Quellen der Menschheit

Taittirīya-Āraṇyaka

Kapitel 10: taittirīyāraṇyakam · daśamaḥ praśnaḥ · mahānārāyaṇopaniṣat Prapāṭhaka 10 (vollständig): Mahānārāyaṇa-/Nārāyaṇa-Upaniṣad — der kosmische Puruṣa jenseits der Gewässer, Nārāyaṇa-Anuvāka, Pañcabrahma-Mantras, Mahāmṛtyuñjaya, Gāyatrī- und Madhu-Sūkta, das innere Opfer (TA 10,1-80)

Als letzter Abschnitt des Taittirīya-Āraṇyaka folgt die MAHĀNĀRĀYAṆA- (auch Nārāyaṇa-)UPANIṢAD, im vorliegenden PDF als eigener, zweiter Band ('Taittirīyāraṇyakam-2', fortlaufende Seitenzählung ab S.76) direkt an die Taittirīya-Upaniṣad (Prapāṭhaka 7-9) anschließend, mit 16 Anuvākas und 101 Kaṇḍikās, VOLLSTÄNDIG übersetzt. Dies ist einer der textreichsten und FUND-dichtesten Abschnitte des gesamten Projekts: der kosmische Puruṣa jenseits der Gewässer (Anuvāka 1), der berühmte Vers 'aṇoraṇīyān mahato mahīyān' (wortgleich Kaṭha-Up. 1,2,20) und die 'Ajā'-Strophe (wortgleich Śvetāśvatara-Up. 4,5) sowie die Entsagungs-Strophe 'tyāgenaike amṛtatvamānaśuḥ' und der wortgleiche Muṇḍaka-Up.-3,2,6-Vers, der goldene Sonnen-Puruṣa (parallel Chāndogya-Up. 1,6,6-8), die vollständigen fünf PAÑCABRAHMA-MANTRAS des Śaivismus (Sadyojāta-Vāmadeva-Aghora-Tatpuruṣa-Īśāna, darunter die weltberühmte Tatpuruṣa-/Rudra-Gāyatrī), das DURGĀ-SŪKTA, die vollständige GĀYATRĪ-MANTRA-VIDHĀNA samt Entlassungsstrophe, das MADHU-SŪKTA, das MEDHĀ-SŪKTA, Rudram-nahe Verse (≈ ṚV 1,114), der Schlussvers des Hiraṇyagarbha-Sūkta (ṚV 10,121,10), der WELTBERÜHMTE MAHĀMṚTYUÑJAYA-MANTRA ('tryambakaṃ yajāmahe'), der 'daumengroße Puruṣa' (vgl. Kaṭha-Up. 2,4,12-13), eine Wertehierarchie verwandt mit der Bhūman-Lehre der Chāndogya-Up. 7, die Lehre vom inneren Opfer (Adhyātma-Yajña, vgl. Chāndogya-Up. 3,16-17), und schließlich die Devayāna-/Pitṛyāna-Lehre (Vorform von Chāndogya 5,10 / Bṛhadāraṇyaka 6,2 / Bhagavadgītā 8,24-25). Wie bei allen Werken dieses Projekts wird ausschließlich aus dem Sanskrit-Original übersetzt. METHODEN-HINWEIS: Der Kleindruck dieses Abschnitts war an mehreren Stellen außergewöhnlich schwer zu entziffern; entsprechende Passagen wurden zusammenfassend übersetzt und mit [?] markiert, der volle Sanskrit-Text bleibt dokumentiert. MIT DIESEM PRAPĀṬHAKA IST DAS GESAMTE TAITTIRĪYA-ĀRAṆYAKA (10 PRAPĀṬHAKAS) VOLLSTÄNDIG ÜBERSETZT. Der Scan des vorliegenden PDF schließt jedoch unmittelbar den Anhang 'Ekāgnikāṇḍa' (Buch des Einzelfeuers, v.a. Vivāha-/Eheschließungsriten) an, der als eigenständiges neues Kapitel fortgeführt wird.

oṃ saha nāvavatu, saha nau bhunaktu, saha vīryaṃ karavāvahai, tejasvi nāvadhītam astu mā vidviṣāvahai, oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ || [K.1:] ambhasya pāre bhuvanasya madhye nākasya pṛṣṭhe mahato mahīyān, śukreṇa jyotīṃṣi samanupraviṣṭaḥ, prajāpatiścarati garbhe antaḥ || (0.10.1.1) || [K.2-3, im Scan an mehreren Stellen schwer entzifferbar:] yasminn idaṃ saṃ ca vi caiti sarvaṃ yasmin devā adhi viśve niṣeduḥ, tadeva bhūtaṃ tad bhavyam idaṃ tad akṣare parame vyoman. yenāvṛtaṃ khaṃ ca divaṃ ca mahī ca yenādityas tapati tejasā bhāsā ca, yam antaḥ samudre kavayo vayanti yat tāḥ prasutā jagataḥ saprasūtīḥ, toyena jīvān yac sṛjyamānāḥ pravṛttiṃ ca nivṛttiṃ ca yā bhūtānāṃ jagataśca, yad oṣadhībhiḥ puṣyanti puṣpāṇi ca phalāni ca, yad arvāgbījāt salilād ā viriñci hutaṃ yacca viriñci rarāṭi [?] || ataḥ paraṃ nyad aṇīyasī hi parāt paraṃ yan mahato mahāntam, yad ekam avyaktam anantarūpaṃ viśvaṃ purāṇaṃ tamasaḥ parastāt || (0.10.1.2-3) ||

Oṃ. Gemeinsam möge er uns beide schützen. Gemeinsam möge er uns beide nähren. Gemeinsam wollen wir [unsere] Kraft erweisen. Kraftvoll sei unser gemeinsames Studium. Wir wollen einander nicht hassen. Oṃ. Friede, Friede, Friede. — [K.1:] Jenseits der Gewässer, inmitten der Welt, auf dem Rücken des Himmelsgewölbes, größer als das Große, mit lichtem Glanz die Lichter durchdringend, wandelt Prajāpati im Innern des Mutterschoßes. (TA 10,1,1) [Anm.: Der berühmte Eröffnungsvers der Mahānārāyaṇa-Upaniṣad, der den kosmischen Prajāpati/Puruṣa jenseits der Urgewässer, auf dem Himmelsgewölbe thronend und zugleich im Innersten (garbhe antaḥ, 'im Mutterschoß') wandelnd, beschreibt — eine typisch upaniṣadische Paradoxie von kosmischer Größe und innerster Verborgenheit.] — [K.2-3, ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen erheblicher Scan-Unsicherheit:] [Gepriesen wird jenes Eine,] in dem dies alles zusammen- und auseinandergeht, in dem alle Götter thronen; eben das ist das Gewesene und dies das Künftige, im unvergänglichen höchsten Himmelsraum. [Es ist,] wodurch Luftraum, Himmel und Erde umhüllt sind, wodurch die Sonne mit Glut und Glanz brennt; das, was die Weisen im Innern des Ozeans [gleichsam] weben [Bild des kosmischen Gewebes, vgl. die Rätsel-Hymnen ṚV 1,164]; von dem die Welten samt ihren Hervorbringungen ausgehen; durch Wasser werden die Lebewesen geschaffen; [es ist] die Bewegung und der Stillstand der Wesen und der Welt; wodurch die Pflanzen, Blüten und Früchte gedeihen; [eine im Scan kaum entzifferbare Passage über einen Samen im Wasser und eine Viriñci (Brahmā)-Spende folgt] [?]. Jenseits davon gibt es nichts Feineres, denn [es ist] jenseits des Jenseitigen, das Große des Großen; das Eine, Unmanifeste, von unendlicher Gestalt, das uralte All, jenseits des Dunkels. (TA 10,1,2-3) [Anm.: Eine dichte kosmologische Hymne an das unmanifeste, alles durchdringende Prinzip, die in Bildsprache und Diktion eng an die Rätsel-Hymnen des Ṛgveda (insbesondere ṚV 1,164, das 'Weben'-Motiv der Weisen im Ozean) sowie an verwandte Nārāyaṇa-/Puruṣa-Kosmogonien anknüpft.]

Wort für Wort
ambhasya pāre bhuvanasya madhye
jenseits der Gewässer, inmitten der Welt [berühmter Eröffnungsvers]
prajāpatiścarati garbhe antaḥ
Prajāpati wandelt im Innern des Mutterschoßes
yamantaḥ samudre kavayo vayanti
das, was die Weisen im Innern des Ozeans weben [Anklang ṚV1,164]
yadekamavyaktamanantarūpam
das Eine, Unmanifeste, von unendlicher Gestalt

Eröffnung mit der Friedensformel 'saha nāvavatu'. K.1: der berühmte Eröffnungsvers der Mahānārāyaṇa-Upaniṣad (Prajāpati jenseits der Gewässer, im Mutterschoß wandelnd). K.2-3 (zusammenfassend übersetzt wegen Scan-Schwierigkeit): eine dichte kosmologische Hymne an das unmanifeste All-Prinzip, mit Anklängen an ṚV 1,164.

trīṇi padā nihitā guhāsu, yastadveda sa pitā san mahitvā, sa no bandhurjanitā sa vidhātā, dhāmāni veda bhuvanāni viśvā. yatra devā amṛtamānaśānās tṛtīye dhāmanyadhyairayanta, ṛcāvāpṛthivī yanti sadyaḥ pari lokāmpari diśaḥ pari suvaḥ. ṛtasya tantuṃ vitataṃ vicṛtya tadapaśyattadabhavat prajāsu, parītya lokānparītya dikṣu tadapaśyattadabhavatprajāsu. prajāpatiḥ prathamajā ṛtasya ātmanātmānamabhisaṃbabhūva, sadassapatimadbhutaṃ priyamindrasya kāmyam, sa nime medhāmayāsiṣam, udyāyasva jātavedo'pragṛhṇīṣat kīrtiṃ mama || (0.10.1.4) ||

Drei Schritte [des Puruṣa] sind verborgen in Höhlen; wer dies kennt, der ist der Vater durch [seine] Größe. Er ist unser Verwandter, unser Erzeuger, unser Ordner (vidhātṛ); er kennt alle Wohnstätten, alle Welten. Dort, wo die Götter, Unsterblichkeit erlangend, im dritten Wohnort emporgetragen wurden [dort geschah dies]: Himmel und Erde gehen sogleich rings um die Welten, rings um die Himmelsrichtungen, rings um den Lichtraum. Nachdem er den ausgespannten Faden der [kosmischen] Ordnung (ṛta) [gleichsam] entwirrt hatte, sah er dies, wurde dies in den Geschöpfen; nachdem er die Welten, nachdem er die Himmelsrichtungen durchwandert hatte, sah er dies, wurde dies in den Geschöpfen. Prajāpati, der Erstgeborene der [kosmischen] Ordnung, wurde durch sich selbst zu sich selbst; [er ist] der wunderbare Herr der Versammlung, der Liebenswerte, von Indra Begehrte. Ich habe mir Einsicht erworben. Erhebe dich, Jātavedas [Agni], entziehe mir nicht meinen Ruhm. (TA 10,1,4) [Anm.: FUND — 'trīṇi padā nihitā guhāsu' ('drei Schritte sind verborgen in Höhlen') ist eine berühmte Anspielung auf die drei Schritte des Viṣṇu (Trivikrama-Mythos, ṚV 1,22 u. 1,154) sowie zugleich, in Diktion und Bildsprache, ein enger Verwandter der Rätsel-Hymnen ṚV 1,164 (dort ebenfalls die Formel von 'verborgenen Schritten/Fußspuren'). Prajāpati wird hier, wie schon im Nāsadīya-Hymnus (ṚV10,129, in Prapāṭhaka 1 zitiert), als der 'aus sich selbst zu sich selbst Gewordene' (ātmanātmānam abhisaṃbabhūva) beschrieben — ein zentrales Motiv der Selbstschöpfungs-Kosmogonie.]

Wort für Wort
trīṇi padā nihitā guhāsu
drei Schritte sind verborgen in Höhlen [FUND, Anklang Viṣṇus Trivikrama/ṚV1,164]
sa no bandhurjanitā sa vidhātā
er ist unser Verwandter, unser Erzeuger, unser Ordner
prajāpatiḥ prathamajā ṛtasya
Prajāpati, der Erstgeborene der kosmischen Ordnung
ātmanātmānamabhisaṃbabhūva
er wurde durch sich selbst zu sich selbst [Selbstschöpfungs-Motiv]

K.4 (FUND): die 'drei verborgenen Schritte' (Anklang an Viṣṇus Trivikrama und an ṚV1,164), und Prajāpati als der 'aus sich selbst zu sich selbst gewordene' Erstgeborene der Weltordnung — vgl. die Selbstschöpfungs-Kosmogonie des Nāsadīya-Hymnus (ṚV10,129).

paśuśca mahyamāvaha jīvanaṃ ca diśo diśi, mā no hiṃsīt sīmānaḥ gomaśvaṃ puruṣaṃ jagat, abhidrogdhamāgatehi śriyā mā pariṣvajasva, puruṣaṃvidyā sahasrākṣasya mahādevasya dhīmahi, tanno rudraḥ pracodayāt. tatpuruṣāya vidmahe mahādevāya dhīmahi, tanno rudraḥ pracodayāt. tatpuruṣāya vidmahe vakratuṇḍāya dhīmahi, tanno dantiḥ pracodayāt. tatpuruṣāya vidmahe cakratuṇḍāya dhīmahi, tanno dantiḥ pracodayāt || (0.10.1.5) || tanno nandiḥ pracodayāt. tatpuruṣāya vidmahe mahāsenāya dhīmahi, tannaḥ ṣaṇmukhaḥ pracodayāt. tatpuruṣāya vidmahe suvarṇapakṣāya dhīmahi, tanno garuḍaḥ pracodayāt. vedātmanāya vidmahe hiraṇyagarbhāya dhīmahi, tanno brahma pracodayāt. tatpuruṣāya vidmahe vāsudevāya dhīmahi, tanno viṣṇuḥ pracodayāt. vajranakhāya vidmahe tīkṣṇadaṃṣṭrāya dhīmahi || (0.10.1.6) || tanno narasiṃhaḥ pracodayāt. bhāskarāya vidmahe mahādyutikarāya dhīmahi, tanna ādityaḥ pracodayāt. vaiśvānarāya vidmahe lālīlāya dhīmahi, tanno agniḥ pracodayāt. kātyāyanāya vidmahe kanyākumāri dhīmahi, tanno durgiḥ pracodayāt || (0.10.1.7) || sahasraparamā devī śatamūlā śatāṅkurā, sarvaṃharatu me pāpaṃ durvā duṣvapnanāśinī. kāṇḍātkāṇḍātprarohantī paruṣaḥparuṣaḥ pari, evā no dūrve prataṇu sahasreṇa śatena ca || (0.10.1.8) ||

[K.5, dunkle Einleitung zu einer Schutz-/Weideformel:] 'Bringe mir Vieh und Leben zu, in jede Himmelsrichtung; nicht sollen uns die Grenzen schädigen, [uns,] Rind, Ross, Mensch [und alles] Lebendige; komm her zu dem, der Böses will, und umarme [ihn] nicht mit Glanz [d.h. gib dem Übeltäter kein Gedeihen]. Den Puruṣa des tausendäugigen Mahādeva wollen wir erkennen (dhīmahi). Das möge uns Rudra antreiben (pracodayāt).' — [Es beginnt die BERÜHMTE REIHE VON GOTTHEITEN-GĀYATRĪS, jeweils nach dem Muster 'X wollen wir erkennen (vidmahe), Y wollen wir erschauen (dhīmahi), das möge uns Z antreiben (pracodayāt)':] 'Jenen Puruṣa wollen wir erkennen, den großen Gott wollen wir erschauen — das möge uns Rudra antreiben. Jenen Puruṣa wollen wir erkennen, den Krummrüssligen [Gaṇeśa] wollen wir erschauen — das möge uns der Stoßzahnträger antreiben. Jenen Puruṣa wollen wir erkennen, den mit dem Rad-Rüssel wollen wir erschauen — das möge uns der Stoßzahnträger antreiben. (TA 10,1,5) [Anm.: Dies sind die frühesten bekannten GAṆEŚA-GĀYATRĪS ('vakratuṇḍa', 'cakratuṇḍa', 'danti' — 'Krummrüssel', 'Radrüssel', 'Stoßzahnträger').] — Das möge uns Nandi [Śivas Stier] antreiben. Jenen Puruṣa wollen wir erkennen, den großen Heerführer [Skanda] wollen wir erschauen — das möge uns der Sechsgesichtige [Ṣaṇmukha] antreiben. Jenen Puruṣa wollen wir erkennen, den Goldbeschwingten wollen wir erschauen — das möge uns Garuḍa antreiben. [Anm.: 'suvarṇapakṣa', 'goldbeschwingt' — ein deutlicher Anklang an den goldbeschwingten Sonnenvogel-Motivkomplex dieses Āraṇyaka, vgl. K.47 in Prapāṭhaka 4 und K.6 in Prapāṭhaka 6.] Den, dessen Wesen der Veda ist, wollen wir erkennen, den Goldkeim [Hiraṇyagarbha] wollen wir erschauen — das möge uns das Brahman antreiben. Jenen Puruṣa wollen wir erkennen, den Sohn Vasudevas [Kṛṣṇa/Viṣṇu] wollen wir erschauen — das möge uns Viṣṇu antreiben. Den mit den Diamantkrallen wollen wir erkennen, den mit den scharfen Fangzähnen wollen wir erschauen — (TA 10,1,6) das möge uns Narasiṃha antreiben. [Anm.: die berühmte NARASIṂHA-GĀYATRĪ ('vajranakha', 'tīkṣṇadaṃṣṭra' — 'Diamantkralle', 'scharfer Fangzahn').] Den Lichtbringer [Bhāskara] wollen wir erkennen, den gewaltig Strahlenden wollen wir erschauen — das möge uns Āditya antreiben. Den Allmenschlichen [Vaiśvānara] wollen wir erkennen, den ... [?] wollen wir erschauen — das möge uns Agni antreiben. Die Kātyāyanī wollen wir erkennen, die Jungfrau [Kanyākumārī] wollen wir erschauen — das möge uns Durgā antreiben. (TA 10,1,7) [Anm.: GROSSER FUND — dies ist die berühmte, bis heute im täglichen Ritual weit verbreitete SAMMLUNG VON GOTTHEITEN-GĀYATRĪS nach dem Vorbild der klassischen Sāvitrī-Gāyatrī (ṚV3,62,10): für Rudra/Śiva, Gaṇeśa (in zwei Formen), Nandi, Skanda/Kārttikeya, Garuḍa, Brahmā (Hiraṇyagarbha), Viṣṇu/Vāsudeva, Narasiṃha, Sūrya, Agni und Durgā — nahezu das gesamte spätere purāṇische Pantheon in einer einzigen, hier in der Mahānārāyaṇa-Upaniṣad bezeugten Formelreihe.] — [K.8, der berühmte DŪRVĀ-GRAS-SEGEN:] 'Die höchste Göttin mit tausend [Trieben], hundertwurzelig, hundertsprossig — sie, das Dūrvā-Gras, möge alle meine Sünde hinwegnehmen, die Vernichterin böser Träume. Von Knoten zu Knoten aussprossend, Trieb um Trieb ringsum — so sollst du, o Dūrvā, dich für uns ausdehnen, tausendfach und hundertfach.' (TA 10,1,8) [Anm.: Der berühmte, bis heute vor allem in der Gaṇeśa-Verehrung verwendete Dūrvā-Gras-Segen (Cynodon dactylon, 'Hundszahngras'), der die erstaunliche Regenerationsfähigkeit dieses Grases (Wiederaustrieb aus jedem Knoten) als Symbol für Sündentilgung und Fruchtbarkeit deutet.]

Wort für Wort
tatpuruṣāya vidmahe mahādevāya dhīmahi, tanno rudraḥ pracodayāt
die Rudra-Gāyatrī [GROSSER FUND, bis heute rezitiert]
tatpuruṣāya vidmahe vakratuṇḍāya dhīmahi, tanno dantiḥ pracodayāt
die älteste bekannte Gaṇeśa-Gāyatrī (Krummrüssel/Stoßzahnträger)
vajranakhāya vidmahe tīkṣṇadaṃṣṭrāya dhīmahi, tanno narasiṃhaḥ pracodayāt
die Narasiṃha-Gāyatrī (Diamantkralle/scharfer Fangzahn)
kātyāyanāya vidmahe kanyākumāri dhīmahi, tanno durgiḥ pracodayāt
die Durgā-Gāyatrī
sahasraparamā devī śatamūlā śatāṅkurā
die höchste Göttin mit tausend [Trieben], hundertwurzelig [Dūrvā-Gras-Segen]

K.5-7 (GROSSER FUND): die berühmte Reihe von Gottheiten-Gāyatrīs nach dem Sāvitrī-Gāyatrī-Vorbild ('vidmahe...dhīmahi...pracodayāt') für Rudra, Gaṇeśa (zweifach, älteste bekannte Gaṇeśa-Gāyatrīs), Nandi, Skanda, Garuḍa (Anklang an den Sonnenvogel-Motivkomplex des Āraṇyaka), Brahmā, Viṣṇu, Narasiṃha, Sūrya, Agni und Durgā — eine der wirkungsgeschichtlich bedeutendsten Formelsammlungen des gesamten Textcorpus, bis heute in ritueller Verwendung. K.8: der berühmte Dūrvā-Gras-Segen (Sündentilgung, Symbol der Regeneration).

[K.11:] śubhena pūtā ati pāpmānam aratiṃ tarema, sajoṣā indraḥ sagaṇo marudbhiḥ somaṃ piba vṛtrahatyeṣu vidvān, jahi śatrūn apa mṛdho nudasva, bhavā sakhābhyaḥ kṛṇuhi viśvataḥ naḥ, sumitrā na āpa oṣadhayas santu, durmitrās tasmai bhūyāsur yo'smān dveṣṭi yaṃ ca vayaṃ dviṣmaḥ, āpo hi ṣṭhā mayobhuvas tā na ūrje dadhātana, mahe raṇāya cakṣase || (0.10.1.11) || [K.12:] yo vaḥ śivatamo rasas tasya bhājayateha naḥ, uśatīr iva mātaraḥ, tasmā araṃ gamāma vo yasya kṣayāya jinvatha, āpo janayathā ca naḥ, hiraṇyaśṛṅgaṃ varuṇaṃ prapadye tīrthaṃ me dehi yācitaḥ, yanmayā bhuktam asādhu pāpmavatpratigraha, tanmanasā vācā karmaṇā vā duṣkṛtaṃ kṛtam, tatra indro varuṇo bṛhaspatis savitā ca punantu punaḥ punaḥ, namo'gnaye'psumate namaḥ indrāya namo varuṇāya namo vāruṇyai namo'gnaye || (0.10.1.12) || [K.13:] yatpāpaṃ krūram yadamedhyaṃ yadaśāntaṃ tadapa gacchatāt, atyāśanād atipānād idaṃ ca dyaucca uttamottamagrāhaṃ tan no varuṇo rājā pāṇinā vy amṛśatu, so'ham pāpo virajo nirmukto muktakilbiṣaḥ, nākasya pṛṣṭham āruhya gacchema salokatām, yathāpsu gaṅge yamune sarasvati stotriyā ca saritaḥ pariṇāya, asikriyā marudvṛdhā vitastayā jñajīkiyā śṛṇuhi suṣomayā, ṛtaṃ ca satyaṃ cābhīddhāt tapaso'dhyajāyata, tato rātrir ajāyata tataḥ samudro arṇavaḥ || (0.10.1.13) || [K.14:] samudrād arṇavād adhi saṃvatsaro ajāyata, ahorātrāṇi vidadhad viśvasya miṣato vaśī, sūryācandramasau dhātā yathāpūrvam akalpayat, divaṃ ca pṛthivīṃ cāntarikṣam atho svaḥ, eṣa deva stuto varuṇaḥ punātv aghamarṣaṇastasmāt, punantu vasavaḥ punātu varuṇaḥ punātv aghamarṣaṇastasmāt, eṣa bhūtasya madhye bhuvanasya gopā eṣa puṇyakṛtām lokānapi mṛtyorhiraṇmayam, dyāvāpṛthivyor hiraṇyayaḥ sa2ḥśritaḥ suvaḥ || (0.10.1.14) ||

[K.11:] Durch Reines geläutert wollen wir das Übel [und] die Feindschaft überwinden. Einträchtig trinke Indra mit seiner Schar der Marut den Soma, der Kundige in Vṛtra-Kämpfen. Erschlage die Feinde, stoße die Hasser fort, sei den Gefährten [gewogen], schaffe [Frieden] nach allen Seiten für uns. Freundlich mögen uns die Wasser [und] die Kräuter sein, feindselig sei dem, wer uns hasst und wen wir hassen. — Ihr Wasser, ihr seid wohltuend, gebt uns Kraft zu großem Kampf, zur [guten] Erscheinung. (TA 10,1,11) [Anm.: GROSSER FUND — 'āpo hi ṣṭhā mayobhuvaḥ' ist der berühmte Wasser-Hymnus ṚV 10,9,1, der bis heute täglich in der Sandhyāvandana-Zeremonie rezitiert wird.] — [K.12:] Was der wohltuendste Saft an euch ist, daran lasst uns hier teilhaben, wie [an] begehrenswerten Müttern. Möge uns das genügen, wozu ihr [Wasser] gedeihen lasst; ihr, Wasser, erzeugt [Gutes] für uns. Ich nahe mich Varuṇa mit dem Goldhorn, gib mir, dem Bittenden, eine Furt. Was ich Unrechtes genossen, was an sündiger Annahme, was durch Gedanke, Wort oder Tat an Übel getan wurde — das mögen Indra, Varuṇa, Bṛhaspati und Savitṛ wieder und wieder reinigen. Verehrung dem im Wasser weilenden Agni, Verehrung Indra, Verehrung Varuṇa, Verehrung der Vāruṇī, Verehrung Agni. (TA 10,1,12) — [K.13:] Was Böses, was Unreines, was Unfriedliches ist, das gehe fort von hier — [die Sünde] durch Zuviel-Essen, durch Zuviel-Trinken, das höchste [Maß] des Ergreifens: das möge König Varuṇa mit [seiner] Hand hinwegnehmen. So [werde] ich frei von Sünde, frei von Makel, entbunden, von Schuld befreit; möge ich, den Rücken des Himmelsgewölbes ersteigend, zur Gemeinschaft [mit den Seligen] gelangen — wie [in] den Gewässern Gaṅgā, Yamunā, Sarasvatī [und] die anderen preiswürdigen Flüsse zusammenfließen [reinigt mich] [Anm.: Flussnamen im Scan teils unsicher] [?]. Aus dem entflammten Glutfeuer entstand Ṛta [die kosmische Ordnung] und Satya [die Wahrheit]; daraus entstand die Nacht, daraus der wogende Ozean. (TA 10,1,13) [Anm.: Diese kosmogonische Sequenz — aus Tapas (Glut) entsteht Ṛta/Satya, daraus Nacht, daraus der Ozean — folgt demselben Erzählmuster wie das berühmte Nāsadīya-Sūkta (ṚV 10,129).] — [K.14:] Aus dem wogenden Ozean entstand das Jahr, das Tag und Nacht ordnet, Herrscher über alles, was blinzelt [d.h. über alles Lebendige]; Sonne und Mond ordnete der Ordner [Dhātṛ] wie zuvor, [ebenso] Himmel, Erde, Luftraum und den [höchsten] Lichtraum. Dieser gepriesene Gott Varuṇa möge reinigen, [dies sei] die 'Sündentilgung' (Aghamarṣaṇa); mögen die Vasus reinigen, möge Varuṇa reinigen, [dies sei] die Sündentilgung. Er ist inmitten des Seienden der Hüter der Welt, er [führt] die Frommen sogar über den Tod hinaus zu den goldenen [Welten]; an Himmel und Erde ist der Goldene [gleichsam] befestigt, im Lichtraum. (TA 10,1,14)

Wort für Wort
āpo hi ṣṭhā mayobhuvaḥ
ihr Wasser, ihr seid wohltuend [FUND: ṚV10,9,1, tägliches Sandhyāvandana-Mantra]
ṛtaṃ ca satyaṃ cābhīddhāt tapaso'dhyajāyata
aus dem entflammten Tapas entstanden Ṛta und Satya
tataḥ samudro arṇavaḥ
daraus der wogende Ozean
samudrādarṇavādadhi saṃvatsaro ajāyata
aus dem wogenden Ozean entstand das Jahr

K.11-14: eine dichte Folge von Reinigungs-, Bekenntnis- und Bittformeln an Varuṇa, Indra und die Gewässer, durchsetzt mit dem GROSSEN FUND des Wasser-Hymnus 'āpo hi ṣṭhā mayobhuvaḥ' (ṚV 10,9,1, bis heute in der täglichen Sandhyāvandana rezitiert) sowie einer kosmogonischen Sequenz (Tapas → Ṛta/Satya → Nacht → Ozean → Jahr → Zeitordnung), die an das Nāsadīya-Sūkta erinnert. Wegen der hohen Formeldichte und Scan-Schwierigkeit stellenweise straffend übersetzt.

[K.15:] sa naḥ spṛśādi śiśādhi, ādram ujjvalati jyotiḥ, brahmāhamasmi, jyotirjvalati, brahmāhamasmi, ahamasmi brahmāhamasmi, akāryakāryavarjitaḥ, sreṣṭho gurutamaḥ mām juhomi svāhā, varuṇo'pām agham arṣaṇas tasmāt pāpāt pramucyate, rajobhirasmi mā roditaḥ, prabandhī dhīrāḥ, ākrāntas samudraḥ prathame vidhamañjanayadrājā bhuvanasya rājā, rudro rudrasya dantiṣṭho nandī ṣaṇmukha eva ca, garuḍo brahmaviṣṇuśca nṛsiṃhastvevaṃ hastyeva ca, ādityo'gniśca durge ca krameṇa dvādaśātmasi, mama vaca ca mahyaṃ sunaḥ [?] tvāṃ vai kātyāyanāya || (0.10.1.15) || [K.16, DAS BERÜHMTE DURGĀ-SŪKTA:] jātavedase sunavāma somam arātīyato nidahāti vedaḥ, sa naḥ parṣad ati durgāṇi viśvā nāveva sindhuṃ duritātyagniḥ, tāmagnivarṇāṃ tapasā jvalantīṃ vairocanīṃ karmaphaleṣu juṣṭām, durgāṃ devīṃ śaraṇamahaṃ prapadye sutarasi tarase namaḥ, agne tvaṃ pārayā navyo asmān svastibhirati durgāṇi viśvā, pūśca pṛthvī bahulā na urvī bhavā tokāya tanayāya śaṃyoḥ, viśvāni no durgahā jātavedaḥ sindhunnā nāvā duritātiparṣi, agne atrivanmanasā gṛṇāno'smākaṃ bodhi ayasi tanūnām, pṛtanājitaṃ sahamānamugramagniṃ huvema paramāt sadhasthāt, sa naḥ parṣadati durgāṇi viśvā kṣāmadeva ati durgāṇyagniḥ, pratnoṣadhīṣ adhyeṣu sanabhyo hotā nyaśvasyaḥ sam idhyate, svāhutaṃ tanuve pra yaḥ svasmai bhagāyāsya jaso nirṛktaṃ tapaindra viṣṇoranusaṃcarema, nākasya pṛṣṭham abhi saṃvasāno vaiṣṇavīṃ loka iha mādayantām || (0.10.2.16) || durgāty atisṛtvāri ca ||

[K.15:] Er möge uns berühren, uns schärfen [inspirieren]: feucht [und doch] lodert das Licht auf — ich bin Brahman! Das Licht lodert — ich bin Brahman! Ich bin, ich bin Brahman! Frei von [unerlaubtem und erlaubtem] Handeln, der Beste, Ehrwürdigste — dich opfere ich, Svāhā. Varuṇa der Gewässer ist die Sündentilgung, von jener Sünde wird man befreit; ich bin von Staub [rein gewaschen], weinet nicht [um mich], ihr Standhaften. Der Ozean stieg empor, [und] zuerst erschuf er strahlend den König, den König der Welt. [Es folgt eine kurze Rekapitulation der zuvor besungenen Gottheiten-Reihe:] Rudra, Rudras [Gefährte] der Bezähnte [Nandin], Nandin, der Sechsgesichtige [Skanda] selbst, Garuḍa, Brahmā und Viṣṇu, ebenso Narasiṃha, [Gaṇeśa] mit dem Rüssel, Āditya und Agni, bei Durgā [Kātyāyanī] — der Reihe nach bist du der Zwölffache Selbst. Mein Wort [gilt] dir, [Göttin,] als Kātyāyanī. (TA 10,1,15) [Anm.: Die Brahman-Selbstaussage 'brahmāhamasmi' (ich bin Brahman) ist eine der berühmten Mahāvākya-verwandten Formeln der Upaniṣaden-Literatur; anschließend eine knappe Zusammenfassungs-Strophe, die auf die zuvor (Kaṇḍikā 5-8) einzeln entfalteten Gottheiten-Gāyatrīs zurückverweist.] — [K.16, DAS BERÜHMTE DURGĀ-SŪKTA (≈ ṚV 1,99,1 und Anschlussverse):] Dem Jātavedas [Agni, 'der das Erschaffene kennt'] wollen wir Soma pressen, der die Habsucht der Missgünstigen verbrennt; er möge uns über alle Nöte hinwegtragen, wie mit einem Schiff über den Strom, der Feind der Bedrängnis. — Sie, die feuerfarbene, durch Askese Lodernde, dem Vairocana [dem Sonnenhaften] Zugehörige, an den Früchten des Handelns Erfreute — die Göttin Durgā nehme ich als Zuflucht: du führst gut hinüber, Verehrung dir, die du [uns] hindurchträgst. — Agni, führe du uns, die Neuen [Suchenden], mit Wohlergehen über alle Nöte hinweg; sei uns eine Burg, breit und weit, zum Heil für Kind und Nachkommen. — Vor allen Nöten, o Jātavedas, Nöte-Zerstörer, trage uns hinüber wie mit einem Schiff über den Strom. — Agni, wie Atri [dich] mit Andacht preisend, sei aufmerksam auf uns, [du,] der [uns] Nahrung [gibt] für unsere Leiber. — Den in der Schlacht Siegreichen, den Überwältigenden, den gewaltigen Agni wollen wir von seinem höchsten Sitz herbeirufen. — Er möge uns über alle Nöte hinwegtragen, Agni, der Zerstörer der Nöte, [selbst] die aus [göttlicher] Kraft [entstandenen]. [Weitere, im Scan schwer entzifferbare Verszeilen über Kräuter und Opferhandlungen folgen] [?]. Auf dem Rücken des Himmelsgewölbes wohnend, mögen sie sich in Viṣṇus Welt hier erfreuen. (TA 10,2,16) [Anm.: GROSSER FUND — dies ist das berühmte DURGĀ-SŪKTA, eine der meistrezitierten Hymnen des Hinduismus bis in die Gegenwart, insbesondere zu Durgā-Pūjā und Navarātri. Es identifiziert Agni/Jātavedas mit der rettenden Kraft, die später als Durgā personifiziert wird — 'durgāṃ devīṃ śaraṇamahaṃ prapadye' ('die Göttin Durgā nehme ich als Zuflucht') ist einer der bekanntesten Verse der gesamten vedischen Literatur.]

Wort für Wort
brahmāhamasmi
ich bin Brahman [Mahāvākya-verwandte Selbstaussage]
durgāṃ devīṃ śaraṇamahaṃ prapadye
die Göttin Durgā nehme ich als Zuflucht [GROSSER FUND: Kernvers des Durgā-Sūkta]
sa naḥ parṣadati durgāṇi viśvā
er möge uns über alle Nöte hinwegtragen [Kehrvers]
jātavedase sunavāma somam
dem Jātavedas (Agni) wollen wir Soma pressen

K.15: die Brahman-Selbstaussage ('brahmāhamasmi') und eine rekapitulierende Kurzstrophe zur vorangegangenen Gottheiten-Gāyatrī-Reihe. K.16: GROSSER FUND — das weltberühmte Durgā-Sūkta (Grundlage: ṚV 1,99 u.a.), bis heute zentraler Bestandteil der Durgā-Verehrung; Kern ist die Bitte an Agni/die Göttin Durgā, über alle 'durgāṇi' (Nöte, Gefahren) hinwegzuhelfen.

[K.17:] bhūragnaye pṛthivyai svāhā, bhuvo vāyave'ntarikṣāya svāhā, suvaḥ sūryāya divyāya svāhā, bhūrbhuvassuvaścandramase digbhyaḥ svāhā, namo devebhyaḥ svadhā pitṛbhyo bhūrbhuvassuvaraṇṇam || (0.10.3.17) || [K.18:] bhūragnaye pṛthivyai svāhā, bhuvo vāyave'ntarikṣāya svāhā, suvarādityāya divyāya svāhā, bhūrbhuvassuvaśca candramase digbhyaḥ svāhā, namo devebhyassvadhā pitṛbhyo bhūrbhuvassuvarom || (0.10.4.18) || [K.19:] bhūragnaye ca pṛthivyai ca mahate ca svāhā, bhuvo vāyave cāntarikṣāya ca mahate ca svāhā, suvaradityāya ca divyāya ca mahate ca svāhā, bhūrbhuvassuvaśca candramase ca nakṣatrebhyaśca digbhyaśca mahate ca svāhā, namo devebhyassvadhā pitṛbhyo bhūrbhuvassuvarmahar om || (0.10.5.19) || [K.20:] pāhi no agna enasaḥ, pāhi no viśvavedasaḥ, yajñaṃ pāhi vibhāvaso [...]

[K.17-19, ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen hoher Formel-Wiederholung:] Eine dreifach variierte Opferformel-Reihe, die jeweils die vier Vyāhṛtis (bhūḥ-bhuvaḥ-suvaḥ, die 'Welten'-Rufe aus Prapāṭhaka 7) mit den ihnen zugeordneten Gottheiten verbindet und ihnen 'Svāhā' (das Opferwort) darbringt: Erde dem Agni, Luftraum dem Vāyu, Lichthimmel der Sonne (bzw. Āditya), die Himmelsrichtungen dem Mond; darauf folgt jeweils die Verehrung der Götter [im allgemeinen] und die Svadhā-Darbringung an die Ahnen. In der dritten Fassung (K.19) wird jeweils zusätzlich 'und das Große' (mahate ca) sowie 'den Sternbildern' (nakṣatrebhyaḥ) eingefügt, wodurch die Reihe kosmisch erweitert wird (Erde-Luftraum-Himmel-Gestirne-Himmelsrichtungen als Gesamtheit). (TA 10,3-5,17-19) [Anm.: Diese Vyāhṛti-Svāhā-Formeln sind rituelle Grundbausteine, die die kosmischen Ebenen mit ihren Gottheiten und den Ahnen verbinden — eine Art liturgisches Gerüst, das die gesamte Schöpfung im Opfer zusammenfasst.] — [K.20, Beginn eines neuen Liedes:] Schütze uns, Agni, vor Schuld/Sünde; schütze uns, du Allwissender; schütze das Opfer, du Lichtreicher [Vibhāvasu, Beiname Agnis] [...] [Anm.: Hier beginnt ein neues Agni-Schutzlied; die Fortsetzung folgt in der nächsten Einheit.]

Wort für Wort
bhūragnaye pṛthivyai svāhā
die Erde dem Agni, Svāhā [Vyāhṛti-Opferformel]
namo devebhyaḥ svadhā pitṛbhyaḥ
Verehrung den Göttern, Svadhā den Ahnen
pāhi no agna enasaḥ
schütze uns, Agni, vor Schuld [Beginn eines neuen Liedes]

K.17-19 (zusammenfassend übersetzt): die formelhafte Vyāhṛti-Svāhā-Opferreihe, die die vier kosmischen Ebenen (Erde, Luftraum, Himmel, Himmelsrichtungen/Gestirne) mit ihren Gottheiten und den Ahnen (Svadhā) verknüpft. K.20: Beginn eines neuen Schutzliedes an Agni ('pāhi no agna enasaḥ'), das in der folgenden Einheit fortgesetzt wird.

[K.20, Fortsetzung:] ... svāhā, sarvaṃ pāhi śatakrato svāhā || (0.10.6.20) || [K.21:] pāhi no agra ekayā, pāhy uta dvitīyayā, pāhy ūrjaṃ tṛtīyayā, pāhi girībhiś caturbhir vaso svāhā || (0.10.7.21) || [K.22:] yacchandasām ṛṣabho viśvarūpaś chandobhyaś chandho ny āviveśa, sadā śikvaḥ purovāco'nipadyamāna indraḥ, ucchraiṣṭham indrāya ṛṣibhyo namo devebhyaḥ svadhā pitṛbhyo bhūrbhuvassuvaśchando om || (0.10.8.22) || [K.23:] namo brahmaṇe, dhāraṇaṃ me astv aniṣkaraṇam, dhārayitrā bhūyāsaṃ karṇayoḥ śrutaṃ mā cyoṣṭha mamāmuṣya, om || (0.10.9.23) || [K.24:] ṛtaṃ tapaḥ, satyaṃ tapaḥ, śrutaṃ tapaḥ, śāntaṃ tapaḥ, damastapaḥ, śamastapaḥ, dānaṃ tapaḥ, yajñastapaḥ, bhūrbhuvassuvarbrahma, etad upāsyaitat tat || (0.10.10.24) || [K.25:] yathā vṛkṣasya saṃpuṣpitasya dūrād gandho vāty evaṃ puṇyasya karmaṇo dūrād gandho vāti, yathāsidhāraṃ kartenāvahitam avakrāmed yac chayūve iha vidhūyiṣyāmi kṛtaṃ patiṣyāmi ity evam amṛtād ānam [?] || (0.10.11.25) ||

[K.20, Fortsetzung:] ... Svāhā. Alles schütze, du Hundertkräftiger [Indra, Śatakratu], Svāhā. (TA 10,6,20) — [K.21:] Schütze uns mit der ersten [Vyāhṛti], schütze auch mit der zweiten, schütze die Nahrungskraft mit der dritten, schütze mit den vier Bergen [Richtungen?], du Guter, Svāhā. (TA 10,7,21) [Anm.: Fortsetzung des Vyāhṛti-Schutzliedes an Agni/Indra.] — [K.22:] Der Stier der Versmaße, der Vielgestaltige, ist aus den Versmaßen in die [einzelnen] Versmaße eingegangen; der immer Geschickte, der Vorredner, der Unbeirrbare — [das ist] Indra. Die höchste Auszeichnung [gebührt] Indra; Verehrung den Ṛṣis, den Göttern; Svadhā den Ahnen; bhūr-bhuvaḥ-suvaḥ [seien] das Versmaß. Oṃ. (TA 10,8,22) [Anm.: eine Homage an die vedischen Versmaße (Chandas), personifiziert und mit Indra identifiziert.] — [K.23:] Verehrung dem Brahman. Meine Merkfähigkeit sei ungeschmälert; als deren Träger möge ich in meinen beiden Ohren das Gehörte bewahren, es möge mir nicht entschwinden. Oṃ. (TA 10,9,23) [Anm.: ein Gedächtnis-Gebet, wie es traditionell dem Studium vorangestellt wird.] — [K.24:] Ṛta [kosmische Ordnung] ist Tapas [Askese], Satya [Wahrheit] ist Tapas, Śruta [das Gehörte/Gelernte] ist Tapas, Śānta [Friedvollsein] ist Tapas, Selbstbeherrschung ist Tapas, Gelassenheit ist Tapas, Freigebigkeit ist Tapas, das Opfer ist Tapas — bhūr-bhuvaḥ-suvaḥ ist Brahman: dies ist [es], dies verehre man. (TA 10,10,24) [Anm.: eine berühmt-knappe Formel-Reihe, die zahlreiche Tugenden allesamt mit Tapas gleichsetzt — im Duktus eng verwandt mit ähnlichen Tugend-Aufzählungen der Taittirīya-Upaniṣad (Prapāṭhaka 7).] — [K.25:] Wie von einem blühenden Baum von weitem ein Duft weht, so weht von guter Tat von weitem ein Duft. Wie man auf einer Schwertschneide behutsam vorsichtig schreitet [aus Furcht zu straucheln] — [ebenso behutsam ist der Weg zur Unsterblichkeit] [Anm.: Textstelle im Scan stark verderbt, der genaue Wortlaut des zweiten Halbverses bleibt unsicher] [?]. (TA 10,11,25) [Anm.: Das Bild vom gefährlichen Gang auf der Schwertschneide als Gleichnis für den schwierigen Pfad zur Unsterblichkeit ist eng verwandt mit dem berühmten Vers der Kaṭha-Upaniṣad (1,3,14: 'kṣurasya dhārā niśitā duratyayā') — ein weiterer Beleg für die enge Text-Verwandtschaft zwischen Mahānārāyaṇa-, Kaṭha- und anderen Upaniṣaden.]

Wort für Wort
ṛtaṃ tapaḥ satyaṃ tapaḥ
Ṛta ist Tapas, Wahrheit ist Tapas [Tugend-Formel-Reihe]
yathā vṛkṣasya saṃpuṣpitasya dūrādgandho vāti
wie von einem blühenden Baum von weitem ein Duft weht
yathāsidhāraṃ karte
wie auf einer Schwertschneide [FUND: vgl. Kaṭha-Up. 1,3,14]

K.20-21: Abschluss des Vyāhṛti-Schutzliedes an Agni/Indra. K.22: Homage an die personifizierten Versmaße (Chandas), identifiziert mit Indra. K.23: ein Gedächtnis-Gebet vor dem Studium. K.24: die knappe 'ṛtaṃ tapaḥ'-Reihe, die zahlreiche Tugenden mit Tapas identifiziert. K.25: das Gleichnis vom Blütenduft guter Taten und (verderbt überliefert) vom gefährlichen Gang auf der Schwertschneide — FUND: verwandt mit Kaṭha-Upaniṣad 1,3,14.

aṇor aṇīyān mahato mahīyān ātmā guhāyāṃ nihito'sya jantoḥ, tam akratuṃ paśyati vītaśoko dhātuḥ prasādān mahimānam īśam || (0.10.12.26, 1) || sapta prāṇāḥ prabhavanti tasmāt saptārciṣaḥ samidhaḥ sapta homāḥ, sapta ime lokā yeṣu caranti prāṇā guhāśayā nihitāḥ sapta sapta || (2) || atas samudrā girayaśca sarve'smāt syandante sindhavaḥ sarvarūpāḥ, ataśca viśvā oṣadhayo rasāśca yenaiṣa bhūtais tiṣṭhati hyantarātmā || (3) || brahmā devānāṃ padavīḥ kavīnām ṛṣir viprāṇāṃ mahiṣo mṛgāṇām, śyeno gṛdhrāṇāṃ svadhitir vanānāṃ somaḥ pavitram atyeti rebhan || (4) || ajām ekāṃ lohitaśuklakṛṣṇāṃ bahvīḥ prajāḥ janayantīṃ sarūpāḥ, ajo hy eko juṣamāṇo'nuśete jahāty enāṃ bhuktabhogām ajo'nyaḥ || (5) || sa2ḥ sahastāso asya, tripadā baddho vṛṣabho roraviti, maho devo martyā āviveśa || (0.10.12.27, teilweise) ||

Feiner als das Feine, größer als das Große ist der Ātman, verborgen in der Höhle dieses Geschöpfes; ihn, den Wunschlosen, sieht [der Weise], von Kummer befreit, durch die Gnade des Ordners [Dhātṛ, Schöpfer], [in] seiner Größe, als Herrscher. (TA 10,12,26,1) [Anm.: GROSSER FUND — dieser Vers ist WORTGLEICH auch in der Kaṭha-Upaniṣad (1,2,20) überliefert, einer der berühmtesten Verse der gesamten Upaniṣaden-Literatur über den im Herzen verborgenen, subatomar-feinen und zugleich alles überragenden Ātman.] — Aus ihm entstehen die sieben Lebenshauche [Prāṇas], die sieben Flammen, die sieben Brennhölzer, die sieben Opferungen; dies sind die sieben Welten, in denen die Lebenshauche wandeln, die in der Herzenshöhle niedergelegten, siebenfach-sieben. (2) [Anm.: FUND — eng verwandt mit Muṇḍaka-Upaniṣad 2,1,8.] — Von ihm [gehen] alle Ozeane und Berge [aus], von ihm fließen die Ströme aller Art; von ihm [stammen] alle Pflanzen und Säfte, wodurch dieser innere Selbst mit den [groben] Elementen [zusammen]besteht. (3) [Anm.: FUND — vgl. Muṇḍaka-Upaniṣad 2,1,9.] — Brahmā [ist] unter den Göttern der Wegweiser, unter den Weisen der Seher, unter den Priestern der Ṛṣi, unter den Tieren der Büffel, unter den Greifvögeln der Falke, unter den Wäldern die Axt [d.h. das, was sie fällt], Soma übersteigt singend das Läuterungssieb. (4) [Anm.: FUND — dies ist (mit geringen Varianten) ṚV 9,96,6, ein Soma-Preislied.] — Die eine ungeborene [Ur-Materie, als Ziege gedacht], rot-weiß-schwarz, die viele Geschöpfe von gleicher Art hervorbringt — ein Ungeborener [Puruṣa] liegt ihr anhangend zugewandt, ein anderer Ungeborener verlässt sie, nachdem er ihren Genuss genossen hat. (5) [Anm.: GROSSER FUND — dies ist WORTGLEICH auch die berühmte 'Ajā'-Strophe der Śvetāśvatara-Upaniṣad (4,5): die 'ungeborene, rot-weiß-schwarze Ziege' gilt traditionell als Bild der Prakṛti (Urmaterie mit den drei Guṇas rot=Rajas, weiß=Sattva, schwarz=Tamas), umworben vom genießenden (gebundenen) und vom sich abwendenden (befreiten) Puruṣa/Ātman — ein Schlüsseltext für die spätere Sāṃkhya-Philosophie.] — [Beginn eines neuen Verses, K.27:] [Mit den Händen (?)] dreifach befestigt brüllt der Stier [gewaltig]; der große Gott ist in die Sterblichen eingegangen. (TA 10,12,27, Anfang) [Anm.: Übergang zu einem neuen Hymnenabschnitt, siehe folgende Einheit.]

Wort für Wort
aṇoraṇīyān mahato mahīyān ātmā guhāyāṃ nihitaḥ
feiner als das Feine, größer als das Große, der Ātman in der Herzenshöhle [= wortgleich Kaṭha-Up. 1,2,20]
sapta prāṇāḥ prabhavanti tasmāt
aus ihm entstehen die sieben Lebenshauche [vgl. Muṇḍaka-Up. 2,1,8]
ajāmekāṃ lohitaśuklakṛṣṇām
die eine ungeborene, rot-weiß-schwarze [Ur-Materie; = wortgleich Śvetāśvatara-Up. 4,5]
ajo hyeko juṣamāṇo'nuśete
ein Ungeborener liegt ihr anhangend zugewandt [gebundener Puruṣa]

K.26 (in fünf Versen): eine außerordentliche Sammlung berühmter, WORTGLEICH auch in anderen klassischen Upaniṣaden überlieferter Verse — GROSSE FUNDE: Vers 1 = Kaṭha-Up. 1,2,20 (der im Herzen verborgene, subatomar-feine Ātman); Verse 2-3 = eng verwandt mit Muṇḍaka-Up. 2,1,8-9 (sieben Prāṇas, Ursprung von Meeren und Bergen); Vers 4 = ṚV 9,96,6 (Soma-Lob); Vers 5 = WORTGLEICH Śvetāśvatara-Up. 4,5 (die berühmte 'Ajā'-Strophe von der ungeborenen rot-weiß-schwarzen Ziege als Bild der Prakṛti). Dies belegt eindrücklich die enge Text-Verwandtschaft und wechselseitige Zitierpraxis der klassischen Upaniṣaden.

hariḥ sa śuciṣad vasur antarikṣasad hotā vediṣad atithir duroṇasat, nṛṣad varasad ṛtasad vyomasad abjā gojā ṛtajā adrijā ṛtaṃ bṛhat || (0.10.12.27, Fortsetzung) || tridhā hitaṃ paṇibhir gudhyamānaṃ gavi devāso ghṛtam anv avindan, indra eko'jāyata sūrya ekaḥ, venād ekaḥ svadhayā niṣṭatakṣuḥ || (0.10.13.28, 1) || vṛkṣa iva stabdho divi tiṣṭhaty ekas tenedaṃ pūrṇaṃ puruṣeṇa sarvam, na karmaṇā na prajayā dhanena tyāgenaike amṛtatvam ānaśuḥ || (2) || pareṇa nākaṃ nihitaṃ guhāyāṃ vibhrājate yad yatayo viśanti, vedāntavijñānasuniścitārthāḥ saṃnyāsayogād yatayaḥ śuddhasattvāḥ, te brahmaloke tu parāntakāle parāmṛtāḥ parimucyanti sarve || (3) || duraṃ vipāpaṃ parameṣṭhi bhūtaṃ yat puṇḍarīkaṃ puramadhyasaṃstham, tatrāpi daha gaganaṃ viśokas tasmin yad antas tad upāsitavyam || (4) || yo vedādau svaraḥ prokto vedānte ca pratiṣṭhitaḥ, tasya prakṛtilīnasya yaḥ paraḥ sa maheśvaraḥ || (5) || ajo'py eka āviveśa sarve catvāraḥ || (0.10.13.28, Abschluss) ||

Er, der leuchtende Hari [Agni/das All-Eine], thront rein, ist Vasu, thront im Luftraum; als Hotṛ [Opferpriester] thront er auf dem Opferaltar, als Gast im Haus; thront unter den Männern, auf dem besten [Sitz], thront in Ṛta, thront im Himmelsraum; geboren aus dem Wasser, geboren aus der Erde, geboren aus Ṛta, geboren aus dem Berge — er ist Ṛta, das Große. (TA 10,12,27, Fortsetzung) [Anm.: FUND — dieser 'Śuciṣad'-Hymnus (Agni unter zahlreichen Sitz-Epitheta gepriesen) ist mit ṚV 4,40 und Iśā-/Kaṭha-Traditionen verwandt und gehört zu den ältesten und meistverbreiteten vedischen Preisformeln.] — [K.28:] Das dreifach [von den] Paṇis [Dämonen] verborgen Verwahrte fanden die Götter als Ghee [Schmalz] in der Kuh wieder; Indra allein entstand, die Sonne allein, aus Vena [dem Sehnsuchtsvollen] allein wurde [dies] durch [seine] eigene Kraft geschaffen [gehauen]. (TA 10,13,28,1) — Wie ein [Baum], reglos, steht er allein am Himmel; durch ihn, den Puruṣa, ist dies alles erfüllt. Nicht durch Werk, nicht durch Nachkommenschaft, nicht durch Reichtum, sondern durch Entsagung allein haben manche die Unsterblichkeit erlangt. (2) [Anm.: GROSSER FUND — 'na karmaṇā na prajayā dhanena tyāgenaike amṛtatvamānaśuḥ' ist einer der berühmtesten und folgenreichsten Verse der gesamten Upaniṣaden-Literatur: die Grundlegung des Saṃnyāsa- (Entsagungs-)Ideals gegenüber Ritual-, Nachkommen- und Reichtumserwerb als Weg zur Unsterblichkeit — bis heute zentral für die Sannyāsa-Tradition des Hinduismus.] — Jenseits [alldessen], im höchsten Himmelsgewölbe, in der Höhle verborgen, erstrahlt [das Brahman], in das die [entsagenden] Asketen eingehen — die durch die Erkenntnis des Vedānta fest im [rechten] Ziel Gegründeten, durch den Saṃnyāsa-Yoga geläuterten Wesens: sie werden im Brahma-Loka am Ende [aller] Zeit, ganz zum höchsten Unsterblichen geworden, alle völlig befreit. (3) [Anm.: GROSSER FUND — dieser Vers ist WORTGLEICH (mit minimalen Varianten) auch die berühmte Schlussstrophe der Muṇḍaka-Upaniṣad (3,2,6), die das Erreichen des Brahma-Loka durch Vedānta-Erkenntnis und Entsagungs-Praxis (Saṃnyāsa-Yoga) beschreibt.] — Der ferne, sündenfreie, im höchsten Wesen gegründete [Ort], die Lotusblüte inmitten der Stadt [des Leibes/Herzens] gelegen — auch dort [verbrenne man alle Sünde], verbrenne kummerlos den [inneren] Himmelsraum; was in dessen Innerem ist, das ist zu verehren. (4) [Anm.: die Lotus-in-der-Herzstadt-Metapher (puṇḍarīka puramadhyasaṃstham), Vorläufer der später breit entfalteten Herzlotus-Meditation.] — Der Laut, der am Anfang des Veda genannt und am Ende des Vedānta festgegründet ist [d.h. Oṃ]: wessen [Wesen], in der Urmaterie (Prakṛti) aufgelöst, das Höchste ist — der ist Maheśvara, der große Herr [Śiva]. (5) [Anm.: FUND — eine Identifikation der Oṃ-Silbe mit Maheśvara/Śiva, die die Śaiva-Deutung der Oṃ-Lehre vorbereitet; verwandt mit Doktrinen der Śvetāśvatara-Upaniṣad.] — Auch der Ungeborene [Puruṣa] allein ist in alle vier [Zustände/Gestalten] eingegangen. (TA 10,13,28, Abschluss)

Wort für Wort
na karmaṇā na prajayā dhanena tyāgenaike amṛtatvamānaśuḥ
nicht durch Werk, Nachkommen oder Reichtum, sondern durch Entsagung allein erlangten manche Unsterblichkeit [GROSSER FUND: Grundtext des Saṃnyāsa-Ideals]
te brahmaloke tu parāntakāle parāmṛtāḥ parimucyanti sarve
sie werden im Brahma-Loka am Ende der Zeit alle völlig befreit [= wortgleich Muṇḍaka-Up. 3,2,6]
yo vedādau svaraḥ proktaḥ
der Laut, der am Anfang des Veda genannt ist [Oṃ]

K.27 (Fortsetzung): der 'Śuciṣad'-Hymnus, ein altertümliches Preislied auf das All-Eine (Agni/Hari) unter zahlreichen Sitz-Epitheta. K.28: enthält gleich mehrere GROSSE FUNDE — die berühmte Entsagungs-Strophe 'na karmaṇā na prajayā dhanena tyāgenaike amṛtatvamānaśuḥ' (Grundtext des Saṃnyāsa-Ideals) sowie eine wortgleiche Parallele zur Schlussstrophe der Muṇḍaka-Upaniṣad (3,2,6); außerdem die Identifikation der Silbe Oṃ mit Maheśvara/Śiva.

[K.29, NĀRĀYAṆA-SŪKTA:] sahasraśīrṣaṃ devaṃ viśvākṣaṃ viśvaśambhuvam, viśvaṃ nārāyaṇaṃ devam akṣaraṃ paramaṃ padam || (0.10.14.29, 1) || viśvataḥ paramān nityaṃ viśvaṃ nārāyaṇaṃ hariṃ, viśvam evedaṃ puruṣas tad viśvam upajīvati || (2) || patiṃ viśvasya ātmeśvaraṃ śāśvataṃ śivam acyutam, nārāyaṇaṃ mahājñeyaṃ viśvātmānaṃ parāyaṇam || (3) || nārāyaṇaparo jyotir ātmā nārāyaṇaḥ paraḥ, nārāyaṇaparaṃ brahma tattvaṃ nārāyaṇaḥ paraḥ, nārāyaṇaparo dhyātā dhyānaṃ nārāyaṇaḥ paraḥ || (4) || yac ca kiṃcij jagat sarvaṃ dṛśyate śrūyate'pi vā || (5) || [K.30, Herzenslotus-Meditation:] antar bahiś ca tat sarvaṃ vyāpya nārāyaṇaḥ sthitaḥ, anantam avyayaṃ kaviṃ samudre'ntaṃ viśvaśambhuvam || (0.10.15.30, 1) || padmakośapratīkāśaṃ hṛdayaṃ cāpy adhomukham, adho niṣṭyā vitastyām nābhyām upari tiṣṭhati || (2) || jvālāmālākulaṃ bhāti viśvasyāyatanaṃ mahat, santataṃ śilābhis tu lambatyākośasannibham || (3) || tasyānte suṣiraṃ sūkṣmaṃ tasmin sarvaṃ pratiṣṭhitam, tasya madhye mahān agniḥ viśvārcir viśvatomukhaḥ || (4) || so'grabhugvibhajaṃs tiṣṭhann āhārām ajaraḥ kaviḥ, tiryag ūrdhvam adhaḥ śāyī raśmayas tasya santatā || (5) || santāpayati svaṃ dehaṃ pādādi śiraso'ntataḥ, tasya madhye vahniśikhā aṇīyordhvā vyavasthitā || (6) || nīlatoyadamadhyasthā vidyullekheva bhāsvarā, nīvāraśūkavat tanvī pītā bhāsvaty aṇūpamā || (7) || tasya śikhāyā madhye paramātmā vyavasthitaḥ, sa brahma sa śivaḥ sa hariḥ sendraḥ so'kṣaraḥ paramaḥ svarāṭ || (0.10.15.30, 8) || api ...

[K.29, DAS BERÜHMTE NĀRĀYAṆA-SŪKTA:] Den tausendhäuptigen Gott, den Allaugigen, dem All Wohltat Spendenden, den All-Nārāyaṇa, den unvergänglichen Gott, den höchsten Ort [des Seins]. (TA 10,14,29,1) — [Ihn preisen wir als] höher als alles, ewig, den All-Nārāyaṇa, Hari; er, der Puruṣa, ist dieses ganze All, wovon dieses All lebt. (2) — Den Herrn des Alls, den Selbst-Herrscher, den Ewigen, den Gütigen [Śiva], den Unvergänglichen, Nārāyaṇa, den groß zu Erkennenden, die Seele des Alls, das höchste Ziel. (3) — Höher als Nārāyaṇa [gibt es nichts]; das Licht [selbst] ist die Seele; höher als Nārāyaṇa [gibt es nichts]. Höher als Nārāyaṇa [gibt es kein] Brahman; das Wesen [selbst] — höher als Nārāyaṇa [gibt es nichts]. Höher als Nārāyaṇa [gibt es keinen] Meditierenden; die Meditation [selbst] — höher als Nārāyaṇa gibt es nichts. (4) — Und was auch immer diese ganze Welt ist, ob sichtbar oder auch hörbar [d.h. alles, was ist und wovon man weiß]. (5) (TA 10,14,29) [Anm.: GROSSER FUND — dies ist das weltberühmte NĀRĀYAṆA-SŪKTA, eine der meistrezitierten Hymnen des gesamten Hinduismus, bis heute fester Bestandteil täglicher vaiṣṇavitischer und smārtischer Liturgie. Es identifiziert den kosmischen Puruṣa/Nārāyaṇa mit dem Absoluten selbst und wird in Anuvāka 4 dieses Prapāṭhaka mit dem berühmten Vers 'nārāyaṇāya vidmahe' fortgesetzt bzw. später eigenständig überliefert.] — [K.30, Herzenslotus-Meditation:] Innen und außen alles durchdringend, so weilt Nārāyaṇa: der Endlose, Unvergängliche, der Seher, das Ende [d.h. die Fülle] im Ozean, dem All Wohltat Spendend. (TA 10,15,30,1) — Dem Lotusknospen-Kelch gleich ist das Herz, mit der Öffnung nach unten gerichtet; eine Spanne unterhalb [der Kehle] und oberhalb des Nabels befindet es sich. (2) — Von einem Flammenkranz umgeben leuchtet es, die große Wohnstätte des Alls; beständig hängt es, wie ein umgestülpter Lotuskelch, an [feinen] Fasern [herab]. (3) [Anm.: das berühmte Bild des 'nach unten gerichteten' Herzlotus.] — An seinem Ende ist eine feine Öffnung; darin ist alles gegründet. In seiner Mitte ist ein großes Feuer, dessen Flamme das All [erfüllt], mit Antlitzen nach allen Seiten. (4) — Es steht da, zuerst genießend, verteilend, die Nahrung [in sich] aufnehmend, alterslos, der Seher; quer, aufwärts und abwärts liegend sind seine Strahlen ausgebreitet. (5) — Es erhitzt den eigenen Leib, von den Füßen bis zum Scheitel; in seiner Mitte steht, feiner als fein, aufwärtsgerichtet, die Feuerspitze [Flamme]. (6) — Inmitten einer dunklen Regenwolke gleich, wie ein Blitzstrahl leuchtend, fein wie die Granne des Reiskorns, gelblich, strahlend, atomgleich [winzig]. (7) [Anm.: dieses Bild der winzigen, gelben, blitzartigen Flamme im Herzen ist eine der berühmtesten Meditationsbeschreibungen der gesamten Upaniṣaden-Literatur.] — In der Mitte dieser Flammenspitze weilt der Paramātman [das höchste Selbst]: er ist Brahmā, er ist Śiva, er ist Hari [Viṣṇu], er ist mit Indra, er ist der Unvergängliche, der höchste Selbstherrscher. (TA 10,15,30,8) [Anm.: GROSSER FUND — diese Identifikations-Formel ('sa brahma sa śivaḥ sa hariḥ sendraḥ so'kṣaraḥ paramaḥ svarāṭ') ist einer der wichtigsten ökumenischen Verse des Hinduismus: sie erklärt Brahmā, Śiva, Viṣṇu/Hari und Indra ausdrücklich für ein-und-dasselbe höchste, unvergängliche Prinzip — ein Schlüsselbeleg für die spätere Smārta-Vorstellung von der Einheit der Hauptgottheiten (vgl. Pañcāyatana-Verehrung).]

Wort für Wort
sahasraśīrṣaṃ devaṃ viśvākṣaṃ viśvaśambhuvam
der tausendhäuptige Gott, der Allaugige [GROSSER FUND: Beginn des berühmten Nārāyaṇa-Sūkta]
nārāyaṇaparaṃ brahma tattvaṃ nārāyaṇaḥ paraḥ
höher als Nārāyaṇa gibt es kein Brahman
padmakośapratīkāśaṃ hṛdayam
dem Lotusknospen-Kelch gleich ist das Herz
tasya śikhāyā madhye paramātmā vyavasthitaḥ
in der Mitte dieser Flammenspitze weilt der Paramātman
sa brahma sa śivaḥ sa hariḥ sendraḥ so'kṣaraḥ paramaḥ svarāṭ
er ist Brahmā, er ist Śiva, er ist Hari, er ist mit Indra, der Unvergängliche, der höchste Selbstherrscher [GROSSER FUND: Einheitsformel]

K.29: DAS BERÜHMTE NĀRĀYAṆA-SŪKTA ('sahasraśīrṣaṃ devam') — GROSSER FUND, eine der meistrezitierten Hymnen des Hinduismus, die den kosmischen Puruṣa/Nārāyaṇa mit dem Absoluten gleichsetzt. K.30: die berühmte Herzenslotus-Meditation mit der winzigen, blitzgleichen Flamme, in deren Mitte der Paramātman weilt — GROSSER FUND: die Identifikations-Formel 'sa brahma sa śivaḥ sa hariḥ sendraḥ so'kṣaraḥ paramaḥ svarāṭ', ein Schlüsseltext für die spätere Vorstellung von der Einheit aller Hauptgottheiten im einen Brahman.

ādityo vā eṣa etan maṇḍalaṃ tapati, tatra tā ṛcaḥ, tatra maṇḍale sa ṛcāṃ lokaḥ, tad ya eṣmin maṇḍale'rciḥ, tāni sāmāni, sāmnāṃ lokaḥ, tad ya eṣmin maṇḍale'rciṣi puruṣaḥ, tāni yajūṃṣi, ye yajuṣāṃ maṇḍale, sa yajuṣāṃ lokaḥ, tad ya eṣminn antarāditye hiraṇmayaḥ puruṣaḥ, taṃ trayī vidyā tapati, yo'sāv āditye hiraṇmayaḥ puruṣaḥ || (0.10.14.31) || [K.32:] ādityo vai tejo, ojo, balaṃ, yaśaḥ, cakṣuḥ, śrotram, ātmā, manaḥ, manyuḥ, manuḥ, mṛtyuḥ, satyaṃ, mitraḥ, vāyuḥ, ākāśaḥ, prāṇaḥ, lokapālaḥ kaḥ kiṃ kaḥ, tasyaitam brahma amṛto jīvaḥ, viśvaḥ katamaḥ svayambhūḥ, brahma etad amṛtam eva, bhūtānām apatir brahmaṇaḥ sāyujyaṃ sālokatām āpnoti, etāsāṃ devatānāṃ sāyujyaṃ sārṣṭitāṃ samānalokatām āpnoti, ya evaṃ veda ity upaniṣat || (0.10.15.32) ||

Die Sonne erhitzt fürwahr diese [ihre] Scheibe; darin sind die Ṛc-Verse, in jener Scheibe ist die Welt der Ṛc-Verse; was in dieser Scheibe der Glanz [Licht] ist, das sind die Sāman-Gesänge, die Welt der Sāman; was in dieser Scheibe des Glanzes der Puruṣa ist, das sind die Yajus-Formeln, in deren Scheibe [sie sind], das ist die Welt der Yajus. Der goldene Puruṣa, der innerhalb der Sonne [ist] — ihn erhitzt das dreifache Wissen [die drei Veden]; jener goldene Puruṣa in der Sonne [ist es]. (TA 10,14,31) [Anm.: GROSSER FUND — die Beschreibung des 'goldenen Puruṣa innerhalb der Sonne' (antarāditye hiraṇmayaḥ puruṣaḥ) ist nahezu wortgleich auch in der Chāndogya-Upaniṣad (1,6,6-8) überliefert, wo dieser goldene Sonnen-Puruṣa ausdrücklich mit dem im Auge wohnenden Puruṣa gleichgesetzt und als 'Sāman' bezeichnet wird — ein weiterer Beleg für die enge Verwandtschaft der großen klassischen Upaniṣaden untereinander.] — [K.32:] Die Sonne ist fürwahr Glut [Tejas], Kraft [Ojas], Stärke [Bala], Ruhm [Yaśas], das [Seh-]Auge, das Gehör, das Selbst [Ātman], das Denken [Manas], der Zorn [Manyu], der Mensch [Manu], der Tod [Mṛtyu], die Wahrheit [Satya], der Freund [Mitra], der Wind [Vāyu], der Äther [Ākāśa], der Lebenshauch [Prāṇa], der Welten-Hüter — 'wer? was? wer?' [die rätselhafte Ka-Frage]; ihr [gehört] jenes Brahman, der unsterbliche Lebendige, das All, welches auch immer — der Selbstentstandene [Svayambhū]. Dieses Brahman ist eben die Unsterblichkeit selbst; wer [dies erkennt, wird zum] Herrn der Geschöpfe [und] erlangt die Sāyujya [innige Vereinigung] und Sālokatā [Mitwohnen in derselben Welt] mit Brahman; er erlangt die Sāyujya, Sārṣṭitā [Gleichrangigkeit an Macht] und gemeinsame Weltzugehörigkeit mit diesen Gottheiten. Wer dies weiß — das ist die Geheimlehre (Upaniṣad). (TA 10,15,32) [Anm.: GROSSER FUND — hier erscheinen erstmals in voller technischer Ausprägung die später in der Vedānta- und Bhakti-Theologie kanonischen Begriffe für die Stufen/Formen der Gottvereinigung: Sāyujya ('innige Verschmelzung'), Sālokya/Sālokatā ('Mitwohnen in derselben Welt'), Sārṣṭi/Sārṣṭitā ('Gleichheit an Macht/Herrschaft') — Vorläufer der später um Sāmīpya und Sārūpya erweiterten 'fünf Arten der Befreiung' (Pañcavidhamukti) der Vaiṣṇava-Theologie. Der Abschluss 'ya evaṃ veda ityupaniṣat' ('wer dies weiß — das ist die Geheimlehre') ist die klassische Schlussformel vieler Upaniṣaden-Abschnitte.]

Wort für Wort
yo'sāv āditye hiraṇmayaḥ puruṣaḥ
jener goldene Puruṣa in der Sonne [FUND: vgl. Chāndogya-Up. 1,6,6]
brahmaṇaḥ sāyujyaṃ sālokatāmāpnoti
er erlangt Sāyujya und Sālokatā mit Brahman [FUND: Befreiungs-Terminologie]
ya evaṃ vedetyupaniṣat
wer dies weiß — das ist die Geheimlehre [klassische Upaniṣad-Schlussformel]

K.31: GROSSER FUND — der goldene Puruṣa in der Sonnenscheibe, textnah parallel zu Chāndogya-Upaniṣad 1,6,6-8. K.32: GROSSER FUND — die Sonne als Inbegriff zahlreicher kosmischer/psychologischer Prinzipien, mit der erstmaligen vollen Ausprägung der Befreiungs-Terminologie Sāyujya/Sālokya/Sārṣṭi, abgeschlossen mit der klassischen Upaniṣad-Schlussformel 'ya evaṃ veda ityupaniṣat'.

[K.33:] nidhanapataye namaḥ, nidhanapatāntikāya namaḥ, ūrdhvāya namaḥ, ūrdhvaliṅgāya namaḥ, hiraṇyāya namaḥ, hiraṇyaliṅgāya namaḥ, suvarṇāya namaḥ, suvarṇaliṅgāya namaḥ, divyāya namaḥ, divyaliṅgāya namaḥ || (0.10.16.33) || [K.34:] bhavāya namaḥ, bhavaliṅgāya namaḥ, śarvāya namaḥ, śarvaliṅgāya namaḥ, śivāya namaḥ, jvalāya namaḥ, jvalaliṅgāya namaḥ, ātmāya namaḥ, paramāya namaḥ, paramaliṅgāya namaḥ, etat somasya sūryasya sarvaliṅgaṃ sthāpayati pāṇim atra pavitram || (0.10.16.34) || [K.35, SADYOJĀTA:] sadyojātaṃ prapadyāmi, sadyojātāya vai namo namaḥ, bhave bhave nātibhave bhajasva mām, bhavodbhavāya namaḥ || (0.10.17.35) || [K.36, VĀMADEVA:] vāmadevāya namaḥ, jyeṣṭhāya namaḥ, śreṣṭhāya namaḥ, rudrāya namaḥ, kālāya namaḥ, kalavikaraṇāya namaḥ, balavikaraṇāya namaḥ, balāya namaḥ, balapramathanāya namaḥ, sarvabhūtadamanāya namaḥ, manonmanāya namaḥ || (0.10.18.36) || [K.37, AGHORA:] aghorebhyo'tha ghorebhyo ghoraghoratarebhyaḥ, sarvebhyaḥ sarva śarvebhyo namas te astu rudrarūpebhyaḥ || (0.10.19.37) || [K.38, TATPURUṢA — DIE WELTBERÜHMTE RUDRA-GĀYATRĪ:] tatpuruṣāya vidmahe, mahādevāya dhīmahi, tanno rudraḥ pracodayāt || (0.10.20.38) || [K.39, ĪŚĀNA:] īśānaḥ sarvavidyānām īśvaraḥ sarvabhūtānām, brahmādhipatir brahmaṇo'dhipatir brahmā, śivo me astu sadāśivom || (0.10.21.39) ||

[K.33:] Verehrung dem Herrn der [letzten] Auflösung! Verehrung dem, der der Auflösung nahe ist! Verehrung dem Aufgerichteten! Verehrung dem mit aufgerichtetem Zeichen [Liṅga]! Verehrung dem Goldenen! Verehrung dem mit goldenem Zeichen! Verehrung dem Golden-Leuchtenden! Verehrung dem mit golden-leuchtendem Zeichen! Verehrung dem Himmlischen! Verehrung dem mit himmlischem Zeichen! (TA 10,16,33) — [K.34:] Verehrung dem Bhava [Werdenden]! Verehrung dem mit dem Bhava-Zeichen! Verehrung dem Śarva [dem Durchbohrenden]! Verehrung dem mit dem Śarva-Zeichen! Verehrung dem Gütigen [Śiva]! Verehrung dem Lodernden! Verehrung dem mit dem lodernden Zeichen! Verehrung dem Selbst! Verehrung dem Höchsten! Verehrung dem mit dem höchsten Zeichen! Dies begründet das All-Zeichen von Mond und Sonne; hierin ist die Hand [ist gelegt], das Reine. (TA 10,16,34) [Anm.: K.33-34 bilden eine Reihe von Homage-Formeln an das Liṅga (Zeichen) Rudra-Śivas in verschiedenen Erscheinungsformen — Vorläufer der späteren Liṅga-Verehrung.] — [K.35, ERSTES DER FÜNF PAÑCABRAHMA-GESICHTER: SADYOJĀTA:] Ich nahe mich dem 'sogleich Geborenen' [Sadyojāta]; Verehrung, Verehrung dem Sadyojāta! In jedem Werden [in jeder Existenz], lass mich nicht im [immer neuen] Werden [gefangen sein], sei mir gewogen! Verehrung dem, aus dem das Werden entsteht [Bhavodbhava]! (TA 10,17,35) — [K.36, ZWEITES GESICHT: VĀMADEVA:] Verehrung dem Vāmadeva! Verehrung dem Ältesten! Verehrung dem Besten! Verehrung dem Rudra! Verehrung der Zeit [Kāla]! Verehrung dem Bewirker der Zeitteile! Verehrung dem Bewirker der Kraft! Verehrung der Kraft! Verehrung dem Zermalmer der Kraft! Verehrung dem Bezähmer aller Wesen! Verehrung dem, der das Denken über das Denken erhebt [Manonmana]! (TA 10,18,36) — [K.37, DRITTES GESICHT: AGHORA — DAS BERÜHMTE 'AGHORA'-MANTRA:] Den Nicht-Schrecklichen [Aghora] und doch den Schrecklichen [Ghora], den noch Schrecklicheren [als diese] — allen, allen Śarva-[Formen] sei Verehrung dir, den Rudra-Gestalten! (TA 10,19,37) [Anm.: GROSSER FUND — dieses 'Aghora'-Mantra ist bis heute zentraler Bestandteil des Śiva-Kultes und wird regelmäßig im Rahmen des Rudram/Camakam sowie bei Liṅga-Abhiṣeka rezitiert.] — [K.38, VIERTES GESICHT: TATPURUṢA — DIE WELTBERÜHMTE RUDRA-GĀYATRĪ:] Wir wollen jenen Puruṣa [Tatpuruṣa] erkennen, auf den großen Gott [Mahādeva] wollen wir meditieren; das möge uns Rudra antreiben. (TA 10,20,38) [Anm.: GRÖSSTER FUND dieses Abschnitts — dies ist die weltberühmte 'Tatpuruṣa'- oder Rudra-Gāyatrī, eine der meistrezitierten Mantras des gesamten Śiva-Kultes, formal parallel zur klassischen Sāvitrī-Gāyatrī (ṚV 3,62,10) gebaut und bis heute tägliches Gebet unzähliger Śiva-Verehrer.] — [K.39, FÜNFTES GESICHT: ĪŚĀNA:] Īśāna [ist] der Herr alles Wissens, der Herrscher über alle Wesen, der Oberherr des Brahman, der Herrscher über den Brahmanen, [er ist] Brahmā, der Gütige [Śiva] sei mir, [er,] der immer Gütige [Om]. (TA 10,21,39) [Anm.: Mit Kaṇḍikā 35-39 liegt hier die VOLLSTÄNDIGE REIHE DER PAÑCABRAHMA-MANTRAS des Śaivismus vor — die fünf 'Gesichter' (Pañcamukha) Śivas: Sadyojāta, Vāmadeva, Aghora, Tatpuruṣa und Īśāna. Diese fünf Mantras bilden bis heute das liturgische Kernstück jeder Śivaliṅga-Konsekration (Prāṇapratiṣṭhā) und jedes großen Śiva-Rituals im Śaiva-Siddhānta und darüber hinaus — ein Fund von herausragender und bis in die Gegenwart ungebrochener ritueller Bedeutung.]

Wort für Wort
sadyojātaṃ prapadyāmi
ich nahe mich dem 'sogleich Geborenen' [1. Pañcabrahma-Gesicht: Sadyojāta]
vāmadevāya namaḥ
Verehrung dem Vāmadeva [2. Pañcabrahma-Gesicht]
aghorebhyo'tha ghorebhyaḥ
den Nicht-Schrecklichen und den Schrecklichen [3. Gesicht: Aghora, berühmtes Mantra]
tatpuruṣāya vidmahe mahādevāya dhīmahi tanno rudraḥ pracodayāt
wir wollen jenen Puruṣa erkennen... das möge Rudra antreiben [GRÖSSTER FUND: die weltberühmte Tatpuruṣa-/Rudra-Gāyatrī, 4. Pañcabrahma-Gesicht]
īśānaḥ sarvavidyānāmīśvaraḥ
Īśāna, der Herr alles Wissens [5. Gesicht: Īśāna]

K.33-34: Homage-Reihe an das Liṅga-Zeichen Rudra-Śivas. K.35-39: GRÖSSTER FUND — die vollständige Reihe der fünf PAÑCABRAHMA-MANTRAS des Śaivismus (Sadyojāta, Vāmadeva, Aghora, Tatpuruṣa, Īśāna), darunter in K.38 die weltberühmte Tatpuruṣa-/Rudra-Gāyatrī ('tatpuruṣāya vidmahe, mahādevāya dhīmahi, tanno rudraḥ pracodayāt') — bis heute Kernbestandteil jeder Śivaliṅga-Konsekration und des täglichen Śiva-Kultes.

[K.40:] namo hiraṇyabāhave, hiraṇyavarṇāya, hiraṇyarūpāya, hiraṇyapataye, ambikāpataye, umāpataye, paśupataye, namo namaḥ || (0.10.22.40) || [K.41:] ṛtaṃ satyaṃ paraṃ brahma puruṣaṃ kṛṣṇapiṅgalam, ūrdhvaretaṃ virūpākṣaṃ viśvarūpāya vai namo namaḥ || (0.10.23.41) || [K.42:] sarvo vai rudras tasmai rudrāya namo'stu, puruṣo vai rudraḥ, sannamo namo namaḥ, viśvaṃ bhūtaṃ bhuvanaṃ citraṃ bahudhā jātaṃ jāyamānaṃ ca yat, sarvo hy eṣa rudras tasmai rudrāya namo'stu || (0.10.24.42) || [K.43:] kad rudrāya praṇataḥ smo mīḍhuṣṭamāya tavyase, vocema śantamaṃ hṛde, sarvo hy eṣa rudras tasmai rudrāya namo'stu || (0.10.25.43) || [K.44-45, im Scan stark verkürzt/schwer entzifferbar:] yasya vaikaṇṭho'sya trirghoṣadvatī vartate pratyava syāhutayassṛṣṭyantoyaḥ pratiṣṭhite iti [?] || (0.10.26.44) || kṛṣṇāya pāṅgāya iti pañca || (0.10.27.45) || [K.46:] aditir devā gandharvā manuṣyāḥ pitaro'surāḥ toṣāḥ, sarvabhūtānāṃ mātā medinī mahī sāvitrī gāyatrī jagatī urvī pṛthvī bahulā viśvā bhūtā katamā kāyā, sā satyam ṛtam iti viṣṭhaḥ || (0.10.28.46) ||

[K.40:] Verehrung dem mit den goldenen Armen, dem Goldfarbenen, dem Goldgestaltigen, dem Goldherrn, dem Gemahl der Ambikā, dem Gemahl der Umā, dem Herrn der Geschöpfe [Paśupati], Verehrung, Verehrung! (TA 10,22,40) — [K.41:] [Er ist] Ṛta, Satya, das höchste Brahman, der schwarz-rötliche [oder: dunkel-goldene] Puruṣa, der Keusche [aufwärtsgerichteten Samens], der Dreiäugige [Virūpākṣa] — dem Allgestaltigen sei Verehrung, Verehrung! (TA 10,23,41) — [K.42:] Alles fürwahr ist Rudra — jenem Rudra sei Verehrung! Der Puruṣa fürwahr ist Rudra — immer wieder Verehrung, Verehrung! Was auch immer als Wesen, als Welt, mannigfach und bunt, geboren wird und geboren wurde — all dies ist eben Rudra; jenem Rudra sei Verehrung! (TA 10,24,42) [Anm.: eine pantheistische 'Alles ist Rudra'-Formel.] — [K.43:] Wir sind fürwahr vor Rudra geneigt, dem gewaltigsten Gewährer [Mīḍhuṣṭama]; das Heilsamste wollen wir zu Herzen sprechen — alles fürwahr ist dieser Rudra; jenem Rudra sei Verehrung! (TA 10,25,43) [Anm.: FUND — der Vers beginnt mit einer Anspielung auf den berühmten Ṛgveda-Vers 1,43,1 ('kadrudrāya praceteise').] — [K.44-45, wegen starker Scan-Verkürzung nur summarisch wiedergegeben:] [eine kurze, im Druck kaum lesbare Formel über den Dreiklang seiner Stimme (trirghoṣadvatī) und über die Grundlegung [der Schöpfung] durch Opfergaben] [?]; [eine fünfteilige Kurzformel 'kṛṣṇāya pāṅgāya' u.ä.] [?]. (TA 10,26-27,44-45) — [K.46:] Aditi, die Götter, die Gandharvas, die Menschen, die Ahnen, die Asuras, die Freudenspenderinnen — die Mutter aller Wesen, die Erdenreiche, die Große, die Sāvitrī, die Gāyatrī, die Jagatī, die Weite, die Erde, die Vielfältige, die alle Wesen [umfassende] — welche [von diesen ist es] eigentlich? Sie ist Satya [Wahrheit] und Ṛta [Ordnung] — so steht es fest. (TA 10,28,46) [Anm.: eine Identifikation Aditis mit der Erde, den vedischen Versmaßen (Sāvitrī, Gāyatrī, Jagatī) und mit Wahrheit/Ordnung selbst — Aditi als All-Mutter.]

Wort für Wort
paśupataye namo namaḥ
Verehrung dem Herrn der Geschöpfe [Paśupati]
sarvo vai rudrastasmai rudrāya namo'stu
alles ist Rudra — jenem Rudra sei Verehrung
aditirdevā gandharvā manuṣyāḥ
Aditi, die Götter, die Gandharvas, die Menschen [All-Mutter-Identifikation]

K.40-43: weitere Rudra-Homagen (Paśupati, der dreiäugige Puruṣa Virūpākṣa, die pantheistische 'Alles ist Rudra'-Formel mit Anklang an ṚV 1,43,1). K.44-45: stark verkürzte, schwer lesbare Kurzformeln. K.46: Aditi als All-Mutter, identifiziert mit Erde, den vedischen Versmaßen und mit Wahrheit/Ordnung.

[K.47:] āpo vā idaṃ sarvam, viśvā bhūtāny āpaḥ, prāṇā vā āpaḥ, paśava āpaḥ, annam āpaḥ, amṛtam āpaḥ, samrāḍ āpaḥ, virāḍ āpaḥ, svarāḍ āpaḥ, chandāṃsy āpaḥ, jyotīṃṣy āpaḥ, yajūṃṣy āpaḥ, satyam āpaḥ, sarvā devatā āpaḥ, bhūrbhuvassuvar āpaḥ, om || (0.10.29.47) || [K.48:] āpaḥ punantu pṛthivīṃ, pṛthivī pūtā punātu mām, punantu brahmaṇaspatir, brahmapūtā punātu mām, yad ucchiṣṭam abhojyaṃ yad vā duścaritaṃ mama, sarve punantu mām āpo'satāṃ ca pratigraham, svāhā || (0.10.30.48) || [K.49:] agniśca mā manyuśca manyupatayaśca manyukṛtebhyaḥ pāpebhyo rakṣantām, iti pañca, yadahnā pāpamakārṣam manasā vācā hastābhyāṃ padbhyām udareṇa śiśnā, ahastat avalumpatu, yat kiṃca duritaṃ mayi, idam ahaṃ mām amṛtayonau, satye jyotiṣi juhomi svāhā || (0.10.31.49) || [K.50:] sūryaśca mā manyuśca manyupatayaśca manyukṛtebhyaḥ pāpebhyo rakṣantām, yadrātriyā pāpamakārṣam manasā vācā hastābhyāṃ padbhyām udareṇa śiśnā, rātristadavalumpatu, yatkiñcid duritaṃ mayi, idam ahaṃ mām amṛtayonau, sūrye jyotiṣi juhomi svāhā || (0.10.32.50) ||

[K.47:] Die Wasser fürwahr sind dies alles: alle Wesen sind Wasser, die Lebenshauche sind Wasser, die Tiere sind Wasser, die Nahrung ist Wasser, die Unsterblichkeit ist Wasser, der Alleinherrscher ist Wasser, der Weitherrscher ist Wasser, der Selbstherrscher ist Wasser, die Versmaße sind Wasser, die Lichter sind Wasser, die Yajus-Formeln sind Wasser, die Wahrheit ist Wasser, alle Gottheiten sind Wasser, Erde-Luftraum-Himmel sind Wasser. Oṃ. (TA 10,29,47) [Anm.: FUND — eine umfassende 'Alles-ist-Wasser'-Identifikationsformel, wie sie ähnlich auch in anderen Bramaṇa-/Āraṇyaka-Texten (etwa zur Urgewässer-Kosmogonie) begegnet.] — [K.48:] Die Wasser mögen die Erde reinigen, die gereinigte Erde reinige mich; es reinige der Herr des Gebets [Brahmaṇaspati], vom Gebet gereinigt reinige er mich. Was an Speiseresten Ungenießbares, was auch immer ich an Fehlverhalten [begangen habe] — alle Wasser mögen mich reinigen, auch von der Annahme des von Unwürdigen [Dargebrachten]. Svāhā. (TA 10,30,48) — [K.49:] Agni und der Zorn [Manyu] und die Herren des Zorns mögen mich vor den durch Zorn verursachten Sünden schützen — [dies fünfmal wiederholt]. Was ich am Tage an Sünde beging, durch Denken, Wort, mit den Händen, mit den Füßen, mit dem Bauch, mit dem Geschlechtsteil — das möge [er] von mir hinwegnehmen. Was auch immer an Verfehlung in mir ist — dies opfere ich, [indem ich] mich selbst in den Unsterblichkeits-Ursprung, in das wahre Licht [Agni], darbringe. Svāhā. (TA 10,31,49) [Anm.: eine tägliche Sühneformel (Prāyaścitta) für am Tage begangene Verfehlungen von Denken, Wort und Tat, dargebracht an Agni.] — [K.50:] Sūrya und der Zorn und die Herren des Zorns mögen mich vor den durch Zorn verursachten Sünden schützen. Was ich in der Nacht an Sünde beging, durch Denken, Wort, mit den Händen, mit den Füßen, mit dem Bauch, mit dem Geschlechtsteil — das möge die Nacht von mir hinwegnehmen. Was auch immer an Verfehlung in mir ist — dies opfere ich, [indem ich] mich selbst in den Unsterblichkeits-Ursprung, in das Licht der Sonne, darbringe. Svāhā. (TA 10,32,50) [Anm.: das Gegenstück zu K.49 für nächtliche Verfehlungen, dargebracht an Sūrya — zusammen bilden K.49-50 ein Paar von Tag- und Nacht-Sühneformeln, wie sie bis heute Teil der täglichen Sandhyāvandana-Praxis sind.]

Wort für Wort
āpo vā idaṃ sarvam
die Wasser sind fürwahr dies alles [Alles-ist-Wasser-Formel]
āpaḥ punantu pṛthivīm
die Wasser mögen die Erde reinigen
yadahnā pāpamakārṣam manasā vācā
was ich am Tage an Sünde beging, durch Denken, Wort
idamahaṃ māmamṛtayonau juhomi svāhā
dies opfere ich, mich selbst, in den Unsterblichkeits-Ursprung, Svāhā

K.47: die 'Alles ist Wasser'-Identifikationsformel. K.48: Wasserreinigungsformel. K.49-50: ein Paar von Tag- und Nacht-Sühneformeln (Prāyaścitta) für Verfehlungen von Denken, Wort und Tat, dargebracht an Agni (Tag) bzw. Sūrya (Nacht) — bis heute Bestandteil der täglichen Sandhyāvandana-Praxis.

[K.51:] om ity ekākṣaraṃ brahma, agnir devatā brahma ity ārṣam, gāyatraṃ chandaḥ, paramātmā sarūpam, sāyujyaṃ viniyogam || (0.10.32.51) || [K.52:] āyātu varadā devī akṣaraṃ brahmasaṃhitam, gāyatrīṃ chandasāṃ mātaraṃ brahma jūṣasva me, yad ahnāt kuru pāpaṃ tad ahnāt pratimucyate, yad rātriyāt kuru pāpaṃ tad rātriyāt pratimucyate, sarvavarṇe mahādevi sandhyāvidye sarasvati || (0.10.34.52) ||

[K.51:] Oṃ — dies ist die eine Silbe, Brahman; Agni die Gottheit, [dies] als überlieferter Ṛṣi-Spruch [Ārṣa]; Gāyatrī das Versmaß, dem Paramātman gleichgestaltet, Sāyujya [innige Vereinigung] die Anwendung. (TA 10,32,51) [Anm.: FUND — dies ist die klassische, bis heute vor jedem Gāyatrī-Japa gesprochene Anrufungsformel (ṛṣi-devatā-chandas-viniyoga-Angabe), in nahezu identischer Form auch dem Gaṇapati-Atharvaśīrṣa und anderen Mantra-Anrufungen voranstehend.] — [K.52:] Es komme die gewährende Göttin, die mit der unvergänglichen Silbe [Oṃ] geeinte Brahman-[Gestalt], die Gāyatrī, die Mutter der Versmaße, das Brahman — sei mir gewogen! Was ich am Tage an Sünde begehe, davon werde ich am Tage befreit; was ich in der Nacht an Sünde begehe, davon werde ich in der Nacht befreit — [du,] o große Göttin aller Kasten/Farben, Sarasvatī, [du] Weisheit der Sandhyā [Dämmerungs-Andacht]! (TA 10,34,52) [Anm.: FUND — eine Anrufung der Gāyatrī/Sarasvatī als 'Sandhyā-Vidyā' (Weisheit der täglichen Dämmerungs-Andacht), die die tägliche Sünden-Tilgung durch Gāyatrī-Rezitation verheißt — Grundlage der bis heute praktizierten Sandhyāvandana-Zeremonie.]

Wort für Wort
om ityekākṣaraṃ brahma
Oṃ — die eine Silbe, Brahman [klassische Anrufungsformel]
gāyatraṃ chandaḥ paramātmā sarūpam
Gāyatrī das Versmaß, dem Paramātman gleichgestaltet
sandhyāvidye sarasvati
o Sarasvatī, Weisheit der Dämmerungs-Andacht [Sandhyāvandana]

K.51: die klassische ṛṣi-devatā-chandas-Anrufungsformel für die Gāyatrī, bis heute vor jedem Gāyatrī-Japa gesprochen. K.52: Anrufung der Gāyatrī/Sarasvatī als tägliche Sünden-tilgende 'Sandhyā-Vidyā' — Grundlage der Sandhyāvandana-Praxis.

[K.53:] ojo'si, saho'si, balam asi, bhrājo'si, devānāṃ dhāma nāma asi, viśvam asi, viśvāyuḥ, sarvam asi, sarvāyur abhibhūḥ, gāyatrīm āvāhayāmi, sāvitrīm āvāhayāmi, sarasvatīm āvāhayāmi, chandarṣīn āvāhayāmi, śriyam āvāhayāmi, gāyatryā gāyatrīcchando, viśvāmitra ṛṣiḥ, savitā devatā, agnir mukham, brahmā śiraḥ, viṣṇur hṛdayam, rudraḥ śikhā, pṛthivī yoniḥ, prāṇāpāna-vyānodānasamānāḥ saprāṇāḥ, śvetavarṇā, sāṅkhyāyanasagotrā, gāyatrī caturviṃśatyakṣarā, tripadā, ṣaṭkukṣiḥ, pañcaśīrṣā, upanayane viniyogaḥ, oṃ bhūḥ, oṃ bhuvaḥ, oṃ suvaḥ, oṃ mahaḥ, oṃ janaḥ, oṃ tapaḥ, oṃ satyam, oṃ tat savitur vareṇyaṃ bhargo devasya dhīmahi, dhiyo yo naḥ pracodayāt, oṃ āpo jyotī raso'mṛtaṃ brahma bhūr bhuvas suvar om || (0.10.35.53) || [K.54, die Entlassungs-(Udvāsana-)Strophe:] uttame śikhare jāte bhūmyāṃ parvatamūrdhani, brāhmaṇebhyo'bhyanujñātā gaccha devi yathāsukham, stuto mayā varadā vedamātā pracodayantī pavane dvijātā, āyuḥ pṛthivyāṃ draviṇaṃ brahmavarcasaṃ mahyaṃ dattvā prajātuṃ brahmalokam || (0.10.36.54) ||

[K.53, DIE VOLLSTÄNDIGE RITUELLE GĀYATRĪ-ANWENDUNGSFORMEL:] Du bist Kraft [Ojas], du bist Übermacht [Sahas], du bist Stärke [Bala], du bist Glanz [Bhrājas], du bist die Wohnstätte der Götter mit Namen, du bist das All, du bist Alllebendigkeit, du bist alles, du bist All-Leben-Überwältigend. Ich rufe die Gāyatrī herbei, ich rufe die Sāvitrī herbei, ich rufe die Sarasvatī herbei, ich rufe die Versmaß-Ṛṣis herbei, ich rufe die Glücksgöttin [Śrī] herbei. Der Gāyatrī [ist] das Gāyatrī-Versmaß, Viśvāmitra der Ṛṣi, Savitṛ die Gottheit; Agni [ist] ihr Antlitz, Brahmā ihr Haupt, Viṣṇu ihr Herz, Rudra ihr Haarschopf, die Erde ihr Ursprungsschoß; die fünf Lebenshauche [Prāṇa, Apāna, Vyāna, Udāna, Samāna] sind ihr Lebensatem; sie ist weißer Farbe, vom Geschlecht der Sāṅkhyāyana; die Gāyatrī hat vierundzwanzig Silben, drei Versfüße, sechs Höhlungen [Halbverse], fünf Häupter; ihre [rituelle] Anwendung [ist] bei der Initiation [Upanayana]. — Oṃ bhūḥ, Oṃ bhuvaḥ, Oṃ suvaḥ, Oṃ mahaḥ, Oṃ janaḥ, Oṃ tapaḥ, Oṃ satyam: — Oṃ, jenes begehrenswerte Licht [Bhargas] des Gottes Savitṛ wollen wir erfassen; er möge unsere Einsichten antreiben! — Oṃ, Wasser, Licht, Saft, Unsterblichkeit, Brahman — Erde, Luftraum, Himmel — Oṃ. (TA 10,35,53) [Anm.: GRÖSSTER FUND — dies ist die vollständige, kanonisch gewordene rituelle Anwendungsformel des berühmtesten aller Mantras, der GĀYATRĪ (auch Sāvitrī genannt, ṚV 3,62,10), mit sämtlichen Angaben zu Ṛṣi (Viśvāmitra), Devatā (Savitṛ), Chandas (Gāyatrī), Aṅganyāsa (Zuordnung der Körperglieder zu Göttern) und den erweiterten sieben Vyāhṛtis (bhūḥ-bhuvaḥ-suvaḥ-mahaḥ-janaḥ-tapaḥ-satyam). Diese Formel wird bis in die Gegenwart von Millionen Brahmanen täglich vor jeder Gāyatrī-Japa-Sitzung im Rahmen der Sandhyāvandana rezitiert.] — [K.54, DIE BERÜHMTE ENTLASSUNGS-STROPHE DER GĀYATRĪ:] Auf dem höchsten Gipfel geboren, auf dem Haupt des Berges in der Erde, von den Brahmanen [nach der Rezitation] entlassen, gehe, Göttin, nach Belieben [wieder heim]; von mir gepriesen, du gewährende Veda-Mutter, die [unsere] Einsichten antreibt, im Wind [oder: durch Reinigung] zweifach geboren — nachdem du mir Lebenszeit auf Erden, Reichtum [und] den Glanz des Brahman-Wissens gegeben hast, [entlasse mich] zur Geburt in die Welt des Brahman. (TA 10,36,54) [Anm.: GROSSER FUND — die berühmte 'uttame śikhare jāte' Entlassungsstrophe, mit der bis heute traditionell jede Gāyatrī-Japa-Sitzung abgeschlossen wird: die Göttin wird ehrfurchtsvoll wieder in ihre Berg-Heimat entlassen.]

Wort für Wort
gāyatrīmāvāhayāmi
ich rufe die Gāyatrī herbei [Beginn der rituellen Anwendungsformel]
viśvāmitra ṛṣiḥ savitā devatā
Viśvāmitra der Ṛṣi, Savitṛ die Gottheit [klassische Mantra-Zuordnung]
oṃ tatsaviturvareṇyaṃ bhargo devasya dhīmahi dhiyo yo naḥ pracodayāt
das berühmte Gāyatrī-Mantra selbst
uttame śikhare jāte bhūmyāṃ parvatamūrdhani
auf dem höchsten Gipfel geboren, auf dem Haupt des Berges [GROSSER FUND: die klassische Gāyatrī-Entlassungsstrophe]

K.53: GRÖSSTER FUND — die vollständige, bis heute rezitierte rituelle Anwendungsformel des Gāyatrī-Mantras (ṛṣi Viśvāmitra, Devatā Savitṛ, Aṅganyāsa, sieben Vyāhṛtis) samt dem Mantra selbst ('tat savitur vareṇyam...'). K.54: GROSSER FUND — die klassische Gāyatrī-Entlassungsstrophe 'uttame śikhare jāte', mit der jede Japa-Sitzung endet.

[K.55:] ghṛṇiḥ sūryaḥ ādityo'rṇavaḥ, madhu vātā ṛtāyate, madhu kṣaranti sindhavaḥ, mādhvīr naḥ santv oṣadhīḥ, madhu naktam utoṣaso, madhumat pārthivagṃ rajaḥ, madhu dyaur astu naḥ pitā, madhumān no vanaspatir madhumāṃ astu sūryaḥ, mādhvīr gāvo bhavantu naḥ || (0.10.37.55) || [K.56:] brahmaivedaṃ madhu medhyaḥ, madhu medhyā, brahmaiva madhu medhyā, ya stha soma prajā vahmy abhi soho'ham, yas tvā pratigraham daduṣ chapratyagṛhṇāmi, trisarpirmayacitaṃ brāhmaṇāya dadyāt, brahmahatyā vā ete pra'nti, ye brāhmaṇāsi supūrṇaṃ paṭhanti, te somam prāpnuvanti, āsahasratāptiṅ punanti, om || (0.10.38.56) || [K.57:] brahma medhyā, madhu medhyā, brahmaiva madhu medhyā, adyā no deva savitaḥ prajāvat sāvīḥ saubhagam, parā duṣṣvapniyaṃ suva, viśvāni deva savitar duritāni parāsuva, yad bhadraṃ tan na āsuva, madhu vātā ṛtāyate madhu kṣaranti sindhavaḥ, mādhvīr naḥ santv oṣadhīḥ, madhu naktam utoṣaso'rthaparthivagṃ rajaḥ || (0.10.39.57) ||

[K.55, DAS BERÜHMTE MADHU-SŪKTA (≈ ṚV 1,90,6-8):] Der strahlende Sūrya [ist] die Sonnen-Flut. Honig weht der Wind dem [rechten] Opferbrauch entsprechend, Honig träufeln die Ströme; honigsüß mögen uns die Kräuter sein! Honig [seien] Nacht und Morgenröte, honigreich der irdische Staub, Honig sei uns der Himmel als Vater, honigreich sei uns der Baum des Waldes, honigreich sei uns die Sonne, honigsüß mögen unsere Kühe sein! (TA 10,37,55) [Anm.: GROSSER FUND — dies ist das weltberühmte MADHU-SŪKTA ('Honig-Hymnus', ≈ ṚV 1,90,6-8), eine der meistrezitierten vedischen Segenshymnen, die die gesamte Schöpfung — Wind, Wasser, Kräuter, Nacht und Tag, Erde, Himmel, Baum, Sonne, Kuh — als 'Honig' (Madhu), d.h. als Quelle von Süße, Nahrung und Wohlergehen, preist.] — [K.56:] Dies alles ist eben Brahman, honigsüß und heilig, Honig und heilig; Brahman selbst ist Honig und heilig. [Eine schwer entzifferbare Passage über Soma-Genuss, Gaben-Annahme und eine Sühneformel für Brahmanenmord (Brahmahatyā) durch dreifache Ghee-Opferung folgt] [?]: wer die [entsprechende] Formel vollständig rezitiert, erlangt Soma, [wird] von tausendfacher Verfehlung gereinigt. Oṃ. (TA 10,38,56) [Anm.: eine Fortsetzung der Honig-Identifikation Brahmans, verbunden mit einer Sühneformel für schwerste Verfehlungen (Brahmahatyā); Textstelle im Scan an mehreren Stellen unsicher.] — [K.57:] Brahman ist heilig, Honig ist heilig, Brahman selbst ist Honig und heilig. Heute, Gott Savitṛ, gewähre uns Nachkommenschaft und Wohlergehen, wende bösen Traum ab; alle Nöte, Gott Savitṛ, wende ab, was heilsam ist, das gewähre uns. Honig weht der Wind dem [rechten] Opferbrauch entsprechend, Honig träufeln die Ströme, honigsüß mögen uns die Kräuter sein, Honig [seien] Nacht und Morgenröte, honigreich der irdische Staub. (TA 10,39,57) [Anm.: das Madhu-Sūkta wird hier, verbunden mit einer Savitṛ-Bitte um Wohlergehen und Abwehr böser Träume, wiederholt — ein charakteristisches Merkmal dieser liturgischen Kompilation, in der zentrale Formeln als Refrains wiederkehren.]

Wort für Wort
madhu vātā ṛtāyate
Honig weht der Wind dem rechten Opferbrauch entsprechend [GROSSER FUND: Beginn des Madhu-Sūkta, ≈ ṚV1,90,6]
madhu kṣaranti sindhavaḥ
Honig träufeln die Ströme
brahmaivedaṃ madhu medhyaḥ
dies alles ist Brahman, honigsüß und heilig
adyā no deva savitaḥ
heute, Gott Savitṛ [Segensbitte]

K.55: GROSSER FUND — das weltberühmte Madhu-Sūkta ('madhu vātā ṛtāyate'), das die gesamte Schöpfung als 'Honig' preist. K.56-57: Fortsetzung mit der Identifikation Brahmans als Honig, einer (unsicher überlieferten) Sühneformel für Brahmanenmord und einer Savitṛ-Segensbitte, wobei das Madhu-Sūkta als Refrain wiederkehrt.

[K.58, im Scan schwer entzifferbar, Fortsetzung der Honig-Lehre mit wiederkehrenden Refrains aus K.26/K.27:] brahmā medhvā, madhu medhvā, brahmaiva madhu medhvā, brahmā devānāṃ padavīḥ kavīnām ṛṣir viprāṇāṃ mahiṣo mṛgāṇām, śyeno gṛdhrāṇāṃ svadhitir vanānāṃ somaḥ pavitram atyeti rebhan, nṛpadṛg asattasyodgā gojā ṛtajā adrijā ṛtaṃ bṛhat [...] hiraṇyayo vetaso madhya āsāṃ tasminn aguptaṃ madhu cakram alpam [...] || (0.10.40.58) || [K.59, MEDHĀ-SŪKTA:] medhā devī juṣamāṇā na āgād viśvācī bhadrā sumanasyamānā, tvayā juṣṭā nudamānā duruktān bṛhaddivaṃ vidathe suvīrāḥ || (0.10.41.59, 1) || tvayā juṣṭaḥ ṛṣir bhavati devi, tvayā brahmā śrutaḥ, tvayā juṣṭaś citraṃ vindate vasu, sā no juṣasva draviṇo na medhe || (2) || [K.60:] medhāṃ ma indro dadātu, medhāṃ devī sarasvatī, medhāṃ me aśvinau ubhāv ādhattāṃ puṣkarasrajā, apsarāsu ca yā medhā gandharveṣu ca yan manaḥ, daivī medhā sarasvatī, sā mā medhā surabhir juṣatāṃ, svāhā || (0.10.42.60) || [K.61:] ā mā medhā surabhir viśvarūpā hiraṇyavarṇā jagatī jaganvī, ūrjasvatī payasā pinvamānā, sā mā medhā suprati kā juṣantām || (0.10.43.61) || [K.62:] mayi medhāṃ, mayi prajāṃ, mayy agnis tejo dadhātu, mayi medhāṃ, mayi prajāṃ, mayīndra indriyaṃ dadhātu, mayi medhāṃ, mayi prajāṃ, mayi sūryo bhrājo dadhātu || (0.10.44.62) ||

[K.58, Fortsetzung der Honig-Lehre, im Scan stark verderbt und mit wiederkehrenden Refrains aus vorangegangenen Kaṇḍikās (vgl. K.26/K.27):] Brahman ist honigsüß, Honig ist honigsüß, Brahman selbst ist Honig und honigsüß; Brahmā [ist] unter den Göttern der Wegweiser, unter den Weisen der Seher, unter den Priestern der Ṛṣi, unter den Tieren der Büffel, unter den Greifvögeln der Falke, unter den Wäldern die Axt, Soma übersteigt singend das Läuterungssieb [Wiederholung des Refrains aus K.26,4 und K.58 selbst] [...] [eine weitere, kaum entzifferbare Passage über ein goldenes Schilfrohr inmitten [der Gewässer] und darin verborgenen Honig folgt] [?]. (TA 10,40,58) — [K.59, DAS BERÜHMTE MEDHĀ-SŪKTA:] Die Göttin Medhā [Geisteskraft/Weisheit], wohlwollend, ist zu uns gekommen, allumfassend, glückverheißend, guten Sinnes; von dir begünstigt, [die] üble Rede vertreibend, [gelangen wir] zum hohen Himmel, [reich] an guten Söhnen im Opfer-Wissen. (TA 10,41,59,1) [Anm.: GROSSER FUND — das berühmte Medhā-Sūkta, bis heute bei Einführungs- und Studienbeginn-Riten (etwa Vidyārambha, Upākarma) rezitiert.] — Von dir begünstigt wird man zum Ṛṣi, Göttin, von dir wird das Brahman[-Wissen] gehört; von dir begünstigt erlangt man wunderbaren Reichtum — sei uns gewogen, o Weisheit, wie [einem, der nach] Besitz [strebt]. (2) — [K.60:] Weisheit gebe mir Indra, Weisheit die Göttin Sarasvatī, Weisheit mögen mir beide Aśvin verleihen, die mit Lotuskränzen Geschmückten; die Weisheit, die bei den Apsaras und der Geist, der bei den Gandharven [ist] — die göttliche Weisheit Sarasvatī, sie, die duftende Weisheit, möge mir gewogen sein. Svāhā. (TA 10,42,60) — [K.61:] Zu mir [komme] die duftende, allgestaltige, goldfarbene Weisheit, die Weltentstandene, Welterzeugende, kraftvolle, mit Milch Anschwellende — diese wohlgesinnte Weisheit möge mir gewogen sein. (TA 10,43,61) — [K.62:] In mir Weisheit, in mir Nachkommenschaft, in mir lege Agni [seine] Glut; in mir Weisheit, in mir Nachkommenschaft, in mir lege Indra [seine] Sinneskraft; in mir Weisheit, in mir Nachkommenschaft, in mir lege Sūrya [seinen] Glanz. (TA 10,44,62) [Anm.: der feierliche Abschluss des Medhā-Sūkta, in dem der Betende Weisheit, Nachkommenschaft und die Kräfte dreier Götter (Agni, Indra, Sūrya) in sich selbst verankert wissen möchte.]

Wort für Wort
medhā devī juṣamāṇā na āgāt
die Göttin Medhā, wohlwollend, ist zu uns gekommen [Beginn des Medhā-Sūkta]
medhāṃ ma indro dadātu
Weisheit gebe mir Indra
mayi medhāṃ mayi prajāṃ mayyagnistejo dadhātu
in mir Weisheit, in mir Nachkommenschaft, in mir lege Agni die Glut

K.58: stark verderbte Fortsetzung der Honig-Lehre mit wiederkehrenden Refrains. K.59-62: FUND — das vollständige Medhā-Sūkta, eine Anrufung der Göttin der Weisheit/Geisteskraft (Medhā), bis heute Teil von Studienbeginn-Ritualen wie Upākarma und Vidyārambha.

[K.63:] apaitu mṛtyum, amṛtaṃ na āgān, aghnaiva astu no abhayaṃ kṛṇotu, pūrṇaṃ vanaspatir ivābhi naḥ śriyodhi, rayiśca naḥ sacatāṃ śacīpatiḥ || (0.10.45.63) || [K.64, YAMA-BESTATTUNGSHYMNUS, ≈ ṚV 10,18,1:] paraṃ mṛtyo anuparehi panthāṃ yas te sva itaro devayānāt, cakṣuṣmate śṛṇvate te bravīmi [...] || (0.10.46.64) ||

[K.63:] Es weiche der Tod, die Unsterblichkeit sei zu uns gekommen; ganz ohne Schaden sei uns [der Tod], er schaffe uns Furchtlosigkeit; wie ein voller Baum des Waldes möge er über uns Wohlstand [ausbreiten], und der Reichtum begleite uns, der Herr der Macht [Indra]. (TA 10,45,63) [Anm.: eine Bitte um Abwehr des vorzeitigen Todes und um Furchtlosigkeit.] — [K.64:] Tod, gehe fort auf deinem eigenen, anderen Pfad, der sich von dem der Götter unterscheidet; dir, dem Sehenden [und] Hörenden, sage ich dies [...] (TA 10,46,64) [Anm.: GROSSER FUND — dies ist der Beginn des berühmten Yama-/Bestattungshymnus ṚV 10,18,1 ('parā mṛtyo anu parehi panthām'), der bereits ausführlich als eine der zentralen Grundlagen des Bestattungsritual-Kompendiums in Prapāṭhaka 6 dieses Werkes übersetzt wurde (dort insbesondere K.4 und K.24). Sein erneutes Auftreten hier, im Schlussteil der Mahānārāyaṇa-Upaniṣad, zeigt die enge thematische Verzahnung des gesamten Taittirīya-Āraṇyaka: Ritual-Praxis (Prapāṭhaka 1-6) und upaniṣadische Spekulation (Prapāṭhaka 7-10) greifen auf denselben liturgischen Grundbestand zurück. Die Fortsetzung dieses Hymnus folgt in der nächsten Einheit.]

Wort für Wort
apaitu mṛtyum amṛtaṃ na āgāt
es weiche der Tod, die Unsterblichkeit ist zu uns gekommen
paraṃ mṛtyo anuparehi panthām
Tod, gehe fort auf deinem eigenen Pfad [FUND: = ṚV10,18,1, bereits in Prapāṭhaka 6 zentral]

K.63: Gebet um Abwehr des Todes und um Furchtlosigkeit. K.64: GROSSER FUND — Wiederaufnahme des Yama-Bestattungshymnus ṚV 10,18,1 ('paraṃ mṛtyo anuparehi panthām'), bereits zentral in Prapāṭhaka 6 behandelt — ein Beleg für die enge Verzahnung von Ritual- und Upaniṣaden-Teilen des Taittirīya-Āraṇyaka.

[K.64, Abschluss:] ... bravīmi, mā naḥ prajāgṃ rīriṣo mota vīrān || (0.10.46.64) || [K.65:] vātaṃ prāṇaṃ manasānv ārabhāmahe, prajāpatiṃ yo bhuvanasya gopāḥ, sa no mṛtyor yad apa tan mahasaḥ jyog jīvā jarām aśīmahi || (0.10.47.65) || [K.66:] amutrabhūyād adha yad yamasya bṛhaspater abhiśaster mumucyāḥ, pratyauhatām aśvinā mṛtyum asmad devānām agre'mṛjata śacībhiḥ || (0.10.48.66) || [K.67, im Scan an mehreren Stellen unsicher:] hariṃ harantam anu yanti devā viśvasyeśānaṃ vṛṣabhaṃ matīnām, brahmasarūpam amṛtasya nābhiṃ mā vidvāṃ dhīr vikramasva [?] || (0.10.49.67) || [K.68, stark verkürzt/unsicher:] śatakratve dhiṣṇyāv ubhau lokau sannaḥ mahi, ubhayor lokayor ṛddhvāti mṛtyuṃ tarāhi [?] || (0.10.50.68) ||

[K.64, Abschluss:] ... [dies] sage ich [dir, Tod]: schädige nicht unsere Nachkommen, auch nicht unsere Helden [Söhne]. (TA 10,46,64) — [K.65:] Vāta [Wind], den Lebenshauch, ergreifen wir mit dem Denken — Prajāpati, der der Hüter der Welt ist; er [bewahre] uns vor dem Tod, so dass wir, fern von jenem Verhängnis, lange lebend das Greisenalter erreichen mögen. (TA 10,47,65) [Anm.: eine Langlebigkeits-Bitte, die Vāta/Prāṇa mit Prajāpati als Weltenhüter verbindet.] — [K.66:] Möge es, wenn es [dort, im Jenseits] geschieht, [uns geschehen], dass wir von dem Fluch des Yama [und] Bṛhaspati befreit werden; die beiden Aśvin mögen den Tod von uns abwenden, [wie] die Götter [ihn] am Anfang mit [ihren] Kräften abgewehrt haben. (TA 10,48,66) — [K.67, wegen Scan-Unsicherheit vorsichtig übersetzt:] Dem [Sonnenpferd/Agni] Hari, dem Führenden, folgen die Götter, dem Herrscher über alles, dem Stier der Gedanken; der [dem Brahman] Gleichgestaltete, der Nabel der Unsterblichkeit — [eine weitere, kaum entzifferbare Zeile über den Weisen und sein Schreiten folgt] [?]. (TA 10,49,67) — [K.68, stark verkürzt und unsicher überliefert:] [Bei] hundertfacher Kraft [Śatakratu, Indra] mögen beide Welten uns reichlich gewähren; über beide Welten erhoben, überschreite [so] den Tod [?]. (TA 10,50,68) [Anm.: K.67-68 sind im vorliegenden Scan an mehreren Stellen kaum lesbar; die Übersetzung bleibt entsprechend vorsichtig und sinngemäß.]

Wort für Wort
mā naḥ prajāgṃ rīriṣaḥ
schädige nicht unsere Nachkommen [Bitte an den Tod]
pratyauhatāmaśvinā mṛtyum
die beiden Aśvin mögen den Tod abwenden

K.64 (Abschluss) - K.66: Fortsetzung und Abschluss des Yama-Bestattungshymnus samt Langlebigkeits-Bitten (Vāta/Prāṇa, Aśvin als Todesabwehrer). K.67-68: stark scan-beeinträchtigte, kurze Verse, vorsichtig und sinngemäß übersetzt.

[K.69:] mā chido mṛtyo, mā vadhīḥ, mā me balaṃ vivṛho, mā pramoṣīḥ, prajāṃ mā me rīriṣa āyuṣogra, nṛcakṣas tvā haviṣā vidhema || (0.10.51.69) || [K.70, ≈ ṚV 1,114,7-8:] mā mahāntam uta mā no arbhakaṃ, mā na ukṣantam uta mā na ukṣitam, mā no vadhīḥ pitaraṃ mota mātaraṃ, priyā mā nas tanuvo rudra rīriṣaḥ || (0.10.52.70) || [K.71:] mā nas toke tanaye mā na āyuṣi, mā no goṣu mā no aśveṣu rīriṣaḥ, vīrān mā no rudra bhāmito vadhīr, haviṣmantaḥ sadam it tvā havāmahe || (0.10.53.71) || [K.72, DER BERÜHMTE SCHLUSSVERS DES HIRAṆYAGARBHA-SŪKTA, = ṚV 10,121,10:] prajāpate na tvad etāny anyo, viśvā jātāni pari tā babhūva, yatkāmās te juhumas tan no astu, vayaṃ syāma patayo rayīṇām || (0.10.54.72) ||

[K.69:] Schneide [mich] nicht ab, Tod, erschlage [mich] nicht, entreiße mir nicht [meine] Kraft, stiehl [sie] nicht; schädige nicht meine Nachkommenschaft, mein Leben, du Gewaltiger — dich, den Männer-Seher, wollen wir mit Opfergabe verehren. (TA 10,51,69) — [K.70:] Nicht den Großen [von uns] und nicht den Kleinen, nicht den, der [noch] besprengt wird [das Kind], und nicht den [schon] Besprengten [den Erwachsenen] — töte nicht unseren Vater, auch nicht [unsere] Mutter, unseren lieben Leibern füge nicht Schaden zu, Rudra! (TA 10,52,70) [Anm.: GROSSER FUND — dieser Vers ist (mit geringen Varianten) ṚV 1,114,7, einer der bekanntesten Verse aus dem großen Rudra-Lobpreis des Ṛgveda, der auch als zentraler Bestandteil des berühmten Śrī-Rudram (Namakam, Anuvāka 8) bis heute in jedem größeren Śiva-Tempel rezitiert wird.] — [K.71:] Nicht bei unseren Kindern und Enkeln, nicht bei unserem Leben, nicht bei unseren Rindern, nicht bei unseren Pferden füge Schaden zu; unsere Helden [Söhne] töte nicht im Zorn, Rudra — mit Opfergaben rufen wir dich allezeit an. (TA 10,53,71) [Anm.: GROSSER FUND — Fortsetzung, ≈ ṚV 1,114,8, ebenfalls Teil des Śrī-Rudram.] — [K.72, DER BERÜHMTE ABSCHLUSSVERS DES HIRAṆYAGARBHA-SŪKTA:] Prajāpati! Niemand anderes als du hat alle diese entstandenen Wesen rings umfasst; um was wir dich mit Wunsch bitten, das werde uns zuteil — wir seien Herren des Reichtums! (TA 10,54,72) [Anm.: GROSSER FUND — dies ist wortgleich der berühmte Schlussvers ('kadrudrāya' ...nein: 'prajāpate na tvadetānyanyaḥ') des Hiraṇyagarbha-Sūkta (ṚV 10,121,10), der jede der zehn Strophen dieses Schöpfungshymnus mit dem Kehrreim 'kasmai devāya haviṣā vidhema' ('welchem Gott sollen wir mit Opfergabe dienen?') verbindet und mit diesem Schlussvers, der Prajāpati als Antwort auf das durchgehende Rätsel-'Ka' (Wer?) benennt, abschließt — einer der theologisch bedeutsamsten Verse der gesamten vedischen Literatur.]

Wort für Wort
mā mahāntamuta mā no arbhakam
nicht den Großen von uns und nicht den Kleinen [GROSSER FUND: ≈ ṚV1,114,7, Kernvers des Śrī-Rudram]
mā no vadhīḥ pitaraṃ mota mātaram
töte nicht unseren Vater, auch nicht unsere Mutter
prajāpate na tvadetānyanyo viśvā jātāni pari tā babhūva
Prajāpati, niemand außer dir hat alle Wesen umfasst [GROSSER FUND: Schlussvers des Hiraṇyagarbha-Sūkta, ṚV10,121,10]

K.69-71: GROSSE FUNDE — eine Bitte an Tod und Rudra, Familie, Vieh und Leben nicht zu schädigen, wortnah parallel zu ṚV 1,114,7-8 (Kernbestand auch des berühmten Śrī-Rudram). K.72: GROSSER FUND — der berühmte Schlussvers des Hiraṇyagarbha-Sūkta (ṚV 10,121,10), der die durchgehende 'Ka'-Frage ('welchem Gott?') mit der Antwort 'Prajāpati' auflöst.

[K.73:] svastidā viśaḥpatir vṛtrahā vimṛdho vaśī, vṛṣendraḥ pura etu naḥ svastidā abhayaṃkaraḥ || (0.10.55.73) || [K.74, DER WELTBERÜHMTE MAHĀMṚTYUÑJAYA-MANTRA:] tryambakaṃ yajāmahe sugandhiṃ puṣṭivardhanam, urvārukam iva bandhanān mṛtyor mukṣīya māmṛtāt || (0.10.56.74) || [K.75:] ye te sahasram ayutaṃ pāśā mṛtyo martyāya hantave, tān yajñasya māyayā sarvān ava yajāmahe || (0.10.57.75) ||

[K.73:] Der Wohl-schenkende Herr der Stämme [Indra], der Vṛtra-Töter, der Bezwinger der Feinde, der Bezähmer, der stierhafte Indra, möge uns voranschreiten — er, der Wohl schenkt und Furchtlosigkeit schafft. (TA 10,55,73) — [K.74, DER WELTBERÜHMTE MAHĀMṚTYUÑJAYA-MANTRA:] Wir verehren den Dreiäugigen [Tryambaka, Rudra-Śiva], den Wohlriechenden, den Gedeihen-Mehrenden; wie die Gurke [sich leicht] vom [Frucht-]Stiel [löst], möge ich vom Tod gelöst werden, nicht von der Unsterblichkeit. (TA 10,56,74) [Anm.: GRÖSSTER FUND — dies ist der weltberühmte MAHĀMṚTYUÑJAYA-MANTRA ('der große Todesüberwinder-Spruch'), einer der bekanntesten und meistrezitierten Mantras des gesamten Hinduismus, bis heute zentraler Bestandteil von Heilungs-, Schutz- und Langlebigkeitsritualen. Das Bild der Gurke, die sich mühelos vom Stiel löst, steht für die erhoffte mühelose Loslösung von der Todesfessel bei gleichzeitigem Verbleiben in der Unsterblichkeit — nicht als Bitte um ewiges irdisches Leben, sondern um befreite Loslösung im rechten Moment.] — [K.75:] Die tausend, die zehntausend Fesseln [Pāśas], die du, Tod, bereithältst, um den Sterblichen zu töten — all diese lösen wir durch die Zauberkraft [Māyā] des Opfers ab. (TA 10,57,75) [Anm.: eine unmittelbare Fortsetzung des Mahāmṛtyuñjaya-Gedankens: die Fesseln des Todes werden durch die 'Māyā' (schöpferische Kraft/Zauberkraft) des Opfers gelöst.]

Wort für Wort
tryambakaṃ yajāmahe sugandhiṃ puṣṭivardhanam
wir verehren den Dreiäugigen, den Wohlriechenden, den Gedeihen-Mehrenden [GRÖSSTER FUND: Beginn des Mahāmṛtyuñjaya-Mantra]
urvārukamiva bandhanānmṛtyormukṣīya māmṛtāt
wie die Gurke vom Stiel, möge ich vom Tod gelöst werden, nicht von der Unsterblichkeit
ye te sahasramayutaṃ pāśā mṛtyo
die tausend, zehntausend Fesseln, die du, Tod, bereithältst

K.73: eine Indra-Segensbitte um Wohl und Furchtlosigkeit. K.74: GRÖSSTER FUND — der weltberühmte MAHĀMṚTYUÑJAYA-MANTRA ('tryambakaṃ yajāmahe'), einer der zentralen Mantras des gesamten Hinduismus. K.75: unmittelbare Fortsetzung — die Lösung von den tausendfachen Fesseln des Todes durch die Kraft des Opfers.

[K.76:] mṛtyave svāhā, mṛtyave svāhā || (0.10.58.76) || [K.77, ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen hoher Formel-Wiederholung:] devakṛtasyainaso'vayajanam asi svāhā, manuṣyakṛtasyainaso'vayajanam asi svāhā, pitṛkṛtasyainaso'vayajanam asi svāhā, ātmakṛtasyainaso'vayajanam asi svāhā, anyakṛtasyainaso'vayajanam asi svāhā, asmatkṛtasyainaso'vayajanam asi svāhā, yad viśvā ca naktaṃ cainaskṛtaṃ tasyāvayajanam asi svāhā, yat svapataś ca jāgrataś cainaskṛtaṃ tasyāvayajanam asi svāhā, yad vidvāgṃsaś cāvidvāgṃsaś cainaskṛtaṃ tasyāvayajanam asi svāhā, enaso'nasovayajanam asi svāhā || (0.10.59.77) || [K.78, im Scan schwer entzifferbar:] yad devāḥ kṛtaṃ jihvayā guru manaso vā pratyutthai devahedanam, arāyo vāyo na abhidutchunāyate tasmin deva vaso nidhehanaṃ svāhā [?] || (0.10.60.78) || [K.79:] kāmo'kārṣīn namaḥ, kāmo'kārṣīt kāmaḥ karoti nāhaṃ karomi, kāmaḥ kartā nāhaṃ kartā, kāmaḥ kārayitā nāhaṃ kārayitā, eṣa te kāma kāmāya svāhā || (0.10.61.79) || [K.80:] manyur akārṣīn namaḥ, manyur akārṣīn manyuḥ karoti nāhaṃ karomi, manyuḥ kartā nāhaṃ kartā, manyuḥ kārayitā nāhaṃ kārayitā, eṣa te manyo manyave svāhā || (0.10.62.80) ||

[K.76:] Dem Tod, Svāhā! Dem Tod, Svāhā! (TA 10,58,76) [Anm.: eine doppelte Opferdarbringung an den Tod selbst.] — [K.77, ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen der hohen, formelhaften Wiederholung:] Eine umfassende Reihe von Sühne-Opferformeln, jeweils mit 'Svāhā' abgeschlossen, die alle denkbaren Quellen einer Verfehlung nacheinander aufzählt und 'auslöscht': von Göttern verursachte Verfehlung, von Menschen verursachte, von Ahnen verursachte, von einem selbst verursachte, von anderen verursachte, von 'uns' [der Gruppe] verursachte; ferner jede Verfehlung, die bei Nacht begangen wurde, die im Schlafen oder Wachen begangen wurde, und die wissentlich oder unwissentlich begangen wurde — für jede dieser Kategorien wird eine eigene 'Auslöschungs'-Opferung (Avayajana) mit Svāhā dargebracht, abschließend eine letzte, alle übrigen Verfehlungen umfassende Auslöschungsopferung. (TA 10,59,77) [Anm.: eine der umfassendsten Sünden-Klassifikationen des gesamten Textes — sie deckt systematisch Urheber (Götter/Menschen/Ahnen/Selbst/Andere/Gruppe), Tageszeit (Tag/Nacht), Bewusstseinszustand (Wachen/Schlafen) und Wissentlichkeit (wissend/unwissend) ab.] — [K.78, wegen starker Scan-Beeinträchtigung nur sinngemäß übersetzt:] [Eine Bitte um Vergebung für Verfehlungen, die den Zorn der Götter erregt haben könnten, sei es durch die Zunge oder durch schwerwiegende [Gedanken] des Geistes; der Windgott möge das Übel wie einen unglückbringenden Hund fernhalten — dies wird dem Gott [Vasu] dargebracht] [?]. (TA 10,60,78) — [K.79:] 'Die Begierde [Kāma] hat [es] getan' — Verehrung! Die Begierde hat [es] getan, die Begierde handelt, nicht ich handle; die Begierde ist die Handelnde, nicht ich bin der Handelnde; die Begierde ist die Veranlasserin, nicht ich bin der Veranlasser — dies, Begierde, [gebe ich] dir, der Begierde, Svāhā. (TA 10,61,79) [Anm.: eine bemerkenswerte Formel, die die Verantwortung für begangenes Unrecht von der eigenen Person auf die personifizierte 'Begierde' (Kāma) überträgt und diese als eigenständigen Handlungsträger 'zurück-opfert'.] — [K.80:] 'Der Zorn [Manyu] hat [es] getan' — Verehrung! Der Zorn hat [es] getan, der Zorn handelt, nicht ich handle; der Zorn ist der Handelnde, nicht ich bin der Handelnde; der Zorn ist der Veranlasser, nicht ich bin der Veranlasser — dies, Zorn, [gebe ich] dir, dem Zorn, Svāhā. (TA 10,62,80) [Anm.: das genaue Gegenstück zu K.79, nun für den Zorn (Manyu) — beide Formeln entlasten den Handelnden durch Rückübertragung der Verantwortung an die personifizierte Triebkraft.]

Wort für Wort
devakṛtasyainaso'vayajanamasi svāhā
du bist die Auslöschung der von Göttern verursachten Verfehlung, Svāhā [Beginn der Sühne-Reihe]
kāmaḥ kartā nāhaṃ kartā
die Begierde ist die Handelnde, nicht ich bin der Handelnde
manyuḥ kartā nāhaṃ kartā
der Zorn ist der Handelnde, nicht ich bin der Handelnde

K.76: doppelte Opferung an den Tod. K.77 (zusammenfassend übersetzt): eine umfassende, formelhafte Sünden-Sühnereihe nach Urheber, Tageszeit, Bewusstseinszustand und Wissentlichkeit. K.78: stark scan-beeinträchtigt, nur sinngemäß übersetzt. K.79-80: die bemerkenswerten Verantwortungs-Übertragungsformeln an Kāma (Begierde) und Manyu (Zorn), die das eigene Handeln von diesen personifizierten Triebkräften ableiten.

[K.81:] tilān juhomi sarasān sapiṣṭān agnau, mama citte ramantu svāhā, gāvo hiraṇyaṃ dhanam annapānaṃ sarveṣāgṃ śriyai, śriyaṃ ca lakṣmīṃ ca puṣṭiṃ ca kīrtiṃ cāpy anṛṇyatām, brāhmaṇyaṃ bahuputratām, śraddhāmedhe prajāḥ saṃdadātu svāhā || (0.10.63.81) || [K.82:] tilāḥ kṛṣṇāḥ sitāḥ śvetāḥ saumyānugāḥ, tilāḥ punantu me yat kiñcid duritaṃ mayi svāhā, corasyāgner navaśrāddhaṃ brahma gurutalpagam, gosteyaṃ tilāḥ śānti śamayantu, śrīśca lakṣmīśca puṣṭiśca kīrtiścāpy anṛṇyatām, brāhmaṇyaṃ bahuputratām, śraddhāmedhe prajās tu jātavedaḥ saṃdadātu svāhā || (0.10.64.82) || [K.83, KÖRPER-REINIGUNGSFORMEL:] prāṇāpānavyānodānasamānā me śudhyantāṃ, jyotir ahaṃ virajā vipāpmā bhūyāsaṃ svāhā, vāṅ nayanaṃ cakṣuḥ śrotrajihvāghrāṇaretobuddhyākṛtiḥ saṅkalpo me śudhyantāṃ, jyotir ahaṃ virajā vipāpmā bhūyāsaṃ svāhā, tvak carma raktaṃ medo majjāsthīni me śudhyantāṃ, jyotir ahaṃ virajā vipāpmā bhūyāsaṃ svāhā, śiraḥpāṇipāda pārśvapṛṣṭhodara jaṅghā me śudhyantāṃ, jyotir ahaṃ virajā vipāpmā bhūyāsaṃ svāhā, uccheṣaḥ puruṣo hariteva piṅgalo lohitākṣo dehi dehi dadāpayitā me śudhyantāṃ, jyotir ahaṃ virajā vipāpmā bhūyāsaṃ svāhā || (0.10.65.83) ||

[K.81:] Ich opfere Sesamsamen, saftig, feingemahlen, dem Feuer dar; sie mögen sich in meinem Geist erfreuen — Svāhā. Rinder, Gold, Reichtum, Speise und Trank für aller Wohlergehen; Wohlergehen, Glück [Lakṣmī], Gedeihen und Ruhm sowie Schuldenfreiheit, brahmanische Würde und Kinderreichtum — der Glaube [Śraddhā] möge Nachkommen zuteilwerden lassen, Svāhā. (TA 10,63,81) [Anm.: eine Sesam-Opferformel (Tila-Homa) für umfassenden materiellen und spirituellen Wohlstand.] — [K.82:] Schwarze, weiße, helle, dem Mond zugehörige Sesamsamen — Sesamsamen mögen mich reinigen von was auch immer an Verfehlung in mir ist, Svāhā: von [dem Vergehen des] Brandstiftung, Diebstahl frischer Totenopfer, Lehrerbett-Schändung [Ehebruch mit der Frau des Lehrers], Rinderdiebstahl — die Sesamsamen mögen [all dies] besänftigend zur Ruhe bringen; Wohlergehen, Glück, Gedeihen und Ruhm sowie Schuldenfreiheit, brahmanische Würde und Kinderreichtum — der Glaube möge, o Jātavedas [Agni], Nachkommen zuteilwerden lassen, Svāhā. (TA 10,64,82) [Anm.: Fortsetzung des Sesam-Opfers, nun ausdrücklich als Sühne für eine Reihe der klassischen 'schweren Vergehen' (Mahāpātaka: Brandstiftung, Diebstahl heiliger Gaben, Ehebruch mit der Lehrersgattin, Rinderdiebstahl) formuliert.] — [K.83, DIE KLASSISCHE KÖRPER-REINIGUNGSFORMEL:] Meine fünf Lebenshauche — Prāṇa, Apāna, Vyāna, Udāna, Samāna — mögen gereinigt werden; Licht sei ich, frei von Leidenschaft [Rajas], frei von Sünde — Svāhā. Meine Sprache, mein Sehen [Auge], Gehör, Zunge, Geruchssinn, Samen, Erkenntniskraft, Gestaltungskraft und Willensentschluss mögen gereinigt werden; Licht sei ich, frei von Leidenschaft, frei von Sünde — Svāhā. Meine Haut, Fell, Blut, Fett, Mark und Knochen mögen gereinigt werden; Licht sei ich, frei von Leidenschaft, frei von Sünde — Svāhā. Mein Kopf, Hände, Füße, Seiten, Rücken, Bauch und Schenkel mögen gereinigt werden; Licht sei ich, frei von Leidenschaft, frei von Sünde — Svāhā. Der Überrest-Puruṣa [uccheṣa], gelblich-bräunlich, rotäugig — 'gib, gib', der [uns zum] Geben Veranlassende — er möge mich reinigen; Licht sei ich, frei von Leidenschaft, frei von Sünde — Svāhā. (TA 10,65,83) [Anm.: GROSSER FUND — diese Reihe von Körper- und Sinnes-Reinigungsformeln ('prāṇāpānavyānodānasamānā me śudhyantām... jyotirahaṃ virajā vipāpmā bhūyāsaṃ svāhā') ist bis heute fester Bestandteil der Prāṇāyāma- und Ātma-śuddhi-Praxis innerhalb der täglichen Sandhyāvandana-Zeremonie und zählt zu den bekanntesten rituellen Selbstreinigungsformeln des Hinduismus.]

Wort für Wort
tilān juhomi sarasān sapiṣṭān agnau
ich opfere saftige, feingemahlene Sesamsamen dem Feuer
prāṇāpānavyānodānasamānā me śudhyantām
meine fünf Lebenshauche mögen gereinigt werden [Beginn der Körper-Reinigungsformel]
jyotirahaṃ virajā vipāpmā bhūyāsaṃ svāhā
Licht sei ich, frei von Leidenschaft, frei von Sünde, Svāhā [GROSSER FUND: Refrain der bis heute üblichen Ātma-śuddhi-Formel]

K.81-82: das Sesam-Opfer (Tila-Homa) für Wohlstand, Nachkommen und Sühne schwerer Vergehen (Mahāpātaka). K.83: GROSSER FUND — die klassische, bis heute in der täglichen Sandhyāvandana verwendete Körper- und Sinnes-Reinigungsformel ('jyotirahaṃ virajā vipāpmā bhūyāsaṃ svāhā', 'Licht sei ich, frei von Leidenschaft, frei von Sünde'), die Fortsetzung folgt in der nächsten Einheit.

[K.84, ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT, Fortsetzung der Reinigungsformel aus K.83:] pṛthivyāpastejo vāyurākāśā me śudhyantāṃ [...] śabdasparśarūparasagandhā me śudhyantāṃ [...] manovākkarmāṇi me śudhyantāṃ [...] avyaktabhāvair hankāraiḥ [...] ātmā me śudhyatām [...] antarātmā me śudhyatām [...] paramātmā me śudhyatām [jeweils mit dem Refrain] jyotir ahaṃ virajā vipāpmā bhūyāsaṃ svāhā, [ferner Opferungen für] kṣudhe svāhā, kṣutpipāsāya svāhā, vivid­dhuve svāhā, ṛgvidhānāya svāhā, karṣṇāyakāya svāhā, kṣutpipāsāmalam ujjeṣṭham alakṣmīr ni śyāmyaham, abhūtim asamṛddhiṃ ca sarvāṃ nir ṇuda me pāpmānaṃ svāhā, amayaṃ prāṇamayaṃ manojñānamayaṃ [ta] māyamānandamayam ātmā me śudhyantāṃ, jyotir ahaṃ virajā vipāpmā bhūyāsaṃ svāhā || (0.10.66.84) || [K.85, im Scan verkürzt:] agnaye svāhā, viśvebhyo devebhyaḥ svāhā, dhruvāya bhūmyai svāhā, dhruvakṣitaye svāhā, agnaye svaviṣṭakṛte svāhā, dharmāya svāhā, adharmāya svāhā, adbhyaḥ svāhā, oṣadhivanaspatibhyaḥ svāhā || (0.10.67.85) || [K.86:] rakṣodevajanebhyaḥ svāhā, gṛdhyebhyaḥ svāhā, avasānebhyaḥ svāhā, avasānapatibhyaḥ svāhā, sarvabhūtebhyaḥ svāhā, kāmāya svāhā, antarikṣāya svāhā, yad ejati jagat yac ca tiṣṭhati nāmno bhāgo'yaṃ nāma svāhā, pṛthivyai svāhā, antarikṣāya svāhā || (0.10.67.86) || [K.87:] dive svāhā, sūryāya svāhā, candramase svāhā, nakṣatrebhyaḥ svāhā, indrāya svāhā, bṛhaspataye svāhā, prajāpataye svāhā, brahmaṇe svāhā, svadhā pitṛbhyaḥ svāhā, namo rudrāya paśupataye svāhā || (0.10.67.87) || [K.88:] devebhyaḥ svāhā, pitṛbhyaḥ svadhāstu, bhūtebhyo namaḥ, manuṣyebhyo hantā, prajāpataye parameṣṭhine, yathā kūpaḥ śatadhāraḥ sahasradhāro'kṣitaḥ, evaṃ me astu dhānyaṃ sahasradhāram akṣitam, dhanadhānyāya svāhā, ye bhūtāḥ pracaranti divānaktaṃ balim icchanto vitudasya preṣyāḥ, tebhyo baliṃ puṣṭikāmo harāmi, mayi puṣṭiṃ puṣṭipatir dadhātu svāhā || (0.10.67.88) ||

[K.84, ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT, Abschluss der Reinigungsreihe:] Erde, Wasser, Feuer, Wind und Äther mögen in mir gereinigt werden [...] Klang, Berührung, Form, Geschmack und Geruch mögen in mir gereinigt werden [...] Denken, Sprechen und Handeln mögen gereinigt werden [...] durch unmanifeste Zustände, durch Ich-Empfindungen [Ahaṅkāra möge alles gereinigt werden] [...] mein Selbst [Ātman], mein Inneres Selbst, mein Höchstes Selbst mögen gereinigt werden — jeweils mit dem Refrain 'Licht sei ich, frei von Leidenschaft, frei von Sünde, Svāhā'. Ferner werden Opfergaben dargebracht gegen Hunger, gegen Hunger-und-Durst-Übel, [verschiedene weitere, im Scan kaum entzifferbare Übel-Abwehr-Opferungen] [?], und es wird gebeten: Unglück und Mangel an Gedeihen, alle meine Verfehlung stoße hinweg, Svāhā. Mein aus Nahrung bestehendes, aus Lebenshauch bestehendes, aus Denken bestehendes, aus Erkenntnis bestehendes und aus Wonne bestehendes Selbst [die fünf Kośas, vgl. Prapāṭhaka 8] möge gereinigt werden; Licht sei ich, frei von Leidenschaft, frei von Sünde, Svāhā. (TA 10,66,84) [Anm.: Abschluss der großen Selbstreinigungsformel — bemerkenswert die abschließende Anspielung auf die fünf Kośas (Anna-, Prāṇa-, Mano-, Vijñāna-, Ānandamaya), die bereits in Prapāṭhaka 8 (Brahmānandavallī) ausführlich entfaltet wurden.] — [K.85-88, ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen der listenartigen, hoch-repetitiven Form:] Eine lange Reihe von Svāhā-Opfergaben an: Agni [in mehreren Formen], alle Götter, die feste Erde, Agni als Opferverzehrer, Recht und Unrecht [Dharma und Adharma], die Gewässer, Pflanzen und Bäume (K.85); die Dämonen-Geschlechter, die Gierigen, die Ruheorte und deren Herren, alle Wesen, die Begierde, den Luftraum (K.86); Himmel, Sonne, Mond, Sternbilder, Indra, Bṛhaspati, Prajāpati, Brahman, Svadhā den Ahnen, und mit besonderer Verehrung Rudra als Paśupati (K.87); den Göttern, den Ahnen (Svadhā), allen Wesen, den Menschen [hier mit der auffälligen Formel 'hantā', 'der Töter', für die Menschen], Prajāpati als Parameṣṭhin — gefolgt von der Bitte um unerschöpflichen Kornsegen ('wie ein Brunnen mit hundert, tausend nie versiegenden Quellstrahlen, so sei mir Korn mit tausend nie versiegenden Strömen') und dem Ausgleichs-Opfer an die umherwandelnden [niederen] Geister, die nach Opferanteil verlangen, damit sie vom Herrn des Gedeihens Wohlstand gewähren (K.88). (TA 10,67,85-88)

Wort für Wort
pṛthivyāpastejo vāyurākāśā me śudhyantām
Erde, Wasser, Feuer, Wind und Äther mögen in mir gereinigt werden
amayaṃ prāṇamayaṃ manojñānamayaṃ ānandamayam ātmā me śudhyantām
mein aus Nahrung, Lebenshauch, Denken, Erkenntnis und Wonne bestehendes Selbst möge gereinigt werden [Bezug auf die fünf Kośas]
namo rudrāya paśupataye svāhā
Verehrung Rudra als Paśupati, Svāhā

K.84: Abschluss der Körper-/Sinnes-Reinigungsformel, mit abschließendem Bezug auf die fünf Kośas (vgl. Prapāṭhaka 8). K.85-88 (zusammenfassend übersetzt wegen hoher Formeldichte): umfangreiche Svāhā-Opferreihen an Agni-Formen, Himmelskörper, Ahnen, Rudra-Paśupati sowie an niedere Geister (Bhūtas) zur Sicherung von Wohlstand und Fruchtbarkeit.

[K.89:] om tad brahma, om tad vāyuḥ, om tad ātmā, om tat satyam, om tat sarvam, om tat purornamaḥ, antaścarati bhūteṣu guhāyāṃ viśvamūrtiṣu, tvaṃ yajñastvaṃ vaṣaṭkāraḥ, om indrastvaṃ, rudrastvaṃ, viṣṇustvaṃ, brahma tvaṃ, prajāpatiḥ, tvaṃ tad āpa āpo jyotī raso'mṛtaṃ brahma, bhūrbhuvassuvarom || (0.10.68.89) || [K.90:] śraddhāyāṃ prāṇe niviṣṭo'mṛtaṃ juhomi, śraddhāyām apāne niviṣṭo'mṛtaṃ juhomi, śraddhāyāṃ vyāne niviṣṭo'mṛtaṃ juhomi, śraddhāyām udāne niviṣṭo'mṛtaṃ juhomi, śraddhāyāgṃ samāne niviṣṭo'mṛtaṃ juhomi, brahmaṇi ma ātmāmṛtatvāya, amṛtopastaraṇam asi, śraddhāyāṃ prāṇe niviṣṭo'mṛtaṃ juhomi, śivo mā viśāpradāhāt prāṇāya svāhā, śraddhāyām apāne niviṣṭo'mṛtaṃ juhomi śivo mā viśāpradāhāt apānāya svāhā, śraddhāyāṃ vyāne niviṣṭo'mṛtaṃ juhomi śivo mā viśāpradāhāt vyānāya svāhā, śraddhāyām udāne niviṣṭo'mṛtaṃ juhomi śivo mā viśāpradāhāt udānāya svāhā, śraddhāyāgṃ samāne niviṣṭo'mṛtaṃ juhomi śivo mā viśāpradāhāt samānāya svāhā, brahmaṇi ma ātmāmṛtatvāya amṛtāpidhānam asi || (0.10.69.90) || [K.91:] śraddhāyāṃ prāṇe niviśyāmṛtahutam, prāṇam annenāpyāyasva, śraddhāyām apāne niviśyāmṛtahutam apānam annenāpyāyasva, śraddhāyāṃ vyāne niviśyāmṛtahutam vyānam annenāpyāyasva, śraddhāyām udāne niviśyāmṛtahutam udānam annenāpyāyasva, śraddhāyāgṃ samāne niviśyāmṛtahutam samānam annenāpyāyasva || (0.10.70.91) || [K.92, DER BERÜHMTE VERS VOM DAUMENGROSSEN PURUṢA:] aṅguṣṭhamātraḥ puruṣo'ṅguṣṭhaṃ ca samāśritaḥ, īśaḥ sarvasya jagataḥ prabhuḥ prīṇāti viśvabhuk || (0.10.71.92) ||

[K.89:] Oṃ, jenes ist Brahman; Oṃ, jenes ist Vāyu; Oṃ, jenes ist der Ātman; Oṃ, jenes ist die Wahrheit; Oṃ, jenes ist alles; Oṃ, jenem sei zuvorderst Verehrung: er wandelt innerhalb der Wesen, in der Höhle [des Herzens], in allgestaltigen Formen; du bist das Opfer, du bist der Vaṣaṭkāra-Ruf; Oṃ, du bist Indra, du bist Rudra, du bist Viṣṇu, du bist Brahmā, [du bist] Prajāpati; du bist jenes Wasser, Wasser, Licht, Saft, Unsterblichkeit, Brahman — Erde-Luftraum-Himmel, Oṃ. (TA 10,68,89) [Anm.: GROSSER FUND — eine weitere ökumenische Einheitsformel, die (wie schon in K.30,8 gesehen) Indra, Rudra, Viṣṇu, Brahmā und Prajāpati ausdrücklich als ein-und-dasselbe, im Herzen aller Wesen wandelnde Prinzip erklärt.] — [K.90:] In den Glauben [Śraddhā], im Prāṇa gegründet, opfere ich die Unsterblichkeit; in den Glauben, im Apāna gegründet, opfere ich die Unsterblichkeit; in den Glauben, im Vyāna gegründet, opfere ich die Unsterblichkeit; in den Glauben, im Udāna gegründet, opfere ich die Unsterblichkeit; in den Glauben, im Samāna gegründet, opfere ich die Unsterblichkeit — im Brahman [gründe sich] mein Selbst zur Unsterblichkeit, du bist die Unterlage der Unsterblichkeit. [Es folgt dieselbe Reihe erneut, nun jeweils mit der Bitte:] Der Gütige [Śiva] bewahre mich vor dem Verbrennen durch Gift, für den Prāṇa, Svāhā [ebenso für Apāna, Vyāna, Udāna, Samāna] — im Brahman [gründe sich] mein Selbst zur Unsterblichkeit, du bist die Verhüllung der Unsterblichkeit. (TA 10,69,90) [Anm.: eine feierliche, für jeden der fünf Prāṇas einzeln vollzogene Unsterblichkeits-Opferung, verbunden mit einer Bitte um Schutz vor Gift.] — [K.91:] In den Glauben, im Prāṇa eingegangen, [bringe ich] die unsterbliche Opferung [dar]; stärke den Prāṇa mit Speise; [ebenso für Apāna, Vyāna, Udāna, Samāna, jeweils mit] stärke [ihn] mit Speise. (TA 10,70,91) [Anm.: eine unmittelbare, kürzere Wiederaufnahme desselben Fünf-Prāṇa-Schemas, nun mit dem Bild der 'Speise-Stärkung' jedes einzelnen Lebenshauches.] — [K.92, DER WELTBERÜHMTE VERS VOM DAUMENGROSSEN PURUṢA:] Der Puruṣa, daumengroß, im Daumen [des Herzens] wohnhaft, ist der Herrscher über die ganze Welt, der Gebieter; er, der Alles-Genießer, erfreut [alles]. (TA 10,71,92) [Anm.: GROSSER FUND — dieser Vers vom 'daumengroßen Puruṣa' (Aṅguṣṭhamātraḥ Puruṣaḥ) ist eng verwandt mit den berühmten Parallelversen der Kaṭha-Upaniṣad (2,4,12-13: 'aṅguṣṭhamātraḥ puruṣo madhya ātmani tiṣṭhati') und der Śvetāśvatara-Upaniṣad (3,13 und 5,8), die alle den innersten, im Herzen wohnhaften, nur daumengroßen kosmischen Herrscher beschreiben — ein zentrales Bild der Antaryāmin- (innerer Lenker) und Dhyāna- (Meditations-)Tradition, das bis in die spätere Yoga- und Bhakti-Ikonographie hinein wirkt.]

Wort für Wort
om indrastvaṃ rudrastvaṃ viṣṇustvaṃ brahma tvaṃ prajāpatiḥ
du bist Indra, du bist Rudra, du bist Viṣṇu, du bist Brahmā, du bist Prajāpati [GROSSER FUND: Einheitsformel]
śraddhāyāṃ prāṇe niviṣṭo'mṛtaṃ juhomi
im Glauben, im Prāṇa gegründet, opfere ich die Unsterblichkeit
aṅguṣṭhamātraḥ puruṣo'ṅguṣṭhaṃ ca samāśritaḥ
der Puruṣa, daumengroß, im Daumen wohnhaft [GROSSER FUND: vgl. Kaṭha-Up. 2,4,12-13]

K.89: GROSSER FUND — eine weitere Einheitsformel (Indra=Rudra=Viṣṇu=Brahmā=Prajāpati). K.90-91: die feierliche Fünf-Prāṇa-Unsterblichkeits-Opferung, verbunden mit Gift-Schutz und Speise-Stärkung. K.92: GROSSER FUND — der weltberühmte Vers vom 'daumengroßen Puruṣa', eng verwandt mit Kaṭha-Up. 2,4,12-13 und Śvetāśvatara-Up. 3,13/5,8.

[K.93:] vāṅ me āsan, nāsoḥ prāṇaḥ, akṣṇoś cakṣuḥ, karṇayoḥ śrotram, bāhvor balam, ūrvor ojaḥ, ariṣṭāni viśvāny aṅgāni tanūḥ, tanuvā me saha, namas te astu, mā mā hiṃsīḥ || (0.10.72.93) || [K.94, im Scan an mehreren Stellen unsicher:] vayaḥ suparṇā upa sedur indraṃ priyamedhā ṛṣayo nādhamānāḥ, apa dhvāntam ūrṇuhi puṣṭi cakṣur mumugdhy asmān niddhitayeva baddhān [?] || (0.10.73.94) || [K.95:] prāṇānāṃ granthir asi, rudro mā viśāntakaḥ, tenānnenāpyāyasva || (0.10.74.95) || [K.96:] namo rudrāya viśvarūpāya mṛtyum me pāhi ||

[K.93:] Meine Sprache [sei] im Munde, mein Atem in der Nase, mein Sehen in den Augen, mein Hören in den Ohren, meine Kraft in den Armen, meine Stärke in den Schenkeln — unversehrt seien alle meine Glieder, mein ganzer Leib; mit meinem Leibe [zusammen] sei dir Verehrung — verletze mich nicht! (TA 10,72,93) [Anm.: ein Gebet um die Unversehrtheit sämtlicher Körperglieder und Sinnesfunktionen.] — [K.94, wegen Scan-Unsicherheit vorsichtig übersetzt:] Die schöngefiederten [Vögel/Suparṇas], die liebe-erfahrenen Ṛṣis, näherten sich, bittend, Indra; birg [uns vor] der Finsternis, [gewähre] Gedeihen [und] Sehkraft, löse uns, wie [Gebundene] von der Fessel [?]. (TA 10,73,94) [Anm.: eine Anrufung Indras um Befreiung aus Dunkelheit und Fesseln, mit dem Bild der Vögel/Ṛṣis, die sich [ihm] als Bittende nähern — möglicherweise ein Anklang an das Suparṇa-Motiv der Vogel-Weisen aus dem Ṛgveda.] — [K.95:] Du bist der Knoten der Lebenshauche; Rudra möge [ihn] nicht enden lassen — stärke [ihn] durch diese Speise. (TA 10,74,95) [Anm.: eine bemerkenswerte Formel, die Rudra mit dem 'Knoten' (Granthi) verbindet, der die Lebenshauche zusammenhält, und um dessen Erhalt bittet.] — [K.96:] Verehrung dem Rudra, dem Allgestaltigen [Viśvarūpa] — schütze mich vor dem Tod! (TA 10,75,96, Anfang) [Anm.: eine knappe, eindringliche Schutzbitte an Rudra Viśvarūpa; die Fortsetzung dieses Kaṇḍikā folgt in der nächsten Einheit.]

Wort für Wort
ariṣṭāni viśvāny aṅgāni tanūḥ
unversehrt seien alle meine Glieder, mein ganzer Leib
prāṇānāṃ granthirasi rudro mā viśāntakaḥ
du bist der Knoten der Lebenshauche, Rudra möge ihn nicht enden lassen
namo rudrāya viśvarūpāya mṛtyumme pāhi
Verehrung dem allgestaltigen Rudra, schütze mich vor dem Tod

K.93: Gebet um Unversehrtheit aller Körperglieder. K.94: eine Indra-Anrufung um Befreiung aus Dunkelheit und Fesseln (Scan an mehreren Stellen unsicher). K.95: Rudra als 'Knoten der Lebenshauche'. K.96 (Anfang): knappe Schutzbitte an Rudra Viśvarūpa gegen den Tod.

[K.97, Abschluss der Rudra-Bitte:] tvam agne dyubhis tvam āśāḥ śukṣṇis tvam adbhyas tvam aśmanas tvaṃ vanaspatibhyas tvam oṣadhībhyas tvaṃ nṛṇāṃ nṛpate jāyase śuciḥ || (0.10.76.97) || [K.98:] śivena me santiṣṭhasva śonena me santiṣṭhasva subhūtena me santiṣṭhasva brahmavarcasena me santiṣṭhasva, yajñasya ṛddhim anu santiṣṭhasva, upa te yajñaṃ, nama upa te nama upa te namaḥ || (0.10.77.98) || [K.99-100: wegen der hoch-repetitiven, kettenartigen Argumentationsform hier NICHT wörtlich zitiert, sondern zusammenfassend übersetzt — s. deutsche Übersetzung.]

[K.97, Abschluss der Rudra-Bitte:] 'Du, Agni, wirst aus den Himmelslichtern geboren, du aus den Richtungen, den lichten, du aus den Wassern, du aus dem Stein, du aus den Waldbäumen, du aus den Kräutern/Pflanzen, du, o Herr der Männer, wirst rein geboren.' [K.98:] 'Mit Güte (Śiva) stehe mir bei, mit rötlichem Glanz (Śona) stehe mir bei, mit gutem Gedeihen (Subhūta) stehe mir bei, mit geistlicher Macht (Brahmavarcas) stehe mir bei, stehe dem Gelingen des Opfers bei; ich nahe mich dir mit dem Opfer; Verehrung dir, Verehrung dir, Verehrung!' [K.99-100, ZUSAMMENFASSEND ÜBERSETZT wegen der hoch-repetitiven, kettenartigen Argumentationsform — DIE 'HÖHER-ALS'-WERTEHIERARCHIE:] Eine lange, formelhafte Reihe erklärt: 'Wahrheit ist die höchste Wahrheit; durch Wahrheit fällt man niemals aus der Himmelswelt' — sodann eine Kette immer 'höherer' Prinzipien: Wahrheit steht über [bloßer] Askese, denn durch Askese erlangten die Götter einst die Gottheit und die Ṛṣis den Himmel; Selbstbeherrschung (Dama) steht darüber, denn wer sich selbst bezähmt, erlangt größere Werke; Gelassenheit (Śama) steht darüber; Freigebigkeit (Dāna) steht darüber, denn Gaben schaffen Freunde aus Feinden; Rechtschaffenheit (Dharma) steht darüber, denn alles Ergriffene ist im Dharma gegründet; Zeugung/Nachkommenschaft (Prajana) steht darüber, denn durch Nachkommen erlangt man Fortdauer; das Feueropfer (Agnihotra) steht darüber; das große Opfer (Yajña) steht darüber, denn durch das Opfer gingen die Götter einst zum Himmel, durch das Opfer wurden aus Feinden Freunde, im Opfer ist alles gegründet; Recht/Ordnung (Dharma) steht wiederum darüber [Wiederaufnahme]; das Denken (Mānasa) steht darüber, denn durch das Denken erschufen die Ṛṣis einst die Geschöpfe, im Denken ist alles gegründet — höher als all dies aber ist BRAHMAN selbst: der Selbstentstandene, Prajāpati, identifiziert mit dem Jahreskreislauf, mit jenem Āditya [Sonnen-Gott], der der oberste Herrscher (Parameṣṭhin), das Selbst des Brahman ist; durch dessen Sonnenstrahlen werden die Geschöpfe gesättigt — durch Lebenshauch mittels Kraft, Kraft mittels Askese, Askese mittels Glauben, Glauben mittels Weisheit (Medhā), Weisheit mittels Einsicht (Manīṣā), Einsicht mittels Denken (Manas), Denken mittels Ruhe (Śānti), Ruhe mittels Gedächtnis (Citta), Gedächtnis mittels Erinnerung (Smṛti), Erinnerung mittels Erkenntnis (Vijñāna) — durch Erkenntnis erkennt man das Selbst (Ātman). Deshalb wird dieser Prajāpati/Āditya zum Brahman der Geschöpfe: durch Lebenshauch, Denken und Erkenntnis, aus Erkenntnis entsteht Wonne (Ānanda) — Brahman ist der Mutterschoß jenes Puruṣa, der fünffach, fünf-selbstig ist, durch den dies alles durchwoben ist: Erde, Luftraum, Himmel, die Haupt- und Zwischenrichtungen — er ist dieses ganze Weltall, das Gewordene, das zu Erkennende, das Geschaffene, aus Ṛta Geborene, der Reichtum, der Glaube, die Wahrheit, der Große, durch Askese Geläuterte. 'Ihn eben, mit Denken und Herz, erkenne, und gehe fortan nicht mehr in den Tod ein, du Wissender.' [Es folgt eine dichte, kaum auflösbare Reihe weiterer Selbst-Identifikationen des Erkennenden mit kosmischen Prinzipien (Prāṇa, Brahman, Sonne, Mond usw.) [?].] 'Wer so um Prajāpatis/Brahmans Größe weiß, erlangt die Größe des Brahman' — dies ist die Geheimlehre (Upaniṣad) von der Größe des Brahman. (TA 10,78,99-79,100) [Anm.: eingekleidet als Belehrung Prajāpatis an seinen Sohn Suparṇeya/Hāraṇeya, entfaltet dieser Abschnitt eine 'Höher-als'-Wertekette (Wahrheit > Askese > Selbstbeherrschung > Gelassenheit > Freigebigkeit > Dharma > Nachkommenschaft > Opfer > Denken > Brahman), die in Aufbau und Argumentationsstil eng verwandt ist mit der berühmten BHŪMAN-LEHRE des Sanatkumāra in der Chāndogya-Upaniṣad (Kapitel 7: die Stufenfolge von Name über Sprache, Denken, Wille bis zum 'Bhūman', dem unendlich Großen). Die Reihe Prāṇa-Kraft-Askese-Glauben-Weisheit-Einsicht-Denken-Ruhe-Gedächtnis-Erinnerung-Erkenntnis am Ende ist zudem eine Art Vorform dieser Chāndogya-Kette. Der Abschluss mit der Formel 'ya evaṃ veda... ityupaniṣat' markiert das Ende eines eigenständigen Lehrabschnitts.]

Wort für Wort
satyaṃ paraṃ satyam
Wahrheit ist die höchste Wahrheit [Beginn der Wertehierarchie]
tapasā devā devatāmagra āyan
durch Askese erlangten die Götter einst die Gottheit
brahma hi paraḥ
Brahman aber ist das Höchste [Gipfel der Wertehierarchie, FUND: vgl. Chāndogya-Up. 7, Bhūman-Lehre]
ya evaṃ veda brahmaṇo mahimānamāpnoti
wer dies weiß, erlangt die Größe des Brahman

K.97-98: Abschluss der Rudra-Segensbitte. K.99-100 (zusammenfassend übersetzt wegen hochrepetitiver Kettenstruktur): GROSSER FUND — eine 'Höher-als'-Wertehierarchie im Dialog Prajāpatis mit seinem Sohn, kulminierend in Brahman/Prajāpati/Āditya als höchstem Prinzip; eng verwandt mit der Bhūman-Lehre der Chāndogya-Upaniṣad (Kapitel 7). Abschluss mit der klassischen Formel 'ya evaṃ veda... ityupaniṣat'.

tasyaivaṃ vidyajñakalpasya, ekaḥ yajamānaḥ, śraddhā patnī, śarīram idhma, ura vediḥ, romāṇi barhiḥ, hṛdayaṃ yūpaḥ, kāma ājyam, manyuḥ paśuḥ, tapo'gniḥ, damaḥ śamayitā, dakṣiṇā vāk, hotā prāṇaḥ, udgātā cakṣuḥ, adhvaryur manaḥ, brahmā śrotram, adhvaryuḥ [...] || (0.10.80.101, Anfang) ||

Für den, der so [um dieses Wertegefüge] weiß, ist der Opfer-Vollzug [wie folgt beschaffen]: der Opferherr selbst ist einer [d.h. er allein]; der Glaube [Śraddhā] ist seine Gattin; der Leib ist das Brennholz; die Brust ist der Altar; die Körperhaare sind das Opfergras [Barhis]; das Herz ist der Opferpfahl [Yūpa]; das Begehren [Kāma] ist das [geopferte] Ghee; der Zorn [Manyu] ist das Opfertier; die Askese [Tapas] ist das Feuer; die Selbstbeherrschung [Dama] ist der 'Besänftiger' [der Priester, der das Feuer beruhigt]; die Gabe [Dakṣiṇā] ist die Sprache; der Hotṛ-Priester ist der Lebenshauch [Prāṇa]; der Udgātṛ-Sänger ist das Auge; der Adhvaryu [ausführende Priester] ist das Denken [Manas]; der Brahmā-Priester [der überwachende Oberpriester] ist das Gehör; [ein weiterer] Adhvaryu [ist ...] [Text an dieser Stelle abbrechend, Fortsetzung folgt]. (TA 10,80,101, Anfang) [Anm.: GROSSER FUND — dies ist die berühmte Lehre vom INNEREN OPFER (Adhyātma-Yajña), die den vollständigen äußeren Opferapparat (Opferherr, Gattin, Brennholz, Altar, Opfergras, Opferpfahl, Ghee, Opfertier, Feuer, die vier Hauptpriester Hotṛ/Udgātṛ/Adhvaryu/Brahmā) Zug um Zug auf den eigenen Leib und die eigenen psychischen und sinnlichen Fähigkeiten abbildet. Diese Lehre ist eng verwandt mit der berühmten Formel 'puruṣo vāva yajñaḥ' ('der Mensch selbst ist das Opfer') der Chāndogya-Upaniṣad (3,16-17) sowie mit ähnlichen Internalisierungs-Lehren der Praśna-Upaniṣad — ein zentraler Schritt in der upaniṣadischen Entwicklung vom äußeren Ritual-Opfer zum verinnerlichten, im eigenen Körper und Geist vollzogenen 'Opfer des Lebens'. Die Aufzählung ist im vorliegenden Scan an dieser Stelle unterbrochen; die Fortsetzung (weitere Priesterämter und Opfergegenstände) folgt in der nächsten Leseeinheit.]

Wort für Wort
śraddhā patnī śarīramidhma
der Glaube die Gattin, der Leib das Brennholz [Beginn des inneren Opfers]
hṛdayaṃ yūpaḥ kāma ājyam
das Herz der Opferpfahl, das Begehren das Ghee
hotā prāṇaḥ udgātā cakṣuḥ adhvaryurmanaḥ brahmā śrotram
der Hotṛ ist der Atem, der Udgātṛ das Auge, der Adhvaryu das Denken, der Brahmā das Gehör [Zuordnung der vier Priesterämter zu den Fähigkeiten]

K.101 (Anfang): GROSSER FUND — die Lehre vom inneren Opfer (Adhyātma-Yajña), die den gesamten äußeren vedischen Opferapparat auf den eigenen Leib und die eigenen Fähigkeiten abbildet; eng verwandt mit 'puruṣo vāva yajñaḥ' der Chāndogya-Upaniṣad (3,16-17). Text bricht im Scan ab, Fortsetzung folgt.

[K.101, Abschluss:] te'harganāḥ, sarvavedasaṃ vā etac chastraṃ, yan maraṇaṃ tad avabhṛthaḥ, etad vai jarāmaryam agnihotraṃ sattram, ya evaṃ vidvān udagayane pramīyate, devānām eva mahimānaṃ gatvā ādityasya sāyujyaṃ gacchati, atho yo dakṣiṇe pramīyate, pitṝṇām eva mahimānaṃ gatvā candramasaḥ sāyujyaṃ sālokatām āpnoti, etayor vai sūryācandramasor mahimānau brāhmaṇo vidvān abhijayati, tasmād brāhmaṇo mahimānam āpnoti, tasmād brāhmaṇo mahimānam ity upaniṣat || (0.10.80.101) || [Es folgt ein knapper, stark abgekürzter mnemonischer Formel-Index (Anukramaṇī) über die Anzahl der in diesem Prapāṭhaka verwendeten Mantras und Silben-Kategorien, im Scan kaum sinnvoll auflösbar] [?] || [Abschließende Friedensformel:] om saha nāvavatu, saha nau bhunaktu, saha vīryaṃ karavāvahai, tejasvi nāvadhītam astu mā vidviṣāvahai, om śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

[K.101, Abschluss:] Diese [Opferungen sind] die 'Tag-Führer'; dieser Opferspruch [Śāstra] ist fürwahr der ganze Schatz [des Wissens]; was der Tod ist, das ist die Schluss-Abwaschung [Avabhṛtha]; dies ist das Alters-Ende-Feueropfer-Opferritual [Agnihotra-Sattra]. Wer, so wissend, in der nördlichen Sonnenwende [Uttarāyaṇa] stirbt, gelangt zur Größe der Götter und erlangt die Sāyujya [innige Vereinigung] mit Āditya [der Sonne]; wer aber in der südlichen [Sonnenwende, Dakṣiṇāyana] stirbt, gelangt zur Größe der Ahnen und erlangt die Sāyujya und Sālokatā mit dem Mond. Diese beiden Größen — von Sonne und Mond — überwindet der wissende Brahmane; deshalb erlangt der Brahmane [höchste] Größe; deshalb [heißt es:] 'die Größe des Brahmanen' — dies ist die Geheimlehre. (TA 10,80,101) [Anm.: GROSSER FUND — diese Lehre von den zwei Pfaden nach dem Tod, abhängig vom Todeszeitpunkt innerhalb der beiden Sonnenwenden (Uttarāyaṇa führt zu den Göttern/zur Sonne, Dakṣiṇāyana zu den Ahnen/zum Mond), ist eine frühe Fassung der später berühmten DEVAYĀNA-/PITṚYĀNA-Lehre (Pfad der Götter / Pfad der Ahnen), die ausführlicher in Chāndogya-Upaniṣad 5,10 und Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad 6,2 entfaltet und schließlich in der Bhagavadgītā (8,24-25) aufgegriffen wird — dort wird ausdrücklich gelehrt, dass der in der 'lichten Hälfte' (Uttarāyaṇa) Sterbende nicht wiederkehrt, der in der 'dunklen Hälfte' Sterbende aber zurückkehrt. Der Abschnitt endet mit einem knappen, im Scan kaum auflösbaren mnemonischen Formel-Index (einer Art Inhalts-Zählung) sowie mit der abschließenden Friedensformel 'saha nāvavatu' — derselben, mit der schon Prapāṭhaka 7, 8 und 10 begonnen hatten — gefolgt vom dreifachen 'Oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ'.] || HIERMIT ENDET PRAPĀṬHAKA 10 (MAHĀNĀRĀYAṆA-/NĀRĀYAṆA-UPANIṢAD) UND DAMIT DAS GESAMTE TAITTIRĪYA-ĀRAṆYAKA IN SEINEN ZEHN PRAPĀṬHAKAS. || [Anm.: Der vorliegende Scan schließt sich jedoch unmittelbar an einen weiteren Text an, überschrieben 'Ekāgnikāṇḍe prathamaḥ praśnaḥ' ('Erste Frage im Buch des Einzelfeuers') — ein bekanntes Anhangswerk, das in mehreren Taittirīya-Rezensionen (insbesondere Āpastamba/Baudhāyana) dem Āraṇyaka angeschlossen wird und häuslich-rituelle Texte, vor allem zur Eheschließung (Vivāha), enthält. Diesem Anhang ist ein eigenes neues Kapitel gewidmet, siehe die folgende Werk-Einheit.]

Wort für Wort
udagayane pramīyate devānāmeva mahimānaṃ gatvā ādityasya sāyujyaṃ gacchati
wer in der nördlichen Sonnenwende stirbt, erlangt Vereinigung mit der Sonne [GROSSER FUND: Vorform der Devayāna/Uttarāyaṇa-Lehre, vgl. BG 8,24]
dakṣiṇe pramīyate pitṝṇāmeva mahimānaṃ gatvā candramasaḥ sāyujyam āpnoti
wer in der südlichen Sonnenwende stirbt, erlangt Vereinigung mit dem Mond [Pitṛyāna]
om śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ
Oṃ, Friede, Friede, Friede [Schlussformel des gesamten Taittirīya-Āraṇyaka]

K.101 (Abschluss): GROSSER FUND — die Lehre von Uttarāyaṇa/Dakṣiṇāyana als bestimmend für das Nach-Tod-Schicksal (Vereinigung mit Sonne bzw. Mond), eine frühe Fassung der später in Chāndogya 5,10, Bṛhadāraṇyaka 6,2 und Bhagavadgītā 8,24-25 entfalteten Devayāna-/Pitṛyāna-Lehre. Danach ein knapper mnemonischer Formel-Index und die abschließende Friedensformel 'saha nāvavatu' / 'Oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ'. HIERMIT IST DAS GESAMTE TAITTIRĪYA-ĀRAṆYAKA (10 PRAPĀṬHAKAS) VOLLSTÄNDIG ÜBERSETZT. Der Scan schließt jedoch unmittelbar den Anhang 'Ekāgnikāṇḍa' an, dem ein neues Kapitel gewidmet wird.

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