvidham
Die *sandhimukta* ist sechsfach: *utpiṣṭa* (zerquetscht), *viśliṣṭa* (auseinandergerissen), *vivartita* (verdreht), *avakṣipta* (herabgeworfen), *atikṣipta* (übermäßig verschoben) und *tiryakkṣipta* (seitlich verschoben).
tatra prasāraṇākuñcanavivartanākṣepaṇāśaktirugrarujatvaṃ sparśāsahatvaṃ ceti sāmānyaṃ sandhimuktalakṣaṇamuktam
Unfähigkeit zu Strecken, Beugen, Drehen und Bewegen, heftiger Schmerz sowie Berührungsempfindlichkeit — dies sind die allgemeinen Merkmale der *sandhimukta*.
vaiśeṣikaṃ tūtpiṣṭe sandhāvubhayataḥ śopho vedanāprādurbhāvo viśeṣataśca nānāprakārā vedanā rātrau prādurbhavanti viśliṣṭe'lpa śopho vedanāsātatyaṃ sandhivi-kriyā ca vivartite tu sandhipārśvāpagamanādviṣamāṅgatā vedanā ca avakṣipte sandhiviśleṣastīvrarujatvaṃ ca atikṣipte dvayoḥ sandhyansthoratikrāntatā vedanā catiryakkṣipte tvekāsthipārśvāpagamanamatyarthaṃ vedanā ceti
Die besonderen Merkmale aber sind: Bei *utpiṣṭa* Schwellung auf beiden Seiten des Gelenks und das Auftreten von Schmerz, wobei besonders vielfältige Schmerzen nachts auftreten; bei *viśliṣṭa* geringe Schwellung, anhaltender Schmerz und Fehlstellung des Gelenks; bei *vivartita*, durch das Abweichen der Gelenkseite, Ungleichmäßigkeit des Gliedes und Schmerz; bei *avakṣipta* Auseinanderweichen des Gelenks und heftiger Schmerz; bei *atikṣipta* ein Hinausragen der Gelenkenden beider Knochen und Schmerz; und bei *tiryakkṣipta* ein sehr starkes Abweichen der einen Knochenseite und Schmerz.
kāṇḍabhagnamata ūrdhvaṃ vakṣyāmaḥkarkaṭakam aśvakarṇaṃ cūrṇitaṃ piccitam asthi-cchallitaṃ kāṇḍabhagnaṃ majjānugatam atipātitaṃ vakraṃ chinnaṃ pāṭitaṃ sphuṭitamiti dvādaśavidham
Von hier an werden wir den *kāṇḍabhagna* beschreiben: *karkaṭaka*, *aśvakarṇa*, *cūrṇita*, *piccita*, *asthicchallita*, *kāṇḍabhagna*, *majjānugata*, *atipātita*, *vakra*, *chinna*, *pāṭita* und *sphuṭita* — dies sind die zwölf Arten.
śvayathubāhulyaṃ spandanavivartanasparśāsahiṣṇutvamavapīḍyamāne śabdaḥ srastā-ṅgatā vividhavedanāprādurbhāvaḥ sarvāsvavasthāsu na śarmalābha iti samāsena kāṇḍabhagnalakṣaṇamuktam
Starke Schwellung, Pulsieren, Unfähigkeit zu Drehung und Berührung, ein Geräusch bei Druck, Schlaffheit des Gliedes, das Auftreten mannigfaltiger Schmerzen und das Ausbleiben von Erleichterung in allen Zuständen — dies sind zusammengefasst die Merkmale des *kāṇḍabhagna*.
viśeṣastu saṃmūḍhamubhayato'sthi madhye bhaligniṃ granthirivonnataṃ karkaṭakam aśva-karṇavadudgatamaśvakarṇakaṃ spṛśyamānaṃ śabdavaccūrṇitamavagacchet piccitaṃ pṛthutāṃ gatamanalpaśophaṃ pārśvayorasthi hīnodgatamasthicchalitaṃ vellate prakampamānaṃ kāṇḍabhagnam asthyavayavo'sthimadhyamanupraviśya majjānamunnahyatīti majjānuga-tam asthi niḥśeṣataśchinnamatipātitam ābhugnamavimuktāsthi vakram anya-tarapārśvāvaśiṣṭaṃ chinnaṃ pāṭitamaṇubahuvidāritaṃ vedanāvacca śūpūrṇamivādhmātaṃ vipulaṃ visphuṭitaṃ sphuṭitamiti
Die besonderen Merkmale aber sind: Was in der Mitte auf beiden Seiten unklar gebrochen ist und sich wie ein verbogener Knoten erhebt, erkenne man als *karkaṭaka*; was wie ein Pferdeohr hervorsteht, als *aśvakarṇaka*; was bei Berührung ein Knirschen von sich gibt, als *cūrṇita*; was verbreitert ist und starke Schwellung zeigt, als *piccita*; was an beiden Seiten ungleich hervorsteht, als *asthicchallita*; was wackelt und zittert, als *kāṇḍabhagna*; wenn ein Knochenstück in die Mitte des Knochens eindringt und das Mark hervordrängt, ist dies *majjānugata*; ein vollständig durchtrennter Knochen ist *atipātita*; ein gebogener, aber nicht vollständig gelöster Knochen ist *vakra*; ein nur auf einer Seite noch verbundener ist *chinna*; ein in viele feine Splitter zerteilter ist *pāṭita*; und ein schmerzhaft wie ein aufgeblähter Sack angeschwollener, ausgedehnter ist *sphuṭita*.
teṣu cūrṇitacchinnātipātitamajjānugatāni kṛcchrasādhyāni kṛśavṛddhabālānāṃ kṣatakṣīṇakuṣṭhiśvāsināṃ sandhyupagataṃ ceti
Von diesen sind *cūrṇita*, *chinna*, *atipātita* und *majjānugata* schwer heilbar; ebenso bei Abgemagerten, Alten und Kindern, bei Verletzten, Erschöpften, an *kuṣṭha* (Hautkrankheiten) und Atemnot Leidenden, sowie ein Bruch, der ein Gelenk erreicht.
bhavanti cātra bhinnaṃ kapālaṃ kaṭyāṃ tu sandhimuktaṃ tathā cyutam jaghanaṃ prati piṣṭaṃ ca varjayettaccikitsakaḥ
Hierbei gibt es Fälle, die der Arzt meiden soll: einen gespaltenen Schädel, eine Verrenkung an der Hüfte, ebenso eine Ausrenkung sowie eine Zermalmung im Beckenbereich.
asaṃśliṣṭaṃ kapālaṃ tu lalāṭe cūrṇitaṃ ca yat bhagnaṃ stanāntare śaṅkhe pṛṣṭhe mūrdhni ca varjayet
Ebenso meide man einen nicht mehr zusammenhängenden Schädelbruch, eine Zermalmung an der Stirn, sowie einen Bruch zwischen den Brüsten, an der Schläfe, am Rücken oder am Scheitel.
ādito yacca durjātamasthi sandhirathāpi vā samyagyamitamapyasthi durnyāsāddurnibandhanāt
Ebenso meide man, was von Anfang an schlecht eingerichtet wurde, sei es ein Knochen oder ein Gelenk, sowie einen Knochen, der zwar richtig eingerichtet, aber durch falsche Lagerung und falsches Verbinden
saṅkṣobhādvā'pi yadgacchedvikriyāṃ tacca varjayet madhyasya vayaso'vasthāstisro yāḥ parikīrtitāḥ
oder durch Erschütterung wieder in einen fehlerhaften Zustand geraten ist. Es sind drei Zustände des Lebensalters überliefert, die hierbei zu beachten sind:
tatra sthiro bhavejjanturupakrānto vijānatā taruṇāsthīni namyante bhajyante nalakāni tu
darin wird ein Mensch, sachkundig behandelt, stabil; bei jungen Menschen biegen sich die Knochen, während bei den Röhrenknochen der Alten Brüche auftreten;
kapālāni vibhidyante sphuṭanti rucakāni ca
die Schädelknochen spalten sich, und die kleinen Knochen (*rucaka*) bersten.