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Suśruta-Saṃhitā · Nidanasthana

Adhyāya 4: bhagandaranidānaṃ Die Ursachen der Analfisteln (Bhagandara)

Das vierte Kapitel behandelt die Ätiologie der Analfisteln (bhagandara) in fünf Arten: die „Siebartige“ (śataponaka), die „Kamelhals-Fistel“ (uṣṭragrīva), die „Sickernde“ (parisrāvin), die „Muschelwindung“ (śambūkāvarta) und die durch einen verschluckten Knochensplitter und nachfolgenden Wurmbefall verursachte „Abwegige“ (unmārgin). Jede Form wird nach zugrundeliegendem Doṣa, Aussehen der Geschwulst, Art des Wundsekrets und Schmerzcharakter beschrieben, wobei im fortgeschrittenen Stadium bei allen der Austritt von Wind, Harn, Kot und Samen durch die Fistelöffnungen droht. Abgegrenzt wird die Analfistel von einer harmlosen, rasch abklingenden Aftergeschwulst sowie von der eigentlichen, mit Fieber einhergehenden fistelbildenden Geschwulst (bhāgandarī). Alle Analfisteln gelten als gefährlich und schwer behandelbar; die durch alle drei Doṣas zugleich oder durch äußere Verletzung entstandenen Formen werden ausdrücklich als unheilbar bezeichnet.

DIE FÜNF ARTEN DER BHAGANDARA / ANALFISTEL (Vers 5–9)
ArtDoṣa/UrsacheErscheinungsbild und Sekret
Śataponakavāta„Siebartige“: rötliche Geschwulst, siebartig durchlöchert; klare, schaumige Flüssigkeit
Uṣṭragrīvapitta, von vāta nach unten getrieben„Kamelhals-Fistel“: rote, dünne, aufragende Geschwulst; brennt wie Feuer/Lauge, übelriechende heiße Flüssigkeit
Parisrāvinkapha, von vāta nach unten getrieben„Sickernde“: weißlich, fest, juckend; schleimige Flüssigkeit
Śambūkāvartaalle drei Doṣas zugleich„Muschelwindung“: Größe einer Großzehenspitze, alle Merkmale vereint; vielfarbige Flüssigkeit, wechselnde Schmerzen
Unmārginverschluckter Knochensplitter, nachfolgender Wurmbefall„Abwegige“: Würmer zerfressen den After an mehreren Stellen; Austritt von Wind, Harn, Kot und Samen
Im fortgeschrittenen Stadium droht bei allen fünf Formen der Austritt von Wind, Harn, Kot und Samen durch die Fistelöffnungen.

athāto bhagandarāṇāṃ nidānaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir die Ätiologie der Analfisteln (bhagandara) erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari sprach:

vātapittaśleṣmasannipātāgantunimittāḥ śataponakoṣṭragrīvaparisrāviśambūkā-vartonmārgiṇo yathāsaṃkhyaṃ pañca bhagandarā bhavanti te tu bhagagudabastipradeśadāraṇācca bhagandarā ityucyante abhinnāḥ piḍakāḥ bhinnāstu bhagandarāḥ

Verursacht durch vāta, pitta, kapha, deren Zusammenwirken oder durch äußere Einwirkung, gibt es der Reihe nach fünf Arten von Analfisteln: die 'Siebartige' (śataponaka), die 'Kamelhals-Fistel' (uṣṭragrīva), die 'Sickernde' (parisrāvin), die 'Muschelwindung' (śambūkāvarta) und die 'Abwegige' (unmārgin). Man nennt sie bhagandara, weil sie den Bereich von Damm, After und Blase aufreißen; solange sie ungeöffnet sind, heißen sie Geschwülste (piḍakā), sind sie aber aufgebrochen, so heißen sie bhagandara.

teṣāṃ tu pūrvarūpāṇi kaṭīkapālavedanā kaṇḍūrdāhaḥ śophaśca gudasya bhavati

Ihre Vorzeichen sind: Schmerzen in Hüfte und Kreuzbein, Juckreiz, Brennen und Schwellung des Afters.

tatrāpathyasevināṃ vāyuḥ prakupitaḥ sannivṛttaḥ sthirībhūto gudamabhito'ṅgule-dvyaṅgule vā māṃsaśoṇita pradūṣyāruṇavarṇāṃ piḍakāṃ janayati sā'sya todā-dīn vedanāviśeṣāñjanayati apratikriyamāṇā ca pākamupaiti mūtrāśayābhyāsa-gatatvācca vraṇaḥ praklinnaḥ śataponakavadaṇumukhaiśchidrai rāpūryate tāni ca chidrā -ṇyajasramacchaṃ phenānuviddhamadhikamāsrāvaṃ sravanti vraṇaśca tāḍyte bhidyate chidyate sūcībhiriva nistudyate gudaṃ cāvadīryate upekṣite ca vātamūtrapurīṣaretasāmapyāgamaśca taireva chidrai rbhavati taṃ bhagandaraṃ śataponakamityācakṣate

Bei jemandem, der Ungesundes zu sich nimmt, erregt sich der Wind, setzt sich fest, wird beständig und erzeugt, ein bis zwei Fingerbreit vom After entfernt, unter Verderbnis von Fleisch und Blut eine rötlich gefärbte Geschwulst; diese verursacht stechende und weitere Schmerzarten und geht, unbehandelt, in Eiterung über. Da sie in der Nähe der Blase liegt, wird die Wunde feucht und übersät sich mit vielen feinen Öffnungen wie ein Sieb; aus diesen Öffnungen sondert sie fortwährend eine klare, von Schaum durchsetzte, reichliche Flüssigkeit ab. Die Wunde fühlt sich an, als würde sie geschlagen, gespalten, geschnitten, wie mit Nadeln durchstochen, und der After reißt auf. Wird sie vernachlässigt, so kommt es sogar zum Austritt von Wind, Harn, Kot und Samen durch eben diese Öffnungen. Diese Fistel nennt man die 'Siebartige' (śataponaka).

pittaṃ tu prakupitamanilenādhaḥ preritaṃ pūrvavadavasthita raktāṃ tanvīmucchritāmuṣṭra-grīvākārāṃ piḍakāṃ janayati sā'sya coṣādīn vedanāviśeṣāñjanayati apra-tikriyamāṇā ca pākamupaiti vraṇaścāgnikṣārābhyāmiva dahyate durgandhamuṣṇamā-srāvaṃ sravati upekṣitaśca vātamūtrapurīṣaretāṃsi visṛjati taṃ bhagandaramuṣṭragrīvamityācakṣate

Erregtes pitta hingegen, von vāta nach unten getrieben, erzeugt an der genannten Stelle eine rote, dünne, aufragende Geschwulst in Gestalt eines Kamelhalses; diese verursacht saugend-brennende und weitere Schmerzarten und geht, unbehandelt, in Eiterung über. Die Wunde brennt wie durch Feuer oder Lauge, sondert eine übelriechende, heiße Flüssigkeit ab, und wird sie vernachlässigt, so entlässt sie Wind, Harn, Kot und Samen. Diese Fistel nennt man die 'Kamelhals-Fistel' (uṣṭragrīva).

śleṣmā tu prakupitaḥ samīraṇenādhaḥ preritaḥ pūrvavadavasthitaḥ śuklāvabhāsāṃ sthirāṃ kaṇḍūmatīṃ piḍakāṃ janayati sā'sya kaṇḍvādīn vedanāviśeṣāñjana-yati apratikriyamāṇā ca pākamupaiti vraṇaśca kaṭhinaḥ saṃrambhī kaṇḍūprāyaḥ pi-cchilamajasramāsrāvaṃ sravati upekṣitaśca vātamūtrapurīṣaretāṃsi visṛjatitaṃ bhagandaraṃ parisrāviṇamityācakṣate

Erregtes kapha, von vāta nach unten getrieben, erzeugt an der genannten Stelle eine weißlich schimmernde, feste, juckende Geschwulst; diese verursacht Juckreiz und weitere Schmerzarten und geht, unbehandelt, in Eiterung über. Die Wunde ist hart, gereizt und überwiegend juckend, sondert unaufhörlich eine schleimige Flüssigkeit ab, und wird sie vernachlässigt, so entlässt sie Wind, Harn, Kot und Samen. Diese Fistel nennt man die 'Sickernde' (parisrāvin).

vāyuḥ prakupitaḥ prakupitau pittaśleṣmāṇau parigṛhyādho gatvā pūrvavadavasthitaḥ pādāṅguṣṭhāgrapramāṇāṃ sarvaliṅgāṃ piḍakāṃ janayati sā'sya todadāhakaṇḍvā-dīn vedanāviśeṣāñjanayati apratikriyamāṇā ca pākamupaiti vraṇaśca nānāvi-dhavarṇamāsrāvaṃ sravati pūrṇanadīśambūkāvartavaccātra samuttiṣṭhanti vedanāviśeṣāḥ taṃ bhagandaraṃ śambūkāvartamityācakṣate

Erregter vāta, der erregtes pitta und kapha mit sich reißt, erzeugt, nach unten gegangen, an der genannten Stelle eine Geschwulst von der Größe einer Großzehenspitze, die alle Merkmale der Doṣas vereint; sie verursacht stechende, brennende, juckende und weitere Schmerzarten und geht, unbehandelt, in Eiterung über. Die Wunde sondert eine vielfarbige Flüssigkeit ab, und dabei treten wechselnde Schmerzen auf wie in der Strudelwindung eines angeschwollenen Flusses. Diese Fistel nennt man die 'Muschelwindung' (śambūkāvarta).

mūḍhena māṃsalubdhena yadasthiśalyamannena sahābhyavahṛtaṃyadā'va gāḍhapurīṣonmi-śramapānenādhaḥpreritamasamyagāgataṃ gudamapakṣiṇoti tadā kṣatanimittaḥ kotha u-pajāyate tasmiṃśca kṣate pūyarudhirāvakīrṇamāṃsakothe bhūmāviva jalapraklinnāyā-krimayaḥ saṃjāyante te bhakṣayanto gudamanekadhā pārśvato dārayanti tasya tairmārgaiḥ kṛmikṛtairvātamūtrapurīṣaretāṃsyabhiniḥ saranti taṃ bhagandaramunmārgiṇamityācakṣate

Wenn ein Fleischgieriger unbedacht einen Knochensplitter mit der Speise verschluckt und dieser, durch ein Getränk mit hartem Stuhl vermischt, nach unten getrieben, nicht ordnungsgemäß austritt, sondern den After verletzt, so entsteht durch diese Verletzung eine Fäulnis; und in dieser mit Eiter und Blut durchsetzten, faulenden Fleischwunde entstehen, wie in feuchtem, wassergetränktem Erdreich, Würmer. Diese fressen sich durch und zerreißen den After an vielen Stellen von der Seite her; durch die so von den Würmern geschaffenen Wege treten Wind, Harn, Kot und Samen aus. Diese Fistel nennt man die 'Abwegige' (unmārgin).

bhavanti cātra utpadyate'lparuk śophāt kṣipraṃ cāpyupaśāmyati pāyvantadeśe piḍakā sā jñeyā'nyā bhagandarāt

Hierzu gehört auch: Entsteht am Ende des Afters eine wenig schmerzhafte Geschwulst, die aus einer bloßen Schwellung hervorgeht und rasch wieder abklingt, so ist diese als eine andere, von der Analfistel verschiedene Erkrankung zu erkennen.

pāyoḥ syād dvyaṅgule deśe gūḍhamūlā sarugjvarā bhāgandarīti vijñeyā piḍakā'to viparyayāt

Entsteht hingegen zwei Fingerbreit vom After entfernt eine tief verwurzelte, schmerzhafte und mit Fieber einhergehende Geschwulst, so ist diese, im Gegensatz zur vorigen, als die 'fistelbildende' Geschwulst (bhāgandarī) zu erkennen.

yānayānānmalotsargāt kaṇḍūrugdāhaśophavān pāyurbhabedrujaḥ kaṭyāṃ pūrvarūpaṃ bhagandare

Schmerzen durch Fahren und Reiten, durch Stuhlgang, Juckreiz, Schmerz, Brennen und Schwellung des Afters sowie Schmerzen in der Hüfte sind die Vorzeichen der Analfistel.

ghorāḥ sādhayituṃ duḥkhāḥ sarva eva bhagandarāḥ teṣvasādhyastridoṣotthaḥ kṣatajaśca bhagandaraḥ

Alle Analfisteln sind gefährlich und schwer zu behandeln; unter ihnen sind die durch alle drei Doṣas zugleich entstandene sowie die durch Verletzung entstandene Fistel unheilbar.

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