Dieses Kapitel umfasst nun den GESAMTEN, VOLLSTÄNDIG ÜBERSETZTEN ZWEITEN PRAPĀṬHAKA (24 Kaṇḍikās, probeweise auf 20 Anuvākas verteilt). Inhaltlicher Bogen: Anuvāka 1 LOCUS CLASSICUS für Ursprung und drei Trageweisen der heiligen Opferschnur (yajñopavīta/prācīnāvīta/nivīta) aus dem Opferwettstreit der Götter und Asuras; Anuvāka 2 Rakṣas-Āditya-Feindschafts-Ätiologie; Anuvāka 3-6 (k.3-10) eine Kette von Sünden-Bekenntnis-, Feindabwehr- und Fluch-Reziprozitätsformeln (FUND: Trita-Āptya-Mythos-Anspielung); Anuvāka 7 (k.11) ein bedeutender FUND für die Religionsgeschichte: die windgegürteten Ṛṣis werden hier explizit als 'ŚRAMAṆĀḤ' bezeichnet, einer der frühesten Belege dieses später zentralen Begriffs für außer-brahmanische Asketen; Anuvāka 8 (k.12) ein abgestuftes Sühne-Weihe-System (dīkṣā) mit stände-differenzierter Diät; Anuvāka 9-10 (k.13-14) FUND: die vollständig ausformulierte Lehre der FÜNF GROSSEN OPFER (pañca-mahāyajña), Vorläufer von Manusmṛti 3,69-74; Anuvāka 11-14 (k.15-18) die Verfahrensvorschrift (vidhi) für den Vollzug des Brahmayajña (Ort, Zeit, Körperhaltung, Mittags- und Gewitter-Studierverbote, mit erneutem Zitat von ṚV 1,115,1 wie bereits in Prapāṭhaka 1, Anuvāka 7); Anuvāka 15 (k.19) FUND: die Lehre der DREI SCHULDEN (ṛṇatraya: gegenüber Göttern, Ṛṣis, Vätern), Vorläufer von Manusmṛti 6,35-37; Anuvāka 16 (k.20) Sühne-Studium für Priester-'Verschleiß'; Anuvāka 17 (k.21) eine ADHYĀTMA-YAJÑA-Allegorie ('inneres Opfer': Speise=Weihe, Atem=Opfergabe usw.); Anuvāka 18 (k.22) ein Sühneritual für unfreiwilligen Samenverlust während des Brahmacarya-Gelübdes (Kaśyapa zugeschrieben); Anuvāka 19 (k.23) eine kosmologisch-anatomische Allegorie des Sternbilds Śiśumāra (Draco), dessen Verehrung Sieg über den 'Wiedertod' verheißt; Anuvāka 20 (k.24) die abschließende Richtungs-Namaskāra-Formel (sechs Richtungen inkl. Zwischenrichtung, plus Verehrung eines Weisen am Gaṅgā-Yamunā-Zusammenfluss), gerahmt von derselben Invokationsformel, mit der der Prapāṭhaka begonnen hatte. WICHTIGER METHODEN-HINWEIS: Der Quelltext ist ab Prapāṭhaka 2 ungewöhnlich schwer OCR-lesbar (unakzentuierte, dichte Devanāgarī-Prosa), und die sonst zur Gegenprüfung genutzte Digitalausgabe sanskritdocuments.org/doc_veda/taittirIyaAraNyaka.itx lieferte für den gesamten Prapāṭhaka 2 keine verlässlichen Treffer (das Werkzeug erkennt offenbar nur Prapāṭhaka 1 zuverlässig) – die Übersetzung stützt sich daher durchgehend auf eigene Bildtranskription mit entsprechend häufigeren [?]-Markierungen; die Anuvāka-Grenzen sind über im Scan erkennbare Randziffern-Zitate (Format 'Prapāṭhaka.Anuvāka.Kaṇḍikā') weitgehend, aber nicht mit letzter Sicherheit rekonstruiert. Direkt anschließend im Quelltext beginnt PRAPĀṬHAKA 3 mit der eigenen Invokation 'tac chaṃ yor āvṛṇīmahe...' (=dem später berühmten Śānti-Mantra der Taittirīya-Upaniṣad, TU 1,1,1!) und einer weiteren Adhyātma-Yajña-Allegorie (Anuvāka 1: citti=Schöpflöffel, Rede=Altar usw.) – noch nicht übersetzt.
namo brahmaṇe namo 'stv agnaye namaḥ pṛthivyai nama oṣadhībhyaḥ, namo vāce namo vācaspataye namo viṣṇave bṛhate karomi, oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ. saha vai devāś cāsurāś ca yajñaṃ pratastāvāsata, vayaṃ svargaṃ lokam aśnavāmahā iti. te 'surāḥ saṃnahya [?], sahasravarṣaṃ [?] brahmacaryeṇa tapasaiva, devāḥ svargaṃ lokam āpnuvan, na asurāḥ; na prājānata [?], te parābabhūvuḥ [?]. na svargaṃ lokam āpnuvann asurāḥ; yena vai yajñena devāḥ svargaṃ lokam āpnuvan, tat prasūtāḥ [?] asurān parābhāvayan. prasūto ha vai yajñopavītino yajñaḥ [?], devā brāhmaṇā yajñopavītī upaiti yajñam eva; tat tasmād yajñopavītī adhīyīta yajeta vā, yajñasya prasūtyai [?]. ajinaṃ vāso vā dakṣiṇata upavīya, dakṣiṇe bāhāv uddhṛtyāvadhatte savyam, iti yajñopavītam etad eva; viparītaṃ prācīnāvītam; saṃvītaṃ mānuṣam (TA 2,1,1).
Verehrung dem Brahman, Verehrung sei dem Agni, Verehrung der Erde, Verehrung den Kräutern; Verehrung der Rede, Verehrung dem Herrn der Rede, Verehrung dem hohen Viṣṇu erweise ich. Oṃ – Friede, Friede, Friede! Zusammen begannen einst die Götter und die Asuras das Opfer [in der Absicht]: 'Wir wollen die Himmelswelt erlangen.' Die Asuras – sich gürtend [?] – [suchten dies] durch tausendjährige [?] Keuschheit (brahmacarya) [und] durch Askese allein [zu erreichen]; die Götter [dagegen] erlangten die Himmelswelt, die Asuras nicht; sie erkannten es nicht [?], sie unterlagen [?]. Die Asuras erlangten die Himmelswelt nicht; durch eben jenes Opfer aber, durch das die Götter die Himmelswelt erlangten – dadurch angetrieben [?] – besiegten sie die Asuras. Angetrieben nämlich ist das Opfer dessen, der die heilige Schnur (yajñopavīta) trägt [?]: die Götter [und] die Brahmanen nähern sich, mit der heiligen Schnur bekleidet, eben dem Opfer selbst; deshalb soll man, mit der heiligen Schnur bekleidet, [den Veda] studieren oder opfern, zur Förderung [?] des Opfers. [Wird] ein Fell oder ein Gewand von der rechten Seite her umgelegt, [so dass] der rechte Arm freigehoben emporragt [und] der linke bedeckt bleibt – eben dies ist das yajñopavīta [die für das Opfer/die Götter vorgeschriebene Trageweise]; das Umgekehrte davon ist das prācīnāvīta [über die rechte Schulter, für die Ahnen]; um den Hals gelegt ist es das saṃvīta [nivīta], die menschliche [Trageweise, für Menschen bestimmt].
Wort für Wort
namo brahmaṇe
Verehrung dem Brahman
namo viṣṇave bṛhate karomi
dem hohen Viṣṇu erweise ich Verehrung
saha vai devāś cāsurāś ca yajñaṃ pratastāvāsata
zusammen begannen die Götter und die Asuras das Opfer
vayaṃ svargaṃ lokam aśnavāmahā iti
[mit dem Gedanken] 'wir wollen die Himmelswelt erlangen'
devāḥ svargaṃ lokam āpnuvan, na asurāḥ
die Götter erlangten die Himmelswelt, nicht die Asuras
yena vai yajñena devāḥ svargaṃ lokam āpnuvan
durch eben jenes Opfer, durch das die Götter die Himmelswelt erlangten
yajñopavītino yajñaḥ
das Opfer dessen, der die heilige Schnur trägt
dakṣiṇe bāhāv uddhṛtya
den rechten Arm freigehoben
yajñopavītam etad eva
eben dies ist das yajñopavīta
viparītaṃ prācīnāvītam
das Umgekehrte davon ist das prācīnāvīta
saṃvītaṃ mānuṣam
um den Hals gelegt ist es die menschliche [Trageweise]
[Anm.: Dies ist der berühmte LOCUS CLASSICUS für Ursprung und Systematik der heiligen Opferschnur (yajñopavīta, auch janeu/upavīta genannt), die bis heute im traditionellen Hinduismus von den 'zweifachgeborenen' Ständen getragen wird. Die Kaṇḍikā erklärt drei Trageweisen mit unterschiedlicher kultischer Zuordnung: yajñopavīta (über die linke Schulter, rechter Arm frei – die für Götter-/Opferhandlungen vorgeschriebene Weise), prācīnāvīta (die umgekehrte, über die rechte Schulter gelegte Weise, traditionell für Ahnen-/Manen-Riten) und saṃvīta bzw. nivīta (um den Hals gelegt, die 'menschliche', d.h. für gewöhnliche Verrichtungen bestimmte Weise) – eine Dreiteilung, die später in praktisch der gesamten Dharmaśāstra-Literatur (z.B. bei der Beschreibung der Śrāddha-Riten) aufgegriffen wird. Der Rahmen ist der auch sonst im Veda geläufige Erzähltyp vom Wettstreit zwischen Göttern und Asuras um die Himmelswelt, den die Götter durch ein spezifisches rituelles Detail (hier: das Tragen der Opferschnur beim Opfer) für sich entscheiden. [?, ab hier methodischer Hinweis:] Wegen der ungewöhnlich schwierigen OCR-Lage dieses Abschnitts (unakzentuierte, eng gesetzte Devanāgarī-Prosa) bleiben mehrere Einzelwörter im Mittelteil (etwa zur genauen Formulierung von 'sich gürtend', 'tausendjährig', 'sie erkannten es nicht') unsicher und sind entsprechend markiert; der Gesamtsinn der Kaṇḍikā – Ursprung und Bedeutung der drei Trageweisen – ist jedoch klar und durch die spätere Dharmaśāstra-Rezeption dieser Stelle gut gesichert.]
rakṣāṃsi ha vā purā [?] ugraṃ tapo 'tiṣṭhanta [?]. tāni prajāpatir vareṇāpramyata [?]. tāni varam avṛṇata, ādityo no yoddhā iti. tān prajāpatir abravīt, udayadhvam iti [?], tasmād uttiṣṭhanti. hi vā tāni rakṣāṃsy ādityaṃ yodhayanti yāvad astam avagacchati [?]. hi vā etāni rakṣāṃsi gāyatryābhimantritenāmbhasā śāmyanti [?]. tad dhaita brahmavādinaḥ pūrvābhimukhāḥ santo gāyatryābhimantritā āpa ūrdhvaṃ vikṣipanti; etā āpo vajrībhūtvā tāni rakṣāṃsi mandhi [?] dvipe prakṣipanti [?], yatra dakṣiṇaṃ prakramanti [?], tena pāpmānam apahatya [?] ... yajan ādityam abhidhyāyan kurvan brāhmaṇo vidvān sakalaṃ bhadram aśnute svāvidita iti; ya evaṃ veda (TA 2,2,2).
[?, insgesamt unsicherer, thematisch aber erkennbarer Vers:] Einst übten die Rākṣasas [Dämonen] furchtbare Askese aus. Prajāpati bot ihnen dafür einen Wunsch [zur Erfüllung] an. Sie wählten den Wunsch: 'Āditya [die Sonne] sei unser Kampfgegner.' Zu ihnen sprach Prajāpati: 'Erhebt euch [dann täglich aufs Neue]' – deshalb erheben sie sich [seither jeden Abend]. Diese Rākṣasas nämlich kämpfen gegen Āditya, bis er untergeht. Diese Rākṣasas aber werden durch mit dem Gāyatrī-Vers besprochenes Wasser besänftigt [d.h. unschädlich gemacht]: die Brahman-Kenner [Rezitatoren], nach Osten gewandt, schleudern mit dem Gāyatrī-Vers besprochenes Wasser nach oben; dieses Wasser wird zum Blitzstrahl (vajra) und [vernichtet] jene Rākṣasas [?] ... Wer, dies wissend, opfert [und] an Āditya denkt, der Brahmane, der Wissende, erlangt vollständiges Heil, [ihm] selbst kundgetan – wer so weiß [dies, dem widerfährt es].
diese Rākṣasas kämpfen gegen Āditya, bis er untergeht
gāyatryābhimantritenāmbhasā śāmyanti
durch mit dem Gāyatrī-Vers besprochenes Wasser werden sie besänftigt
etā āpo vajrībhūtvā
dieses Wasser wird zum Blitzstrahl
ya evaṃ veda
wer so weiß
[Anm.: Anuvāka 2 (probeweise Zählung, s. Kapitel-Hinweis) ist ein ätiologischer Mythos, der erklärt, warum Rākṣasas (nächtliche Dämonen) traditionell als Feinde/Gegner der Sonne gelten und mit Einbruch der Dunkelheit 'erwachen': durch eine von Prajāpati gewährte Wunscherfüllung wurde ihnen die Sonne zum ewigen Kampfgegner bestimmt. Die zweite Hälfte beschreibt ein apotropäisches Gegenritual: mit dem Gāyatrī-Vers geweihtes, nach oben geschleudertes Wasser wird zum vajra-artigen Abwehrmittel gegen diese Dämonen. Dieser Abschnitt ist wegen besonders dichter, schwer segmentierbarer Devanāgarī-Prosa im Quell-PDF nur mit erheblicher Unsicherheit transkribiert; mehrere Verbformen und der genaue Wortlaut der mittleren Ritualbeschreibung bleiben mit [?] markiert, während der thematische Kern (Rākṣasa-Sonnen-Feindschaft, Gāyatrī-Wasser als Schutzmittel) hinreichend deutlich erkennbar ist.]
[?, Kaṇḍikā 3-4 sind im Quell-Scan außergewöhnlich dicht/schwer segmentierbar; Transkription mit erhöhter Unsicherheit:] yad devā devaheḍanād devāṃ sañcakṛma vayam, devā jīvanakāmyā yad vācānṛtam ūdima, tasmān na iha mucyatāṃ viśve devāḥ sajoṣasaḥ. ṛtena dyāvāpṛthivī, ṛtena tu sarasvatī, kṛtān naḥ pāvayo 'nasaḥ yac cid enad anṛtam ūdima. indrāgnī mitrāvaruṇo somo dhātā bṛhaspatiḥ, te no muñcantv enaso yad anyakṛtam ābhi mā. sajātaḥ sādhu tā jāmiḥ sādhu, sādhv āyajaḥ sādhu vā kanīyasaḥ, anābhṛṣṭe devakṛtaṃ yad enas tasmān naḥ tvam aśma jātavedo mumugdhi (TA 2,3,3). yad vācā yan manasā bāhubhyām ūrubhyām aṣṭhīvadbhyām, śiśnair yad anṛtaṃ cakṛma vayam, agnir mā tasmād enaso gārhapatyaḥ pramuñcatu, yāni cakṛma duṣkṛtāni. yena trito 'rṇavād [?] yat tamaso nirmumoca, yenendro viśvā ajahād arātīḥ, tenāhaṃ jyotiṣā jyotir agāmi [?]. yat kusīdam pratītaṃ mayeha, yenāsya nidhinā carāmi, etat tad ṛṇo bhavāmi jīvaṃś cet, prati tat te dadhāmi. yan mayi mātā yadā pipāya, yad antarikṣād yad āśāsīti kāmāni, trite devā divi jātā yad āpa ime, tat tvā yāmi, tvaṃ no 'śne tvam agne 'yāsiṣi [?] (TA 2,3,4).
[?, insgesamt unsicher wegen außergewöhnlich schwer lesbarem Quell-Scan, thematischer Kern jedoch klar erkennbar – ein Sünden-/Falschheits-Bekenntnis- und Lösungsformular:] Was wir Götter durch Zorn der Götter [aneinander] verübt haben; was wir Götter aus Lebenswillen an Unwahrheit gesprochen haben – davon sollen uns hier alle einträchtigen Götter loslösen. Durch die Wahrheit (ṛta) [bestehen] Himmel und Erde, durch die Wahrheit auch Sarasvatī; von unseren begangenen [Sünden] reinige [uns], was auch immer wir da an Unwahrheit gesprochen haben. Indra und Agni, Mitra und Varuṇa, Soma, Dhātṛ, Bṛhaspati – sie mögen uns lösen von der Sünde, die von einem anderen begangen wurde [und uns anhaftet]. Ist es ein Verwandter, gut; ist es ein Blutsverwandter, gut; ist es ein [rituell] Höhergestellter, gut, oder ein Geringerer – die von den Göttern verhängte, nicht [durch eigene Schuld] verursachte Sünde – davon, o Allwissender [Agni, jātavedas], löse uns wie [von] einem Stein. Was wir durch die Rede, was durch den Geist, durch die Arme, durch die Schenkel, durch die Kniekehlen, durch die Glieder der Zeugung an Unwahrheit begangen haben – davon löse mich Agni Gārhapatya, [von] den Übeltaten, die wir begangen haben. Wodurch Trita [Āptya] sich aus dem Ozean [?], aus der Finsternis dreifach [?] befreite, wodurch Indra alle Feindschaften [von sich] warf – dadurch möge auch ich zum Licht hin ins Licht gelangen [?]. Was hier als Schuld/Darlehen (ṛṇa) mir entgegensteht, wodurch ich mit dieser [meiner] Habe umgehe – eben dies: möge ich schuldenfrei sein, solange ich lebe; dies gebe ich dir zurück. Was, als die Mutter mich [einst] nährte, was vom Luftraum her [an unerfüllten] Wünschen ersehnt wurde – bei Trita, den Göttern, im Himmel geboren, als diese Wasser [entstanden] – darum bitte ich dich; du bist uns [wie Speise? – unsicher], du, Agni, bist zu uns gekommen [?].
Wort für Wort
devā jīvanakāmyā yad vācānṛtam ūdima
was wir Götter aus Lebenswillen an Unwahrheit gesprochen haben
ṛtena dyāvāpṛthivī
durch die Wahrheit bestehen Himmel und Erde
indrāgnī mitrāvaruṇo somo dhātā bṛhaspatiḥ
Indra-Agni, Mitra-Varuṇa, Soma, Dhātṛ, Bṛhaspati
te no muñcantv enasaḥ
sie mögen uns von der Sünde lösen
yad vācā yan manasā
was durch Rede, was durch Geist [begangen]
śiśnair yad anṛtaṃ cakṛma vayam
was wir durch die Zeugungsglieder an Unwahrheit begangen haben
yena trito 'rṇavād yat tamaso nirmumoca
wodurch Trita sich aus dem Ozean, aus der Finsternis befreite
yenendro viśvā ajahād arātīḥ
wodurch Indra alle Feindschaften von sich warf
etat tad ṛṇo bhavāmi jīvaṃś cet
möge ich schuldenfrei sein, solange ich lebe
[Anm.: Anuvāka 3 (probeweise Zählung, Kaṇḍikā 3-4) ist erkennbar ein Sünden-Bekenntnis- und Lösungsformular (ähnlich dem später institutionalisierten Varuṇapraghāsa-Sühneritual), das falsches Reden, Denken und Handeln (Rede, Geist, Gliedmaßen) bekennt und um Loslösung durch Indra, Agni, Mitra-Varuṇa, Soma, Dhātṛ und Bṛhaspati bittet. FUND: Die Zeile 'yena trito 'rṇavād yat tamasa nirmumoca' spielt auf den vedischen TRITA-ĀPTYA-MYTHOS an (vgl. ṚV 1,105; 5,9,5; 10,8,7-8), in dem der Gott/Ṛṣi Trita von seinen Brüdern in einen Brunnen/Abgrund gestoßen und wundersam befreit wird – hier als mythisches Paradigma für die Befreiung von Schuld/Sünde herangezogen, ganz analog zur Verwendung der Schuld-als-Darlehen-Metapher (ṛṇa) im selben Abschnitt. Wegen der außergewöhnlich dichten, kaum in Einzelwörter auflösbaren Devanāgarī-Schreibung dieses Passus im Quell-Scan bleibt die wortwörtliche Wiedergabe an mehreren Stellen unsicher (mit [?] markiert); der rituelle Grundcharakter (Sühne für Fehlverhalten in Rede, Denken, Körper) ist jedoch inhaltlich gut gesichert.]
[?, dieser gesamte Abschnitt ist im Quell-Scan besonders schwer in einzelne Kaṇḍikā-/Anuvāka-Grenzen aufzulösen; hier als ein zusammenhängender Block wiedergegeben:] bhūr bhuvaḥ svar ity etaddhi vācaḥ satyam, yad eva vācaḥ satyaṃ tat tvāyuktha [?]. atha sāvitrīṃ gāyatrīṃ trir anvāha, sa vitā śriyaḥ prasavitrī, śriyam āvāpnoti, atha prajñātaya iti pratipadā chandāṃsi pratipadyate. asme varcaḥ suvīryam, dadhad rayiṃ mayi poṣam (TA 2,4,5). agnir ṛṣiḥ pavamānaḥ pāñcajanyaḥ purohitaḥ, tam īmahe mahāgayam. agne jātān pra ṇudā naḥ sapatnān pratyajātān jātavedo nudasva. asme dīdihi sumanā aheḷamānaḥ, syāma trivarūtha udyoge. sahasā jātān ṛṇād iva sapatnān pratyajātān jātavedo nudasva. adhi no brūhi sumanasyamānaḥ, vayaṃ syāma pranudanto 'sapatnān. agne yo no 'bhito jāto vṛko vā yo jighāṃsati, tāṃs tvaṃ vṛtrahan naḥ svasti gamaya. agne yo no 'bhidāsati samāno yaś ca niṣṭhyaḥ, taṃ vayaṃ samidhaṃ kṛtvā tubhyam agne 'pi dadhāmi (TA 2,5,6-7). na śapād aśapataḥ, yaś ca naḥ śapāt śapāt, upāṃśu tasmai nirṛktiṃ [?] sarvaṃ pāpaṃ samūhatām. yo naḥ sapatno yo raṇe mano 'bhidāsati devāḥ, idam asmai prajāpatinā mā tasyocchiṣṭi kiṃcana. sarvagātrān me nāstu, yaṃ dviṣe yam ahaṃ dviṣmi. yo asmān aratir ābādhano no dveṣṭi janaḥ, nindādho 'smān dipsāc ca sarvāṃs tān mṛtyave [?] kuru [?] (TA 2,6,8-9, [?]). neha duritāni cakṛma, bhūmir mā tāḍitir no janitram, bhrātāntarikṣam abhibhraṃśam astv enaḥ. dyauṣ pitā, pitur yāc chaṃ bhavasi, jāmi mitvā mā vividhma lokāt, yatra suhṛdaḥ sukṛto madante, vihāya rogaṃ tanuvaṃ svayā [?], akṣīṇair āhutāsu svarge tatra paśye pitaraṃ ca putram. yad annam adhi anṛtena devā dāsyann adāsyad vā kariṣyan, yad devānāṃ cakṣuṣy āgo 'sti yad eva kiṃca pratigṛhya mahyaṃ [?] tasmād ṛṇaṃ kṛṇoti. yad annam adhi bahudhā virūpaṃ vāso hiraṇyam uta gām ajāmivasim [?], yad devānāṃ cakṣuṣy āgo 'sti yad eva kiṃca pratigṛhya mahyaṃ tasmād ṛṇaṃ kṛṇoti. yan mayā manasā vācā kṛtam enaḥ kadācana, sarvasmāt tat samohito [?] moghaṃ tvaṃ hi vettha yathātatham (TA 2,6,10).
[?, gesamter Abschnitt wegen Dichte/Unschärfe des Quell-Scans nur mit erhöhter Unsicherheit auf einzelne Kaṇḍikā-/Anuvāka-Grenzen aufzuteilen, daher hier als ein Block behandelt:] 'Bhūr, bhuvaḥ, svaḥ' – dies eben ist die Wahrheit der Rede; was Wahrheit der Rede ist, damit hast du dich verbunden. Sodann spricht er die Sāvitrī [den Gāyatrī-Mantra] dreimal: Savitṛ ist der Antreiber des Glücks, er erlangt Glück; 'zur Erkenntnis' [spricht er] als [Schluss-]Anfangswort, [und] tritt so in die Versmaße ein. Uns [gebe er] Glanz und Heldenkraft, Reichtum verleihend, mir Gedeihen. – Agni, der Ṛṣi, der Sich-Läuternde, der zu den fünf Völkern Gehörige, der Hauspriester: ihn erbitten wir als großen Schatz. Agni, treibe die schon geborenen Rivalen von uns fort, [und auch] die noch entstehenden, o Allwissender, treibe sie fort! Leuchte uns wohlgesinnt, nicht zürnend, auf dass wir dreifach beschirmt seien im Aufbruch. Gewaltsam treibe die entstandenen [Feinde] fort wie eine Schuld, o Allwissender! Sprich zu uns wohlgesinnt: wir wollen die Rivalen von uns forttreibend sein. Agni, welcher Wolf, der ringsum gegen uns entstanden ist, [uns] töten will – du, Vṛtra-Töter, führe uns heil an ihnen vorbei. Agni, welcher Gleichgestellte oder wer auch als Feind uns nachstellt – ihn machen wir zum Brennholz und legen ihn dir, Agni, mit dar. [Es folgt ein Fluch-Reziprozitätsformular:] Nicht von dem Fluch dessen, der uns [zu Unrecht] flucht, der uns aber selbst nicht verflucht wird [?] – auf ihn allein falle im Stillen jede Sünde gesammelt zurück. Wer unser Rivale ist, wer im Streit uns Böses will, ihr Götter – dies [wende sich] gegen ihn durch Prajāpati, ihm bleibe nichts übrig. Nicht seien alle [meine] Glieder dem, den ich hasse [und] der mich hasst, [ausgeliefert]. Wer uns feindselig bedrängt, wer uns hasst – Schmähung und Nachstellung treffe alle jene [selbst], [dem Tode?] überantworte sie. [Es folgt eine weitere, ausführlichere Sünden-Bekenntnisformel:] Nicht haben wir hier Missetaten begangen – die Erde sei nicht unser [Straf-]Ursprung, der Bruder, der Luftraum stürze [stattdessen] als Sünde ein. Der Himmel ist Vater; sei du, des Vaters wegen, uns Heil; lass uns die Blutsverwandtschaft [wahrend] nicht aus der [rechten] Welt fallen – [jener Welt], wo die guttätigen Freunde sich freuen, die Krankheit vom eigenen Leibe abgelegt habend, [wo sie] mit unversehrten [Gliedern] geopfert habend im Himmel [weilen], dort möge ich Vater und Sohn erblicken. Was an Speise durch Falschheit [erlangt], was die Götter [uns] geben würden oder [uns sonst] täten – welche Verfehlung gegen der Götter Auge auch besteht, was auch immer ich [unrechtmäßig] annehmend mir aneignete, dadurch schafft man sich Schuld. Was an Speise auf vielfache entstellte Weise, [was an] Gewand, Gold oder Rind, unpassend erworben – welche Verfehlung gegen der Götter Auge auch besteht, was auch immer ich annehmend mir aneignete, dadurch schafft man sich Schuld. Welche Sünde ich je durch Geist [oder] durch Rede begangen habe – von all dem [befreie mich]; vergeblich [wäre es zu leugnen], denn du [Agni/Gott] kennst ja die Dinge, wie sie wirklich sind.
Wort für Wort
bhūr bhuvaḥ svar
die drei Vyāhṛtis (Erde, Luftraum, Himmel)
sāvitrīṃ gāyatrīṃ trir anvāha
er spricht die Sāvitrī [den Gāyatrī-Mantra] dreimal
agnir ṛṣiḥ pavamānaḥ
Agni, der Ṛṣi, der Sich-Läuternde
agne jātān pra ṇudā naḥ sapatnān
Agni, treibe die entstandenen Rivalen von uns fort
agne yo no 'bhito jāto vṛko vā yo jighāṃsati
Agni, welcher Wolf, der uns umgibt, uns töten will
na śapād aśapataḥ
nicht [treffe uns] der Fluch dessen, der [zu Unrecht] flucht
yo naḥ sapatno yo raṇe mano 'bhidāsati devāḥ
wer unser Rivale ist, wer im Streit uns Böses will
yaṃ dviṣe yam ahaṃ dviṣmi
den ich hasse und der mich hasst
neha duritāni cakṛma
nicht haben wir hier Missetaten begangen
yad annam adhi anṛtena
was an Speise durch Falschheit [erlangt]
yad devānāṃ cakṣuṣy āgo 'sti
welche Verfehlung gegen der Götter Auge auch besteht
yan mayā manasā vācā kṛtam enaḥ
welche Sünde ich durch Geist oder Rede begangen habe
[Anm.: Dieser Block (probeweise Anuvāka 4-6, Kaṇḍikā 5-10) setzt das in Anuvāka 3 begonnene Thema des Sünden-Bekenntnisses und der Feind-/Fluchabwehr fort: zunächst eine kurze Sāvitrī-/Vyāhṛti-Deutung (bhūr-bhuvaḥ-svaḥ als 'Wahrheit der Rede'), dann ein Agni-Hymnus zur Abwehr von Rivalen und Feinden ('agne jātān pra ṇudā naḥ sapatnān'), dann eine Fluch-Reziprozitätsformel (das Übel falle auf den ursprünglichen Verursacher zurück – ein in der vedischen Literatur weit verbreiteter Formeltyp, vgl. ähnliche Wendungen in der Taittirīya-Saṃhitā und im Atharvaveda) und schließlich eine ausführliche, an die Götter gerichtete Bekenntnisformel für unrechtmäßig erworbene Güter (Speise, Gewand, Gold, Rinder) und für Verfehlungen in Gedanke und Rede. Wegen der ungewöhnlichen Dichte und schweren Lesbarkeit des Quell-Scans in diesem Abschnitt konnten die genauen Kaṇḍikā- und Anuvāka-Grenzen nicht mit Sicherheit rekonstruiert werden (die im Sanskrit-Feld eingestreuten Kaṇḍikā-Nummern 5-10 folgen den im Scan erkennbaren Randziffern, sind aber nicht in allen Einzelheiten überprüfbar); der Abschnitt wird daher als ein zusammenhängender Block behandelt, mit entsprechend häufigeren [?]-Markierungen bei unsicheren Einzelwörtern.]
vātaraśanā ha vā ṛṣayaḥ śramaṇā ūrdhvamanthinaḥ, nilāyamānāś cānupraviśuḥ kṛcchrāṇi [?], tāny anvavindan kṛcchreṇa ca tapasā ca. tān ṛṣayo 'bruvan, kathaṃ nilāyaṃ carathety. [tān pṛṣṭāḥ] ṛṣīn abruvan, kena vaḥ śarmeti. tān ṛṣayo 'bruvan, pavitraṃ no brūta yenopaspṛśāmahā iti [?]. tad etāni sūktāny apaśyan, yad devāheḷanaṃ yad enaḥ, taiḥ svayaṃ juhvata [?] vaiśvānarāya prativedayāmīty upatiṣṭhadhvam, yad arvācīnam enaḥ brahmahatyāyās tasmān no 'vayadhvam iti. ta etair ājuhavuḥ, te 'pūtā abhavan [?]. karmāṇy eva juhuyāt, pūto devalokān aśnute (TA 2,7,11).
Die windgegürteten Ṛṣis nämlich, die Śramaṇas (Asketen), die den [Samen] aufwärts halten (ūrdhvamanthin) – sich verbergend, drangen sie in schwer zugängliche [Orte, Höhlen o.ä.] ein; diese fanden sie durch Mühsal und durch Askese. Zu ihnen sprachen [andere] Ṛṣis: 'Wie lebt ihr im Verborgenen?' [Auf ihre Nachfrage] antworteten [jene] den Ṛṣis: 'Wodurch [ist euch] Schutz?' [?] Da sprachen die Ṛṣis zu ihnen: 'Nennt uns das Reinigungsmittel, wodurch wir uns berühren [d. h. uns reinigen] können.' Da erblickten sie diese Hymnen [zur Reinigung von] dem, was Zorn der Götter [verursacht hat], was Sünde ist: durch diese sollt ihr selbst opfern [und] verkünden 'Ich mache Vaiśvānara kund', [damit] ihr, welche neuere Sünde auch immer, [selbst] von Brahmanenmord, von dieser befreit werdet. Sie opferten mit diesen [Hymnen] und wurden [dadurch] rein [von aller Sünde]. Eben diese [Riten] soll man vollziehen; rein [davon], erlangt man die Welten der Götter.
Wort für Wort
vātaraśanā ha vā ṛṣayaḥ
die windgegürteten Ṛṣis nämlich
śramaṇā ūrdhvamanthinaḥ
die Śramaṇas [Asketen], die den Samen aufwärts halten
nilāyamānāś cānupraviśuḥ
sich verbergend, drangen sie ein
kathaṃ nilāyaṃ carathā iti
'wie lebt ihr im Verborgenen?'
pavitraṃ no brūta
nennt uns das Reinigungsmittel
tad etāni sūktāny apaśyan
da erblickten sie diese Hymnen
vaiśvānarāya prativedayāmi
ich mache Vaiśvānara kund [Bekenntnisformel]
yad arvācīnam enaḥ brahmahatyāyāḥ
welche neuere Sünde, von Brahmanenmord
te 'pūtā abhavan
sie wurden rein
pūto devalokān aśnute
rein davon, erlangt man die Götterwelten
[Anm.: Diese Kaṇḍikā (probeweise Anuvāka 7) ist ein bedeutender FUND für die Religionsgeschichte: Sie bezeugt früh die 'vātaraśanāḥ ṛṣayaḥ' (windgegürtete Seher – dasselbe Motiv wie im berühmten Keśin-Hymnus ṚV 10,136 und bereits in Prapāṭhaka 1, Anuvāka 21/23/31 dieses Werks) explizit als 'ŚRAMAṆAS' bezeichnet – einer der ältesten belegten Verwendungen dieses Begriffs, der später zur Standardbezeichnung für außer-brahmanische Asketen (insbesondere Buddhisten und Jainas) wurde. Die Schilderung, wie sich diese Asketen in die Verborgenheit zurückziehen ('nilāyamānāḥ'), extreme Mühsal und Askese auf sich nehmen und schließlich Reinigungs-Hymnen zur Sühne selbst schwerster Verfehlungen (Brahmanenmord) 'erblicken' (ein typisch vedischer Ausdruck für die Offenbarung eines Mantras an einen Ṛṣi), zeigt eine bemerkenswerte Wertschätzung ekstatisch-asketischer Praxis innerhalb des orthodoxen vedischen Rituals selbst – ein wichtiges Bindeglied zwischen vedischer Opferreligion und den späteren śramaṇischen Bewegungen. Wegen der schweren Lesbarkeit des Scans bleiben einzelne Wendungen (v.a. 'kṛcchrāṇi', 'kena vaḥ śarma', 'te 'pūtā abhavan') mit [?] markiert.]
Bei einem Homa mit Kṛmāṇḍa [Wurm-/Larven-Opfer, vermutlich ein bestimmtes Opfersubstitut] soll man opfern, gleichsam als sei es etwas nie Dagewesenes [?]; wie ein Dieb, wie [ein Same in] einen fremden Mutterschoß den Samen ergießt [d.h. unrechtmäßig] – von welcher neueren Sünde, [selbst] von Brahmanenmord, wird man dadurch befreit. So lange die Sünde [andauert], unterzieht man sich der Weihe (dīkṣā); als Geweihter bringt man diese [Opfer] dar. Ein Jahr lang ist man geweiht – wer [dies vollzieht], reinigt sich durch das Jahr, [entsprechend] dem Monat des Jahres [?]. Einen Monat lang ist man geweiht – vierundzwanzig Nächte [entsprechen] den Rechtsmonaten des Jahres, eben durch das Jahr reinigt man sich selbst. Vierundzwanzig Nächte lang ist man geweiht – zwölf Monate sind ein Jahr, eben durch das Jahr reinigt man sich. Zwölf Nächte lang ist man geweiht – sechs Jahreszeiten sind ein Jahr, eben durch das Jahr reinigt man sich. Sechs Nächte lang ist man geweiht; drei Nächte lang ist man geweiht – dreifüßig ist die Gāyatrī, eben durch die Gāyatrī reinigt man sich selbst. [?, unsicher:] Man solle sich nicht [unrechtmäßig] Zuflucht [bei anderen] suchen, [noch] sich Angenehmes aneignen; das Verabscheute [meide man] zur Läuterung. Das Gelübde des Brahmanen [während der Weihe] ist Gerstengrütze, das des Kriegeradels (rājanya) [ist] geronnene Milch (āmikṣā), das des Vaiśya [ist] Milch von einer [einmal gekalbten] Kuh – dies ist, der Jahreszeit gemäß erkannt, [als Nahrung während der Weihezeit] darzureichen.
Wort für Wort
kṛmāṇḍe juhuyāt
bei einem Kṛmāṇḍa-Opfer soll man opfern
yad arvācīnam enaḥ brahmahatyāyāḥ tasmān mucyate
von welcher neueren Sünde, selbst von Brahmanenmord, wird man befreit
yāvad enaḥ dīkṣām upaiti
solange die Sünde andauert, unterzieht man sich der Weihe
saṃvatsaraṃ dīkṣito bhavati
ein Jahr lang ist man geweiht
māsaṃ dīkṣito bhavati
einen Monat lang ist man geweiht
caturviṃśatirātrair dīkṣito bhavati
vierundzwanzig Nächte lang ist man geweiht
dvādaśarātrair dīkṣito bhavati
zwölf Nächte lang ist man geweiht
tisro rātrīr dīkṣito bhavati, tripadā gāyatrī
drei Nächte lang ist man geweiht, dreifüßig die Gāyatrī
brāhmaṇasya vrataṃ yavāgūḥ
das Gelübde des Brahmanen ist Gerstengrütze
rājanyasyāmikṣā
das des Kriegeradels ist geronnene Milch
vaiśyasya sauvyaṃ payaḥ
das des Vaiśya ist [einfache] Kuhmilch
[Anm.: Diese Kaṇḍikā (probeweise Anuvāka 8) beschreibt ein abgestuftes Sühne-/Weihe-System (dīkṣā) zur Reinigung von schwerer Sünde, einschließlich Brahmanenmord: je nach Schwere reicht die Weihezeit von einem vollen Jahr über einen Monat, 24 Nächte, 12 Nächte, 6 Nächte bis hinab zu nur 3 Nächten (letzteres, weil die Gāyatrī – der kürzeste und heiligste Vers – 'dreifüßig' ist und daher symbolisch für die drei Nächte steht). Bemerkenswert ist die stände-differenzierte Diät während der Weihe: Gerstengrütze für den Brahmanen, geronnene Milch für den Kriegeradel (rājanya/kṣatriya), einfache Kuhmilch für den Vaiśya – ein frühes Zeugnis der Verknüpfung von Sühneritual und Varṇa-System. Der Kaṇḍikā-Anfang (Kṛmāṇḍa-Homa, wörtlich etwa 'Wurm-Ei'-Opfer) bleibt in seiner genauen rituellen Bedeutung unsicher und ist mit [?] markiert; ebenso einige der abschließenden Verhaltensvorschriften.]
ajāṃ [?] ha vai pṛśnigṛṣṭīḥ [?] tapasyamānān brahma svayambhv anvārṣan, ṛṣayo 'bhavaṃs tad ṛṣīṇām ṛṣitvam. tāṃ devatām upātiṣṭhanta yajñakāmāḥ; ta etaṃ brahmayajñam apaśyaṃs tenāyajanta. yad vaco 'dhyagīṣata, tāḥ pratyāhutayo devānām abhavan. yad ṛcaḥ, ghṛtāhutayaḥ [?]; sāmāhutayaḥ [?]; yad atharvāṅgiraso, madhvāhutayaḥ; yad brāhmaṇānīti hāsapurāṇāni, kalpānāthā [?] nārāśaṃsīr madāhutayo [?] devānām abhavan. abhiḥ kṣudhaṃ [?] pāpmānam apahatya [?] pāpmāno devāḥ svargaṃ lokam āyan; brāhmaṇāḥ sāyujyam ṛṣayo gacchanti (TA 2,9,13).
Einst nämlich, als die [Ṛṣis] Askese übten, gelangte zu ihnen das selbstentstandene Brahman [d.h. der Veda] von selbst her – sie wurden zu Ṛṣis (Sehern); dies ist die Seherschaft der Ṛṣis. Diese Gottheit [das Brahman] verehrten sie, nach Opfer verlangend; sie erblickten diesen Brahmayajña [das Vedastudium als Opfer] und opferten dadurch. Was sie an Rede [d.h. Sprüchen] studierten, das wurden [gleichsam] Gegenopfergaben für die Götter: was Ṛgveda-Verse [sind], wurden zu Ghī-Opfergaben; was Sāman [sind], zu Soma-Opfergaben [?]; was Atharvan-Aṅgiras-[Sprüche sind], zu Honig-Opfergaben; was die Erzählungen und alten Geschichten (itihāsa-purāṇa) der Brahmanen [sind], wurden, nach [ihrer eigenen] Ordnung, zu Reisbrei-Opfergaben [?]. Durch diese vertrieben sie Hunger [und] Übel; von Übel befreit, gingen die Götter [bzw. die so Handelnden] zur Himmelswelt ein; die Brahmanen [aber, die Ṛṣis,] erlangen die Vereinigung (sāyujya) [mit dem Brahman].
Wort für Wort
tapasyamānān brahma svayambhv anvārṣan
zu den Askese-Übenden gelangte das selbstentstandene Brahman
ṛṣayo 'bhavaṃs tad ṛṣīṇām ṛṣitvam
sie wurden zu Ṛṣis; dies ist die Seherschaft der Ṛṣis
ta etaṃ brahmayajñam apaśyaṃs tenāyajanta
sie erblickten den Brahmayajña und opferten dadurch
yad ṛcaḥ, ghṛtāhutayaḥ
was Ṛk-Verse sind, wurden zu Ghī-Opfergaben
yad brāhmaṇānīti hāsapurāṇāni
was die Itihāsa-Purāṇas der Brahmanen sind
brāhmaṇāḥ sāyujyam ṛṣayo gacchanti
die Brahmanen/Ṛṣis erlangen die Vereinigung [mit dem Brahman]
[Anm.: Diese Kaṇḍikā (probeweise Anuvāka 9) begründet theologisch den BRAHMAYAJÑA – das tägliche Vedastudium als eigene, den Göttern dargebrachte Opferform, bei der jede Textgattung des Veda (Ṛk, Sāman, Atharvan-Aṅgiras-Sprüche, Itihāsa-Purāṇa) einer bestimmten materiellen Opfergabe (Ghī, Soma, Honig, Speise) entspricht. Diese Lehre bildet die unmittelbare Grundlage für das später in der Dharmaśāstra-Literatur (z. B. Manusmṛti) kanonisierte Konzept der 'fünf großen Opfer' (pañca-mahāyajña), von denen der Brahmayajña eines ist – siehe die unmittelbar folgende Kaṇḍikā 14, die alle fünf explizit aufzählt. Wegen der schweren Lesbarkeit einzelner Fachbegriffe (insbesondere der genauen Zuordnung von Sāman/Soma bzw. Itihāsa-Purāṇa/Reisbrei) bleiben mehrere Stellen mit [?] markiert.]
pañca vā ete mahāyajñāḥ satataṃ pratāyante, satataṃ santiṣṭhante: devayajño bhūtayajño manuṣyayajñaḥ pitṛyajño brahmayajña iti. yad agniṃ juhoty api samidham, tad devayajñaḥ santiṣṭhate. yat pitṛbhyaḥ svadhākaroty apy udapātram, tat pitṛyajñaḥ santiṣṭhate. yad bhūtebhyo baliṃ harati, tad bhūtayajñaḥ santiṣṭhate. yad brāhmaṇebhyo 'nnaṃ dadāti, tan manuṣyayajñaḥ santiṣṭhate. yaḥ svādhyāyam adhīyīta api ekām ṛcaṃ yajur vā sāma vā, tad brahmayajñaḥ santiṣṭhate. yad ṛcaḥ adhīte, payaḥkulyā abhivahanti; yad yajūṃṣi, ghṛtakulyāḥ; yat sāmāni, somaḥ eva pavate; yad atharvāṅgiraso, madhukulyāḥ; yad brāhmaṇānīti hāsapurāṇāni kalpān āthā [?] nārāśaṃsīr madāhutibhir yathāvad gṛhavāstu tapati [?] (TA 2,10,14).
Fünf nämlich sind diese großen Opfer (mahāyajñas), die beständig fortgeführt, beständig vollzogen werden: das Götteropfer (deva-yajña), das Wesenheiten-Opfer (bhūta-yajña), das Menschenopfer [d.h. Opfer AN Menschen, Gastfreundschaft] (manuṣya-yajña), das Ahnenopfer (pitṛ-yajña) [und] das Vedastudien-Opfer (brahma-yajña). Wenn man Agni opfert, sei es auch nur mit einem Scheit Brennholz, dann ist das Götteropfer vollzogen. Wenn man den Ahnen die Svadhā-Spende darbringt, sei es auch nur mit einem Wasserkrug, dann ist das Ahnenopfer vollzogen. Wenn man den Wesenheiten [Geistern, Tieren usw.] eine Opfergabe (bali) darreicht, dann ist das Wesenheiten-Opfer vollzogen. Wenn man den Brahmanen Speise gibt, dann ist das Menschenopfer vollzogen. Wer das Selbststudium (svādhyāya) betreibt, sei es auch nur einen einzigen Ṛk-Vers, ein Yajus- oder ein Sāman-Wort, dann ist das Brahmayajña vollzogen. Wenn man die Ṛk-Verse studiert, fließen [gleichsam] Milchbäche; wenn die Yajus-Formeln, Ghī-Bäche; wenn die Sāman-Gesänge, läutert sich eben der Soma; wenn die Atharvan-Aṅgiras-Sprüche, Honigbäche; wenn die Erzählungen und alten Geschichten der Brahmanen, [dann erwärmt sich?, unsicher] durch die dem Ritus gemäßen Reisbrei-Opfergaben das Haus [und der Hausgrund] in gebührender Weise.
Götter-, Wesenheiten-, Menschen-, Ahnen- und Vedastudien-Opfer
yad agniṃ juhoty api samidham
wenn man Agni opfert, sei es auch nur mit einem Scheit Holz
yat pitṛbhyaḥ svadhākaroty apy udapātram
wenn man den Ahnen die Svadhā-Spende gibt, sei es nur mit einem Wasserkrug
yad brāhmaṇebhyo 'nnaṃ dadāti, tan manuṣyayajñaḥ
wenn man den Brahmanen Speise gibt, ist das Menschenopfer [vollzogen]
yaḥ svādhyāyam adhīyīta api ekām ṛcam
wer das Selbststudium betreibt, sei es auch nur einen einzigen Vers
yad ṛcaḥ adhīte, payaḥkulyā abhivahanti
wenn man die Ṛk-Verse studiert, fließen Milchbäche
[Anm.: Diese Kaṇḍikā (probeweise Anuvāka 10) ist ein wichtiger FUND: Sie enthält die vollständig ausformulierte Lehre der 'FÜNF GROSSEN OPFER' (pañca-mahāyajña) – Götter-, Ahnen-, Wesenheiten-, Menschen- und Vedastudien-Opfer –, die in dieser exakten Fünferliste später kanonisch in die Dharmaśāstra-Literatur (u. a. Manusmṛti 3,69-74) einging und bis heute die tägliche Pflichtenlehre des traditionellen Hinduismus prägt. Bemerkenswert ist die demonstrative Niedrigschwelligkeit jedes einzelnen Opfers (ein einziges Scheit Holz, ein Krug Wasser, ein einziger Vers genügt), die die Lehre für jedermann praktikabel macht. Der letzte Satz (Zuordnung der Vedagattungen zu bildhaften 'Bächen' aus Milch, Ghī, Soma, Honig) knüpft an die vorausgehende Kaṇḍikā 13 an; das genaue Verständnis der abschließenden Reisbrei-Wendung bleibt unsicher und ist mit [?] markiert.]
[?, ritueller Vorschriftstext mit vielen technischen Einzelheiten, teils unsicher:] brahmayajñena yakṣyamāṇaḥ prācyāṃ diśi grāmād acchidra-dṛśa udīcyāṃ vā prāgudīcyāṃ vodite āditye, dakṣiṇata upaviśyopaviśya [?] hastau vinijya triḥ ācāmet, tredhā [?] parimṛjya sakṛd upaspṛśet; śiśnaṃ cakṣuṣī nāsike śrotre hṛdayam ālabhya yat triḥ ācāmati... [Text setzt sich auf der nächsten Seite fort] (TA 2,11,15).
[?, insgesamt unsicher, Verfahrensanweisung:] Wer das Brahmayajña opfern will, [begebe sich] nach Osten hin vom Dorf, an einen ungestörten Ort mit freier Sicht, im Nordosten oder Osten, [zur Zeit,] wenn die Sonne aufgegangen ist; südlich [davon] sich niedersetzend, die Hände abwaschend, spüle er sich dreimal [den Mund]; dreifach abwischend, berühre er [das Wasser] einmal; nachdem er Glied, Augen, Nasenlöcher, Ohren [und] Herz berührt hat, [wobei] er dreimal den Mund spült... [Text setzt sich fort].
Wort für Wort
brahmayajñena yakṣyamāṇaḥ
wer das Brahmayajña opfern will
prācyāṃ diśi grāmād
nach Osten hin vom Dorf
udite āditye
wenn die Sonne aufgegangen ist
hastau vinijya triḥ ācāmet
die Hände waschend, spüle er dreimal den Mund
śiśnaṃ cakṣuṣī nāsike śrotre hṛdayam ālabhya
Glied, Augen, Nasenlöcher, Ohren, Herz berührend
[Anm.: Kaṇḍikā 15 (probeweise Anuvāka 11) beginnt die konkrete Verfahrensvorschrift (vidhi) für den Vollzug des in Kaṇḍikā 13-14 theologisch begründeten Brahmayajña: Wahl von Ort und Zeit (nach Osten hin, bei Sonnenaufgang), rituelle Reinigung durch Mundspülung (ācamana) und Berührung der Sinnesorgane – eine bis heute im traditionellen Saṃdhyāvandana-Ritual fortlebende Praxis. Wegen der technischen Dichte und teilweise unsicheren Lesung einzelner Verfahrensdetails ist dieser Abschnitt mit [?] markiert; der Text bricht am Seitenende ab und wird in der nächsten Kaṇḍikā-Einheit fortgesetzt.]
[Fortsetzung von Kaṇḍikā 15:] ...bhūr bhuvaḥ svar ity etaddhi vācaḥ satyam, yad eva vācaḥ satyaṃ tat tvāyuktha. atha sāvitrīṃ gāyatrīṃ trir anvāha: sa vitā śriyaḥ prasavitrī, śriyam āvāpnoti; atha prajñātaya iti pratipadā chandāṃsi pratipadyate (TA 2,11,15, Schluss).
...'Bhūr, bhuvaḥ, svaḥ' – dies eben ist die Wahrheit der Rede; was Wahrheit der Rede ist, damit hast du dich [durch die morgendliche Reinigung] verbunden. Sodann spricht er die Sāvitrī [den Gāyatrī-Mantra] dreimal: Savitṛ ist der Antreiber des Glücks, [wer ihn rezitiert] erlangt Glück; sodann [spricht er] 'zur Erkenntnis' als [Schluss-]Anfangswort, [und] tritt so in die [übrigen] Versmaße ein.
Wort für Wort
bhūr bhuvaḥ svar ity etaddhi vācaḥ satyam
'bhūr bhuvaḥ svaḥ' ist die Wahrheit der Rede
sāvitrīṃ gāyatrīṃ trir anvāha
er spricht die Sāvitrī dreimal
[Anm.: Der Schluss von Kaṇḍikā 15 (vgl. bereits die inhaltlich verwandte, aber separat überlieferte Kaṇḍikā 5) verbindet die zuvor beschriebene Reinigungsprozedur mit der Rezitation der drei Vyāhṛtis (bhūr bhuvaḥ svaḥ) und der Sāvitrī (dem Gāyatrī-Mantra) als Einleitung zum eigentlichen Vedastudium.]
grāme manasā svādhyāyam adhīyīta, divā naktaṃ veti ha smāha śauceyaḥ [?]. āhvayā uta [?] araṇye [?] uta vācota tiṣṭhan vrajaṃs tāsāno [?] uta śayāno 'dhīyīvaiva svādhyāyaṃ, tapasvī puṇyo bhavati; ya evaṃ vidvān tiṣṭhaṃs tiṣṭhan svādhyāyam adhīte. namo brahmaṇe namo 'stv agnaye namaḥ pṛthivyai nama oṣadhībhyaḥ, namo vāce namo vācaspataye namo viṣṇave bṛhate karomi (TA 2,12,16).
Im Dorf soll man das Selbststudium (svādhyāya) im Geiste [lautlos] betreiben – bei Tag oder bei Nacht, so heißt es je nach Reinheits[-Zustand des Ortes, unsicher]. [Man mag es rezitieren] laut oder im Wald, stehend, gehend, sitzend oder auch liegend – eben [in jeder Haltung] das Selbststudium betreibend, wird man askesereich [und] verdienstvoll; wer, dies wissend, [in jeder Haltung] beharrlich das Selbststudium betreibt [, erlangt dies]. Verehrung dem Brahman, Verehrung sei dem Agni, Verehrung der Erde, Verehrung den Kräutern; Verehrung der Rede, Verehrung dem Herrn der Rede, Verehrung dem hohen Viṣṇu erweise ich.
Wort für Wort
grāme manasā svādhyāyam adhīyīta
im Dorf soll man das Selbststudium im Geiste betreiben
tiṣṭhan vrajaṃs āsīnaḥ uta śayānaḥ
stehend, gehend, sitzend oder liegend
tapasvī puṇyo bhavati
man wird askesereich und verdienstvoll
[Anm.: Diese Kaṇḍikā erlaubt ausdrücklich das Vedastudium in jeder Körperhaltung (stehend, gehend, sitzend, liegend) und zu jeder Tageszeit, sofern es im Dorf lautlos ('im Geiste') erfolgt – eine bemerkenswerte Erleichterung gegenüber der aufwendigen Vorschrift von Kaṇḍikā 15. Die abschließende Invokations-Formel ('namo brahmaṇe...') ist wortgleich mit der Eröffnungsinvokation dieses gesamten Prapāṭhaka 2 (vgl. den Kapitelanfang) und markiert hier vermutlich den Abschluss eines gedanklichen Teilabschnitts. Einzelne Wörter der Haltungs-/Ortsaufzählung bleiben wegen der Schwierigkeit des Scans mit [?] markiert.]
madhyandine pra valam adhīyīta [?, wohl vielmehr ein Verbot:] āsau khalu vā eṣa ādityo brāhmaṇaḥ, tasmāt tarhi tapati; tad deśam adhyakṣu uktvā [?]: citraṃ devānām ud agād anīkaṃ, cakṣur mitrasya varuṇasyāgneḥ, āprā dyāvāpṛthivī antarikṣaṃ, sūrya ātmā jagatas tasthuṣaś ca. sa va eṣa yajñaḥ sadā pratāyate, sadā santiṣṭhate; tasya prācyām aśāyayor [?] ...bhūtvā namo brahma iti pariṣvajya [?] nirvāhya upaspṛśya gṛhān eti; tato yat kiṃca dadāti, sā dakṣiṇā (TA 2,13,17).
Am Mittag soll man das [Studium] nicht fortsetzen [?, unsicher, aber inhaltlich ein Verbot] – denn eben jene Sonne selbst ist dann der Brahmane [d. h. das Brahman], deshalb brennt sie zu jener Zeit; jenen Ort [meidend? – unsicher] rezitiere man stattdessen: 'Aufgestiegen ist das wundersame Antlitz der Götter, das Auge Mitras, Varuṇas [und] Agnis; er hat Himmel, Erde [und] Luftraum erfüllt – die Sonne ist der Selbst-Kern des Beweglichen und des Feststehenden [d. h. aller Wesen].' Eben dies ist das Opfer, das sich immerfort ausdehnt, das sich immerfort vollzieht. [Nach diesem Vers] ... wendet er sich, 'Verehrung dem Brahman' [sprechend], [von der Sonne] ab, berührt Wasser und geht nach Hause; was man von dort an [Gaben] gibt, ist die [eigentliche] Opfergabe (dakṣiṇā).
Wort für Wort
āsau khalu vā eṣa ādityo brāhmaṇaḥ
eben jene Sonne selbst ist das Brahman
citraṃ devānām ud agād anīkam
aufgestiegen ist das wundersame Antlitz der Götter [=ṚV 1,115,1]
cakṣur mitrasya varuṇasyāgneḥ
das Auge Mitras, Varuṇas und Agnis
sūrya ātmā jagatas tasthuṣaś ca
die Sonne ist der Selbst-Kern des Beweglichen und Feststehenden
sa va eṣa yajñaḥ sadā pratāyate
eben dies ist das Opfer, das sich immerfort ausdehnt
[Anm.: Diese Kaṇḍikā verbietet vermutlich das gewöhnliche Vedastudium zur Mittagszeit (da die Sonne dann selbst 'brennendes Brahman' ist) und ersetzt es durch die Rezitation des berühmten Sūrya-Verses 'citraṃ devānām ud agād anīkam' – FUND: dies ist wörtlich ṚV 1,115,1, derselbe Vers, der bereits in Prapāṭhaka 1, Anuvāka 7 dieses Werks als Schlussvers zitiert wurde (dort im Kontext des Sieben-Sonnen-Mythos) – ein weiterer Beleg für die enge liturgische Verflechtung der verschiedenen Teile des Taittirīya-Āraṇyaka über weite Abschnitte hinweg. Die genaue Verfahrensvorschrift am Ende (Abwenden von der Sonne, Wasserberührung, Heimkehr) und der Begriff 'dakṣiṇā' hier im übertragenen Sinn (nicht die übliche Priestergabe, sondern das, was man beim Heimkommen 'gibt') bleiben mit [?] markiert.]
tasya vā etasya yajñasya megho havirdhānam, vidyud digvarṣam [?], yad eva sphurati so 'nuvaṣaṭkāraḥ; vāyur ātmā, viśvasya devasyodvicakṣad eva. vidyotamāne stanayaty eva sphurati; pavamāne vāti [?] na svādhyāyam adhīyīta. tapa eva tat, tapyate; tapo hi svādhyāyaḥ; ity uttamaṃ nākaṃ rohati, uttamaḥ samānānāṃ bhavati. yāvantaṃ ha vā imāṃ vittāṃ [?] pūrṇāṃ dadyāt, tāvantaṃ lokaṃ jayati, tāvac ca lokaṃ jayati, bhūyāṃsaṃ cāpy asya brahmavarcasaṃ [?] jyotiṣmad [?] bhavati (TA 2,14,18).
Dieses [Brahmayajña-]Opfers Wolke ist der Havirdhāna [Opfergaben-Behälter], der Blitz die Himmelsrichtungs-Regenspende [?]; was da aufblitzt, das ist der Anuvaṣaṭkāra [Ruf]; der Wind ist das Selbst, das den ganzen Kosmos gleichsam überschauend erhellt. Wenn es blitzt [und] donnert – während es regnet [?] –, soll man das Selbststudium nicht betreiben. Eben dies ist Askese, [die dabei] geübt wird; denn das Selbststudium ist Askese; so steigt man zum höchsten Himmel empor, wird der Erste unter seinesgleichen. Wie viel Vermögen man auch immer vollständig [als Opfergabe] hingäbe – ebenso viel [an] Welt gewinnt man [durch das Vedastudium], ja, ebenso viel Welt gewinnt man [dadurch]; und noch reicheren brahmanischen Glanz, lichtvoll, erlangt er.
Wort für Wort
tasya vā etasya yajñasya megho havirdhānam
dieses Opfers Wolke ist der Havirdhāna
vāyur ātmā
der Wind ist das Selbst
vidyotamāne stanayaty eva sphurati... na svādhyāyam adhīyīta
bei Blitz und Donner soll man das Selbststudium nicht betreiben
tapo hi svādhyāyaḥ
denn das Selbststudium ist Askese
uttamaṃ nākaṃ rohati
man steigt zum höchsten Himmel empor
bhūyāṃsaṃ cāpy asya brahmavarcasaṃ
und noch reicheren brahmanischen Glanz erlangt er
[Anm.: Diese Kaṇḍikā deutet das Brahmayajña kosmologisch-allegorisch als ein 'Opfer', dessen Bestandteile (Wolke, Blitz, Wind) den himmlischen Elementen eines gewöhnlichen Somaopfers entsprechen, und enthält zugleich die praktische, bis heute befolgte Regel, das Vedastudium bei Gewitter (Blitz und Donner) zu unterbrechen. Der Schlussteil vergleicht den Wert des Vedastudiums explizit mit dem einer vollständigen materiellen Opfergabe (Vermögenshingabe) – das Studium gilt als mindestens gleichwertig, wenn nicht überlegen (zusätzlicher 'brahmanischer Glanz'). Mehrere technische Einzelheiten (Havirdhāna-Gleichsetzung, genaue Bedeutung von 'digvarṣam') bleiben mit [?] markiert.]
[?, Beginn eines Abschnitts über den Wert kontinuierlichen Studiums und die Lösung von den drei Schulden (ṛṇatraya):] tasya vā etasya yajñasya dvādaśāhaḥ [?] ātmā, aśucir deśaḥ, samṛddhā devatāni [?]. ya evaṃ vidvān mahārātra utthāya udite vrajaṃs tiṣṭhann āsīnaḥ śayāno vāraṇye grāme vā yāvad uttarasaṅgaṃ [?] svādhyāyam adhīte, sarvāl lokān jayati, sarveṣu lokeṣv anṛṇaḥ syāt: devānām anṛṇo 'smin loke, ṛṣīṇām anṛṇaḥ [?] parasmiṃl loke, pitṝṇām anṛṇaḥ tṛtīye loke; anṛṇaḥ syāṃ... (TA 2,15,19, wird fortgesetzt).
[?, Beginn eines Abschnitts über den Wert beständigen Studiums und die Tilgung der drei [angeborenen] Schulden:] Dieses Opfers [Dauer ist] zwölf Tage [?]; unrein [ist ohne dieses Studium] der Ort, [aber] erfüllt [werden] die Gottheiten [dadurch, unsicher]. Wer, dies wissend, in der großen Nacht [oder] nach Sonnenaufgang aufstehend, sei es gehend, stehend, sitzend oder liegend, im Wald oder im Dorf, so lange wie [seine übrige Pflicht es erlaubt, unsicher] das Selbststudium betreibt, gewinnt alle Welten [und] wird in allen Welten schuldenfrei: den Göttern gegenüber schuldenfrei in dieser Welt, den Ṛṣis gegenüber schuldenfrei in der anderen [mittleren] Welt, den Vätern (Ahnen) gegenüber schuldenfrei in der dritten Welt; schuldenfrei möge ich sein... [Text setzt sich fort]
Wort für Wort
devānām anṛṇo 'smin loke
den Göttern gegenüber schuldenfrei in dieser Welt
ṛṣīṇām anṛṇaḥ parasmiṃl loke
den Ṛṣis gegenüber schuldenfrei in der anderen Welt
pitṝṇām anṛṇaḥ tṛtīye loke
den Vätern gegenüber schuldenfrei in der dritten Welt
sarvāl lokān jayati
er gewinnt alle Welten
[Anm.: Diese Kaṇḍikā (probeweise Anuvāka 15, hier nur ihr Anfang, da der Text auf der nächsten Seite fortgesetzt wird) führt die berühmte Lehre der DREI ANGEBORENEN SCHULDEN (ṛṇatraya) ein, die jeder Mensch bei Geburt trägt: die Schuld gegenüber den Göttern (getilgt durch Opfer), gegenüber den Ṛṣis/Sehern (getilgt durch Vedastudium) und gegenüber den Vätern/Ahnen (getilgt durch Zeugung von Nachkommen) – eine Lehre, die später u. a. explizit in Manusmṛti 6,35-37 und im Śatapatha-Brāhmaṇa kanonisiert wird. Hier erscheint sie in einer frühen Form, bei der beharrliches Vedastudium (Brahmayajña) allein zur Schuldenfreiheit in allen drei Welten führt. Wegen der schweren Lesbarkeit bleiben mehrere Wörter (insbesondere zur genauen Zeitangabe 'dvādaśāhaḥ' und zur Ortsvorschrift) mit [?] markiert.]
[Fortsetzung von Kaṇḍikā 19:] ...sukṛtasya panthām ity, tasmāc chraddhayaivādhyeyam. yaṃ yaṃ kratum adhīte, tena tenāsya sāyujyaṃ bhavati; ṛgvedasya sāyujyaṃ gacchati. tad apy uktam: ye arvāṅ ke vā purāṇaṃ vedavidaḥ samitho vadanti, ādim eva te pari vadanti sarve; agniṃ dvitīyaṃ tṛtīyaṃ ca hutvā, samitho [?]. yāvatīr vai devatāḥ sarvā vedavido brāhmaṇā vasanti, tasmād brāhmaṇo vedavic ca [?] dive dive namaskāryaḥ; śīlaṃ kīrtayed eva, devatāḥ prīṇāti (TA 2,15,19, Schluss).
...'der Pfad des Wohlgetanen' [heißt es], deshalb soll man eben mit Vertrauen (śraddhā) [das Studium] betreiben. Welches Studienziel (kratu) man auch immer verfolgt, dadurch erlangt man mit ihm die Vereinigung (sāyujya); [insbesondere] mit dem Ṛgveda erlangt man die Vereinigung. Dazu wird auch gesagt: Diejenigen, die – seien es die Gegenwärtigen oder die Alten – die Vedakenner, im Verein [miteinander] sprechen, sie alle sprechen [letztlich] eben über den [Einen] Ursprung; nachdem sie das Feuer [erstmals], ein zweites und ein drittes Mal geopfert haben, [sprechen sie] im Verein [darüber]. So viele Gottheiten es gibt, ebenso [ehrwürdig] wohnen die vedakundigen Brahmanen [unter den Menschen]; deshalb soll der vedakundige Brahmane Tag für Tag mit Verehrung [gegrüßt] werden; man rühme eben seinen [guten] Charakter – [dadurch] erfreut man die Gottheiten.
Wort für Wort
tasmāc chraddhayaivādhyeyam
deshalb soll man mit Vertrauen studieren
yaṃ yaṃ kratum adhīte, tena tenāsya sāyujyaṃ bhavati
welches Studienziel man verfolgt, dadurch erlangt man Vereinigung
ṛgvedasya sāyujyaṃ gacchati
mit dem Ṛgveda erlangt man die Vereinigung
yāvatīr vai devatāḥ sarvā vedavido brāhmaṇā vasanti
so viele Gottheiten es gibt, ebenso wohnen die vedakundigen Brahmanen
dive dive namaskāryaḥ
Tag für Tag soll er verehrt werden
[Anm.: Der Schluss von Kaṇḍikā 19 rundet die Lehre von den drei Schulden ab, indem er das Vedastudium mit Vertrauen (śraddhā) verbindet, die Erlangung der 'Vereinigung' (sāyujya) je nach Studieninhalt verheißt (mit besonderem Nachdruck auf dem Ṛgveda) und schließlich zur täglichen Ehrerbietung gegenüber vedakundigen Brahmanen auffordert – eine sozial bedeutsame Norm, die den Brahmanenstand mit den Göttern selbst parallelisiert ('so viele Gottheiten, ebenso wohnen die Brahmanen'). Mehrere Formulierungen im Mittelteil bleiben wegen der schweren Lesbarkeit mit [?] markiert.]
ricyata iva ricyate, yo yājayati, prati vā gṛhṇāti yājayitvā pratigṛhya; svādhyāyaṃ vedam adhīyīta trirātraṃ vā, sāvitrīṃ gāyatrīm anv āha; varo dakṣiṇā vareṇaiva vargaṃ spṛṇoty āma hi varaḥ (TA 2,16,20).
Gleichsam vermindert wird [im geistlichen Rang], wer [für andere] opfern lässt [d.h. als Priester amtiert] oder, nachdem er geopfert hat, [die Priestergabe] entgegennimmt. [Zur Wiedergutmachung] soll er das Selbststudium des Veda betreiben, sei es auch nur drei Nächte lang, [und dabei] die Sāvitrī [den Gāyatrī-Mantra] rezitieren; das [Priester-]Geschenk (dakṣiṇā) ist [selbst wieder] eine Gabe (vara) – eben durch die Gabe füllt man die verminderte Gruppe [d.h. den geminderten Rang] auf, denn eine Gabe ist [von Natur aus] auffüllend.
Wort für Wort
ricyata iva ricyate
gleichsam vermindert wird [im Rang]
yo yājayati
wer [für andere] opfern lässt [als Priester amtiert]
svādhyāyaṃ vedam adhīyīta trirātraṃ vā
er soll den Veda studieren, sei es drei Nächte lang
sāvitrīṃ gāyatrīm anv āha
er rezitiert die Sāvitrī
varo dakṣiṇā vareṇaiva vargaṃ spṛṇoti
die Gabe füllt eben durch die Gabe die geminderte Gruppe auf
[Anm.: Diese Kaṇḍikā behandelt den spirituellen 'Verschleiß', den ein Priester durch das Ausüben seines Amtes (für andere opfern, Priestergaben annehmen) erleidet, und schreibt als Ausgleich ein kurzes Sühne-Studium (mindestens drei Nächte, mit Sāvitrī-Rezitation) vor – ein weiteres Beispiel für das in diesem Prapāṭhaka wiederkehrende Muster kleiner, genau bemessener Buß-/Ausgleichsriten (vgl. bereits Kaṇḍikā 12). Die Wortspiel-Etymologie am Schluss (vara 'Gabe' heilt, was rikta 'vermindert' wurde) bleibt in ihrer genauen Nuance mit [?] zu versehen.]
[?, insgesamt unsicher, aber erkennbar eine 'innere Opfer'-Allegorie:] Fürwahr, dieser [Studierende] webt gleichsam die Versmaße [in sich], er, der [durch Studium] opfert – wodurch, mit welchem Opferwerk auch immer, das [äußere] Opfer entstanden ist und [wieder] vergeht [d. h. vergänglich ist, im Gegensatz zum inneren]. An reinem Ort sitze er, eben das Selbststudium betreibend: seine Speise ist [ihm] die Weihe (dīkṣā), sein Platz der Sitz (āsana), die [im Studium] ausgepresste [d.h. hervorgebrachte] Rede ist [ihm] der Soma-Trank, [sein] feststehendes [Element] auf beiden Seiten [ist die Stütze], sein Atem die Opfergabe (havis), sein [rezitiertes] Sāman der Adhvaryu-Priester – eben dies ist [ihm] das [wahre] Opfer: mit dem Atem als Priestergabe, mit endloser Priestergabe, [ist er] noch reicher gesegnet [als der äußere Opferer].
Wort für Wort
śucau deśe svādhyāyam evainam adhīyānaḥ āsīta
an reinem Ort sitze er, das Selbststudium betreibend
tasyāśanaṃ dīkṣā
seine Speise ist ihm die Weihe
sthānam āsanam
sein Platz ist der Sitz
sutā vāg
die hervorgebrachte Rede ist [ihm] der Soma-Trank
prāṇo haviḥ
sein Atem ist die Opfergabe
sa eva yajñaḥ
eben dies ist das [wahre] Opfer
prāṇadakṣiṇo 'nantadakṣiṇaḥ
mit dem Atem als Priestergabe, mit endloser Priestergabe
[Anm.: Diese Kaṇḍikā enthält eine bedeutsame ADHYĀTMA-YAJÑA-ALLEGORIE ('inneres Opfer'): dem Vedastudierenden werden die äußeren Bestandteile des rituellen Opfers (Weihe, Sitzplatz, Soma-Trank, Opfergabe, Priesterrollen) in seinem eigenen Körper und seiner Studienpraxis gespiegelt zugeordnet – Speise wird zur Weihe, der Atem selbst zur Opfergabe. Diese Verinnerlichung des Opfers als reine geistige/körperliche Praxis steht in einer Traditionslinie mit ähnlichen Lehren in den Upaniṣaden (etwa dem 'inneren Agnihotra' der Prāṇāgnihotra-Lehre, die im Śāṅkhāyana-Āraṇyaka dieses Werks in Adhyāya 10 bereits behandelt wurde) und mit der abschließenden Behauptung, dieses innere Opfer sei sogar 'reicher gesegnet' als das äußere. Wegen der ungewöhnlichen sprachlichen Dichte und Kürze der Formulierungen bleiben mehrere Zuordnungen mit [?] markiert.]
[?, insgesamt stark unsicher, ein Sühneritual für unfreiwilligen Samenverlust während des Brahmacarya-Gelübdes:] katidhākarṇaḥ [?] praviśati, caturthyety āhur brahmavādinaḥ. marutaḥ prāṇaiḥ, indraṃ balena, bṛhaspatiṃ brahmavarcasena, agnim eva itareṇa sarveṇa svena, ity asmin prāyaścittiṃ vidāṃ cakāra sudevaḥ kāśyapaḥ. yo brahmacaryaṃ vikireta, amāvāsyāṃ rātrim āsthāya dvir ājyasyopajuhoti: kāmāvikīrṇasyopakīrṇo 'smi, kāma kāmāvikīrṇo 'smi, kāma kāmāya svāhā, ity ājyam ṛtam evātmanaś chidraṃ hutvā, praty añjaliṃ kṛtvā, tribhir ṛgbhir mantrayeta: mā siśnata marutaḥ, sam indraḥ sa bṛhaspatiḥ, sa agniś ca vāyuś ca, balena cāyuṣmatkarotīti [?]. prati hāsmai marutaḥ prāṇaṃ dadhati, praty indro balam, prati bṛhaspatir brahmavarcasam, praty agnir bhūtiṃ dadāti [?]; tribhir mantrayeta, tisro hy āyatayo devāḥ [?]. yo 'pūta iva manyeta, sa ittham juhuyāt, atha āyuṣīti [?] punīta ātmānam, āyur evātmanaḥ śreyaḥ. varo dakṣiṇā vareṇaiva vargaṃ spṛṇoty āma hi varaḥ (TA 2,18,22).
[?, insgesamt sehr unsicherer, aber als Brahmacārin-Sühneritual erkennbarer Abschnitt:] 'Auf wievielerlei Weise tritt es [das Ungewollte] ein?' – 'Auf vierfache Weise', so sagen die Brahmanlehrer: die Maruts durch die Atemkräfte, Indra durch die Kraft, Bṛhaspati durch den geistlichen Glanz, Agni durch alles Übrige, sein Eigenes – hierfür ersann der gottgleiche Kaśyapa ein Sühnemittel (prāyaścitta). Wer sein Keuschheitsgelübde (brahmacarya) [durch unfreiwilligen Samenerguss] verletzt hat, verharre die Nacht des Neumonds hindurch und opfere zweimal Ghī [mit den Worten]: 'Dem vom Verlangen Zerstreuten [d.h. mir] bin ich zerstreut zugefallen; o Verlangen, ich bin vom Verlangen zerstreut; dem Verlangen, Verlangen [gilt dies], svāhā!' – so opfere er das Ghī, [gleichsam] die Wahrheit selbst, in die Lücke seines Selbst; dann forme er die Hände zur Anjali-Geste und spreche drei Ṛk-Verse: 'Nicht sollen mich die Maruts [dafür] tadeln [?]; es sei Indra, es sei Bṛhaspati, es sei Agni und Vāyu, die mit Kraft mich zum Lebenskräftigen machen.' Ihm gewähren dafür die Maruts den Atem, Indra die Kraft, Bṛhaspati den geistlichen Glanz, Agni das Gedeihen; man spreche drei [Verse], denn dreifach sind die Zuflüsse der Götter [?]. Wer sich als unrein empfindet, der opfere solchermaßen; dann [erlangt er] Lebenskraft [?] – so reinigt er sein Selbst, denn Lebenskraft ist das eigentliche Heil des Selbst. Das [Priester-]Geschenk (dakṣiṇā) ist [selbst wieder] eine Gabe – eben durch die Gabe füllt man die geminderte Gruppe auf, denn eine Gabe ist [von Natur aus] auffüllend.
Wort für Wort
yo brahmacaryaṃ vikireta
wer sein Keuschheitsgelübde verletzt hat [durch unfreiwilligen Samenerguss]
die Maruts durch Atem, Indra durch Kraft, Bṛhaspati durch geistlichen Glanz
prāyaścittiṃ vidāṃ cakāra sudevaḥ kāśyapaḥ
hierfür ersann der gottgleiche Kaśyapa ein Sühnemittel
kāmāvikīrṇo 'smi
ich bin vom Verlangen zerstreut [Mantra-Formel]
prati hāsmai marutaḥ prāṇaṃ dadhati
ihm gewähren die Maruts dafür den Atem
āyur evātmanaḥ śreyaḥ
Lebenskraft ist das eigentliche Heil des Selbst
[Anm.: Diese sehr dichte und im Quell-Scan besonders schwer entzifferbare Kaṇḍikā behandelt erkennbar das Sühneritual (prāyaścitta) für einen Brahmacārin (Keuschheitsgelobten), dem während seines Gelübdes unfreiwillig Samen entweicht (retaḥskhalana) – ein in der späteren Dharmaśāstra-Literatur (Āpastamba-, Gautama-Dharmasūtra u.a.) breit bezeugtes Ritual. Die vier genannten Gottheiten (Maruts/Atem, Indra/Kraft, Bṛhaspati/geistlicher Glanz, Agni/'alles Übrige') entsprechen den vier Aspekten der Lebenskraft, die durch den Vorfall als gefährdet gelten und durch das Ghī-Opfer mit der Mantra-Formel 'kāmāvikīrṇo 'smi' ('ich bin vom Verlangen zerstreut/verschüttet') wiederhergestellt werden sollen. Der Weise Kaśyapa wird als Urheber dieses Sühnemittels genannt. Wegen der außergewöhnlichen Dichte und schlechten Lesbarkeit dieses Abschnitts im Scan bleibt der Großteil der Einzelformulierungen mit [?] markiert; nur der rituelle Grundgedanke (vierfache Wiederherstellung der Lebenskraft nach unfreiwilligem Samenverlust) ist mit einiger Sicherheit rekonstruierbar.]
Ich lege die Erde nieder, ich lege den Luftraum nieder, ich lege den Himmel nieder, ich lege 'Erde-Luftraum-Himmel' nieder, ich lege 'Erde-Luftraum-Himmel' als Unsterblichkeit nieder; ich lege das Aufwärtsgerichtete nieder, ich lege die Unsterblichkeits-Hülle nieder, die vierfach vernetzte Brahman-Hülle, die der Tod nicht [zu] sehen [vermag], die lege ich nieder; ich lege die Götter nieder, ich lege die Götterburg nieder – umhüllt, allseits umhüllt vom Brahman als Rüstung, möchte ich mit [meinem eigenen] Glanz sehen. Diesem [Wesen] Verehrung: sein Haupt ist der Dharma, sein Scheitel das höhere Brahman, sein Herz das Opfer, sein Hinterteil [?] Viṣṇu, sein Herz [wiederum, oder: ein anderer Teil], das Jahr seine Zeugungskraft, die Aśvin seine Vorderfüße, Mitra und Varuṇa seine Hinterfüße, Agni sein Schwanzansatz – dies ist der erste [Körper-]Abschnitt; jener [ist] Indra, jener den Prajāpatis [zugeordnet]. Er nämlich ist jenes himmlische, mächtige Krokodil (śiśumāra) [d.h. das Sternbild Śiśumāra/Draco]: wer, dies wissend, [ihn verehrt], besiegt den Wiedertod, [gewinnt] die Himmelswelt. Er stirbt nicht auf dem Weg, stirbt nicht im Feuer, stirbt nicht im Wasser, stirbt nicht kinderlos. Du bist fest [gegründet], du bist der feste Grund [selbst]; du bist der Herr der Wesen, du bist der Vorzüglichste der Wesen, um dich kreisen die Wesen. Verehrung dir; alle [Verehrung], Verehrung dir, dem Śiśukumāra [dem 'jungen Krokodil/Prinzen'] Verehrung!
Wort für Wort
bhūḥ pradadhe, bhuvaḥ pradadhe, svaḥ pradadhe
ich lege Erde, Luftraum, Himmel nieder
caturjālaṃ brahmakośaṃ yaṃ mṛtyur nāpaśyati
die vierfach vernetzte Brahman-Hülle, die der Tod nicht sieht
śiro dharmo
sein Haupt ist der Dharma
aśvinau pūrvau pādau
die Aśvin sind seine Vorderfüße
sa vā eṣa divyaḥ śākvaraḥ śiśumāraḥ
er ist jenes himmlische, mächtige Krokodil [Sternbild]
apunarmṛtyuṃ jayati
er besiegt den Wiedertod
nānapatyaḥ pramīyate
er stirbt nicht kinderlos
tvaṃ bhūtānām adhipatir asi
du bist der Herr der Wesen
śiśukumārāya namaḥ
dem Śiśukumāra Verehrung
[Anm.: Diese Kaṇḍikā enthält eine kosmologisch-anatomische Allegorie des Sternbilds ŚIŚUMĀRA (wörtlich 'Krokodil-Junges', identifiziert mit dem Sternbild Draco/Kleiner Bär im späteren Purāṇa-Schrifttum, vgl. Viṣṇu-Purāṇa 2,9 mit einer sehr ähnlichen Śiśumāra-Cakra-Kosmographie): einzelne Körperteile des kosmischen 'Krokodils' werden Dharma, Brahman, dem Opfer, Viṣṇu, dem Jahr, den Aśvin, Mitra-Varuṇa, Agni, Indra und Prajāpati zugeordnet. Die Verehrung dieses Wesens verheißt Sieg über den 'Wiedertod' (punarmṛtyu, ein zentrales Konzept der Brāhmaṇa-/Āraṇyaka-Literatur) und Schutz vor verschiedenen Todesarten. Wegen der technischen Dichte der Körperteil-Zuordnungen bleiben einzelne Zuweisungen (v.a. die doppelte Nennung von 'hṛdayam') mit [?] markiert.]
namaḥ prācyai diśe, yāś ca devatā etasyāṃ pratyāvasantyāś ca, namo namaḥ. dakṣiṇāyai diśe, yāś ca devatā etasyāṃ pratyāvasantyāś ca, namo namaḥ. pratīcyai diśe, yāś ca devatā etasyāṃ pratyāvasantyāś ca, namo namaḥ. udīcyai diśe, yāś ca devatā etasyāṃ pratyāvasantyāś ca, namo namaḥ. ūrdhvāyai diśe, yāś ca devatā etasyāṃ pratyāvasantyāś ca, namo namaḥ. avāntarāyai diśe, yāś ca devatā etasyāṃ pratyāvasantyāś ca, namo namaḥ. gaṅgāyamunayor mune, yo vasati, tam prasrabdhātmānam āścīya jīvitaṃ vardhayanti, namo namaḥ gaṅgāyamunayor munine 'stu namaḥ (TA 2,20,24). [Kolophonartiger Schlusshinweis, unsicher:] saha vai rakṣāṃsi yad daivyaṃ pañcadaśayuktaṃ [?] catustriṃśac chraddhānārāyaṇaḥ ṣaḍviṃśatir vartamānāḥ, pañca brahmayajñe grāme madhyandine; tasya vai meghasya dvau raśmī, dve avakīrṇo bhūr, nāmnā prācyai vidyuti; saha vātaraśanā duhe ha caturviṃśatiḥ, saha vai muninyaḥ, namaḥ, saha namaḥ. namo brahmaṇe namo 'stv agnaye namaḥ pṛthivyai nama oṣadhībhyaḥ, namo vāce namo vācaspataye namo viṣṇave bṛhate karomi, oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ.
Verehrung der östlichen Himmelsrichtung, und den Gottheiten, die in ihr und um sie herum wohnen – Verehrung, Verehrung! Verehrung der südlichen Himmelsrichtung, und den Gottheiten, die in ihr und um sie herum wohnen – Verehrung, Verehrung! Verehrung der westlichen Himmelsrichtung ... Verehrung der nördlichen Himmelsrichtung ... Verehrung der oberen (aufwärtigen) Himmelsrichtung ... Verehrung der Zwischenrichtung, und den Gottheiten, die in ihr und um sie herum wohnen – Verehrung, Verehrung! Dem Weisen (muni), der am Zusammenfluss von Gaṅgā und Yamunā wohnt – ihn, den Selbstgelösten verehrend, mehren sie [ihm bzw. durch ihn] das Leben – Verehrung, Verehrung; dem Weisen von Gaṅgā und Yamunā sei Verehrung! [Es folgt ein kolophonartiger, sehr unsicherer Schlusshinweis, vermutlich eine zusammenfassende Zählangabe zu diesem Prapāṭhaka:] [?, Zähl-/Merkvers, nicht zuverlässig zu übersetzen] ... Verehrung dem Brahman, Verehrung sei dem Agni, Verehrung der Erde, Verehrung den Kräutern; Verehrung der Rede, Verehrung dem Herrn der Rede, Verehrung dem hohen Viṣṇu erweise ich. Oṃ – Friede, Friede, Friede!
Wort für Wort
namaḥ prācyai diśe
Verehrung der östlichen Himmelsrichtung
yāś ca devatā etasyāṃ pratyāvasantyāś ca
und den Gottheiten, die in ihr wohnen
avāntarāyai diśe
der Zwischenrichtung
gaṅgāyamunayor mune yo vasati
dem Weisen, der am Zusammenfluss von Gaṅgā und Yamunā wohnt
namo brahmaṇe namo 'stv agnaye
Verehrung dem Brahman, Verehrung sei dem Agni [Schluss-Invokation = Eröffnungsformel]
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ
Oṃ, Friede, Friede, Friede
[Anm.: Kaṇḍikā 24 ist die abschließende Richtungs-Namaskāra-Formel dieses Prapāṭhaka – strukturell eng verwandt mit der ganz ähnlichen Formel in Prapāṭhaka 1, Anuvāka 20 ('Richtungs-Gottheiten-Niederlegungsformel'), hier aber um eine sechste, 'Zwischenrichtung' (avāntarā diś) und eine besondere Verehrung eines am Zusammenfluss von Gaṅgā und Yamunā (dem berühmten Prayāga/Allahabad) lebenden Weisen erweitert. MIT DIESER KAṆḌIKĀ ENDET PRAPĀṬHAKA 2 (24 Kaṇḍikās über 20 probeweise abgegrenzte Anuvākas), abgeschlossen durch dieselbe Invokationsformel ('namo brahmaṇe...oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ'), mit der auch der Prapāṭhaka begonnen hatte – ein Rahmungsverfahren, das schon von Prapāṭhaka 1 her bekannt ist. Der kolophonartige Zwischentext vor der Schlussinvokation (vermutlich eine zusammenfassende Zähl-/Merkformel zu diesem Prapāṭhaka, ähnlich manchen Anukramaṇī-artigen Abschlussnotizen anderer vedischer Texte) bleibt wegen extremer Kürze und Dichte fast vollständig unübersetzbar und ist entsprechend mit [?] gekennzeichnet.]