Adhyāya 2
Die Geheimbedeutung des Neu- und Vollmondopfers
Brāhmaṇa 1 (Die dreifache Geburt des Menschen und die Sāmidhenī-Verse): Der Mensch wird dreifach geboren – physisch von den Eltern, ein zweites Mal durch das Opfer, ein drittes Mal durch die Wiedereinbringung ins Feuer nach dem Tod; die elf Sāmidhenī-Verse und die neun Vyāhṛtis des Zeugungsvorgangs werden mit den Lebenskräften (prāṇa) im Menschen gleichgesetzt. Brāhmaṇa 2 (Gāyatrī, Triṣṭubh und Vaṣaṭkāra als Stützen der Welt): Fortsetzung der Entsprechungen zwischen Opferelementen und dem Menschen. Brāhmaṇa 3 (Brahman, Gestalt und Name: der Ursprung der Schöpfung): Die Śamyorvāka-Begleitformel gleicht ein zu reichliches oder zu geringes Opfer durch die Worte „Verehrung“ (namas) und „Zuwendung“ (upa) aus; eine Liste von Gandharva-Namen beschließt das Brāhmaṇa. Brāhmaṇa 4 (Sonne und Mond als Vollmond und Neumond): Warum weder beim Darśa- noch beim Pūrṇamāsa-Opfer eine Opfergabe unmittelbar entnommen wird, sondern die Handlung durch Geist (manas, für den Pūrṇamāsa) bzw. Rede (vāc, für den Darśa) vermittelt wird. Brāhmaṇa 5 (Das Aśvamedha als Mondopfer): Weitere Erläuterungen zum Verhältnis von Darśa- und Pūrṇamāsa-Opfer. Brāhmaṇa 6 (Das Opfer als Leib des Menschen: Selbst-Opferer und Götter-Opferer): Körperteil-Entsprechungen des Āgnīṣomīya-Opferkuchens, des Aindra-Sāṃnāyya, des Sviṣṭakṛt- und Prāśitra-Anteils sowie der Anuyājas, Patnīsaṃyājas und des Samiṣṭayajus (Schenkel, Knie, Füße). Brāhmaṇa 7 (Das Jahr als Opfer: kosmische Entsprechungen der Opferteile): Der Streit der Priester um den Vorrang beim Opfer, mit einem Spruch des Śvetaketu Āruṇeyi; die Gleichsetzung von Welt (loka) und Prāśitra-Anteil; und zentral die Gleichsetzung des Jahres mit dem Opferherrn und der fünf Jahreszeiten mit den fünf Hauptpriestern (Vasanta/Āgnīdhra, Grīṣma/Adhvaryu, Varṣā/Udgātṛ, Śarad/Brahman, Hemanta/Hotṛ).
trirha vai puruṣo jāyate etannveva mātuścādhi pituścāgre jāyate'tha yaṃ yajña upanamati sa yadyajate taddvitīyaṃ jāyate'tha yatra mriyate yatrainamagnāvabhyādadhati sa yattataḥ sambhavati tattṛtīyaṃ jāyate tasmāttriḥ puruṣo jāyata ityāhuḥ
Dreimal wahrlich wird der Mensch geboren – das ist damit gemeint: Zuerst wird er von Mutter und Vater geboren. Dann, wenn ihm das Opfer naht und er opfert, ist das seine zweite Geburt. Und wenn er stirbt und man ihn auf das Feuer legt, dann ist das, was danach aus ihm hervorgeht, seine dritte Geburt. Deshalb sagt man: „Dreimal wird der Mensch geboren.“
Diese elf Sāmidhenī-Verse rezitiert er: Zehn sind die Atemkräfte (Prāṇa) im Menschen, und das Selbst (Ātman) ist die elfte, in der diese Atemkräfte gegründet sind – so viel eben macht den Menschen aus. Dadurch erzeugt er ihn vollständig. Was dann über die Sāmidhenī-Verse hinausgeht, das ist die Stütze (Pratiṣṭhā); dadurch gründet er ihn fest, nachdem er ihn erzeugt hat.
nava prasavasya vyāhṛtayaḥ navame puruṣe prāṇāstadenaṃ dvitīyaṃ janayatyāśrāvaṇam pratyāśrāvaṇaṃ sā pratiṣṭhātha yadevādaḥ sṛṣṭau janmodyate tadenaṃ tṛtīyaṃ janayati patnīsaṃyājā eva tatra pratiṣṭhā
Neun sind die Anfeuerungsrufe (Vyāhṛti) der Zeugung; im neunten [Monat] sind die Atemkräfte im Menschen versammelt – dadurch erzeugt er ihn zum zweiten Mal. Der Āśrāvaṇa- und der Pratyāśrāvaṇa-Ruf sind dabei die Stütze. Wenn dann bei jener Freigabe (Sṛṣṭi) die Geburt hervorgerufen wird, erzeugt er ihn dadurch zum dritten Mal; die Patnīsaṃyāja-Opfer allein sind hier die Stütze.
trirhi vai puruṣo jāyate evamevainametadyajñāttrirjanayati tāsāmekādaśānāṃ triḥ prathamāmanvāha triruttamām
Dreimal nämlich wird der Mensch geboren, und ebenso erzeugt ihn das Opfer dreimal. Von diesen elf Sāmidhenī-Versen rezitiert er darum den ersten dreimal und den letzten dreimal.
Das ergibt fünfzehn Sāmidhenī-Verse. Die zwei Āghāra-Güsse, die fünf Prayāja (Vorwurf-Opfer), die Iḍā, die drei Anuyāja (Nachwurf-Opfer), der Sūktavāka und der Śamyorvāka – das sind dreizehn Opfergüsse (Āhuti); dazu, was er bei den Patnīsaṃyāja-Opfern insgesamt vollzieht, sowie die Samiṣṭayajus-Formel.
Das sind also fünfzehn Opfergüsse. Diesen fünfzehn Opfergüssen entsprechen die fünfzehn Anuvākyā-Sprüche (Einladungsverse) – eben die Sāmidhenī-Verse. Diesen Anuvākyā-Sprüchen wiederum entsprechen die Yājyā-Sprüche (Opfersprüche): Was hier Mantra oder Nigada (Ansage-Formel) ist, hat die Gestalt des Yājyā-Spruchs. So sind diese Opfergüsse mit Anuvākyā-Sprüchen versehen, und durch die Sāmidhenī-Verse wie durch die Opfergüsse sind diese Anuvākyā-Sprüche zugleich mit Yājyā-Sprüchen und mit Opfergüssen versehen.
gāyatrīmanuvākyāmanvāha tripadā vai gāyatrī traya ime lokā imānevaitallokāndevāḥ pratyaṣṭhāpayan
Den Gāyatrī-Vers rezitiert er als Anuvākyā (Einladungsvers). Die Gāyatrī hat drei Versfüße, und das sind eben diese drei Welten; sie haben die Götter dadurch fest gegründet.
Dann opfert er mit der Triṣṭubh-Strophe. Die Triṣṭubh hat vier Versfüße, und vierfüßig sind die Tiere (Paśu); eben diese Tiere haben die Götter, nachdem die Welten schon gegründet waren, auf ihnen gegründet.
Der Vaṣaṭ-Ruf hat zwei Silben, und zweifüßig ist der Mensch; eben diesen zweifüßigen Menschen haben sie, nachdem die Tiere schon gegründet waren, auf ihnen gegründet.
So ist der zweifüßige Mensch auf den Tieren gegründet. Ebenso gründet der Opfernde diese Welten; sind die Welten gegründet, gründet er die Tiere; sind die Tiere gegründet, gründet er sich selbst. So gründet sich dieser Mensch auf den Tieren – wer, dies wissend, so opfert.
atha yadvaṣaṭkṛte juhoti eṣa vai vaṣaṭkāro ya eṣa tapati sa eṣa mṛtyustadenamupariṣṭānmṛtyoḥ saṃskaroti tadenamato janayati sa etam mṛtyumatimucyate yajño vā asyātmā bhavati tadyajña eva bhūtvaitanmṛtyumatimucyata eteno hāsya sarve yajñakratava etam mṛtyumatimuktāḥ
Dass er nun nach dem Vaṣaṭ-Ruf die Opferspende gießt, hat folgenden Sinn: Dieser Vaṣaṭ-Ruf ist eben der, der dort brennt – die Sonne –, und diese ist der Tod. Dadurch bereitet er den Opfernden jenseits des Todes zu, erzeugt ihn danach neu; so entkommt er dem Tod. Das Opfer wird ja zu seinem Selbst; so, selbst zum Opfer geworden, entkommt er dem Tod. Dadurch sind ihm alle Opferhandlungen (Yajñakratu) dem Tod entronnen.
atha yāmetāmāhutiṃ juhoti eṣā ha vā asyāhutiramuṣmiṃloka ātmā bhavati sa yadaivaṃvidasmāllokātpraityathainameṣāhutiretasya pṛṣṭhe satyāhvayatyehyahaṃ vai ta ihātmāsmīti tadyadāhvayati tasmādāhutirnāma
Was ferner die Opferspende betrifft, die er gießt: Sie wird ihm in jener Welt zum Selbst. Wenn ein solcher Wissender aus dieser Welt scheidet, ruft ihn diese Opferspende, die sich an seinem Rücken befindet, herbei: „Komm, ich bin ja hier dein Selbst!“ Weil sie so herbeiruft (āhvayati), heißt sie Āhuti (Opferspende).
Das Brahman war dies alles im Anfang. Es schuf die Götter, und nachdem es sie geschaffen hatte, ließ es sie in diesen Welten aufsteigen: in dieser Welt den Agni, in der Luftwelt (Antarikṣa) den Vāyu, im Himmel die Sonne (Sūrya).
atha ye'tha ūrdhvā lokāḥ tadyā ata ūrdhvā devatāsteṣu tā devatā vyārohayatsa yathā haivema āvirlokā imāśca devatā evamu haiva ta āvirlokāstāśca devatā yeṣu tā devatā vyārohayat
Was aber die darüber hinausgehenden, höheren Welten betrifft – die Gottheiten, die oberhalb jener stehen –, in diese ließ es die Gottheiten ebenso aufsteigen. Wie diese drei genannten sichtbaren Welten und ihre Gottheiten sind, so sind auch jene höheren sichtbaren Welten und jene Gottheiten beschaffen, in die es sie aufsteigen ließ.
atha brahmaiva parārdhamagacat tatparārdhaṃ gatvaikṣata kathaṃ nvimāṃlokānpratyaveyāmiti taddvābhyāmeva pratyavaidrūpeṇa caiva nāmnā ca sa yasya kasya ca nāmāsti tannāma yasyo api nāma nāsti yadveda rūpeṇedaṃ rūpamiti tadrūpametāvadvā idaṃ yāvadrūpaṃ caiva nāma ca
Dann ging das Brahman in die höchste Hälfte (Parārdha) ein. Dort angelangt, überlegte es: „Wie könnte ich nun zu diesen Welten zurückkehren?“ Da stieg es mit zweierlei herab: mit der Gestalt (Rūpa) und mit dem Namen (Nāman). Was irgendetwas an Namen hat, das ist sein Name; und was keinen eigenen Namen hat, das erkennt man an seiner Gestalt: „Dies ist diese Gestalt“ – das ist seine Gestalt. So weit reicht dies alles, wie es Gestalt und Namen gibt.
te haite brahmaṇo mahatī abhve sa yo haite brahmaṇo mahatī abhve veda mahaddhaivābhvam bhavati
Diese beiden sind die zwei großen Erscheinungsmächte (Abhva) des Brahman. Wer diese beiden großen Erscheinungsmächte des Brahman kennt, wird selbst eine große Erscheinungsmacht.
te haite brahmaṇo mahatī yakṣe sa yo haite brahmaṇo mahatī yakṣe veda mahaddhaiva yakṣam bhavati tayoranyatarajjyāyo rūpameva yaddhyapi nāma rūpameva tatsa yo haitayorjyāyo veda jyāyānha tasmādbhavati yasmājjyāyānbubhūṣati
Diese beiden sind die zwei großen Wundermächte (Yakṣa) des Brahman. Wer diese beiden großen Wundermächte des Brahman kennt, wird selbst eine große Wundermacht. Von beiden ist die Gestalt die überlegenere, denn auch der Name ist letztlich nur Gestalt. Wer von diesen beiden das Überlegenere kennt, wird dadurch überlegener als der, dem gegenüber er überlegen sein möchte.
martyā ha vā agre devā āsuḥ sa yadaiva te brahmaṇāpurathāmṛtā āsuḥ sa yam manasa āghārayati mano vai rūpam manasā hi vededaṃ rūpamiti tena rūpamāpnotyatha yaṃ vāca āghārayati vāgvai nāma vācā hi nāma gṛhṇāti teno nāmāpnotyetāvadvā idaṃ sarvaṃ yāvadrūpaṃ caiva nāma ca tatsarvamāpnoti sarvaṃ vā akṣayyameteno hāsyākṣayyaṃ sukṛtam bhavatyakṣayyo lokaḥ
Sterblich waren die Götter im Anfang; als sie es aber durch das Brahman erlangten, wurden sie unsterblich. Wer mit dem Geist (Manas) den einen Āghāra-Guss ausgießt – der Geist ist ja die Gestalt, denn mit dem Geist erkennt man: „Dies ist diese Gestalt“ –, erlangt dadurch die Gestalt. Wer mit der Rede (Vāc) den anderen Guss ausgießt – die Rede ist ja der Name, denn mit der Rede erfasst man den Namen –, erlangt dadurch den Namen. So weit dies alles reicht, wie es Gestalt und Namen gibt, das alles erlangt er. Alles aber ist unerschöpflich; dadurch wird ihm sein gutes Werk unerschöpflich und unerschöpflich seine jenseitige Welt.
tadvā ada āgneyyāmiṣṭā udyate yathā tadṛṣibhyo yajñaḥ prārocata taṃ yathātanvata tadyajñaṃ tanvānānṛṣīngandharvā upaniṣeduste ha sma saṃnidadhatīdaṃ vā atyarīricannidamūnamakranniti sa yadaiṣāṃ yajñaḥ saṃtasthe'thaināṃstaddarśayāṃ cakruridaṃ vā atyarīricatedamūnamakarteti
Dazu erzählt man bei der Āgneyī-Iṣṭi, wie einst den Ṛṣis das Opfer aufleuchtete und wie sie es ausbreiteten. Als die Ṛṣis das Opfer ausbreiteten, setzten sich die Gandharvas dazu und pflegten zu bemerken: „Dies haben sie zu viel gemacht, dies zu wenig!“ Als ihr Opfer vollendet war, zeigten ihnen die Gandharvas: „Dies habt ihr zu viel gemacht, dies zu wenig!“
sa yatra śamyorāha tadabhimṛśati yajña namaśca ta upa ca yajñasya śive saṃtiṣṭhasva sviṣṭe me saṃtiṣṭhasveti sa yadatirecayati tannamaskāreṇa śamayatyatha yadūnaṃ karotyupa ceti tena tadanyūnam bhavati yajñasya śive saṃtiṣṭhasveti yadvai yajñasyānyūnātiriktaṃ tacivaṃ tena tadubhayaṃ śamayati sviṣṭe me saṃtiṣṭhasveti yadvai yajñasyānyūnātiriktaṃ tatsviṣṭaṃ teno tadubhayaṃ śamayatyevamu hāsyaitena yajñenānyūnātiriktenaiveṣṭam bhavati ya evaṃ vidvānevamabhimṛśati tasmādevamevābhimṛśette ha te gandharvā āsuḥ śūrpaṃ yavamānkṛṣirudvālavāndhānāntarvān
Wenn er nun beim Śamyorvāka spricht, berührt er dabei die Opferstätte und sagt: „Opfer, Verehrung (namas) sei dir, und Zuwendung (upa) dir, o Opfer! Bleibe fest in deiner Heilsamkeit! Bleibe fest in deinem Wohlgeraten-Sein für mich!“ Hat er das Opfer zu reichlich gemacht, so beruhigt er es dadurch mit der Verehrungsformel; hat er es zu gering gemacht, so tut er dies mit „und dir“ – dadurch wird es nicht mangelhaft. „Bleibe fest in deiner Heilsamkeit, o Opfer!“ – was am Opfer weder zu wenig noch zu viel ist, das ist heilsam; dadurch beruhigt er beides. „Bleibe fest in deinem Wohlgeraten-Sein für mich!“ – was am Opfer weder zu wenig noch zu viel ist, das ist wohlgeraten; dadurch beruhigt er wiederum beides. So wird ihm durch dieses Opfer, das weder zu wenig noch zu viel ist, richtig geopfert. Wer, dies wissend, so die Formel anwendet – deshalb soll man eben genau so verfahren. Jene Gandharvas aber waren: Śūrpa, Yavamān, Kṛṣi, Udvālavān und Dhānāntarvān. [Anm.: Die Worttrennung dieser Namensliste ist im Original unmarkiert und daher unsicher; die hier gewählte Segmentierung in fünf Namen ist eine philologische Annäherung.]
eṣa vai pūrṇamāḥ ya eṣa tapatyaharaharhyevaiṣa pūrṇo'thaiṣa eva darśo yaccandramā dṛdṛśa iva hyeṣaḥ
Dies ist der Vollmond (Pūrṇamāsa): der, der dort als Sonne brennt – denn dieser ist Tag für Tag voll. Und dies ist der Neumond (Darśa): der Mond – denn dieser erscheint jeweils nur gesehen.
atho itarathāhuḥ eṣa eva pūrṇamā yaccandramā etasya hyanu pūraṇam paurṇamāsītyācakṣate'thaiṣa eva darśo ya eṣa tapati dadṛśa iva hyeṣaḥ
Andererseits sagen manche es so: Eben der Mond ist der Vollmond – denn nach ihm richtet sich das Voll-Werden, weshalb man den Tag „Paurṇamāsī“ nennt. Und der, der dort als Sonne brennt, ist der Neumond – denn dieser erscheint stets nur gesehen.
Die Nacht ist der Vollmond – denn sie ist gleichsam voll; der Tag ist der Neumond – denn er erscheint nur gesehen. Dies ist die Betrachtung von Neumond und Vollmond in Bezug auf die Gottheiten.
athādhyātmam udāna eva pūrṇamā udānena hyayam puruṣaḥ pūryata iva prāṇa eva darśo dadṛśa iva hyayam prāṇastadetāvannādaścānnapradaśca darśapūrṇamāsau
In Bezug auf das Selbst aber: Der Udāna (Aufatem) ist der Vollmond – denn durch ihn wird der Mensch gleichsam erfüllt; der Prāṇa (Einatem) ist der Neumond – denn er erscheint nur gesehen. So sind Neumond und Vollmond ebenso viel wie Speiseesser und Speisegeber.
prāṇa evānnādaḥ prāṇena hīdamannamadyata udāna evānnaprada udānena hīdamannam pradīyate sa yo haitāvannādaṃ cānnapradaṃ ca darśapūrṇamāsau vedānnādo haiva bhavati pra hāsmā annādyaṃ dīyate
Der Prāṇa ist der Speiseesser – denn durch ihn wird die Speise gegessen; der Udāna ist der Speisegeber – denn durch ihn wird die Speise dargereicht. Wer Neumond und Vollmond so als Speiseesser und Speisegeber kennt, wird selbst ein Speiseesser, dem Speise dargereicht wird.
mana eva pūrṇamāḥ pūrṇamiva hīdam mano vāgeva darśo dadṛśa iva hīyaṃ vāktadetāvadhyātmam pratyakṣaṃ darśapūrṇamāsau sa yadupavasathe vratopāyanīyamaśnāti tenaitāvadhyātmam pratyakṣaṃ darśapūrṇamāsau prīṇāti yajñena prātardaivau
Der Geist (Manas) ist der Vollmond – denn er ist gleichsam voll; die Rede (Vāc) ist der Neumond – denn sie erscheint nur gesehen. So weit reicht das unmittelbar Wahrnehmbare an Neumond und Vollmond in Bezug auf das Selbst. Wenn er nun am Vorabend (Upavasatha) die Gelübde-Einleitungsspeise isst, erfreut er dadurch dieses unmittelbar wahrnehmbare Neumond-Vollmond-Paar in Bezug auf das Selbst; durch das Opfer aber erfreut er die beiden Frühgötter.
tadāhuḥ yanna pūrṇamāsāyeti havirgṛhyate na darśāyeti havirgṛhyate na pūrṇamāsāyānubrūhi na darśāyānubrūhi na pūrṇamāsaṃ yaja na darśaṃ yajetyatha kenāsya darśapūrṇamāsāviṣṭau bhavata iti sa yam manasa āghārayati mano vai pūrṇamāstena pūrṇamāsaṃ yajatyatha yaṃ vāca āghārayati vāgvai darśasteno darśaṃ yajatyeteno hāsya darśapūrṇamāsāviṣṭau bhavataḥ
Dazu sagt man: Da beim Nehmen der Opfergabe weder „für den Vollmond“ noch „für den Neumond“ gesagt wird, und ebenso wenig „sprich für den Vollmond an!“ oder „sprich für den Neumond an!“ oder „opfere dem Vollmond!“ oder „opfere dem Neumond!“ – wodurch wird ihm dann Neumond und Vollmond geopfert? Antwort: Was er mit dem Geist ausgießt – der Geist ist ja der Vollmond –, dadurch opfert er dem Vollmond. Was er mit der Rede ausgießt – die Rede ist ja der Neumond –, dadurch opfert er dem Neumond. So werden ihm Neumond und Vollmond wirklich geopfert.
taddhaike carū nirvapanti paurṇamāsyāṃ sarasvate'māvāsyāyāṃ sarasvatyā etatpratyakṣaṃ darśapūrṇamāsau yajāmaha iti vadantastadu tathā na kuryānmano vai sarasvānvākṣarasvatī sa yadevaitāvāghārāvāghārayati tadevāsya darśapūrṇamāsāviṣṭau bhavatastasmādetau carū na nirvapet
Dazu bringen manche Priester Reisbrei-Opfer dar: am Vollmondtag für Sarasvant, am Neumondtag für Sarasvatī, mit den Worten: „Wir opfern hiermit dem unmittelbar wahrnehmbaren Neumond-Vollmond-Paar.“ Das aber sollte man nicht so tun: Der Geist ist ja Sarasvant, die Rede ist Sarasvatī. Gießt er die beiden Āghāra-Güsse aus, so werden ihm dadurch Neumond und Vollmond geopfert; deshalb sollte man diese beiden Reisbrei-Opfer nicht darbringen.
tadāhuḥ āgūrtī vā eṣa bhavati yo darśapūrṇamāsābhyāṃ yajate paurṇamesena hīṣṭvā vedāmāvāsyena yakṣya ityāmāvāsyeneṣṭvā veda punaḥ paurṇamāsena yakṣya iti sa āgūrtyevāmuṃ lokameti yadāmuṃ lokameti kathamanāgūrtī bhavatīti sa yadevaitā ubhayatrāghārāvāghārayati tadevāsya darśapūrṇamāsau saṃtiṣṭhete sa saṃsthitayoreva darśapūrṇamāsayorathāmuṃ lokameti tathānāgūrtī bhavati
Dazu sagt man: Unabgeschlossen (Āgūrtin) ist, wer mit Neumond- und Vollmondopfer opfert; denn nachdem er mit dem Vollmondopfer geopfert hat, weiß er: „Ich werde mit dem Neumondopfer opfern“, und nachdem er mit dem Neumondopfer geopfert hat, weiß er: „Ich werde wieder mit dem Vollmondopfer opfern.“ So geht er unabgeschlossen in jene Welt ein; geht er aber unabgeschlossen dorthin, wie sollte er da schon ein Abgeschlossener sein? Gießt er jedoch die beiden Āghāra-Güsse an beiden Stellen aus, so werden ihm dadurch Neumond- und Vollmondopfer schon jetzt vollendet; erst wenn Neumond und Vollmond so vollendet sind, geht er in jene Welt ein, und dann erst ist er wirklich ein Abgeschlossener.
api ha vā etarhi devebhyo'śvamedhamālabhante tadāhuḥ prākṛto'śvamedha itītara innūnaṃ sa tadvā eṣa evāśvamedho yaccandramāḥ
Auch jetzt noch weihen manche den Göttern das Aśvamedha (Pferdeopfer). Dazu sagt man: „Das ist ein gewöhnliches Aśvamedha“ – das ist gewiss nur das andere, geringere. Jenes wahre Aśvamedha aber ist eben dies: der Mond.
tadāhuḥ pade-pade'śvaśya medhyasyāhutiṃ juhvatīti sa yatsāyamprātaragnihotraṃ juhoti dve sāyamāhutī juhoti dve prātastāścatasra āhutyaścatuṣpādvā aśvastadasya pade-pada evāhutirhutā bhavati
Dazu sagt man: „Bei jedem Schritt gießen sie eine Opferspende für das weihbare Pferd aus.“ Bringt er nämlich das Abend- und Morgen-Agnihotra dar, gießt er abends zwei Opferspenden aus und morgens zwei; das sind vier Opferspenden, und vierfüßig ist das Pferd – so wird ihm bei jedem seiner Schritte eine Opferspende dargebracht.
tadāhuḥ vivṛtte'śvasyeṣṭiṃ nirvapatītyeṣa vai somo rājā devānāmannaṃ yaccandramāḥ sa yatraiṣa etāṃ rātriṃ na purastānna paścāddadṛśe tadimaṃ lokamāgacati so'smiṃloke vivartate
Dazu sagt man: „Nach der Umkehr des Pferdes bringt er das Opfer dar.“ Dies ist ja König Soma, die Speise der Götter, der Mond: Wird er in dieser Nacht weder vorher noch nachher gesehen, so kommt er eben dadurch in diese Welt – er kehrt in ihr um.
Opfert er mit dem Neumondopfer, so bringt er dieses Opfer eben für diesen Mond dar, der gerade umgekehrt ist. Opfert er aber mit dem Vollmondopfer, so weiht er damit das Aśvamedha-Pferd; nachdem er es geweiht hat, übergibt er es den Göttern. Im Verlauf eines Jahres weihen andere dann wieder ein anderes Aśvamedha; denn dieser Monat, der ständig umläuft, macht insgesamt erst das Jahr aus. So wird diesem Opfernden übers Jahr, verteilt auf die Monate, das ganze Jahr als ein einziges Aśvamedha geweiht.
taṃ vā etam māsi-māsyevāśvamedhamālabhante sa yo haivaṃ vidvānagnihotraṃ ca juhoti darśapūrṇamāsābhyāṃ ca yajate māsi-māsi haivāsyāśvamedheneṣṭam bhavatyetadu hāsyāgnihotraṃ ca darśapūrṇamāsau cāśvamedhamabhisampadyete
Dieses Mond-Aśvamedha nun weiht man Monat für Monat. Wer, dies wissend, das Agnihotra darbringt und mit Neumond- und Vollmondopfer opfert, dem wird dadurch Monat für Monat mit dem Aśvamedha geopfert; ihm werden Agnihotra sowie Neumond- und Vollmondopfer zu einem Aśvamedha gleichwertig.
śiro ha vā etadyajñasya yatpraṇītāḥ sa yatpraṇītāḥ praṇayati śira evaitadyajñasya saṃskaroti sa vidyācira eva ma etatsaṃskriyata iti
Das ist der Kopf des Opfers: das Praṇītā-Wasser. Trägt er das Praṇītā-Wasser herbei, bereitet er dadurch den Kopf des Opfers zu. Er möge dabei wissen: „Eben dies wird mir hier als Kopf zubereitet.“
prāṇa evāsyedhmaḥ prāṇena hīdaṃ sarvamiddhaṃ yatprāṇabhṛnnimiṣadyadejati sa vidyādahamevaiṣa idhma iti
Der Atem (Prāṇa) ist sein Brennholz – denn durch den Atem ist all das entzündet, was atmend blinzelt und was sich bewegt. Er möge wissen: „Ich selbst bin eben dieses Brennholz.“
anūkamevāsya sāmidhenyaḥ tasmāttā brūyātsaṃtanvanniva me'nubrūhīti saṃtatamiva hīdamanūkam manaścaivāsya vākcāghārau sarasvāṃśca sarasvatī ca sa vidyānmanaścaiva me vākcāghārau sarasvāṃśca sarasvatī ceti
Das Rückgrat ist seine Sāmidhenī-Verse; deshalb möge er sie so rezitieren lassen: „Rezitiere sie mir fortlaufend aneinandergereiht!“ – denn fortlaufend aneinandergereiht ist ja das Rückgrat. Geist und Rede sind seine beiden Āghāra-Güsse, Sarasvant und Sarasvatī. Er möge wissen: „Geist und Rede sind meine beiden Āghāra-Güsse, Sarasvant und Sarasvatī.“
pañca prayājāḥ ima evāsya te śīrṣaṇyāḥ pañca prāṇā mukhamevāsya prathamaḥ prayājo dakṣiṇā nāsikā dvitīyaḥ savyā nāsikā tṛtīyo dakṣiṇaḥ karṇaścaturthaḥ savyaḥ karṇaḥ pañcamo'tha yaccaturthe prayāje samānayati tasmādidaṃ śrotramantarataḥ saṃtṛṇaṃ cakṣuṣī ājyabhāgau sa vidyāccakṣuṣī eva ma etāviti
Die fünf Prayāja (Vorwurf-Opfer) sind eben seine fünf im Kopf befindlichen Atem-Öffnungen: der erste Prayāja ist sein Mund, das rechte Nasenloch der zweite, das linke Nasenloch der dritte, das rechte Ohr der vierte, das linke Ohr der fünfte. Dass er beim vierten Prayāja die Opfergefäße zusammenführt, kommt daher, dass dieses Gehör innen zusammengezogen ist. Die beiden Augen sind die beiden Ājyabhāga (Butteranteile). Er möge wissen: „Meine beiden Augen sind eben diese beiden.“
atha ya āgneyaḥ puroḍāśaḥ ayamevāsya sa dakṣiṇo'rdho hṛdayamevāsyopāṃśuyājaḥ sa yattenopāṃśu caranti tasmādidaṃ guheva hṛdayam
Was den Agni geweihten Reiskuchen betrifft: Das ist seine rechte Hälfte. Das Herz ist sein Upāṃśu-Opfer, das leise Opfer; weil man es leise vollzieht, ist dieses Herz gleichsam verborgen.
Was den Agni-und-Soma geweihten Reiskuchen (Āgnīṣomīya-Puroḍāśa) betrifft: Das ist seine obere Hälfte. Das Aindra-Sāṃnāyya (das Indra geweihte Milchgemisch) ist der Bereich zwischen seinen Schultern; das Sviṣṭakṛt-Opfer ist ihm das, was daran anschließt, das Prāśitra sein zugehöriger Anteil. [Anm.: Die genaue körperliche Zuordnung von Sviṣṭakṛt- und Prāśitra-Anteil ist im Sanskrit-Text („sviṣṭakṛdviṣam prāśitram“) unsicher.]
sa yatprāśitramavadyati yathaiva tatprājāpaterāviddhaṃ nirakṛntannevamevaitasyaitadyadveṣṭitaṃ yadgrathitaṃ yadvaruṇyaṃ tanniṣkṛntanti sa vidyādyathaiva tatprajāpaterāviddhaṃ nirakṛntannevameva ma idaṃ yadveṣṭitaṃ yadgrathitaṃ yadvaruṇyaṃ tanniṣkṛntantīti
Dass er das Prāśitra abschneidet, geschieht ebenso, wie man damals das von Prajāpati Durchbohrte heraustrennte: So schneidet man auch bei diesem Opfernden das heraus, was verdreht, was verknotet, was mit der Varuṇa-Fessel behaftet ist. Er möge wissen: „Wie man damals das von Prajāpati Durchbohrte heraustrennte, so schneidet man jetzt bei mir das heraus, was verdreht, was verknotet, was mit der Varuṇa-Fessel behaftet ist.“
trayo'nuyājāḥ ima evāsya te'vāñcastrayaḥ prāṇā bāhū evāsya sūktavākaśca śamyorvākaśca catvāraḥ patnīsaṃyājāścatasro vai pratiṣṭhā ūrū dvāvaṣṭhīvantau dvau prādāvevāsya samiṣṭayajuḥ
Die drei Anuyāja (Nachwurf-Opfer) sind seine drei abwärtsgerichteten Atemzüge. Der Sūktavāka und der Śamyorvāka sind seine beiden Arme. Die vier Patnīsaṃyāja-Opfer sind die vier Stützen: die beiden Schenkel und die beiden Knie. Seine beiden Füße sind das Samiṣṭayajus. [Anm.: Die Lesart von „prādau“ ist im Sanskrit-Text unsicher; vermutlich ist „pādau“ (die Füße) oder „prapadau“ (die Vorderfüße/Zehenballen) gemeint.]
Das sind also einundzwanzig Opfergüsse: die zwei Āghāra-Güsse, die fünf Prayāja, die zwei Ājyabhāga, der Āgneya-Puroḍāśa (Reiskuchen für Agni) – das macht zehn; dann der Āgnīṣomīya-Puroḍāśa (Reiskuchen für Agni und Soma), das Upāṃśu-Opfer, das Agni-Sviṣṭakṛt-Opfer, die Iḍā, die drei Anuyāja, der Sūktavāka und der Śamyorvāka; dazu, was er außerdem bei den Patnīsaṃyāja-Opfern insgesamt vollzieht, und das Samiṣṭayajus.
tā ekaviṃśatirāhutayaḥ dvādaśa vai māsāḥ saṃvatsarasya pañcartavastrayo lokāstadviṃśatireṣa evaikaviṃśo ya eṣa tapati saiṣā gatireṣā pratiṣṭhā tadetāṃ gatimetām pratiṣṭhāṃ gacati
Das sind also wiederum einundzwanzig Opfergüsse: zwölf sind die Monate des Jahres, fünf die Jahreszeiten, drei die Welten – das macht zwanzig; und der Einundzwanzigste ist eben der, der dort als Sonne brennt. Das ist der wahre Gang, das ist die wahre Stütze; dadurch gelangt er zu diesem Gang, zu dieser Stütze.
Dazu pflegte Āruṇi zu sagen: „Alle vierzehn Tage gelange ich mit jener Sonne in dieselbe Welt; dies erkenne ich als die wahre Übereinstimmung von Neumond- und Vollmondopfer.“
tadāhuḥ ātmayājī śreyā3ndevayājī3 ityātmayājīti ha brūyātsa ha vā ātmayājī yo vededam me'nenāṅgaṃ saṃskriyata idam me'nenāṅgamupadhīyata iti sa yathāhistvaco nirmucyetaivamasmānmartyācarīrātpāpmano nirmucyate sa ṛṅmayo yajurmayaḥ sāmamaya āhutimayaḥ svargaṃ lokamabhisambhavati
Dazu sagt man: „Der Selbst-Opferer ist besser als der Götter-Opferer“ – so soll man antworten: der Selbst-Opferer. Ein Selbst-Opferer ist nämlich, wer weiß: „Durch dieses wird mir hier dieses Glied zubereitet, durch jenes wird mir jenes Glied hinzugefügt.“ Wie eine Schlange sich aus ihrer Haut löst, so löst er sich von seinem Übel aus diesem sterblichen Leib. Aus Ṛc, aus Yajus, aus Sāman, aus Opferspende bestehend, gelangt er zur himmlischen Welt.
atha ha sa devayājī yo veda devānevāhamidaṃ yaje devāntsaparyāmīti sa yathā śreyase pāpīyānbaliṃ haredvaiśyo vā rājñe baliṃ haredevaṃ sa sa ha na tāvantaṃ lokaṃ jayati yāvāntamitaraḥ
Der Götter-Opferer aber ist, wer nur weiß: „Ich opfere hiermit den Göttern, ich verehre die Götter.“ Er tut das wie ein Geringerer, der einem Besseren Tribut entrichtet, oder wie ein Vaiśya, der dem König Tribut entrichtet. So gewinnt er nicht eine so große Welt, wie jener andere sie gewinnt.
saṃvatsaro yajñaḥ sa yo ha vai saṃvatsaro yajña iti vedānte haivāsya saṃvatsarasyeṣṭam bhavatyatho yatkiṃ ca saṃvatsare kriyate sarvaṃ haivāsya tadāptamavaruddhamabhijitam bhavati
Das Jahr ist das Opfer. Wer dies weiß – „Das Jahr ist das Opfer“ –, dem wird am Ende eben das ganze Jahr durch das Opfer erreicht; und was auch immer im Jahr sonst getan wird, das alles wird ihm dadurch erlangt, erworben, erobert.
ṛtava ṛtvijaḥ sa yo ha vā ṛtava ṛtvija iti vedānte haivāsyartūnāmiṣṭam bhavatyatho yatkiṃ cartuṣu kriyate sarvaṃ haivāsya tadāptamavaruddhamabhijitam bhavati
Die Jahreszeiten sind die Opferpriester. Wer weiß: „Die Jahreszeiten sind die Opferpriester“ – dem werden am Ende eben die Jahreszeiten durch das Opfer erreicht; und was auch immer in den Jahreszeiten getan wird, das alles wird ihm dadurch erlangt, erworben, erobert.
māsā havīṃṣi sa yo ha vai māsā havīṃṣīti vedānte haivāsya māsānāmiṣṭam bhavatyatho yatkiṃ ca māseṣu kriyate sarvaṃ haivāsya tadāptamavaruddhamabhijitam bhavati
Die Monate sind die Opfergaben. Wer weiß: „Die Monate sind die Opfergaben“ – dem werden am Ende eben die Monate durch das Opfer erreicht; und was auch immer in den Monaten getan wird, das alles wird ihm dadurch erlangt, erworben, erobert.
ardhamāsā haviṣpātrāṇi sa yo ha vā ardhamāsā haviṣpātrāṇīti vedānte haivāsyārdhamāsānāmiṣṭam bhavatyatho yatkiṃ cārdhamāseṣu kriyate sarvaṃ haivāsya tadāptamavaruddhamabhijitam bhavati
Die Halbmonate sind die Opfergefäße. Wer weiß: „Die Halbmonate sind die Opfergefäße“ – dem werden am Ende eben die Halbmonate durch das Opfer erreicht; und was auch immer in den Halbmonaten getan wird, das alles wird ihm dadurch erlangt, erworben, erobert.
ahorātre pariveṣṭrī sa yo ha vā ahorātre pariveṣṭrī iti vedānte haivāsyāhorātrayoriṣṭam bhavatyatho yatkiṃ cāhorātrayoḥ kriyate sarvaṃ haivāsya tadāptamavaruddhamabhijitam bhavati
Tag und Nacht sind die Austeilerin. Wer weiß: „Tag und Nacht sind die Austeilerin“ – dem werden am Ende eben Tag und Nacht durch das Opfer erreicht; und was auch immer in Tag und Nacht getan wird, das alles wird ihm dadurch erlangt, erworben, erobert.
Diese Erde hier ist die erste Sāmidhenī, Agni die zweite, Vāyu die dritte, das Antarikṣa (die Luftwelt) die vierte, der Himmel die fünfte, die Sonne die sechste, der Mond die siebte, der Geist die achte, die Rede die neunte, die Glut (Tapas) die zehnte, das Brahman die elfte. Diese nämlich entzünden all dies hier; durch sie ist all dies entzündet – deshalb heißen sie Sāmidhenī, „die Entzündenden“.
sa vai triḥ prathamāmanvāha sa yatprathamamanvāha prācīṃ tena diśaṃ jayati yaddvitīyaṃ dakṣiṇāṃ tena diśaṃ jayati yattṛtīyamūrdhvāmeva tena diśaṃ jayati
Die erste Sāmidhenī rezitiert er dreimal. Rezitiert er sie das erste Mal, gewinnt er dadurch die östliche Himmelsrichtung; rezitiert er sie das zweite Mal, gewinnt er die südliche; rezitiert er sie das dritte Mal, gewinnt er die obere, aufwärtsgerichtete Richtung.
trirvevottamāmanvāha sa yatprathamamanvāha pratīcīṃ tena diśaṃ jayati yaddvitīyamudīcīṃ tena diśaṃ jayati yattṛtīyamimāmeva tena pratiṣṭhāṃ jayatyevamu hābhirimāṃlokānjayatyetā diśaḥ
Ebenso rezitiert er die letzte Sāmidhenī dreimal. Rezitiert er sie das erste Mal, gewinnt er die westliche Richtung; rezitiert er sie das zweite Mal, die nördliche; rezitiert er sie das dritte Mal, eben diese irdische Stütze. So gewinnt er durch diese Rezitationen diese Welten und diese Himmelsrichtungen.
Die Wahrheit (Ṛta) ist der erste, vordere Āghāra-Guss, die Wahrhaftigkeit (Satya) der zweite, hintere. Dadurch erlangt er Wahrheit und Wahrhaftigkeit; und was auch immer durch Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu gewinnen ist, das alles gewinnt er dadurch.
sa prathamam prayājamanumantrayeta tviṣimānbhūyāsamityapacitimānbhūyāsamiti dvitīyaṃ yaśasvī bhūyāsamiti tṛtīyam brahmavarcasī bhūyāsamiti caturthamannādo bhūyāsamiti pañcamaṃ tviṣimānha vā apacitimānyaśasvī brahmavarcasyannādo bhavati ya evametadveda
Beim ersten Prayāja soll er die Begleitformel sprechen: „Möge ich glanzvoll werden!“, beim zweiten: „Möge ich Ehrerbietung finden!“, beim dritten: „Möge ich ruhmreich werden!“, beim vierten: „Möge ich brahmanenglanzvoll werden!“, beim fünften: „Möge ich speisereich werden!“ Glanzvoll, ehrwürdig, ruhmreich, brahmanenglanzvoll und speisereich wird, wer dies so weiß.
etaddha sma vai tadvidvānāha śvetaketurāruṇeyaḥ kaṃ svidevāparīṣu mahānāgamivābhisaṃsāraṃ didṛkṣitāro ya evametatprayājānāṃ yaśo vediteti
Dazu pflegte Śvetaketu Āruṇeya, der dies wusste, zu sagen: „Wen wohl möchte man bei den nachfolgenden Opfern erst noch erblicken, wie man ein großes Ungetüm im Herannahen zu sehen wünscht – nämlich den, der so den Ruhm der Prayāja kennt?“ [Anm.: Der Sanskrit-Satz ist syntaktisch ungewöhnlich verschachtelt; die Übersetzung ist eine sinngemäße Annäherung.]
bhūtameva pūrva ājyabhāgaḥ bhaviṣyaduttaro'va ha vai bhūtaṃ ca bhaviṣyacca runddhe'tho yatkiṃ ca bhūtena ca bhaviṣyatā ca jayyaṃ sarvaṃ haiva tajjayati
Das Vergangene ist der erste Ājyabhāga, das Zukünftige der zweite. Er erlangt dadurch das Vergangene und das Zukünftige; und was auch immer durch beide zu gewinnen ist, das alles gewinnt er dadurch.
brahmāgneyaḥ puroḍāśaḥ sa yo ha vai brahmāgneyaḥ puroḍāśa iti vedāva ha brahma runddhe'tho yatkiṃ ca brahmaṇā jayyaṃ sarvaṃ haiva tajjayati
Das Brahman (die geistliche Macht) ist der Āgneya-Puroḍāśa. Wer weiß: „Das Brahman ist der Āgneya-Puroḍāśa“, erlangt dadurch das Brahman; und was auch immer durch das Brahman zu gewinnen ist, das alles gewinnt er dadurch.
kṣatramupāṃśuyājaḥ sa yo ha vai kṣatramupāṃśuyāja iti vedāva ha kṣatraṃ runddhe'tho yatkiṃ ca kṣatreṇa jayyaṃ sarvaṃ haiva tajjayati tadyadupāṃśuyājaṃ kurvantyeke naike tasmāduccaiścopāṃśu ca kṣatrāyācakṣate
Die Kriegermacht (Kṣatra) ist das Upāṃśu-Opfer. Wer weiß: „Die Kriegermacht ist das Upāṃśu-Opfer“, erlangt dadurch die Kriegermacht; und was auch immer durch die Kriegermacht zu gewinnen ist, das alles gewinnt er dadurch. Dass nun manche das Upāṃśu-Opfer leise vollziehen, manche aber nicht, kommt daher, dass man der Kriegermacht wegen sowohl laut als auch leise spricht.
viduttaraḥ puroḍāśaḥ sa yo ha vai viduttaraḥ puroḍāśa iti vedāva ha viśaṃ runddhe'tho yatkiṃ ca viśā jayyaṃ sarvaṃ haiva tajjayati tadyadāgneyaśca puroḍāśa upāṃśuyājaśca pūrvau bhavatastasmādubhe brahma ca kṣatraṃ ca viśi pratiṣṭhite
Die Volksmenge (Viś) ist der zweite, spätere Reiskuchen. Wer weiß: „Die Volksmenge ist der zweite Reiskuchen“, erlangt dadurch die Volksmenge; und was auch immer durch die Volksmenge zu gewinnen ist, das alles gewinnt er dadurch. Dass der Āgneya-Puroḍāśa und das Upāṃśu-Opfer die vorderen sind, kommt daher, dass Brahman und Kṣatra beide in der Volksmenge gegründet sind.
rāṣṭraṃ sāṃnāyyaṃ sa yo ha vai rāṣṭraṃ sāṃnāyyamiti vedāva ha rāṣṭraṃ runddhe'tho yatkiṃ ca rāṣṭreṇa ja yyaṃ sarvaṃ haiva tajjayati tadyatsaṃnayantyeke naike tasmādrāṣṭraṃ saṃ caiti vi ca
Das Reich (Rāṣṭra) ist das Sāṃnāyya. Wer weiß: „Das Reich ist das Sāṃnāyya“, erlangt dadurch das Reich; und was auch immer durch das Reich zu gewinnen ist, das alles gewinnt er dadurch. Dass nun manche die Milch zusammengießen, manche aber nicht, kommt daher, dass das Reich sowohl zusammenkommt als auch auseinanderfällt.
tapaḥ sviṣṭakṛt sa yo ha vai tapaḥ sviṣṭakṛditi vedāva ha tapo runddhe'tho yatkiṃ ca tapasā jayyaṃ sarvaṃ haiva tajjayati
Die Askese (Tapas) ist das Sviṣṭakṛt-Opfer. Wer weiß: „Die Askese ist das Sviṣṭakṛt“, erlangt dadurch die Askese; und was auch immer durch die Askese zu gewinnen ist, das alles gewinnt er dadurch.
lokaḥ prāśitraṃ sa yo ha vai lokaḥ prāśitramiti vedāva ha lokaṃ runddhe'tho yatkiṃ ca lokena jayyaṃ sarvaṃ haiva tajjayati no ha lavena lokādvyathate lavena ha vā amuṣmiṃloke lokādvyathante'tha ya evaṃ veda na ha bahu cana pāpaṃ kṛtvā lokādvyathate
Die Welt ist das Prāśitra. Wer weiß: „Die Welt ist das Prāśitra“, erlangt dadurch die Welt; und was auch immer durch die Welt zu gewinnen ist, das alles gewinnt er dadurch. Nicht wird man durch einen bloßen Bruchteil aus seiner Welt vertrieben; denn nur durch einen bloßen Bruchteil wird man in jener Welt aus seiner Welt vertrieben. Wer aber dies so weiß, der wird, selbst wenn er noch so viel Böses getan hat, nicht aus seiner Welt vertrieben.
śraddheḍā sa yo ha vai śraddheḍeti vedāva ha śraddhāṃ runddhe'tho yatkiṃ ca śraddhayā jayyaṃ sarvaṃ haiva tajjayati
Der Glaube (Śraddhā) ist die Iḍā. Wer weiß: „Der Glaube ist die Iḍā“, erlangt dadurch den Glauben; und was auch immer durch den Glauben zu gewinnen ist, das alles gewinnt er dadurch.
sa prathamamanuyājamanumantrayeta aśanyamuṃ jahīti yaṃ dviṣyāddhrādunyamuṃ jahīti dvitīyamulkuṣyamuṃ jahīti tṛtīyam
Beim ersten Anuyāja soll er die Begleitformel sprechen: „Blitz, erschlage jenen!“ – gemeint ist der, den er hasst; beim zweiten: „Donner, erschlage jenen!“; beim dritten: „Feuergarbe, erschlage jenen!“
sa ya eṣa kṣipram mriyate aśanirha tamanuyājo hantyatha yo visravanmiśra iva hrādunirha tamanuyājo hantyatha yo'bhyuṣṭamiśra ivolkuṣī ha tamanuyājo hanti
Wer schnell stirbt, den erschlägt der Anuyāja des Blitzes; wer aber gleichsam vom Ausströmenden begleitet stirbt, den erschlägt der Anuyāja des Donners; wer aber gleichsam vom Versengtsein begleitet stirbt, den erschlägt der Anuyāja der Feuergarbe.
Dies ist die Rachewaffe des Opfers. Mit dieser Rachewaffe haben die Götter die Asuras zunichtegemacht; ebenso macht ein solcher wissender Opfernder seinen hassenden Feind und dessen Übel zunichte.
Würde nun das Opfer mit den Anuyāja enden, so endete es mit dem Blitz, mit dem Donner, mit der Feuergarbe. Deshalb endet das Opfer der Götter stattdessen mit der Iḍā oder auch mit dem Śamyorvāka.
Durch die Prayāja gelangten die Götter zur Himmelswelt; die Asuras wollten ihnen nachjagen, doch die Götter wehrten sie durch die Anuyāja ab. Werden nun die Anuyāja geopfert, wehrt der Opfernde dadurch sein Übel und seinen hassenden Feind ab.
prāṇā vai prayājāḥ apānā anuyājāstasmātprayājāḥ prāñco hūyante taddhi prāṇarūpam pratyañco'nuyājāstadapānarūpametā ha vai darśapūrṇamāsayorupasado yadanuyājāstasmātta upasadrūpeṇa pratyañco hūyante
Die Prayāja sind die Einatemzüge, die Anuyāja die Ausatemzüge. Deshalb werden die Prayāja vorwärtsgerichtet dargebracht – das ist die Gestalt des Einatems –, die Anuyāja rückwärtsgerichtet – das ist die Gestalt des Ausatems. Diese Anuyāja sind die Bedrängungsriten (Upasad) von Neumond- und Vollmondopfer; deshalb werden sie, der Gestalt der Upasad entsprechend, rückwärtsgerichtet dargebracht.
saṃsthā sūktavākaḥ sa yo ha vai saṃsthā sūktavāka iti vedāva ha saṃsthāṃ runddhe'tho yatkiṃ ca saṃsthayā jayyaṃ sarvaṃ haiva tajjayati gacati vayasaḥ saṃsthām
Der Abschluss ist der Sūktavāka. Wer weiß: „Der Abschluss ist der Sūktavāka“, erlangt dadurch den Abschluss; und was auch immer durch den Abschluss zu gewinnen ist, das alles gewinnt er dadurch. Er gelangt zum Abschluss seiner Lebenszeit.
pratiṣṭhā śamyorvākaḥ sa yo ha vai pratiṣṭhā śamyorvāk iti vedāva ha pratiṣṭhāṃ runddhe'tho yatkiṃ ca pratiṣṭhayā jayyaṃ sarvaṃ haiva tajjayati gacati pratiṣṭhām
Die Stütze ist der Śamyorvāka. Wer weiß: „Die Stütze ist der Śamyorvāka“, erlangt dadurch die Stütze; und was auch immer durch die Stütze zu gewinnen ist, das alles gewinnt er dadurch. Er gelangt zur festen Stütze.
te devāḥ etānpatnīsaṃyājānpaścātparyauhanta mithunamevaitadupariṣṭādadadhata prajātyai tadyatpatnīsaṃyājā ijyante mithunamevaitadupariṣṭāddhatte prajātyai devānāṃ ha vai prajātimanu prajāyate mithunena-mithunena ha prajāyate ya evametadveda
Diese Götter fügten die Patnīsaṃyāja-Opfer nachträglich an ihren Platz; damit setzten sie das Paar obenauf, zur Fortpflanzung. Werden nun die Patnīsaṃyāja geopfert, setzt er dadurch das Paar obenauf, zur Fortpflanzung. Der Fortpflanzung der Götter entsprechend pflanzt sich fort – Paar für Paar pflanzt sich fort –, wer dies so weiß.
annaṃ samiṣṭayajuḥ sa yo ha vā annaṃ samiṣṭayajuriti vedāva hānnaṃ runddhe'tho yatkiṃ cānnena jayyaṃ sarvaṃ haiva tajjayati
Die Speise ist das Samiṣṭayajus. Wer weiß: „Die Speise ist das Samiṣṭayajus“, erlangt dadurch die Speise; und was auch immer durch die Speise zu gewinnen ist, das alles gewinnt er dadurch.
Das Jahr ist der Opferherr; für ihn lassen die Jahreszeiten opfern: Der Frühling ist der Āgnīdhra – deshalb ziehen im Frühling Waldbrände umher, denn das ist die Gestalt des Agni. Der Sommer ist der Adhvaryu – denn wie glühend der Sommer ist, so tritt der Adhvaryu gleichsam glühend hervor. Die Regenzeit ist der Udgātṛ – deshalb entsteht, wenn es kräftig regnet, ein Getön wie beim Sāman-Gesang. Der Herbst ist der Brahmán-Priester – deshalb sagt man, wenn das Getreide reift: „Das Volk ist voller Brahman-Kraft.“ Der Winter ist der Hotṛ – deshalb kommen im Winter die mit dem Vaṣaṭ-Ruf geweihten Opfertiere zur Ruhe. Diese Gottheiten, die Jahreszeiten, lassen ihn wahrlich opfern. Sollten ihn aber andere, untaugliche [Priester] opfern lassen, so möge er eben diese Gottheiten im Geiste bedenken – dann lassen ihn eben diese Gottheiten in Wahrheit opfern. [Anm.: Das Wort „aiṣāvīrāḥ“ ist lexikalisch unsicher; die Übersetzung „untaugliche (Priester)“ nähert sich dem vermuteten Sinn an (evtl. verwandt mit „avīra“, „unheldenhaft, schwach“).]
atha haiṣaiva tulā yaddakṣiṇo vedyantaḥ sa yatsādhu karoti tadantarvedyatha yadasādhu tadbahirvedi tasmāddakṣiṇaṃ vedyantamadhispṛśyevāsīta tulāyāṃ ha vā amuṣmiṃloka ādadhati yataradyaṃsyati tadanveṣyati yadi sādhu vāsādhu vetyatha ya evaṃ vedāsminhaivaloke tulāmārohatyatyamuṣmiṃloke tulādhānam mucyate sādhukṛtyā haivāsya yacati na pāpakṛtyā
Dann ist eben dies die Waage: das südliche Ende des Opferaltars. Was er darauf recht macht, das zählt innerhalb des Altars; was er aber nicht recht macht, das zählt außerhalb des Altars. Deshalb soll man am südlichen Ende des Altars gleichsam genau die Grenze einhalten. Auf einer Waage nämlich legt man ihn in jener Welt zur Prüfung; welche Seite sich neigt, dem wird man nachgehen, ob es gut oder nicht gut war. Wer aber dies so weiß, der besteigt schon in dieser Welt die Waage und entkommt in jener Welt dem nochmaligen Auf-die-Waage-Gestelltwerden. Ihm neigt sie sich nur durch seine guten Taten, nicht durch schlechte Taten.