Quellen der Menschheit

Taittirīya-Āraṇyaka

Kapitel 8: taittirīyāraṇyakam · aṣṭamaḥ praśnaḥ (anuvāka 1–9) · brahmānandavallī Prapāṭhaka 8 (vollständig): Brahmānandavallī der Taittirīya-Upaniṣad — Pañcakośa-Lehre, 'raso vai saḥ', Furchtlosigkeit, Ānanda-Mīmāṃsā (TA 8,1–9)

Die BRAHMĀNANDAVALLĪ (Prapāṭhaka 8, 9 Anuvākas/Kaṇḍikās) ist nun vollständig übersetzt. Sie beginnt mit der berühmten Friedensformel 'saha nāvavatu' und entfaltet die für die spätere Vedānta-Philosophie grundlegende PAÑCAKOŚA-LEHRE: fünf ineinander verschachtelte 'Hüllen' des Selbst — annamaya (aus Nahrungssaft, K.1), prāṇamaya (aus Lebensatem, K.3), manomaya (aus Denken, K.4, mit dem großen FUND-Vers 'yato vāco nivartante' über die Unaussprechlichkeit des Brahman), vijñānamaya (aus Erkenntnis, K.5) und ānandamaya (aus Wonne, K.6) — jede im wiederkehrenden Bild eines Vogels (Haupt, zwei Flügel, Selbst, Schwanz als Stütze) dargestellt, wobei am Ende der innersten Hülle das Brahman selbst als letzte Stütze erscheint. Es folgen (K.7, GROSSER FUND) die berühmte Formel 'raso vai saḥ' ('er ist die Essenz [aller Dinge]') und die einflussreiche FURCHTLOSIGKEITS-LEHRE (Furcht entsteht nur aus angenommener Trennung vom Brahman — ein früher Beleg der Advaita-Theologie), sowie die Schöpfungs-durch-Verlangen-Erzählung ('so'kāmayata, bahu syāṃ prajāyeyeti', K.6) mit dem vollständigen Eingehen des Schöpfers in seine Schöpfung als Grundlage aller Gegensatzpaare. Höhepunkt ist (K.8, GROSSER FUND) die berühmte ĀNANDA-MĪMĀṂSĀ — eine zehnstufige, jeweils hundertfache Steigerung der Wonne von Mensch über Gandharven, Ahnen, verschiedene Götterklassen, Indra, Bṛhaspati und Prajāpati bis zum Brahman, mit abschließender Identifikation des Selbst im Menschen mit dem kosmischen Selbst in der Sonne. K.9 schließt mit einer Wiederholung des Wonne-Verses und der Eröffnungs-Friedensformel (Ringkomposition). METHODEN-HINWEIS: wie stets ausschließlich aus dem Sanskrit-Original übersetzt; an einer Seitenumbruch-Stelle (Übergang K.6/K.7) war die genaue Anuvāka/Kaṇḍikā-Zuordnung im Scan unsicher, weshalb hier auf die Reihenfolge der fortlaufend nummerierten Druck-Absätze als verlässlichen Anker zurückgegriffen wurde; Inhalt und Vollständigkeit sind davon nicht betroffen. Die BHṚGUVALLĪ (Prapāṭhaka 9, mit dem berühmten Bhṛgu-Varuṇa-Dialog über das Wesen des Brahman) folgt als nächster Abschnitt.

oṃ saha nāvavatu, saha nau bhunaktu, saha vīryaṃ karavāvahai, tejasvi nāvadhītam astu mā vidviṣāvahai, oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ || [K.1:] brahmavid āpnoti param, tadeṣābhyuktā, satyaṃ jñānam anantaṃ brahma, yo veda nihitaṃ guhāyāṃ parame vyoman, so'śnute sarvān kāmān saha, brahmaṇā vipaścitā iti. tasmādvā etasmādātmana ākāśaḥ saṃbhūtaḥ, ākāśādvāyuḥ, vāyoragniḥ, agnerāpaḥ, adbhyaḥ pṛthivī, pṛthivyā oṣadhayaḥ, oṣadhībhyo'nnam, annātpuruṣaḥ, sa vā eṣa puruṣo 'nnarasamayaḥ, tasyedameva śiraḥ, ayaṃ dakṣiṇaḥ pakṣaḥ, ayamuttaraḥ pakṣaḥ, ayamātmā, idaṃ puccham pratiṣṭhā, tadapyeṣa śloko bhavati || (0.8.1.1) ||

Oṃ. Gemeinsam möge er uns beide schützen. Gemeinsam möge er uns beide nähren. Gemeinsam wollen wir [unsere] Kraft erweisen. Kraftvoll sei unser gemeinsames Studium. Wir wollen einander nicht hassen. Oṃ. Friede, Friede, Friede. [Anm.: Die berühmte, bis heute vor dem Studium dieses und des folgenden Prapāṭhaka rezitierte Friedensformel 'saha nāvavatu'.] — [K.1:] Der Kenner des Brahman erlangt das Höchste. Darüber gibt es diesen Spruch: 'Wahrheit, Erkenntnis, Unendlichkeit ist das Brahman. Wer es kennt, verborgen in der Höhle [des Herzens], im höchsten Himmelsraum, der genießt alle Wünsche zugleich mit dem weisen Brahman.' Aus eben diesem Selbst (ātman) entstand der Raum (ākāśa); aus dem Raum der Wind; aus dem Wind das Feuer; aus dem Feuer das Wasser; aus dem Wasser die Erde; aus der Erde die Pflanzen; aus den Pflanzen die Nahrung; aus der Nahrung der Mensch (puruṣa). Dieser Mensch nun besteht aus dem Saft der Nahrung (annarasamaya); dies eben ist sein Haupt, dies der rechte Flügel, dies der linke Flügel, dies das Selbst [der Rumpf], dies der Schwanz [als] Stütze. Auch darüber gibt es diesen Vers: (TA 8,1,1) [Anm.: DIE BERÜHMTE KOSMOGONISCHE KETTE (ākāśa→vāyu→agni→āpaḥ→pṛthivī→oṣadhi→anna→puruṣa) — eine der einflussreichsten Schöpfungsreihen der gesamten Upaniṣaden-Literatur — sowie der Beginn der berühmten PAÑCAKOŚA-LEHRE (fünf Hüllen des Selbst), hier mit der ersten, 'aus Nahrungssaft bestehenden' Hülle (annamaya-kośa), dargestellt im wiederkehrenden Bild eines Vogels mit Haupt, zwei Flügeln, Rumpf und Schwanz als Stütze — ein Bildschema, das für jede der folgenden vier Hüllen wiederholt wird.]

Wort für Wort
brahmavid āpnoti param
der Kenner des Brahman erlangt das Höchste [berühmte Eröffnungsformel]
satyaṃ jñānam anantaṃ brahma
Wahrheit, Erkenntnis, Unendlichkeit ist das Brahman
tasmādvā etasmādātmana ākāśaḥ saṃbhūtaḥ
aus eben diesem Selbst entstand der Raum [Beginn der Schöpfungskette]
sa vā eṣa puruṣo'nnarasamayaḥ
dieser Mensch besteht aus dem Saft der Nahrung [erste Hülle, annamaya-kośa]

Eröffnung mit der berühmten Friedensformel 'saha nāvavatu'. K.1: die kosmogonische Kette ākāśa-vāyu-agni-āpaḥ-pṛthivī-oṣadhi-anna-puruṣa und die erste der fünf Ātman-Hüllen (annamaya-kośa, 'aus Nahrungssaft bestehend'), im Vogel-Bildschema dargestellt.

[K.2:] annādvai prajāḥ prajāyante, yāḥ kāśca pṛthivīgṃ śritāḥ, atho annenaiva jīvanti, athainad api yanty antataḥ, annaṃ hi bhūtānāṃ jyeṣṭham, tasmāt sarvauṣadham ucyate, sarvaṃ vai te'nnam āpnuvanti, ye'nnaṃ brahmopāsate, annaṃ hi bhūtānāṃ jyeṣṭham, tasmāt sarvauṣadham ucyate, annādbhūtāni jāyante, jātānyannena vardhante, adyate'tti ca bhūtāni, tasmādannaṃ taducyata iti || (0.8.2.2) || [K.3, Prāṇamaya-Hülle:] tasmādvā etasmādannarasamayāt, anyo'ntara ātmā prāṇamayaḥ, tenaiṣa pūrṇaḥ, sa vā eṣa puruṣavidha eva, tasya puruṣavidhatām, anvayaṃ puruṣavidhaḥ, tasya prāṇa eva śiraḥ, vyāno dakṣiṇaḥ pakṣaḥ, apāna uttaraḥ pakṣaḥ, ākāśa ātmā, pṛthivī puccham pratiṣṭhā, tadapyeṣa śloko bhavati, prāṇaṃ devā anuprāṇanti, manuṣyāḥ paśavaśca ye, prāṇo hi bhūtānām āyuḥ, tasmāt sarvāyuṣam ucyate, sarvam eva ta āyur yanti, ye prāṇaṃ brahmopāsate, prāṇo hi bhūtānām āyuḥ, tasmāt sarvāyuṣam ucyata iti || (0.8.2.3) || [K.4, Manomaya-Hülle:] tasyaiṣa eva śārīra ātmā, yaḥ pūrvasya, tasmādvā etasmāt prāṇamayāt, anyo'ntara ātmā manomayaḥ, tenaiṣa pūrṇaḥ, sa vā eṣa puruṣavidha eva, tasya puruṣavidhatām, anvayaṃ puruṣavidhaḥ, tasya yajur eva śiraḥ, ṛg dakṣiṇaḥ pakṣaḥ, sāma uttaraḥ pakṣaḥ, ādeśa ātmā, atharvāṅgirasaḥ puccham pratiṣṭhā, tadapyeṣa śloko bhavati, yato vāco nivartante, aprāpya manasā saha, ānandaṃ brahmaṇo vidvān, na bibheti kadācaneti || (0.8.3.4) ||

[K.2:] Aus Nahrung fürwahr werden die Geschöpfe geboren, welche auch immer auf der Erde ansässig sind; sodann leben sie eben von Nahrung, und schließlich gehen sie auch wieder in sie ein. Denn Nahrung ist das Älteste unter den Wesen, daher wird sie 'Allheilmittel' genannt. Alle erlangen fürwahr diese Nahrung, die die Nahrung als Brahman verehren; denn Nahrung ist das Älteste unter den Wesen, daher wird sie 'Allheilmittel' genannt. Aus Nahrung werden die Wesen geboren, geboren wachsen sie durch Nahrung; da sie [von den Wesen] verzehrt wird und [selbst wieder die Wesen] verzehrt, deshalb wird sie 'Nahrung' (anna) genannt. (TA 8,2,2) [Anm.: FUND — die berühmte Etymologie 'anna' (Nahrung) von der Wurzel 'ad-' (essen/verzehren), im doppelten Sinn von 'verzehrt werden' und 'verzehren': ein frühes Beispiel vedischer Wortspiel-Etymologie (nirukta).] — [K.3, ZWEITE HÜLLE, Prāṇamaya:] Aus eben diesem aus Nahrungssaft bestehenden [Selbst] gibt es fürwahr ein anderes, inneres Selbst, bestehend aus Lebensatem (prāṇamaya); von diesem ist jenes erfüllt. Dieses hat auch die Gestalt eines Menschen; entsprechend dessen menschenähnlicher Gestalt [ist auch dieses] menschenähnlich gestaltet. Von diesem ist eben der Prāṇa das Haupt, der Vyāna der rechte Flügel, der Apāna der linke Flügel, der Raum das Selbst, die Erde der Schwanz [als] Stütze. Auch darüber gibt es diesen Vers: 'Dem Prāṇa atmen die Götter nach, [ebenso] die Menschen und das Vieh; denn der Prāṇa ist das Leben der Wesen, daher wird er "der alles Leben Umfassende" genannt. Ihr ganzes Leben erlangen jene, die den Prāṇa als Brahman verehren; denn der Prāṇa ist das Leben der Wesen, daher wird er so genannt.' (TA 8,2,3) — [K.4, DRITTE HÜLLE, Manomaya:] Dies ist nun das leibliche Selbst des vorherigen [Lebensatem-Selbst]. Aus eben diesem aus Lebensatem bestehenden [Selbst] gibt es fürwahr ein anderes, inneres Selbst, bestehend aus Denken (manomaya); von diesem ist jenes erfüllt. Dieses hat auch die Gestalt eines Menschen; entsprechend dessen menschenähnlicher Gestalt [ist auch dieses] menschenähnlich gestaltet. Von diesem ist eben der Yajus-Spruch das Haupt, der Ṛc-Vers der rechte Flügel, das Sāman-Lied der linke Flügel, die Unterweisung (ādeśa) das Selbst, der Atharvāṅgiras [d.h. der Atharvaveda] der Schwanz [als] Stütze. Auch darüber gibt es diesen Vers: 'Von wo die Worte zurückkehren, zusammen mit dem Denken, sie nicht erreichend — wer die Wonne (ānanda) des Brahman kennt, fürchtet sich niemals.' (TA 8,3,4) [Anm.: GROSSER FUND — dieser Vers ('yato vāco nivartante...') gehört zu den berühmtesten Aussagen der gesamten Upaniṣaden-Literatur über die Unaussprechlichkeit des Brahman jenseits von Sprache und Denken; er wird später in der Taittirīya-Upaniṣad selbst (Bhṛguvallī) nahezu wörtlich wiederholt.]

Wort für Wort
annādbhūtāni jāyante, jātānyannena vardhante
aus Nahrung werden die Wesen geboren, geboren wachsen sie durch Nahrung
adyate'tti ca bhūtāni, tasmādannaṃ taducyate
sie wird verzehrt und verzehrt [die Wesen], deshalb wird sie 'Nahrung' genannt [Etymologie-FUND]
prāṇo hi bhūtānām āyuḥ
denn der Prāṇa ist das Leben der Wesen
yato vāco nivartante, aprāpya manasā saha
von wo die Worte zurückkehren, zusammen mit dem Denken, sie nicht erreichend [GROSSER FUND]
ānandaṃ brahmaṇo vidvān na bibheti kadācana
wer die Wonne des Brahman kennt, fürchtet sich niemals

K.2: die berühmte Anna-Etymologie (FUND, Wortspiel ad-/anna). K.3: die zweite Hülle (prāṇamaya-kośa, 'aus Lebensatem bestehend') mit dem Vers 'prāṇaṃ devā anuprāṇanti'. K.4: die dritte Hülle (manomaya-kośa, 'aus Denken bestehend') mit dem großen FUND-Vers 'yato vāco nivartante' über die Unaussprechlichkeit des Brahman.

[K.5, Vijñānamaya-Hülle:] tasyaiṣa eva śārīra ātmā, yaḥ pūrvasya, tasmādvā etasmānmanomayāt, anyo'ntara ātmā vijñānamayaḥ, tenaiṣa pūrṇaḥ, sa vā eṣa puruṣavidha eva, tasya puruṣavidhatām, anvayaṃ puruṣavidhaḥ, tasya śraddhaiva śiraḥ, ṛtaṃ dakṣiṇaḥ pakṣaḥ, satyam uttaraḥ pakṣaḥ, yoga ātmā, mahaḥ puccham pratiṣṭhā, tadapyeṣa śloko bhavati, vijñānaṃ yajñaṃ tanute, karmāṇi tanute 'pi ca, vijñānaṃ devāḥ sarve, brahma jyeṣṭham upāsate, vijñānaṃ brahma ced veda, tasmāccenna pramādyati, śarīre pāpmano hitvā, sarvān kāmān samaśnuta iti || (0.8.4.5) || [K.6, Ānandamaya-Hülle:] tasyaiṣa eva śārīra ātmā, yaḥ pūrvasya, tasmādvā etasmādvijñānamayāt, anyo'ntara ātmānandamayaḥ, tenaiṣa pūrṇaḥ, sa vā eṣa puruṣavidha eva, tasya puruṣavidhatām, anvayaṃ puruṣavidhaḥ, tasya priyam eva śiraḥ, modo dakṣiṇaḥ pakṣaḥ, pramoda uttaraḥ pakṣaḥ, ānanda ātmā, brahma puccham pratiṣṭhā, tadapyeṣa śloko bhavati || (0.8.5.6) || [K.7:] asanneva sa bhavati, asadbrahmeti veda cet, astibrahmeti cedveda, santam enaṃ tato viduriti, tasyaiṣa eva śārīra ātmā, yaḥ pūrvasya, athāta upapraśnāḥ, utāvidvān amuṃ lokaṃ pretya kaścana gacchati 3, āho vidvān amuṃ lokaṃ pretya kaścit samaśnute u, so'kāmayata, bahu syāṃ prajāyeyeti, sa tapo'tapyata, sa tapastaptvā, idagṃ sarvamasṛjata, yadidaṃ kiñca, tatsṛṣṭvā, tadevānuprāviśat, tadanupraviśya, sacca tyaccābhavat, niruktaṃ cāniruktaṃ ca, nilayanaṃ cānilayanaṃ ca, vijñānaṃ cāvijñānaṃ ca, satyaṃ cānṛtaṃ ca satyamabhavat, yadidaṃ kiñca, tatsatyamityācakṣate, tadapyeṣa śloko bhavati || (0.8.6.7) ||

[K.5, VIERTE HÜLLE, Vijñānamaya:] Dies ist nun das leibliche Selbst des vorherigen [Denk-Selbst]. Aus eben diesem aus Denken bestehenden [Selbst] gibt es fürwahr ein anderes, inneres Selbst, bestehend aus Erkenntnis (vijñānamaya); von diesem ist jenes erfüllt. Dieses hat auch die Gestalt eines Menschen; entsprechend dessen menschenähnlicher Gestalt [ist auch dieses] menschenähnlich gestaltet. Von diesem ist eben der Glaube (śraddhā) das Haupt, das Rechte (ṛta) der rechte Flügel, die Wahrheit (satya) der linke Flügel, die [Vertiefungs-]Übung (yoga) das Selbst, das Große (mahaḥ) der Schwanz [als] Stütze. Auch darüber gibt es diesen Vers: 'Die Erkenntnis (vijñāna) breitet das Opfer aus, sie breitet auch die [übrigen rituellen] Werke aus; die Erkenntnis verehren alle Götter als das höchste Brahman. Wer die Erkenntnis als Brahman kennt und nicht davon abirrt, der lässt im Leibe das Übel zurück und erlangt alle Wünsche.' (TA 8,4,5) — [K.6, FÜNFTE HÜLLE, Ānandamaya:] Dies ist nun das leibliche Selbst des vorherigen [Erkenntnis-Selbst]. Aus eben diesem aus Erkenntnis bestehenden [Selbst] gibt es fürwahr ein anderes, inneres Selbst, bestehend aus Wonne (ānandamaya); von diesem ist jenes erfüllt. Dieses hat auch die Gestalt eines Menschen; entsprechend dessen menschenähnlicher Gestalt [ist auch dieses] menschenähnlich gestaltet. Von diesem ist eben die Freude (priya) das Haupt, das Wohlgefallen (moda) der rechte Flügel, das Entzücken (pramoda) der linke Flügel, die Wonne (ānanda) das Selbst, das Brahman der Schwanz [als] Stütze. Auch darüber gibt es diesen Vers. (TA 8,5,6) [Anm.: Mit der fünften und letzten Hülle, der 'aus Wonne bestehenden' (ānandamaya-kośa), erreicht die berühmte PAÑCAKOŚA-LEHRE ihren Höhepunkt: Brahman selbst bildet hier den 'Schwanz'/die tragende Stütze — womit angedeutet wird, dass jenseits auch dieser innersten Hülle noch das Brahman selbst als letzter Grund steht.] — [K.7, DIE FRAGE NACH SEIN UND NICHTSEIN, UND DIE SCHÖPFUNG DURCH VERLANGEN:] Er wird geradezu zum Nichtseienden, wer das Brahman als nichtseiend erkennt. Wer [hingegen] erkennt 'das Brahman ist [seiend]', den erkennt man daraufhin als den Seienden. Dies ist nun das leibliche Selbst des vorherigen [Wonne-Selbst]. Nun folgen hierzu weiterführende Fragen: Gelangt ein Unwissender, [wenn er] von hinnen [scheidet], in jene Welt? Oder erlangt ein Wissender, [wenn er] von hinnen scheidet, jene Welt? — [Antwort, als Schöpfungserzählung:] Er [das Selbst/Brahman] begehrte: 'Ich möchte viele sein, ich möchte mich fortpflanzen.' Er übte Askese (tapas). Askese geübt habend, schuf er dies alles, was immer hier ist. Nachdem er es geschaffen hatte, ging er eben in dieses ein. Nachdem er hineingegangen war, wurde er sowohl das Wirkliche als auch das Nicht-mehr-Greifbare, sowohl das Ausgesprochene als auch das Unausgesprochene, sowohl das Fundierte als auch das Unfundierte, sowohl die Erkenntnis als auch die Nicht-Erkenntnis, sowohl das Wahre als auch das Unwahre — wahr wurde [er, bzw. es wurde] alles, was immer hier ist; das nennt man 'das Wahre' (satyam). Auch darüber gibt es diesen Vers. (TA 8,6,7) [Anm.: GROSSER FUND — dies ist die berühmte kosmogonische Schöpfungs-durch-Verlangen-Erzählung ('so'kāmayata, bahu syāṃ prajāyeyeti' — 'er begehrte: ich möchte viele sein'), die dem Selbst/Brahman ein ursprüngliches Verlangen nach Vervielfältigung zuschreibt, gefolgt von Askese (tapas) als Mittel der Schöpfung und einem anschließenden vollständigen Eingehen des Schöpfers in die eigene Schöpfung — eine der theologisch folgenreichsten Passagen der Upaniṣaden-Literatur, die die Immanenz des Brahman in allen Gegensatzpaaren (wirklich/unwirklich, erkennbar/unerkennbar, wahr/unwahr) begründet.]

Wort für Wort
tasya śraddhaiva śiraḥ
von diesem ist der Glaube das Haupt [vijñānamaya-Hülle]
vijñānaṃ devāḥ sarve brahma jyeṣṭham upāsate
die Erkenntnis verehren alle Götter als das höchste Brahman
tasya priyam eva śiraḥ ... ānanda ātmā, brahma puccham pratiṣṭhā
die Freude das Haupt ... die Wonne das Selbst, das Brahman der Schwanz als Stütze [ānandamaya-Hülle, Höhepunkt der Pañcakośa-Lehre]
so'kāmayata, bahu syāṃ prajāyeyeti
er begehrte: ich möchte viele sein, ich möchte mich fortpflanzen [GROSSER FUND, Schöpfungs-Verlangen]
tadanupraviśya sacca tyaccābhavat
nachdem er hineingegangen war, wurde er sowohl das Wirkliche als auch das Nicht-mehr-Greifbare

K.5: die vierte Hülle (vijñānamaya-kośa, 'aus Erkenntnis bestehend'). K.6: die fünfte und innerste Hülle (ānandamaya-kośa, 'aus Wonne bestehend'), an deren tragendem Ende das Brahman selbst steht — Höhepunkt der Pañcakośa-Lehre. K.7 (GROSSER FUND): die Schöpfung-durch-Verlangen-Erzählung ('so'kāmayata, bahu syāṃ prajāyeyeti') mit anschließendem Eingehen des Schöpfers in die eigene Schöpfung als Grundlage aller Gegensatzpaare.

[Nachtrag zu Kaṇḍikā 6/7, die in der vorherigen Einheit noch nicht übersetzte 'raso vai saḥ'-Passage:] asadvā idamagra āsīt, tato vai sadajāyata, tadātmānaṃ svayamakuruta, tasmāttatsukṛtam ucyata iti. yadvai tatsukṛtam, raso vai saḥ, rasaṃ hyevāyaṃ labdhvānandī bhavati, ko hyevānyāt kaḥ prāṇyāt, yadeṣa ākāśa ānando na syāt, eṣa hyevānandayāti. yadā hyevaiṣa etasminn adṛśye 'nātmye 'nirukte 'nilayane 'bhayaṃ pratiṣṭhāṃ vindate, atha so'bhayaṃ gato bhavati. yadā hyevaiṣa etasminn udaram antaraṃ kurute, atha tasya bhayaṃ bhavati, tattveva bhayaṃ viduṣo'manvānasya, tadapyeṣa śloko bhavati || (0.8.6.7) || [K.8, die Ānanda-Mīmāṃsā:] bhīṣāsmādvātaḥ pavate, bhīṣodeti sūryaḥ, bhīṣāsmādagniścendraśca, mṛtyurdhāvati pañcama iti. saiṣānandasya mīmāṃsā bhavati, yuva syāt sādhu yuvādhyāyakaḥ, āśiṣṭho dṛḍhiṣṭho baliṣṭhaḥ, tasyeyaṃ pṛthivī sarvā vittasya pūrṇā syāt, sa eko mānuṣa ānandaḥ. te ye śataṃ mānuṣā ānandāḥ, sa eko manuṣyagandharvāṇām ānandaḥ, śrotriyasya cākāmahatasya. te ye śataṃ manuṣyagandharvāṇām ānandāḥ, sa eko devagandharvāṇām ānandaḥ, śrotriyasya cākāmahatasya. te ye śataṃ devagandharvāṇām ānandāḥ, sa eka pitṝṇāṃ ciralokalokānām ānandaḥ, śrotriyasya cākāmahatasya. te ye śataṃ pitṝṇāṃ ciralokānām ānandāḥ, sa eka ājānajānāṃ devānām ānandaḥ, śrotriyasya cākāmahatasya. te ye śatam ājānajānāṃ devānām ānandāḥ, sa eka karmadevānām ānandaḥ, ye karmaṇā devān apiyanti, śrotriyasya cākāmahatasya. te ye śataṃ karmadevānām ānandāḥ, sa eko devānām ānandaḥ, śrotriyasya cākāmahatasya. te ye śataṃ devānām ānandāḥ, sa eka indrasyānandaḥ, śrotriyasya cākāmahatasya. te ye śatam indrasyānandāḥ, sa eko bṛhaspaterānandaḥ, śrotriyasya cākāmahatasya. te ye śataṃ bṛhaspaterānandāḥ, sa eko prajāpaterānandaḥ, śrotriyasya cākāmahatasya. te ye śataṃ prajāpaterānandāḥ, sa eko brahmaṇa ānandaḥ, śrotriyasya cākāmahatasya, sa yaścāyaṃ puruṣe, yaścāsāvāditye, sa ekaḥ. sa ya evaṃvit, asmāllokātpretya, etamannamayamātmānamupasaṃkrāmati, etaṃ prāṇamayamātmānamupasaṃkrāmati, etaṃ manomayamātmānamupasaṃkrāmati, etaṃ vijñānamayamātmānamupasaṃkrāmati, etamānandamayamātmānam upasaṃkrāmati, tadapyeṣa śloko bhavati || (0.8.8.8) || [K.9, Schluss:] yato vāco nivartante, aprāpya manasā saha, ānandaṃ brahmaṇo vidvān, na bibheti kutaścaneti, etaṃ ha vāva na tapati, kimahaṃ sādhu nākaravam, kimahaṃ pāpam akaravam iti, sa ya evaṃ vidvān ete ātmānaṃ spṛṇute, ubhe hyevaiṣa ete ātmānaṃ spṛṇute, ya evaṃ veda, ity upaniṣat || (0.8.9.9) || saha nāvavatu, saha nau bhunaktu, saha vīryaṃ karavāvahai, tejasvi nāvadhītam astu, mā vidviṣāvahai, oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

[K.7, die berühmte 'RASO VAI SAḤ'-PASSAGE:] Im Anfang war dies wahrlich Nichtseiendes (asat). Daraus fürwahr entstand das Seiende (sat). Dieses machte sich selbst zu sich selbst (tadātmānaṃ svayam akuruta); daher wird es 'das Wohlgemachte' (sukṛtam) genannt. Was nun jenes Wohlgemachte ist — er ist die Essenz (rasa) [aller Dinge]! Denn erst nachdem man diese Essenz erlangt hat, wird man wonnevoll (ānandin). Denn wer könnte [überhaupt] atmen, wer könnte leben, wenn nicht diese Wonne im Raum (ākāśa) wäre? Denn eben dieser [Raum/dieses Brahman] macht [alles] wonnevoll. Denn wenn dieser [Mensch] in jenem Unsichtbaren, Wesenlosen, Unaussprechlichen, Grundlosen einen festen Halt der Furchtlosigkeit findet, dann ist er zur Furchtlosigkeit gelangt. Wenn er aber in diesem [Brahman] auch nur die geringste Kluft [Unterschied zu sich selbst] schafft, dann entsteht ihm Furcht. Und eben das ist die Furcht des [zwar] Wissenden, [der aber noch] Unterscheidungen macht [zwischen sich und Brahman]. Auch darüber gibt es diesen Vers. (TA 8,6,7) [Anm.: GROSSER FUND — 'raso vai saḥ' ('er ist die Essenz') ist eine der berühmtesten Kurzformeln der gesamten Upaniṣaden-Literatur zur Bestimmung des Brahman als letzten Ursprung aller Wonne, unmittelbar gefolgt von der ebenso einflussreichen FURCHTLOSIGKEITS-LEHRE: Furcht entsteht erst, wo eine Trennung/Kluft zwischen dem individuellen Selbst und dem Brahman angenommen wird — vollkommene Identifikation dagegen führt zu absoluter Furchtlosigkeit. Diese Lehre gilt als einer der frühesten expliziten Belege der später als Advaita bekannten Nicht-Zweiheits-Theologie.] — [K.8, DIE BERÜHMTE 'ĀNANDA-MĪMĀṂSĀ' (Maß der Wonne):] Aus Furcht vor ihm weht der Wind, aus Furcht vor ihm geht die Sonne auf, aus Furcht vor ihm [wirken] Agni und Indra, und der Tod läuft als Fünfter [seines Weges] — so [heißt es]. Dies nun ist die Berechnung/Erwägung (mīmāṃsā) der Wonne: Es sei ein junger Mann, tüchtig, gut belesen [im Veda], von bestem Wesen, von festester Gesinnung, von größter Kraft — ihm gehöre diese ganze Erde, voll von [allem] Besitz — das sei EINE menschliche Wonne(-Einheit). Hundert solcher menschlicher Wonnen sind EINE Wonne der Menschen-Gandharven, [und zwar] eines schriftkundigen [Brahmanen], der frei von [störendem] Begehren ist. Hundert Wonnen der Menschen-Gandharven sind EINE Wonne der Götter-Gandharven, [ebenso gemessen an] einem schriftkundigen, begehrensfreien [Brahmanen]. Hundert Wonnen der Götter-Gandharven sind EINE Wonne der Ahnen in der Welt des langen [Bestehens]. Hundert solcher Ahnen-Wonnen sind EINE Wonne der von Geburt an [göttlichen] Götter. Hundert Wonnen dieser [von Geburt an göttlichen] Götter sind EINE Wonne der Werk-Götter, die durch [rituelles] Werk zu Göttern gelangt sind. Hundert Wonnen der Werk-Götter sind EINE Wonne der [33] Götter. Hundert Wonnen der Götter sind EINE Wonne Indras. Hundert Wonnen Indras sind EINE Wonne Bṛhaspatis. Hundert Wonnen Bṛhaspatis sind EINE Wonne Prajāpatis. Hundert Wonnen Prajāpatis sind EINE Wonne des Brahman — [und zwar jeweils gemessen an] einem schriftkundigen, begehrensfreien [Brahmanen]. Und der, welcher in diesem Menschen [wohnt], und jener, welcher dort in der Sonne [wohnt] — das ist EIN UND DERSELBE. Wer dies so weiß, der geht, wenn er von dieser Welt geschieden ist, [nacheinander] zu diesem aus Nahrung bestehenden Selbst über, geht zu diesem aus Lebensatem bestehenden Selbst über, geht zu diesem aus Denken bestehenden Selbst über, geht zu diesem aus Erkenntnis bestehenden Selbst über, geht zu diesem aus Wonne bestehenden Selbst über. Auch darüber gibt es diesen Vers. (TA 8,8,8) [Anm.: GROSSER FUND — die berühmte 'Ānanda-Mīmāṃsā': eine systematische, jeweils hundertfache Steigerung der Wonne über zehn Stufen — vom vollkommen glücklichen jungen Menschen über Gandharven, Ahnen, verschiedene Götterklassen, Indra, Bṛhaspati und Prajāpati bis hin zum Brahman selbst — mit der abschließenden Identifikation des im Menschen wohnenden Selbst mit dem in der Sonne wohnenden [kosmischen Selbst]. Diese Passage gilt als eine der eindrucksvollsten 'Skalierungen' spiritueller Glücksmaße in der Weltliteratur und bereitet zugleich den Weg des Verstorbenen durch die fünf zuvor gelehrten Ātman-Hüllen vor.] — [K.9, Schluss:] 'Von wo die Worte zurückkehren, zusammen mit dem Denken, sie nicht erreichend — wer die Wonne des Brahman kennt, fürchtet sich vor nichts.' Diesen [Menschen] quält es nun wahrlich nicht [die Sorge]: 'Warum habe ich nicht Gutes getan? Warum habe ich Böses getan?' Wer dies so weiß, besänftigt durch beides [gute wie böse Taten] sein Selbst; denn er besänftigt eben durch beide dieses Selbst, wer dies so weiß. Dies ist die Geheimlehre (upaniṣad). (TA 8,9,9) [Schlussformel, Wiederholung der Eröffnung:] Gemeinsam möge er uns beide schützen. Gemeinsam möge er uns beide nähren. Gemeinsam wollen wir [unsere] Kraft erweisen. Kraftvoll sei unser gemeinsames Studium. Wir wollen einander nicht hassen. Oṃ. Friede, Friede, Friede. [Anm.: Mit K.9 und der wiederholten Friedensformel (Ringkomposition) ist die BRAHMĀNANDAVALLĪ (Prapāṭhaka 8, 9 Anuvākas/Kaṇḍikās) VOLLSTÄNDIG übersetzt. Die BHṚGUVALLĪ (Prapāṭhaka 9, mit dem berühmten Bhṛgu-Varuṇa-Dialog) folgt unmittelbar als nächster Abschnitt.]

Wort für Wort
raso vai saḥ
er ist die Essenz [GROSSER FUND, berühmteste Kurzformel für Brahman]
rasaṃ hyevāyaṃ labdhvānandī bhavati
erst nachdem man diese Essenz erlangt hat, wird man wonnevoll
yadā hyevaiṣa etasminn udaram antaraṃ kurute, atha tasya bhayaṃ bhavati
wenn er in diesem eine Kluft schafft, entsteht ihm Furcht [Furchtlosigkeits-Lehre]
sa eko mānuṣa ānandaḥ
das sei eine menschliche Wonne-Einheit [Beginn der Ānanda-Mīmāṃsā]
te ye śataṃ prajāpaterānandāḥ, sa eko brahmaṇa ānandaḥ
hundert Wonnen Prajāpatis sind eine Wonne des Brahman [Höhepunkt der Skala]

K.7 (GROSSER FUND): die berühmte 'raso vai saḥ'-Formel und die Furchtlosigkeits-Lehre (Furcht entsteht nur aus angenommener Trennung vom Brahman) — ein früher Beleg der Nicht-Zweiheits-(Advaita-)Theologie. K.8 (GROSSER FUND): die berühmte Ānanda-Mīmāṃsā, eine zehnstufige, jeweils hundertfache Steigerung der Wonne von Mensch bis Brahman, mit abschließender Puruṣa-Āditya-Identifikation und dem Übergang des Wissenden durch die fünf Ātman-Hüllen nach dem Tod. K.9: Schlussformel mit Wiederholung des Wonne-Verses und der Eröffnungs-Friedensformel (Ringkomposition). Mit K.9 ist die Brahmānandavallī (Prapāṭhaka 8, 9 Anuvākas) vollständig übersetzt; die Bhṛguvallī (Prapāṭhaka 9) folgt als nächster Abschnitt.

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